und weißen und grün und weißen Bogen , mit den feierlichen Aufdrucken von Zahlen , imposanten Schuldtiteln , faksimilierten Unterschriften - Staatspapiere waren es - Preußische Konsols . - Seither hatte Sophie sie gezählt - es waren einundachtzigtausend Mark , in Stücken von fünf- , zwei- und eintausend Mark . Wahrscheinlich , nein gewiß , ein Teil seines eigenen , vor der Frau verheimlichten Vermögens ... Was hatte Sophie alles gedacht seit dieser Entdeckung ! Welche Möglichkeiten erwogen ! Die Mappe zu seinem Bankier bringen ? Sophie kannte nicht den Namen der Firma , deren er sich in der letzten Zeit bedient hatte . Sie erinnerte sich : er sprach zuweilen davon , daß er seinen Bankier gewechselt habe . Wie nun in dem ungeheuren Berlin die große Bank oder die Bankierfirma herausfinden , die gerade eine Zahlung von 81 000 Mark vom Geheimrat Rositz zu erwarten gehabt hatte ? Aber vielleicht hatte niemand eine Zahlung erwartet . Vielleicht hatte er nur irgendwo ein Depot erhoben , um es an irgendeiner anderen Stelle neu verwahren zu lassen . Fällige Zahlungen läßt man doch überweisen . Wie unbegreiflich und rätselvoll erscheinen Handlungen , wenn ihr Ablauf und Fortgang unterbrochen wird . Sophie sah ein , sie würde niemals erfahren , wohin er diese Mappe hatte tragen wollen , und auch nicht , wo er den Inhalt entnommen . In welche Hände sollte Sophie nun den Nachlaß legen ? Wie erklären , daß er in ihrer Verwahrung sich befand ? Wie überhaupt beweisen , daß diese Papiere des Verstorbenen Eigentum gewesen seien ? Und wie weiter , daß der Inhalt der Mappe unberührt sei ? Sophie erglühte und zitterte , als habe sie Unredlichkeiten begangen . - - Wie nah sie dem Toten gestanden , so nah , daß er ihr unverschlossen ein Vermögen zum Aufbewahren gab - das mußte sie nun erzählen - einem Anwalt , oder einer Bankierfirma , oder seiner Frau ... Welchen unaussprechlich peinlichen oder vielleicht erniedrigenden Erörterungen setzte sie sich aus ! Sie mußte von dem ernsten , weihevollen und adligen Bund sprechen , der ihre Seele mit der seinen verbunden hatte . - All dies der Entweihung , der Mißdeutung preisgeben . Und inmitten dieser furchtsamen und ratlosen Gedanken befiel sie die Erinnerung : er bot ihr Geld für Allert an ; ganz gewiß hatte er dabei gerade dieses Geld gemeint - er drang es ihr förmlich auf - er wäre glücklich gewesen , ihren Sohn fördern zu dürfen ! Sie brach in Tränen aus . Und ein bitteres Lächeln über die grausamen Ironien des Lebens ging ihr dabei um den Mund . » Hätte ich ja gesagt ! « Dann war dieses Geld fortab einem Zweck zugewandt , der ihn freute und ihrem Sohn Segen brachte . Während jetzt ? - - Wie rasch würde die Frau es vertun , in deren Hände es fiel . - - Ob er wohl auf dem Krankenbett an die Mappe und ihren Inhalt dachte ? Oder ob das jähe Elend , das ihn rasch befiel und schnell ganz hinwarf , ihm alle Gedanken genommen hatte ? Wenn die Sterbenden immer wüßten , daß sie an der letzten Schwelle stehen ! Mit aller Kraft würden sie sich noch einmal umwenden , und ihre deutende Hand würde noch zeigen : so soll mein Nachlaß geordnet werden ! Und sie wußte es in heiliger Gewißheit : diese Mappe mit dem wertvollen Inhalt würde er für sie bestimmt haben . - - Solange man ihm noch nicht die Ehren der Begräbnisfeier erwiesen , eilte ja nichts , Sophie fühlte , alles durfte ruhen . Aber nun war es vorbei . Die