lachte . Dann waren sie vorüber , nur das Schellengeläute , hell und geschwätzig , war noch lange vernehmbar . Fastrade schlug den Heimweg ein , das klingende Leben , das da an ihr vorübergefahren war mit seinem Lachen , mit dem Wehen von Schleiern , mit dem Zigarrenduft und Schellengeläute , das hatte ihr ganz warm gemacht . Gut , daß alles noch da war , zu Hause hätte sie das fast vergessen können . Als sie daheim wieder in dem Zimmer ihres Vaters saß und zuhörte , wie Ruhke mit fetter , knarrender Stimme von Ölkuchen und Kälbern sprach , und der Baron den Kopf auf die Brust sinken ließ und schlummerte , während der Lampenschein auf die große blanke Glatze fiel , da klang das helle Lachen der Schlittenschellen mitten im verschneiten Walde ihr in das Ohr und erinnerte sie dran , daß da draußen jenseits der stillen Stuben mit den grün verhangenen Lampen das Leben lustig die Straßen entlang fuhr . Fünftes Kapitel Einige Tage später , als Fastrade von ihrem Spaziergange in der Abenddämmerung heimkam , sagte die Baronesse zu ihr : » Liebes Kind , dein Vater hat nach dir gefragt , du weißt , er will jetzt , daß du bei allen Geschäften , die das Gut betreffen , dabei bist . « - » Ja , ja , « meinte Fastrade , » wenn ich nur etwas davon verstünde . Bisher bin ich bei diesen Geschäften doch nur eine dekorative Figur . Was gibt es denn ? « » Der junge Egloff ist da , « berichtete die Baronesse , » es ist da etwas mit der Waldgrenze nicht in Ordnung , glaube ich . « Fastrade seufzte : » Ach Gott , an die Waldgrenze habe ich noch nie gedacht . Gut , ich gehe . « Sie strich sich mit den Handflächen über das von den Abendnebeln feuchte Haar , und » wie ich ausschaue ! « meinte sie . Im Zimmer ihres Vater fand sie Dietz von Egloff , sie kannte ihn schon lange , sie waren ja Nachbarskinder und Jugendgespielen gewesen , und auf den ersten Blick schien es ihr , als habe er sich nicht viel verändert . Die Gestalt war noch jugendlich schlank und biegsam , das in der Mitte gescheitelte blonde Haar gab der Stirn , gab dem ganzen schmalen Gesichte den jugendlichen Ausdruck , und die Augen waren noch immer so seltsam dunkel . Als er aufstand und Fastrade die Hand drückte , lächelte der schöne Mund noch das ein wenig schiefgezogene spöttische Lächeln , das sie am Knaben gekannt hatte . Sonst war er sehr förmlich , verbeugte sich tief und sagte im gleichgültigsten Tone der Höflichkeit : » Es freut mich , mein gnädiges Fräulein , daß Sie wieder in unserer Gegend sind . « » Ja , ach ja , mich auch « , erwiderte Fastrade und errötete . Sie fühlte sich befangen und fügte daher etwas hinzu , was ihr mißfiel , als sie es aussprach : » Also hier handelt es sich um Geschäfte ? « » Ja , « sagte der Baron , » setze dich , mein Kind , Egloff kommt wegen der Waldgrenze . Egloff , erklären Sie es ihr . « Egloff lächelte wieder , wurde aber dann ernst und berichtete in ruhigem Geschäftston , indem er seine Fingerspitzen vorsichtig aneinander legte : » Es handelt sich also um folgendes . Ich habe einen größeren Waldverkauf gemacht und schlage jetzt an der Padurenschen Grenze . « » Das habe ich gesehen « , entfuhr es Fastrade in einem Tone der Entrüstung . » Sie haben es gesehen ? « fragte Egloff und schaute Fastrade aufmerksam an . Dabei fiel es ihr auf , daß sein Gesicht doch nicht mehr ganz das lustige Gesicht ihres früheren Spielkameraden war , es war sehr bleich , war schärfer und gespannter , die helle , ungezogene Heiterkeit von früher war fort . » Gewiß , ich habe es gesehen , « erwiderte Fastrade , » es sieht aus wie ein Schlachtfeld . « Egloff zuckte die Achseln : » Ja , schön sieht das nicht aus , « meinte er nachdenklich , » und es ist auch keine schöne Sache , ein Schlachtfeld , sagen Sie , also eine Schlacht , in der wir über den Wald gesiegt haben . Aber wenn wir dann endlich so über den ganzen Wald gesiegt haben , dann sind wir doch die Geschlagenen . « Der Baron schaute auf , sah Egloff unzufrieden an und sagte dozierend : » Die Wälder sind in unseren Familien recht eigentlich das , was die Generationen verbindet , wir genießen , was unsere Vorfahren gehegt und gepflanzt , und wir hegen und pflanzen für die kommenden Generationen . « Der Schluß der Rede klang müde und nicht mehr so eindringlich , der Baron ließ seinen Kopf wieder auf die Brust sinken . Egloff hatte andächtig zugehört , wie es die Gewohnheit aller jungen Leute der Gegend war , wenn der alte Baron sprach , dann sagte er , und Fastrade hörte aus seinen Worten wieder den ungezogenen Ton des Knaben heraus : » Nun , ich bin jetzt eben in der Lage , das genießen zu müssen , was meine Vorfahren pflanzten , aber , « wandte er sich an Fastrade , » Sie haben sich in der kurzen Zeit Ihr Gut schon genau angesehen . « » Vorigen Abend war ich in den Wald hinausgegangen , « antwortete Fastrade , » und als ich auf dem Föhrenhügel stand , fehlte mir gegenüber die schöne Wand alter Tannen . « » Ja , hm , die ist fort « , meinte Egloff , zog die Augenbrauen zusammen und sah auf seine Nägel nieder , als sei ihm das ernstlich unangenehm , dann schaute er auf und lächelte : » Dann waren Sie es wohl , die am Abend so schwarz am Waldrande stand , als wir im Schlitten vorüberfuhren . « » Ja , das war ich , « erwiderte Fastrade , » und ein Herr in einem Schlitten sagte : Da steht die Einsamkeit selbst . « » Oh , das war der Graf Betzow , « rief Egloff , » er will immer etwas Poetisches sagen und sagt dann jedesmal eine Dummheit . Warum sollen Sie die Einsamkeit sein ? Wir waren doch sehr gesellig in unserer Jugend . Erinnern Sie sich der Quadrillen , die wir auf der Waldwiese zu reiten versuchten , Sie , Gertrud Port , Dachhausen und ich . Dachhausen war gerade Fähnrich und mir dadurch unendlich überlegen , er machte auch mehr Eindruck auf die Damen ; das schmerzte mich , und ich wollte ihn fordern , er sagte aber ganz väterlich : Mach ' dich nicht lächerlich , lieber Junge . « Fastrade lachte : » Ja , ja , und mein Paris hatte gar kein Talent für die Quadrille . « » Richtig , « meinte Egloff , » Paris hieß Ihr kleiner Schimmel , weil er schön und furchtsam war . Was ist aus ihm geworden ? « » Paris steht noch im Stall , « erwiderte Fastrade , » aber der Arme ist alt und melancholisch geworden , er hat schlechte Zähne und kann den Hafer und das Heu nicht recht beißen . « Egloff machte ein ernstes Gesicht , als schmerzte ihn diese Nachricht : » Das ist schlimm , « sagte er , » Hafer und Heu nicht mehr beißen zu können , ist für ein Pferd die große Lebenskatastrophe und , wie ich die Pferde kenne , würden sie , wenn sie könnten , sich erschießen , statt wie die Menschen , wenn sie Hafer und Heu nicht mehr - . « » Ach , was sprechen Sie , « unterbrach ihn Fastrade unwillig , » wer sagt Ihnen denn , ob Paris nicht noch seine guten Stunden hat im Sonnenschein auf dem Kleefelde , und seine friedlichen Altersgedanken und manche kleine Lebensfreude . « » Und Pflicht « , ertönte plötzlich die Stimme des Barons . Fastrade und Egloff schwiegen erschrocken , sie hatten geglaubt , der alte Herr schlummre , und nun hatte er zugehört . Sie sahen einander an und machten angstvolle Gesichter wie früher in der Kindheit , wenn sie sich fürchteten , lachen zu müssen . Eine Pause entstand . Da jedoch der Baron nichts mehr sagte , begann Egloff wieder zu sprechen : » Bei Pflicht