der Hand , wie ein Mannsbild – gewiß wieder auf dem Klepper gesessen ! Möchte nur wissen , was aus dir werden soll . Eine Sünd ' und eine Schand ' ist ' s von den Menschen auf dem Schlosse , dich wie eine Prinzessin aufzuziehen , und dein Vater kann ' s auch nicht verantworten , daß er dich dort läßt . Hab acht , was die alte Kathrin gesagt hat , stolz sind sie doch auf dem Schlosse , und wenn sie dich eines schönen Tages nicht mehr als Gesellschafterin für das gnädige Fräulein gebrauchen können , weil die mit einem Edelmann davonzieht , dann kommst du wieder in unser Haus hier , und dann wird ' s dem verwöhnten Fräulein nirgends passen , hier nicht und da nicht . Es wird ein Unglück , ich hab ' s immer gesagt . « Sie war ganz rot vor Ärger , und ich schämte mich beinahe wirklich , die dicken Tränen standen mir m den Augen – ich hätte der Alten um den Hals fallen mögen , sie bitten mögen : » Hilf mir den Aufenthalt hier erträglich machen , ich kann doch nichts dafür , daß ich so erzogen bin , ich bin doch noch so jung , gönne mir doch den bunten Frühling . Was soll ich hier mit meinem frohen Herzen – . « Da trat ein Diener vom Schlosse ein : » Fräulein Gretchen möge gleich kommen , man ginge zum Souper . « Ich wollte zu Kathrin und ihr die Hand geben . Da warf sie die schwere eichene Tür der Küche so fest hinter sich ins Schloß , daß ich ganz ärgerlich umdrehte und das Haus verließ . Ich summte ein Liedchen , als ich , mein Reitkleid hochnehmend , auf dem feuchten Wege dahinschritt , und hieb mit der kleinen Peitsche durch die Luft , so recht aus Opposition . Dann schaute ich mich noch einmal um und glaubte am Fenster die Gestalt des jungen Pfarrers zu erkennen . Als ich später im Schlosse an der kostbar servierten Tafel saß , erfuhr ich die ganze Verlobungsgeschichte . Der junge Graf hatte sich sterblich in das schöne Fräulein v. Bendeleben verliebt und war nun gekommen , das Jawort der Eltern zu holen . Er schwärmte von seiner schönen Braut und hatte bereits die Einwilligung der Eltern , die Hochzeit in sechs Wochen zu feiern . Ruth kehrte nicht zurück , um aus dem Vaterhause dem Gatten zu folgen ; des Grafen Mutter war kränklich , eine so weite Reise konnte sie nicht vertragen , und so sollte die Hochzeit im Palaste des Bräutigams gefeiert werden . Dann wollte das junge Paar nach Ungarn , wo die Familiengüter der Satewskis liegen . Auch unsere Angelegenheit , das heißt die Emeritierung meines Vaters kam zur Sprache . Der Baron lobte den Entschluß : » Er kann sich nun noch mehr seinen archäologischen Studien widmen « , sagte er , » und hat mehr Zeit zum Schriftstellern . Seine Arbeiten sind unendlich interessant . Der Herr Pastor in unserer Gemeinde – « , wendete er sich an den Grafen . » Ich empfehle Ihnen das Studium seiner Schriften . « Während die Herren dieses Thema weiter behandelten , erzählte ich der Frau v. Bendeleben , daß ich den jungen Geistlichen gesehen habe , und daß er ein hübscher Mann sei . » Gretel ! Gretel ! « rief der Baron , indem er durch sein Champagnerglas sah . » Da halten Sie Ihr Herz fest . Was meinen Sie , wenn Sie hier Frau Pastorin würden ? « Ein herzhaftes Lachen des Grafen unterbrach ihn : » Die schöne , kühne Amazone eine Pastorenfrau ? Heiliger Florian , das wäre schad ' drum ! « rief er in seinem süddeutschen Dialekt . » In die Kirch ' kann sie nit zu Roß kommen , das ist halt nit Mod ' ; nein , es wäre schad ' drum . Heiraten S ' einen feschen Offizier , Fräulein Gretel , das paßt halt besser ! « Man lachte allgemein , und der Baron bedauerte , daß die Kirche so nahe liege , sonst könnte ich am Ende doch noch als Frau Pfarrerin Sonntags früh mit dem Gesangbuch unter dem Arm hinreiten . Sonderbar , ich , die ich mich