schonende Stille , die Gnadenfrist für das verwundete Gemüt war zu Ende : es hieß , sich wieder dem Leben aussetzen und seinen Rauheiten . Auch in seinem Hause würde neue Lebendigkeit einsetzen - jener grausame Betrieb mußte dort nun beginnen , der selbst dort , wo Liebe wohnt , unvermeidlich ist . - Und bei ihm und den Seinen hatte keine Liebe gewohnt . Mit harten und gleichgültigen Händen würde in seinem persönlichsten Nachlaß gewühlt werden - in seinen Schränken , seinem Schreibtisch . - Und jetzt erst , jetzt fielen Sophie ihre Briefe an ihn ein . Wenn er auf Reisen war , schrieben sie sich ; aber auch hier in Berlin flog manchmal ein Blättchen hin und her , wenn sie verhindert waren , sich zu sehen . Sophie dachte nach , bemühte sich , das in Ruhe zu tun . - Draußen fiel der Schnee voll Gelassenheit und sehr dicht vom Himmel - das gab solche wunderbare Lautlosigkeit - spann ein - wies nach innen . Sie konnte ohne Erröten an ihre Briefe denken ; nichts war darin als die Würde und Tiefe eines seltenen seelischen Verstehens . Und wahrscheinlich erriet nie ein Mensch , von welcher Frau sie kamen . Ein S. zeichnete sie - vielleicht kam hier und da ein Name vor - aus der großen , so unendlich verzweigten Welt , darin sie gelebt hatten - aber eben weil diese Welt so groß , so konventionell , so unübersehbar und hinter all ihren Formen und Verknüpfungen so undurchdringlich war - eben deshalb würde seine Frau , wenn sie auch die Briefe fand , doch die Schreiberin nie finden . Trotz dieses Gefühls , nur wie ein Wesen ohne Greifbarkeit und Körper zu bleiben , war es ihr doch schrecklich , daß neugierige und verständnislose Augen ihre einst an ihn gerichteten Worte lesen würden . Und in diesem Schmerz erschien ihr der Fall mit der Mappe viel leichter . Eine Erkenntnis kam ihr plötzlich und wurde sogleich in Tat umgesetzt . Sie schrieb ein Telegramm an ihren Sohn Raspe , der in Magdeburg stand . » Komm , « rief sie , » es ist dringend , komm ! « Am andern Mittag trat er bei ihr ein . Und die Frau fühlte sich wie ein beschütztes Kind und ganz beruhigt in den Armen dieses Mannes , der ihr Sohn war . Raspe überragte seine Mutter weit . Er trug seine hohe Gestalt mit einer gewissen stolzen Festigkeit , die sehr soldatisch und zuweilen ein wenig steif wirkte . Sein ernstes , offenes Gesicht bekam einen weichen Ausdruck , als er seine Mutter so schutzbedürftig fand . Der Sohn wußte ja : die Freundschaft mit dem bedeutenden Mann hatte seiner Mutter seelisch und geistig viel gegeben . Jetzt , aus dem leidenschaftlichen Vortrag des Erlittenen und der Lage , spürte er , daß diese Beziehung wohl einen noch viel größeren Platz im Leben seiner Mutter eingenommen habe , als er vermutet . Aber dieses Begreifen ließ nun keine Eifersucht mehr aufkommen . Er fand Worte der Verehrung und Dankbarkeit für den Verstorbenen . Und sah auch zugleich , wie man , ohne zu lügen , doch in durchaus begreiflicher Darstellung , der Familie alles erklären könne . Vollends leicht gestaltete sich die Sache , wenn der ältere Sohn des Geheimrats , der Dragoner , noch im Trauerhause weilte . Dann konnte Raspe als Kamerad zum Kameraden gehen . Glücklicherweise war Raspe auch in Uniform gekommen . Nun hieß es sofort handeln . Er schlug die Mappe in ein Papier , siegelte und ließ die Mutter darauf schreiben : Eigentum des Herrn Geheimrat Rositz . Und dann ging er . Sophie