der jungen Frau und nahm dann an einer Hand den Knaben und an der andern ihr Lieschen und führte sie auch hinein , und beide Frauen , die alte und die junge , liebkosten die kleinen vaterlosen Kinder , bis das blonde Mädchen endlich die Aermchen um den Hals der alten Frau schmiegte und der Knabe mit aufleuchtenden Augen den Apfel ergriff , den sie ihm hinhielt . Und als sie dann wieder heimwärts trippelten über den Mühlsteg , der Bruder das Schwesterchen sorgsam führend und Beide immer wieder die Köpfchen wandten und zurücknickten , da preßte die junge Frau ihr Töchterchen an das Herz , und indem ihr große Thränen aus den Augen perlten , sagte sie : „ Heute Abend müssen wir dem lieben Gott recht danken dafür , daß Du noch einen Vater hast , einen so guten , lieben ; schau die beiden Kinder da – die haben nun keinen Vater mehr , und es fehlt ihnen sonst noch viel , so viel ! “ Von dem Tage datirte die Freundschaft zwischen Lumpenmüllers Lieschen und den Derenberg ’ schen Kindern . Auf der Mühle war indeß das Leben behaglich weiter geflossen . Lieschen blühte immer holder auf , sie war ein kluges Mädchen geworden und lernte fleißig . Der Herr Pastor , des Vaters Freund und ihr Pathe , unterrichtete sie , und die Frau Pastorin sprach französisch mit ihr und lehrte sie singen . Wenn sie mit ihrer schmiegsamen nicht starken Altstimme die alten Volkslieder der Heimath sang , dann wurden der Muhme die Augen feucht : „ Grad wie die Lisette ! “ sagte sie halblaut vor sich hin . Daß der Army , nun er ein großer Officier geworden , die Mühle nicht wieder besucht hatte , wunderte die alte Frau kaum . „ ’ S ist der Großmutter Blut , “ sagte sie . Aber Lieschen wollte nicht glauben , daß Army stolz geworden sein könnte , derselbe Army , mit dem sie noch vor gar nicht langer Zeit so unbefangen gelacht ; sie mußte ihn selbst fragen – sie machte sich auf nach dem Schlosse . Und sie traf die Geschwister an der großen Linde ; Army stand im Begriff abzureisen , aber es war ja so leicht aufgeklärt : er mußte so plötzlich fort , sonst wäre er sicher gekommen . Als sie dann wieder in der warmen Stube vor der alten Frau stand , die eifrig spann , da sagte sie : „ Siehst Du , Muhme , es ist gar nicht wahr , daß der Army stolz ist ; er hat nicht kommen können , weil er ganz eilig wegfahren mußte , – ich wußte es ja . “ „ So ? “ fragte die alte Frau . „ Ja ! Du böse Muhme hast mich ordentlich erschreckt , Du – “ schmollte sie . „ Na , das Ei ist jo immer klüger als das Huhn , “ erwiderte diese . „ Also Nelly hat gesagt , er hätte kommen wollen ? “ „ Ja , und Nelly lügt nicht . “ „ Nelly ist ein gutes Kind ; ich freue mich immer , wenn sie kommt ; sie hat das Derenberg ’ sche Gesicht und Gemüth , – das waren kreuzbrave Leute , die Derenbergs , bis die – – “ Sie schwieg . „ Was meinst Du Muhme ? “ „ Na , wenn der Teufel die Leut ’ verderben will , so ist er schön wie ein Engel . “ „ Was sagst Du ? “ „ Nichts sage ich , das ist nur so für mich , aber glauben kannst Du ’ s , Liesel , was der Herr Pastor am Sonntag von der Kanzel geredet hat : ‚ Unser Gott ist ein gerechter Gott , ‘ das ist ein wahr Wort , und nun guck mich nicht so verwundert an ! Geh ’ lieber einmal an die zweite Ofenröhre ! Da liegen die schönsten Bratäpfel für Dich . