Kopf . « Dieser unleidliche Privatdozent tut nun wirklich , als hätte ich das große Los gezogen . Ich finde ja auch , es sind recht angenehme Aussichten , aber durch die Schwierigkeiten der letzten Jahre sind meine Ansprüche ins Ungeheuerliche gewachsen , und es gibt keine Summen mehr , die ich als überwältigend empfinden würde . Das Revanchebedürfnis ist eben zu groß geworden . Lukas handelt mit mir wie Abraham mit dem lieben Gott um die Gerechten von Sodom , wieviel ich festlegen soll und wieviel ich verjubeln darf . Ich höre andächtig zu und träume dabei von einer Reise nach Siam - ich weiß nicht , warum mich gerade das so besonders lockt - von Kleidern , Pferden , Landhäusern - kurz , ich übersetze mir die Zahlen in erfreuliche Wirklichkeiten . Vor einem halben Jahr hätte der Gedanke an ein gesichertes Dasein noch etwas Verlockendes für mich und Lukas vielleicht mehr Glück mit seinen Mahnungen gehabt ... sich rangieren , auskommen , Ruhe haben ... Aber das Geschick hat den Bogen zu sehr überspannt . Existenz , wirtschaftliche Basis und dergleichen sind mir zu fratzenhaften Begriffen geworden , unter denen ich mir nichts mehr vorstellen kann . Sie haben mich so greulich verhöhnt , daß ich nur noch in derselben Tonart antworten kann . Meinst Du , ich wäre je wieder imstande , ohne die qualvollsten Zwangsvorstellungen eine Wohnung zu mieten , mit einem Hausherrn zu verhandeln , Möbel zu kaufen , Dienstboten zu engagieren , Milchfrauen , Petroleum- und Kohlenmänner ins Haus kommen zu sehen ? Ich fürchte , ich werde überhaupt nie wieder wohnen können , nur mehr logieren , ganz oberflächlich , vorsichtig und ohne Zusammenhang . In der Beziehung ist etwas in mir gebrochen , was nie wieder ganz werden kann ... Recht ungeschickt kam gerade in diesen Tagen Doktor Baumann , der Freudianer , hier an . Ich hoffte , er sei selbst etwas erholungsbedürftig und würde sich erst ausruhen wollen . Aber nein , er brennt vor Tatendurst und wollte mich sofort seiner Analyse unterziehen . Ich meinte darauf , wir sollten jetzt doch lieber die Entwicklung der Dinge abwarten , dann wäre es vielleicht gar nicht mehr nötig , aber er läßt sich nicht überzeugen . Im übrigen ist er sehr nett , und man freut sich hier über jeden Zuwachs der Gesellschaft , so muß ich denn wohl oder übel in den sauren Apfel beißen und mich von ihm behandeln lassen . Nachdem er mich hier untergebracht und akkreditiert hat , ich mich außerdem andauernd schlecht benehme und dem Professor ein Dorn im Auge bin , kann ich jetzt unmöglich sagen : Lassen Sie mich in Ruhe , ich halte Ihre Behandlung für einen Schmarrn und bin mehr als je überzeugt , daß mein Leiden nur durch positives Geld zu heilen ist . Im Gegenteil , ich bin einfach verpflichtet , auch diesen Kelch zu leeren , wie ich vorher die Wickel und Duschen über mich ergehen ließ . Wirtschaftliche Kräche haben manchmal unübersehbare Folgen ... weiß der Himmel , was alles für Kuren an Leib und Seele ich noch durchmachen muß , bis die Erbschaft fällig ist . Ich fand es anfangs ganz hübsch und stilvoll , einen Komplex zu haben , man konnte vor sich selbst und anderen sich immer darauf berufen , anstatt einfach zu sagen : ich bin verzweifelt , außer mir , schlechter Laune usw. Aber ich finde es hart , sich nun deshalb so anstrengen zu müssen , und es ist wirklich ein Stück Arbeit , bis man all diese verwickelten Sachen begriffen hat . Verlange nur nicht , daß ich dir einen populär verständlichen Vortrag darüber halte . Mein Wunsch geht mehr dahin , Euer Mitgefühl zu erwecken , als Euer Wissen zu bereichern . Wie schon die Bezeichnung Psychoanalyse sagt : man analysiert die Psyche , wie wir einst in der Schule deutsche Grammatik analysierten , ohne jemals zu begreifen , wozu das gut sei . In diesem Fall analysiert natürlich der Arzt , und man hat nur darauf einzugehen . Er fragt , fragt und fragt , und ich soll nur antworten , aber eben das ist gar nicht so leicht . Die Komplexe kommen angeblich dadurch zustande , daß man die betreffenden Dinge , Gedanken , Wünsche und ähnliches von sich weggeschoben , mit dem technischen Ausdruck verdrängt hat , natürlich immer ins Unterbewußtsein . Das lassen sie sich unter Umständen nicht gefallen , sondern brechen aus und toben dann im Oberbewußtsein herum . Nun ist er beständig unzufrieden , weil ich nicht das antworte , was er möchte . Er begann seine Erörterung damit , fast jeder Komplex beruhe auf verdrängter Erotik - mir schien , als erachte er ihn nur dann für vollwertig und wolle auch in meinem Falle versuchen , ihn auf diesen Ursprung zurückzuführen . Etwa so : wenn jemand sein ganzes oder halbes Leben lang vor allem nach Geld trachtet , muß er viele andere , lebendigere Regungen , wie vor allem die erotischen , unbedingt verdrängen ... Daß ich in der Verdrängung der Erotik Erhebliches geleistet habe , konnte ich nun wirklich beim besten Willen nicht behaupten ... im Gegenteil , es wäre mir und meinen Finanzen sicher besser gewesen , ich hätte es mehr getan . Die Sache stimmte also nicht , und wir konnten uns nicht recht einigen . Ich mußte ihm dann einiges über meinen Lebensgang sagen , was ihn wiederum enttäuschte , denn er konnte mir durchaus nichts Anomales , Psychotisches , Neurotisches und wie das alles heißen mag , nachweisen . Wieder mein altes Pech , daß ich zu unkompliziert bin , es wird einem in so manchen Kreisen und Lebenslagen übelgenommen , besonders wenn man erst Hoffnungen auf das Gegenteil erweckte . Was für eine Rolle das Geld in meiner Kindheit und ersten Jugend gespielt hätte ? ... Auf diese Zeit sollen die meisten Komplexbildungen zurückgehen . Gar keine , absolut gar keine ... Du weißt , es gibt interessante Kinder , die stehlen oder schwindeln , ohne es nötig zu haben , zum Beispiel Scheine entwenden und in Gold umwechseln , um damit zu spielen , aber ich fand nichts Derartiges in meinen Erinnerungen . Wir hielten es als Kinder für überflüssig und armeleutehaft , sich um Geldfragen zu bekümmern , und sahen verächtlich auf andere herab , die gegenseitig das Vermögen ihrer Eltern taxierten und darüber Bescheid wußten . Und späterhin war es eigentlich dasselbe : Geldnot ? ... Das kann doch nicht Ernst sein ... und selbst welches herbeischaffen müssen ? Ein schlechter Scherz , zu dem man gute Miene macht , solange es nicht überhand nimmt ... » Und mit starken Unlustgefühlen verknüpft ? « schaltete der Doktor ein . » Allerdings ! « Gut , er kam allmählich auf die Spur . Es war eben umgekehrt , als wie er anfänglich gemeint hatte . Das Geld selbst war verdrängt worden , nicht die anderen Dinge , und ich war also doch etwas anomal . Gott sei Dank , ich hab ' so gern , wenn die anderen mit mir zufrieden sind . Man stellte also einen Geldkomplex in absoluter Reinkultur fest , mit Erotik hatte er gar nichts zu tun . Dann ging es ungefähr so weiter , daß in den meisten Fällen durch nervöse , in meinem durch akute finanzielle Erkrankung die einst verdrängten Dinge plötzlich bewußt und nun überbetont werden ... ( siehe wirtschaftliche Krisis ) . Mir wurde ganz elend dabei , all diese