sie war eine Witwe . « So plauderte der Alte mit seinen Konfirmanden , und wenn dann die Stunde vorüber war , schlenderten Martin und Hilde wieder heim , im Winter an dem Stachelginster vorbei , der neben der Kirchhofsmauer hinlief , im Sommer über den Kirchhof selbst , wo sie hinter den Büschen Verstecken spielten . Oft aber wollte Hilde nicht , sondern blieb allein und setzte sich abwärts auf eine Steinbank , wo der Quell aus dem Berge kam und wo Gartengeräte standen und große Gießkannen , um die Gräber damit zu begießen . Und von dieser Bank aus sah sie , wie die Lichter einfielen und vor ihr tanzten und wie die Hummeln von einer hohen Staude zur anderen flogen : von dem Rittersporn auf den roten Fingerhut und von dem roten auf den gelben . Den liebte sie zumeist und freute sich immer und zählte die Schwingungen , wenn er unter dem Anprall der dicken Hummeln ins Schaukeln und Schwanken kam . Und dann erhob sie sich und ging auf ihrer Mutter Grab zu , das nichts als ein paar Blumen und ein blaues Kreuz mit einem Dach und einer gelben Inschrift hatte : » Erdmuthe Rochussen , geb . den 1. Mai 1735 , gest . den 30. Sept . 1767 . « Und immer wenn sie den Namen las und den Spruch darunter , stiegen ihrer Kindheit Bilder wieder vor ihr auf , und sie sah sich wieder auf der Hofschwelle sitzen , und an der anderen Seite der Diele , der Vordertür zu , saß ihre Mutter und schwieg und spann . Und dann hörte sie sich rufen : » Hilde ! « , ach , leise nur , und sie lief auf die Mutter zu , die plötzlich wie verändert war und ihr das Haar strich und fühlte , wie fein es sei . So waren die Bilder , denen sie nachhing , und während sie so sann und träumte , pflückte sie von den Grashalmen , die das Grab umstanden , flocht einen Kranz , hing ihn an das Dach und ging im Zickzack auf die höher gelegene Kirchhofsstelle zu , wo die Gräflichen ihre Ruhestätte hatten , eingehegt und eingegittert und von einem hohen Marmorkreuz überragt . Das leuchtete weithin , und ein Zeichen war darauf , das sie nicht deuten konnte . Zu Füßen des Kreuzes aber lagen allerhand Steinplatten , einige von Schiefer , andere von Granit , auf deren einer in Goldbuchstaben zu lesen war : » Adalbert Ulrich Graf von Emmerode , geb . am 1. Mai 1733 , gefallen vor Prag am 6. Mai 1757 . « Und immer wenn sie dies sah und las , gedachte sie der vielen , vielen Tage , wo sie mit ihrer Mutter an eben dieser Stelle gestanden hatte , manchmal in aller Frühe schon , wenn der Tau noch lag , und öfter noch bei Sonnenuntergang . Und niemals waren sie gestört worden , außer ein einzig Mal , wo die Gräfin unvermutet und plötzlich am Gittereingang erschienen war . Und das war ihr unvergessen geblieben und mußt es wohl , denn ihre Mutter hatte sie rasch und ängstlich zurückgerissen und sich und sie hinter eine hohe Brombeerhecke versteckt . » Sie sollen Geschwister sein « , hatte Baltzer Bocholt gesagt ; im Dorf aber hieß es nach wie vor , daß des Heidereiters Hilde der Muthe Kind sei , der Muthe Rochussen , und eigentlich auch das nicht mal . Eine Mutter habe die Hilde freilich gehabt , gewiß , eine Mutter habe jeder , und das sei denn auch die Muthe gewesen . Aber ob es die Muthe Rochussen gewesen , damals schon gewesen , das sei doch noch sehr die Frage . Das wüßten die drüben besser , die Lebendigen und die Toten . Es konnte natürlich nicht ausbleiben , daß der Heidereiter von solchem Gerede hörte , weil er aber störrisch und eigensinnig war , so war es ihm nur ein Grund mehr , die Hilde so recht zu seinem Lieblingskinde