zuletzt , mit den Frauen und Kindern und im bunten Durcheinander mit diesen , auf dem abgedeckten Dache standen . Da sah ich jeden einzelnen so deutlich vor mir , wie ich Sie jetzt sehe , Bauer Mietzel « – dieser fuhr zurück – , » denn ich hatte meine Wohnung in dem Hause gegenüber und sah , wie sie die Konfederatka schwenkten , und hörte , wie sie unser Lied sangen : › Noch ist Polen nicht verloren . ‹ Und bei meiner Ehre , hier , an dieser Stelle , hätten sie sich trotz aller Übermacht des Feindes gehalten , wenn nicht plötzlich , von der Seite her , ein Hämmern und Schlagen hörbar geworden wäre , ein Hämmern und Schlagen , sag ich , wie von Äxten und Beilen . « » Wie ? Was ? Von Äxten und Beilen ? « wiederholte Mietzel , dem sein bißchen Haar nachgerade zu Berge stand . » Was war es ? « » Ja , was war es ? Vom Nachbarhause her ging man vor ; jetzt war ein Loch da , jetzt eine Bresche , und durch die Bresche hin drang das russische Regiment auf den Dachboden vor . Was ich da gesehen habe , spottet jeder Beschreibung . Wer einfach niedergeschossen wurde , konnte von Glück sagen , die meisten aber wurden durch einen Bajonettstoß auf die Straße geschleudert . Es war ein Graus , meine Herren . Eine Frau wartete das Massacre , ja , vielleicht Schimpf und Entehrung ( denn dergleichen ist vorgekommen ) , nicht erst ab ; sie nahm ihre beiden Kinder an die Hand und stürzte sich mit ihnen in den Fluß . « » Alle Wetter « , sagte Kunicke , » das ist stark ! Ich habe doch auch ein Stück Krieg mitgemacht und weiß wohl , wo man Holz fällt , fallen Späne . So war es bei Möckern , und ich sehe noch unsren alten Krosigk , wie der den Marinekaptän über den Haufen stach , und wie dann das Kolbenschlagen losging , bis alle dalagen . Aber Frauen und Kinder ! Alle Wetter , Szulski , das ist scharf . Is es denn auch wahr ? « » Ob es wahr ist ? Verzeihung , ich bin kein Aufschneider , Herr Kunicke . Kein Pole schneidet auf , das verachtet er . Und ich auch . Aber was ich gesehn habe , das hab ich gesehen , und eine Tatsache bleibt eine Tatsache , sie sei , wie sie sei . Die Dame , die da heruntersprang ( und ich schwör Ihnen , meine Herren , es war eine Dame ) , war eine schöne Frau , keine sechsunddreißig , und so wahr ein Gott im Himmel lebt , ich hätt ihr was Beßres gewünscht als diese naßkalte Weichsel . « Kunicke schmunzelte , während der neben anderen Schwächen und Leiden auch an einer Liebesader leidende Mietzel nicht umhin konnte , seiner nervösen Erregtheit plötzlich eine ganz neue Richtung zu geben . Szulski selbst aber war viel zu sehr von sich und seiner Geschichte durchdrungen , um nebenher noch zu Zweideutigkeiten Zeit zu haben , und fuhr , ohne sich stören zu lassen , fort : » Eine schöne Frau , sagt ich , und hingemordet . Und was das schlimmste dabei , nicht hingemordet durch den Feind , nein , durch uns selbst ; hingemordet , weil wir verraten waren . Hätte man uns freie Hand gelassen , kein Russe wäre je über die Weichsel gekommen . Das Volk war gut , Bürger und Bauer waren gut , alles einig , alles da mit Gut und Blut . Aber der Adel ! Der Adel hat uns um dreißig Silberlinge verschachert , bloß weil er an sein Geld und seine Güter dachte . Und wenn der Mensch erst an sein Geld denkt , ist er verloren . « » Kann ich nicht zugeben « , sagte Kunicke . » Jeder denkt an sein Geld . Alle Wetter , Szulski , das sollt unsrem Hradscheck schon gefallen , wenn der Reisende von Olszewski-Goldschmidt und Sohn alle November hier vorspräch und nie an Geld dächte . Nicht wahr , Hradscheck , da ließe sich bald auf einen grünen Zweig kommen und brauchte keine