Großmutter Anita streckte mir lächelnd die Hand entgegen . Gottlob ! Ich hatte sie im Geiste schon ganz vernachlässigt und in unbehaglicher , unordentlicher Umgebung gesehen . » Wie schön , Großmütterchen , « rief ich , » daß ich euch so treffe ! Was kann ich für euch tun ? Sag nur rasch , soll ich dir das Haar ausbürsten ? « » Das tut Kathrin , liebes Kind . « » Soll ich deinen Wäschschrank revidieren , ob alles in Ordnung ist ? « » Danke , Herz , Kathrin hat ' s schon besorgt . « » Du ißt Weingelee so gern , Großvater , darf ich dir ein Schüsselchen voll kochen ? « » Kathrin hat gestern schon welchen zubereitet , sie nudelt uns wie die Gänse . « » Der Tausend , diese Kathrin ! « staunte ich . » Und auch die andere Wirtschaft in Ordnung ? « » Flickdorchen , die gestern revidierte , meinte , daß es so sei , « antwortete die alte Dame . » Das ist doch aller Ehren wert , Großmama . « » Ach ja , sie kann recht nett sein , wenn sie will , « gab diese zu , aber mit einer gewissen nichtachtenden Miene . Großvater räusperte sich und meinte dann : » Sie hat doch eigentlich mehr getan als ihre Pflicht , Anita . « Aber die alte Dame schwieg , der große Kürassier auf dem braunen Ripssofa war entschieden der Anerkennung von Kathrins Leistungen hinderlich . Ich suchte nachher die dicke Kathrin in der Küche auf und erschrak , als ich sie sah . » Ums Himmels willen , sind Sie auch krank , Kathrin ? « rief ich . 46 » Ich weiß nich – mich is nich ganz recht extra , aber das is woll , weil ich die letzten drei Wochen nich recht geschlafen habe . Ich habe mir ja zu sehr gesorgt um die ollen Herrschaftens . « Der Kutscher , der eben eintrat , um sich sein Mittagessen zu holen , mischte sich in das Gespräch und sagte : » Sie hat ja immer auf die blanken Dielen vor die Türe von der Herrschaft gelegen , wie ' n Hund hat sie dagelegen , gnä ' Fräulein – da soll der Mensch nicht elend werden ? « » Aber , warum denn das , Kathrin ? « fragte ich , » Sie konnten doch Ihr Bett herunterbringen und auf dem Sofa schlafen ! « Sie schüttelte den Kopf . » Ach nee , gnä ' Fräulein , mit das olle Sofa da hab ' ich ein Haar in gefunden – nee , seit die Geschichte kann ich das olle Ekel nich mehr leiden . « » Weiß denn meine Großmutter , daß Sie auf der bloßen Diele schliefen ? « » Nee ! « Und ganz ins Platt fallend : » Det brukt se ock nich to weten . Allens to weten , mackt man Kopppin . Es wird schon wieder werden mit min ollen Deetz – ich laß mich aus die 47 Apotheke for ' n Silbergroschen Spitzbubenessig mitbringen , das wird ja woll helfen . « Sie hantierte dabei mit ganz ungewohnt matten Bewegungen in der Küche umher , und ihr Gesicht hatte den gequälten Ausdruck eines von heftigen Kopfschmerzen geplagten Menschen . » Kathrin , ich will das hier mal übernehmen , gehen Sie in Ihre Stube – ich brauche vor Abend nicht zurückzufahren . « » Ach Gott , nee , Fräulein , da regt sich die gnä ' Frau über auf , und Aufregung bekommt sie jetzt nich . Jo nich , das geht nich ! « » Aber , wenn Sie krank werden , Kathrin ? « » Ich werd ' nich krank . Und jetzt muß ich zu die Herrschaften und sehen , ob sie auch essen , denn essen müssen sie und zureden tut was dabei . « Sie schüttelte eben eine köstliche kleine Omelette aus der Pfanne auf