» Ich bin es , besteige mich nur . « Und sie bestieg mutig seinen Rücken , weil sie fühlte , daß ihr die Mutter Gottes das schöne Tier in Erhörung ihres Gebetes geschickt habe , und klammerte sich an sein Geweih . Der Hirsch aber trug sie , zwischen den hohen Stämmen hin , aus der Tiefe des Waldes heraus , bis an das Tor und in die Mitte der Stadt . Da blieb er und ließ sich fangen . Und die Stadt gab ihm ein eingehürdet Stück Weideland und hielt ihn in Schutz und Ansehen bis an seinen Tod . Und auch da noch ehrten sie das fromme Tier , das der Mutter Gottes gedient hatte , und brachten sein Geweih nach Sankt Nikolai und hingen es neben dem Altarpfeiler auf . Den Wald aber , aus dem er die Jungfrau hinausgetragen , nannten sie den Lorenzwald . Und dahin ging es heut . Die Gewerke zogen aus mit Musik und Fahnenschwenken , und die Schulkinder folgten , Mädchen und Knaben , und begrüßten den Mai . Und dabei sangen sie : » Habt ihr es nicht vernommen ? Der Lenz ist angekommen ! Es sagen ' s euch die Vögelein , Es sagen ' s euch die Blümelein , Der Lenz ist angekommen . Ihr seht es an den Feldern , Ihr seht es an den Wäldern ; Der Kuckuck ruft , der Finke schlägt , Es jubelt , was sich froh bewegt , Der Lenz ist angekommen ! « Und auch Trud und Gerdt , als der Nachmittag da war , hatten in gutem Mute die Stadt verlassen . Grete mit Reginen folgte . Draußen aber trafen sie die Zernitzens , alt und jung , die sich ' s auf mitgebrachten und umgestülpten Körben bequem gemacht und nun gar noch die Freud und Genugtuung hatten , die jungen Mindes , mit denen sie lieber als mit den andern Bürgersleuten verkehrten , an ihrer Seite Platz nehmen zu sehen . Auch Valtin und Grete begrüßten sich , und in kurzem war alles Frohsinn und guter Laune , voran der alte Zernitz , der sich , nach Abtretung seines Platzes an Trud , auf den Rain hingelagert und sein sichtliches und immer wachsendes Gefallen daran hatte , der stattlichen , in vollem Staat erschienenen jungen Frau über ihre Schönheit allerlei Schönes zu sagen . Und diese , hart und herbe , wie sie war , war doch Frau genug , sich der Schmeichelrede zu freuen . Emrentz drohte mit Eifersucht und lachte dazwischen , Gerdt summte vor sich hin oder steckte Butterblumenstielchen ineinander , und inmitten von Scherz und Geplauder sah ein jeglicher auf die sonnige Wiese hinaus , wo sich bunte Gruppen um Buden und Carrousel drängten , Bürger nach der Taube schossen und Kinder ihren Ringelreihen tanzten . Ihr Singen klang von der großen Linde her herüber , an deren untersten Zweigen rote und gelbe Tücher hingen . So mocht eine Stunde vergangen sein , als sie , von der Stadt her , gebückt auf seinem flandrischen Pferde , des alten Minde gewahr wurden . Inmitten seiner Einsamkeit war er plötzlich von einer tiefen Sehnsucht erfaßt worden , den Mai noch einmal mitzufeiern ; und nun kam er den breiten Waldweg herauf , auf die Stelle zu , wo die Zernitzens und Mindes gemeinschaftlich lagerten . Ein Diener schritt neben dem Pferde her und führte den Zügel . Was wollte der Alte ? Wozu kam er ? Und Trud und Gerdt empfingen ihn mit kurzen , rasch herausgestoßenen Fragen , die mehr nach Mißstimmung als nach Teilnahme klangen , und nur Grete freute sich von Herzen und sprang ihm entgegen . Und als nun Decken für ihn ausgebreitet lagen , stieg er ab und setzte sich an einen guten Platz , der den Waldesschatten über sich und die sonnenbeschienene Lichtung vor sich hatte . Grete pflückte Blumen und sagte : » Soll ich dir einen Kranz flechten ? « Aber der Alte