Erinnerungen wieder aufzuwühlen , aber es half nichts - die Vorgänge , die den Komplex bewirkt haben , müssen reproduziert , das heißt , noch einmal bewußt erlebt werden , damit der Arzt sie einem dann ausreden kann . Dann fing ich meinerseits an zu fragen . » Wenn nun die Erbsache doch noch schiefginge - man kann ja nie wissen - , wie soll ich mich dann mit dem Professor auseinandersetzen ? Glauben Sie , daß er sich als Gläubiger ... « » Aha , da haben wir die für den Komplex charakteristischen Angstvorstellungen « , sagte Baumann befriedigt . » Ja , und die habe ich auch in bezug auf Sie ... « » Auf mich ? « » Natürlich ... Sie haben doch hier gewissermaßen die Verantwortung für mich übernommen , und offen gesagt , mich plagt der Gedanke , daß Sie damit hereinfallen könnten , wenn ... « Er hat sich dann ausführlich nach der Erbschaft und ihren näheren Umständen erkundigt , und man vertiefte sich so in dieses Thema , daß es zu spät wurde , um mit der Behandlung fortzufahren . Aber unerbittlich nimmt er mich jeden Tag eine Weile vor ... Es ist ein Kreuz , und ich muß doch tun , als nützte es etwas . Die Heilung soll nämlich dadurch geschehen , daß man dem Patienten eine andere Einstellung gibt . Bei mir gibt es nur zwei Möglichkeiten , und man braucht eigentlich keinen Psychiater , um das einzusehen . Nämlich entweder müßte man die durch Faulheit , Bequemlichkeit usw. verdrängte Energie wieder mobil machen und auf irgendeine zweckmäßige Weise zu Geld kommen , oder aber sich darauf einstellen , es unwichtig zu finden und entbehren zu können ... Das ist natürlich nur ein unvollkommen wiedergegebener Extrakt , im Munde des Arztes klingt es ganz schön , ausführlich , umständlich und einleuchtend . Aber was soll man damit anfangen , das alles kann ich mir ebensogut selbst vorerzählen und ändere doch nichts damit . Lieber schwätze ich über andere Sachen mit ihm und hetze ihn und Henry möglichst aufeinander . Henry kann es viel besser als ich , er nimmt es mit ähnlichem Ernst wie seine Spekulationen . Ich habe das Gefühl , daß er nach allen Seiten hin erwägt , wie man ein zerrüttetes Nervensystem sanieren , etwas Neues darauf gründen oder einen unhaltbaren inneren Zustand liquidieren könnte . Genug und übergenug davon . Ich fürchte , sonst entdeckt Ihr gar noch Eure eigenen Komplexe und wollt immer mehr darüber wissen . Und ich bin doch schließlich nicht im Sanatorium , um über die Qualen , die ich hier ausstehen muß , auch noch Abhandlungen zu schreiben . 9 Wieder ein Telegramm des Miterben . Der Anwalt habe sich geirrt , es könne sich doch wohl höchstens um dreihunderttausend handeln . Seine Berichte sind neuerdings ein wenig konfus und bestehen zumeist in telegraphischen Vermutungen . Gott weiß , ob sie das Testament nun wirklich gefunden haben , und ob es überhaupt wahr ist , daß man es nicht gleich fand . Uns kommt das etwas merkwürdig vor , aber die Sache spielt sich in so weiter Ferne ab , daß man unmöglich näheren Einblick gewinnen kann . Eröffnet kann es jedenfalls noch nicht sein , sonst müßte er doch Genaueres wissen . Lukas findet das sehr beunruhigend , er traut dem Miterben , wie allen anderen , die damit zu tun haben , nicht recht , und bot mir sogar eine Leihsumme an , um selbst hinzufahren . Nein , ich danke , ich werde mich hüten , das Geld durch meine persönliche Einmischung noch rebellischer zu machen . Wie man sieht , haben schon hunderttausend rebelliert , eben die hunderttausend , die nach Lukas ' Aufstellung zu meiner freien Verfügung bleiben sollten . Er fand