ein Schüsselchen und trug sie , stolz vor mir hergehend , zu den alten Leuten ins Eßzimmer . » Von ganz frischen Eiern , « sagte sie , » und mit Himbeermarmelade drin aus ' m Lenkwitzer Garten . Gnä ' Frau ihr schwarzes Lieblingshuhn hat die Eier gelegt , und for gnä ' Fräulein reicht ' s auch noch mit . « Und ein paar Augenblicke später saßen wir alle drei und speisten Kathrins Omelette und machten Pläne für das Osterfest , zu dem meine jüngere Schwester , zum ersten Male nach ihrer Verheiratung , aus weiter Ferne heimkehren wollte , um Großmütterchen ihre Kinder zu bringen . Kathrin ging immer ab und zu , schließlich deckte sie den Tisch ab und legte gerade das Tafeltuch zusammenen am Büfett , 48 als Großmutter zu mir sagte : » Vergiß nur nicht , zur Vermietsfrau zu gehen , Kind , und sieh zu , daß du womöglich eine bekommst , die acht oder vierzehn Tage früher anziehen kann . Kathrin mag sie noch anlernen , ich selbst werd ' kaum dazu im stande sein , und außerdem fällt Ostern grad so um den ersten April , und da wär ' mir eine Hilfe sehr lieb , wenn deine Schwester mit den Kindern hier ist . « Ich sah unwillkürlich zu Kathrin hinüber ; das Gesicht des Mädchens war plötzlich wie verfallen , und sie blickte mit so traurigen vorwurfsvollen Augen ihre Herrin an , daß mir das Herz ordentlich weh tat ; etwa wie ein treuer Hund blickt , wenn er mit einem Fußtritt hinausgejagt wird von seinem Herrn , dem er anhänglich ist mit all seiner rührenden Treue . Großmutter sah das nicht , wollte es wohl auch nicht sehen . Kathrin kam herüber und fragte mit heiserer Stimme , ob sie gnä ' Frau zu dem Mittagsschläfchen ins andere Zimmer führen dürfe . Und dort hüllte sie die Genesende sorgfältig in Decken und Tücher , kam dann zurück und folgte auch Großvater mit den Decken ins Schlafzimmer , und als sie den alten Herrn dort ebenfalls versorgt hatte , trat sie abermals ein , öffnete die Fenster , legte frischen Torf in den Ofen und ergriff endlich mit zitternden Händen das gebrauchte Tafelgeschirr , um es in der Küche zu säubern . Sie tat mir furchtbar leid , ich muß es sagen , aber helfen konnte ich ihr nicht . Großmutter , die überhaupt leicht reizbar war , jetzt in der Rekonvaleszenz mit Bitten zu bestürmen , wäre vergeblich gewesen und hätte der Guten auch nur geschadet . Zudem hatte ich selbst die Geschichte mit dem Kürassier reichlich frech gefunden und – Großmutter mußte ja wissen , was sie zu tun hatte . Ich besuchte während des Mittagsschlafes der alten Leute den Lenkwitzer Onkel , den ich ebenfalls auf dem Wege der Besserung fand , und kehrte gegen vier Uhr in das Forsthaus zurück . Es war ein recht windiger Februartag , meine lieben Alten saßen bereits bei der Lampe auf ihren Sofaplätzen und tranken Kaffee und lasen die Zeitung . Großmutter erinnerte mich nochmals an 49 die Vermietsfrau und ich verabschiedete mich von beiden , als gegen sechs Uhr der Wagen gemeldet wurde . Im Flur redete Kathrin mich plötzlich an : » O gnä ' Fräulein , nur ein Wort , gnä ' Fräulein ! « Sie stand in der Küchentür und winkte verstohlen . Ich ging ganz verwundert zu ihr und fragte , was sie wünsche . Der Schein der Lampe fiel auf ein ganz verweintes Gesicht ; sie stand da mit niedergeschlagenen Augen , den Schürzensaum