zu machen . Es war eigentlich nur eines , was ihn an ihr verdroß : ihre Müdigkeit . Sie war ihm zu lasch , und wenn sie so dasaß , den Kopf auf die Schulter gelehnt , so rief er ihr ärgerlich zu : » Kopf in die Höh , Hilde ! Bei Tag ist Arbeitszeit und nicht Schlafenszeit ; das lieb ich nicht . Aber was ich noch weniger lieb als das Schlafen , das ist die Schläfrigkeit . Immer müde sein ist Teufelswerk . Als ich so alt war wie du , da braucht ich gar nicht zu schlafen . « Und solche Mahnung half denn auch einen Tag oder zwei , weil ' s ihr einen Ruck gab . Aber den dritten Tag war es wieder beim alten , und er beschloß , mit Sörgel darüber zu sprechen . Der indessen schüttelte den Kopf und sagte nur : » Ich kann Euch nicht zustimmen , Heidereiter . Ihr habt ein volles und starkes Blut und wollt alles so voll und stark , als Ihr selber seid . Aber das Blut ist verschieden , und das Temperament ist es auch . Ihr habt den cholerischen Zug , und die Hilde hat den melancholischen . Und daran ist nichts zu ändern ; das hat die Natur so gewollt , in der auch Gottes Wille lebendig ist , und das müßt Ihr gehenlassen . Seht , ich weiß noch den Tag , als die Muthe Rochussen eben gestorben war und wir mit der Hilde hinaufgingen und dann wieder zurück über Ellernklipp und Diegels Mühle . Da sagt ich mir : › Ein feines Kind ; aber sie träumt bloß und kennt nicht gut und nicht böse . ‹ Und so war es damals auch . Aber sie hat es gelernt seitdem , und weil der gute Keim in ihr war , ist nichts Niederes an ihr und in ihr und kein Lug und kein Trug . Und ich will Euch sagen , woher all das Müde kommt , das Euch verdrießt ; sie hat eine Sehnsucht , und Sehnsucht zehrt , sagt das Sprüchwort . Ja , Heidereiter , an wem was zehrt , der wird matt und müd . Und seht , das ist es . « Es schien , daß Baltzer Bocholt antworten wollte , Sörgel aber litt es nicht und fuhr in einer ihm sonst fremden Erregung fort : » Achtet nur , wie sie wechselt , und ist mal rot und mal blaß und mal hell und mal trüb . Und seht , das ist nicht Trägheit des Fleisches , die sich wegzwingen läßt , das ist ein Geheimnis im Blut . Ihr wißt ja , woher das rote Haar stammt und die langen Wimpern , und daher stammt auch das Blut . Und wie das Blut ist , ist auch die Seele . « Der Heidereiter war nicht überführt , aber er beschloß doch , es gehenzulassen . Und Hilde war nun vierzehn , und am Palmsonntage sollte sie mit Martin und den anderen Konfirmanden eingesegnet werden . Es waren noch sechs Wochen bis dahin , und als wieder eine biblische Geschichtsstunde war , sagte Sörgel : » Ihr seid nun fest im Alten Testament , und die Hilde weiß es vorwärts und rückwärts . Aber den Alten Bund , den hatten die Juden auch , und ist nun Zeit , Kinder , daß wir uns um Jesum Christum , unseren Herrn und Heiland , kümmern . Sage mir , Hilde , was du von ihm weißt ? « Hilde richtete sich auf und säumte nicht , von Bethlehem und Christi Geburt eine gute Beschreibung zu machen ; und als er fragte , wo sie das herhabe , berichtete sie von der ersten Weihnachtsbescherung in ihres Pflegevaters Haus und von der Krippe , die Martin aufgebaut , und zuletzt auch von dem Aufschluß , den ihr Grissel gegeben habe . » Das ist gut . Und ich sehe wohl , die Grissel ist eine kluge Person und ein rechtes Küsters- und Schulmeisterskind , dem es von Jugend auf alles in succum et sanguinem gegangen ist , das heißt : in Fleisch und Blut . Und darauf kommt es an . Denn seht , Kinder , das Christentum will erfahren sein , das ist die Hauptsache ; aber es muß freilich auch gelernt werden , dann hat man ' s , wenn man ' s braucht . Etwas Schule brauchen wir alle . Nicht wahr , Hilde ? « Hilde schwieg aus Respekt , und der Alte fuhr fort : » Es muß auch gelernt werden , sag ich . Und so lernet mir denn die drei Stücke , darin steckt alles . In den drei Stücken und in den Zehn Geboten . Die gehören mit dazu , sonst wird uns in unserem Glauben zu wohl , und wir vergessen um des Jenseits willen , was wir dem Diesseits schuldig sind . Also die drei Hauptstücke . Heut ist Dienstag , und nächsten Dienstag frag ich euch danach . Da habt ihr eine volle Woche Zeit . Und nun geht und gehabt euch wohl , und Gott und ein gutes Gedächtnis seien mit euch . « Und nun war wieder Dienstag , und beide Katechumenen saßen wieder auf der kleinen Bank in der stillen Stube . Martin sah tapfer und sicher aus , aber Hilde schlug verlegen die Augen nieder . » Also die drei Hauptstücke « , hob Sörgel an . » Nun laß hören , Hilde . Rasch und fest . Aber nicht zu rasch . « » Ich glaube an Gott den Vater , allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden . « » Gut . Also du glaubst an Gott den Vater , allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden . Und nun gib mir auch unseres Doktor Luthers Erklärung und sage mir : Was ist das ? « » Ich glaube , daß mich Gott geschaffen hat . . « Hier stockte sie und war wie mit Blut übergossen . Endlich aber sagte sie : » Weiter weiß ich es nicht . « » Ei , ei , Hilde ... Hast du denn nicht gelernt ? « » Ich habe gelernt ... Aber ich kann es nicht lernen ... « » Und du wußtest doch das erste . « » Ja , das erste kann ich und das zweite kann ich beinah . Aber das dritte kann ich nicht . Und › Was ist das ? ‹ , das kann ich gar nicht . « Sörgel , der sonst immer einen Scherz hatte , sagte nichts und ging in seinen Sammetstiefeln auf und ab . Endlich blieb er vor Martin stehen , schlug ihn mit der Hand leise unters Kinn und sagte : » Martin , du kannst es . Nicht wahr ? « » Ja , Herr Prediger . « » Ich dacht es mir « , antwortete Sörgel , und ein leiser Spott umspielte seine Züge . Dann aber ging er auf den Tisch zu , wo die Bibel lag , und blätterte darin , alles nur , um seiner Erregung Herr zu werden , und sagte dann , indem er sich wieder an Hilde wandte : » Höre , Hilde , der Tag deiner Einsegnung ist nun vor der Tür , und wenn ich dich in die christliche Gemeinschaft einführen soll , so mußt du christlich sein . Ich will dich aber nicht mit dem Worte quälen , der Geist macht lebendig , und so sage mir denn auf deine Weise , was ist ein Christ ? « » Ein Christ ist , wer an Christum glaubt . Das heißt an Christum als an den eingeborenen Sohn Gottes , der uns durch einen schuldlosen Tod aus unserer Schuld erlöset hat . Und darum heißt er der Erlöser . Und wer an den Erlöser und seinen Erlösertod glaubt , der kommt in den Himmel , und wer nicht an ihn glaubt , der kommt in die Hölle . « Der Alte lächelte bei dem Schlußworte dieses Bekenntnisses und sagte : » Brav ! Und ich will den wilden Schößling an deinem jungen Glaubensbaume nicht wegschneiden . Aber muß es denn eine Hölle geben ? Meinst du , Hilde ? « » Ja , Herr Pastor . « » Und warum ? « » Weil es gut und böse gibt und schwarz und weiß und Tag und Nacht . « » Und von wem hast du das ? « » Von Melcher Harms . « » Ah , von dem ! « antwortete der Alte . » Ja , der tut es nicht anders . Und wir wollen es dabei lassen , wenigstens heute noch . Sind wir erst älter , so findet sich ' s , und wir reden noch darüber ... Und für