er ist Dein Freund . “ „ Wolltest fürderhin freundlicher sein zu ihm , “ bat ich und setzte mich zu ihr auf das gepolsterte Bänklein . Sie neigte gewährend das Haupt , aber ihr Mund blieb stumm , und die Augen blieben gesenket . „ Der weiße Falk , Friederike , er gefällt Dir ? “ begann ich ; ich wollt ' ihr den Vogel schenken , an dem sie eine Freude hatte ; ich sehnete mich nach einem Lächeln von ihr , seit ich wußte , daß sie lächeln konnte . Sie schlug überrascht die Augen auf . „ Ich hatt ' einen solchen daheim , “ sagte sie leise . Dann stand sie eilig auf . „ Es ist Mitternacht vorüber , und Du gehst früh in den Wald . “ Mir lag das Herz auf der Zunge ; ich hätt ' so gern ihr schmales Händlein erfasset und ihr gesagt : „ Warum bist Du so kalt , und warum spielet nicht ein einzig Mal ein Lachen um Deinen Mund , wenn Du bei mir bist ? Und ich weiß doch nun , wie hold Deine Lippen lächeln , Deine Augen strahlen können , wie ruhig Du zu erzählen vermagst ! Sage mir , was Dir fehlet ! Ich will Alles , Alles schaffen ; nur sieh ' mich einmal gütig an ! “ – Aber ich blieb stumm ; ich verstund eben nicht zu sprechen . O , daß ich nicht geschwiegen hätte , vielleicht wär ' doch noch Alles gut geworden ! Ihr Lachen aber verfolgete mich im Traum und im Wachen , und immer meinte ich , das silberne Getön zu hören und die süßen Worte „ Rupf ' an , mein Vöglein , rupf ' an , Du trotziger Gesell ! “ Ich mocht ' den Vogel nicht mehr leiden seit jenem Tage . Johannes , die Feder sträubt sich , das niederzuschreiben , was nun gekommen ; ich will es rasch zu Ende bringen . Prinz Christian kehrete täglich im rothen Hause an – wunderst Du Dich ? Es war ja ohnedem auch kein Tag vergangen , an dem wir uns nicht gesehen . Mitunter fund ich sie beisammen , im Schein der Abendsonne mir entgegenschreitend , oder er saß ihr genüber im Gemach , wenn draußen Regenwolken über den Wald schauerten , und sah , wie sie spann , aber lachen hört ' ich sie nie wieder , wie an jenem Abend . Sie war auch wieder bleich , noch bleicher fast , denn zuvor , und stiller , aber ein unruhig Wesen war über sie gekommen ; nur secundenlang weilte ein purpurn Roth auf ihren Wangen . Einmal aber , da ich erst spät nach Hause kehrte , dieweilen mich eine halbe Mondennacht auf dem Anstande gehalten , und mich nun leise in mein Gemach stahl , ihren Schlummer nicht zu stören , trat sie bald darauf zu mir ein , rascher als ich es sonsten gewöhnt war von ihr , und da ich ihr „ guten Abend ! “ bot , merkete ich , daß sie geweint hatte und daß sie es gleichfalls zu verbergen trachtete . Ich sagte daher nichts davon , und fragete nur so nebenher , ob Prinz Christian hier gewesen ? Da veränderte sich ihr Gesicht , und ein glänzend Roth flog darüber . „ Er ist erst eben heimgeritten “ antwortete sie , „ es sollt ' mich Wunder nehmen , so Du ihn nicht getroffen auf dem Wege . “ „ Ich bin aus den Reindorfer Buchen gekommen , “ gab ich zurücke . „ Ich meine , Du lässest Deinen Freund oftmalen vergeblich harren , “ sprach sie dann , und ihre Stimme klang verschleiert , als ob das Herz ihr stürmisch poche . „ Ei , trifft er doch meine Frau Liebste , so meine Stelle vertritt , “ scherzte ich und schlang meinen Arm um sie ; „ oder meinst Du nicht , Friederike , daß ihm solche Vertretung gar angenehm ist ? “ Aber ihr Gesicht blieb weiß ; sie wand sich aus meinen Armen und