fällt mir ein , wir sollten ja von Geschäften reden . « » Ach ja , « versetzte Fastrade , » was war es denn mit Ihrem armen Walde ? « » Nein , um Ihren Wald handelt es sich , « verbesserte Egloff sie , » das Unterholz hat die Grenzlinie so verwischt , daß ich fürchte , mit dem Schlagen in Ihren Wald hineinzugeraten . Es wäre daher gut , an Ort und Stelle die Karten zu vergleichen und die Linie neu durchschlagen zu lassen . « » Das kann ich verstehen , « sagte Fastrade , » da wird dann wohl Ruhke mit der Karte hinfahren müssen . « Jetzt hob der Baron wieder seinen Kopf und sagte laut und kräftig : » Grenzen sind heilige Sachen , ein Besitzer muß seine Grenzen kennen . Daher wäre es besser , mein Kind , du wärest auch dabei . « » Ist das nötig ? « fragte Fastrade erstaunt . - » Ihr Herr Vater hat gewiß recht , « meinte Egloff , » nur dadurch bekommt der Akt der Grenzfestlegung seine Feierlichkeit . « Der Baron nickte : » So wäre also das abgemacht « , murmelte er . Da erhob Egloff sich , um sich zu verabschieden . Als er Fastraden die Hand drückte , lächelte er sein spöttisches Lächeln und sagte : » Also wir sehen uns in Geschäften , sozusagen als Gegner . « Dann ging er . Fastrade setzte sich in ihren Sessel zurück , ihr Vater schlummerte wieder , und das Schweigen dieses Zimmers mit seiner grünen Lampendämmerung erschien ihr heute besonders tief . Egloff stieg die Freitreppe herunter zu seinem Schlitten , der dort wartete , hüllte sich in die Pelzdecken und überließ dem Kutscher die Zügel . » Nach Hause « , sagte er . » Nach Hause ? « fragte der Kutscher verwundert . » Zum Teufel ja , nach Hause « , schrie Egloff ungeduldig , und der Rappe setzte sich in Trab . Die Nacht war dunkel , es schneite ganz ruhig , die Schneeflocken waren nicht sichtbar in der Finsternis , aber Egloff fühlte dieses stille Fallen um sich her , das ihn langsam in etwas Kaltes einhüllte . Er hatte allerdings nicht nach Hause fahren wollen , er war sehr verstimmt von zu Hause weggefahren , die Zeiten waren schlecht , er hatte stark im Spiel verloren , dann war da dieser Waldverkauf , der ihn anekelte , die Geschäftsfahrt zum alten Padurenschen Baron erschien ihm lästig und langweilig , darum hatte er beschlossen , von Paduren nach Barnewitz zu Dachhausen zu fahren , um sich dort mit der kleinen Frau die Zeit zu vertreiben , Dachhausen war nicht zu Hause , und sie hatte ihm an seinem letzten Besuch die Reise ihres Gatten mitgeteilt und dabei ihre schamlos süßen Augen gemacht . Und nun , als er auf die Padurensche Freitreppe hinausgetreten war , war die Lust zu dieser Fahrt vergangen gewesen , und er fuhr nach Hause . Gott ja , diese Fastrade war doch immer das aufrechte , hübsche Mädel von früher . Sehr warme Augen , schneidig war sie immer gewesen , er erinnerte sich , daß er als Knabe einmal in ihrer Gegenwart seinen Hund schlug , da war sie ganz rot geworden , hatte mit ihrer kleinen Faust ihn kräftig vor die Brust gestoßen und » Pfui ! « gesagt , ein Pfui , das wie ein Peitschenhieb klang . Seitdem hatte sie ihn nicht recht leiden mögen . Ja , sie war immer riesig gut gewesen , diese Fastrade , aber diese Art Mädchen verliebt sich gewöhnlich in Hauslehrer , schade ! Immerhin hatte sie viel Leben in sich , und es mußte hart für sie sein , dort in dem Hause zu wohnen , wo man nicht lebte , sondern nur umging . Er zog seinen Pelz fester um sich , er fror , es war nicht angenehm , so sachte , sachte in dieses kalte , weiße Laken eingehüllt zu werden , auch hauchten die großen weißen Tannenwände , zwischen denen sie jetzt hinfuhren , eine eisige Kälte aus . Gut , dachte Egloff , er würde heute also den Abend zu Hause