von seiner hochseligen Mutter « gebornen » lieben kleinen Prinzen « aufs schmählichste dethronisieren wollte , rasch aber übersah er die Lächerlichkeit solcher Idee , wies also lieber , um doch wenigstens etwas zu tun , auf das eben sichtbar werdende grüne Kuppeldach des Charlottenburger Schlosses hin und bog im nächsten Augenblick in die große , mit alten Linden bepflanzte Dorfgasse von Tempelhof ein . Gleich das zweite Haus war ein Gasthaus . Er gab dem Groom die Zügel und sprang ab , um den Damen beim Aussteigen behilflich zu sein . Aber nur Frau von Carayon und Victoire nahmen die Hilfe dankbar an , während Tante Marguerite verbindlich ablehnte , » weil sie gefunden habe , daß man sich auf seinen eigenen Händen immer am besten verlassen könne « . Der schöne Tag hatte viele Gäste hinausgelockt , und der von einem Staketenzaun eingefaßte Vorplatz war denn auch an allen seinen Tischen besetzt . Das gab eine kleine Verlegenheit . Als man aber eben schlüssig geworden war , in dem Hintergarten , unter einem halboffenen Kegelbahnhäuschen , den Kaffee zu nehmen , ward einer der Ecktische frei , so daß man in Front des Hauses , mit dem Blick auf die Dorfstraße , verbleiben konnte . Das geschah denn auch , und es traf sich , daß es der hübscheste Tisch war . Aus seiner Mitte wuchs ein Ahorn auf , und wenn es auch , ein paar Spitzen abgerechnet , ihm vorläufig noch an allem Laubschmucke fehlte , so saßen doch schon die Vögel in seinen Zweigen und zwitscherten . Und nicht das bloß sah man : Equipagen hielten in der Mitte der Dorfstraße , die Stadtkutscher plauderten , und Bauern und Knechte , die mit Pflug und Egge vom Felde hereinkamen , zogen an der Wagenreihe vorüber . Zuletzt kam eine Herde , die der Schäferspitz von rechts und links her zusammenhielt , und dazwischen hörte man die Betglocke , die läutete . Denn es war eben die sechste Stunde . Die Carayons , so verwöhnte Stadtkinder sie waren , oder vielleicht auch weil sie ' s waren , enthusiasmierten sich über all und jedes und jubelten , als Schach einen Abendspaziergang in die Tempelhofer Kirche zur Sprache brachte . Sonnenuntergang sei die schönste Stunde . Tante Marguerite freilich , die sich » vor dem unvernünftigen Viehe « fürchtete , wäre lieber am Kaffeetische zurückgeblieben , als ihr aber der zu weiterer Beruhigung herbeigerufene Wirt aufs eindringlichste versichert hatte , » daß sie sich um den Bullen nicht zu fürchten brauche « , nahm sie Victoirens Arm und trat mit dieser auf die Dorfstraße hinaus , während Schach und Frau von Carayon folgten . Alles , was noch an dem Staketenzaune saß , sah ihnen nach . » Es ist nichts so fein gesponnen « , sagte Frau von Carayon und lachte . Schach sah sie fragend an . » Ja , lieber Freund , ich weiß alles . Und niemand Geringeres als Tante Marguerite hat uns heute mittag davon erzählt . « » Wovon ? « » Von der Serenade . Die Carolath ist eine Dame von Welt , und vor allem eine Fürstin . Und Sie wissen doch , was Ihnen nachgesagt wird , › daß Sie der garstigsten princesse vor der schönsten bourgeoise den Vorzug geben würden ‹ . Jeder garstigen Prinzeß , sag ich . Aber zum Überfluß ist die Carolath auch noch schön . Un teint de lis et de rose . Sie werden mich eifersüchtig machen . « Schach küßte der schönen Frau die Hand . » Tante Marguerite hat Ihnen richtig berichtet , und Sie sollen nun alles hören . Auch das Kleinste . Denn wenn es mir , wie zugestanden , eine Freude gewährt , einen solchen Abend unter meinen Erlebnissen zu haben , so gewährt es mir doch eine noch größere Freude , mit meiner schönen Freundin darüber plaudern zu können . Ihre Pläsanterien , die so kritisch und doch zugleich so voll guten Herzens sind , machen mir erst alles lieb und wert . Lächeln Sie nicht . Ach , daß ich Ihnen alles sagen könnte . Teure Josephine , Sie sind mir das Ideal einer Frau : klug und doch ohne Gelehrsamkeit und Dünkel , espritvoll und doch ohne Mokanterie . Die Huldigungen , die mein Herz darbringt , gelten nach wie vor nur Ihnen , Ihnen , der Liebenswürdigsten und Besten . Und das ist Ihr höchster Reiz , meine teure Freundin , daß Sie nicht einmal wissen , wie gut Sie sind und welch stille Macht Sie über mich üben . « Er hatte fast mit Bewegung gesprochen , und das Auge der schönen Frau leuchtete , während ihre Hand in der seinen zitterte . Rasch aber nahm sie den scherzhaften Ton wieder auf und sagte : » Wie gut Sie zu sprechen verstehen . Wissen Sie wohl , so gut spricht man nur aus der Verschuldung heraus . « » Oder aus dem Herzen . Aber lassen wir ' s bei der Verschuldung , die nach Sühne verlangt . Und zunächst nach Beichte . Deshalb kam ich gestern . Ich hatte vergessen , daß Ihr Empfangsabend war , und erschrak fast , als ich Bülow sah und diesen aufgedunsenen Roturier , den Sander . Wie kommt er nur in Ihre Gesellschaft ? « » Er ist der Schatten Bülows . « » Ein sonderbarer Schatten , der dreimal schwerer wiegt als der Gegenstand , der ihn wirft . Ein wahres Mammut . Nur seine Frau soll ihn noch übertreffen , weshalb ich neulich spöttisch erzählen hörte , › Sander , wenn er seine Brunnenpromenade vorhabe , gehe nur dreimal um seine Frau herum ‹ . Und dieser Mann Bülows Schatten ! Wenn Sie lieber sagten , sein Sancho Pansa ... « » So nehmen Sie Bülow selbst als Don Quixote ? « » Ja , meine Gnädigste ... Sie wissen , daß es mir im allgemeinen widersteht , zu medisieren , aber dies ist au fond nicht medisieren , ist eher Schmeichelei . Der gute Ritter von La Mancha war ein ehrlicher Enthusiast , und nun frag ich Sie , teuerste Freundin , läßt sich von Bülow dasselbe sagen ? Enthusiast ! Er ist exzentrisch , nichts weiter , und das Feuer , das in ihm brennt , ist einfach das einer infernalen Eigenliebe . « » Sie verkennen ihn , lieber Schach . Er ist verbittert , gewiß ; aber ich fürchte , daß er ein Recht hat , es zu sein . « » Wer an krankhafter Überschätzung leidet , wird immer tausend Gründe haben , verbittert zu sein . Er zieht von Gesellschaft zu Gesellschaft und predigt die billigste der Weisheiten , die Weisheit post festum . Lächerlich . An allem , was uns das letzte Jahr an Demütigungen gebracht hat , ist , wenn man ihn hört , nicht der Übermut oder die Kraft unserer Feinde schuld , o nein , dieser Kraft würde man mit einer größeren Kraft unschwer haben begegnen können , wenn man sich unsrer Talente , will also sagen , der Talente Bülows , rechtzeitig versichert hätte . Das unterließ die Welt , und daran geht sie zugrunde . So geht es endlos weiter . Darum Ulm und darum Austerlitz . Alles hätt ein andres Ansehen gewonnen , sich anders zugetragen , wenn diesem korsischen Thron- und Kronenräuber , diesem Engel der Finsternis , der sich Bonaparte nennt , die Lichtgestalt Bülows auf dem Schlachtfeld entgegengetreten wäre . Mir widerwärtig . Ich hasse solche Fanfaronaden . Er spricht von Braunschweig und Hohenlohe wie von lächerlichen Größen , ich aber halte zu dem Friderizianischen Satze , daß die Welt nicht sichrer auf den Schultern des Atlas ruht als Preußen auf den Schultern seine Armee . « Während dieses Gespräch zwischen Schach und Frau von Carayon geführt wurde , war das ihnen voranschreitende Paar bis an eine Wegstelle gekommen , von der aus ein Fußpfad über ein frisch gepflügtes Ackerfeld hin sich abzweigte . » Das ist die Kürche « , sagte das Tantchen und zeigte mit ihrem Parasol auf ein neugedecktes Turmdach , dessen Rot aus allerlei Gestrüpp und Gezweig hervorschimmerte . Victoire bestätigte , was sich ohnehin nicht bestreiten ließ , und wandte sich gleich danach nach rückwärts , um die Mama durch eine Kopf- und Handbewegung zu fragen , ob man den hier abzweigenden Fußpfad einschlagen wolle . Frau von Carayon nickte zustimmend , und Tante und Nichte schritten in der angedeuteten Richtung weiter . Überall aus dem braunen Acker stiegen Lerchen auf , die hier , noch ehe die Saat heraus war , schon ihr Furchennest gebaut hatten , ganz zuletzt aber kam ein Stück brachliegendes Feld , das bis an die Kirchhofsmauer lief und , außer einer spärlichen Grasnarbe , nichts aufwies als einen trichterförmigen Tümpel , in dem ein Unkenpaar musizierte , während der Rand des Tümpels in hohen Binsen stand . » Sieh , Victoire , das sind Binsen . « » Ja , liebe Tante . « » Kannst du dir denken , ma chère , daß , als ich jung war , die Binsen als kleine Nachtlichter gebraucht wurden und auch wirklich ganz ruhig auf einem Glase schwammen , wenn man krank war oder auch bloß nicht schlafen konnte ... « » Gewiß « , sagte Victoire . » Jetzt nimmt man Wachsfädchen , die man zerschneidet und in ein Kartenstückchen steckt . « » Ganz recht , mein Engelchen . Aber früher waren es Binsen , des joncs . Und sie brannten auch . Und deshalb erzähl ich es dir . Denn sie müssen doch ein natürliches Fett gehabt haben , ich möchte sagen etwas Kienenes . « » Es ist wohl möglich « , antwortete Victoire , die der Tante nie widersprach , und horchte , während sie dies sagte , nach dem Tümpel hin , in dem das Musizieren der Unken immer lauter wurde . Gleich danach aber sah sie , daß ein halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im vollen Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen weißen Spitz sich neckte , der bellend und beißend an der Kleinen emporsprang . Dabei warf die Kleine , mitten im Lauf , einen an einem Strick und einem Klöppel hängenden Kirchenschlüssel in die Luft und fing ihn so geschickt wieder auf , daß weder der Schlüssel noch der Klöppel ihr weh tun konnte . Zuletzt aber blieb sie stehn und hielt die linke Hand vor die Augen , weil die niedergehende Sonne sie blendete . » Bist du die Küsterstochter ? « fragte Victoire . » Ja « , sagte das Kind . » Dann bitte , gib uns den Schlüssel oder komm mit uns und schließ uns die Kirche wieder auf . Wir möchten sie gerne sehen , wir und die Herrschaften da . « » Gerne « , sagte das Kind und lief wieder vorauf , überkletterte die Kirchhofsmauer und verschwand alsbald hinter den Haselnuß- und Hagebuttensträuchern , die hier so reichlich standen , daß sie , trotzdem sie noch kahl waren , eine dichte Hecke bildeten . Das Tantchen und Victoire folgten ihr und stiegen langsam über verfallene Gräber weg , die der Frühling noch nirgends mit seiner Hand berührt hatte ; nirgends zeigte sich ein Blatt , und nur unmittelbar neben der Kirche war eine schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt . Victoire bückte sich , um hastig davon zu pflücken , und als Schach und Frau von Carayon im nächsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg des Kirchhofes heraufkamen , ging ihnen Victoire entgegen und gab der Mutter die Veilchen . Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen und saß wartend auf dem Schwellstein ; als aber beide Paare heran waren , erhob sie sich rasch und trat , allen vorauf , in die Kirche , deren Chorstühle fast so schräg standen wie die Grabkreuze draußen . Alles wirkte kümmerlich und zerfallen , der eben sinkende Sonnenball aber , der hinter den nach Abend zu gelegenen Fenstern stand , übergoß die Wände mit einem rötlichen Schimmer und erneuerte , für Augenblicke wenigstens , die längst blind gewordene Vergoldung der alten Altarheiligen , die hier noch , aus der katholischen Zeit her , ihr Dasein fristeten . Es konnte nicht ausbleiben , daß das genferisch reformierte Tantchen aufrichtig erschrak , als sie dieser » Götzen « ansichtig wurde , Schach aber , der unter seine Liebhabereien auch die Genealogie zählte , fragte bei der Kleinen an , ob nicht vielleicht alte Grabsteine da wären . » Einer ist da « , sagte die Kleine . » Dieser hier « , und wies auf ein abgetretenes , aber doch noch deutlich erkennbares Steinbild , das aufrecht in einen Pfeiler , dicht neben dem Altar , eingemauert war . Es war ersichtlich ein Reiteroberst . » Und wer ist es ? « fragte Schach . » Ein Tempelritter « , erwiderte das Kind , » und hieß der Ritter von Tempelhof . Und diesen Grabstein ließ er schon bei Lebzeiten machen , weil er wollte , daß er ihm ähnlich werden sollte . « Hier nickte das Tantchen zustimmend , weil das Ähnlichkeitsbedürfnis des angeblichen Ritters von Tempelhof eine verwandte Saite in ihrem Herzen traf . » Und er baute diese Kirche « , fuhr die Kleine fort , » und baute zuletzt auch das Dorf und nannt es Tempelhof , weil er selber Tempelhof hieß . Und die Berliner sagen › Templow ‹ . Aber es ist falsch . « All das nahmen die Damen in Andacht hin , und nur Schach , der neugierig geworden war , fragte weiter , » ob sie nicht das ein ' oder andre noch aus den Lebzeiten des Ritters wisse « . » Nein , aus seinen Lebzeiten nicht . Aber nachher . « Alle horchten auf , am meisten das sofort einen leisen Grusel verspürende Tantchen , die Kleine hingegen fuhr in ruhigem Tone fort : » Ob es alles so wahr ist , wie die Leute sagen , das weiß ich nicht . Aber der alte Kossäte Maltusch hat es noch miterlebt . « » Aber was denn , Kind ? « » Er lag hier vor dem Altar über hundert Jahre , bis es ihn ärgerte , daß die Bauern und Einsegnungskinder immer auf ihm herumstanden und ihm das Gesicht abschurrten , wenn sie zum Abendmahl gingen . Und der alte Maltusch , der jetzt ins neunzigste geht , hat mir und meinem Vater erzählt , er hab es noch mit seinen eigenen Ohren gehört , daß es mitunter so gepoltert und gerollt hätte , wie wenn es drüben über Schmargendorf donnert . « » Wohl möglich . « » Aber sie verstanden nicht , was das Poltern und Rollen bedeutete « , fuhr die Kleine fort . » Und so ging es bis das Jahr , wo der russische General , dessen Namen ich immer vergesse , hier