drückte ihre Stirn gegen die Fensterscheibe und sah unten , drüben auf dem Bürgersteig , den Sohn , der noch heraufgrüßte . Er ist wundervoll , dachte sie entzückt , ihrer alten Schwäche untertan , immer am begeistertsten von demjenigen Sohn zu sein , der gerade bei ihr war . In der Tat hatten die Söhne auch beständig alles getan , durch ihr Wesen und ihre Leistungen der Mutter das Leben zu erleichtern und zu verschönern ; sie durfte mit Achtung und Dankbarkeit an alle beide denken . Jetzt sann sie mit Rührung und Bewunderung über Raspe nach . Sie wußte , das Wort , das ein großer General einmal als Richtschnur für preußische Offiziere ausgesprochen hatte : Groß denken und klein leben ! - das war der Wahlspruch ihres Jungen geworden . Und wenn sie zuweilen über seine Anspruchslosigkeit und die Kleinheit der Zulage - er nahm nur das Nötigste - klagte , so wußte er ihr klarzumachen , daß sein Beruf nun einmal Entsagungen fordere und daß es auf einige mehr nicht ankomme . » Offizier sein « , sagte er , » heißt fortwährend große Opfer bringen . Das ist unser Stolz . Und vielleicht kommt bald einmal die Stunde , wo das Volk das wieder mehr würdigt , als jetzt in der langen Friedenszeit möglich ist . « Unterdessen ging Raspe Hellbingsdorf den Kurfürstendamm entlang , überschritt die Corneliusbrücke und kam durch die Friedrich-Wilhelm-Straße bis zum Tiergarten . Der Schnee , der seit gestern mittag bis heute früh unaufhaltsam gefallen war , machte die Straßenbilder glänzend und lachend . Der Tiergarten war ein weißes Feld , aus dem das dunkle Heer der Bäume starr und hart aufragte . In den Gabelungen der Aeste nisteten kleine Schneemengen . Wenn irgendeine Bewegung durch die Luft ging und die Zweige sacht anblies , rieselte weiße Streu herab . Das war alles so freundlich . Und Raspe ging höchst gelassen seinem Ziele zu . Er sah keinerlei Ursache , nervös zu sein . - Es war ein ungewöhnlicher , in mancher Hinsicht unerklärlicher Fall - nun ja . Aber unter ehrenhaften Menschen findet man sich auf Treu und Glauben auch in das Ungewöhnliche . Das war also das Rositzsche Haus . Vielmehr schon ein kleines Palais . Ein weißer , prunkvoller Barockbau , mit schwarzblauem Dach , auf dem die Nachmittagssonne grell gleißte . Dem Hochparterre war eine Terrasse vorgelagert . Ein wenig stieg der Weg von der Gitterpforte her an bis zum seitlichen Eingang , den ein Glasbaldachin schirmte . Der Bediente gab die Auskunft , daß Herr Leutnant Rositz allerdings noch nicht abgereist seien und sich zu Haus befänden . Raspe ermunterte den leisen , vornehm zögernden und wichtigen Menschen zu strafferer Beflissenheit , indem er etwas befehlshaberisch sagte , es handle sich um eine wichtige und dringliche Sache . Darauf verlor sich der Mann in Trauerlivree im Hintergrunde des breiten , mit dicken Teppichen und alten Truhen und Sitzbänken ausgestatteten Korridors . Es lag nicht in Raspes Gewohnheiten , den Reichtum anderer Leute zu bewundern und einer prächtigen Umgebung , falls sie nicht gerade sehr künstlerisch wirkte , Beachtung zu schenken . Er bemerkte kaum , wie kostbar hier alles war ; auch in dem Raum , in den man ihn führte und zwei Minuten zu warten bat , sah er sich nicht genau um . Es schien ein Festsaal . Die Breitseite mit den großen Fenstern an der Front des Hauses . Reiche Stuckwände , hellgrau und gold , vom Plafond eine riesige glitzernde