so gern necken ließ , wurde peinlich davon berührt . Ich fühlte , daß ich errötete , und schwieg . » Nun , Gretel ? « fragte Frau v. Bendeleben , » du bist doch sonst nicht so empfindlich . Hast du den kleinen Scherz übel genommen ? « Ich versuchte zu lächeln , aber die verwunderten Augen des jungen Pfarrers und Kathrinens Scheltrede standen in merkwürdigem Zusammenhange mit dieser harmlosen , gut gemeinten Neckerei . Ich kam mir plötzlich vor , als sei ich hier nicht mehr an meinem richtigen Platze , und dies verstimmte mich noch tiefer . Hanna brachte durch eine Frage nach Ruth das Gespräch auf eine andere Spur , und der glückliche Bräutigam erzählte in all seiner süddeutschen Gemütlichkeit , wie lange ihn die schöne Bendeleben habe schmachten lassen . » Schaun S ' , ich hab ' beinah ein paar Rosse vor ihren Fenstern kaputtgeritten und war selbst daran , mir den Hals zu brechen . Aber sie tat noch gar nicht , als ob sie mich bemerkte . Da hab ' ich ihr eines Tages die Pistole auf die Brust gesetzt und hab ' sie gefragt , es war auf einem Balle bei dem italienischen Gesandten , und ein ganzer Schwarm von Courmachern umstand sie wie die Wolken den Mond : » Gnädigste , ich liebe Sie , wollen S ' mein Weib werden ? Sagen S ' ja oder nein – sagen S ' ja , dann bin ich der glücklichste Mensch der Welt – sagen S ' nein , dann schieß ' ich mir in der nächsten halben Stund ' eine Kugel vor den Kopf . « Da hat sie mich erst recht hochmütig angeschaut , dann hat sie gelacht und gesagt : » Kommen Sie morgen zu meiner Tante und holen Sie sich das Jawort , aber ohne Schußwaffe , Herr Graf . « Und dann hat sie mich noch einmal angesehen , daß ich beinah übergeschnappt bin , und ist mit der Frau Tante heimgefahren , und am andern Mittag , da bin ich halt der glücklichste Bräutigam geworden , wie Sie mich hier sehen . « Er lachte laut und froh bei dieser Erzählung und zeigte dabei ein Paar Reihen prachtvoller weißer Zähne unter dem schwarzen Schnurrbart . Der Baron lachte mit , und auch Frau v. Bendeleben lächelte dazu : » Jedenfalls ist die Art Ihrer Werbung neu und originell « , bemerkte sie , » und ich glaube , daß Sie meiner exzentrischen kleinen Tochter damit imponiert haben , Herr Graf . Sie liebt es , alles möglichst anders wie andere Leute zu betreiben . Wären Sie ihr schmachtend zu Füßen gefallen , oder hätten Sie ihr in ruhiger , überlegter Weise gesagt , daß Sie sie lieben , oder ihr einen wohlstilisierten vernünftigen Brief geschrieben – wer weiß , ob Sie schon am andern Tage der glückliche Bräutigam gewesen wären . « Der Baron stimmte ein , und der Graf schien sehr erfreut , sofort das Richtige getroffen zu haben . Sobald ich konnte , zog ich mich zurück unter dem Vorwande , Kopfschmerzen zu haben . Ich glaube , es war auch ganz recht , es gab ja noch so viel zu besprechen in der Familie , wobei ich nur störend gewesen wäre . Der junge Bräutigam wollte am folgenden Tage schon wieder abreisen , und so war die Zeit nur knapp bemessen . Oben in unserem traulichen Stübchen dachte ich über den heutigen Tag nach , ach , und es waren recht trübe , dumme Gedanken . Zuerst kam es mir vor , als wäre es recht lieblos von meinem Vater , daß er mir erst heute , nach gemachter Sache , seinen Entschluß , das Amt niederzulegen , mitgeteilt hatte . Dann sah ich wieder das höhnische Lächeln um den Mund des jungen Pastors und hörte endlich Kathrins derbe Strafpredigt . Mein Gott , wenn sie recht hätte , wenn Hanna sich auch bald verlobte , und ich müßte in die öde Heimat zurück ! Der Gedanke drängte sich mir heute zum zweiten Male mit aller Gewalt auf . Ich drückte meinen Kopf in die Kissen und weinte , als ob mir das Herz brechen müßte . Ich weinte mich schließlich in den