unsere Gelder auf der Sparkasse angreifen müssen . Ob Mama sie Dir im November wieder wird geben können , ob überhaupt ? – Wir wollen alles thun , daß es möglich werde , aber bitte , behilf Dich vorläufig ! Wenn wir eine Freistelle für Ottilie in Halle erlangen können , geht es vielleicht . – Mir ist der Kopf so schwer . – Schreibe ein paar freundliche Worte an Mama , die sie trösten , sie beruhigen ! Wegen des Zuschusses sage ihr , daß Du ihn nicht so notwendig brauchst – auch wenn ’ s nicht wahr ist , ich weiß ja , daß Du darauf wartest … aber – ach , es ist schrecklich ! Ich grüße Dich herzlich . In Trauer Deine Schwester Hede . “ Der junge Mann löschte plötzlich die Lampe aus ; totenstill und dunkel ward es im Zimmer , nichts als ein unheimliches Sausen , ein schrilles Pfeifen draußen im Wald . Das war der Herbststurm , der sich aufgemacht hatte , und nun klatschten die Regenstrahlen gegen die Fenster , ein Wetter , wie es der wilde Jäger mit sich bringt , wenn er durch die Lüfte jagt . Und Heinz Kerkow lachte plötzlich auf , kurz , höhnisch . Kannst dir gratulieren , Aenne , daß du den Kerl mit den leeren Taschen los bist ! Heute mittag hing ’ s an einem Haare , und er hätte dir den Schwur der Liebe von den Lippen geküßt – – . Aenne , reizende kleine Aenne , du wirst ihn bald vergessen haben und er – heiratet eine andere , was bleibt ihm denn sonst übrig ! Man will doch nicht verhungern , man kann doch seine Familie nicht verkommen lassen ! Ja , wenn man arbeiten könnte mit den zwei starken Armen , wie ein Knecht wollte ich leben , um zu sparen für dich , Aenne , und die anderen ; das wäre doch noch etwas , aber so ! Die alte Frau stürbe , zöge ich den bunten Rock aus ; und wenn auch nicht – bis ich sie ernähren kann als verabschiedeter Offizier , bis dahin wäre sie verhungert , und die Schwester mit , und du , kleine sonnige Aenne , wärst alt , grau und verbittert geworden . Also vorwärts ! Leb ’ wohl , Aenne , vielleicht dereinst erfährst du noch ’ mal , daß ich dich sehr , sehr lieb gehabt habe ! Und jetzt lachte er nicht mehr . Er hatte den Kopf mit dem Kraushaar auf seinen Arm gelegt und – gottlob , daß es dunkel war und daß der Sturm so heulte . Heinz von Kerkow wollte doch selbst nicht hören und sehen , daß er weinte , bitterlich weinte um die Misere seines Lebens , um seine verlorene Liebe . [ 037 ] Am andern Morgen , als die Frau Oberhofmeisterin von der Andacht aus den Zimmern der Herzogin zurückkehrte , fand sie ein Briefchen von ihrem Neffen auf dem Schreibtische liegen . Der kurze Inhalt war . „ Wann kann ich Dich sprechen ? “ Die Tante ließ antworten : „ Sofort ! “ Er kam auch wirklich bald . Frau von Gruber , die im Erker saß und sich damit beschäftigte , eine Liste durchzusehen , welche die Namen der um Weihnacht zu berücksichtigenden städtischen Anstalten enthielt , sah ganz entsetzt den blassen , ernsthaften Mann an , in den sich über Nacht der übermütige junge Offizier verwandelt hatte . „ Aber , Junge , wie siehst du aus ? “ stammelte sie . Er machte eine abwehrende Bewegung mit seiner Rechten und setzte sich ihr gegenüber . Der falbe Tagesschein ließ die Veränderndem in seinem Gesicht noch schärfer hervortreten . Unwillkürlich nahm die alte Dame seine Hand , die ungeduldig auf dem Tischchen trommelte , zärtlich in die ihre . „ Heinz , du weißt ja , ich habe selbst nicht viel , aber wenn ich augenblicklich dir aushelfen kann – bitte , sag ’ s mir . Du möchtest vielleicht etwas nach Hause schicken oder gar selbst hinreisen ? – Wie ? “ „ Du triffst den Nagel immer aus den Kopf , Tante ! Ich nehme dein Anerbieten an . “ erwiderte er . Es war , als ob jeder Klang aus seiner Stimme gewichen sei . „ Nicht nur wegen zu Hause , “ fuhr er fort , „ aber weißt du , es ist auch nicht angenehm , wenn man ohne einen Dreier in der Tasche auf Freiersfüßen [ 038 ] gehen soll . Sag ’ mal – wieviel hat sie nun denn eigentlich geerbt ? Aber – laß das nur , es kommt auf ein bißchen mehr oder weniger nicht an , meinen Kaufpreis mag ich auch gar nicht wissen , ich könnte am Ende , arrogant wie ich bin , herausfinden , daß ich mehr wert bin als ihre lumpigen paar Tausend ! “ Frau von Gruber war jäh aufgestanden . „ Heinz , “ stieß sie zürnend hervor , „ ich habe dich immer als einen zartfühlenden , delikaten Menschen gekannt , aber – – “ „ Lieber Himmel , Tante , ereifere dich doch nicht ! Ich bin mit dem besten Willen nicht imstande , Hokuspokus dir gegenüber zu machen um diese Sache , die doch ganz und gar nach deinem Herzen ist , sogar ein Lieblingswunsch von dir – das weißt du wohl besser als ich . Nun könnte ich ja uns beiden allerhand vorlügen , um die Geschichte ansehnlicher zu machen , aber , siehst du , es geht nicht , noch nicht , ich muß mich erst daran gewöhnen , diese Komödie zu spielen – – sieh nur nicht so entsetzt aus ! Du weißt ja , Tante , daß die Heirat nach Geld jetzt eine Existenzfrage geworden ist – und zwar nicht um meinetwillen . Weiß Gott , stünde ich allein , morgen wäre ich weit fort von hier , irgendwo in der Welt , wo einer arbeiten kann im Drellrock , wo man essen kann , was man will , ohne kontrolliert zu werden , wo es standesgemäß hergeht , oder wo man ein Stück trocken Brot hinunterwürgt . Aber da , die alte Frau , weißt du – na , wir verstehen uns , und bevor ich zu einem Agenten gehe , will ich dich fragen , wie ist ’ s mit der Toni ? “ Die alte Dame hatte sich unter den schneidenden haarscharfen Worten wieder gesetzt . „ Du willst sie nur des Geldes wegen nehmen , Heinz , und im übrigen ist sie dir ganz gleichgültig . “ Sie versuchte , ihm wenigstens etwas Beschönigendes abzulocken . Aber er ging nicht darauf ein . „ Ja ! “ sagte er kurz . „ Frage nicht so , Tante , ich nehme sie um ihr Geld , wie sie mich vermutlich nimmt , weil sie durchaus einen Mann haben will , etwas , das ganz bekannt ist in der Residenz und hier . Nach jedem Kameraden , der hierher kommandiert war , hat sie ihre Netze ausgeworfen auch nach mir – – . Nun schön , ich will mich fangen lassen , es erspart mir die Mühe , eine andere zu suchen , und was dich betrifft , Tante , so bitte ich , sei meine Freiwerberin und wenn du kannst , bald . Ich gestehe , mir brennt der Boden unter den Füßen – ich möchte Mama sehen . “ „ Aber , ums Himmels willen , so plötzlich ! Was soll Toni denken ? “ „ Herrgott , die wird ’ s äußerst begreiflich finden , ich habe ihr ja