Kristallkrone und gelbseidene Sessel an den Wänden hingereiht . In der Mitte unter der Krone ein Rundsofa , das von einer Marmorgestalt gekrönt war . Raspe spürte nur : dies schien ja eigentlich kein Raum für eine ernste , gemessene Unterhaltung . Er ging auf und ab . Die zwei Minuten waren lang . Aber der Diener hatte murmelnd , noch im Bann von Raspes Befehlshaberton und vielleicht auch der Uniform , angedeutet , daß gerade der Rechtsanwalt der Familie ... und wahrscheinlich Nachlaßsachen ... kurz , vorweg die zwei Minuten dehnbar gemacht . Die Sonne schien , die Kristalle der Krone blitzten , es gleißte die gelbe Seide des Rundsofas , geziert hob die marmorne Figur ihre Arme zum Haar empor , das in steinernen Strähnen ihre stumme Stirn kränzte ; der weiße Stein schimmerte körnig . Und Raspe ging auf und ab . Mit einem Mal öffnete sich eine der Flügeltüren , die einander gegenüber in den Schmalseiten des Saales standen . Eine junge Dame kam herein , in dem stumpfen Schwarz der neuen Trauerkleidung . Sie stand überrascht . Raspe machte große Augen . Ach ! - dachte er - es war eine nicht zu klaren Gedanken sich formende , aufwallende Bewunderung . Das junge Mädchen sah ein wenig bleich aus , vielleicht im Kontrast zu der ganz schwarzen Kleidung , vielleicht von den Anstrengungen der letzten Tage . Braunschwarze Augen blickten ihn groß und lebhaft an . Und der Ausdruck in ihrem feinen , länglichen Gesicht war so deutlich : Wer sind Sie ? - Was wollen Sie hier ? - daß Raspe sich verbeugte . » Hellbingsdorf . - Oberleutnant von Hellbingsdorf . Ich bin Herrn Leutnant Rositz gemeldet und erwarte ihn . « » Ach so ... Mutter und die Brüder haben gerade mit Justizrat Kahler zu sprechen , « sagte sie . » Ihr Herr Bruder will mich aber doch empfangen . Ich warte eben . « Sie stand ein wenig unsicher . Was sollte sie tun ? Vielleicht war dies ein guter Freund und Kamerad ihres Bruders . Dann konnte man ihn doch nicht fremd und ungastlich hier allein im Tanzsaal stehen lassen . Sie war zufällig hereingekommen , den Raum als Durchgang benutzend . Sie sah ihn immer gerade an . Er gefiel ihr so gut , wie ihr noch nie ein Mensch auf den ersten Blick gefallen hatte . Was für ein fester , gütiger Ausdruck in seinen blauen Augen ! » Sind Sie ein Freund von Viktor ? Ich habe Ihren Namen nie gehört . Aber das will nichts sagen - ich weiß nichts von Viktors Leben - Sie haben wohl erraten - ich bin seine Schwester Mathilde - Tulla sagen ja immer alle zu mir ... « Raspe verbeugte sich . » Nein , « sagte er , » ich bin kein Freund Ihres Herrn Bruders , nicht einmal sein Bekannter . Ich habe es nur übernommen , einen sehr wichtigen Auftrag an ihn zu überbringen . « » Viktor wird gewiß gleich kommen . « Der Wunsch , ein Gespräch zu beginnen , hier zu bleiben , bewirkte nun gerade , daß ihr gar nichts einfiel , was sie sagen könnte . Außerdem : es schickte sich doch nicht , daß sie einem fremden Offizier Gesellschaft leistete , den Viktor nicht mal kannte . » Sie haben sehr Schweres erlebt , gnädiges Fräulein , « sagte Raspe , » darf ich Ihnen meine Teilnahme ausdrücken ? Ich hatte einigemal das Glück , im Hause meiner Mutter Ihrem Herrn Vater zu begegnen , und war voll Bewunderung für seine ausgezeichnete Persönlichkeit . « » Oh , « sprach sie , » oh , Sie kannten Papa ? - Er hätte noch nicht fort dürfen ... « Mehr konnte sie nicht hervorbringen . Sie