in der Hand , wie das schämige Mädchen aus dem Volkslied . » O gnä ' Fräulein , « stieß sie endlich hervor , » es is man bloß wegen die Neue , man bloß daß Sie auch ' ne Ordentliche kriegen , weil for dies Haus nicht jede paßt . Die ollen Deerns sind ja jetzt alle rein tippelig , man bloß Staat machen und nichts tun , kaum noch daß eine bei ' s Scheuern hinknieen will ; und gnä ' Frau is das nich gewöhnt und ärgert sich darüber und nachher wird sie wieder elend – es is mich ein schrecklicher Gedanke . « Und dabei tropften ihr die schweren Tränen über die Backen , die so schmal geworden waren . » Ja , ja , Kathrin ! « sagte ich gerührt , » ich werde darauf sehen , daß eine Ordentliche antritt . Es ist schade , Kathrin , daß die Sache so kam , aber – « » Ach nee ! Nee ! Ich sehe ja ein – ich zieh ' – freilich , ich zieh ' ! Aber wenn man bloß eine kommt , die gnä ' Frau zu nehmen versteht ! Wenn ' s eine is , die leicht aufmuckt , daß sie sich man bloß nich krank ärgert , die gnä ' Frau ; und – ' ne Ehrliche , gnä ' Fräulein . Die Ekels können ihr ja alles fortschleppen , weil doch gnä ' Frau noch immer erbärmlich is und die Speisekammerschlüssel aus die Hände geben muß , wenn sie ihr Kopfweh hat . Wenn ich daran denk ' , daß so ' n Balg sie bemopsen tät ' – – « » Na , Kathrin , ängstigen Sie sich nur nicht vorher . Haben Sie denn schon einen Dienst in Aussicht ? « Sie schüttelte den Kopf . » Ich hab ' noch keine Zeit gehabt – – « » Nun , dann kann ich Sie vielleicht empfehlen bei der Mietsfrau ? Großmutter wird Ihnen ja doch sicher ein gutes Zeugnis geben . « 50 Sie antwortete nicht , sie biß sich nur auf die Lippen , um einen erneuten Tränenerguß zu verhindern , und endlich sagte sie , sich umwendend und ihre Arbeit , das Messerputzen , wieder aufnehmend : » Ich danke schön , Fräulein , aber mich is alles egal , ich habe keine Lust mehr zu mich , nich ein bißchen . « Und nun sprach sie kein Wort weiter , obgleich ich sie mehreres fragte ; sie begnügte sich , mit dem Kopf zu nicken oder zu schütteln , wobei sie wieder leise weinte ; und wenn ihr eine Träne auf die fleißige rasche Hand fiel , dann wischte sie dieselbe mit einer ärgerlichen Bewegung an der blauen Schürze ab . Ich verließ sie endlich und stieg in den Wagen , mir im stillen vornehmend , für sie nach einer guten Stelle zu suchen . Die dicke Kathrin tat mir gar zu leid . In nächster Zeit fand ich denn wirklich eine Neue für Großmutter , die , den Zeugnissen nach , zu passen schien , und nach längerem Hin- und Herschreiben fuhr ich mit der Erkorenen nach Lenkwitz , um sie persönlich vorzustellen . Sie war , im Gegensatz zu Kathrin , dürr wie ein Zaunspfahl , sah älter aus als sie war , und sie näherte sich doch schon den Vierzigern . Großmutter brauchte dem Anschein nach nicht besorgt zu sein , daß ein Kürassier dieser Schönheit wegen den weiten Weg von der Stadt nach Lenkwitz unternehmen werde . Kathrin sah mit ihren vierunddreißig Lenzen neben jener ungefähr aus wie eine eben erblühte Rose neben einer Hagebutte . Kochen sollte die Neue gut , ebenso die Wäsche verstehen , auch etwas Kenntnisse der Geflügelzucht und des Gartenbaues besitzen , dazu sollte sie » etwas Behägliches « haben , wie im Atteste einer Witwe besonders hervorgehoben