gestern abend die Cour geschnitten wie toll . “ „ Schon in der Absicht , sie zu – – ? “ „ O , liebe Zeit , nein ! Nein ! Indes , es geht ja nun ganz gut . “ „ Aber , Heinz , wenn sie es merkt , welcher verzweifelten Stimmung dieser Antrag entspringt ? “ „ Ueberlasse doch mein Verhalten ihr gegenüber vertrauensvoll mir , Tante ! Das Einzige , um was ich dich bitte , ist , daß du sie vorbereitest . Drehe es nun , wie du willst ! Wenn du mir sogenannten günstigen Bescheid bringst , werde ich an sie schreiben . “ „ Warum nicht persönlich werben , Heinz ? “ „ Ich kann es besser schriftlich thun . “ „ Und wann willst du , daß ich – ? Toni liest Ihrer Durchlaucht eben vor , vielleicht während Durchlaucht mit Seiner Excellenz konferiert und Toni im Musiksaal Klavier spielt ? “ „ Wie du denkst , Tante ! Meinetwegen auch mit Musikbegleitung . “ „ Aber Heinz , so bald ? “ „ Sofort , Tante , wenn möglich sofort ! Lasse mir Bescheid zukommen ! Sobald ich ihr Jawort habe , reise ich zu Mutter . “ Um ein Uhr schickte Frau von Gruber ihrem Neffen ein Zettelchen „ Ich gratuliere dir , sie liebt dich . “ Er hatte es aufgegeben , an Toni von Ribbeneck zu schreiben es wäre eine Feigheit gewesen , und feig war er nicht . Er nahm den Helm , ließ sich bei dem Fräulein melden und wurde gleich darauf in das mit blau und weiß broschierter , etwas verblichener Seide ausgestattete Hofdamenzimmer geführt , das von der jetzigen Bewohnerin verschwenderisch ausgeschmückt war mit Statuetten , Makarthouguets , Eisbärfellen , Nippes und Photographien aller Art. Ein starkes mit Patchouli untermischtes Parfüm wehte ihn an und erschwerte ihm das schon mühsame Atmen . Er ließ seine Augen in dem Zimmer umherschweifen . Toni von Ribbeneck war nicht darin . Er wollte sich sammeln , aber er war schlechterdings nicht imstande , sich vorzustellen , wie sich die nächste Viertelstunde seines Lebens abspielen werde . So stand er und starrte einen japanischen Schirm an , auf dem buntschillernde Vögel gestickt waren . Gott im Himmel , wie anders hatte er sich sein Freien gedacht ! Und dann trat sie ein , klein , blond , ohne Frische , untersetzt . Keine Spur mädchenhafter Verlegenheit auf dem runden Gesicht , die Augen , die groß und farblos waren , erwartungsvoll auf ihn gerichtet , und doch so , als habe sie keine Ahnung von dem , was ihn hergeführt . Sie trug eine Hausrobe von mattblauem Seidenplüsch , so verblichen wie ihre Augen und so matt wie ihr straff zurückgenommenes Blondhaar . Es war ihm plötzlich , als zöge eine unsichtbare Macht ihn wieder der Thüre zu . Nein , nein , das war nicht die , die er in seine Arme nehmen konnte , um sie Braut und Liebste zu nennen ! Aber da sah er wieder das gramdurchfurchte Antlitz der alten Frau , die seine Mutter war . „ Gnädiges Fräulein , “ stammelte er endlich , „ Sie wissen , weshalb ich hier vor Ihnen stehe – – “ Sie senkte stumm den Kopf und setzte sich auf den kleinen Fauteuil , der hinter dem japanischen Schirm stand , indem sie mit der Hand einen ihr gegenüber stehenden Schemel bezeichnete , auf den er sich niederlassen sollte . Das blendende Licht der Fenster traf ihn voll , während sie im Schatten blieb . Noch immer verharrte sie