fühlte mein kniffliches altes Ich vergehen und löste mich in eine unendliche , von keiner bewußten Einheit zusammengehaltene Empfindlichkeit für das heftige selbstische Leben ringsherum auf . Weise wie ein alter Inder in die Einzelheit verloren , dem Ursein gewonnen , sah ich mit tausend Augen und verfing mich mit tausend Sinnen , die Gott besaß - und während all dieser Augenblicke wurde ich elend von Langeweile geplagt . Der Müßiggang lag mir in allen Gliedern . Die Folge war , daß ich schlecht schlief . Wir landeten tagsüber nur , wenn es galt , Mahlzeit zu nehmen , oder wenn wir vom Boot aus einen Vogel , der sich nur sehr selten einmal auffällig dem Visier bot und dann starr und farbenprächtig wie ein uralter Giftschwamm zwischen dem Laub saß , geschossen hatten . Des bloßen wohltuenden Lärmes halber durften wir unsere Munition nicht vergeuden , denn vor uns lag noch die ganze ungewisse Expedition , vielleicht manches Zusammentreffen mit Mensch und Tier , deren gefälligen Benehmens wir nicht sicher waren . Darum sparten wir unsere Jagdlust und unser Pulver und verzichteten auf einen Grund , ans Land zu gehen und uns Bewegung zu machen . So wie die Sonne aber nicht mehr aufs Wasser selber schien , sondern die Waldspitzen in schrägem und scharfem Schnitt mit Kupferflammen entfachte , fingen wir an , die Ufer nach einem Lagerplatz abzusuchen . Der Instinkt der Indianer gab den Ausschlag . In diesen zehn Minuten , da die Sonne uns geradezu auf und davon lief , ging im Wald eine Veränderung vor sich . Hätten wir nicht selbst auf den flinken Einbruch der Nacht gewartet , die ozeangleiche Bewegung , die jetzt auf allen Seiten entstand , hätte uns allein als Signal dienen müssen . Im Laube rauschte es , das Rascheln pflanzte sich fort , siedendes Leben ergoß sich vom Tag zur Nacht , ein Heer von Schlangen schien auf dem Marsche ; mißtönende Vogelstimmen schrien wie weinende Hunde durcheinander , verehrten und befehdeten sich mit köterigen Lauten . Mit einem Male zeigte es sich , daß ein eminentes Leben da war , daß die trügerische Stille eine wimmelnde Fülle tierischer Wesen geborgen haben mußte . Affennationen begannen zu hadern und zu keifen , brachen in die Haine eines fremden Stammes ein , zerknackten mutwillig die dürren Zweige . Vögel erhoben sich schlupfend zu einem kleinen Fluge über den Laubozean , um sich einmal kräftig von den Anstrengungen der Diskretion , die tagsüber in ihrem Beginnen wartete , zu erholen ; war es Hohn , eine Manier der Genugtuung , als sie jetzt in einen fürchterlichen Skandal zusammenstimmten : eins war sicher , aus dem ganzen Phantom von prächtigen intensiven Farben , aus dieser ganzen aufreizenden Explosion einer Malerpalette drang kein einziger sympathischer Laut . Unten am Boden aber zogen die Echsen und Reptile los , ein widerliches Schleichen von tausend Leibern , die von warmen Sitzungen in Sonnenflecken sich zu vertrackten Löchern durchbohrten , behelligte das Ohr und wirkte bis in die Zähne : eine Vorstellung von kalten Muskelwesen , die an rissigem Holze entlang emporkrochen , bot sich an . - Da sank die Sonne , und schon hatte auch das Manöver geendet . Hin und wieder plumpste ein Katzenleib dumpf auf den Boden ; hinter dem Feuerkranz , der uns gegen das Land und den Djungle hin abschloß , fauchte es ärgerlich . Ein Puma krakeelte in langen Arien . Sonst war es still , wieder still , nicht ganz so still wie am Tage , aber doch still . Das Glucksen und Schluchzen des Wassers war deutlicher hörbar . Und zwischen dem Spalt überm Flusse stand der Himmel in weißer atmender Glut ; eine Sternschnuppe fiel , sauste in der Nähe nieder , links da brach sie ein , man hält den Atem an - wird sie im tintenschwarzen Wasser verzischen ? Am Morgen , eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang etwa , wird uns das gleiche Theater wecken ; der ganze Wald schlägt dann Reveille . Bis dahin können wir ungestört schlafen . Zur Feuerwacht aber wechseln immer je drei ab während der zwölfstündigen Finsternis . Der , an dem gerade die Reihe ist , kann allerlei Beobachtungen machen . Er kann auf die Töne des Urwalds lauschen ; es wird sich herausstellen , daß gewisse Geräusche immer wieder nach denselben Intervallen auftauchen . Ein bestimmter Rhythmus beherrscht alle Äußerungen dieses wilden Lebens . Ein Raunen hebt sich , schwillt ab . Eine große Brust atmet , ein geräumiges Schnarchen rollt vage in das blaue Fieber des Sternenraumes hinaus . Pan liegt am Rücken , er verschnauft und träumt lebhaft . Wer ist dieser Pan ? Ist er ein Wilder , ein Indianer , ein griechischer Literat aus einem sokratischen Kaffeehause und mit einem Nasenfehler ? Es fällt mir auf , daß von den sechs Schläfern zu meinen Füßen ein vereinzeltes Schnarchen ertönt . Ich muß doch nachsehen - es ist der Holländer . Er liegt schwer am Rücken . Ich sehe zu den Indianern hinüber , diese krümmen sich auf den Bauch , auf ihre Lenden und Schulterknochen . Zorre , der Fünfziger , liegt auf der Seite . Er allein atmet unrein , die Luft bricht sich an seinen alten Knorpeln , seine Organe sind nicht mehr glatt und geschmeidig . Die andern mit ihren schmächtigen und zähen Gestalten liegen da wie große Kinder , und so wie sie sich ausgerenkt und verdreht an die wohltuende Lagerstatt drücken , sehen selbst ihre männlichen Formen noch kindhaft aus . Ihre Beine sind von der erlesensten Magerheit , dünn , unbehaart , kupfern ; nicht weit unter der Kniekehle haftet eine wunderschöne Muskelschnecke . Eine Prima-Ballerine her , sie möge Fußpflege lernen ! Um wieviel gebrechlicher mögen diese Gelenke sein als das Schock Laternenpfähle von der Wiener Hofoper ! Und doch tragen ihre Besitzer , wenn ' s sein muß , kleine Berge . Wenn nun alle Knöchelchen und Wirbel so zierlich sind , dann muß freilich die Puste wie geölt gehen . Die Organe sind klar gemacht zum Gefecht . Der große Balg über den Schenkeln wird nicht vom Fett gesteift und gedrückt . Die Eingeweide liegen gleich unterm glacéledernen Fell und bilden , wenn das Nachtmahl sie gefüllt hat , einen legeren Ballen . Dort aber streckt Mynherr sein Bäuchlein wie eine Fußballdose in den gestirnten Himmel , er liegt habtacht auf den Schultern , mit soldatischem Rücken , sein Kinn hängt wie eine geöffnete Zugbrücke in den Scharnieren , während er aus einem Brustkasten , in dem scheinbar drei Indianerlungen Platz hätten , einen Herbststurm nach dem andern herausbefördert . Wer die Wache hat , hat das Wort . Er kann beobachten . O diese schwellenden reifen Nächte , über denen das südliche Kreuz steht ! Der Nachtwind , der zwischen Wassern und Wäldern wandert , ist herb und sauer vom Geruch zerstampfter Blätter ; aber plötzliche süße Wellen zucken aus einem großen Strauch und steigen auf zu einem flimmernden kleinen Stern ! Das Blut strömt lau und schwer wie Quecksilber in die Schläfen - da ist es vorüber , die Schläfer seufzten verzückt im Traume , sonores Behagen dankt schöpferisch im Walde ! Slim hat sich geregt ! Sein Gesicht liegt gelb im Schein des Feuers , seine Nüstern haben leise gezittert . Vorsicht ! Schlauheit ! Die Macht der Beobachtung liegt in meinen Händen , kann ich den Feind listig ahnen , jetzt , da alles Leben geoffenbart vor mir liegt ? Ist er mein Feind , dieser Slim , ist