Schlaf und träumte die wunderlichsten Geschichten , so daß Hanna , die ich nicht kommen gehört hatte , mich ganz ängstlich fragte , ob ich krank sei , ich spreche so sonderbares Zeug zusammen . In den nächsten Tagen hatte ich kaum Zeit , mich flüchtig an dies alles zu erinnern . Es gab nach der Abreise des Grafen Satewski sehr viel zu tun . Die Aussteuer für Ruth wurde von Frau v. Bendeleben mit dem ganzen Stolze einer glücklichen Mutter in Angriff genommen , auch wir durften nicht müßig sein . Die großen Truhen in der Wäschestube waren geöffnet und ganze Ballen der köstlichsten Leinwand wurden zerschnitten . In einer großen Stube arbeiteten sechs Näherinnen , und wir mußten helfen und wurden fleißig ermahnt : » Ihr könnt dabei etwas lernen . « Eine Zeitlang fuhren wir jeden Tag in die Stadt , gingen von Laden zu Laden und kehrten stets mit ungeheuren Paketen wieder heim . In unserem Stübchen im Turme lagen große Haufen feiner Zeuge , und Hanna und ich saßen mittendrin , unsere Arbeit an der Nähsäule festgesteckt , und bemühten uns , die feinsten Stiche zu machen . Draußen entfaltete sich der Frühling immer herrlicher , unsere Augen sahen über den Park hin , der im hellsten Grün schimmerte . Seitwärts lag das Dorf , und die Häuser leuchteten aus den blühenden Obstbäumen wie aus einem Meere von Schnee . Ich trällerte und sang bei meiner Arbeit mit den Vögeln um die Wette . Wenn aber das Wetter gar zu schön war , schlüpften wir in unsere Reitkleider , und dahin flogen wir durch die frühlingsduftigen Fluren . So kam die Zeit heran , wo Hochzeit sein sollte . Die mächtigen Kisten und Kasten waren bereits abgeschickt . Hanna hatte zu meinem Entzücken ihr Hochzeitskleid anprobiert und reizend ausgesehen , und an einem schönen Maimorgen stand ich auf der Terrasse und winkte mit dem weißen Tuche , und aus dem Reisewagen , der , mit vier Pferden bespannt , auf der Chaussee so rasch dahinrollte , wehten auch weiße Tücher . Ich sah ihm nach , bis die Bäume ihn meinen Blicken entzogen . Dann trocknete ich meine Tränen , die mir der Abschied von Hanna entlockt hatte , und ging ganz traurig in unser Zimmer . Es war mir ordentlich sonderbar , so allein zu sein , niemand zu haben , mit dem ich plaudern konnte . Und als alle Trostgründe , die ich mir selbst vorsagte , daß vierzehn Tage eine so kurze Zeit seien , daß Hanna ja versprochen hatte , immerfort an mich zu denken , nichts halfen und die Tränen sich mir immer von neuem wieder in die Augen drängten , nahm ich meinen Strohhut und ging nach meines Vaters Hause . Ich war selten in der letzten Zeit dort gewesen . Der Gedanke , den jungen Pfarrer anzutreffen , war mir peinlich . Ich hatte sogar an dem Sonntage , wo er feierlich als Pfarrer eingeführt worden , nicht die Kirche besucht , womit ich Kathrinens ernstlichen Zorn weckte . Ich hatte Mühe gehabt , sie wieder zu besänftigen . Das eigentliche Pfarrhaus lag dem Hause meines Vaters gegenüber . Ich war ganz erstaunt , als ich es heute sah , kaum wiederzuerkennen war es : sauber mit Ölfarbe angestrichen , blitzten die neuen , klaren Fenster so hell und freundlich , dahinter schimmerten schneeweiße Gardinen und ein hübscher Blumenflor . Unter dem alten Lindenbaum im kleinen Vorgarten stand ein weiß angestrichener Tisch nebst Bank , das Schloß an der alten Haustür blitzte und funkelte in der Sonne . Alles sah anheimelnd aus , daß ich unwillkürlich stehenblieb und hinüberschaute . Da bog sich der Kopf einer alten Frau hinter den Blumen hervor , und ein paar gutmütige blaue Augen begegneten den meinen einen Augenblick , dann senkte sich der Kopf wieder , und ich sah nur noch die Spitzen der weißen Haube . Als ich mich unserem Hause zuwandte , kam es mir doppelt häßlich