stumm mit keiner Bewegung , keinem Worte kam sie ihm zu Hilfe ; sie wollte den erhebenden Augenblick , in dem ein Mann sie zur Frau begehrte , voll auskosten . „ Ahnen Sie es nicht , gnädiges Fräulein , “ begann er endlich , „ erraten Sie nicht , daß ich eine große , sehr große Bitte an Sie zu richten im Begriff bin , daß ich – – ? “ „ Daß Sie mir sagen wollen ‚ ich liebe Sie , Toni ! ‘ “ unterbrach sie ihn mit ihrer spitzen klanglosen Stimme . Er verbeugte sich zustimmend . „ Und daß Sie mich heiraten wollen , Kerkow ! “ Wieder eine stumme Verbeugung . „ Aber – wenn ich nun nicht in der Lage wäre , wenn ich – – es kommt so plötzlich ! “ Sie spielte , kokett lächelnd , mit den Schleifen ihres Kleides . Er erhob sich sofort . „ Pardon , gnädiges Fräulein ! “ Ihr Lächeln verschwand augenblicklich . „ Aber , Lieutenant Kerkow ! “ sagte sie bestürzt und streckte die Hand aus , als wollte sie ihn halten . „ Mir ist nicht zum Scherzen , “ stieß er hervor . „ Nun denn , machen wir Ernst , Kerkow ! “ rief sie und reichte ihm die Rechte hinüber , die er langsam an seine Lippen führte . „ Und damit Sie es denn wissen , ich – ich habe es geahnt , daß Sie heute kommen würden . “ „ Meine Tante – “ murmelte er . „ Nein , seit gestern abend , Kerkow , seit dem Souperwalzer . “ Das war der Walzer , mit dem er Aenne „ kurieren “ wollte . Er wurde rot , so schämte er sich vor sich selbst , und küßte nochmals ihre Hand . Sie schwieg und sah ihn an mit Augen die sich vom Glück belebten über den schönen , längst begehrten Mann „ Kerkow , “ sagte sie leise , „ warum kommen Sie heute erst ? “ Er stotterte etwas von nicht gewagt haben – . “ Da fühlte er sich umfaßt , sie zog sich zu ihm empor und ihre Wange streifte die seine . „ Heinz , ich weiß ja längst , daß du mich lieb hast , schon lange , lange ! “ Er sah mit ganz verstörten Augen zu ihr hinunter , die nun den blonden Kopf an seine Brust gepreßt hielt . „ Schon längst ? – Nein ! “ sagte er laut , unfähig , sie in diesem Irrtum zu lassen , der einen überschwenglich beglückten Bräutigam voraussetzte . „ Ich habe Sie immer nett und bewundernswert gefunden , aber der Entschluß , Sie als Frau zu begehren , der ist noch neu . “ Sie war empor gefahren und starrte ihn an , einen Zug grenzenloser Enttäuschung um den Mund . „ So ? “ antwortete sie . „ Ich bin ein Fanatiker der Wahrheit , und derjenigen , die meine Frau wird , kann ich nichts vorlügen , “ sprach er weiter . Sie biß in die Unterlippe , sie wußte es ja ganz genau , daß [ 039 ] er in früheren Zeiten ihr eher ausgewichen war als sie zu suchen aber sie hatte doch gemeint , er werde sagen . „ Ja , Toni , schon lange . Und dann hätte sie ihrer Familie schreiben können „ Ich war seine einzige Liebe “ – „ Dann liebten Sie eine andere ? “ fragte sie durch die Zähne . Er hatte Lust , mit dem Fuße aufzutreten . Was ging sie seine Vergangenheit an ! „ Baroneß , “ sagte er kurz , „ bisher dachte ich nicht an die Ehe ! “ – Das Wort „ Liebe “ vermied er . „ Und das ist so plötzlich gekommen ? “ Sie schlug schmachtend die Augen auf . „ Wie das kommt ? “ fragte er zurück mit gefurchter Stirn . „ O , vergeben Sie , ich quäle Sie ! “ rief sie geängstigt . Er sah