verbringen , aber was würde er tun ? In letzter Zeit war ihm das Alleinsein mit sich selbst qualvoll geworden , seine Großmutter und Fräulein von Dussa heute zu sehen , war kein angenehmer Gedanke , also er würde in seinem Zimmer auf dem Sofa liegen , Rotwein trinken und sich vom Diener Klaus Geschichten erzählen lassen . Wenn er nur diese Geschichten von all den Mädchen der Umgegend nicht schon gekannt hätte , auch log der Kerl jetzt , und er log nicht unterhaltend . Trübe Aussicht . Wenn noch jemand da gewesen wäre , mit dem er hätte Karten spielen können , das war noch das beste Mittel gegen graue Stimmungen . Es war eigentlich seltsam und schwer zu erklären , aber dieses Mittel versagte nie , wenn er sich an den grünen Tisch setzte und die Karten zur Hand nahm , dann kam es unfehlbar , dieses erregte Gefühl , das wie eine körperliche Wohltat in das Blut ging und angenehm bis in die Fingerspitzen hinein kitzelte . Das ließ sich nur mit der hübschen Erregung des Moments vergleichen , wenn man eine schöne Frau zum ersten Male so von hinten sachte um die Schultern faßt und nicht weiß , wird sie empört sein oder stille halten . Der Rappe machte einen großen Seitensprung , der Kutscher rief wütend : » Ho ! ho ! Wer ist da , versteht ihr nicht den Weg zu kehren ? « Ein kleines Pferd , ein niedriger Schlitten , auf dem verschneite Pakete lagen und eine verschneite Gestalt saß , mühten sich , durch den tiefen Schnee zur Seite auszubiegen . » Laibe , « rief Egloff , » bist du das ? « - » Ja , Herr Baron , Laibe « , antwortete eine freundliche Stimme . » Was tust du hier im Walde ? « fragte Egloff . » Mir ist es schlecht gegangen , « ertönte leise eine klagende Stimme , » verfahren habe ich mich im Walde , und jetzt fahre ich mit der Deichsel in den Schabbes hinein , ai ai , was kann man machen ! « » Das kommt vom Schmuggeln , « meinte Egloff , » aber du kannst zu mir auf den Hof kommen , und deinen Schabbes empfangen . Fahr ' zu , Kutscher . « » Danke , danke , Herr Baron « , rief Laibe ihm nach . » Auch ein Leben , « dachte Egloff , » so in der Dunkelheit einsam durch den Wald zu kriechen , na , vielleicht ist das aber nicht übel , sich so herumzuschlagen , wenn man nur daran zu denken hat , ob man im Dunkeln den rechten Weg findet und wo ein Feuer sein kann , vielleicht , daß man dann an alle möglichen widerwärtigen Dummheiten nicht zu denken braucht . « Jetzt fuhren sie in den Sirowschen Hof ein , nur wenig Fenster des großen Hauses waren erleuchtet . » Aha , keiner erwartet mich « , sagte Egloff . Sie hielten vor der Freitreppe , Egloff stieg zur Haustüre hinan , öffnete sie laut und rief ein schallendes und ärgerliches : » Holla ! « Hunde begannen im Flur zu bellen , Lichter liefen die dunkle Fensterreihe entlang , Klaus und Joseph , mit Lichtern in der Hand erschienen und stammelten : » Ah , der Herr Baron , wir haben nicht gewußt . « » Natürlich habt ihr nicht gewußt , « sagte Egloff und warf seinen Pelz ab , » du Klaus , ich gehe gleich in mein Zimmer , der Kamin muß angeheizt werden , und du , Joseph , meldest der Frau Baronin , daß ich nicht zum Essen kommen werde , ich bin müde und gehe schlafen . Außerdem bringst du mir eine Flasche Burgunder aufs Zimmer . So , vorwärts . « Er ging in sein Zimmer hinüber , kleidete sich aus , ließ sich von Klaus den Körper mit kölnischem Wasser abreiben , hüllte sich dann in seinen Schlafrock und streckte sich in seinem Schreibzimmer auf dem Sofa aus . Joseph brachte den Burgunder , im Kamin brannte das Feuer , es wurde behaglich warm . Egloff zündete sich eine Zigarre an , so , nun konnte es gemütlich sein , es gehörte nur noch dazu , daß angenehme