schritt hinaus , und ich wußt ' mir nicht zu erklären , was ihr räthselhaft Wesen bedeuten solle . Ein paar Male auch fand ich sie eingeschlossen in ihrem Stüblein , und da ich mich wunderte und sie neckte , sie habe wohl Angst vor Räubern und Dieben , und ob ich ihr solle eine gute Büchse zum Troste reichen , lachte sie auf und sagte seltsam betonend : „ Ei freilich , meine thörichte Angst , was sollt ' hier auch sein , das sich der Mühe verlohnte zu stehlen ? “ Ich nahm dies als ein Zeichen fröhlicher Laune ; wie hätt ich auch ahnden können , was für ein Sinn sich hinter diesen Worten barg ? Ich plumper Gesell , dem nur eine ehrliche Sprache verständlich war . – Und da – ja , genau weiß ich nicht mehr zu berichten , wie es war an diesem grauenvollen Tage – ich mußt ' frühe fort ; denn Serenissimus hatt ' etliche vornehme Gäste invitiret auf eine Schweinshatz , und ich mußt ' sorgen , die Garne und Lappen zu stellen und die Leute zu ordnen , doppelt sorgsam heut , dieweilen auch die hochfürstlichen Damen die Jagd mit ihrer Gegenwart zu beehren gedachten ; ich vermißte auch während der Hatz Prinz Christian nicht , der sonsten niemalen gefehlet ; ich that Alles rein aus Gewohnheit ab , da meine Gedanken bei Friederiken waren , hatte gemeint in der Nacht ein leises Weinen von ihr zu hören , konnte mir aber nicht klar werden , ob es im Traum oder Wachen gewesen . Wurde auch ein Keiler , nachdem er etliche Hunde darnieder geschlagen , im Garn gefangen , und ihm von dem fremden Prinzen der Fang gegeben , und fuhren die Herrschaften bald nachher zum Jagdschmaus auf das Schloß Elchsburg . Mich aber hatte plötzlich eine Angst erfaßt , daß ich quer durch ein Tannengestelle drang , um rascher heim zu kommen . Das Geäst schlug mir die Augen wund – ich achtete es nicht ; rasch athmend stand ich endlich unter der Linde neben dem Brunnen ; es lag ein unheimlich fahlgelb Dämmern über dem alten Gemäuer und den herbstlichen Wipfeln der Bäume , und da ich Alles so friedlich und still vor mir sah , kam auch Ruhe über mich und ein fast übermüthig Thun . Ich schlich mich durch das Hofpförtlein , klomm an dem Epheu , der ihr Fenster umrankte , ein paar Fuß in die Höhe , und wollte schauen , was sie in der Einsamkeit wohl beginnen möge . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Unverstanden aus : Die Gartenlaube 1880 , Heft 39 , S. 638 – 640 Fortsetzungsgeschichte – Teil 3 [ 638 ] Unverstanden . Alte Rechte vorbehalten . Von W. Heimburg . ( Schluß . ) „ Zuerst sah ich nichts ; denn mein Auge konnt ' sich nicht gewöhnen an die Dämmerung da innen , aber dann – Johannes ! Wie bin ich nur herunter gekommen von dem Fenster , und zu dem Bänklein , wo ich mich hernach wieder fand ! Mein Weib – und mein Freund ! Er lag auf den Knieen vor ihr , die im Sessel ruhete , hatte ihre Hände gefasset und den Kopf darüber gebeuget – kein Hauch , kein Laut , der sie störete in dem einsamen Hause ! Der das Recht dazu gehabt , war ja tief im Walde . Da faßte mich ein finsteres böses Wesen ; ich riß das Gewehr von meiner Schulter und legete an auf das Fensterlein , aber dann warf ich jenes weit von mir und barg den Kopf in meine Hände , und die finstersten Stunden meines Lebens senketen sich über mich . Erst spät ging ich in mein Gemach und lauschte auf ihre Tritte – was ich mit ihr beginnen wollte , war mir selbst nicht klar , ein Zorn hatte