. Am arbeitsreichsten aber waren die Tage , wo Yang hung zu den Jahrmärkten zog , die allmonatlich in den großen Vorhöfen mancher Tempel Pekings abgehalten werden . Bisher hatte Tschun bei diesen Gelegenheiten im Laden zurückbleiben müssen , aber nun sollte er den Meister zum ersten Male begleiten . Bei frühestem Morgengrauen wurden die Waren sorgfältig eingepackt . Yang hungs kostbarste Stücke waren dabei , denn er rechnete auf reiche mongolische Kundschaft , die die Tempelmärkte gern besucht . - Dann brach man im zweirädrigen blauen Maultierkarren auf . Yang hung saß drinnen mit seinen Kasten , Ballen und Bündeln . Die zerbrechlichsten Gegenstände hielt er ängstlich fest , wenn die mit eisernen Nägeln beschlagenen Räder gegen große Steine anprallten oder in besonders tiefe Löcher und unheimlich grünliche Pfützen der chaotischen Straßen gerieten und der Karren dann abwechselnd in die Höhe oder tief herabgeschleudert wurde . Tschun saß draußen auf der Deichsel neben dem Kutscher ; er ließ vergnügt die Füße baumeln und freute sich , endlich mal ins Freie zu kommen und den ihn peinigenden Frauen und Kindern in Yang hungs großem Haushalt zu entgehen . In den Straßen , die noch voll bläulicher Schatten lagen , begann eben des Tages Leben sich zu regen . Die Rufe der ersten Hausierer ertönten , und bei diesem Klang erschienen an den Haustüren die noch halb verschlafenen Gesichter von Frühaufstehern , die bei den Vorüberziehenden einkaufen wollten . Andere dagegen warfen aus den Türen allerhand Unrat in die Straßen , diese ewig geduldigen offenen Kloaken Pekings . In die Häuser selbst und ihre verschiedenen Höfe konnte Tschun dabei jedoch nie blicken , denn hinter der in der äußeren Mauer angebrachten Tür erhob sich inwendig immer ein Stück freistehender Quermauer , gleich einem großen Wandschirm , bestimmt , den bösen Geistern den Eintritt zu wehren . Außer den Kaufenden und Verkaufenden waren aber auch schon jene da , die vom Zufall leben , die Scharen von Bettlern aller Art. Aus den ärmsten aller Quartiere , wo für die kleinste Kupfermünze nächtlicher Unterschlupf gewährt wird , waren sie hervorgekrochen , unheimliche Gestalten , die unter verfilzten Haaren aus stieren Augen glotzten . Beulen und Wunden bedeckten sie und bekleidet schienen sie hauptsächlich mit Schmutz , der die Reste einstmaliger Lumpen an ihnen festhielt . So kauerten sie und krochen sie in den Straßen und wühlten in den Unrathaufen , ob sich da etwas fände , das , von Reicheren weggeworfen , ihnen noch zur Nahrung dienen könne . Die mit besonders eklen Leiden Behafteten aber stellten sich gern vor öffentlichen Garküchen und anderen Läden auf , hoffend , daß die Besitzer , um ihren Kunden diesen Anblick zu ersparen , sich mit einer Kupfermünze von solcher Nachbarschaft loskaufen würden . Doch auch Erfreulicheres erblickte Tschun bei dieser Morgenfahrt . Er fuhr unter hohen , bunt bemalten Gedenkbogen , die die Straßen überspannen und treuen Witwen oder verdienstvollen Staatsmännern , denen im Leben wahrscheinlich unrecht geschah , zu posthumer Ehr ' und Andenken errichtet werden . Er sah hinter braunem Gemäuer die hochragenden grünen Kacheldächer großer Paläste in der Frühsonne schimmern , er sah Teiche , aus deren stiller Fläche die jungen zusammengerollten Lotosblätter sich erhoben ; er kreuzte weiter leere Plätze , die verloren inmitten der überfüllten Stadt lagen , wo unter alten Bäumen Schafe weideten und verfallende Pagoden dem Nichtmehrsein entgegenträumten . Und endlich hielten sie vor dem Eingangstor des Tempels . Da war ein Gewühl von Maultierwagen und knarrenden Schubkarren , von großen Händlern und kleinen Hausierern , die ihre Waren ausluden und in das Tor hereindrängten . Alle schrien und schimpften dabei durcheinander in völliger Unempfindlichkeit gegen Lärm . Yang hung und Tschun hatten Mühe durchzukommen , und man mußte die Augen weit offen halten , denn in der sich schiebenden , quetschenden Menschenmenge hatten die Taschendiebe leichtes Spiel . Drinnen im weiten Vorhof standen uralte Bäume , und zwei riesige steinerne Ungeheuer bewachten den Eingang zum eigentlichen Tempel . Die für die Jahrmarktstage ausgeräumten Mönchszellen und die vor ihnen durch die weitausladenden Dächer gebildeten Veranden dienten als Verkaufsbuden . Jeder Händler hatte da seinen eigenen gemieteten Platz . Nun galt es , die Waren auszupacken und verlockend zur Schau zu stellen . Denn schon strömten Jahrmarktsbesucher in Scharen herein . Der ganze weite Vorhof war bald angefüllt mit einem Gewoge blau gekleideter Menschheit . Eßwarenhändler schoben sich hindurch , von Käufern und Verkäufern Gewinn erhoffend , und Männer , die an Bambusstäben kleine Käfige trugen , in denen gefangene Zikaden zirpten . Und noch andere Tiere wurden zum Verkauf angeboten : chinesische Hunde mit schwarzem , bis zur Erde herabhängendem Haar und seidenweiche , braune mit plattgedrückten schwarzen Nasen und hervorquellenden Glotzaugen . Auch ein Wunderdoktor schrie dicht neben Yang hung seine Arzneien aus und war bald von Patienten umlagert . Tschun aber blickte mit Geringschätzung auf ihn und seine Arzneien , denn so viel hatte er doch von seinen Besuchen bei den Nonnen im Petang gelernt , daß heißes Wasser , über Kupfermünzen aus der Regierungszeit des Kaisers Tao Kwang gegossen , keine wirksame Arznei gegen Augenentzündung bildet und Pflaster aus Hundehaaren keine Wunden zu heilen vermögen . Seltsam aber war , daß der Wunderdoktor seine Mittel anpries , indem er ausdrücklich hervorhob , sie seien nicht etwa wie die der fremden Teufel-Doktoren aus den Augen chinesischer Kinder bereitet , die dazu von jenen gestohlen und umgebracht würden . Tschun wurde ganz ärgerlich , als er aus all dem Lärmen diese Worte heraushörte , deren alte Beschuldigung immer wieder in Zeiten besonderen Fremdenhasses laut wird . Wie konnte man nur so dumm sein , so etwas zu glauben ! dachte Tschun entrüstet , und wie durfte man solche Dinge behaupten und weiterverbreiten ? Er wäre am liebsten hingelaufen , den Mann ob seiner einfältigen Lüge zur Rede zu stellen . Aber der Wunderdoktor war längst schon von einer Menschenwelle davongetragen , und nun standen Mongolen vor Yang hungs kleiner Warenausstellung . Auch eine Frau war dabei in altrotem golddurchwirkten Kleid und mit seltsamem Silberschmuck auf Kopf und Hals . Ganz anders wie die Chinesen sahen sie aus , hatten von Wind und Wetter gebräunte , breite , vergnügte Vollmondsgesichter und zeigten offenkundig die Absicht , sich noch einen frohen Tag zu machen , ehe sie die lange Rückreise zu den weiten Ebenen und schwarzen Zelten der fernen Heimat antraten . Manche von ihnen boten Filz zum Tausch an für die gewöhnlichen Uhren und billigen Schmuckstücke , die sie begehrten . Der Häuptling aber , zu dessen Gefolge sie offenbar gehörten , hielt sich nicht mit solchen Kleinigkeiten auf , sondern ging gleich mit Yang hung in eine der Mönchszellen , wo dieser seine kostbareren Stücke aufgestapelt hatte . Während der Meister mit dem vornehmen Kunden fort war , hatte Tschun alle Mühe , den kleinen Warenstand zu hüten und gegen das Stoßen und Schieben der immer dichter werdenden Menge zu verteidigen . Und dabei fühlte er sich sehr stolz , daß Yang hung ihm so viel Vertrauen bewies . Wie er aber so eifrig Ausschau hielt , daß niemand ihm im Gedränge etwas entwände , wurden seine Schlitzaugen auf einmal ganz groß , und er fühlte , wie sein Herz heftig zu klopfen begann . Denn er hatte ja plötzlich , dort vom Eingangstor herkommend , eine Gruppe Europäer entdeckt , und zwischen ihnen die Taitai und den hübschen weißen Herrn ! Er freute sich so sehr , die Taitai wiederzusehen , daß er gleich zu ihr hinlaufen wollte , aber dann besann er sich , er mußte doch Yang hungs Sachen hüten . Und Tschun war nicht ein Junge , der einen ihm anvertrauten Posten verlassen hätte ! Nein , das ging nicht ! Er hielt doch etwas auf sich ! Aber vielleicht käme die Taitai in seiner Richtung ! Er spähte eifrig nach den Fremden . Jetzt waren sie verschwunden hinter einem Wall von Menschen . Nun tauchten sie ein Stückchen weiter wieder auf . Und sie näherten sich wirklich seinem Platze . Aber während er noch so nach ihnen hinstarrte , kam ihm ein neuer , ganz anderer Gedanke . Was sollte er ihnen denn sagen , wenn sie ihn erblickten ? Wie sein Hiersein erklären , da Kuang yin doch behauptet hatte , er müsse zur kranken Mutter ? Und plötzlich begann er sich zu schämen . Nicht nur der eigenen augenblicklichen Lebenslage , die der Taitai , wenn sie ihn gewahrte , die Lüge entdecken mußte , unter der er von ihr fortgegangen , sondern auch sich zu schämen ob seiner ganzen Welt , ob all der Menschen da rings um ihr her , von denen