Gedanken kamen , Gedanken , die nicht unversehens grob an eine wunde Stelle stießen . Was also ? Da war dieser Jude , der durch den dunklen verschneiten Wald irrte und betete und nach einem fernen Licht ausspähte , das war etwas , woran hier am Kaminfeuer eine Weile zu denken seinen Reiz hatte . Allein das reichte nicht aus , die Gedanken irrten zu anderem . Was mochte wohl die kleine Frau in Barnewitz jetzt tun ? Sie erwartete ihn , er sah es deutlich , wie sie sich für ihn ankleidete . Allzu sehr schmücken durfte sie sich nicht , denn keiner im Hause wußte ja , daß sie ihn erwartete , sie zog wohl das dunkelviolette Wollenkleid an und legte die Perlenschnur um . Dann bestellte sie das Abendessen , zündete im Saal die Lampen an mit den schrecklichen hellrosa Gazeschirmen , Frauen aus jenen Kreisen glauben immer , daß , wenn sie verliebt sind , sie Lampen haben müssen mit hellrosa Gazeschleiern . Da saß sie im rosa Lampenschein , das hübsche Wachspuppengesicht ganz feierlich , das Haar glänzend schwarz , in ihrem violetten Kleide wie ganz in weiche Veilchen eingehüllt , und wartete auf ihn . Und es wird immer später , und das Wachspuppengesicht wird immer starrer und endlich weint sie , wie nur die kleine Lydia Dachhausen weinen kann , ganz mühelos einen Strom von Tränen über das Gesicht schüttend , das sich nicht verzieht , das unbewegt bleibt , sie weint , wie Puppen weinen würden , wenn sie weinen könnten . Egloff lächelte , der Gedanke an die einsam unter ihren rosa Lampen um ihn weinende Frau tat ihm wohl , und dann plötzlich mußte er an Fastrade denken , an die Fastrade der Kindheit , an das kleine Mädchen , das ihn mit der geballten Faust vor die Brust stößt und » Pfui ! « sagt . Unruhig drehte er sich auf die Seite , griff nach dem Glase und trank , endlich drückte er auf den Knopf der elektrischen Klingel . Als Klaus erschien , befahl Egloff : » Der Jude Laibe soll zu mir heraufkommen , wenn er seine Zeremonien beendet hat . « » Zu Befehl « , sagte Klaus . Egloff legte sich wieder zurück , zog an seiner Zigarre und wartete ungeduldig auf den Juden Laibe . Nach einer Weile wurde die Tür vorsichtig geöffnet , und der Jude Laibe schob sich in das Zimmer , er war fest in seinen grüngrauen Rock eingeknöpft , das graue Haar und der dichte , graue Bart waren glatt gestrichen , und sein Gesicht verzog sich zu einem unendlich liebenswürdigen , freundlichen Lächeln . Er verbeugte sich mehrere Male , rieb sich die Hände und sagte : » Gut Schabbes , Herr Baron , gut Schabbes . « - » Du kannst dich da an den Kamin stellen und wärmen , « bedeutete ihm Egloff , » wenn du willst , kannst du dich auch auf den kleinen Stuhl dort setzen . « Laibe setzte sich , legte die Handflächen auf die Kniescheiben und fuhr fort , sein süßes Lächeln vor sich hin zu lächeln . Egloff betrachtete ihn aufmerksam . » Was ist denn geschehen , « fragte er dann , » eben noch kriechst du durch den Schnee im dunklen Walde wie ein klagender Hase und jetzt kommst du herein , reibst dir die Hände wie ein Ballherr und machst ein Gesicht , als ob du Hochzeit halten solltest . « » Ein Dach überm Kopfe , Herr , « sagte Laibe , » ist was Gutes , und eine warme Stube ist auch was Gutes , warum soll ich mich dann nicht freuen ? « » Ist das alles ? « meinte Egloff . Laibe wurde ernster , strich mit der Hand über seinen Bart und rollte seine blanken , sirupfarbenen Augen . » Das nu versteht der Herr Baron nicht , das ist unsere Religion , heute muß man froh sein , ob man will oder nicht . « » So , so , nur weil es befohlen ist « , sagte Egloff . » Weil es befohlen ist , « bestätigte Laibe , » die ganze Woche schindet man sich und