mein Herz erfasset , eine Verachtung , daß ich sie mit dem Fuße hätte hinwegstoßen mögen , wie einen Hund . Und endlich hörte ich sie kommen ; die Thür des Zimmers that sich langsam auf , und sie stand auf der Schwelle , so schlank , so süß , wie nur jemals ; verweint und bleich schritt sie zu mir herüber , und vor mir stehen bleibend , sank sie zu Boden . „ Heinrich ! Heinrich ! “ klang es in mein Ohr , und ihre gefalteten Hände reckten sich empor zu mir . Was sie noch sonsten sagte , verstand ich nicht ; die Worte erstarben auf ihren Lippen . Da sprang ich auf in wildem Zorne und riß sie jäh empor ; mit festem Griffe packte ich ihre Hand und führete sie hinaus aus dem Gemache durch die Halle , über die Schwelle meines Hauses . Willenlos folgete sie mir , nur ein schier vergehender Blick brach aus ihren Augen , wie der eines todtwunden Rehes . Ich sagte nichts und deutete nur mit der Hand den Weg entlang , aber nun verstand sie mich ; hoch und stolz hatte sie sich aufgerichtet , das schöne Haupt in den Nacken zurückgeworfen – so stand sie vor mir , als wär ' nicht sie , sondern ich schuldig . Ihre Lippen bewegten sich , als wollt ' sie sprechen ; dann wendete sie sich mit fast verachtungsvoller Geberde und schritt in den dämmernden Abend hinaus – und als sie mir entschwunden , da warf ich das Gewehr über und im wilden Schmerze lief ich die Nacht im Walde umher . Als ich nach Hause kam im Morgennebel , hatte ich nur den einen Wunsch , sie möge wiedergekehrt sein , schuldig oder nicht ; ich lag zu tief in des unseligen Weibes Fesseln . Jobst aber berichtete mir erschreckt , die Frau sei über Nacht nicht daheim gewesen , also daß ich bitter auflachte : „ sie wird ein Obdach wohl gefunden haben . “ Doch im selbigen Momente sprengte ein Reiter daher , und ich erkannte an dem isabellenfarbigen Rosse Prinz Christian ; da warf ich Jobsten mein Gewehr zu , auf daß kein Unglück geschehe , stemmete meine Hände in die Seiten und sah ihn finster herankommen . Er streckte mir die Hand entgegen ; das Haar hing ihm verworren um die Stirn ; unordentlich saßen ihm die Kleider , und bleich und überwacht sah er aus , wie Jemand , der in schwerem Leid die Nacht durchsorget oder sie durchschwelget hat . „ Ich habe mit Dir zu reden , Heinz , “ sagte er tonlos und schwang sich vom Pferde . „ Was zwischen uns zu reden ist , vermag nur ein eiserner Mund , “ entgegnete ich . Er stutzte und sah mich forschend an . „ Ich meine , Du verstehst mich falsch , Heinz ; ich will für Dein Weib sprechen – “ Da lachte ich gellend auf . „ Mein Weib ? Ich wüßte nicht , daß ich annoch eines hätte , und daß ich eines besaß , hab ' ich vergessen . “ „ Um des Himmels willen , Heinrich ! “ schrie er entsetzt , „ was soll dieses Gerede ? Wie siehst Du aus ? – Wo ist Friederike ? “ [ 639 ] „ Das magst Du wohl besser wissen , denn ich , “ erwiderte ich . Er aber war blaß geworden wie der Tod . „ Fort ist sie , “ rief er , „ Du hast – “ Dann brach er ab . „ Heinz , Du bist ein roher , ein gefühlloser Gesell , “ schrie er , „ Du bist nicht werth , daß sie Dir einen Blick gegönnt ; Du hast sie niemalen geliebt . “ Da brach das Lachen wieder von meinen Lippen . „ Du magst es freilich besser verstehen , “ entgegnete ich , „ bin ich doch kein Höfling und kein Prinz und habe es nicht zu Paris erlernet , wie man seines Freundes Weib verführet . “ Aber er achtete