sah ein paar Sekunden schweigend vor sich hin . Und dann schlug sie plötzlich groß die Augen auf und sah Raspe an . Sie dachte : aber ich muß doch wohl fortgehen . Besonders , weil ihr Bruder Viktor gleich hereinkommen könne . Und das war ihr , sie wußte nicht warum , jetzt und hier unangenehm - als müsse sie dann verlegen werden . Und zögernd ging sie , nach einer kleinen , ernsthaften Neigung des Kopfes . Langsam schritt die schmale , schwarze Gestalt durch den Raum , dessen Leere etwas Festliches hatte , schon durch die Größe und durch das Glitzern des durchsonnten Kristalls über dem gelben Rundsofa . Der feine Kopf der zögernd Davongehenden war von merkwürdig vielem dunklen Haar umgeben . Ihr ganzer Körper schien zart und schlank . Raspe sah ihr nach und fand es schade , daß sie ging . An der Tür wendete sie sich noch einmal um , die Hand auf dem Griff . Sehr ernsthaft , fest und lange sahen sie einander in die Augen ... Das war merkwürdig ! dachte Raspe , als sie dann wirklich ging . Und fast laut sagte er noch einmal vor sich hin : » Merkwürdig ... « Er verfiel in solches Grübeln unbestimmter Art , daß er darüber gar nicht spürte , wie aus » zwei Minuten « eine Viertelstunde wurde . Dann kam Viktor Rositz hastig herein . In Zivil ; mit der größten Sorgfalt drückte dies Zivil die frische , tiefe Trauer aus . Starke Familienähnlichkeit mit der Schwester , dachte Raspe , aber mit einem weniger sympathischen Zug - » Sie haben eine wichtige Angelegenheit , Herr von Hellbingsdorf ? Wichtig für Sie ? - Für mich ? - Für einen Dritten ? Darf ich erfahren ? Aber bitte ... « Und er öffnete die Tür , durch welche vorhin seine Schwester so überraschend hereingekommen war . Die Herren traten in ein Zimmer , das vielleicht der Salon der Hausfrau sein konnte . Es schien übervoll von zierlichen Möbeln , und helle Himbeerfarbe drängte sich dem Auge auf . In einem winzigen Sofa und einem Lehnsessel , dessen niedere Rundlehne kaum bis zu den Schulterblättern des Sitzenden ging , nahmen sie Platz , ein Tischchen zwischen sich , auf das Raspe die Mappe legte . » Die Angelegenheit , Herr Kamerad , ist für Sie und die Ihren nicht ohne Interesse . Ich habe Ihnen etwas zu bringen , das man wohl als Hinterlassenschaft Ihres Herrn Vaters ansprechen darf . « » Meines Vaters ? Sie kannten ihn ? « » Ja . Wenig . Doch meine Mutter hatte die Freude , ihn näher zu kennen ... « » Ihre Frau Mutter ? « » Sie trafen sich seit Jahren da und dort bei gemeinsamen Freunden , vornehmlich auch seinerzeit bei dem Vetter meiner Mutter , Exzellenz von Eggebeck ... « » Ach , das ist Ihr Vetter ? « » Gelegentlich sprach Ihr Vater wohl auch bei meiner Mutter vor , die als namhafte Porträtmalerin ja mannigfach das Interesse ihres Kreises genießt . « » Porträtmalerin ? « Diese Art , rasch hervorgestoßene Fragen ins Gespräch zu streuen , die manche Menschen haben , war Raspe immer unleidlich . Es machte ihn aber nicht nervös , sondern nur ein wenig förmlicher in der Haltung und vielleicht auch etwas trockener im Ton . » Vorigen Montag - ja , gestern vor acht Tagen , besuchte Herr Geheimrat meine Mutter . Er sprach mit ihr davon , daß sie seine Tochter porträtieren solle ... « » Ach nee ? Tulla ? « » Sobald sie das Bild der Fürstin Siegstein vollendet haben würde . « » Was ? Die Fürstin Siegstein ? « » Im Laufe des Besuchs wurde Ihr Herr Vater ganz offenbar von einem