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 42 , S. 689 – 692 Fortsetzungsroman – Teil 3 [ 689 ] 4. Zwei Jahre und einige Monate waren darüber in ’ s Land gegangen . Nun war es ein Abend im Mai . Durch das geöffnete Fenster drang eine weiche berauschende Luft in das kleine Zimmer der Muhme ; der Wind bewegte die jungen Blätterranken des Weines , der das Fenster einrahmte , und der Mond warf sein weißes Licht hell auf die sauberen Dielen , auf die einfachen Möbel des traulichen Stübchens und beleuchtete voll das runzlige Gesicht der alten Frau , welche , die fleißigen Hände in den Schoos gelegt , am Fenster saß und in den Garten hinaus schaute , in dem just die Apfelbäume und der Flieder in vollster Blüthe standen . Die Muhme hielt ihr Feierstündchen ; Licht durfte jetzt an den längeren Abenden nicht mehr angezündet werden ; das war alter , guter Brauch in ihrer Heimath , und der Mensch ruht doch auch gern einmal , nicht nur mit seinen Händen , auch mit den Gedanken . Eigentlich ruhten diese nun wohl nicht , denn sie schweiften weit hinaus in die Vergangenheit , in ferne , schöne Tage , und das war eine Freude , eine Erholung , wenn nach des Tages Last und Hitze nun die Dämmerstunde kam . Im Hause war Alles wohl beschickt und besorgt ; die Gegenwart verschwand an diesem duftigen Frühlingsabend vor den Blicken der alten Frau , und die Jugendzeit tauchte vor ihr auf , duftig und mondbeschienen , wie die Welt da draußen . Die Muhme faltete die Hände und wandte den Kopf zurück nach dem Zimmer ; ihre Blicke richteten sich auf ein Bildchen über der Kommode , das im hellen Mondeslichte die Silhouette eines Männerkopfes zeigte . „ Ja , ja , mein Christian , “ flüsterte sie leise , „ wir Beide haben uns lieb gehabt , sehr lieb , und wenn es auch nur eine kurze Zeit gewesen , da Du bei mir warst , vergessen habe ich sie nicht , und ich bin Dir treu geblieben bis heute . Daß das auch so kommen mußte mit Dir – so traurig ! Du lieber Gott im hohen Himmel , was thut man nicht alles erleben in dieser kurzen Spanne Zeit ! Es sind doch kaum ein paar vergnügte Jahre , die der Mensch hat ; dann kommt der Kummer scheffelweise . – Gott , was waren wir doch ein paar lustige Mädchen , meine Lisett und ich , und just wie wir dachten , es ist am schönsten in der Welt – da ging das Weinen an . Du lieber Gott , meine Lisett und mein guter alter Christian ! “ Sie nickte traurig mit dem Kopfe , denn vor ihren Augen tauchten zwei grüne , rasenbewachsene Hügel auf , da drüben im Schatten der Kirchhofs-Linden . Da flog ein blühender Fliederzweig durch das Fenster und fiel ihr gerade auf den Schooß . Neckisches Lachen tönte herauf . „ Na , wart ! Das ist die Liesel , “ sagte die Muhme , und ein schelmischer Zug verscheuchte die traurige Miene ; nun saß sie ganz still und drückte sich in den Sorgenstühl zurück . Gleich darauf tauchte ein Mädchenkopf mit dunklem Flechtenkranze vor dem Fenster auf und bog sich spähend hinein . „ Nicht da ! “ sagte sie wie ärgerlich ; dann schrie sie aber erschrocken auf , denn die Muhme machte in ihrem Stuhle eine schnelle Bewegung und fuhr dem Mädchen mit dem Fliederzweige sanft über das verblüffte Gesicht . „ Pfui ! Wie abscheulich , Muhme , mich so zu erschrecken ! “ „ Ei , was ! Wer wohl zuerst erschrocken war ? “ erwiderte die Alte . „ Warte , Du Bösewicht , willst wohl gar noch beleidigt thun ? “ Das Mädchen antwortete nicht darauf , sondern fragte : „ Sind Vater und Mutter schon zurück aus der Stadt ? “ „ Noch nicht ; wird auch wohl elf werden , Kindchen . Geh ’ ruhig schlafen ! Ich bleibe ja wach . “ „ Aber , Muhme , was denkst Du denn ? “ rief das junge Mädchen . „ An diesem wundervollen Abend ? Komm ’ doch ein bischen heraus , riech ’ doch nur ein einziges Mal , wie es duftet von all dem Flieder ! Du glaubst ja nicht , wie prächtig es in dem Garten ist . “ „ Ach , Kind , das ist nichts mehr für mich ; alte Leute sind bös jung machen ; es ist doch feucht draußen , und – meine dumme Gicht – aber bleib ’ Du nur draußen und genieß ’ den schönen Abend ! “ „ Dann , Muhme , komm ’ ich herein zu Dir . Darf ich ? Ich kann heute Abend nicht allein sein , um die Welt nicht . “ „ Nun , da komm ’ , Du närrisches Ding ! “ Das Köpfchen verschwand vom Fenster , und bald darauf öffnete sich die Stubenthür , und die schlanke hochgewachsene Mädchengestalt im hellen Kleide trat in ’ s Zimmer . „ Da bin ich , Muhme ! “ rief sie heiter und setzte sich auf ein Bänkchen zu Füßen der Alten . Der Mondschein fiel voll auf ein ovales Gesichtchen und zeigte ein paar wunderbar tiefe , blaue Augen , die wie bittend zu der alten Frau empor blickten . „ Muhme , “ sagte sie dann leise , „ erzähle mir heute Abend einmal etwas , bitte – “ „ Ei ! Soll ich einem großen Mädchen Märchen erzählen ? “ „ O , nicht doch ! Etwas aus deiner Jugend , Muhme . “ [ 690 ] „ Aus meiner Jugend ? Aber was denn nur ? “ „ Ach , Muhme , erzähl ’ mir einmal , wie es war , als Du – als Du Deinen Schatz zum ersten Mal gesehen hattest ! “ – „ Ei Du – neugierig Ding ! Alles zu wissen bist Du noch viel zu jung . Wozu soll ich Dir das erzählen ? “ „ Ich bin aber siebenzehn Jahr , Muhme , andere Mädchen haben dann längst einen Bräutigam , und – “ „ Ei , sieh ’ mal an ! Du möchtest am Ende gar auch schon Einen haben , – ei , ei , wenn ich das der Mutter erzähle – “ „ Das thu ' nur , Muhme ! “ rief lachend das junge Mädchen . „ Mutter hat mir erst neulich ach ! soviel Leinenzeug gezeigt und gesagt : ‚ Das ist Alles für Deine Aussteuer , Liesel . ‘ “ „ Na , das muß ich sagen ! Aber was wolltest Du ' wissen ? “ „ Du sollst mir einmal erzählen , wie es war , als Du Deinen Seligen zum ersten Male gesehen hast ? “ Die alte Frau erstaunte , und das Kind vor ihr sah mit den großen feuchtschimmernden Augen erwartungsvoll zu ihr empor . Es war so still rings umher ; nur das Brausen des Wassers , das über ’ s Wehr floß , klang in leisen einförmigen Melodien von draußen herein . „ Drei Lilien , drei Lilien , die pflanzet auf mein Grab ! “ sang eine frische Mädchenstimme dort unten im Garten . „ Da kam ein fremder Reitersmann und brach sie ab . “ Die Muhme hob den Kopf . „ Das ist die Dora ; wie sie singen kann , und hat erst heute Schelte bekommen ! Lieben und Singen läßt sich nicht zwingen . “ „ Ach Reitersmann , ach Reitersmann , laß Du die Lilien stehn ! Die soll mein Schatz , mein allerliebster Schatz noch einmal sehn , “ klang es wehmüthig feierlich durch den stillen Abend . „ Das Liedel hab ’ ich auch oft gesungen , als ich noch jung war , “ sagte die Muhme und nickte , „ hab ’ auch dort unten gesessen in der Jasminlaube mit der Lisett und aus Herzenslust gesungen , und sie konnt ’ s auch so wunderschön , – aber Du wolltest ja wissen “ unterbrach sie sich rasch , „ wo ich ihn zum ersten Male gesehen ? Guck , da gehe ich einmal an einem Abend , es war so schön wie heute , nur etwas später im Jahr , im Juli ungefähr , den Weg hinunter , der am Park entlang führt , und singe : ‚ Er ist kein Kaiser ; er ist kein König ; er ist Soldat , er ist Soldat . ‘ Da kommt aus dem Schatten der Lindenallee ein Mensch herausgetreten und fragt : ‚ Na Jungfer , muß es gerad ein Soldat sein ? ‘ und weil ich so erschrocken war , hab ’ ich gar nicht geantwortet und bin rasch weiter geschritten . Er aber hinter mir drein und hat höflich um Verzeihung gebeten , und wie ich ihn mir dann genauer anschaute , da sah ich in ein so gutes liebes Gesicht mit ein paar ehrlichen treuen Augen , daß ich mich gar nicht mehr fürchtete ; da sind wir denn langsam zusammen weiter gegangen und er hat mir erzählt , daß er auf dem Schlosse Reitknecht sei bei der jungen Frau Baronin , was jetzt die Großmutter ist von Army und Nelly , die dazumal grad ’ hingekommen war , und daß er schon oft nach mir geschaut , wenn er an der Mühle vorbei geritten , denn Du weißt ja , ich hab ’ hier gedient bei Deiner Urgroßmutter selig . Und ich hab ’ ihm auch erzählt von mir , und daß ich keinen Vater und Muttern mehr hätt ’ , und dann haben wir uns drüben am Mühlensteg die Hände gereicht und er hat gesagt : „ Gute Nacht , Mariechen ! “ und dann haben wir nichts mehr gesprochen , sondern sind stumm neben einander gestanden eine ganze Weile , und ich bin fortgelaufen über die Brücke , so rasch ich konnte – – “ „ Wie war Dir denn zu Muthe , Muhme ? “ „ Ja , das weiß ich gar nicht mehr genau , Liesel , “ sagte die alte Frau , „ ich weiß nur , daß es mir vorkam , als habe der Mond noch nie so golden auf die alte Mühle geschienen , und als sei der Himmel noch nie so hoch gewesen ; ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und war doch am andern Tage gar nicht müde , und die Worte : ‚ Gute Nacht , Mariechen ! ‘ , die schwirrten mir immer durch den Kopf . “ Die Alte sah zu dem jungen Mädchen hinüber , dessen Augen in Thränen schimmerten . „ Sag mir nur , Liesel , was ist mit Dir eigentlich ? “ „ Ach , gar nichts , Muhme ! “ erwiderte diese . „ Weißt Du , ich gehe nach ein wenig hinaus vor die Thür ; Vater und Mutter müssen gleich kommen . Gute Nacht , Muhme ! “ „ Gute Nacht , Liesel ! Behüt ’ Dich Gott ! Höre aber , Kind , wenn Du morgen früh wieder Spargel stichst , da laß nicht wie heute die Hälfte stehen , sonst muß ich es künftig wieder selbst besorgen , so sauer es mir wird . Gute Nacht ! “ Und nun war die alte Frau wieder allein in ihrem Stübchen . Sie schloß das Fenster und ging kopfschüttelnd zur Kommode ; sie sah sich ihres Christian ’ s Bildniß an ; die Strahlen des Mondes waren weiter geglitten ; sie konnte das kleine Bild nicht recht erkennen , aber sie wußte ja so genau , wie es aussah . „ Ja , so war es , “ flüsterte sie , „ dort draußen am Mühlsteg , da fing es an . Lieb ’ hat ein gut Gedächniß ; ich weiß es heut ’ Abend wieder so genau , als hätten wir gestern dort gestanden . Die Liesel ist schuld daran . Was sie nur eigentlich wollte , das närrische Ding ? – “ – – Lieschen hat sich draußen unter die Linde gesetzt , und der Mühlbach rauscht an ihr vorbei . Ihre Augen sind auf den Weg jenseits des Wassers geheftet , der zum Schlosse führt , und dort drüben hinter den dunklen Wipfeln , dort ragen die stolzen mondbeglänzten Thürme empor in den Nachthimmel , wie sie es schon so oft gesehen , so unzählige Male – wie war ihr nur heut ’ so sonderbar zu Muthe ? Das machte ein unverhofftes Wiedersehen . Army war auf einmal in die Laube getreten , in der Nelly und sie gesessen und sich etwas vorgelesen . Ganz unvermuthet stand er da und schloß lachend die Schwester in die Arme , die , vor Freude dunkelroth , gar nicht sprechen konnte , und dann hatte er ganz erstaunt zu ihr hinübergesehen und sie endlich „ Fräulein Lieschen “ angeredet . „ Fräulein Lieschen “ ! Wie das klang ! Sie mußte lachen und er lachte mit , oder er blieb doch dabei , sie so zu nennen . Er war größer und stattlicher geworden seit jenem Winterabende , wo sie ihn zum letzten Male unter der alten verschneiten Linde sah , und jetzt lag über dem frischen Munde ein keckes Schnurrbärtchen ; wie hübsch war er doch ! Und nun war der Abend von Nelly ’ s Geburtstag so rasch vergangen ; sie hatten alte Kindererinnerungen aufgefrischt , und er war so lustig , so vergnügt gewesen ; das Gesicht seiner