meiner bitteren Worte kaum , schier verzweifelt geberdete er sich , und wie ein Rasender bot er Knechte und Jägerburschen auf , die Frau zu suchen , und jammernd und schreiend lief Jobstens Weib umher , immer dasselbe wiederholend : die Frau habe sich ein Leides angethan ; sie sei schon lange so wirr und verstört gewesen und habe zuweilen so arg geschrieen und geweinet . „ Herr , “ jammerte das Weib und fiel vor mir nieder auf die Stufen der Freitreppe , wo ich noch immer stand , als sei ich zu Stein geworden , „ Herr , ich überleb ' s nicht ; sie ist in den See gegangen , in den See . “ Mir aber klangen die Worte in die Ohren , die Friederike am Hochzeitsabend gesprochen : „ Dann wäre ich fortgegangen , und Du hättest mich nicht wiedergefunden . “ Warum wollte sie damals fort ? Weil sie wähnte , ich könne sie nicht lieben , und doch galt ihr diese Liebe ein Nichts ; sie ward treulos bei der ersten Versuchung , so ihr entgegentrat . Dann packte mich wieder eine wilde Verzweiflung ; Gott , wenn es wahr wäre , wenn sie im See läge , bleich und todt ! Ich stürzte die Stufen hinunter ; ich wollte sie suchen , aber – was ging sie mich an ? Ein Anderer suchte sie ja schon mit aller Liebesangst – sie selbsten hatte mir das Recht dazu genommen . Ich ging in mein Gemach und begann dorten auf und ab zu wandern ; dann und wann streifte mein Blick das Schießzeug , und ich dachte , ob ' s nicht besser sei , dem elenden Leben ein Ende zu machen . „ Um eines Weibes willen , die treulos ? “ fragte ich dann , „ ist dein Leben nicht mehr werth , denn solchen Preises ? “ Ich stieß die Thür zu ihrem Zimmer auf ; es stund und lag Alles , als sei sie nur eben hinausgegangen – auf dem Tischlein am Fenster Bücher , die ihr Prinz Christian gebracht , ein Spitzentüchlein , wie sie es so gern über dem Haar trug , und in einem Krystallgläschen ein Waldstrauß , rothe Ebereschen und bunt gefärbtes Eichenlaub ; das kleine Spinnrad mit den Elfenbeinverzierungen war zur Seite geschoben ; ich meinete , das blasse Händlein an dem feinen Faden zu sehen , den schmalen Fuß auf dem Trittbrett . „ Friederike , Friederike ! “ rang es sich aus meiner Brust , „ es kann ja nicht sein ; es ist nur ein Träumen gewesen , ein entsetzlich Träumen ; Du mußt wieder kommen ; es muß werden wie früher , nein , besser , schöner noch ; was hab ' ich Dir gethan , daß Du mich so elend gemacht ? “ Aber es blieb still um mich , todtenstill – und so lag ich vor ihrem Stuhle , Stunde um Stunde , und hielt das Tüchlein an meine brennende Wange gedrückt , bis die Dunkelheit herniedersank ; nur das Ticken der Uhr mahnte , daß die Zeit nimmer stillstund . Dann ein Gewirr von Stimmen , das Jammerrufen der Jobstin , und als ich hinausstürzete , da sah ich in dem unstäten Lichte einer Fackel – mein Weib ! Prinz Christian trug sie in seinen Armen und legte sie eben auf ein Bänklein , und dorten lag sie seltsam starr und bleich , und von den langen blonden Haaren und den Gewändern rieselte es klar und hell , und eine lange nasse Spur zog sich durch die Haare . Das Herz stand mir still ; ich mußte mich an die Wand stützen , und still und lautlos war es rund umher geworden unter den Menschen , so die Halle fülleten . Dann wollte ich hinüber zu ihr , aber Prinz Chritian vertrat mir den Weg und erhob abwehrend die Hand . „ Was willst Du noch von ihr ? “ Da wandte ich mich zurück ; und schritt wieder in mein Gemach . – Johannes , und als das Frühroth hereinbrach , da war ich ein Anderer geworden – Sie sagten ja , ich habe ein Herz von Stein , sie wußten aber nicht , wie weich es gewesen . Ich fragte nicht einmal , wohin man sie betten wollte – was ging es mich auch an ? Man behandelte mich , als sei ich ein Fremdling in diesem Hause ; die alten Tanten kamen aus dem Stifte , aber nach mir forscheten sie nicht ; ich war ja ein herzloser Mensch , gefühlloser denn ein Stein ; ich hatt ' sie verkümmern lassen an meiner Seite – ich hatt ' sie in den Tod gejagt . Die Nacht vor dem Begräbniß aber schlich ich mich in den Saal , da man sie aufgebahret hatte ; hell schien der Mond durch die Fenster und zeigte mir das Antlitz , so ich mehr geliebt als mein Leben , und das itzo im kalten grauenvollen Todesschlummer erstarret war ; ich wollte die feinen weißen Händlein ergreifen , die gefaltet auf dem stillen Busen ruheten , aber es durchschauerte mich wiederum ein unfaßbar Grauen ; die Hand war ja treulos gewesen , ein Truggebilde das holde Weib , Lug und Trug ihre Liebe , Lug und Trug die Freundschaft , Lug und Trug die ganze Welt . Ein halberstickter Fluch kam über meine Lippen , und dröhnenden Schrittes verließ ich das Todtengemach ; schallend flog der Hall der Thür durch das stille Haus . Dann pfiff ich meinen Hunden , warf das Gewehr über und schritt in die Nacht hinaus , ruhelos , ruhelos . Wie oft seitdem bin ich so gewandert in langen Nächten , bei süßem Mondenschein zur Sommerzeit , bei schauerlichem Sturm und Unwetter des Herbstes , immer das bleiche Frauenbild vor Augen ! Den Morgen aber , da man sie zur Ruhe brachte , tobte ein Sturm daher , daß die Knechte , so den Sarg trugen , kaum zu stehen vermochten und die halbentlaubten Bäume sich ächzend bogen unter der Windsbraut Gewalt ; in den Lüften wirbelte der erste großflockige Schnee des kommenden Winters und streute seine leuchtenen Sternlein als weiße Blumen auf das dunkle Grün der Tannenkränze , mit welchen die Jobstin den Sarg geschmücket . Ich hatte die Stirn an die Scheiben meines Fensters gedrücket und schauete dem kleinen Zuge nach , wie er anitzt durch den Wettergraus dahin schwankte , aber mein Herz fühlete nichts und konnt ' nicht mehr schreien und jammern ; es war gestorben , Johannes , so kalt und todt , als jenes dort im Sarge . – Der Hund winselte neben mir ; das unvernünftige Thier fühlete gar wohl , was es verloren , aus der Halle aber scholl das Schreien und Klagen der Frauen . Da raffte ich mich empor , als der letzte Mann des Grabgeleites hinter den Bäumen verschwunden war , hieß mein Pferd satteln und ritt auf das Schloß , als ich aber Prinz Christian zu sprechen heischte , da ward mir der Bescheid , daß er in aller Frühe gereiset sei , es wußte aber Keiner wohin ; nur ein Brieflein , so Seine Durchlaucht für mich zurückgelassen , sei eben zu mir gesendet . Da wandte ich mich um , und ein spöttisch Lachen kam mir auf die Lippen , „ so ist ' s recht , “ sagete ich mir , „ treulos und feig , und der ist erlauchten Blutes ! “ Die Leute aber , denen ich begegnete , wichen mir aus und blickten mich schier entsetzt an , und ein jung Dirnlein hört ' ich sagen : „ Da siehet man , was eines Mannes Treue gilt ; vor einer Viertelstund ist die Frau eingesenket , und itzo reitet er dahin , als sei ihm nichts Böses geschehen – Mutter , ich nehm ' keinen Mann . “ „ Gott soll Dich behüten vor solch einem Unhold , “ war die Antwort der Alten . Daheim aber öffnete ich den Brief . „ Es ist das Beste “ , hieß es darinnen , „ es bleibet Alles zwischen uns für jetzt unausgesprochen ; denn annoch würdest Du es nicht ertragen , die Wahrheit zu hören . Ich gehe , dieweilen ich mich nicht mit Dir schlagen will . Auch itzo noch Dein aufrichtiger Freund – “ Das zu glauben , wäre wohl mehr gewesen , als von mir zu verlangen stund . Nach Jahren erst führete mich der Zufall an Friederikens Grab ; an jenem Tage war es , an dem ich sie einst heim geholt . Ich streifte umher , verzweifelter denn jemalen , ich war ein verlassener , finsterer Mann , den die Menschen flohen ; hatten doch die bösen Zungen wer weiß welche Märlein von mir herumgetragen , die mich als Ungeheuer , als einen Wütherich ausmaleten . – Unter einer uralten Eiche hatte man sie gebettet ; rings umher war Waldesrauschen , Waldesfrieden und feierliche Einsamkeit ; schmucklos und einfach war der aus Steinen errichtete Hügel , gegenüber dem Grabe aber hatten sie einen Durchhau gemacht , und in dem grünen Rahmen der Zweige erschien fern das herzogliche Schloß , und die Fenster leuchteten und blitzten herüber , als grüßeten [ 640 ] sie das einsame Grab , als wollten sie eifersüchtig über seinen Frieden wachen . „ Auch im Tode noch ! “ murmelte ich und wandte mich bitter lächelnd ab . Prinz Christian kehrete erst nach Jahren wieder heim , als ich zwar körperlich noch jung , aber ein Greis an meiner Seele geworden . Er zehret , Johannes , solch ein Jammer ; er macht alt vor der Zeit . Der Prinz trachtete mit mir zu sprechen ; ich wies ihn ab , maßen mein Herz vor Kummer und Zorn mich leichtlich hinreißen kunnt ' , die Ehrfurcht , die ich ihm als meines durchlauchtigsten Herzogs Bruder schuldig , zu verletzen ; meines Herzogs Bruder - weiter war er nichts mehr für mich . - Doch nicht einmal , hundertmal wiederholete er den Versuch , aber ich wußte ihm dennoch auszuweichen . Und wieder nach Jahren warf ihn ein hitzig Fieber danieder , und da sie mir sagten , es gehe mit ihm zum Sterben , ich möge kommen , da ging ich und stand an seinem Bette - nicht liebevoll und vergebend , nein , als ein Richter . Und da bekannte er mir , daß er sie still geliebet , schon ehe ich sie gekannt , doch daß sie niemalen davon erfahren ; nun habe er sie wieder erblicket als mein Weib und habe entdecket , sie sei nicht glücklich , und da sei ihm die Leidenschaft arg in Kopf und Herz gestiegen , also daß er nichts Anderes mehr gesehen als sie und ihr kummerschweres Antlitz . Und da er sie eines Tages in Thränen und Weh gefunden , habe er ihr , nicht mehr Herr seiner Leidenschaft , seine Liebe gestanden . „ Du weißt , Heinz , welchen Tag ich meine , “ setzte er hinzu , und sein farbloses Gesicht ward noch bleicher . „ Sie aber wies mich ab mit harten Worten , sie liebe nur Einen , sagte sie - Dich Heinz , Dich Heinz ! “ Er richtete sich in den Kissen empor nnd fassete meine Hände , „ Dich allein , Heinz ! “ wiederholte er mit vergehendem Athem , ihr Gram , ihr Kummer - sie meinte , Du liebtest sie nicht ; armer Heinz , Ihr habt Euch nimmer verstanden - unverstanden ! Das ist hart . “ Dann sank er matt in die Kissen zurück , und nach einer Weile flüsterte er nochmalen : „ Vergieb mir , Heinz , um ihres Angedenkens