war , die sich » Amelia Nommel « unterschrieben hatte . Auf die Frage , warum Auguste – so hieß die Neue – denn diesen Dienst verlassen habe , erwiderte sie , daß die alte Frau Nommel zu ihrem Sohn nach Magdeburg gezogen sei , und daß sie , Auguste , dorthin nicht mitgewollt habe – eine durchaus befriedigende Antwort . Großmutter Anita war schließlich nur noch bedenklich wegen der kurzen Dienstzeit , die Auguste bei den verschiedenen Herrschaften zugebracht hatte ; einmal waren es sogar drei neue Stellen 51 in demselben Jahre gewesen . » Man hat mitunter Unglück , « meinte Auguste , » und es kommt doch auch vor , daß man sich gegenseitig mal nicht zusagt , und zweimal kamen Todesfälle vor und einmal ließ sich eine scheiden von ihrem Mann , ich bin aber immer gut auseinander gegangen mit den Herrschaften . « Großvater saß in der Sofaecke , rauchte und räusperte sich ob dieser Antwort . Großmutter wiederholte nur fragend : » Gegenseitig nicht zusagt ? Hm ! Na , ich werd ' s mit dir versuchen , mein Kind , und sollten auch wir uns › gegenseitig nicht zusagen ‹ , so – wir sind ja nicht verheiratet miteinander – so werde ich dir das unverhohlen mitteilen . « Auguste empfing acht Groschen Mietsgeld und empfahl sich mit Zurücklassung ihres Dienstbuches und der Versicherung , Frau Oberförsterin werde gewiß mit ihr zufrieden sein , und vierzehn Tage vor der bestimmten Zeit komme sie gern , weil sie grad stellenlos sei wegen Versetzung ihrer letzten Herrschaft . Als sie aber das Zimmer verlassen hatte , schickte Großmutter mich hinterher , ich sollte doch lieber noch fragen , ob sie etwa einen Schatz habe , denn man könne ja nicht wissen , ob – trotz ihrer Vierzig . Im Flur scheuerte Kathrin grad die Fliesen , sie lag auf den Knieen , und zwar dicht vor den Stufen , die zu dem Zimmer 52 emporführten , aus dem die Neue eben trat . Kathrins Gesicht in diesem Moment hätte ganz gut zu dem Modell einer Furie dienen können , nur die Schlangen fehlten , die um den Kopf züngeln ; dafür hatte sie ein Tuch turbanartig umgeschlungen , wie immer Sonnabends beim Reinmachen , und darunter hervor blitzten ihre Augen die Nachfolgerin an voll tödlichsten Hasses , und just als diese ihren Fuß auf die Fliesen setzte , nahm Kathrin ihren Eimer und goß ihn platsch ! nach der Richtung aus , wo Auguste stand , die sich mit einem Aufkreischen und im Sprunge zur Seite rettete , während Kathrin noch ein paar Hände voll Sand in die entstandene Pfütze pfefferte und dann wie wahnsinnig zu scheuern begann . Ich kam nicht mehr dazu , den delikaten Auftrag Großmutters auszuführen , denn Auguste war mit einem zweiten Sprung schon vor der Haustür und schrie durch diese zurück : » So ' ne flegelhafte olle Kröte ! « worauf sie verschwand . Kathrin sandte ihr aber einen stummen Wutblick nach . » Liebe Kathrin , das wird ja allem Anschein nach recht erbaulich werden , wenn Sie mit der › Neuen ‹ noch vierzehn Tage zusammen sind ! « sagte ich ärgerlich . » So ' n Spatzenschüchter ! So ' ne Schlumpe ! Und das miet ' t sich gnä ' Frau ! « machte Kathrin jetzt ihrem Herzen Luft . » So ' ne Essigbutte , so ' ne giftgrüne Kreuzspinne , un daß die maust , das seh ' ich ihr all an die Nase an . « » Kathrin , sie maust Ihnen ja nichts ! « » Un ich