aus , als stände er im Begriffe , eine Abschiedsverbeugung zu machen und sporenklirrend hinaus zu gehen , und sie warf sich in den Sessel und begann zu weinen . „ Ich bitte Sie , mir zu verzeihen , “ begann er nun „ ich bin vielleicht unzart gewesen , Toni , aber in dieser Stunde kann ich so wenig lügen , noch weniger als in jeder andern . Hat Sie mein Bekenntnis enttäuscht , so schicken Sie mich fort ; behalten Sie mich trotzdem , so werde ich Ihnen dankbar sein mit jedem Atemzuge , denn ich bin ein bedrückter Mensch , der Schweres zu tragen hat und viel Geduld und viel Nachsicht braucht – von Ihrer Seite . “ Es lag etwas in seiner Stimme , das ihr imponierte , und sie dachte überhaupt nicht daran , ihn wegzuschicken , den schönen Heinz von Kerkow , um den sie beneidet werden würde auf und nieder im Lande . Sie hatte einen kleinen Versuch gemacht , sich von ihm belügen zu lassen , sie wollte ihn zwingen , ihr eine leidenschaftliche Scene vorzuspielen , es mißlang . Nun gut , er liebte sie nicht , aber er wollte sie heiraten , sie – oder ihr Geld – das genügte ! Sie reichte ihm die Hand . „ Geduld , Nachsicht , soviel Sie wollen , Heinz , denn ich liebe Sie ! Gehen Sie denn , lassen Sie sich bei Durchlaucht melden und bitten Sie um meine Hand ! “ Und sie stand auf und bot ihm die Lippen . Er beugte sich langsam hinunter zu der kleinen Gestalt und küßte sie , kalt , formell . Sie zuckte zusammen , das war kein Brautkuß ! Und als er zur Thür schritt , folgte ihm ein Blick , der nicht viel versprach von Nachsicht , Geduld und Liebe . – „ Freigeben “ dachte sie , „ soll ich ihn freigeben “ Dann schüttelte sie den Kopf . „ Nein ! nun gerad ’ nicht ! “ – – – – – – – – – Um zwei Uhr hatte das junge Paar bereits in seiner Eigenschaft als Verlobte vor der hohen Frau in dem kleinen dunkelrot dekorierten Eckzimmer gestanden und gnädige , von echtem Wohlwollen erfüllte Glückwünsche entgegengenommen , wenn auch Durchlaucht entschieden betrübt war , ihre liebe Ribbeneck zu verlieren und Frau von Gruber hatte ein paar Thränen dazu geweint . Die junge Braut besprach dann im Zimmer der Oberhofmeisterin mit ihrem Bräutigam die Form und die Anzahl der Verlobungskarten , und als die Tante diskret das Gemach verließ und nun eine lange peinliche Pause entstand , da wachte Heinz Kerkow aus seinem Stumpfsinn auf , nahm Mitleid und Ritterlichkeit zu Hilfe und zog das fremde Mädchen , dem nicht ein Schlag seines Herzens gehörte , an sich und dankte ihr noch einmal für ihr rasches rückhaltloses „ Ja ! “ und sagte , daß er bestrebt sein wolle , ihre Liebe immer mehr und mehr zu verdienen . Dann küßte er sie etwas scheu und zögernd auf die Stirn über ihren Kopf hinweg aber schweifte sein Blick wie gewaltsam angezogen , zum Fenster hinaus und blieb drunten am Hause des Medizinalrats May hängen . Zum letztenmal ! sagte er sich , denn er wollte – er wollte ein guter treuer Gatte werden , und das war er schließlich doch auch sich selbst schuldig ! Dort unten saß die Familie May bei Tische , und im nämlichen Augenblick als der Blick des Mannes abschiednehmend das Häuschen des Leibarztes streifte , bemerkte dieser , der eben den letzten Löffel Suppe verzehrt hatte . „ Und