lächelte : » Noch nicht , Grete . Ich warte noch ein Weilchen . « Und sie sah ihn mit ihren großen Augen an und küßte stürmisch seine welke Hand . Denn sie wußte wohl , was er meinte . Eine Störung war sein Kommen gewesen , das empfanden alle , vielleicht er selbst . Der alte Zernitz zeigte sich immer schweigsamer , Emrentz auch , und Trud , um wenigstens zu sprechen , und vielleicht auch , um der beobachtenden Blicke Gretens überhoben zu sein , sagte zu dieser : » Du solltest unter die Linde gehen , Grete . « » Und Valtin begleitet dich « , setzte Emrentz hinzu . Beide wurden rot , denn sie waren keine Kinder mehr . Aber sie schwiegen und gingen auf die Wiese hinaus . » Sie wollen allein sein « , sagte Grete . » Seien wir ' s auch . « Und an den Schau- und Spielbuden vorbei nahmen sie , kreuz und quer , ihren Weg auf die kleinen und großen Gruppen zu , die sich bei Ringelstechen und Taubenschießen erlustigten . Aber zu der Linde , wo die Kinder spielten , gingen sie nicht . Es war sehr heiß , so daß sie bald wieder den Schatten aufsuchten , und jenseits der Lichtung angekommen , verfolgten sie jetzt einen halbüberwachsenen Weg , der sich immer tiefer in den Wald hineinzog . Es glühte schon in den Wipfeln , da flog eine Libelle vor ihnen her , und Grete sagte : » Sieh , eine Seejungfer . Wo die sind , da muß auch Wasser sein . Ein Sumpf oder ein Teich . Ob schon die Teichrosen blühn ? Ich liebe sie so . Laß uns danach suchen . « Und so gingen sie weiter . Aber der Teich wollte nicht kommen , und plötzlich überfiel es Greten : » Wo sind wir , Valtin ? Ich glaube , wir haben uns verirrt . « » Nicht doch . Ich höre ja noch Musik . « Und sie blieben stehen und horchten . Aber ob es eine Täuschung gewesen war oder ob die Musik eben jetzt zu schweigen begann , gleichviel , beide strengten sich vergeblich an , einen neuen Klang aufzufangen . Und es half auch zu nichts , als sie das Ohr an die Erde legten . » Weißt du , Grete « , sagte Valtin , » ich werd hier hinaufsteigen . Das ist ein hoher Baum , da hab ich Übersicht , und es kann keine tausend Schritt sein . « Und er schwang sich hinauf und kletterte von Ast zu Ast , und Grete stand unten , und ein Gefühl des Alleinseins durchzitterte sie . Nun aber war er hoch oben . » Siehst du was ? « rief sie hinauf . » Nein . Es sind hohe Bäume rundum . Aber laß nur , die Sonne muß uns den Weg zeigen ; wo sie niedergeht , ist Abend , und die Stadt liegt nach Mittag zu . Soviel weiß ich gewiß . Also da hinaus müssen wir . « Und gleich darauf war er wieder unten bei der ihn bang Erwartenden . Sie schlugen nun die Wegrichtung ein , die Valtin von oben her mit der Hand bezeichnet hatte . Aber sosehr sie spähten und suchten , die Waldwiese kam nicht , und Grete setzte sich müd und matt auf einen Baumstumpf und begann leise vor sich hin zu weinen . » Meine süße Grete , « sagte Valtin , » sei doch nicht so bang . « Und er umarmte sie und küßte sie herzlich . Und sie litt es und schlug nicht mehr nach ihm wie damals unter dem Kirschbaum ; nein , ein Gefühl unendlichen Glückes überkam sie mitten in ihrer Angst , und sie sagte nur : » Ich will nicht mehr weinen , Valtin . Du bist so gut . Und wer gut ist , dem zuliebe geschehen Zeichen und Wunder . Und siehe , dessen bin ich gewiß , wenn wir zu Gott um seine Hülfe bitten , dann hilft er auch und führt uns aus dem Walde wieder ins Freie und wieder nach Haus . Gerade wie damals die Jungfer Lorenz . Denn wir sind ja hier im Lorenzwald . « » Ja , Grete , da sind wir . Aber wenn der Hirsch käm und es