er mein Freund , mein Bruder , deute ich seine Seltsamkeit recht und billig wider mich , für mich ? Wer ist dieser Slim , ein Gaukler , ein Mensch , ein Wilder - eine raffinierte und beherrschte Gehirnmaschine der letzten Rassen , oder ein brutaler Lebensinstinkt mit dem Blut von Urmenschen in sich ? So wie Slim daliegt , ohne Muskelanspannung , indianisch , mit dem vollendeten Verständnis zu ruhen , ist er der Sohn seiner Mutter mehr als der seines Vaters . Die Kreolin hatte ihm dunkle Herkunft vererbt , eine knochige Wildheit aus dem Innern Amerikas in den Zügen , dunkles , rotes und vielleicht schwarzes Blut unter der gelben Haut und tiefsitzende Manieren , Liebenswürdigkeit und Herrschsucht im gleichen Wink . Was gilt die Wette , sie war nicht eben eine reine Kastilianerin ? Slims Schlaf ist unruhig . Er hat vielleicht einen schlechten Magen , das gewöhnliche Erbteil eines nordamerikanischen Vaters . Je länger ich nachdenke , desto seltsamer beginnt es mir mit Slim zu ergehen . Ich denke nach , und Slims Person fängt an zu wachsen . Er ist unheimlich wie ein Mörder , lächerlich wie ein Dichter , sympathisch wie ein Spießbürger . In meiner schwachen Stunde , da ich ihn so kraftvoll , so eingewohnt , so überalldaheim auf diesem Boden hingestreckt sehe , der nur zur Hälfte der seine ist , zur Hälfte ihm fremd und stets ein wenig feindlich sein müßte , wie mir , in dieser meiner schwachen nachdenklichen Stunde wächst sein Geist hinaus und ich sehe das Prototyp des zukünftigen Menschen vor mir , bekannte Züge , Eigenschaften aus einer modernen Kultur , eine zerebrale Spannung , gemischt mit der eigentümlichen Relaxation des Urmenschen . Dann seufzt er auf , wirft sich herum , irgendeine Wut scheint in seinem Körper zu toben ; und in diesem Augenblicke , da er gewöhnlich wie ein Landstreicher wird , kann ich ihn bedauern , meine Hochachtung sinkt und ich mache ihm Vorwürfe wegen seiner amerikanischen Dyspepsie . Eines Nachts , während ich die Wache hatte , sprang er auf , sah mir mit einem schlaftrunkenen Blick ins Gesicht , legte sich hin und schlief weiter . Oft ist er mir das Symbol der Sympathie , die ich als Weißer für diese wilde Welt rings um mich her empfinde , bald ist er ein zuwiderer Mensch . Er ist ein Ausdruck von durchaus gemischten und unaufgeklärten Gefühlen . Die warme träge Nacht stimmt mich milde , ich vergebe Rücksichtslosigkeiten und bin für das Große . Also votiere ich für Slim , Slim soll leben und es gut von mir haben . Meine Augen schweifen von ihm ab und hinüber über die Schar . Als sie den jungen Indianer treffen , erschrecken sie plötzlich und laufen davon , schnell , nach der andern Seite . Er ist schön und ich weiß nicht , warum ich erschrecke . Eine Empfindung von Entbehrung , Härte und Einsamkeit wird mir bewußt , plötzlich wird es drohend klar , daß ich mich inmitten der Wildnis , ohne Freund , ohne warme Hand , ohne ein weiches lichtes Geschöpf , das ich in den Arm nehmen könnte , befinde , einen gefährlich verstopften Weg zwischen mir und der gut bedienten Zivilisation . Lau dreht sich der Wind vom Uferrand los , die tierischen Laute bekommen einen menschlichen entbehrungsvollen Sinn , die Kargheit meiner Lage wird als Gegensatz empfindlich inmitten soviel überflüssiger Natur , die schweren vornehmen Düfte geben mir deutlich ihre Nutzlosigkeit für mich zu verstehen . Je wunderbarer die Nacht sich anläßt , desto ärmer komme ich mir vor . Wenn Slim endlich seinen Rippenstoß bekommt , um meine Stelle am Feuer anzutreten , bin ich ein Bettler und sinke hoffnungslos in einen überfüllten machtvollen Schlaf . Aus Slims Plänen suchten wir