auf dem Tempelhofer Felde lag . Da kam einen Sonnabend der vorige Küster und wollte die Singezahlen wegwischen und neue für den Sonntag anschreiben . Und nahm auch schon das Kreidestück . Aber da sah er mit einem Male , daß die Zahlen schon weggewischt und neue Gesangbuchzahlen und auch die Zahlen von einem Bibelspruch , Kapitel und Vers , mit angeschrieben waren . Alles altmodisch und undeutlich , und nur so grade noch zu lesen . Und als sie nachschlugen , da fanden sie : › Du sollst deinen Toten in Ehren halten und ihn nicht schädigen an seinem Antlitz . ‹ Und nun wußten sie , wer die Zahlen geschrieben , und nahmen den Stein auf und mauerten ihn in diesen Pfeiler . « » Ich finde doch « , sagte Tante Marguerite , die , je schrecklicher sie sich vor Gespenstern fürchtete , desto lebhafter ihr Vorhandensein bestritt , » ich finde doch , die Regierung sollte mehr gegen dem Aberglauben tun . « Und dabei wandte sie sich ängstlich von dem unheimlichen Steinbild ab und ging mit Frau von Carayon , die , was Gespensterfurcht anging , mit dem Tantchen wetteifern konnte , wieder dem Ausgange zu . Schach folgte mit Victoire , der er den Arm gereicht hatte . » War es wirklich ein Tempelritter ? « fragte diese . » Meine Tempelritterkenntnis beschränkt sich freilich nur auf den einen im › Nathan ‹ , aber wenn unsre Bühne die Kostümfrage nicht zu willkürlich behandelt hat , so müssen die Tempelritter durchaus anders ausgesehen haben . Hab ich recht ? « » Immer recht , meine liebe Victoire . « Und der Ton dieser Worte traf ihr Herz und zitterte darin nach , ohne daß sich Schach dessen bewußt gewesen wäre . » Wohl . Aber wenn kein Templer , was dann ? « fragte sie weiter und sah ihn zutraulich und doch verlegen an . » Ein Reiteroberst aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges . Oder vielleicht auch erst aus den Tagen von Fehrbellin . Ich las sogar seinen Namen : Achim von Haake . « » So halten Sie die ganze Geschichte für ein Märchen ? « » Nicht eigentlich das , oder wenigstens nicht in allem . Es ist erwiesen , daß wir Templer in diesem Lande hatten , und die Kirche hier mit ihren vorgotischen Formen mag sehr wohl bis in jene Templertage zurückreichen . Soviel ist glaubhaft . « » Ich höre so gern von diesem Orden . « » Auch ich . Er ist von der strafenden Hand Gottes am schwersten heimgesucht worden und eben deshalb auch der poetischste und interessanteste . Sie wissen , was ihm vorgeworfen wird : Götzendienst , Verleugnung Christi , Laster aller Art. Und ich fürchte , mit Recht . Aber groß wie seine Schuld , so groß war auch seine Sühne , ganz dessen zu geschweigen , daß auch hier wieder der unschuldig Überlebende die Schuld voraufgegangener Geschlechter zu büßen hatte . Das Los und Schicksal aller Erscheinungen , die sich , auch da noch , wo sie fehlen und irren , dem Alltäglichen entziehn . Und so sehen wir denn den schuldbeladenen Orden , all seiner Unrühmlichkeiten unerachtet , schließlich in einem wiedergewonnenen Glorienschein zugrunde gehen . Es war der Neid , der ihn tötete , der Neid und der Eigennutz , und schuldig oder nicht , mich überwältigt seine Größe . « Victoire lächelte : » Wer Sie so hörte , lieber Schach , könnte meinen , einen nachgebornen Templer in Ihnen zu sehen . Und doch war es ein mönchischer Orden , und mönchisch war auch sein Gelübde . Hätten Sie ' s vermocht , als Templer zu leben und