Schwester oder Schwägerin zu sterben und keine Erbschaft ausgezahlt zu werden . « » Ah , Erbschaft « , wiederholte Szulski . » So , so : daher . Nun , gratuliere . Habe neulich auch einen Brocken geerbt und in Lemberg angelegt . Lemberg ist besser als Krakau . Ja , das muß wahr sein , Erbschaft ist die beste Art , zu Gelde zu kommen , die beste und eigentlich auch die anständigste ... « » Und namentlich , auch die leichteste « , bestätigte Kunicke . » Ja , das liebe Geld . Und wenn ' s viel ist , das heißt sehr viel , dann darf man auch dran denken ! Nicht wahr , Szulski ? « » Natürlich « , lachte dieser . » Natürlich , wenn ' s viel ist . Aber , Bauer Kunicke , denken und denken ist ein Unterschied . Man muß wissen , daß man ' s hat , soviel ist richtig , das ist gut und ein angenehmes Gefühl und stört nicht ... « » Nein , nein , stört nicht . « » Aber , meine Herren , ich muß es wiederholen , denken und denken ist ein Unterschied . An Geld immer denken , bei Tag und bei Nacht , das ist soviel wie sich immer drum ängstigen . Und ängstigen soll man sich nicht . Wer auf Reisen ist und immer an seine Frau denkt , der ängstigt sich um seine Frau . « » Freilich « , schrie Kunicke . » Quaas ängstigt sich auch immer . « Alle lachten unbändig , und nur Szulski selbst , der auch darin durchaus Anekdoten- und Geschichtenerzähler von Fach war , daß er sich nicht gern unterbrechen ließ , fuhr mit allem erdenklichen Ernste fort : » Und wie mit der Frau , meine Herren , so mit dem Geld . Nur nicht ängstlich ; haben muß man ' s , aber man muß nicht ewig daran denken . Oft muß ich lachen , wenn ich so sehe , wie der oder jener im Postwagen oder an der Table d ' hôte mit einem Male nach seiner Brieftasche faßt , › ob er ' s auch noch hat ‹ . Und dann atmet er auf und ist ganz rot geworden . Das ist immer lächerlich und schadet bloß . Und auch das Einnähen hilft nichts , das ist ebenso dumm . Ist der Rock weg , ist auch das Geld weg . Aber was man auf seinem Leibe hat , das hat man . All die andern Vorsichten sind Unsinn . « » Recht so « , sagte Hradscheck . » So mach ich ' s auch . Aber wir sind bei dem Geld und dem Einnähen ganz von Polen abgekommen . Ist es denn wahr , Szulski , daß sie Diebitschen vergiftet haben ? « » Versteht sich , es ist wahr . « » Und die Geschichte mit den elf Talglichten auch ? Auch wahr ? « » Alles wahr « , wiederholte Szulski . » Daran ist kein Zweifel . Und es kam so . Konstantin wollte die Polen ärgern , weil sie gesagt hatten , die Russen fräßen bloß Talg . Und da ließ er , als er eines Tages elf Polen eingeladen hatte , zum Dessert elf Talglichte herumreichen , das zwölfte aber war von Marzipan und natürlich für ihn . Und versteht sich , nahm er immer zuerst , dafür war er Großfürst und Vizekönig . Aber das eine Mal vergriff er sich doch , und da hat er ' s runterwürgen müssen . « » Wird nicht sehr glatt gegangen sein . « » Gewiß nicht ... Aber , ihr Herren , kennt ihr denn schon das neue Polenlied , das sie jetzt singen ? « » Denkst du daran – – « » Nein , das ist alt . Ein neues . « » Und heißt ? « » Die letzten zehn vom vierten Regiment ... Wollt ihr ' s hören ? Soll ich es singen ? « » Freilich . « » Aber ihr müßt einfallen ... « » Versteht sich , versteht sich . « Und nun sang Szulski , nachdem er sich geräuspert hatte : » Zu Warschau schwuren tausend auf den Knien : Kein Schuß im heil ' gen Kampfe sei getan , Tambour , schlag an , zum Blachfeld laß uns ziehen , Wir greifen nur mit Bajonetten an ! Und ewig kennt das Vaterland und nennt Mit stillem Schmerz sein viertes Regiment . « » Einfallen ! Chorus . « – » Weiter , Szulski , weiter . « » Ade , ihr Brüder , die zu Tod getroffen An unsrer Seite dort wir stürzen sahn , Wir leben noch , die Wunden stehen offen , Und um die Heimat ewig ist ' s getan ; Herr Gott im Himmel , schenk ein gnädig End Uns letzten zehn vom vierten Regiment . « Chorus : » Uns letzten zehn vom vierten Regiment . « Alles jubelte . Dem alten Quaas aber traten seine schon von Natur vorstehenden Augen immer mehr aus dem Kopf . » Wenn ihn jetzt seine Frau sähe « , rief Kunicke . » Da hätt er Oberwasser . « » Ja , ja . « Und nun stieß man an und ließ die Polen leben . Nur Kunicke , der an Anno 13 dachte , weigerte sich und trank auf die Russen . Und zuletzt auch auf Quaas und Kätzchen . Mietzel aber war ganz übermütig und halb wie verdreht geworden und sang , als er Kätzchens Namen hörte , mit einem Male : » Nicht mal seiner eignen Frau , Kätzchen weiß es ganz genau . Miau . « Quaas sah verlegen vor sich hin . Niemand indessen dachte mehr an Übelnehmen . Und nun wurde der Ladenjunge gerufen , um neue Flaschen zu bringen . 6. Kapitel Sechstes Kapitel So ging es bis Mitternacht . Der schräg gegenüber wohnende Kunicke wollte noch bleiben und machte spitze Reden , daß Szulski , der schon ein paarmal zum Aufbruch gemahnt , so müde sei . Der aber ließ sich weder durch Spott noch gute Worte länger zurückhalten ; » er müsse morgen um neun in Frankfurt sein « . Und damit nahm er den bereitstehenden Leuchter , um in seine Giebelstube hinaufzusteigen . Nur als er die Türklinke schon in der Hand hatte , wandt er sich noch einmal und sagte zu Hradscheck : » Also vier Uhr , Hradscheck . Um fünf muß ich weg . Und versteht sich , ein Kaffee . Guten Abend , ihr Herren . Allerseits wohl zu ruhn ! « Auch die Bauern gingen ; ein starker Regen fiel , und alle fluchten über das scheußliche Wetter . Aber keine Stunde mehr , so schlug es um , der Regen ließ nach , und ein heftiger Südost fegte statt seiner über das Bruch hin . Seine Heftigkeit wuchs von Minute zu Minute , so daß allerlei Schaden an Häusern und Dächern angerichtet wurde , nirgends aber mehr als an dem Hause der alten Jeschke , das grad in dem Windstrome lag , der , von der andern Seite der Straße her , zwischen Kunickes Stall und Scheune mitten durchfuhr . Klappernd kamen die Ziegel vom Dachfirst herunter und schlugen mit einem dumpfen Geklatsch in den aufgeweichten Boden . » Dat ' s joa groad , as ob de Bös kümmt « , sagte die Alte und richtete sich in die Höh , wie wenn sie aufstehen wolle . Das Herausklettern aus dem hochstelligen Bett aber schien ihr zuviel Mühe zu machen , und so klopfte sie nur das Kopfkissen wieder auf und versuchte weiterzuschlafen . Freilich umsonst . Der Lärm draußen und die wachsende Furcht , ihren ohnehin schadhaften Schornstein in die Stube hinabstürzen zu sehn , ließen sie mit ihrem Versuche nicht weit kommen , und so stand sie schließlich doch auf und tappte sich an den Herd hin , um hier an einem bißchen Aschenglut einen Schwefelfaden und dann das Licht anzuzünden . Zugleich warf sie reichlich Kienäpfel auf , an denen sie nie Mangel litt , seit sie letzten Herbst dem vierjährigen Jungen von Förster Nothnagel , drüben in der neumärkischen Heide , das freiwillige Hinken wegkuriert hatte . Das Licht und die Wärme taten ihr wohl , und als es ein paar Minuten später in dem immer bereitstehenden Kaffeetopfe zu dampfen und zu brodeln anfing , hockte sie neben dem Herde nieder und vergaß über ihrem Behagen den Sturm , der draußen heulte . Mit einem Mal aber gab es einen Krach , als bräche was zusammen , ein Baum oder ein Strauchwerk , und so ging sie denn mit dem Licht ans Fenster