ernsten Uebelbefinden befallen . Er bat , daß man ihm ein Auto hole . Ob er nun das Gefühl hatte , ihm könne unterwegs etwas zustoßen - genug , er schien ungern diese Mappe mitnehmen zu wollen und bat meine Mutter , sie ihm aufzubewahren . Gewiß hoffte er , sie am nächsten Tag abholen zu können . « Der Leutnant Rositz verließ jetzt seine Fragemanie und diesen Tonfall , der etwas Zweifelndes hatte , der immer zu unterstellen schien , daß der andere doch nicht ganz glaubwürdig sei . » Papa ist dann in der Tat im Auto bewußtlos geworden . Als sein Fahrgast hier vor dem Gittertor nicht ausstieg , sah der Chauffeur mal nach ... na , und alarmierte dann das Haus - « » Also war seine Vorsicht leider nur zu gerechtfertigt . Wie leicht hätte die Mappe ihm entgleiten , unbeachtet liegen bleiben , abhanden kommen können . Meine Mutter befand sich aber dann in einer peinlichen Lage ... « » Wieso ? In einer peinlichen Lage ? « » Sie wartete . Vielleicht konnte eine Nachricht kommen . Jemand konnte die Mappe holen . Aber niemand kam . Und Donnerstag hörte sie : es sei zu Ende . Sie wartete noch bis zum Tage der Bestattung . Und dann berief sie mich , damit ich der Familie die Mappe übergäbe . « » Deswegen ? Gott , wie umständlich ! Warum nicht einfach per Post schicken ? « Und er streckte die Hand nach dem verschnürten und versiegelten Paket aus , das zwischen ihnen auf dem Tisch lag . » Der wichtige Inhalt verbot es , denn ... « » Ihre Frau Mutter hat sich mit dem Inhalt beschäftigt ? « » Ich bitte Sie , die Maßnahmen meiner Mutter durchaus zu respektieren , « sagte scharfen Tones Raspe , » sie sind in jedem Fall die richtigen gewesen . « Leutnant Rositz verbeugte sich höchst verbindlich . » Die Mappe war nicht verschlossen . Der Inhalt konnte einen Anhalt geben , wohin der Verstorbene sie hatte bringen wollen . Aber es fand sich keinerlei Anhalt , keine Notiz . Nichts . Nicht einmal beweisen kann meine Mutter , daß diese Mappe Ihrem Herrn Vater gehörte . Der Inhalt ist der unpersönlichste von der Welt . Aber er hat doch auch Beweiskraft in sich , durch seine Art ... « » Beweiskraft ? « » Ja . Es ist nämlich Geld . Preußische Konsols . Dreißig Stück . Im Gesamtwert von einundachtzigtausend Mark . « Nun öffnete Leutnant Rositz leicht den Mund . Aber keine hastige Frage kam heraus . Er schien ganz verdutzt . Raspe ließ ihm Zeit und setzte förmlich hinzu : » Sie begreifen , daß meine Mutter Wert darauf legte , mich mit dieser Mission zu betrauen . « » Aber gewiß ! Gott , wir sind Ihnen enorm dankbar ! Wir hatten schon gesehen aus Abrechnungen , Bankzetteln und so - da mußte noch Geld sein , von dem wir nichts wußten . Ein Depotschein war da - über eine annähernde Summe - Deutsche Bank - ja - aber da mußte mehr sein . - Offenbar - Papa hat die Papiere irgendwo weggeholt , um sie anderswo zu verwahren - Gott ja - wir sind Ihnen enorm dankbar - Ihrer Frau Mutter natürlich in erster Linie auch . « Das kam alles in raschestem Tempo heraus . Raspe hörte - ein freudiger Ton klang mit und wurde im Laufe der Rede immer deutlicher . - - Wie ihn das verletzte ! Seine Aufgabe war zu Ende . Sie hatte sich leicht erledigen lassen . Er erhob sich . Viktor Rositz begleitete ihn hinaus - über den prächtigen Korridor bis zur Garderobe neben der Eingangstür , und Raspe hatte noch eine Menge rasch heruntergehaspelter Verbindlichkeiten hören können , und wie der