heute nur noch das : Martin soll den Glauben sprechen , und du sollst ihn nicht sprechen . Aber ich denke , du hast ihn , hast ihn in deinem kleinen Herzen , und ich wollt , es hätt ihn jeder so . « Und er streichelte sie liebevoll , als er so sprach , und setzte mit ernster Betonung hinzu : » Du hast die Zehn Gebote , Hilde . Die halte . Denn die haben alles : den ewigen Gott und den Feiertag , und du sollst Vater und Mutter ehren , und haben das Gesetz , das uns hält und ohne das wir schlimmer und ärmer sind als die ärmste Kreatur . Ja , Kinder , wir haben viel hohe Bergesgipfel ; aber der , auf dem Moses stand , das ist der höchste . Der reichte bis in den Himmel ... Und nun sagt mir zum Schluß , was heißt Sinai ? « » Der Berg des Lichts « , fuhren beide heraus . » Gut . Und nun geht nach Haus und seid brav und liebet euch . « 5. Kapitel . Hilde wird eingesegnet Fünftes Kapitel Hilde wird eingesegnet Und nun war die Woche vor Palmsonntag , wieder ein Dienstag , und die beiden Kinder hatten ihre letzte Stunde gehabt und wollten über den Kirchhof zurück . Aber es ging nicht , wie sie bald sehen mußten , denn überall stand Wasser um die Gräber her , und der Wind , der seit Tagesanbruch wehte , hatte noch nicht Zeit gehabt , die Lachen und Tümpel wieder auszutrocknen . So gingen sie draußen entlang , einen schmalen Weg hin , wo Steine lagen und zu beiden Seiten eine Stechpalmenhecke grünte . Hier pflückte sich Hilde ein paar von den blanken Blättern , hielt sie sich vor und sagte : » Sieh , Martin , wie hübsch es kleidet . Aber nächsten Sonntag – und das sind bloß noch fünf Tage – , da krieg ich einen ordentlichen Strauß , mit Blumen aus dem Treibhaus oben . Denn Grissel kennt den Gärtner , und ist noch Verwandtschaft von ihr . « » Einen Strauß aus dem Glashaus oben « , wiederholte Martin . » Oh , das ist hübsch ! Aber die Leute werden wieder sagen : Ei , seht die Heidereiters mit ihrer Hilde : die möchten am liebsten eine Gräfin aus ihr machen . « » Ist es so , wie du sagst , dann will ich keinen Strauß . « » Ach , du mußt dich nicht an das Gerede der Leute kehren . « » Ich kehre mich aber daran und will nicht , daß sie nach mir hinsehen und zischeln . Und wenn ich gar einen sehe , der mich beneidet , dann ist ' s mir immer wie ein Stich und als fiele mir ein Tropfen Blut aus dem Herzen . Und ist ganz heiß hier und tut ordentlich weh . Hast du das auch ? « » Nein , ich hab es nicht . Ich hab es gern , wenn mich einer beneidet . « Und so plaudernd , waren sie bis an die Birkenbrücke gekommen und blieben stehen , um das angeschwollene Wasser unter dem kleinen Holzjoche hinbrausen zu sehen . Allerhand braune Blätter und Rindenstücke tanzten auf dem Gischt umher , und die großen Steine , die sonst mit ihrer Oberhälfte trocken lagen , waren heute überschäumt . Hier standen sie lange , den Blick immer nach unten gerichtet , bis Martin wie von ungefähr aufsah und auf kaum hundert Schritte den Heidereiter in einem unsteten Gange herankommen sah . Er ging hart am Bache hin und trug sein Gewehr am Riemen über die linke Schulter , seinen Hut aber nahm er oft ab und wischte sich die Stirn mit seinem Sacktuch , was alles darauf hindeutete , daß er in großer Erregung war . » Sieh , der Vater « , sagte Martin und wollte ihm entgegeneilen . Aber Baltzer , als er dessen gewahr wurde , winkte ihm heftig mit der Hand , zum Zeichen , daß er bleiben solle , wo er sei , und schritt , ohne sich weiter umzusehen , rasch auf das Haus zu . Der braune Jagdhund , der ihm folgte , senkte den