und , weil das Licht hier blendete , vom Fenster her in die Küche , wo sie den obern Türladen rasch aufschlug , um zu sehn , was es sei . Richtig , ein Teil des Gartenzauns war umgeworfen , und als sie das niedergelegte Stück nach links hin bis an das Kegelhäuschen verfolgte , sah sie , zwischen den Pfosten der Lattenrinne hindurch , daß in dem Hradscheckschen Hause noch Licht war . Es flimmerte hin und her , mal hier , mal da , so daß sie nicht recht sehen konnte , woher es kam , ob aus dem Kellerloch unten oder aus dem dicht darüber gelegenen Fenster der Weinstube . » Mien Jott , supen se noch ? « fragte die Jeschke vor sich hin . » Na , Kunicke is et kumpafel . Un dann seggt he hinnerher , dat Wedder wihr schull un he künn nich anners . « Unter dieser Betrachtung schloß sie den Türladen wieder und ging an ihre Herdstätte zurück . Aber ihr Hang zu spionieren ließ ihr keine Ruh , und trotzdem der Wind immer stärker geworden war , suchte sie doch die Küche wieder auf und öffnete den Laden noch einmal , in der Hoffnung , was zu sehen . Eine Weile stand sie so , ohne daß etwas geschehen wäre , bis sie , als sie sich schon zurückziehn wollte , drüben plötzlich die Hradschecksche Gartentür auffliegen und Hradscheck selbst in der Türöffnung erscheinen sah . Etwas Dunkles , das er schon vorher herangeschafft haben mußte , lag neben ihm . Er war in sichtlicher Erregung und sah gespannt nach ihrem Hause hinüber . Und dann war ' s ihr doch wieder , als ob er wolle , daß man ihn sähe . Denn wozu sonst das Licht , in dessen Flackerschein er dastand ? Er hielt es immer noch vor sich , es mit der Hand schützend , und schien zu schwanken , wohin damit . Endlich aber mußt er eine geborgene Stelle gefunden haben , denn das Licht selbst war weg und statt seiner nur noch ein Schein da , viel zu schwach , um den nach wie vor in der Türöffnung liegenden dunklen Gegenstand erkennen zu lassen . Was war es ? Eine Truhe ? Nein . Dazu war es nicht lang genug . Oder ein Korb , eine Kiste ? Nein , auch das nicht . » Wat he man hett ? « murmelte sie vor sich hin . Aber ehe sie sich , aus ihren Mutmaßungen heraus , ihre Frage noch beantworten konnte , sah sie , wie der ihr auf Minuten aus dem Auge gekommene Hradscheck von der Tür her in den Garten trat und mit einem Spaten in der Hand rasch auf den Birnbaum zuschritt . Hier grub er eifrig und mit sichtlicher Hast und mußte schon ein gut Teil Erde herausgeworfen haben , als er mit einem Male das Graben aufgab und sich aufs neue nach allen Seiten hin umsah . Aber auch jetzt wieder ( so wenigstens schien es ihr ) mehr in Spannung als in Angst und Sorge . » Wat he man hett ? « wiederholte sie . Dann sah sie , daß er das Loch rasch wieder zuschüttete . Noch einen Augenblick , und die Gartentür schloß sich , und alles war wieder dunkel . » Hm « , brummte die Jeschke . » Dat ' s joa binoah , as ob he een abmurkst hett . Na , so dull wahrd et joa woll nich sinn ... Nei , nei , denn wihr dat Licht nich . Awers ick tru em nich . Un ehr tru ick ook nich . « Und damit ging sie wieder bis an ihr Bett und kletterte hinein . Aber ein rechter Schlaf wollt ihr nicht mehr kommen , und in ihrem halbwachen Zustande sah sie beständig das Flimmern im Kellerloch und dann den Lichtschein , der in den Garten fiel , und dann wieder Hradscheck , wie er unter dem Baume stand und grub . 