vor . Die Fenster so trübe und ohne Vorhänge , der Kalk der Mauer abgebröckelt , die morsche Haustür mit tiefen Spalten . Ich trat in den Hausflur , die Tür zur Wohnstube stand offen , und Kathrin lag auf der Erde und scheuerte die Dielen . » Komm mir hier nicht herein , du machst es sonst wieder schmutzig « , sagte sie nicht eben allzu freundlich . » Ich will es ein bißchen ordentlich haben , es könnte doch sein , daß die Mutter des jungen Herrn Pastors einmal herüberkäme , und da will ich nicht , daß man sagen soll : Die alte Kathrin ist eine unsaubere Wirtin . « » Seine Mutter ist die alte Frau drüben am Fenster ? « erkundigte ich mich . » Ja , Gretel , und eine Prachtfrau ist sie , das kannst du glauben . Auch nach dir hat sie gefragt , und ich soll dir bestellen , daß du sie einmal besuchen möchtest . Ich konnte es nicht ausrichten , du bist ja seit beinahe zwölf Tagen nicht hier gewesen , und aufs Schloß gehe ich nimmer . « » Ist ' s wahr « , fing sie nach einer kleinen Pause wieder an , als ich ihr keine Antwort gegeben hatte , » ist ' s wahr , daß die Herrschaft in diesen Tagen nach Wien zur Hochzeit reist ? « Ich erwiderte , daß sie vor zwei Stunden abgereist sei . » Dann kommst du wohl so lange zu uns , Gretel ? « fragte die Alte , und in ihren Augen blitzte es freudig auf . » Nein , Kathrin « , sagte ich so freundlich wie möglich , » das kann ich nicht , ich muß haushalten im Schlosse , Frau v. Bendeleben hat mir alle ihre Schlüssel übergeben . « Statt einer Antwort fing Kathrin so heftig an zu scheuern , daß sie mir mit dem schmutzigen Wasser das hellblaue Kleid bespritzte . Ich zog mich zurück und stieg die steile Treppe hinauf zu meines Vaters Stube . » Es ist gut , daß du kommst « , sagte er , als ich ihn begrüßt hatte . » Geh einmal hinüber und bitte meinen Amtsbruder , er möchte sich einen Augenblick zu mir bemühen . Es ist um etwas Geschäftliches . « » Kann ich Kathrin nicht schicken ? « fragte ich . » Ja , das ist mir gleich « , meinte mein Vater . Kathrin schlug mir meine Bitte rund ab . » Soll ich mich erst wieder anziehen , um den kleinen Weg zu machen ? Du siehst , daß ich so nicht gehen kann « , fügte sie hinzu und zeigte auf ihre schmutzige Schürze . » Also , flink , lauf hinüber , du hast noch junge Beine . « Ich hatte die größte Lust zu opponieren , ging aber schließlich , um nicht zu ungefällig zu erscheinen . Zögernd schritt ich über die Straße und blieb einen kleinen Augenblick vor der Tür der Pfarrwohnung stehen . » Doch , mein liebes Frauchen « , unterbrach sich die alte Dame , » es ist zwar nicht höflich von mir , daß ich Sie so vor der Haustür des jungen Pastors stehen lasse für heute , aber ich habe seit langem nicht so viel gesprochen und bin angegriffen . Ich habe etwas ausführlich erzählt , es ist mir ja alles noch so deutlich in der Erinnerung , und heute werde ich doch nicht zu Ende kommen mit meiner Erzählung – ich denke , ich kann in den nächsten Tagen fortfahren , wenn Sie es hören wollen . « Ich war so vertieft im Zuhören gewesen , daß ich ein ganz bedauerndes Gesicht machte , als sie auf einmal abbrach . » Aber bitte , bitte , dann recht bald die Fortsetzung « , bat ich . » Es interessiert mich so sehr , und Sie erzählen wunderschön . Nur eines vermisse ich : ich weiß nicht , wie Sie ausgesehen haben ; besitzen Sie kein Bild von sich ? « » O ja , und Sie sollen es haben « , sagte Fräulein Siegismund , indem sie sich erhob und Licht anzündete . Es war nämlich ganz dunkel geworden . Sie schloß einen alten Schrank auf , der viele Fächer und Schubladen enthielt , und nahm ein kleines Etui heraus . » Hier , liebes Kind , betrachten Sie es zu Hause , ich bin recht müde und bedarf der Ruhe . « Sie küßte mich zärtlich