seh ' schon meine Küche , wie die aussieht nach vier Wochen , wie ein Sweinestall ! Un lang ' hält ' s Frau Oberförsterin auch nich aus mit die , un dann paßt das ja ganz gut , dann kann sie ja am ersten Mai wieder abziehen , direkt auf ' m Besenstiel nach ' m Blocksberg , wo sie hingehört , die Hexe infamige ! « » Wenn Sie etwa glauben , Kathrin , durch so ein ungehöriges Betragen Ihr Abgangszeugnis zu verbessern , so irren Sie sich , « tadelte ich empört . » Nehmen Sie sich in acht , daß die Frau Oberförster Ihre Rede nicht hört ; ich bitte recht dringend um anständige Aufführung , solange Sie noch hier sind . « Sie senkte den Kopf , schwieg und scheuerte weiter , aber ihr 55 Gesicht trug plötzlich wieder jenen gramvollen Zug um den Mund , der aus einem durch und durch erschütterten Herzen stammte . Ich wandte mich um und ging ins Zimmer zurück ; hinter mir schollen leise demütige Worte : » Ach , Fräulein , sagen Sie doch man nichts zu Frau Oberförsterin . « Das verweinte Gesicht des Mädchens hatte mich sanfter gestimmt , und Nachmittags , ehe ich fort fuhr , fragte ich sie wiederum , ob sie schon einen Dienst habe . Sie schüttelte den Kopf . » Nee ! « » Aber es ist doch schon in vier Wochen Ziehzeit , Kathrin ! « » Ich habe noch keine Zeit gehabt , mich umzutun , gnä ' Fräulein . « » Hören Sie , Kathrin , die Frau Pastor Wernicke sucht ein tüchtiges Mädel . Stellen Sie sich dort vor ; bitten Sie Großmama , vielleicht erlaubt sie es Ihnen , mit mir zu fahren , – zurück können Sie mit der Post – « » Nee ! Ich hab ' keine Zeit – Frau Oberförster ihre Hauben muß ich waschen , sie hat man noch zwei reine , und ich will sie doch alles ordentlich hinterlassen . « » Aber nachher stehen Sie da und wissen nicht wohin , Kathrin ! Die Hauben können Sie ja morgen waschen . « » Nee ! Da fang ' ich an mit ' s große Reinemachen ; die › Neue ‹ soll sonst wohl sagen , sie sei in Dreck und Speck gekommen , un überhaupt – zu Wernickens zieh ' ich nich . « » Warum denn nicht ? Kennen Sie die Herrschaften denn ? « » Nee – hab ' auch gar kein Verlangen nich – « » Na , dann helfen Sie sich allein , « erklärte ich ärgerlich und fuhr davon . 56 So an die vierzehn Tage kam ich nun nicht wieder hinaus zu den Großeltern , erst als der Zeitpunkt nahte , zu dem meine Schwester erwartet wurde mit den Kindern , beorderte mich Großmutter zur Hilfe . Meine Schwester wollte nämlich , bevor sie zu uns in das Elternhaus kam , ihren Besuch mit den Urenkelchen bei den alten lieben Leuten abmachen , sie fand es praktischer als umgekehrt , aus Gründen , die mir heute nicht mehr gegenwärtig sind ; besonders aber galt es Großvaters Geburtstag . Ich fand das Forsthaus im Zeichen der Unruhe , selbst Großmütterchen schaffte wieder fleißig umher , in ihrem unmittelbaren Gefolge die › Neue ‹ , die schon im Hause war . » Kathrin hat erklärt , wenn ihr Auguste in die Küche komme , stehe sie nicht ein für ein ordentliches Essen , « berichtete Großmutter mir mit einem Seufzer , » und , « fügte sie hinzu , » ich fürchte , dieses Ungetüm läßt meuchlings den Braten anbrennen und die Mehlspeise zusammenfallen , wenn ich es erzwingen wollte , und schiebt dann alles auf die › Neue ‹ . Ich lasse sie lieber in Ruhe , dann kommen wenigstens gut zubereitete