7. Kapitel Siebentes Kapitel Um vier Uhr stieg der Knecht die Stiege hinauf , um Szulski zu wecken . Er fand aber die Stube verschlossen , weshalb er sich begnügte , zu klopfen und durch das Schlüsselloch hineinzurufen : » Is vier , Herr Szulski ; steihn S ' upp . « Er horchte noch eine Weile hinein , und als alles ruhig blieb , riß er an der klapprigen Türklinke hin und her und wiederholte : » Steihn S ' upp , Herr Szulski , is Tied ; ick spann nu an . « Und danach ging er wieder treppab und durch den Laden in die Küche , wo die Hradschecksche Magd , eine gutmütige Person mit krausem Haar und vielen Sommersprossen , noch halb verschlafen am Herde stand und Feuer machte . » Na , Maleken , ook all rut ? Wat seggst du dato ? Klock vieren . Is doch Menschenschinnerei . Worümm nich um söss ? Um söss wihr ook noch Tied . Na , nu koch uns man en beten wat mit . « Und damit wollt er von der Küche her in den Hof hinaus . Aber der Wind riß ihm die Tür aus der Hand und schlug sie mit Gekrach wieder zu . » Jott , Jakob , ick hebb mi so verfiert . Dat künn joa ' nen Doden uppwecken . « » Sall ook , Male . He hett joa ' nen Dodensloap . Nu wahrd he woll uppstoahn . « Eine halbe Stunde später hielt der Einspänner vor der Haustür , und Jakob , dem die Hände vom Leinehalten schon ganz klamm waren , sah ungeduldig in den Flur hinein , ob der Reisende noch nicht komme . Der aber war immer noch nicht zu sehen , und statt seiner erschien nur Hradscheck und sagte : » Geh hinauf , Jakob , und sieh nach , was es ist . Er ist am Ende wieder eingeschlafen . Und sag ihm auch , sein Kaffee würde kalt ... Aber nein , laß nur ; bleib . Er wird schon kommen . « Und richtig , er kam auch und stieg , während Hradscheck so sprach , gerade die nicht allzu hohe Treppe hinunter . Diese lag noch in Dunkel , aber ein Lichtschimmer vom Laden her ließ die Gestalt des Fremden doch einigermaßen deutlich erkennen . Er hielt sich am Geländer fest und ging mit besonderer Langsamkeit und Vorsicht , als ob ihm der große Pelz unbequem und beschwerlich sei . Nun aber war er unten , und Jakob , der alles neugierig verfolgte , was vorging , sah , wie Hradscheck auf ihn zuschritt und ihn mit vieler Artigkeit vom Flur her in die Wohnstube hineinkomplimentierte , wo der Kaffee schon seit einer Viertelstunde wartete . » Na , nu wahrd et joa woll wihr ' n « , tröstete sich der draußen immer ungeduldiger Werdende . » Kümmt Tied , kümmt Roat . « Und wirklich , ehe fünf Minuten um waren , erschien das Paar wieder auf dem Flur und trat von diesem her auf die Straße , wo der verbindliche Hradscheck nunmehr rasch auf den Wagen zuschritt und den Tritt herunterließ , während der Reisende , trotzdem ihm die Pelzmütze tief genug im Gesicht saß , auch noch den Kragen seiner Wolfsschur in die Höhe klappte . » Das ist recht « , sagte Hradscheck . » Besser bewahrt als beklagt . Und nun mach flink , Jakob , und hole den Koffer . « Dieser tat auch , wie befohlen , und als er mit dem Mantelsack wieder unten war , saß der Reisende schon im Wagen und hatte den von ihm als Trinkgeld bestimmten Gulden vor sich auf das Spritzleder gelegt . Ohne was zu sagen , wies er darauf hin und nickte nur , als Jakob sich bedankte . Dann nahm er die Leine ziemlich ungeschickt in die Hand , woran wohl die großen Pelzhandschuhe schuld sein mochten , und fuhr auf das Orthsche Gehöft und die schattenhaft am Dorfausgange stehende Mühle zu . Diese ging nicht ; der Wind wehte zu heftig . Hradscheck sah dem auf dem schlechten Wege langsam sich fortbewegenden Fuhrwerk eine Weile nach , sein Kopf war unbedeckt , und sein spärlich blondes Haar flog ihm um die Stirn . Es war aber , als ob die Kühlung ihn erquicke . Als er wieder in den Flur trat , fand er Jakob , der sich das Guldenstück ansah . » Gefällt dir wohl ? Einen Gulden gibt nicht jeder . Ein feiner Herr ! « » Dat sall woll sien . Awers worümm he