zu sterben ? « » Ja . « » Vielleicht verlockt durch das Kleid , das noch kleidsamer war als die Supraweste der Gensdarmes . « » Nicht durch das Kleid , Victoire . Sie verkennen mich . Glauben Sie mir , es lebt etwas in mir , das mich vor keinem Gelübde zurückschrecken läßt . « » Um es zu halten ? « Aber eh er noch antworten konnte , fuhr sie rasch in wieder scherzhafter werdendem Tone fort : » Ich glaube , Philipp le Bel hat den Orden auf dem Gewissen . Sonderbar , daß alle historischen Personen , die den Beinamen des › Schönen ‹ führen , mir unsympathisch sind . Und ich hoffe , nicht aus Neid . Aber die Schönheit , das muß wahr sein , macht selbstisch , und wer selbstisch ist , ist undankbar und treulos . « Schach suchte zu widerlegen . Er wußte , daß sich Victoirens Worte , sosehr sie Pikanterien und Andeutungen liebte , ganz unmöglich gegen ihn gerichtet haben konnten . Und darin traf er ' s auch . Es war alles nur jeu d ' esprit , eine Nachgiebigkeit gegen ihren Hang zu philosophieren . Und doch , alles , was sie gesagt hatte , so gewiß es absichtslos gesagt worden war , so gewiß war es doch auch aus einer dunklen Ahnung heraus gesprochen worden . Als ihr Streit schwieg , hatte man den Dorfeingang erreicht , und Schach hielt , um auf Frau von Carayon und Tante Marguerite , die sich beide versäumt hatten , zu warten . Als sie heran waren , bot er der Frau von Carayon den Arm und führte diese bis an das Gasthaus zurück . Victoire sah ihnen betroffen nach und sann nach über den Tausch , den Schach mit keinem Worte der Entschuldigung begleitet hatte . » Was war das ? « Und sie verfärbte sich , als sie sich , aus einem plötzlichen Argwohn heraus , die selbstgestellte Frage beantwortet hatte . Von einem Wiederplatznehmen vor dem Gasthause war keine Rede mehr , und man gab es um so leichter und lieber auf , als es inzwischen kühl geworden und der Wind , der den ganzen Tag über geweht hatte , nach Nordwesten hin umgesprungen war . Tante Marguerite bat sich den Rücksitz aus , » um nicht gegen dem Winde zu fahren « . Niemand widersprach . So nahm sie denn den erbetenen Platz , und während jeder in Schweigen überdachte , was ihm der Nachmittag gebracht hatte , ging es in immer rascherer Fahrt wieder auf die Stadt zurück . Diese lag schon in Dämmer , als man bis an den Abhang der Kreuzberghöhe gekommen war , und nur die beiden Gensdarmentürme ragten noch mit ihren Kuppeln aus dem graublauen Nebel empor . Fünftes Kapitel Victoire von Carayon an Lisette von Perbandt Berlin , den 3. Mai Ma chère Lisette . Wie froh war ich , endlich von Dir zu hören , und so Gutes . Nicht als ob ich es anders erwartet hätte ; wenige Männer hab ich kennengelernt , die mir so ganz eine Garantie des Glückes zu bieten scheinen wie der Deinige . Gesund , wohlwollend , anspruchslos und von jenem schönen Wissens- und Bildungsmaß , das ein gleich gefährliches Zuviel und Zuwenig vermeidet . Wobei ein » Zuviel « das vielleicht noch Gefährlichere ist . Denn junge Frauen sind nur zu geneigt , die Forderung zu stellen : » Du sollst keine andren Götter haben neben mir . « Ich sehe das beinah täglich bei Rombergs , und Marie weiß es ihrem klugen und liebenswürdigen Gatten wenig Dank , daß er über Politik und französische Zeitungen die Visiten und Toiletten vergißt . Was mir allein eine Sorge machte , war Deine neue masurische Heimat , ein Stück Land , das ich