Gerichte auf den Tisch . Die Zeit wird ja wohl vergehen bis zum ersten April . « So herrschte denn trotz der » Neuen « Friede im Hause – ob aber auch in Kathrinens Herzen , das war die Frage . Sie sah zum Gotteserbarmen aus , antwortete kaum Ja und Nein , und sobald sie nur die Stimme von der » ollen Kreuzspinne « , wie sie die andere nannte , hörte , wurde sie grünlichgelb im Gesicht und zitterte vor Aufregung . Kam meine Großmutter in Sicht , so hielt sie in ihrer momentanen Beschäftigung inne und starrte der hübschen alten Frau nach mit vorwurfsvollen , in Tränen schimmernden Augen , schüttelte den Kopf und murmelte irgend etwas vor sich hin . Eine Stelle hatte sie noch nicht , wie mir der Kutscher verriet , der bedauernd hinzusetzte : » Ik glöw , sei nimmt sek dat tau Kopp un makt dumm Tüg . « In den Zimmern und Schlafstuben waltete die » Neue « bereits ihres Amtes . Großmutter sei riesig eingenommen von ihr , vertraute mir Großoater , was aber ihn beträfe , so käme Auguste ihm vor wie ein Schaf mit Drehkrankheit ; sie käme nämlich 57 immer wieder auf den nämlichen Punkt zurück trotz Belehrung eines Bessern . Er habe schon seine stillen Betrachtungen gemacht , und es solle ihn nur wundern , wie lange die Geduld seiner Anita vorhalte . Nach einem Weilchen hatte ich Gelegenheit , mich von der Wahrheit dieser Beobachtungen zu überzeugen . Auguste sollte den Tisch allein decken ; es war ihr schon zweimal gezeigt . Großmutter saß strickend und sie dabei beobachtend auf dem Fenstertritt und verfolgte jede ihrer Bewegungen mit den Augen . Ich , ihr gegenüber , häkelte und tat , als ob ich weiter nichts im Auge hätte als den herrlichen Hyazinthenflor zwischen den Doppelfenstern . » Auguste , « begann Großmutter plötzlich sanft , » ich sagte dir gestern , daß die Suppenlöffel oben quer vor dem Teller , an dessen Seite nur Messer und Gabel liegen sollen . « Auguste hielt inne , wandte ihrer Herrin ihr geistreiches , sommersprossiges Antlitz zu und sagte nach einem Weilchen : » Bei Nommels Großmutter mußte ich die Löffeln immer neben die Gabeln legen . « » Das glaube ich dir gern , aber bei uns liegt der Löffel oben , ich bin Stettens Großmutter . « Auguste tat zögernd , wie ihr geheißen , und als die Suppe auf dem Tische stand und Großvater gerufen war , vermißte die alte Dame die kleinen silbernen Löffelchen zu den Salzfässern . Auf ihr Klingeln trat Auguste an . » Die silbernen Salzlöffelchen , Auguste ! « » Ich – ich weiß nicht – « stotterte sie . » Suche auf dem Büfett . « Sie kramte umher , fand dieselben , legte sie auf den Tisch und sagte : » Nommels Großmutter nahm immer das Messer dazu – entschuldigen , Frau Oberförsterin . « Ich verbiß mir das Lachen , Großmutters Augen blitzten ärgerlich die » Neue « an , aber sie schwieg . » Wer , um Gottes willen , ist denn › Nommels Großmutter ‹ ? « fragte der Hausherr . » Nun fange du auch noch an von Nommels Großmutter ! « 58 rief die alte Dame gereizt . » Wenn du nur ahntest , wie oft mir diese Person schon als Muster aufgestellt worden ist ! Übrigens , « beruhigte sie sich selbst , » rührt mich diese Anhänglichkeit an die alte Frau . « Nach dem Vesper , so um vier Uhr , stiegen Großmutter und ich zu den Logierstuben hinauf , die den letzten Schliff