man so still wihr ? He seggte joa keen Wuhrt nich . « » Nein , er hatte wohl noch nicht ausgeschlafen « , lachte Hradscheck . » Is ja erst fünf . « » Versteiht sich . Klock feiv red ick ook nich veel . « 8. Kapitel Achtes Kapitel Der Wind hielt an , aber der Himmel klärte sich , und bei hellem Sonnenschein fuhr um Mittag ein Jagdwagen vor dem Tschechiner Gasthause vor . Es war der Friedrichsauer Amtsrat ; Trakehner Rapphengste , der Kutscher in Livree . Hradscheck erschien in der Ladentür und grüßte respektvoll , fast devot . » Tag , lieber Hradscheck ; bringen Sie mir einen › Luft ‹ oder lieber gleich zwei ; mein Kutscher wird auch nichts dagegen haben . Nicht wahr , Johann ? Eine wahre Hundekälte . Und dabei diese Sonne . « Hradscheck verbeugte sich und rief in den Laden hinein : » Zwei Pfefferminz , Ede ; rasch ! « und wandte sich dann mit der Frage zurück , womit er sonst noch dienen könne . » Mir mit nichts , lieber Hradscheck , aber andren Leuten . Oder wenigstens der Obrigkeit . Da liegt ein Fuhrwerk unten in der Oder , wahrscheinlich fehlgefahren und in der Dunkelheit vom Damm gestürzt . « » Wo , Herr Amtsrat ? « » Hier gleich . Keine tausend Schritt hinter Orths Mühle . « » Gott im Himmel , ist es möglich ! Aber wollen der Herr Amtsrat nicht bei Schulze Woytasch mit vorfahren ? « » Kann nicht , Hradscheck ; ist mir zu sehr aus der Richt . Der Reitweiner Graf erwartet mich , und habe mich schon verspätet . Und zu helfen ist ohnehin nicht mehr , soviel hab ich gesehn . Aber alles muß doch seinen Schick haben , auch Tod und Unglück . Adieu ... Vorwärts ! « Und damit gab er dem Kutscher einen Tipp auf die Schulter , der seine Trakehner wieder antrieb und wenigstens einen Versuch machte , trotz der grundlosen Wege das Versäumte nach Möglichkeit wieder einzubringen . Hradscheck machte gleich Lärm und schickte Jakob zu Schulze Woytasch , während er selbst zu Kunicke hinüberging , der eben seinen Mittagsschlaf hielt . » Stör dich nicht gern um diese Zeit , Kunicke ; Schlaf ist mir allemal heilig , und nun gar deiner ! Aber es hilft nichts , wir müssen hinaus . Der Friedrichsauer Amtsrat war eben da und sagte mir , daß ein Fuhrwerk in der Oder liege . Mein Gott , wenn es Szulski wäre ! « » Wird wohl « , gähnte Kunicke , dem der Schlaf noch in allen Gliedern steckte , » wird wohl ... Aber er wollte ja nicht hören , als ich ihm gestern abend sagte : › Nicht so früh , Szulski , nicht so früh ... ‹ Denke doch bloß voriges Jahr , wie die Post runterfiel und der arme Kerl von Postillon gleich mausetot . Und der kannte doch unsern Damm ! Und nu solch Pohlscher , solch Bruder Krakauer . Na , wir werden ja sehn . « Inzwischen hatte sich Kunicke zurechtgemacht und war erst in hohe Bruchstiefel und dann in einen dicken graugrünen Flausrock hineingefahren . Und nun nahm er seine Mütze vom Riegel und einen Pikenstock aus der Ecke . » Komm ! « Damit traten er und Hradscheck vom Flur her auf die Treppenrampe hinaus . Der Wind blies immer stärker , und als beide , so gut es ging , von oben her sich umsahen , sahen sie , daß Schulze Woytasch , der schon anderweitig von dem Unglück gehört haben mußte , die Dorfstraße herunterkam . Er hatte seine Ponies , brillante kleine Traber , einspannen lassen und fuhr , aller Polizeiregel zum Trotz , über den aufgeschütteten Gangweg hin , was er sich als Dorfobrigkeit schon erlauben konnte . Zudem durft er sich mit Dringlichkeit entschuldigen . Als er dicht an Kunickes Rampe heran war , hielt er und rief beiden zu : » Wollt auch hinaus ? Natürlich . Immer aufsteigen . Aber rasch . « Und im nächsten Augenblicke ging es auf