wirklich gut mit uns meinte , dann trüg er uns an eine andre Stelle , denk ich , und nicht nach Haus . Denn wir haben eigentlich kein Haus , Grete . Du nicht , und ich auch nicht . Emrentz ist eine gute Frau , viel besser als Trud , und ich danke Gott alle Tage dafür ; aber so sie mir nichts zuleide tut , so tut sie mir auch nichts zuliebe . Sie putzt sich für sich und für den Vater , und das ist alles . Nein , Grete , nicht in die Stadt und nicht nach Haus , lieber weit , weit fort , in ein schönes Tal , von Bergen eingeschlossen , und oben weiß von Schnee und unten bunt von Blumen ... « » Wo ist das ? « » Ich weiß es nicht . Aber ich hab einmal in einem alten Buche davon gelesen , und da wurde mir das Herz so weit . Zwischen hohen Felswänden liegt es , und der Sturm geht drüber hin und trifft es nie ; und die Sonne scheint , und die Wolken ziehen ; und ist kein Krieg und keine Krankheit ; und die Menschen , die dort leben , lieben einander und werden alt und sterben ohne Schmerz . « » Das ist schön « , sagte Grete . » Und nun komm und laß uns sehn , ob wir ' s finden . « Und dabei lachten sie beid und schritten wieder rüstig vorwärts , denn die Schilderung von dem Tale hatte Greten erfrischt und ihr ihren Mut und ihre Kraft zurückgegeben . Und eine kleine Strecke noch , da lichtete sich ' s , und wie Dämmerung lag es vor ihnen . Aber statt der Waldwiese war es ein Uferstreifen , auf den sie jetzt hinaustraten , und dicht vor ihnen blitzte der breite Strom . » Ich will sehen , wohin er fließt « , sagte Valtin und warf einen Zweig hinein . » Nun weiß ich ' s. Dorthin müssen wir . « Und sie schritten flußaufwärts nebeneinander her . Die Sterne kamen und spiegelten sich , und nicht lange mehr , so hörten sie das Schlagen der Glocken , und die Turmspitze von Sankt Stephan stieg in dunklen Umrissen vor ihnen auf . Es war neun Uhr , oder schon vorüber , als sie das Mindesche Haus erreichten . Valtin trat mit in das untre Zimmer , in dem sich um diese Stunde nur noch Trud und Gerdt befanden , und sagte : » Hier ist Grete . Wir hatten uns verirrt . Aber ich bin schuld . « Und damit ging er wieder , während Grete verlegen in der Nähe der Türe stehenblieb . » Verirrt « , sagte jetzt Trud , und ihre Stimme zitterte . » Ja , verirrt . Ich denke , weil ihr ' s wolltet . Und wenn ihr ' s nicht wolltet , weil ihr ungehorsam wart und nicht Zucht und Sitte kennt . Ihr solltet zu den Kindern gehen . Aber das war euch zuwider . Und so ging es in den Wald . Ich werde mit Gigas sprechen und mit deinem Vater . Der soll mich hören . Denn ich will nicht üble Nachred im Haus , ob er ' s gleich selber so gewollt hat . Gott sei ' s geklagt ... ! Was bracht er uns das fremde Blut ins Haus ? Das fremde Blut und den fremden Glauben . Und arm wie das Heimchen unterm Herd . « In diesem Augenblicke stand Grete vor Trud , und ihre bis dahin niedergeschlagenen Augen blitzten in einem unheimlichen Feuer auf : » Was sagst du da von fremd und arm ? Arm ! Ich habe mir ' s von Reginen erzählen lassen . Sie kam aus einem Land , wo sie glücklich war , und hier hat sie geweint und sich zurückgesehnt , und vor Sehnsucht ist sie gestorben . Arm ! Wer war arm ? Wer ? Ich weiß es . Du warst arm . Du ! « » Schweig « , sagte Gerdt . » Ich schweige nicht . Was wollt ihr ? Ich bin nicht euer Kind . Gott sei Dank , daß ich ' s nicht bin . Ich bin eure Schwester . Und ich wollt , ich wär auch das nicht . Auch das nicht . Verklagt mich . Geht hin , und erzählt ihm , was ich gesagt hab ; ich werd ihm erzählen , was ich gehört