das schon vollkommen wahnsinnig . » Jetzt müssen Sie aber unbedingt das Ganze auf Zinsen legen « , erklärte er beinah zornig , » und die Reise nach Siam streichen . « » Warte erst einmal ab , wie die Petroleumgeschichte sich gestaltet « , warf Henry ein . » Ist die Gegend wirklich so ergiebig , wie wir annehmen , so werden die Aktien in kurzem horrend in die Höhe gehen , und alles wird sich darum reißen . Jedenfalls muß man sich rechtzeitig eine gute Anzahl sichern , sobald die Gesellschaft konstituiert ist . « Lukas warf einen Blick gen Himmel . Das ist ihm schon ganz zur Gewohnheit geworden , sobald er Henry reden hört . » Wollen Sie sich nicht bald einmal von Doktor Baumann analysieren lassen , lieber Henry ? « fragte er . » Oh , wir haben schon damit angefangen . « » Findest du , es nützt etwas ? « fragte ich beklommen . Gerade als er sich darüber auslassen wollte , kam Baumann selbst , und Lukas wandte sich sofort an ihn . » Ich bin , wie Sie wissen , nur Laie « , sagte er , » die Psychiatrie ist ein Gebiet , das mir völlig fern liegt . Gelingt es Ihnen aber , diese beiden Herrschaften zur Vernunft zu bringen , so gehöre ich von Stund ' an zu Ihren fanatischen Anhängern und mache enorme Propaganda für Sie . « ( Lukas ist dort , wo er doziert , eine einflußreiche Persönlichkeit und hat glänzende Beziehungen . Baumann brennt darauf , Karriere zu machen und selbst eine Anstalt zu übernehmen , wo nach seiner Methode wunderbare Heilungen gemacht werden . ) Er , Baumann , lächelte so geschickt , daß keiner der Beteiligten sich verletzt fühlen konnte , Henry aber meinte : » Besser , Sie lassen sich erst einmal von mir gründen , ich habe da von einer verkrachten Aluminiumgesellschaft einige Terrains an der Hand , die sich ungemein billig stellen würden , und die Aktionäre haben wir bald beisammen . Balailoff geht zum Beispiel todsicher mit , sobald die Petroleumsache gedeichselt ist ... « Sein Blick nahm allmählich jene sonderbare Starrheit an , die ihm manchmal eigen ist ... er rechnete ... machte Überschläge ... erlag seinem Komplex . Und Baumann meinte , es sei der geeignete Moment für eine analytische Seance , worauf wir anderen uns diskret entfernten . Das ist schon wieder ein paar Tage her . Henry ist gestern nach Rußland gefahren , um das Petroleumgebiet in Augenschein zu nehmen . Balailoffs Sekretär begleitet ihn als Dolmetscher . Balailoff hat nämlich ein Gefolge bei sich , das aus eben diesem Sekretär , zwei Dienern und einem alten russischen Popen , seinem früheren Erzieher , besteht . Dieser letztere wird hier ebenfalls saniert , ob auch wegen Alkoholismus , haben wir noch nicht feststellen können . Er ist ein friedlicher , würdevoller Herr , der fast nie aus seinem Zimmer herauskommt und außer Russisch keine lebende Sprache spricht . Lukas und die Ärzte reden lateinisch mit ihm , und ich suche manchmal in meiner Erinnerung aus den Grammatikstunden meiner Brüder oder aus der Religionsstunde , um ihm etwas Liebenswürdiges zu sagen . Aber es stimmt meistens nicht recht . Gottfried wurde letzten Mittwoch aus der Kur entlassen , um nach Hause zu fahren . Statt dessen hat er sich in der Stadt versteckt gehalten und jetzt heimlich mit Henry die Petroleumfahrt angetreten ... er war überglücklich . Seine Eltern haben schon dreimal telegraphiert , und kein Mensch begreift , wo er geblieben ist . Dummerweise bekam ich nun gerade eine Depesche aus Finnland . » Endlich aufgefunden . Eröffnung noch durch Formalitäten verzögert ... « Der Professor bat mich dringend , zu gestehen , daß das Telegramm mit dem vermißten Jungen zusammenhinge . Ich beteuerte mit gutem Gewissen : Nein . Er glaubte mir nicht , und nur , um ihn zu beruhigen , gab ich es ihm schließlich zu lesen . Dadurch wurde die Sache nun noch schlimmer , er war jetzt vollkommen überzeugt , daß es sich um Gottfried handle , daß man eben ihn in Finnland aufgefunden - er Selbstmord begangen habe oder verunglückt sei und - Eröffnung durch Formalitäten verzögert - seziert werden solle . In seiner erhitzten Medizinerphantasie schien ihm das vollkommen klar ... Aber die Unterschrift - der Miterbe trägt als mein Gatte bekanntlich denselben Namen wie ich - und das Rätsel , wieso ich diese Nachricht an mich selbst aus Finnland telegraphiere , konnte er denn doch nicht kleinkriegen , und ich verfiel darüber in ein solches Gelächter , daß er immer zorniger wurde ... Schon vor Wochen hätte ich ihm von einem Erbschaftsprozeß erzählt , und nun sollte das Testament noch nicht einmal eröffnet sein ? ... Und mit diesem Herrn verheiratet ... bisher hätte ich mich doch immer als geschiedene Frau ausgegeben und könne nun wirklich nicht verlangen , daß man mir noch ein einziges Wort glaube . Es war eine recht nette Szene , und mir blieb schließlich nichts übrig , als zu gestehen , daß ich wüßte , wo der Junge sich aufhielte , und daß er es seinen Eltern demnächst selbst mitteilen wolle . Der Professor war zuletzt sprachlos und schickte mir später einen Brief aufs Zimmer . In dem Brief schlug er mir vor , ich möchte mich doch lieber in ein anderes Sanatorium begeben , falls ich es überhaupt noch für nötig halte . - Nun , Baumann hat die Sache dann mit vieler Mühe wieder ins Geleise gebracht , und ich war ihm sehr dankbar . Wo hätte ich auch hingehen sollen ? Ich bleibe also da und gebe mich , nachdem der Sturm ausgetobt hat , einer wohlverdienten Ruhe hin . Es herrscht hier jetzt eine gewaltige Sommerhitze . Da keiner von uns etwas zu tun hat , sitzen wir fast den ganzen Tag auf der Terrasse . Morgens ist man noch halbwegs munter , liest Zeitungen oder unterhält sich . Nachher liegt alles wie tot in den Klappstühlen umher und hält sich gegenseitig für mehr oder minder vertrottelt . So behauptet Lukas , es mache ihn schon nervös , wenn unten auf dem See Dampfschiffe vorbeifahren oder Möwen flattern . Er empfindet das als eine unerhörte Kraftvergeudung . An ganz besonders schwülen Tagen verständigt man sich nur durch Pantomimen oder in der Hitzsprache - das heißt , man läßt alle irgendwie entbehrlichen Worte und Silben weg oder markiert sie nur . Das geistige Niveau ist dabei etwas gesunken . Unsere Hauptunterhaltung besteht darin , die anderen Patienten zu beobachten und sich über sie zu mokieren , wofern sie auch nur den geringsten Anlaß dazu bieten . So empfanden wir es als wahres Glück , als letzthin ein neuer Patient auftauchte , der allerhand Eigentümlichkeiten hat . Er zieht sich selbst bei der unerhörtesten Gluthitze immer schwarz an , hat außerdem schwarze Haare , schwarzen Bart und kohlschwarze Augen ... die ersten Male , wenn er plötzlich die weiße Steintreppe heraufkam , wirkte er wie der leibhaftige Gottseibeiuns . Aber in dem Moment , wo er an seinem Platz saß und seine Mahlzeit serviert bekam , fiel uns sein wirklich verblüffend intelligenzloser Ausdruck auf . Wir meinten einstimmig , noch nie gesehen zu haben , daß jemand Gegenstände oder Personen so überaus dumm anschauen könne wie dieser Herr mit dem dämonischen Exterieur den servierenden Diener oder auch seinen Teller und die Apollinarisflasche . Außerdem hat er die Gewohnheit , ehe er anfängt zu sprechen , immer erst ein paarmal langsam und bedächtig mit den Kinnladen zu klappen . Kurz , er macht uns inniges Vergnügen . Wir haben ihn den schwarzen Idioten genannt und genießen es mit wahrer Andacht , wenn er mit seinem leeren , stupiden Blick zu uns herüberschaut ... er scheint sich sehr für uns zu interessieren und möchte sicher gerne nähere Bekanntschaft mit uns machen . Ja , so gehen die Tage hin , und wir ersehnen Henrys Rückkehr , denn Balailoff macht uns viel zu schaffen . Wie ich Dir schon erzählte , will er heiraten und bildet sich ein , das sei hier an der italienischen Grenze leichter zu bewerkstelligen als anderswo . Ich fürchte , er irrt sich darin , denn sie sind beide Ausländer , und zwar in so hohem Maß , daß es fast unmöglich scheint , mit den Papieren jemals ins reine zu kommen . Vor allem hat er keinen Paß , und es besteht nur eine schwache Möglichkeit , durch persönliche Verbindungen und in absehbarer Zeit wieder einen zu erwirken . Die Braut ist angeblich in einem Hotel auf Spitzbergen geboren und weiß nicht , wo ihre Eltern beheimatet waren . Man bemüht sich also immer noch vergeblich , ihre Staatsangehörigkeit festzustellen . Da er nun kein Wort Italienisch versteht und im Verkehr mit Behörden ungemein reizbar ist , appelliert er beständig an uns . Tag für Tag müssen wir die Angelegenheit von A bis Z mit ihm durchnehmen , auf neue Mittel und Wege sinnen , Briefe oder Gesuche aufsetzen und was sonst noch dazugehört . Ich versuchte vergebens , ihn auf meinen Rechtsbeistand abzuschieben , der das alles sicher besser machen könnte . Mit eben diesem Rechtsbeistand ist es allmählich auch eine dumme Situation . Um für ein paar Stunden aus der Anstalt zu entrinnen , muß ich ihn zwei- oder dreimal in der Woche aufsuchen und überflüssige Fragen an ihn richten ... er hält mich sicher schon für die größte Gans auf Gottes Erdboden . Balailoff aber hat einen ausgesprochenen Anwaltskomplex , behauptet , alle Advokaten seien Gauner und Schurken und arbeiteten nur in ihre eigene Tasche . Er scheint reizende Erfahrungen mit ihnen gemacht zu haben ... vielleicht liegt es auch an den russischen Zuständen . Man hat es nicht leicht auf der Welt , liebe Maria , und mit diesem Stoßseufzer will ich für heute abbrechen . 10 Teufel ... der alte Herr hat uns aufs Pflichtteil gesetzt ! Auf den Gedanken war überhaupt noch keiner von uns gekommen , aber ich sehe , auch Erben gehört zu den Sachen , die man erst lernen muß . Das Telegramm kam , als wir gerade einmütig auf der Terrasse saßen ... Henry ist auch wieder da . Ich behaupte ja glücklicherweise bei schlechten Nachrichten meine Haltung immer besser als bei guten , und es ist draußen so heiß , daß man sich nicht auf Emotionen einlassen kann . Immerhin fühlte ich mich doch unangenehm berührt und gab die Depesche gleich an Lukas weiter . Der sprang trotz aller Hitze auf und ging wie ein zorniger Löwe hin und her . Ja , er war beinahe gereizt gegen mich , weil seine Ratschläge mit dem festgelegten Kapital jetzt definitiv vereitelt sind und ich nicht umhinkonnte , wenigstens über diesen Umstand ein wenig zu triumphieren . Dann aber war er schamlos genug zu sagen , in diesem Falle müsse ich mir unbedingt eine Leibrente kaufen , um doch wenigstens irgendwie gesichert zu sein . » Pfui nein ... das bloße Wort ... « - Baumann lächelte - » Sie wissen , lieber Doktor , ich leide überhaupt an Wortidiosynkrasien ... Leibrente klingt mir nach Leibweh , Leibbinde , Kamillentee , alten Tanten ... es hat etwas durchaus Degradierendes . « » Diese Wortidiosynkrasie fügt sich dem Geldkomplex vollkommen ein . Vermutlich fühlten Sie sich als Kind degradiert und eingeengt , wenn man Sie mit einer Leibbinde und Kamillentee , womöglich noch unter Obhut einer alten Tante , ins Bett steckte ... Aus dieser Erinnerung heraus machen Sie nun eine Ideenassoziation mit dem Wort Leibrente , um das eingeengte Dasein , was eine solche bieten würde , abzulehnen . « » Sie fangen an mich zu überzeugen . « » Und ich fühle immer weniger Veranlassung , für Ihre Lehre Propaganda zu machen « , warf Lukas wütend hin . » Ich spreche als Psychiater und nicht als Moralist . « » Tue ich das etwa ? « Und sie gerieten sich ein wenig in die Haare , weil keiner Moralist sein wollte . Henry hatte seine stille Freude daran und meinte , als sie ausgetobt hatten , es sei doch unvorsichtig gewesen , den alten Herrn so lange im Bahnhof stehenzulassen . Ich mußte dem widersprechen , denn das Testament hat er jedenfalls schon vorher gemacht , und ein posthumer Fluch , wenn er auch noch so kräftig war , konnte nichts mehr daran ändern . Und nachdem man diese Schändlichkeit erfahren hat , lag wirklich kein Grund zu übertriebener Rücksichtnahme mehr vor . All unser Takt ist verschwendet gewesen . Sodann erwogen wir ohne jede innere Überzeugung , ob das Testament am Ende gefälscht , unterschoben oder irgend etwas Ähnliches sein könnte . Und alle rieten , es doch auf jeden Fall anzufechten . Dann könnte ich wenigstens meinen Rechtsbeistand beschäftigen . Ich will es mir immerhin überlegen . Balailoff hatte , da lebhaft durcheinander geredet wurde , nur die Hälfte , und auch die falsch verstanden . Er meinte entschieden , es handle sich um ein besonders frohes Ereignis , und schlug vor , es zu begießen . Folglich brach man auf , begab sich ins Bureau und begoß dort gleich alles miteinander , das Pflichtteil , Henrys Erfolge in Rußland und die Zukunft im allgemeinen . Das Petroleumunternehmen hat er inzwischen tatsächlich in die Wege geleitet und sagte mir im Vertrauen , es sei eine der besten Sachen , die er jemals an der Hand gehabt habe , wenn sie so ausschlüge , wie man mit gutem Recht annehmen könne . Ganze Berge von Zeichnungen und Schriftstücken hat er mitgebracht , die sie nun mit Enthusiasmus zusammen durchsehen und bereden . Dafür hat er den Sekretär als Aufseher dortgelassen , womit Balailoff nicht ganz einverstanden war , und Gottfried ist dageblieben , um wiederum den Sekretär zu beaufsichtigen . Das Bureau hat allmählich etwas Heimatliches bekommen , das uns allen wohltut , einige gemütliche Stühle , der Goldfluß auf seinem schwarzen Postament , auf der einen Seite des ungeheuren Schreibtisches die Gläser und Flaschen , die man zum Begießen braucht , an der anderen Henry und Balailoff vor ihren Papieren ... In unsere gedämpfte Unterhaltung fallen Bruchstücke der ihren hinein , wie : Dividenden ausschütten ... Gewinn- und Verlustkonto ... Reservefonds ... Baumann examiniert mich ein wenig über die Wirkung dieser letzten Nachricht . Ich möchte ihm so gerne interessantes Material darüber liefern , kann aber nur sagen , daß es mich zu meiner eigenen Verwunderung ziemlich kalt läßt . Viel oder wenig , ich will nur endlich einmal Geld sehen , momentanes Geld , das wirklich da ist . Vielleicht bin ich mit dem Pflichtteil sogar besser dran , weil es für ein Existenzprogramm eben doch wieder nicht langt und das Rechnen und Kopfzerbrechen ganz zwecklos sein würde . Andererseits bestätigt sich wieder