jüngere Kamerad sich freue , durch diese so ernste und ungewöhnliche Angelegenheit einen scharmanten Kameraden kennen gelernt zu haben . Aber Raspe dachte nur : ob die Schwester nicht noch einmal zufällig des Weges käme ... Nichts rührte sich im Korridor . Da war nur der Diener , den Viktor mit einer Handbewegung in den Hintergrund gescheucht hatte , um Raspe selbst in den Mantel zu helfen . Mit einer seltsamen Empfindung verließ er das Haus . Versonnen ging er , fast zögernd , auf die Pforte zu . Und als er am Gitter entlang schritt , sah er sich noch einmal die stattlich heitere Front des weißen Barockbaues an . Da bemerkte er oben an einem Fenster ein weißes Gesicht ... Er grüßte hinauf ... Und er konnte sich selbst nicht begreifen . - Das war ja wie etwas Erwartetes und Schönes . Seine Mutter war dann wehmütig glücklich , als sie vom Verlauf des Besuches hörte . Raspe verschwieg ihr nicht , daß er die Tochter gesehen und gesprochen habe . Und das feine Ohr der Mutterliebe hörte wohl : es war Interesse in seinem Ton - fast Befangenheit . Sie seufzte in sich hinein . Möglichkeiten stiegen vor ihr auf , die zugleich schon vergingen . - Wünsche blitzten und erloschen . - Ja , wenn der Tod nicht dazwischen gekommen wäre . - Wenn der teure Freund ihr noch die Tochter hätte bringen können - vielleicht , daß Tulla und Raspe sich kennen gelernt hätten - kennen und lieben . - - Wenn Menschenhänden Macht und Recht würde , die Leben zusammenzuknüpfen , die eine schöne Verbindung bedeuten könnten . - Aber so geht oft und oft ein Wesen am andern vorüber - man streift sich - staunt einander an - im raschen Blick leuchtet ein Verstehen und Erkennen auf - und schon ist es vorbei . - Man hat keine Möglichkeit und Form , dem andern zu sagen : warte , damit wir uns näher in die Augen sehen können . - Raspe meinte , die ganze Angelegenheit habe fast etwas Romanhaftes gehabt . » Ach nein , « sagte seine Mutter , » das Leben bringt so viel seltsamere Dinge zustande , als die Phantasie eines Dichters erfinden darf . Von ihm fordert man unaufhörlich das Wahrscheinliche , Begründete , und die Begrenzung durch Form . Und das Leben selbst ist ein Komponist , der sich in bizarren Anhäufungen von Unwahrscheinlichkeiten und Grausamkeiten gefällt . Bedenk ' allein das sinnlose Geben und Nehmen , darin das Schicksal förmlich wie toll ist ! Und wie es uns erbittert . Im Roman findest Du doch noch immer etwas , das die Erbitterung lindert und löst - das trägt die Kunst hinein - im Leben ist es nicht . « Es erging ihr wie allen , die nicht klagen und nicht schwach sein wollen - dann erleichtert es doch das Gemüt ein wenig , wenn man dem Leben seine Grausamkeiten im allgemeinen anschreibt . Kaum eine Stunde nach Raspes Heimkehr fuhr schon Leutnant Rositz vor . Aber Therese sagte eigenmächtig , aus ihrem Spürsinn heraus , daß die Herrschaften nicht zu Hause seien . Als sie dann die beiden Karten hereinbrachte , nachträglich doch ein wenig besorgt über ihr Handeln , war Sophie zufrieden . Sie sagte sich , es wäre ein qualvoll konventionelles Begegnen gewesen . - Sie verbrachten dann einen stillen Nachmittag und Abend . Raspe brauchte erst am andern Morgen in seine Garnison zurückzukehren . Und es tat der Mutter doch wohl , sich über ihre nächsten Pläne auszusprechen . Sie wollte ja nach Hamburg , schon in wenigen Tagen . Da hatte sie dann Arbeit und ihren Sohn