Kopf ins nasse Gras und tat auch , als ob er die Kinder nicht sähe . » Was ist das ? « sagte Martin . » Komm . « Aber Hilde hielt ihn fest und sagte : » Nein , bleib . « Und so blieben sie noch und gingen endlich , statt ins Haus , auf ihrem früheren Wege bis an die Kirchhofsmauer zurück . Da setzten sie sich auf eine niedrige Stelle , gerade da , wo die Stechpalmenhecke war , und sprachen kein Wort . Und nicht lange , so sahen sie , wie der Vater über die Brücke kam , und weil sie sich vor ihm fürchteten , traten sie hinter die Hecke zurück , um nicht gesehen zu werden . Aber sie selber sahen ihn . Er hatte seinen Stutzhut auf und den Hirschfänger umgeschnallt , und aus allem war ersichtlich , daß er aufs Schloß hinauf wollte . Beide sahen ihm ängstlich nach , und erst als seine breite Gestalt auf dem Schlängelwege verschwunden war , kamen sie wieder aus ihrem Versteck hervor . Auf der Diele trafen sie Grissel , die vor sich hin sprach und dem Hühnerhunde Brot einbrockte . Der aber ging immer nur um die Schüssel herum und begnügte sich , ein paar Fliegen zu fangen , die hin und her summten . Und dann schlich er auf das Rehfell zu , das neben der Hoftür lag , streckte sich aus und klappte verdrießlich mit den Ohren . » Was ist , Grissel ? « fragte Martin . » Was ist ? Er hat den Maus-Bugisch über den Haufen geschossen . « » Tot ? « » Versteht sich . Er wird ihn doch nicht halb totschießen . Das ist gegen die Regel . Dein Vater tut nichts Halbes . « » Um Gottes Barmherzigkeit willen ! « schrie Hilde , fiel in die Knie und betete vor sich hin : » Vater unser , der du bist im Himmel . « Und in ihrer furchtbaren Angst betete sie weiter , bis die Stelle kam : » Unser täglich Brot gib uns heute . « Da riß Grissel sie heftig auf und sagte : » Was , täglich Brot ! Als ob du ' s nicht hättest ! Du hast dein täglich Brot ; und wenn du beten willst , so bet ums Rechte . Hier aber ist nichts zu beten . Er wollte deinem Vater ans Leben , und ist nun die dritte Woch , daß er ' s ihm zugeschworen . Aber der war flinker und fragt nicht lang und spaßt nicht lang . Ja , das hat er noch von den Soldaten her . Und ich sage dir , Hilde , das ist nun mal nicht anders , und mußt dich dran gewöhnen . Denn du bist hier in eines Heidereiters Haus , und da heißt es : er oder ich . Und wie steht es denn in der Bibel ? Aug um Auge und Zahn um Zahn . « » Und liebet eure Feinde . « » Ja , das steht auch drin . Und für den , der ' s kann , ist es gut genug . Oder vielleicht auch besser oder vielleicht auch ganz gewiß ; denn ich will mich nicht versündigen an meinem Christenglauben . Aber was ein richtiger Heidereiter ist , der hält auf den Alten Bund und aufs Alte Testament . Und warum ? Weil es schärfer ist und weil er ' s jeden Tag erfahren muß : Wer leben will , der muß scharf zufassen ... Und nun komm , Hildechen , ich will dir ein Glas Wein geben , von dem ungerschen , den du so gern hast , und er wird nichts dagegen haben . ' s ist ja für dich . Und dann mußt du wissen , so was kommt auch nicht alle Tag ... Aber sieh nur , da bringen sie ihn schon . « Und sie wies vom Fenster aus auf eine Stelle , wo der Buschweg , der neben dem Bache hinlief , in den großen Fahrweg einbog . Aber Hilde , die wie gestört war , wollte nichts sehen und lief auf die Hoftür zu , wo der Hühnerhund lag , und bückte sich und umarmte das Tier . Und der Hund , der wohl wußte , was es war , weimerte vor sich hin und fuhr ihr mit der Zunge über Stirn und Gesicht . Inzwischen waren Grissel und Martin von der Stube