einmal meine Ahnung , daß es , das Geld , nichts mehr mit mir zu tun haben will . Die Tatsachen reden deutlich genug ... von einer Art Kapital ist es erst um ein Viertel zurückgegangen , dann auf Pflichtteil . Was kann nun noch kommen ? Vielleicht verwandelt es sich aus Rubeln in Kopeken und aus Kopeken in Sand und Steine . » Und vielleicht gelänge es Ihnen dann eher , aus Sand und Steinen eine wirtschaftliche Basis zu schaffen « , sagte Lukas niederträchtig , » denn es möchte das umgekehrte Wunder bewirkt werden , daß Ihr Wille endlich einmal wach würde . Denken Sie nur einmal an die ungeheure Anzahl von Mädchen und Frauen , die mitten im Berufsleben stehen und sich ihr Brot selbst verdienen , anstatt darüber zu philosophieren , daß und warum sie kein Vermögen haben . « » Der Beruf der Frau ist in erster Linie Gattin und Mutter « , erklärte ich nicht ohne Pathos , » und dem bin ich nach besten Kräften nachgekommen . Ich bin nun schon zum zweitenmal verheiratet und habe ein Kind aus erster Ehe . Es ist vorläufig bei Bekannten untergebracht , bis meine Geldverhältnisse sich wieder etwas gelichtet haben . Aber alles das wollen Sie natürlich nicht als soziale Leistung anerkennen , sondern denken lieber darüber nach , wie Sie mir zu irgendeiner entsetzlichen Stellung im Berufsleben verhelfen könnten . Ich habe den größten Respekt vor jenen Mädchen und Frauen , die sich selbst durchbringen , wenngleich ich es für eine bedauerliche Verirrung der Vorsehung halte , daß sie dazu gezwungen sind . Sie sind überhaupt der ungerechteste Mensch , der mir jemals begegnet ist , sonst müßten Sie doch zugeben , daß ich das wirtschaftliche Problem auf meine Weise auch gelöst habe ... Ich hatte nie ein festes Einkommen , nie einen bestimmten Beruf , sondern nur vorübergehende Tätigkeiten , bei denen nicht viel herauskam , und doch habe ich eine ganze Reihe von Jahren existiert , vielleicht sogar besser und angenehmer gelebt als manche andere mitsamt ihrem Beruf . « » Das Endresultat war aber doch ... « » Das kann jedem passieren , das Endresultat steht immer in Gottes Hand . Erinnern Sie sich nur an den Baulöwen . « » Der Baulöwe war meiner Ansicht nach ein Hochstapler ... « » Aber ein schlechter « , sagte Henry vom Schreibtisch herüber mit einem tiefen Seufzer . » Wenn schon , denn schon . Aber er hat konsequent zu tief gestapelt . Ich habe mir alle Mühe gegeben , mit den Gläubigern zusammen seine verkrachte Zementfabrik neu zu gründen , aber nichts zu machen . Die Witwe ist jetzt selbst überzeugt , daß er ein unverbesserlicher Baulöwe war . « » Dann ist sie wenigstens ihren Komplex los , ohne sich analysieren zu lassen « , meinte ich nicht ohne heimlichen Neid . - » Er wird schon wiederkommen , gnädige Frau « , antwortete Baumann zuversichtlich . Henry vertiefte sich wieder in seine Papiere , und ich hoffte vergebens , Lukas sei von seinem Thema abgelenkt . » So viel glaube ich jetzt doch von Doktor Baumann gelernt zu haben « , fuhr er unerbittlich fort . » Sie leisten geradezu Hervorragendes in der Verdrängung alles dessen , was Ihnen nicht paßt . So wollen Sie jetzt wieder das Endresultat Ihrer - Pardon - etwas merkwürdigen wirtschaftlichen Betätigung mit allgemeinen Redensarten beiseite schieben . Das Endresultat war eben doch , daß Sie - abermals Pardon , gnädige Frau - vollständig am Ende Ihrer Weisheit und Ihrer ökonomischen Möglichkeiten angelangt waren ... Wäre der alte Herr nicht gestorben ... « » Er ist aber doch gestorben , und ich führe hier ein ganz annehmbares Leben , ja , ich