fürchtet sich , und an einem Tag erinnert man sich , daß alles einmal ganz gut werden wird . Versprochen ist es , nun , und man wartet . « » Wartet « , wiederholte Egloff höhnisch . » Was kann man anders tun , man wartet « , versetzte Laibe mit Bestimmtheit . Egloff richtete sich ein wenig auf und sagte plötzlich ungewöhnlich heftig : » Und dieses Warten macht uns alle zum Narren , man wartet und wartet , man tut dies und das , um sich die Zeit zu vertreiben , aber das Große , die Hauptsache , die soll noch kommen . Und die Zeit vergeht , und nichts kommt , und wir sind die Narren . « Ärgerlich ließ Egloff sich in die Kissen zurückfallen , der Jude warf einen schnellen ängstlichen Blick auf den Baron , krümmte den Rücken und sagte leise und demütig : » Das Warten ist nichts für die großen Herren , ein Edelmann hat hitziges Blut , der wartet nicht gern , aber ein armes Judchen hat nichts anderes . « » Du hast doch dein Geld , « warf Egloff ein , » das macht dich doch glücklich . Wenn du einen Bauer betrogen hast , dann bist du glücklich , wenn du was über die Grenze geschmuggelt hast , dann bist du glücklich , wenn du ein Kalbsfell unterm Preise gekauft hast , dann bist du glücklich . « Laibe wiegte bedächtig seinen Kopf : » Glücklich , Spaß , ein schönes Glück . Dann ist der auch glücklich , der recht hungrig ist , und um ihn herum stehen lauter Braten , und die dampfen und die riechen gut , und er darf sie alle riechen und keinen anrühren . Glücklich , wenn ich immer nur an dem Geld der anderen vorübergehen und vorüberfahren muß . Und da fahre ich durch den Wald , schöne , große Stämme , reines Geld , aber nicht mein Geld . Komme ich an einer Scheune vorüber , die ist ganz voll mit Geld , aber nicht mein Geld . Das ist auch so ' n Glück . « Laibe lachte höhnisch in seinen Bart hinein . » Sag ' mal « , begann Egloff nachdenklich , » hast du immer an Geld gedacht ? Du bist doch auch jung gewesen , und in der Jugend hat man doch auch andere Gedanken im Kopf , da gibt es doch lustige Sachen . « Aber Laibe lachte wieder sein leises , höhnisches Lachen : » Ei , ei , meine Jugend , lieber Herr , was war das schon für eine Jugend . Ich war ein Bocher von fünfzehn Jahren , als der Vater mir das Bündel auf den Rücken hing und sagte : Geh verdienen . Nun , und ich ging , und auf der Landstraße hatte ich Angst vor den Gendarmen und vor den Grenzreitern und im Walde vor den Waldhütern , und wenn es dunkel wurde im Walde , dann kamen große schwarze Vögel , flogen ganz niedrig und bliesen - die Angst ! Und wenn ich dann zum Bauern kam , hatte ich Angst , an die Tür zu klopfen , und wenn ich doch klopfte , der Bauer kam aufmachen , hatte ich wieder Angst . Und ich glaubte , der Kaiser und die Minister und die Herren und die Bauern , alle sind nur dazu da , um dem armen Judenbocher Angst zu machen . « » Aber dachtest du nicht manchmal , « unterbrach ihn Egloff , » dachtest du nicht an Mädchen , an solche Sachen ? « » Mädchen waren schon da « , erwiderte Laibe . » Wenn ich Sonntags in eine Bauernstube kam , dann saßen sie da am Tisch , die Mädchen in ihren guten Kleidern , reingewaschen , die Gesichter wie die roten Äpfel , und Jungen waren da und spaßten mit ihnen , und ich saß am Ofen und sah zu , wie einer ein Bild ansieht , er kann nicht in das Bild hinein , und das Bild kann nicht zu ihm herauskommen . Ach Gott , meine Jugend ! Auf der einen Seite steht das bißchen Verdienst und auf der anderen Seite steht die große Angst . « Beide schwiegen jetzt , Laibe schaute sorgenvoll vor sich hin und strich mit den Händen sanft über seine Knie , als wolle er sich selber trösten . Egloff zog nachdenklich an seiner