willen ! Sie hat Dich , Dich allein geliebet . “ Ich saß bei ihm und hielt die erkaltenden Hände , bis sich der ewige Schlummer auf seine müden Augen gesenket . Von seinem Sterbebette aber eilte ich zu ihrem Grabe - Johannes , weißt Du , was Reue ist ? Mag Gott es Dir ersparen ! - Es ist spät ! die Dämmerung sinket hernieder ; draußen schweiget schon lange das Lied . Es schauert kalt durch ' s offene Fenster - ich bin alt . Vorbei Liebe , Haß und Leiden - vorbei , Johannes ! Kommst Du einmal in unsere Berge , so kehre nicht bei mir ein , wenn ich noch leben sollt ' , behalte mein jugendfrisches Bild im Gedächniß ! Es ist besser so . Aber gehe nicht vorüber an ihrem Grabe , Du weißt , an dem Tannengestelle unter der Eiche ! Und wenn Du die Worte liesest auf dem Täflein , so gedenke ihrer , und meiner - meiner , Johannes , als Eines , der es nimmer verstund , glücklich zu sein . Geschrieben im rothen Hause . Dein Freund Heinrich Mardefeld . “ Nun war der Laut meiner Stimme verhallt und das Gemach erfüllte rosiger Abendschein , noch ebenso rosig , wie vor langer , langer Zeit , als ein einsamer unglücklicher Mann diese Zeilen aufschrieb . Der goldene Schein lag draußen auf den Wipfeln der alten Linden und färbte purpurn die schlichten Wände des kleinen Gemaches , und wie ein rother verklärender Schleier wob es sich um die weiße Mädchengestalt in meinen Armen . „ Friederike ! “ sagte ich leise und küßte die weinenden Augen . Wer von uns Beiden zu dem Andern gekommen ? Ich weiß es nicht mehr . „ Ich war schuld , “ sagte sie endlich nach langem Schweigen , „ ich war bös und trotzig . “ „ Nein , nein , ich ; ich hätte Dich doch ehrlich fragen können , “ entgegnete ich . „ O , ich dachte , Du wärst mir nicht mehr gut , weil Du nicht ein Mal geschrieben hast . “ „ Ich durfte ja nicht , Liebchen , ich hatte es dem Vater versprochen - “ „ O Ulrich , wie unglücklich war ich doch ! “ „ Und ich erst , Frieda ! “ Und wie ich ihr nun so tief in die blauen verweinten Augen sah , da las ich ein süßes Versprechen darin : Nie , niemals will ich wieder stolz gegen Dich sein . Und in meinem Herzen versprach ich ihr auch etwas , und Beide haben wir es gehalten , dieses stumme Versprechen , bis zu dieser Stunde , und schon lag vor einem halben Decennium der silberne Myrthenkranz auf der Stirn meines Weibes . Anf dem Heimwege aber sind wir noch an das einsame Grab getreten , und Frieda hat einen Tannenkranz auf den epheubewachsenen Hügel gelegt . Hand in Hand saßen wir dort auf dem kleinen Bänkchen , und über uns flüsterten und rauschten die Blätter im Abendwinde , und aus dem Rauschen klang es wunderbar an unser Ohr , bald Jubel und Weh , bald Klagen und Jauchzen ; der Abendwind erzählte uns von Denen , die hier schlummerten , und die er gar gut gekannt , von der holden , unglücklichen Frau , von dem biederen , sie über Alles liebenden Manne , von einem unendlichen Schatz des süßesten Erdenglückes , der sich unter diesen Steinen barg , weil jene Beiden es nicht verstanden , ihn zu heben . Am Gatterthor kam uns der Onkel entgegen ; schon sah der Mond über die Berge . „ Nun ? “ fragte er , „ hast Du die Geschichte gelesen ? “ „ Ja , Vater ! “ sagte ich . Und er nickte , lächelte erst , drückte uns die Hände und küßte sein Töchterlein auf die Stirn . Ich wußte nun , weshalb er mir jene Blätter gegeben , jene alten , vergilbten Blätter .