hab , heute draußen im Wald und hundertmal hier in diesem seinem Haus . Oh , ich hab euch zischeln hören . Und ich weiß alles , alles . Ihr wartet auf seinen Tod . Streitet nicht . Aber noch lebt er , und solang er lebt , wird er mich schützen . Und ist er tot , so schütz ich mich selbst . Ja , ich schütze mich selbst . Hörst du , Trud . « Und sie ballte ihre kleinen Hände . Trud , in ihrem Gewissen getroffen , erkannte , daß sie zu weit gegangen , während Grete plötzlich aller Scheu los und ledig war , die sie bis dahin vor ihrer Schwieger gehabt hatte . Sie hatte das Gefühl eines vollkommenen Sieges und stieg , in der Freude darüber , in den zweiten Stock hinauf . Oben fand sie Reginen und erzählte ihr alles , was unten geschehen . » Kind , Kind , das tut nicht gut , das kann sie dir nicht vergessen . « Aber Grete war übermütig geworden und sagte : » Sie fürchtet sich vor mir . Laß sehn ; ich habe nun bessere Tage . « 7. Kapitel . Jacob Mindes Tod Siebentes Kapitel Jacob Mindes Tod Und wirklich , es war , als ob Grete recht behalten sollte . Weder des Umherirrens im Walde noch des heftigen Streites , der den Tag beschlossen , wurde von Trud irgend noch erwähnt ; allem Anscheine nach auch gegen Gigas nicht , der sonst kaum ermangelt haben würde , von dem graden Pfade des Rechts und von dem » Irrpfad in der Wildnis « zu sprechen . Aber solche Predigt unterblieb , und die Sommermonate vergingen ruhiger als irgendeine Zeit vorher . Aller Groll schien vergessen , und Grete , die , nach Art leidenschaftlicher Naturen , ebenso rasch zu gewinnen als zu reizen war , gewöhnte sich daran , in den Stunden , wo Gerdt außerhalb des Hauses seinen Geschäften nachging , in Truds Schlafzimmer zu sitzen und ihr vorzuplaudern oder vorzulesen , was sie besonders liebte . Und wenn Regine den Kopf schüttelte , sagte sie nur : » Du bist eifersüchtig und kannst sie nicht leiden . Aber sie meint es gut , und es war auch nicht recht , daß wir in den Wald gingen . « So kam der Einsegnungstag , Ende September , und den Sonntag darauf war Abendmahl , an dem alle Mitglieder des Hauses teilnahmen . Alle zeigten sich in gehobener Stimmung , der alte Jacob Minde aber , trotzdem er nur mit Mühe den Kirchgang gemacht hatte , war mitteilsamer denn seit lange , plauderte viel von seiner Jugend und seinem Alter und sprach auch abwechselnd und ohne Scheu von Gerdts und von Gretens Mutter , als ob kein Unterschied wäre . Trud und Gerdt sahen dabei einander an , und was in ihren Blicken sich ausgesprochen hatte , das sollte sich anderntags bestätigen . Denn in aller Frühe schon lief es durch die Stadt , daß der alte Ratsherr auf den Tod liege , und als um die sechste Stunde der Schein der niedergehenden Sonne drüben an den Häuserfronten glühte , bat er Reginen , daß sie die Vorhänge zurückschieben und die Kinder rufen solle . Und diese kamen , und Grete nahm seine Hand und küßte sie . Gleich danach aber winkte der Alte seine Schwieger zu sich heran und sagte : » Ich lege sie dir ans Herz , Trud . Erinnere dich allezeit an die Mahnung des Propheten : › Laß die Waisen Gnade bei dir finden . ‹ Erinnere dich daran und handle danach . Versprich es mir und vergiß nicht diese Stunde . « Trud antwortete nicht , Grete aber warf sich auf die Knie und schluchzte und betete , und ehe sie ihren Kopf wieder aufrichtete , war es still geworden in dem kleinen Raum . Am dritten Tage danach stand der alte Minde hoch aufgebahrt in Sankt Stephan , der tangermündischen Hauptkirche , die , nach Art mittelalterlicher Gotteshäuser , hart am Rande der Stadt gelegen war . Auf dem Altar brannten die großen Kerzen , und ringsumher saßen die Ratmannen der Stadt , obenan der alte Peter Guntz , der nicht geglaubt hatte , seinen so viel jüngeren Freund überleben zu müssen . Keiner fehlte ; denn die Mindes waren das älteste Geschlecht und das vornehmste , wirkliche Kaufherren , und seit Anbeginn im Rate der Stadt . In nächster Nähe des Sarges aber standen die Leidtragenden . Gerdt sah vor sich hin , stumpf wie gewöhnlich , während Trud und Grete , schwarz und in wollene Stoffe gekleidet , zum Zeichen ihrer tiefsten Trauer bis über Kinn und Mund hinauf hohe weiße Tücher trugen , die nur den Oberkopf frei ließen . Grete , kaum fünfzehn Jahr , sah um vieles älter aus , als sie war , und alles Kindliche , das ihre Erscheinung bis dahin gehabt hatte , schien mit diesem Tage von ihr gewichen . Die Orgel spielte , die Gemeinde sang , und als beide schwiegen , trat Gigas aus der Sakristei und schritt auf die Altarstufen zu . Er schien noch ernster als gewöhnlich , und sein Kopf mit dem spärlichen weißen Haar sah unbeweglich über die hohe Radkrause hinweg . Und nun begann er . Erst hart und herbe , wie fast immer die Strenggläubigen , wenn sie von Tod und Sterben sprechen ; als er aber das Allgemeine ließ und vom Tod überhaupt auf diesen Toten kam , wurd er warm und vergaß aller Herbigkeit . Er , dessen stummes Antlitz hier spräche , so hob er mit immer eindringlicher werdender Stimme an , sei ein Mann gewesen wie wenige , denn er habe beides gehabt , den Glauben und die Liebe . Da sei keiner unter ihnen , an dem er seine Liebe nicht betätigt habe ; der Arme habe seine Mildtätigkeit , der Freund seine Hülfe , die Bürgerschaft seinen Rat erfahren , und seine klugen und feinen Sitten seien es gewesen , die bis nach Lübeck und bis in die Niederlande hin das Ansehen der Stadt auf die jetzige Höhe gehoben hätten . Dies wüßten alle . Aber von seinem Glauben und seiner Glaubensfestigkeit wisse nur er . Und wenn schon jeder in Gefahr stehe , Unkraut unter seinem Weizen aufschießen zu sehen , so habe doch diese Gefahr keinem so nahe gestanden wie diesem Toten . Denn nicht nur , daß er eine Reihe von Jahren unter den Bekennern der alten Irrlehre gelebt , die bedrohlichste Stunde für das Heil seiner Seele sei die Stunde seiner zweiten Eheschließung gewesen . Denn die Liebe zum Weibe , das sei die größte Versuchung in unsrer Liebe zu Gott . Aber er hab ihr widerstanden und habe nicht um irdischen Friedens willen den ewigen Frieden versäumt . In seinem Wandel ein Vorbild , werde sich die selige Verheißung , die Christus der Herr auf dem Berg am Galiläischen Meer gegeben , dreifach an ihm erfüllen . Sei er doch friedfertig und sanftmütig gewesen und reinen Herzens . Und nun sangen sie wieder , während die Träger den Toten aufhoben und ihn das Mittelschiff entlang aus der Kirche hinaus auf den Kirchhof trugen . Denn ein Grab im Freien war sein Letzter Wille gewesen . Draußen aber , unter alten Kastanienbäumen , deren Laub sich herbstlich zu färben anfing , setzten sie den Sarg nieder , und als er hinabgelassen und das letzte Wort gesprochen war , kehrten alle heim , und Trud und Gerdt schritten langsam die Lange Straße hinunter , bis an das Mindesche Haus , das nun ihre war . Nur Grete war geblieben und huschte heimlich in die Kirche zurück und setzte sich auf die Bahre , die noch an alter Stelle stand . Sie wollte beten , aber sie konnte nicht und sah immer nur Trud , so herb und streng , wie sie sie früher gesehen hatte , und