erhalten sollten für unsere lieben Gäste . Auguste folgte uns mit einem Korb voll seiner lawendelduftiger Wäsche , mit Nadelkissen , Kerzen und Seife . Es gab nichts Trauteres als Großmutters Fremdenstuben im Giebelgeschoß , so reizend altmodisch , so behaglich , zumal jetzt , wo neben dem großen Bette zwei uralte kleine Gitterbettchen standen , in denen schon unsere Eltern und später wir geschlummert , und in denen nun die » herzigen Krabben « , wie die alte Dame ganz stolz ihre Urenkelein nannte , schlafen sollten . Bald war denn auch alles hergerichtet , blendend weiß bauschten sich die Betten , die Spitzeneinsätze der Bezüge ließen die grüne Seide der Kissen durchschimmern , überall zierliche Deckchen , und in einem Winkel des angrenzenden , zweiten Zimmers , das als Wohnstube gedacht war , damit der Lärm der kleinen Krabauter den alten Großpapa nicht störe , harrten Spielsachen auf dem Tischchen , die noch aus Großmutters Kinderzeit stammten , der künftigen kleinen Besitzer : ein Steckenpferd und ein Baukasten für den dreijährigen Buben und ein Gummipüppchen für das Kleinste . Auguste sah sich das alles schweigend an ; einigemal verriet sie ihre Unkenntnis mit Gegenständen feinerer Haushaltungen , im übrigen ging ' s so leidlich . » Immer fragen , Auguste , wenn du etwas noch nicht kennst , « ermunterte Großmutter sie , » in jedem Haushalt ist ' s anders , also fragen ! « Auguste erwiderte nichts , aber als sie endlich fertig war , tippte sie mit dem Zeigefinger auf einen gestickten Ofenschirm , der Goldschmieds Töchterlein mit dem Ritter darstellte , und sagte : » So ' n Dings hatte Nommels Großmutter auch . « Die alte Dame zuckte ein wenig zusammen und meinte : 59 » Du kannst nun hinuntergehen und anfangen , das Silber zu putzen . Salmiak und Schlämmkreide laß dir von Kathrin geben , ebenso Lederlappen und Leinentücher . « » Bei Nommels Großmutter tat ich ' s immer mit Seife und Spiritus – – « Sie verstummte , so hastig hatte die alte Dame sich herumgewandt . Auguste verschwand schleunigst hinter der Tür und mein gutes Altchen fuhr sich mit beiden Händen an die Schläfen . » Gott steh ' mir bei , diese Nommels Großmutter bringt mich noch um ! « sagte sie halblaut . Erst auf mein herzliches Lachen ward ihr Gesicht wieder freundlich , und schon im nächsten Augenblick stand sie an dem größeren Bettchen und streichelte liebevoll die kleinen Kissen . » Wie ich mich freue auf den Jungen , wie ich mich freue , Kind , er soll ja Stetten so ähnlich sehen . Hab ' acht , das kleine Kropzeug macht deine alte Großmutter noch einmal wieder jung . Nun wollte ich nur , es wäre schon morgen um diese Zeit und das Wetter schön , damit sich die Kleinen nicht erkälten bei der Herfahrt ; und übermorgen , dann sind alle da , alle , die ich lieb habe , deine guten Eltern und die Geschwister , der Lenkwitzer Onkel und Flickdorchen – o lieber Gott , was gibt es für reine , schöne Freuden auf dieser Welt ! « Und wieder streichelte sie die kleinen Kissen , als läge der Urenkel schon darinnen . » Weißt du , Liesel , « fuhr sie fort , » es ist gar hübsch , alt zu sein ; früher habe ich mich gefürchtet vor dem Alter , jetzt finde ich es so 60 schön . Hab ' s gestern erst noch zu Stetten gesagt : weiter nichts wünschte