her auf die Vortreppe gegangen und sahen in aller Deutlichkeit , wie sie den Wilderer auf der großen Straße herantrugen . Es waren ihrer vier , lauter Holzschläger ; sie hatten aus ein paar jungen Ellern eine Trage gemacht . Über den Toten selbst aber waren Tannenzweige gebreitet . Und so gingen sie vorüber und grüßten nicht . » Sieh , Martin « , sagte Grissel , » sie grüßen uns nicht . Und ich weiß wohl , warum nicht . Weil ihnen allen der Wilddieb im Leibe steckt . Oh , ich kenne sie ! Was Gesetz ist , das wissen sie nicht . Und ein Glück ist es , daß wir es wissen . Und nun komm ... Die Hilde kann kein Blut sehen und hat sich , als ob es der letzte Tag wäre ... Aber es lernt sich ... « Und damit gingen sie wieder ins Haus . Unter Sturm und Regen hatte die Woche begonnen und blieb auch so bis zuletzt , und wenn der Himmel einmal blau war , so ballte sich rasch wieder ein neu Gewölk zusammen und kam von den Bergen herunter und ging zu Tal . Und dabei war es kalt , und Hilde fror . Es war eine freudlose Woche , freudlos und unruhig , und jeder ging seinen Weg ; aber sowenig dies alles zu Palmsonntag paßte , so war es doch auch wieder ein Glück und half Hilden über die Pein fort , an der Seite des Vaters sitzen und ihm in die Augen sehen zu müssen . Er war viel aus dem Haus , oben bei der Gräfin und dann wieder auf dem Ilseburger Gericht , und wenn er spätnachmittags zurückkehrte , schloß er sich ein und wollte niemand sehen , auch Hilde nicht . Er war verbittert , weil ihm nicht entgehen konnte , daß ihm die Herren vom Gericht in der Bugisch-Sache nur ein halbes Recht gaben , und weil ihn die Gräfin gefragt hatte : » Baltzer Bocholt , mußt es denn sein ? « Und er hatte bitter geantwortet : » Ob es mußte ? Ja , Frau Gräfin , es mußte . Denn ich bin nicht bloß ein Mann im Dienst , ich bin auch ein Christ und kenne das fünfte Gebot und weiß , was es heißt , eines Menschen Blut auf der Seele haben . « Und danach hatte die Gräfin eingelenkt und ihn wieder zu beruhigen gesucht . Aber die Kränkung war geblieben . Und so kam Palmsonntag und Einsegnung heran , und schon in aller Frühe gingen die Glocken . Als es aber das zweite Mal zu läuten anfing , erschien Baltzer Bocholt in der Tür seines Hauses und sah ernst und feierlich aus und nahm seinen Hut ab und strich ihn zwei- , dreimal mit dem einen seiner gemsledernen Handschuhe . Denn er war sich wohl bewußt , daß es auch ein wichtiger Gang für ihn war und daß viele von den Emmerodern ebenso dachten wie die Gräfin oben und sich auch die Frage gestellt hatten : ob es denn habe sein müssen ? Er wußte dies alles und stieg langsam und in Gedanken die Vortreppe nieder , und erst jenseits der Birkenbrücke sah er sich nach den Kindern um , die wenige Schritte hinter ihm folgten . In einiger Entfernung aber kam Grissel und weit zurück erst Joost . Er hatte mit Grissel gehen wollen , die je doch ärgerlich den Kopf geschüttelt und ihm gesagt hatte : » Nei , Joost , hüt nich . « Und er mußte sich ' s gefallen lassen ; denn er war bloß eines Büdners Sohn und sprach immer platt . In der Kirche waren erst wenige Plätze besetzt , und nur die Orgel spielte schon . Und Baltzer Bocholt , als er eintrat , ging das Kirchenschiff hinauf und nahm hier auf einer der beiden Bänke Platz , die für die nächsten Verwandten der Einsegnungskinder bestimmt waren . Es war die nach rechts hin stehende Bank , und Martin und Hilde stellten sich dicht davor , ganz nahe dem Altar , alles , wie Sörgel es ihnen gesagt hatte . Und hier hörte nun Hilde , wie