auf die Stirn , und als ich ihr die Erlaubnis abgeschmeichelt hatte , übermorgen wiederkommen zu dürfen , um weiter zu hören , eilte ich nach Hause , meinen Mann des langen Alleinseins wegen um Verzeihung zu bitten . » Herr Hauptmann ist nicht zu Hause , er bekam vor einer halben Stunde einen Brief und ist gleich wieder fortgegangen im Helm « , sagte das Mädchen auf meine verwunderte Frage , warum denn alles finster und wo der Herr sei ? Doch da kam er schon die Treppe herauf . » Ich wollte dich drüben abholen , Elli « , sagte er , » du warst aber schon fort . Komm mit , ich muß dir etwas erzählen . « Er zog mich in die Stube und faßte mich um . » Ich bekam heute abend einen Brief von deinem Vater . Die Mama ist etwas unwohl , wohl nicht bedeutend , glaub ' ich . Aber es ist besser , wir reisen gleich hin , damit du sie pflegst . Ich holte mir eben Urlaub , und ich denke , mit dem Nachtzuge um zwölf Uhr können wir abreisen , meine umsichtige kleine Frau wird bis dahin reisefertig sein . « Seine Stimme klang so leise , so traurig , daß ich die ganze Wahrheit erriet . Meine Mutter krank , schwerkrank , und ich so weit von ihr ! Mir kam vor Angst keine Träne in die Augen , in fieberhafter Eile rüstete ich alles zur Reise , und erst als wir in der Bahn saßen und ich den Kopf an meines Mannes Schulter legte , konnte ich weinen . Oh , solche Fahrt , so rasch sie geht , wie langsam kommt sie uns vor . » Wirst du sie noch lebend antreffen ? Vielleicht kommst du nur gerade zurecht , ihr die lieben Augen zuzudrücken . O Gott , laß sie noch leben , laß sie noch leben , hilf nur ! « dachte ich , indem ich ruhelos im Abteil hin und her schritt , ohne auf die beruhigenden Worte meines Mannes zu achten . Endlich , am andern Mittag , nach zwölfstündiger , ununterbrochener , langer Fahrt kamen wir an . Der Kutscher trat mit betrübter Miene an den Wagen . Auf die hastige Frage : » Wie geht es , Börner ? « sagte er : » Schlecht , gnädiges Fräulein – wollte sagen , gnädige Frau . Der Herr Bruder sind auch eben gekommen . « Zu Hause trat uns mein Vater mit Tränen in den Augen entgegen . Ich eilte an das Krankenbett : da lag sie , die arme , liebe Mutter , mit glühenden Wangen , und sprach unverständliche Worte und Sätze ; eine Diakonissin erhob sich von dem Stuhl am Bette . » Gottlob , sie lebt noch ! « stammelte ich , als ich vor ihrem Lager niedersank . » O Gott , ich danke dir ! « Es waren bange Stunden , die ich nun verlebte , und die Stunden reihten sich zu Tagen und die Tage zu Wochen . Das Fieber ließ wohl endlich nach , aber eine Mattigkeit trat ein , die das Schlimmste befürchten ließ . Mein Mann war wieder in seine Garnison zurückgekehrt , ebenso mein Bruder , und Briefe und Telegramme brachten ihnen die Nachrichten über das Befinden der teuren Kranken . An Fräulein Siegismund hatte ich manchmal gedacht , während ich die langen Nächte am Krankenbett durchwachte . Ich wiederholte mir in Gedanken ihre einfache Erzählung und erinnerte mich plötzlich , daß ich das kleine Etui , das sie mir gegeben und das ich in der Hand hielt , als wir die Schreckenskunde aus der Heimat empfingen , irgendwo auf einen Tisch oder Schrank des Wohnzimmers gestellt hatte , konnte mich aber nicht besinnen , wo . Nun bat ich meinen Mann , danach zu suchen . Endlich , endlich nach unsäglich langer Zeit , gab der Arzt mir die Versicherung , daß meine gute Mama , wenn auch noch sehr matt , doch außer Gefahr sei . Oh , wie dankte ich dem lieben Gott dafür . Dann schrieb ich an meinen Mann und an meinen Bruder und hatte die Freude , meinen Mann bald darauf hier zu sehen . Er brachte mir auch das kleine Etui und einen Brief von Fräulein Siegismund , den ich hier mitteilen will : » Meine liebe , kleine Frau ! Mit inniger Teilnahme hat Ihre alte Freundin stets an Sie gedacht und mit Ihnen für die Genesung Ihrer teuren Mutter gebetet . Wie unaussprechlich freue ich mich , daß sie Ihnen erhalten blieb und daß ihre Gesundheit wiederkehren wird . Hoffentlich kommen Sie in einiger Zeit wieder zurück ; ich habe Sie sehr , sehr vermißt . Als ich am Tage , nachdem ich die Erzählung meiner Schicksale begonnen , an das Fenster trat , nickte mir kein freundliches Köpfchen meinen Morgengruß herüber . Ich erkundigte mich gleich , da ich glaubte , Sie seien krank , und erfuhr nun erst das Traurige . Ich habe Ihnen , mein liebes Kind , die Fortsetzung meiner Geschichte aufgeschrieben , das Erzählen hatte mich doch recht aufgeregt . Wenn ich so jeden Tag in aller Ruhe ein Stündchen schreibe , brauche ich keine schlaflosen Nächte zu befürchten , und für Sie ist es auch besser so , als wenn Sie meine alte Stimme , die manchmal ganz heiser wird , so lange anhören sollen . Bald bin ich fertig , und dann , hoffe ich , find Sie wieder hier , und ich kann Ihnen meine beschriebenen Bogen überreichen . Wissen Sie noch , wo wir waren ? Ich ließ Sie vor der Tür des jungen Pfarrers stehen . Es dauert lange , ehe Sie hineinkommen . Ihr lieber Mann will diesen Brief mitnehmen . Wie gern käme ich selbst , wäre gleich gekommen , um Sie bei der Pflege zu unterstützen ! Doch was sollten Sie wohl mit einer alten , gebrechlichen Jungfer anfangen ? Tausend herzliche Grüße , mein liebes Kind , von Ihrer alten Nachbarin . N.S. Ihre Blumen habe ich mir herüberbringen lassen und pflege sie nach Kräften . « Nun öffnete ich auch das kleine Etui , und ein Ausbruch des Entzückens entschlüpfte meinen Lippen . Ein Miniaturbild lag darin , auf Elfenbein gemalt . Ein reizendes Mädchenköpfchen hob sich von dem hellen Grunde ab . Es war kaum möglich , etwas Süßeres zu sehen , als dies rosige Gesichtchen mit den großen , blauen Augen unter den schwarzen Bogen der Brauen . Es lag ein solch neckischer und doch wieder schwärmerischer Ausdruck auf diesem länglichen , von dunklen Locken umrahmten Antlitz , daß das Original des reizenden Bildes unendlich anziehend gewesen sein mußte . » Das alte Fräulein war ja einmal sehr schön « , meinte mein Mann . – » Ja , sehr schön « , pflichtete ich bei . » Gott sei Dank , daß sie alt ist , sonst möchte mir die Nachbarschaft doch gefährlich werden , um so mehr , da ich noch keine Aussicht habe , zurückzukehren « , setzte ich in leichter Neckerei hinzu . Es war allerdings noch keine Aussicht zu meiner Rückkehr vorhanden . Der Arzt hatte dringend gewünscht , daß meine Mutter dem kalten Winter unserer Gegend aus dem Wege und nach dem Süden gehe . Sie sollte nach Italien , und da sie selbstverständlich der weiblichen Pflege sehr bedurfte , so konnte ich als einzige Tochter , so schwer es mir auch wurde , mich so lange von meinem Manne zu trennen , mir es doch nicht nehmen lassen , sie zu begleiten , und zwar um so weniger , da noch die größte Schonung und Vorsicht anempfohlen war . So reisten wir denn am 1. Dezember ab ; ich , nicht ohne die herzlichsten Grüße an Fräulein Siegismund zu senden , nachdem ich ihr schon vorher geschrieben hatte , wie unendlich ich mich freue , die Geschichte ihres Lebens lesen zu können , und daß ich sie bitte , wenn es ihr nicht zu viel Mühe mache , dann und wann einmal an mich zu schreiben . Wir lebten sehr still in Rom , unsere Briefe flogen häufig hin und her zwischen der ewigen Stadt und der kleinen preußischen Festung , und eines Tages hielt ich ein ziemlich dickes Paket in den Händen : die Geschichte meiner alten Freundin . Meiner Mutter erzählte ich den Anfang und konnte , da sie sich lebhaft für das Schicksal der alten Dame