mir immer als einen einzigen großen Wald mit hundert Seen und Sümpfen vorgestellt habe . Da dacht ich denn , diese neue Heimat könne Dich leicht in ein melancholisches Träumen versetzen , das dann immer der Anfang zu Heimweh oder wohl gar zu Trauer und Tränen ist . Und davor , so hab ich mir sagen lassen , erschrecken die Männer . Aber ich sehe zu meiner herzlichen Freude , daß Du auch dieser Gefahr entgangen bist und daß die Birken , die Dein Schloß umstehn , grüne Pfingstmaien und keine Trauerbirken sind . Apropos über das Birkenwasser mußt Du mir gelegentlich schreiben . Es gehört zu den Dingen , die mich immer neugierig gemacht haben und die kennenzulernen mir bis diesen Augenblick versagt geblieben ist . Und nun soll ich Dir über uns berichten . Du frägst teilnehmend nach all und jedem und verlangst sogar von Tante Margueritens neuester Prinzessin und neuester Namensverwechslung zu hören . Ich könnte Dir gerade davon erzählen , denn es sind keine drei Tage , daß wir ( wenigstens von diesen Verwechslungen ) ein gerüttelt und geschüttelt Maß gehabt haben . Es war auf einer Spazierfahrt , die Herr von Schach mit uns machte , nach Tempelhof , und zu der auch das Tantchen aufgefordert werden mußte , weil es ihr Tag war . Du weißt , daß wir sie jeden Dienstag als Gast in unsrem Hause sehn . Sie war denn auch mit uns in der » Kürche « , wo sie , beim Anblick einiger Heiligenbilder aus der katholischen Zeit her , nicht nur beständig auf Ausrottung des Aberglaubens drang , sondern sich mit eben diesem Anliegen auch regelmäßig an Schach wandte , wie wenn dieser im Konsistorium säße . Und da leg ich denn ( weil ich nun mal die Tugend oder Untugend habe , mir alles gleich leibhaftig vorzustellen ) während des Schreibens die Feder hin , um mich erst herzlich auszulachen . Au fond freilich ist es viel weniger lächerlich , als es im ersten Augenblick erscheint . Er hat etwas konsistorialrätlich-Feierliches , und wenn mich nicht alles täuscht , so ist es gerade dies Feierliche , was Bülow so sehr gegen ihn einnimmt . Viel , viel mehr als der Unterschied der Meinungen . Und beinah klingt es , als ob ich mich in meiner Schilderung Bülow anschlösse . Wirklich , wüßtest Du ' s nicht besser , Du würdest dieser Charakteristik unsres Freundes nicht entnehmen können , wie sehr ich ihn schätze . Ja , mehr denn je , trotzdem es an manchem Schmerzlichen nicht fehlt . Aber in meiner Lage lernt man milde sein , sich trösten , verzeihn . Hätt ich es nicht gelernt , wie könnt ich leben , ich , die ich so gern lebe ! Eine Schwäche , die ( wie ich einmal gelesen ) alle diejenigen haben sollen , von denen man es am wenigsten begreift . Aber ich sprach von manchem Schmerzlichen , und es drängt mich , Dir davon zu erzählen . Es war erst gestern auf unsrer Spazierfahrt . Als wir den Gang aus dem Dorf in die Kirche machten , führte Schach Mama . Nicht zufällig , es war arrangiert , und zwar durch mich . Ich ließ beide zurück , weil ich eine Aussprache ( Du weißt , welche ) zwischen beiden herbeiführen wollte . Solche stillen Abende , wo man über Feld schreitet und nichts hört als das Anschlagen der Abendglocke , heben uns über kleine Rücksichten fort und machen uns freier . Und sind wir erst das , so findet sich auch das rechte Wort . Was zwischen ihnen gesprochen wurde , weiß ich nicht , jedenfalls nicht das , was gesprochen werden sollte . Zuletzt