uns zu orientieren ; sie stammten von Reisenden , aus Büchern , oder bildeten das Kroki eines Regierungsbeamten , der seine vage Ahnung über die Lokation eines Platzes in dieser Art aufgemalen hatte . Eigentliche Karten gab es wohl , aber an den Punkten , die wir gebraucht hätten , waren sie offen . Wir selbst trugen einige markante Plätze ein so gut es ging . Unser Fluß wurde ein fingerslanger summarischer Strich , mit Ersparnis aller seiner Launen und Beschränkung auf die jeweilige Hauptrichtung . Vermessungsapparate hatten wir nicht mit , denn unsere Expedition und ihr Ziel sollte ja geheim bleiben und auffallende Rüstungen in dem kleinen Nest , das unseren Ausgangspunkt bildete , hätten diese Vorsicht vereitelt . Nichts ereignete sich ; wir kamen soweit unangefochten durch . Die Langeweile begann sich aufzudrängen . Slim hatte nun einmal die fixe Idee von seinem Schatze und plagte sich sichtlich mit ihr ab ; er grübelte und baute Spekulationen über Spekulationen . Ich gönnte seinem Yankeeblut diesen Rausch und war geschmeichelt darüber , daß er mir in ihnen eine bedeutende Stelle eingeräumt hatte . Diese Protektion machte mich stolz , ich war jung , geschmeidig , begabt für Abenteuer , und wenn ich in der heuchlerischen Tiefe meines Herzens auch nicht an unseren oder überhaupt an einen anderen Schatz glaubte als an den , der in einem großzügigen bürgerlichen Betriebe liegt , so war ich durch meine angelsächsische Bildungsstatt , einem amerikanischen Paukboden für Technik und Romantik im Nebenfach , auf jede Eventualpoesie dieser Reise präpariert . Aber wie gesagt , ganz menschlich fühlte ich mich nur in der altbewährten deutschen Skepsis des wahren Hans Brandlberger . Daß mir Slim gefiel , lag in dem gleichzeitig mit meiner Generation aufgekommenen Wunsche nach Renaissancemenschentum . Daß aber nebenbei ein gewisser Argwohn gegen das brillante Wesen dieses modernen Pizarro in mir lag , war vorerst nur natürlich . Doch hat mich diese Reise gelehrt , den Menschen zu verstehen . Gibt es für mich noch Überraschungen über mich oder irgendeinen meiner Art ? Es ist unmöglich , die Beziehungen , die sich in dieser Phase zwischen Slim und mir ergaben , bürgerlich auszudrücken . Fragwürdig aber wird mir immer wieder sein , wie ich damals über all das Peinliche hinweg kam , das vor meiner Feder heute Barrieren aufrichtet . Ich sage vor Damen , die Hitze war es . Unter Libertinern will ich die Ansicht vertreten , daß wir alle Menschen sind und uns der Gefühle nicht schämen müßten , die uns die Sonne gegeben hat . Als wir dem Oberlauf des Flusses zudrängten , vom zehnten Tage unserer Abreise an gerechnet , konstatierte ich an einem toten Punkte eine eigentümliche Stimmung , die alle Weißen überfallen hatte . Ich wurde plötzlich wach , meine Gewecktheit aber erfolgte durch eine blitzartige und befremdende Entdeckung . War es möglich , trugen Hitze und ungewohntes Klima die Schuld daran , oder mußte man seinen mannbarsten und treuesten Instinkten Mißtrauen entgegenbringen ? Ich begann eine heftige Unruhe zu verspüren , einen Hunger nach Brutalität , und ich fröhnte ihm , indem ich infam nach den Augen schwimmender Alligatoren schoß . Ich kannte mich nicht mehr aus vor Aufgeregtheit , ich verlangte nach einem rohen sinnlichen Glücke , nach einem deutlichen körperlichen Gefühle von Macht , und es kostete mich Zurückhaltung , den jungen Indianer nicht in den kräftigen Hintern zu treten . Einmal ging es wie ein Blitz des Verständnisses durch mich hindurch . Slim sah mich an , mit einem ellenlangen zweideutigen Blick . Mit einem solchen Blicke mustert man eine Sache , einen