Mutter hatte wie verklärt geleuchtet , und dann , als sie fortgehen mußte , da hatte er sie begleitet ; sie waren zusammen die alte Lindenallee entlang gegangen und dann den Weg bis zum Mühlsteg , ebenso wie damals die Muhme mit dem Christian ; sie hatten von ihrer Kinderzeit geplaudert , und am Mühlensteg war er stehen geblieben . „ Gute Nacht , Fräulein Lieschen ! “ Sie hatte wieder lachen müssen ; „ Gute Nacht , Herr Army ! “ hatte sie sagen wollen , aber es kam nicht über die Lippen ; sie hielt ihm nur unsicher die schlanke Hand hin , die er wie ein alter Bekannter ergriff , und dann wandte er sich ab und ging , und sie bog sich über das Geländer und sah in das Wasser , auf dem der Mondschein in silbernen Streifen zitterte , und hörte die Nachtigall singen in den alten Linden – wie im Traume . „ Ob er wohl diesmal in die Mühle kommen wird ? “ fragte sie sich jetzt und sah hinüber zum Schloß . „ Ach ja , sicher ! Wenn nur Mutter nicht gerade morgen den längst besprochenen Besuch bei der Frau Oberförsterin machen will ! “ dachte sie . „ Nein , das wäre doch zu schade , und mitgehen müßte ich auf jeden Fall . “ Und so saß sie und träumte unter der alten Linde in der Frühlingsnacht , und der Mond lächelte still hernieder , als wolle er sie nicht stören in diesen seligen Jugendträumen ; er weiß es ja , der alte Geselle , daß sie so leicht , so leicht verwehen . – – Drüben im Schloß schimmerte noch bis spät in die Nacht gelber Lichtschein aus den Fenstern der alten Baronin . Sie saß in ihrer schwarzen Robe in den Sessel zurückgelehnt , und ihre Hände spielten mit dem weißen Tuche auf ihrem Schooße . „ Und Du sagst , Army , “ begann sie forschend zu dem jungen Officier , der ihr gegenüber saß , „ Tante Stontheim habe selbst den Wunsch geäußert , daß Blanka uns hier besuchen soll ? “ „ Nein , liebste Großmama , das wäre zu viel gesagt , “ erwiderte dieser „ Tante Stontheim ist eine eigenthümliche Frau , einen Wunsch äußert sie eigentlich nie ; sie sprach davon , daß die Fatiguen des Winters Blanka angegriffen haben , und richtete die Frage an mich , ob die Luft unserer Wälder gut sei , worauf ich natürlich , den Wink verstehend , sofort unsere Gastfreundschaft anbot . “ „ Sehr übereilt , mein lieber Army ! Ich muß gestehen , eine junge verwöhnte Dame hier in diesem öden einsamen Schlosse einigermaßen zu unterhalten , das dünkt mich eine schwierige Aufgabe . Es ist tactlos von der Stontheim , Dein Anerbieten anzunehmen , und noch dazu für diese Blanka . Sie kann nachher [ 691 ] ihrem Herrn Vater erzählen , wie Schloß Derenberg seine Gäste aufzunehmen vermag . “ Die Alte lachte bitter . Army schwieg ; er beobachtete einen Schmetterling , der um die Glaskuppel der Lampe flatterte . „ Wie sieht sie eigentlich aus , diese Blanka ? “ fragte die Großmutter nach einer Pause . Ueber Army ’ s Gesicht flog es plötzlich wie Sonnenschein . „ Wie soll ich Dir das beschreiben , Großmama ? Ich kann Dir nur sagen , Blanka ist eine außergewöhnliche Erscheinung ; man ist geblendet , wenn man sie zum ersten Male sieht , und je öfter man sie erblickt , desto mehr Fesselndes entdeckt man an ihr . “ „ Das ist ja die Ausdrucksweise eines Verliebten , “ bemerkte die alte Dame kühl ; „ meines Wissens hat sie nie Anlage zur Schönheit gehabt . “ Army wurde glühend roth unter den kalten Blicken der großen dunklen Augen . „ Sie ist eigentlich nicht schön ; sie hat so etwas – “ „ Genug ! “ unterbrach ihn die Baronin ungeduldig , „ sage mir lieber , wie denkt man über das Verhältniß der Tante zu Blanka und was diese zu hoffen hat ? “ „ Sie gilt für die einzige Erbin der Tante . Von großer Herzlichkeit der Beiden gegen einander habe ich übrigens in den vierzehn Tagen meines Dortseins zum Weihnachtsfest und zum Geburtstage der Tante nichts bemerkt . “ Die Baronin zuckte verächtlich die Schultern . „ Hast Du schon Deiner Mutter von dem zu erwartenden erfreulichen Besuch Mittheilung gemacht ? “ „ Nein , weder der Mama noch Nelly ; sie waren nicht allein – die Kleine aus der Mühle war bei Nelly . “ „ Natürlich ! Es ist unbegreiflich ! Ich habe mir ihre Gegenwart ein für allemal verbeten , aber leider ist sie das A und das O bei Deiner Mutter und Schwester , die in ihr einen Engel von Güte und Schönheit erblicken . – Aber , Army , wo um Alles in der Welt soll diese Blanka wohnen ? Woher soll ich die Bedienung nehmen ? “ „ Ich hatte an die Zimmer neben den Deinen gedacht , Großmama , und das Thurmzimmer zur Wohnstube ausersehen ; die Bedienung bringt Blanka mit , eine Kammerjungfer . “ „ Das Thurmzimmer ? Nimmermehr ! “ rief die alte Dame auffahrend ; ihr ohnehin bleiches Gesicht hatte in diesem Augenblick etwas beinahe geisterhaft Blasses . Army blickte sie erschreckt an . „ Wie Du willst , Großmama ! “ „ Mach ’ das mit Deiner Mutter ab ! “ fügte sie hastig hinzu , „ laß die Blanka wohnen , wo sie will ! Das Thurmzimmer bleibt verschlossen , so lange ich lebe . – Geh jetzt zur Ruhe ! Morgen sprechen wir weiter . “ Army beugte sich auf ihre Hand und ging dann hinaus . Draußen auf dem hallenden Corridor lag der Mondschein , der durch die vielen kleinen Scheiben der hohen Fenster voll auf die weißen Steinfließen fiel . „ Noch immer das alte Lied . “ sagte er leise , „ was das nur wieder heißen soll mit dem Thurmstübchen ? Und ich hatte mir so reizend ausgemalt , es für Blanka einzurichten – “ „ Für Blanka ! “ Er stand einen Moment still ; seine Gedanken flogen zurück in die große Stadt , zu der eleganten Villa mit den hohen Spiegelscheiben und der blumengeschmückten Veranda ; dort oben im zweiten Stock hinter den spitzenduftigen Vorhängen , da lag sie wohl jetzt und schlief . Er trat in sein Zimmer ; die Fenster waren geöffnet , und die Zugluft trug ihm einen Strom von Blüthenduft entgegen ; er sah in den mondbeglänzten Park hinaus . Es überkam ihn die Erinnerung an einen Winterabend , an dem er hier in demselben Zimmer geweilt , noch unbekannt mit dem Leben , bange vor der Zukunft , und wie ihm dann der alte Spruch dort am Kamin so überraschend Hoffnung und Lebensmuth brachte . „ An Gott nit verzag ! Glück kombt all Tag “ . War das Glück ihm gekommen ? Ach nein , das Glück selbst noch nicht , aber seine Strahlen hatten ihn schon getroffen . Im Geiste sah er sich der Tante Stontheim gegenüber , in dem eleganten Zimmer . Er war damals auf die Einladung der alten Dame zum Weihnachtsfeste in D. eingetroffen , und als er ihr die Hand küßte , die sie ihm zum Willkommen gereicht hatte , da hatte er gar nicht freundlich ausgesehen . Es wurde ihm Thee servirt , und das Gefühl , als müßte es nun unsäglich langweilig werden , legte sich wie ein Alp auf seine Brust . Da waren auf einmal die Thürvorhänge zurückgeschlagen worden , und vor ihm hatte eine Mädchengestalt gestanden , wie hereingeweht in ’ s Zimmer . Der Kronleuchter , der von der Decke herabhing , warf sein blendendes Licht auf ein Geschöpfchen , das elfenhaft zierlich erschien in dem wie aus Duft gewobenen blaßgrünen Kreppkleide , das sie in durchsichtigen Wogen und Wellen umrauschte . Blendend weiße zarte Schultern tauchten aus diesen Wellen auf , und über der weißen schmalen Stirn flimmerte es goldig und wallte auf den Rücken hernieder in mächtiger Fülle – üppiges rothes