Zigarre . » Hm , « sagte er endlich , » nicht schlecht . Der Judenjunge im dunklen Walde , ganz klein unter den hohen Bäumen , und die großen schwarzen Vögel , die vor sich hinblasen . Aber mit eurer ewigen Angst habt ihr vielleicht recht . Ihr behaltet die gefährliche Bestie immer im Auge , wir anderen , wir fürchten uns nicht , und uns fällt sie hinterrücks an . « » Bitte , Herr Baron , « fragte Laibe einschmeichelnd , » was ist das wohl für eine Bestie ? « Egloff seufzte : » Ach , mein lieber Laibe , Sinn für das , was man so ein poetisches Bild nennt , hast du nicht . Was soll denn die Bestie sein ? Das Leben ist diese Bestie . « » Sehr hübsch , « bemerkte Laibe und machte sein liebenswürdigstes Gesicht , » aber ich habe nicht einen feinen Kopf wie der Herr Baron , ich habe nur einen armen Judenkopf voller Sorgen , der kann nicht so feine Gedanken denken . « » Gut , gut , « unterbrach ihn Egloff , » du wirst uninteressant , mein Lieber , es ist Zeit , daß du schlafen gehst , gute Nacht . « Laibe erhob sich , rieb sich die Hände , verbeugte sich und sagte : » Eine sehr gute Nacht , Herr Baron . « Dann ging er . Egloff blieb noch eine Weile liegen , die Wärme des Kaminfeuers hatte ihn ganz schlaff gemacht , und der Burgunder gab ihm einen angenehmen , leichten Schwindel . Man wird schlafen können , dachte er , und dann klang ihm plötzlich Fastrades Stimme im Ohr , » das sieht aus wie ein Schlachtfeld « , hatte sie vom Walde gesagt , und das klang so zornig wie das » Pfui ! « damals , als er den Hund schlug . Er lächelte vor sich hin . Dieses Mädchen einmal so böse zu machen , daß es ganz heiß und wild wird , das müßte hübsch sein . Dann schellte er nach Klaus , um zu Bette zu gehen . Sechstes Kapitel Am Nachmittage zur Teestunde war in Sirow Besuch . Die Baronesse Arabella kam , um der Baronin Egloff Fastrade nach der langen Abwesenheit wieder vorzustellen , und die Baronin Port war da mit ihren beiden Töchtern Sylvia und Gertrud . Die Damen saßen im Wohnzimmer der Baronin , in diesem Zimmer mit dem dicken Smyrnateppich , den schweren , dunkelblauen Vorhängen , in das das bleiche Licht des Winternachmittags nur gedämpft und fast schläfrig eindrang . Die Luft hier war schwer , denn es war stark geheizt worden , und es roch nach Tee und einem sehr süßen Parfüm , das die Baronin liebte . Die Baronin thronte auf ihrem Sessel recht stattlich im schwarzen Seidenkleide und der Mantille nach der Mode der sechziger Jahre , das Gesicht sehr weiß mit regelmäßigen Zügen , an jeder Schläfe drei graue Löckchen , und auf dem Kopfe ein Spitzentuch , das mit dicken , goldenen Nadeln befestigt war . Sie strickte an einer pfauenblauen Strickerei und sprach deutlich und ausdrucksvoll , sie liebte es zu sprechen und verlangte , daß man ihr andächtig zuhörte . Sie wandte sich an die beiden alten Damen und erzählte von der Großherzogin , bei der sie früher Palastdame gewesen war . Die Großherzogin war so genau , daß , wenn die Kammerfrau ihr am Morgen ein Hemd präsentierte , das nicht die folgende Nummer des am vorigen Tage getragenen Hemdes zeigte , sie es zurückwies und sehr ungehalten war . Und so war es mit allem , mit den Taschentüchern und so weiter . Eine ganz seltene Frau . » Sehr interessant , « bemerkte Baronesse Arabella , » so von den Intimitäten der hohen Herrschaften zu hören . « » Oh , da könnte ich viel erzählen « , sagte die Baronin . Die anderen nahmen an dem Gespräche nicht teil , Gertruds kleines Figürchen versank ganz in dem großen Sessel , sie stützte den Kopf mit den wirren blonden Löckchen an die Lehne , das weißgepuderte Gesichtchen mit den zu feinen Zügen und dem zu roten Munde drückte