Sklaven , ein Pferd und nur in den letzten Fällen eine Frau . Es war der trübe Blick des Lebemannes . ich saß einen Augenblick lang leer und innerlich heruntergekommen da . Aber dann , nein , dann wurde ich nicht rot : ich wurde frech . Mein Innerstes kehrte sich zu einer empörenden Frechheit nach außen . Ich wurde stark physisch , eine Brutalität und ein selbstbejahender Wahnwitz von ungekannter Art ergriffen mich , ein manierierter Rausch des Sehens , der Betrachtung fleischiger , sich rhythmisch bewegender Körper durchrieselte mich mit Gesundheit . Also das gab es - ein ungeheurer abenteuerlicher Geschmack am Leben brannte mir auf der Zunge , in den Lenden , in den Fäusten . Blitzartig erschien die Straße einer glänzenden Stadt vor mir , Formen rührten sich unter Massen reklamemachender Stoffe und Schnitte und stürzten auf mich zu , alles Fleisch , das wie eine gigantische Maschine mit Kolbenstößen um mich herum rotierte , feierte zwischen Dämmerung und beißend weißem Lichte aus elektrischen Ampeln ein rasendes Fanale . Hier aber war ' s die Sonne , die betäubende Symbiose von Fäulnis und Pracht , der Atem des Verlangens , der Duft und Gestank der Wollust , der laszive Wille der allgemeinen Hingabe , die das Blut würzig , überleicht und sprengkräftig machten , daß es wie ein glühendes rotes Gas durch die Adern pfiff . Da erkannte ich - wir waren hungrig nach demütigen Leibern , aufgerieben von einer Überproduktion an Zärtlichkeit , indifferent inmitten von Tatsachen , die nichts boten . Ausgehungert waren wir . Es war der erste Anfall des schrecklichen Duldens , das den Mann überfällt , ganze Karawanen in den Wahnsinn treibt , wenn mit der letzten Grenze der Zivilisation auch der weiche Nacken des Weibes da hinten verschwindet ! Ich wandte mich um , ich wollte sehen , was van den Dusen so ruhig machte . In seinem ermatteten Gesichte lag der Stumpfsinn , und seine Augen waren krank und scheu , unsicher vom Verkehr mit schlimmen Lüsten , wie ich mir sagte . Er war stark zurückgegangen , im Gegensatz zu mir und Slim . Slim sah faul aus , aber er gedieh . Er setzte Fett an , und es stand ihm nicht schön , er hatte eine unsaubere Art zu gedeihen , wie alle Körper , die auf Magerkeit angelegt sind . Er verbrauchte sichtlich die Stoffe nicht , die Milde und Muße des Lebens in ihm angesammelt hatten . Van den Dusen aber tropfte weg wie eine heiße Kerze . Die Hitze schlug ihm schwerlich an , vielleicht raubte ihm eine gewisse Entbehrung jene Behaglichkeit , die seinem Körper von Natur aus angemessen erschien . Wo war unser eleganter holländischer Offizier , der javanischen Damen und pazifischen Schönen den Hof gemacht haben sollte ? Seine stattlichen Schultern waren eingeschmolzen wie ein Bronzebarren und ein Schlackenrest von Knochen und Schlüsselbeinen war geblieben . Das weiße Jackette saß schon lange nicht mehr knapp , und seine nußbraunen Haare , ein ehemaliger schnurgerader Offiziersscheitel und wie bei einem Frauenzimmer glatt um das marmorne Stirnbein gebügelt , waren eine Versuchung für jede Taschenschere . Der ganze wohlproportionierte Rundkopf trug die Spuren der Erschlaffung . So erging es uns Weißen . Wir verwandelten uns im Verlaufe von vierzehn Tagen zu abnormalen Gebilden . Unsere Indianer aber blieben immer gleichmäßig hart , temperamentlos und mager . Sie strengten sich nicht an , aber sie blieben in Fassung und ließen sich vom Rhythmus treiben . Zorre , ein Fünfziger , war elastisch und besaß einen vollständig erhaltenen jungen Körper ; im Gegensatz dazu war sein Gesicht borkig wie alte Rinde und von Tätowierungen zerfressen . Der andere war eine Schönheit , hieß Checho und mochte sechzehn indianische Sommer zählen . Dünn und lang war er wie ein Buchstabe . Ich hatte seinen Rücken vor mir . Im Nacken , um Fingersbreite getrennt , verliefen zwei parallele , strählige Längsnarben . Sonst war die rotbraune Haut glatt und geschmeidig und spannte sich über den kleinen Muskelschlangen , die während der Bewegung unter den Achselhöhlen hervorhuschten und sich blitzschnell wieder dahin zurückzogen . Dieser Rücken , der sich nach dem Gesäß zu schmachtend verengte , der kindliche Hals , die mädchenhaften Wirbel , dies graziöse Kaleidoskop bewegter Muskeln hätten einen Affen verliebt machen können . Der Bursche war ein junger Gott . Seine Schultern waren schmächtig und lagerten als volle Kugeln wohlgefaßt über der tiefen Brust . Der Schenkel , der schmal und strähnig war , wenn er stand , lag breitgedrückt auf dem Sitze . Die Knieknospe prangte schlank über der hochsitzenden Wade , mit hinreißendem Schwunge schnürte sie die Längslinie der Extremität ein . Dazu hieß er Checho . Seine Augen waren grün und schwarz und frisch aus der Hand des Juweliers , noch vollkommen unberührt , ungereizt , ein unbeeinträchtigtes Oval . Er war ganz in Rhythmus getaucht , mit Rhythmus genährt und auferzogen , von Rhythmus betrieben und während seines ganzen Lebens vermutlich in eine wilde Sanftheit hineingeleiert . Dort wo bei uns das Gehirn sitzt , saß bei ihm eine präzise Taktmaschine . Ich habe feste Anhaltspunkte , daß ich nicht der einzige war , der in ihm einen jungen Gott sah . Und wir verstanden uns , ohne uns sonderlich exponiert zu fühlen . Wir waren in der Wildnis und jedem Sinn war erlaubt , zu nehmen , was ihm paßte . An diesem Abend entspann sich das erstemal ein Gespräch am Lagerfeuer . Van den Dusen erzählte aus einem unerschöpflichen Borne schmutzige Geschichten , Witze vom echten Biertischkaliber mit bleischweren Pointen , und man hörte angeregt zu . Verhungert , wie wir waren , bot die Unterhaltung eine kleine Erleichterung . Theorien , wie es auf langen Expeditionen und auf Seereisen zu ergehen pflegt , wurden zum besten gegeben und diskutiert . Wie es der Kapitän hält , wie die Matrosen und wie die Männer ganz unten im Kielraum der Schiffe , dieser Auswurf der Menschen , wurde aus einzelnen Fällen anschaulich geschildert , und welche Rolle die Schiffskatze bei solchen Gelegenheiten zu spielen pflegt . Die Sehnsucht machte derb , die Unterwürfigkeit , die der Trieb unter günstigen Aussichten hervorzurufen pflegt , grausam . Ohne an dem Niveau zu leiden , auf das wir unsere Aussprache herabgeschraubt hatten , legten wir uns etwas froher als sonst in unsere Träume nieder . V Mit dem Rhythmus verhält es sich seltsam . Es scheint , daß er das Wesen aller jener Kulturen darstellt , die der unsern entgegengesetzt sind , und die wir zu leugnen suchen : die im Süden und Osten . Aber der Rhythmus bringt dort am menschlichen Körper Leistungen hervor , denen wir nichts Gleichartiges entgegenzustellen haben und die in ihrer steifen und von uns aus unnachahmbaren Einseitigkeit nur mit unserer Spezialität Technik verglichen werden können . Wer in das Wesen von Urwäldern und Wilden oder doch fremdrassigen Kulturen eindringt , der erfährt , eine wieviel größere Bedeutung dem Begriffe Rhythmus im Leben dieser Menschen zukommt , als für uns in ihm zu liegen pflegt . Diese Erfahrung kann jeder machen , der eine längere und gründliche Reise unternimmt . Ich aber habe eine Entdeckung mehr gemacht , ich habe den Rhythmus , und was damit zusammenhängt , die Betonung , den Akzent , für unsere Kultur fruktifiziert , ich habe einsehen gelernt , daß