nun das Neueste , ich weiß es von Durchlaucht höchstselbst – der Heinz Kerkow und die Ribbeneck wollen sich heiraten . „ Das ist nicht wahr ! “ schrie Tante Emilie auf und ihre erschreckten Augen flogen zu Aenne . Aber kein Zug veränderte sich in dem jungen Antlitz . Schweigend erhob sie sich und setzte die Suppenteller ineinander und goß ihrem Vater das Bier ein , wie alle Tage , nur essen konnte sie heute nicht . Aber sie blieb bei Tische bis zu Ende und sagte auch irgendwas zu der Neuigkeit , aber Tante Emilie verstand es nicht recht , nur die Worte „ Freut mich für Toni “ klang es deutlich heraus . Und langsam und ohne Hast erstieg sie die Treppe zu ihrem Sälchen , und was dort oben geschah – das hat niemand gesehen . Aenne May ging folgenden Tages zur gewohnten Stunde mit Tante spazieren . Die kleine lebhafte , in heimlichem Mitleid fast vergehende Frau schlug den Weg nach der Stadt ein , in dem unbestimmten Gefühl , daß es dem Mädchen lieb sein würden den Schloßpark heute zu vermeiden . Aber Aenne fragte . „ Warum denn ^ Und so wanderten sie in dem prächtigen Garten umher , in welchem alles von der Poesie des Herbstes verklärt war purpurn rote Weinranken , die sich um weiße Marmorleiber schlangen , gold und rot gefärbte Boskette , gelichtete Bäume , die zu trauern schienen um ihr Sommergewand , bunte Blätter , die unter ihnen auf feuchtem Rasen lagen oder auf dem stillen Wasser des Bassins schwammen . Aenne war sehr schweigsam , und als ob es sich von selbst verstände , bis zur Schloßterrasse emporstieg . „ Dort oben wird ’ s zugig sein , Goldköpfchen “ meinte ängstlich die Tante . „ Aber die Aussicht desto schöner “ wandte Aenne ein , „ der Sturm der vergangenen Nacht hat die Luft klar gemacht . “ Oben angelangt , stützte sich die stark asthmatische Frau , nach Atem ringend , auf das Geländer und zog ihr Tuch höher an den Hals hinauf , Aenne ging langsam um das Bassin herum zum Pavillon hinüber , in dem gestern noch Heinz Kerkow so lustig geschafft hatte , und lugte durch die Scheiben . Nach ein paar Minuten kam sie zurück , ein bitteres Lächeln um den Mund . „ Nun können wir weitergehen , Tante , “ sagte sie . „ Was war denn in dem Pavillon “ fragte die Angeredete . „ Ein Tüncher , der die Wände überstreicht , so dicht daß man schon nicht mehr erkennt , wie sie ausgesehen haben , “ antwortete Aenne . „ Nicht wahr , “ fuhr sie fort , „ es wäre nett , wenn man es auch so machen könnte mit seinem Herzen , wenn man alles , was da drin gemalt und geschrieben steht , einfach frisch übertünchen könnte – wer das verstände – o ! – “ „ Welch ein Unsinn , Aenne ! “ murmelte die alte Dame . „ Aber , verlaß dich darauf , Tante , ich lasse auch anstreichen hier innen , es wäre noch schöner , wenn man etwas mit sich herumschleppen müßte , das man nicht will , nicht brauchen kann , das weh thut wie ein Dorn den man sich eingerissen hat ! – “ Sie sprach immer im Weiterschreiten , mit zurückgewandtem Kopf und wunderlich flackernden Augen . Dann waren sie unten im Park auf dem breiten Fahrwege angekommen , der in den Wald führt , und gingen wieder nebeneinander diesem entgegen . Hinter ihnen erscholl Pferdegetrappel und das leise Rollen einer