fühlte deutlich , wie sich ihr das Herz dabei zusammenschnürte . Und eine Vorahnung überkam sie wie Gewißheit , daß Regine doch wohl recht gehabt haben könne . So saß sie und starrte vor sich hin und fröstelte . Und nun sah sie plötzlich auf und gewahrte , daß das Abendrot in den hohen Chorfenstern stand und daß alles um sie her wie in lichtem Feuer glühte : die Pfeiler , die Bilder und die hochaufgemauerten Grabsteine . Da war es ihr , als stünde die Kirche rings in Flammen , und von rasender Angst erfaßt , verließ sie den Platz , auf dem sie gesessen , und floh über den Kirchhof hin . In den engen Gassen war es schon dunkel geworden , der rote Schein , der sie geängstigt , schwand vor ihren Augen , und ihr Herz begann wieder ruhiger zu klopfen . Als sie aber den Flur ihres Hauses erreicht hatte , stieg sie zu Reginen hinauf und umarmte sie und küßte sie und sagte : » Regine , nun bin ich ganz allein . Eine Waise ! « 8. Kapitel . Eine Ritterkette Achtes Kapitel Eine Ritterkette Eine Waise war sie , und sie sollt es nur allzubald empfinden . Anfangs ging es , auch noch um die Christzeit , als aber Ostern herankam , wurd es anders im Haus , denn es geschah , was nicht mehr erwartet war : Trud genas eines Knäbleins . Da war nun die Freude groß , und auch Grete freute sich . Doch nicht lange . Bald mußte sie wahrnehmen , daß das Neugeborene alles war und sie nichts ; Regine kochte den Brei , und sie gab ihn . Daß sie selber ein Herz habe und ein Glück verlange , daran dachte niemand ; sie war nur da um andrer Glückes willen . Und das verbitterte sie . Ein Trost war , daß sie Valtin häufiger sah . Denn Trud hatte für nichts Sinn mehr als für das Kind , und nur selten , wenn sie sich aus Laune oder Zufall auf ihr Hüteramt besann , fiel sie vorübergehend in ihre frühere Strenge zurück . So vergingen die Tage , meist ohne Streit , aber noch mehr ohne Lust und Freud , und als es jährig war , daß sie den alten Minde von seinem Platz vor dem Altar auf den Kirchhof hinausgetragen hatten , ging Grete gen Sankt Stephan , um seiner an seinem Grabe zu gedenken . Es war ein schöner Oktobertag , und die Kastanien lagen ausgestreut umher . Grete setzte sich auf den Hügel , und das Bild des geliebten Toten stand wieder vor ihrer Seele , blaß und freundlich , und sie hing ihm noch in süßer Trauer nach , als sie sich plötzlich bei Namen gerufen hörte . Sie sah auf und erkannte Valtin . Er hatte sie das Haus verlassen sehen und war ihr nachgegangen . » Wie geht es ? « fragte Grete . Valtin antwortete nicht gleich . Endlich sagte er : » Ich mag nicht klagen , Grete , denn dein eigen Herz ist voll . Aber das muß wahr sein , Emrentz ist wie vertauscht und hat was gegen mich . Und erst seit kurzem . Denn , wie du weißt , ich hatt es nicht gut und hatt es nicht schlecht . So hab ich dir oft gesagt , und so war es . Aber seit ihr das Kleine habt , ist es anders . Und jeden Tag wird es schlimmer . Es ist ordentlich , als ob sie ' s der Trud nicht gönnte . Was meinst du ? « Grete schüttelte den Kopf . » Nein , das ist es nicht . Ich weiß aber , was es ist , und Trud ist wieder schuld . Sie verredet dich bei der Emrentz . Das ist es . « » Verredet mich ? Ei , da laß doch hören « , sagte Valtin . » Ja , verredet dich . Ich weiß es von der Regine . Die war in der Hinterstub oben und wiegte das Kind , als sie beid am Fenster saßen . Und da hörte sie dein Lob aus der Emrentz Mund , und wie sie sagte : › Du seist ein guter Jung und machtest ihr das Leben nicht schwer , was du doch könntest , denn sie sei ja