wir schon am besten Wege zu einem Erfolge sind , und daß wir nun nur mehr darum zu wissen haben . Ich saß als vorletzter im Boote , mit den beiden indianischen Ruderern vor mir . Sie stocherten mit ihren Blättern ins Wasser , das war ungefähr der Stil , in dem sie ruderten . Rhythmisch setzten sie ein und stachen zu , als gälte es , einem großen sulzigen Stück Pudding sorgfältig glatte Scheiben herauszuspalten . Das dostige , träge Wasser bekam hinter den Ruderblättern kleine Quirle ; hautige , gewölbte Warzen blieben im Kielwasser zurück . Eines dieser Male entstand schräg zu meinen Seiten , schien wie die rasend gedrehten Rippen eines Tellers und saugte ein ähnlich geartetes Gebilde hintendrein . Das Malerische und Runde der Bewegung faszinierte mich , unwiderstehlich zog es meine Aufmerksamkeit an . Unter jedem Ruderstich kam es in gleichen Abständen zum Vorschein , kam herauf wie die Speichenköpfe eines großen unterschlächtigen Rades . Richtig , mochte es uns oben erscheinen wie immer , unser Fortkommen war von der Tätigkeit dieses Rades abhängig - es war aus Wasser gegossen und bewegte uns mystisch weiter . War ich einem unserer erfolglosesten Rechenfehler auf die Spur gekommen ? Nein , diese Welt da unten war kein gleichartiger Wasserraum ; es gab Verdichtungen von einer gewissen Sternform , die für unser Auge unwahrnehmbar bleiben , und das waren die von mir erfundenen berühmten Wasserräder ! Sie bewegen ein Boot , das oben von Menschenarmen geleitet wird , von unten , sie greifen in den Rhythmus oben ein , sie unterstützen ihn , sie lösen ihn vielleicht überhaupt erst aus , sie sind das erste und ihre Tätigkeit ist ausschlaggebend . Die Menschenarbeit aber ist ein Schein , ein Schwindel , eine faule Nachahmung von freiem Willen , der hindroht , wo er von unten , von den Geheimnissen , von den dunklen , unsichtbaren Gründen hergedroht wird - - - Ich dachte diesen Anblick nach unten , ins Verkehrte , so intensiv aus , daß ich eine leichte Übelkeit verspürte . In diesem Augenblick kam in den Ringelreihen der Ornamente über der ölglatten Fläche eine Störung , ein Knäuel entstand durch falschen Ruderschlag und zerknüllte den Bann . Ich erwachte mit einem leisen Anflug von Seekrankheit . Der Reflex der glatten , weißbelichteten Fläche mußte eine vorübergehende Blendung meines Bewußtseins herbeigeführt haben . Ich sah überscharf , krankhaft - darum konnte ich gleichsam in das Motiv einer völlig neuen Realität sehen . Wenn ich mich ein wenig anstrengte , konnte ich in diese Stimmung zurückschnellen : und dann war es wieder da , dann hatte ich , gleich dem Reisenden im Eisenbahnkupee , der in seinem Bewußtsein den Zug stillstehen und die Landschaft sich daran vorbeibewegen läßt , den widersinnigen und subjektiven Eindruck , in einem Boote zu sitzen , dessen Ruderer einem Rade unterm Wasser mit ihren Stangen entgegenkämen . Ich übte die Sache ein wenig und bald konnte ich mich wie eine Blechmembrane hin und her schnappen lassen . Diese Sinnestäuschung ging perfekt . Der Akzent sprang einfach um - - - Der Akzent , halt ! Da hatte ich es . Der Akzent gibt ganze Perspektiven wieder , ganze Realitäten lasten auf ihm . Mittels einer sogenannten Sinnestäuschung konnte die Welt zu einer andern umgestülpt werden . Wer wird nun sagen können , diese ist die richtige und jene ist die falsche ? Wer kann beweisen , wo die Störung und wo der Normalzustand liegt ? Wer von uns Weißen aber kann erzählen , welche Störungen einen indischen Fakir in den Stand setzen , widernatürliche Leistungen mit seinem Körper hervorzubringen , denen wir kein vernünftiges Bewußtsein abringen können ? Es ist ein unerforschtes und merkwürdiges Gebiet , und keine Hypothese ist gut genug dazu , den ganzen Ausblick zu umfassen . Ich habe indes doch eine , aber sie ist mehr raffiniert als vernünftig , mehr mystisch als gelehrt - nämlich genau so , wie es sich mir für diese Angelegenheit zu ziemen scheint . Das , was ich hier entdeckt habe , ist ja nichts anderes als das Symbol der Paradoxie . Wir alternieren eine Sache , wir machen es anders , absurd , verkehrt , und siehe da , es ist auch etwas . Wir denken einen Gedanken pervers , und er ist frisch wie eine Jungfrau . Wir stellen einen Akzent um , und das Neue ist eine neuere Welt als irgendein Amerika . Und bitte , wie wurde Amerika entdeckt ? Durch eine Paradoxie . Kolumbus fuhr zu einem Osten ; daraus ergab sich der Westen . Ticke tack , macht die Uhr ; aber macht sie nicht ebenso gerne Tack ticke , wenn wir bloß wollen ? Es hängt durchaus von unserem Belieben ab , von unserem schöpferischen Willen , zu alternieren , und ich kann es beweisen , wir alternieren auch , ein Zeitalter ist das Paradox des anderen . Bald lassen wir den Zug , bald die Landschaft laufen . Lernet die Wirklichkeiten skandieren ! Gleichberechtigung für das Paradoxe . Es eröffnet neue Welten , es gibt Glück , es erweitert die Möglichkeiten , und wir fügen den künstlichen Paradiesen , die ein Wicking des Geistes erfahren , erfahrtet hat , weil die alten Paradiese übervölkert waren , die künstlichen Realitäten hinzu , denn die normalen hat eine Volkszählung uns komplett erwiesen ! Treibet Wasserräder ! Heiliger Humbug , ich begrüße dich ; schwanger , trügerisch und produktiv bist du wie die gleißende Wölbung eines Tropenstromes ! Ist dieser Strom nicht eben wie ein Kupferbalken und schweift er sich nicht auch für uns unter dem Zwange einer Ätherkuppel , die in ihm reflektiert ? Gilt es nichts , wenn wir in Symbolen und Gleichnissen sprechen , gilt die Erholung , die in der fruchtbaren Lüge liegt , nichts ? Nieder mit den Gegnern der Lebenslüge ! Wir , die wir um sie wissen , die wir sie durchgemacht haben mit allen ihren Versuchungen , wir bejahen sie , wir machen sie mundtot , indem wir sie dichten lassen , wir denken technisch und heben eine blühende Industrie aus ihr empor ! Unser Geschlecht ist nicht anmaßend , nein , es will die Weisheit nicht ausschöpfen , es will vom Flecke kommen , sich nicht umsehen und jeden Gott anbeten , der ihm mit Schnelligkeiten Wunder zeigt . Ist es nicht verdammt gleichgültig , ob das Wasserrad oder zwei indianische Knechte Anspruch erheben auf unser Fortkommen , wenn wir nur weiterkommen , und sei ' s auch um keines anderen Zweckes willen , als um unserer Nervosität genug zu tun ! Denn letzten Endes schwimmen wir ja alle doch nur in unserem eigenen Blute - auch das ist eine Inversion der Natur , eine paradoxe Verdrehung von Urtatsachen vor uns - und sumpfen ! Und wir kommen fort dabei , schon spüre ich es ! Hei ! Ich verkündige den Spiegel , die Verkehrtheit , das Paradox ! Es soll meine andere große Arbeit für die Menschheit werden . Auf den Spiegel kommt es an ! Spiegel akzentuieren ! Seid eitel , turnet vor Spiegeln ! Beäuget euch von vielen und allen Seiten , lasset euch hin- und herschnappen ! Steht still und laßt die Welt rasen , raset und überholt die Welt ! Laßt euch von realen Rudern treiben und von unsichtbaren Mächten , werdet seekrank vor Anbetung des Unbekannten und irrsinnigem Lichte , bauet Mühlen von Wasserrädern , berauscht euch und seid trocken , phantasiert und seid zynisch , verliebt euch wider die Sitte und seid moralisch , seid aus dem Norden und tragt den Süden in euch - dies sage