ich mir , als noch ein paar friedliche Jahre hier auf Erden miteinander , und dann sterben – so Hand in Hand auf dem Sofa sitzend , in der Dämmerstunde eines Frühlingsabends . – Ja und ihr müßtet alle hier sein , eure Stimmen , euer Lachen müßte aus dem Garten zu uns herein schallen – so möchte ich sterben , Lieschen . Aber das wäre ja wie ein Märchen , das wäre zu schön ! « Ich umfaßte die alte liebenswürdige Frau gerührt und strich ihr über die noch immer klare Stirn . » Das hat noch Zeit , Herzensaltchen , und erst mußt du dich noch freuen über die Urenkelchen . Ich denke mir den Nachkommen vom tollen Reinecke einfach reizend , und sollte er dessen Anlagen als Courmacher ererbt haben , so prügelt ihm Gretchen sicher beizeiten dieses gefährliche Talent aus , und wir , Großmütterchen , helfen ihr dabei ; er darf nur in ein Paar Augen zu tief gucken , der Junge , und das sind deine . « » Schmeichelliese ! « sagte die alte Frau . Und nun waren mehrere Tage vergangen und Schwester Gretchen war mit ihren Kindern eingetroffen . Sie hatte eine ungeheuerlich dicke alte Kinderfrau mitgebracht , die das drei viertel Jahr alte Jüngste kaum aus den Armen ließ und so tat , als ob kein anderer damit umzugehen verstehe . Wir durften es überhaupt nur besehen , aber ja nicht anfassen , selbst der eigenen Mutter gönnte sie es kaum . Den Jungen , den Schwerenöter , aber gab sie gern ab , den prachtvollen dreijährigen Bengel , dem der dicke blonde Lockenschopf so köstlich in das rosige Gesichtchen fiel und dessen blaue Schelmenaugen unsere sämtlichen Herzen im Sturm eroberten . Natürlich hieß er » Hans « wie sein Vater ; Großmutter nannte ihn » Hänschen « , Großvater » Mordskerl « , » Teufelsjung « und dergleichen , und da er schrankenlos in der Stube der alten Leute toben und mit den Hunden sich am Boden wälzen durfte , so war er einfach in der Kinderstube droben nicht zu halten und wollte immer nur bei » Großma « sein . Er hatte die alte Dame beständig am Rockzipfel , sie mochte gehen wohin sie wollte ; in 63 Küche und Keller , in alle Zimmer trippelte er neben ihr , und auf dem Gesicht der liebenswürdigen Frau lag ein glückseliges Leuchten . Nichts wurde ihr zuviel für das Kind , sie bewunderte jeden seiner Einfälle , auch wenn sie gar nicht zum Bewundern waren ; sie wehrte dem Tadel seiner Mama , obgleich Schwester Gretchen händeringend klagte , daß er auf Lebenszeit in Grund und Boden verzogen werde . Aber Großmutter Stetten , die sonst so Gestrenge , war taub und blind für alles , ausgenommen den Liebreiz des kleinen Wichtes . Wenn die Sonne warm schien , ging sie mit ihm auch zuweilen in den Garten , und dabei erzählte sie ihm allerhand Geschichten und Schnurren . Ich traf die beiden Liebesleutchen eines Tages Hand in Hand an der niedrigen Gartenmauer spazierend , hinter welcher die Inne entlang schäumte . Sie erzählte dem kleinen Kerl gerade , daß nun bald der Osterhase kommen werde , um in dem Garten schöne bunte Eier zu legen für das artige Hänschen . » Wo kommt er her ? « fragte das Kind . » Von den Bergen drüben , schnurstracks hier über die Mauer , « sagte Großmutter . » Durch das Wasser ? « » Ei , der kann schwimmen , so ein Osterhase kann alles , Hänschen . « » Aber dann wird er ja naß , Großmama ?