traten wir in die Kirche , die vom Abendrot wie durchglüht war , alles gewann Leben , und es war unvergeßlich schön . Auf dem Heimwege tauschte Schach und führte mich . Er sprach sehr anziehend , und in einem Tone , der mir ebenso wohl tat , als er mich überraschte . Jedes Wort ist mir noch in der Erinnerung geblieben und gibt mir zu denken . Aber was geschah ? Als wir wieder am Eingange des Dorfes waren , wurd er schweigsamer und wartete auf die Mama . Dann bot er ihr den Arm , und so gingen sie durch das Dorf nach dem Gasthause zurück , wo die Wagen hielten und viele Leute versammelt waren . Es gab mir einen Stich durchs Herz , denn ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren , daß es ihm peinlich gewesen sei , mit mir und an meinem Arm unter den Gästen zu erscheinen . In seiner Eitelkeit , von der ich ihn nicht freisprechen kann , ist es ihm unmöglich , sich über das Gerede der Leute hinwegzusetzen , und ein spöttisches Lächeln verstimmt ihn auf eine Woche . So selbstbewußt er ist , so schwach und abhängig ist er in diesem einen Punkte . Vor niemandem in der Welt , auch vor der Mama nicht , würd ich ein solches Bekenntnis ablegen , aber Dir gegenüber mußt ich es . Hab ich unrecht , so sage mir , daß mein Unglück mich mißtrauisch gemacht habe , so halte mir eine Strafpredigt in allerstrengsten Worten , und sei versichert , daß ich sie mit dankbarem Auge lesen werde . Denn all seiner Eitelkeit unerachtet , schätz ich ihn wie keinen andern . Es ist ein Satz , daß Männer nicht eitel sein dürfen , weil Eitelkeit lächerlich mache . Mir scheint dies übertrieben . Ist aber der Satz dennoch richtig , so bedeutet Schach eine Ausnahme . Ich hasse das Wort » ritterlich « und habe doch kein anderes für ihn . Eines ist er vielleicht noch mehr , diskret , imponierend , oder doch voll natürlichen Ansehns , und sollte sich mir das erfüllen , was ich um der Mama und auch um meinetwillen wünsche , so würd es mir nicht schwer werden , mich in eine Respektsstellung zu ihm hineinzufinden . Und dazu noch eins . Du hast ihn nie für sehr gescheit gehalten , und ich meinerseits habe nur schüchtern widersprochen . Er hat aber doch die beste Gescheitheit , die mittlere , dazu die des redlichen Mannes . Ich empfinde dies jedesmal , wenn er seine Fehde mit Bülow führt . Sosehr ihm dieser überlegen ist , so sehr steht er doch hinter ihm zurück . Dabei fällt mir mitunter auf , wie der Groll , der sich in unserm Freunde regt , ihm eine gewisse Schlagfertigkeit , ja selbst Esprit verleiht . Gestern hat er Sander , dessen Persönlichkeit Du kennst , den Bülowschen Sancho Pansa genannt . Die weiteren Schlußfolgerungen ergeben sich von selbst , und ich find es nicht übel . Sanders Publikationen machen mehr von sich reden denn je ; die Zeit unterstützt das Interesse für eine lediglich polemische Literatur . Außer von Bülow sind auch Aufsätze von Massenbach und Phull erschienen , die von den Eingeweihten als etwas Besonderes und nie Dagewesenes ausgepriesen werden . Alles richtet sich gegen Österreich und beweist aufs neue , daß , wer den Schaden hat , für den Spott nicht sorgen darf . Schach ist empört über dies anmaßliche Besserwissen , wie er ' s nennt , und wendet sich wieder seinen alten Liebhabereien zu , Kupferstichen und Rennpferden . Sein kleiner Groom wird immer kleiner . Was bei den Chinesinnen die kleinen Füße sind , sind bei