Equipage auf Gummirädern Aenne wandte ruhig den Kopf dem vorüberfahrenden Wagen zu . Es war eine Hofequipage , im Fond saßen Frau von Gruber und Toni von Ribbeneck , auf dem Rücksitz Heinz von Kerkow , in Civil und ganz reisemäßig angezogen mit Umhängetasche , Plaidrolle und einem Handköfferchen neben sich . Er sah nach der entgegengesetzten Seite hinüber , wo ein zahmes Reh stand . Toni , in einem blauen Tuchkostüm , einen blauen Filzhut auf dem farblosen Haar , nickte gönnerhaft freundlich Aenne zu . Sie hatte heute Farbe und sah , wie Tante Emilie innerlich zugestand , ordentlich menschlich aus . Aenne grüßte zurück und schritt weiter mit undurchdringlichem Gesicht . „ Hör ’ , Kindchen , “ meinte die alte Dame , „ wenn ’ s dir nichts ausmacht , so geh ’ allein ein Stückchen weiter , ich besuch ’ derweil Fräulein Stübken , kannst mich abholen nachher . “ Fräulein Stübken war das ältliche Fräulein , das dem Oberförster Günther seit dem Tode der Frau den Haushalt führte , eine Person , die als wandelndes Wochenblatt von Breitenfels galt , besonders für die Rubrik „ Hofnachrichten “ . Aenne nickte , es freute sie , allein zu sein . Sie fühlte deutlich , daß in ihr etwas Totes war , von dem eine erschauernde Kälte ausging , daß sie aber alles aufbieten müßte , um dieses Gestorbene vor anderen geheim zu halten , diese armselige gewaltsam erstickte Liebe zu Heinz Kerkow . Das Blut schoß ihr sinnverwirrend in den Kopf , als sie daran dachte , daß er ihre heiße [ 040 ] [ 053 ] Aenne wünschte nichts sehnlicher , als unbemerkt von der Mutter ihre Stube zu gewinnen , um sich zu fassen . Aber es gelang ihr nicht . Die Frau Rätin , die eine kleine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Manne gehabt hatte , saß mit hochrotem Kopf in der Küche beim Quittenschälen , und der Zorn über die verlorene Schlacht gegen den Eheherrn fand einen willkommenen Ableiter in Aennes langem Ausbleiben . „ Sie soll nur kommen ! Es ist zu toll , die eine Stunde des erlaubten Spazierengehens auf zwei auszudehnen . Alles muß man allein besorgen , keinerlei Hilfe hat man von dem großen Mädchen ! Wozu ist sie denn da ? Um der Mutter zu helfen doch selbstverständlich – statt dessen wird gebummelt mit Tante Emilie , die eigens für den Zweck erschaffen zu sein scheint , um die mütterliche Erziehung über den Haufen zu werfen ! “ Frau Rätin erhob sich , legte das Messer in die Schüssel mit den zerschnittenen Quittenstückchen und riß die Thür nach dem Flur sperrangelweit auf , um die Ausbleiberin ja nicht zu übersehen . Sie zündete noch zum Ueberfluß die kleine Oellampe neben der Hausthür an , was sonst nur bei festlichen Gelegenheiten geschah . Kaum hatte sie wieder Platz genommen , als die Schelle ging und Aenne auf die Schwelle trat . Wie eine Rakete schoß die gestrenge Mama aus der Küche . „ Na , da sind wir ja ! “ rief sie . „ Es ist alles mögliche , daß du schon kommst ! Nun bitte , mein Fräulein , bemühe dich hierher und hilf ! Ich muß mich zu Tode plagen , und andere Leute bummeln ! “ Aenne wäre an jedem anderen Tage der kleinen scheltenden und im innersten Herzen so guten Mutter um den Hals gefallen , hätte sie ausgelacht und allerlei Possen getrieben – heute , in ihrer furchtbaren Erregung , fühlte sie , wie ihr das heiße Blut zu Kopfe stieg , und zum erstenmal gab sie eine trotzige Antwort . „ Du redest mit mir , als sei ich die Karoline , Mama ! Ich werde doch wohl das Recht haben , ein Viertelstündchen länger zu bleiben , wenn das Wetter so schön ist . Damit holte sie ein Messer aus dem Kasten und begann mit zitternden Fingern bei der Arbeit zu helfen . Frau Rätin aber war es , als habe die Posaune des Jüngsten Gerichts geblasen – das war noch nicht dagewesen ! „ Hör ’ mal , “ keuchte sie , „ weißt du auch , daß du – daß du den Respekt vergißt gegen deine Mutter ? Nicht eine Minute länger hast du zu bleiben , als wir dir es erlauben ! Weiß Gott , heute muß die Verrücktheit in der Luft liegen ( sie dachte an den Herrn Rat dabei ) , aber ich will euch Raison beibringen , und vor allem dir , die – du – – “ [ 054 ] Der Aerger erstickte ihre Worte . Sie hatte ja keine Ahnung , die erzürnte Frau , wie schwer verwundet das junge Herz da vor ihr war , daß es vor allem der zartesten Pflege , der größten Schonung bedurfte , eine solche Seelenkennerin war diese Frau nicht , die nie einen Herzenskonflikt durchzumachen gehabt hatte und ganz behaglich zu erzählen pflegte , sie habe ihre erste Liebe geheiratet und auch sonst nichts Schweres erlebt als ein wenig kleine Alltagsnot . Sie erstarrte daher fast , als das schöne Gesicht Aennes sich trotzig emporhob , und die zuckenden Lippen die bittern Worte sprachen . „ Nun , du wirst ja nächstens keinen Aerger mehr über mich haben , Mama , ich gehe ja bald aus dem Hause . “ „ Was sind das für Redensarten ? “ rief die ergrimmte Frau , „ was soll das bedeuten ? Auf der Stelle komm ’ mit zum Vater , daß er dir einmal klar macht , wie du dich gegen mich zu betragen hast , du undankbares Kind du ! “ Aenne legte das Messer hin . „ Das bedeutet , daß morgen “ sie machte eine Bewegung nach der Seite , wo des Oberförsters Haus lag – „ der Günther kommen wird , er will mich heiraten . “ Mit diesen Worten ging die arme kleine Aenne stolz wie eine Königin aus der Küche und hinauf in ihre Stube . Frau Rätin saß da mit offenem Munde . Freude darüber , daß ihr Lieblingswunsch sich erfüllen sollte , Reue über ihren Zorn , Verwunderung über des allzeit freundlichen Kindes schroffes Wesen wirbelten ihr im Kopfe . Sie wußte kaum , was sie that . Die Quittenschalen in ihrer Schürze rollten , als sie aufstand , zur Erde , sie achtete dessen nicht , sie lief über den Hausflur und fiel wie eine Bombe bei ihrem lesenden Mann ins Zimmer . „ May , May , ich bitte dich , so hör ’ doch nur , die Aenne – – “ Der Herr Rat , dem ebenfalls der eheliche Zwist noch in den Gliedern lag , schrie ein „ Zum Donnerwetter , was giebt ’ s denn schon wieder ? “ Er wurde aber nach der hervorgestammelten Erklärung ebenso still wie ein eben noch schreiendes Sechswochenkind , das die Flasche im Munde fühlt . „ Wirklich , Alte – wahrhaftig ? Herrgott , das wäre ein Glück ! Und sie will ? Sie ist doch ein prächtiges , verständiges Mädel , die Aenne ! Wo steckt sie denn ? Sag ’ doch , sie soll herkommen , sie soll erzählen , wie ’ s geschehen ist ! Er lief durch die Stube und schrie in den Hausflur