interessierte , das Manuskript vorlesen . Ein Zettelchen lag darin . Sie schrieb : » Anbei , meine liebe , junge Freundin , die Fortsetzung meiner Erzählung . Der Schluß soll erst noch kommen – wer weiß , wie bald . Ich fühle mich mitunter gar nicht wohl , ach , und Sie fehlen mir recht . Es ist , als ob der letzte Sonnenstrahl , der meinen einsamen Abend verschönte , mir nicht mehr leuchten sollte . Bleiben Sie nur nicht zu lange mehr ! Meine Grüße bekommen Sie wohl durch Ihren Herrn Gemahl ? Verzeihen Sie , wenn ich manchmal undeutlich schrieb , und erinnern Sie sich bei Lesung dieser Zeilen freundlichst Ihrer alten M. Siegismund . « Es lag etwas so Trauriges in diesen schlichten Worten , ich bekam ordentlich Sehnsucht nach dem alten , lieben Gesicht , ich hätte wer weiß was gegeben , hätte ich von unserem Hause aus über die kleine , enge Straße huschen und bei ihr anklopfen können , um sie zu trösten . Ich faltete die Bogen auseinander , sie waren eng beschrieben . Auf dem einen bemerkte ich Tränenspuren . » Soll ich vorlesen , Mama ? « » Ach ja , lies « , bat sie , » aber gib mir erst ihr Bild , ich will das reizende Gesichtchen ansehen , während ich ihre Geschichte höre . « Sie hielt das Bild in der Hand und ich begann : » Also , vor der Tür des Pfarrhauses stand ich mit einem peinlichen Gefühle im Herzen . Ich strich mir unwillkürlich nochmals über das Haar und zupfte an dem weißen Mulltuche , welches ich über den Schultern trug . » Heut seh ' ich nicht so verwildert aus « , sagte ich mir nach einer kurzen Musterung meines Anzuges , dann trat ich ein . Hinter dem Glasfenster der Stubentür wurde der weiße Vorhang zurückgeschoben . Der alte Frauenkopf sah einen Augenblick hindurch , die Tür wurde geöffnet und ein Paar alte Hände streckten sich mir entgegen , indem eine freundliche Stimme sagte : » Das ist brav , mein Kind , daß Sie mich besuchen , ich habe schon lange darauf gewartet . Nun , treten Sie näher . « Ich faßte die dargebotene Hand und folgte beklommenen Herzens der Einladung . Himmel , wie gemütlich war es hier . Ein ordentlich anheimelndes Gefühl überkam mich , als ich mich in einen Stuhl am Fenster niederlassen mußte , wo auch der Lehnstuhl der alten Frau stand . Zuerst richtete ich ihr meinen Auftrag aus . Sie ging durch die Stube , öffnete eine Tür und rief hinein : » Heinrich , du sollst einmal herüberkommen zum Herrn Pastor , aber sofort , er hat mit dir zu sprechen . « » Gleich , liebe Mutter « , hörte ich die tiefe Stimme des jungen Mannes sagen . Dann kam sie wieder . » Nun sehen Sie mich mal ordentlich um . Wie lieb sehen Sie aus . Gar nicht so , wie mein Sohn Sie beschrieb . « » Hat er mich beschrieben ? « , rief ich aus , halb peinlich berührt , halb belustigt . » Oh , ich war eben von einem Spazierritt zurückgekommen . Wir hatten einen kleinen Wettritt gemacht und da – « » Das ist ja ganz gleich . Ich sehe Sie so nett vor mir , daß ich es gar nicht anders wünschen mag . Sie leben auf dem Schlosse , wie Kathrin mir sagt . Wie lange wollen Sie dort noch bleiben ? « Wie lange ? Ja , darauf wußte ich nicht zu antworten . » Ich denke , bis – ich weiß wirklich nicht – « stotterte ich . Der Eintritt des jungen Pfarrers unterbrach meine Antwort . Heute sah er mich nicht so eigentümlich , eher flüchtig an . Er grüßte nur , fragte nach der Dauer der Abwesenheit der Familie Bendeleben , entschuldigte sich sozusagen bei mir , daß er außer einem flüchtigen Besuche noch nicht im Schlosse gewesen sei , er habe jetzt so viele Amtsgeschäfte . Dann empfahl er sich , und gleich darauf sah ich ihn mit elastischen Schritten über die Straße gehen und in unserem Hause verschwinden . Die Mutter blickte ihm mit leuchtenden Augen nach . » Wie hübsch ist das