wundervolles Haar . Er war aufgesprungen und hatte sie angestarrt , als sähe er eine Spukgestalt . Die junge Dame warf das prachtvolle Bouquet aus weißen Camelien auf den Tisch , eilte an ihm vorüber und begrüßte die Tante . „ Agnese ! “ klang es in ihm , „ die schöne Agnese Mechthilde aus dem Ahnensaal zu Hause ! “ „ Ist es schon so spät ? “ fragte die Tante , einen prüfenden Blick über die reizende Gestalt werfend , und dann auf ihn deutend , sagte sie : „ Liebe Blanka , Dein Vetter Armand von Derenberg , der für die Feiertage unser Gast sein wird ! “ Die junge Dame hatte aus ein Paar dunklen Augen einen raschen Blick auf ihn geworfen ; er sah sie noch immer an ; er konnte nicht anders ; vor ihm stand sie ja , die schöne Agnese Mechthilde , als sei sie eben aus ihrem vergoldeten Rahmen gestiegen . – Ja gewiß , er hatte sich sehr linkisch benommen ; das Blut stieg ihm noch jetzt siedend heiß in den Kopf , wenn er daran dachte . Dann hatte er auf der Tante Wunsch über Hals und Kopf Toilette gemacht , saß den Damen in seidegepolstertem Wagen gegenüber und trat in feenhaft erleuchtete Säle ; er war mit Blanka im Tanze über spiegelglattes Parquet geflogen , hatte mit ihr geplaudert und ihr erzählt , daß daheim im Schlosse ein Bild im Ahnensaal hänge , das ihr so ähnlich sähe und vor dem er als Knabe stundenlang gestanden in nimmersattem Schauen . Sie hatte darob gelächelt und gemeint , sie möchte wohl einmal die Probe machen und sich daneben stellen , um zu sehen , ob es nicht viel Einbildung mit der Aehnlichkeit sei . – Freilich , die Augen , die tiefen traurigen Augen , die hatte sie nicht ; wohl waren sie auch dunkel , aber dieser unergründliche Schmerz lag nicht darin ; wie war das auch möglich ? War sie doch so jung , so heiter , so gefeiert ! – Er folgte ihr mit den Blicken , wenn sie im Tanz an ihm vorüberschwebte ; wie ein goldschimmernder Schleier umwob das aufgelöste Haar ihr blasses Gesichtchen ; er konnte sich nicht satt sehen an diesem wundervollen Schmuck ; er beneidete jeden Andern , der mit ihr tanzte , und freute sich auf den heiligen Abend , zu dessen Feier er ja eigentlich gekommen war und den man doch gewiß still im Hause verleben würde . Aber gerade da hatte sie ihm am wenigsten gefallen , nicht daß sie weniger reized ausgesehen – gewiß nicht ; der goldene Schleier lag so wundervoll auf dem dunkelblauen Seidenstoff des Kleides ; die Kerzen des Weihnachtsbaumes woben schimmernde Funken darein , aber das strahlende Lächeln fehlte , das ein Gesicht erst wahrhaft bezaubernd macht ; die holde Weihnachtsfreude vermißte er gänzlich in Blankas schwarzen Augen . Und dann folgte wieder Fest auf Fest , und endlich mußte er abreisen , wie schwer es ihm auch wurde . Er bat die Tante , bald wiederkommen zu dürfen , und in der Brusttasche der Uniform trug er ein zierliches Juchten-Etui , ein Vielliebchengeschenk der Cousine ; das war sein Kleinod geworden , denn darin lag eine lange Strähne rother weicher Frauenhaare . Sie gab ihm das Haar im Scherz , auf seine Bitte , damit er vergleichen könne , welches goldiger sei , das auf dem Bilde im Ahnensaale , oder das ihre . Army stand noch immer am offenen Fenster des dunklen Zimmers ; er zog hastig das Etui hervor und betrachtete im Mondlicht die Locke , die oben und unten zierlich mit einem blauen Bändchen geknüpft war ; er preßte sie an seine Lippen , und eine ganze Reihe weniger Zukunftsbilder zog an seiner Seele vorüber ; er sah sich wieder hier in dem Schlosse seiner Väter ; sie stand neben ihm in der Sommernacht ; er hielt den Arm um sie geschlungen , und sie schmiegte das goldige Köpfchen