Allert . Wenn die Hoffnung der Senatorin Amster sich verwirklichte , würden sich in Hamburg mehr Aufträge finden , vielleicht genug für den ganzen Winter . Und Raspe mußte zu Weihnachten hinkommen . Das stand fast vor der Tür - drei Wochen noch . Er sah wohl : seiner Mutter war zumut wie jemand , der sich an einer Daseinswende fühlt . Mit einer unendlichen Melancholie gedachte sie des Verlorenen , aber der neue Abschnitt , karger an Reizen , wie er sein würde und immer bleiben mußte , forderte volle Sammlung von ihr , und sie war entschlossen , sich dazu emporzuringen . Ja , das ist eine merkwürdige und eigentlich eine furchtbare Stimmung : man steht mit leeren Händen und weiß nicht , ob das Schicksal jemals wieder etwas hineinlegen will , das wert ist , festgehalten zu werden . Man steht ganz einsam , die Welt empfindet man als eine undeutliche Oede um sich herum . Man hat das Gefühl : hoch oben irgendwo ist doch noch Licht und Freude - aber wie soll man da je hinauf gelangen , ohne Hilfsmittel als die eigene Kraft , die ermüdet ist ? ... Dergleichen empfand Sophie . » Die einzige Freude , « sagte sie , » die mir noch werden kann , wäre , wenn Ihr mir liebe Schwiegertöchter brächtet - Allert und Du . Schwiegertöchter , die Glück und Wohlstand ins Haus tragen , ihm neue Blüte und Bestand geben . « » Wie gern , Mutter , « sprach Raspe lächelnd , » wie gern ! Wenn Du mir das Mädchen bringen kannst , das mir Glück garantiert . « » Garantiert ? « rief sie . » Oh - ein Mann wagt . Und erzwingt sich ' s. « » Läßt sich Glück erzwingen , Mutter ? - Du - Du hattest doch den Willen zum Glück in Deiner Ehe und die tägliche Selbstaufopferung , zu versuchen , ob es sich denn nicht erzwingen lasse ... « » Still ! - Das soll Euch kein Beispiel sein - es gibt doch auch , gottlob , noch schöne , innige Ehen - eine solche ist doch wie vollendetes Menschentum . - Wie sollte es mich beseligen , Euch darin zu sehen ! Und über den Wunsch hinaus , über das Verlangen , das Recht , das Eigenleben so voll ausgestalten zu können , gibt ' s noch viel andere Gründe zum Heiraten . Gibt ' s die nicht ? Denke doch ! Der Staat ! Jawohl , Dir , mir und dem Volk bist Du ' s schuldig , zu heiraten . « Nun mußte Raspe lachen . » Mutter , geh nicht ins Volkswirtschaftliche ! Der Staat - Du kommst mir sozusagen mit Tabellen - schielst nach Frankreich . « - Wie ihn das amüsierte . » Hast Du schon mal einen Menschen gesehen , der aus Pflichtgefühl gegen den Staat geheiratet hätte ? « Sie mußte auch lächeln . Aber weil sie doch auch gern das letzte Wort haben mochte , sagte sie : » Das gesteht sich natürlich selten ein Mensch ein und andern wohl nie . Aber als halbbewußte Unterströmung - « Sie unterbrach sich . Therese kam herein . Und sie hatte schon an der Tür jene ihr eigentümliche Handbewegung , die zugleich Neugier zu wecken und diskret zu beschwichtigen schien . Dann streckte sie auch lächelnd das etwas geneigte Gesicht vor , und Sophie sah es ihr an der Nasenspitze an , daß draußen etwas Ungewöhnliches los sei . Ein verlumpter » Kollege « , der Unterstützung wollte , oder ein ganz hoher Besuch - jedenfalls etwas über , unter oder außer Theresens Taxe vom Normalen . Ganz nah an den Tisch vorm Ecksofa , wo Mutter und Sohn gemütlich saßen , kam sie heran und berichtete fast flüsternd : » Es ist ' ne Dame da . Karte hat se keine . Ich sagte , daß jnä Frau woll