sich die Kirche hinter ihr füllte , und sah auch mit halbem Auge , wie sich die Reihe der neben ihr stehenden Kinder nach beiden Seiten hin verlängerte . Aber sie rührte sich nicht und blickte sich nicht um . Und nun wurde gesungen ; und als der Gesang endlich schwieg und Martin das Glaubensbekenntnis gesprochen hatte , richtete Sörgel seine Fragen an die Konfirmanden . Aber Hilden frug er nicht , denn er sah wohl , daß sie todblaß war und zitterte . Und nun gab er jedem Kinde seinen Spruch ; an die vor ihm kniende Hilde aber trat er zuletzt heran und sagte : » Laß dich nicht das Böse überwinden , sondern überwinde das Böse mit Gutem . « Und sie wog jedes Wort in ihrem Herzen und kniete noch , als alles schon vorüber war und jedes der Kinder sich schon gewandt hatte , um Vater und Mutter zu begrüßen . Ganz zuletzt auch wandte sie sich und sah nun , daß ihr Vater auf seiner Bank allein saß . Und ein ungeheures Mitleid erfaßte sie für den in seiner Ehre gekränkten Mann , und sie vergaß ihrer Angst und lief auf ihn zu und küßte ihn . Von Stund an aber wär er jeden Augenblick für sie gestorben . Denn er war ein stolzer Mann , und es fraß ihn an der Seele , daß man ihn sitzen ließ , als säß er auf der Armensünderbank . Und indem er sich höher aufrichtete , nahm er jetzt Hildens Arm und ging festen Schrittes auf den Ausgang zu , zwischen den verdutzt dastehenden Bauern und ihren Frauen mitten hindurch . Einige traten an die Seite und grüßten , und es war beinahe , als ob das , was Hilde getan , die Herzen aller umgestimmt und ihren Groll entwaffnet habe . Hinter ihnen her aber ging Martin und freute sich , daß sich die Schwester ein Herz genommen . Und auch Grissel freute sich , die noch von ihres Vaters Tagen her ihren Platz oben auf dem Orgelchor hatte . Manches aber freute sie nicht , und sie sah dem Paare nach und sprach in Platt vor sich hin , wie sie ' s zu tun liebte , wenn sie mit sich allein war : » I , kuck eens ... Uns ' Oll ' ... ! Un reckt sich orntlich in de Hücht ... Un nu goar uns ' Lütt-Hilde ! Kuck , kuck . Seiht se nich ut , as ob se vun ' n Altar käm ? Un fehlt man bloot noch de Kranz . Un am End kümmt de ook noch ... Un worümm sall he nich koamen ? « 6. Kapitel . Hilde schläft am Waldesrand Sechstes Kapitel Hilde schläft am Waldesrand Jahre waren seitdem vergangen , und im Dorfe gedachte niemand mehr der Vorgänge jener Palmsonntagwoche , weder des erschossenen Wilderers noch des Einsegnungstages . Auch Hilde hatte sich in Grissels Spruch : » Er oder ich « allmählich zurechtgefunden , und nur jedesmal , wenn der Heidereiter erregt nach Hause kam , die Stirn kraus und das Auge mit Blut unterlaufen , befiel sie wieder die Furcht jener Tage . Doch nie lange . Kaum daß seine Stirn wieder glatt und sein Ärger vorüber war , war auch ihre Furcht vorüber , und nur eine Scheu blieb ihr zurück , über die sie nicht weiter nachdachte , weil sie sie für natürlich hielt . War doch auch Martin scheu , ja , Grissel ausgenommen , eigentlich jeder ; unter allen Umständen aber schloß diese Scheu die Heiterkeit des Hauses nicht aus , und wenn in der Küche , wie jetzt öfters zu geschehen pflegte , das Gespräch auf des Heidereiters immer grauer werdenden Bart kam und Joost in seiner neckischen und dummschlauen Weise hinwarf : » Ojemine , Grissel , de Grissel kümmt em in ! « , so vergaß ein jeder des mehr oder minder auf ihm lastenden Druckes und vergnügte sich und lachte . Am herzlichsten aber lachte Hilde . Die war jetzt überhaupt anders als in ihren Kinderjahren , und