dem aufgeschütteten Wege in vollem Trabe weiter , auf Orths Gehöft und die Mühle zu . Hradscheck saß vorn neben dem Kutscher , Kunicke neben dem Schulzen . Das war so Regel und Ordnung , denn ein Bauerngut geht vor Gasthaus und Kramladen . Gleich hinter der Mühle begann die langsam und allmählich zum Damm ansteigende Schrägung . Oben war der Weg etwas besser , aber immer noch schlecht genug , so daß es sich empfahl , dicht am Dammrand entlangzufahren , wo , wegen des weniger aufgeweichten Bodens , die Räder auch weniger tief einschnitten . » Paß Achtung « , sagte Woytasch , » sonst liegen wir auch unten . « Und der Kutscher , dem selber ängstlich sein mochte , lenkte sofort auf die Mitte des Damms hinüber , trotzdem er hier langsamer fahren mußte . Sah man von der Fährlichkeit der Situation ab , so war es eine wundervolle Fahrt und das sich weithin darbietende Bild von einer gewissen Großartigkeit . Rechtshin grüne Wintersaat , so weit das Auge reichte , nur mit einzelnen Tümpeln , Häusern und Pappelweiden dazwischen , zur Linken aber die von Regengüssen hoch angeschwollene Oder , mehr ein Haff jetzt als ein Strom . Wütend kam der Südost vom jenseitigen Ufer herüber und trieb die graugelben Wellen mit solcher Gewalt an den Damm , daß es wie eine Brandung war . Und in eben dieser Brandung standen gekröpfte Weiden , nur noch den häßlichen Kopf über dem Wasser , während , auf der neumärkischen Seite , der blauschwarze Strich einer Kiefernwaldung in grellem , unheimlichem Sonnenscheine dalag . Bis dahin war außer des Schulzen Anruf an den Kutscher kein Wort laut geworden , jetzt aber sagte Hradscheck , indem er sich zu den beiden hinter ihm Sitzenden umdrehte : » Der Wind wird ihn runtergeweht haben . « » Unsinn ! « lachte Woytasch , » Ihr müßt doch sehn , Hradscheck , der Wind kommt ja von da , von drüben . Wenn der schuld wäre , läg er hier rechts vom Damm und nicht nach links hin in der Oder ... Aber seht nur , da wanken ja schon welche herum und halten sich die Hüte fest . Fahr zu , daß wir nicht die letzten sind . « Und eine Minute darauf hielten sie gerad an der Stelle , wo das Unglück sich zugetragen hatte . Wirklich , Orth war schon da , mit ihm ein paar seiner Mühlknechte , desgleichen Mietzel und Quaas , deren ausgebaute Gehöfte ganz in der Nähe lagen . Alles begrüßte sich und kletterte dann gemeinschaftlich den Damm hinunter , um unten genau zu sehen , wie ' s stünde . Die Böschung war glatt , aber man hielt sich an dem Werft- und Weidengestrüpp , das überall stand . Unten angekommen , sah man bestätigt , was von Anfang an niemand bezweifelt hatte : Szulskis Einspänner lag wie gekentert im Wasser , das Verdeck nach unten , die Räder nach oben ; von dem Pferde sah man nur dann und wann ein von den Wellen überschäumtes Stück Hinterteil , während die Schere , darin es eingespannt gewesen , wie ein Wahrzeichen aus dem Strom aufragte . Den Mantelsack hatten die Wellen an den Damm gespült , und nur von Szulski selbst ließ sich nichts entdecken . » Er ist nach Kienitz hinweggeschwemmt « , sagte Schulze Woytasch . » Aber weit weg kann er nicht sein ; die Brandung geht ja schräg gegen den Damm . « Und dabei marschierte man truppweise weiter , von Gestrüpp zu Gestrüpp , und durchsuchte jede Stelle . » Der Pelz muß doch obenauf schwimmen . « » Ja , der Pelz « , lachte Kunicke . » Wenn ' s bloß der Pelz wär . Aber der Pohlsche steckt ja drin . « Es war der Kunickesche Trupp , der so plauderte , ganz wie bei Dachsgraben und Hühnerjagd , während der den andern Trupp führende Hradscheck mit einem Male rief : » Ah , da ist ja seine Mütze ! « Wirklich ,