noch jung und deine Stief . ‹ Aber das mißfiel unsrer Trud , und sie nahm ihren spöttischen Ton an und fragte nur : ob sie denn blind sei . Und ob sie nicht säh , wie dir der Schalk im Nacken säße . Du lachtest ja über sie . « Valtins Augen waren immer größer geworden , aber Grete sah es nicht und fuhr unverändert fort : » Und das glaube nur , Regine hört alles und sieht alles . Und sie sah auch , wie sich Emrentz verfärbte , erst rot und dann erdfahl im ganzen Gesicht . Und so bitterbös . Und dann hörte sie , wie sie der Trud zuflüsterte : › Ich danke dir , Trud , und ich will nun ein Auge darauf haben . ‹ « » Also daher ! « sagte Valtin . » Aber gut , daß ich es weiß . Ich will sie zur Rede stellen , eure Trud , wenn ich ihr auf Flur oder Treppe begegne . Mich verreden . Das ist schlecht . « » Und unwahr dazu . « Valtin schwieg eine Weile . Dann nahm er Gretens Hand und sagte beinah kleinlaut : » Nein , unwahr eigentlich nicht . Es ist wahr , ich habe mich abgewandt und hab auch gelacht . Aber ich tat ' s nicht in Bösem und wollt ihr nicht wehe tun . Und das weiß die Trud auch . Und sie weiß auch , daß ich der Emrentz nicht gram bin , nein , ganz und gar nicht , und daß ich mich eigentlich freue , daß er sie gern hat , wenn ich auch so manchmal meine Gedanken darüber habe . Denn er ist ein andrer Mann worden , und unser Haus ist ein ander Haus worden als vordem ; und das alles dank ich ihr . Eine Stief ist freilich eine Stief , gewiß , das bleibt , und wenn ich da bin , ist es gut , und wenn ich nicht da bin , ist es noch besser ; ich weiß es wohl , und es geht ihr nichts zu Herzen , wenn ' s nicht eine neue Mod oder ein Putz oder eine Gasterei ist ; aber eigentlich hab ich sie doch gern , und weißt du , Gret , ich werde mit ihr sprechen und nicht mit der Trud . Ich bin jetzt achtzehn , und mit achtzehn , da darf man ' s. Und ich wette , sie nimmt ' s gut auf und gibt mir einen Kuß und ruft den Vater und erzählt ihm alles und sagt ihm alles und sagt ihm auch , daß er schuld sei , ja er , er , und daß sie mich heiraten wolle , nächstens schon , wenn er nicht anders würde , ganz anders . Und dann lacht er immer , weil er es gern hört . Aber sie sagt es noch lieber . « Grete , die , während er sprach , eine Menge der umherliegenden Kastanien gesammelt und aufgezogen hatte , hing sie sich jetzt als Schnur um den Hals und sagte : » Wie kleidet es mir ? « » Ach , dir kleidet alles . Du weißt es ja , und alle Leute wissen ' s. Und sie sagen auch , es sei hart , daß du dein Leben so vertrauern müßt . Immer so mit dem Kind ... « Grete seufzte . » Freilich , es ist nichts Feins ; aber bei Tag ist es ein Spielzeug , und dann sieh , dann gibt mir ' s auch zu lachen , wenn ich so seh , wie sie das Würmchen aufputzen und einen kleinen Prinzen aus ihm machen möchten . Denn du mußt wissen , es ist ein häßlich Kind , und alles an ihm hat eine falsche Stell und paßt nicht recht zusamm ' , und ich seh es in Gedanken schon groß , wie ' s dann auch so hin und her schlenkert , grad wie der Gerdt , und sitzt immer krumm und eingesunken und streckt die Beine weit , weit von sich . Ach , es hat schon jetzt so lange dünne Beinchen . Wie die Spinn an der Wand . « » Und Trud ? « fragte Valtin . » Die sieht nur , daß es ein hübsches Kind ist , oder sie tut doch so . Und dann fragt sie mich : › Nicht wahr , Gret , es sieht gut ? ‹ Und wenn ich dann schweig oder verlegen seh , dann redet sie auf mich ein , und dann heißt es : › Sieh doch nur den Mund ; ist er nicht klein ? und hat auch nicht solchen