er wußte , daß sie stahlen und übervorteilten , soviel sie konnten , daß sie keiften wie Yang hungs Angehörige , daß sie dumm waren und Bessere verleumdeten , wie vorhin der Wunderdoktor - und zu denen er doch selbst gehörte ! - Ja , jetzt wünschte er nur noch , daß die Taitai ihn hier nicht entdecken möge ! Als die Fremden ihm schon ganz nahe waren , und Tschun sich zusammenduckte , damit sie ihn nicht sähen , blieben sie aber vor einem Verkäufer stehen , der ihnen Hunde zeigte . Verstohlen hinlugend sah Tschun , wie der hübsche weiße Herr den kleinsten der Hunde kaufte . Und der Taitai schien das Hündchen sehr zu gefallen mit seinem plattgedrückten Näschen , denn sie nahm es auf den Arm , als sei es ein Kind , und streichelte sein Fell und sah dabei den hübschen weißen Herrn aus ihren seltsam hellen Augen ganz komisch an . Dann aber , als Tschun schon dachte , daß ein Zusammentreffen unvermeidlich sei , bogen die Fremden plötzlich ab und gingen nun zu den Buden der großen Schmuckhändler , wo dicke weiße Perlen für die Mandarinenkappen , rosa Chrysolithketten und kostbare Kristall- und Nephritschnitzereien für viele tausend Tael verkauft werden . Und nun war Tschun doch wieder sehr traurig , daß die Taitai ihn nicht gesehen hatte . Der kleine Hund würde es sicher bei ihr gut haben . Zwei Tage dauerte der Jahrmarkt , dann wurde eingepackt , und abends spät fuhr Yang hung nach Haus mit Tschun . Gleich bei Morgengrauen am Tag nach ihrer Heimkehr wurden die Münzstränge , die Yang hung auf dem Markt eingenommen hatte , noch einmal geprüft . Es waren ihrer viele , denn er hatte gut verkauft . Der alte Yang hung zählte im noch dämmrigen Licht die aufgereihten Münzen , und dann mußte Tschun die Stränge nach etwaigen selteneren Stücken durchsuchen . Wie sie so arbeiteten , ward Yung von seiner alten Frau gerufen ; sie wollte mit ihm über die Schwiegertochter Mei hoa reden , die sich an diesem Morgen auf Besuch zu ihrer Mutter begeben sollte , und die besondere Ansprüche auf Eßwaren erhob , die sie als Geschenk nach Hause mitbringen wollte . Nun war Tschun allein mit all dem vielen Geld . Am Boden hockend , suchte er eifrig weiter nach seltenen Münzen . Und er war so vertieft in seine Arbeit , daß er kaum hörte , wie hinter ihm die Tür aufging . Er dachte , es sei der Meister . Erst nach einigen Augenblicken schreckte er auf durch Mei hoas schrille Stimme . In ihrem besten Staat angetan stand sie da , mit einem kirschroten runden Schminkfleck auf der unteren Lippe und rosa getünchten Wangen . Es hatte wohl einen argen Strauß ob der Eßwaren mit der alten Schwiegermutter und den anderen Schwiegertöchtern gegeben , denn es fiel Tschun auf , daß Mei hoas Augen seltsam funkelten , wie sie auf die vielen Münzstränge vor ihm niederblickte . » Hol ' mein Bündel aus dem hinteren Hof « , befahl sie heftig , » und bringe es ans Tor . Der Karren muß bald kommen . « Sie sah so wild und böse aus , daß Tschun sofort aufsprang und davonlief , das Bündel zu holen . Erregte Stimmen klangen aus den Familienräumen , in die Yang hung geholt worden war . Tschun beeilte sich , aus dem Bereich des Haders zu entkommen und legte das Bündel am Hoftor nieder . Mei hoa stand bereits wartend da , in sichtlicher Ungeduld nach dem säumenden Karrenführer ausspähend . Froh , dem Unwetter entgangen zu sein , schlüpfte Tschun in den Laden , hockte sich nieder und nahm die jäh unterbrochene Arbeit wieder auf . Bald kam dann Yang hung zurück . Aber auch er sah jetzt böse und erregt aus , wie so oft , wenn er im Schoße seiner Familie geweilt . Und sobald er den Kang überblickt , auf dem das Geld lag , rief er ärgerlich : » Da fehlt ja ein Strang ! « Tschun sprang auf , um zu suchen . Aber der Strang blieb verschwunden . Und Yang hung wurde immer böser . Plötzlich packte er Tschun , blitzte ihn durch die große Hornbrille mit funkelnden Augen an und schrie dabei heftig : » Was hast Du mit dem Strang angefangen ! Du mußt ihn auf Dir haben ! Du Dieb , Du ! « Dabei schüttelte er Tschun hin und her , ob die Münzen vielleicht aus seinen Kleidern fallen möchten . Vom Lärm angelockt , fand sich alsbald die ganze Familie ein und schrie nun ihrerseits mit , und auch die Kleinen Kuo wey , Tschao-So und Ying-ying und all die übrigen Kinder stimmten , ohne recht zu wissen , um was es sich handelte , in den Ruf ein : » Dieb ! Dieb ! Dieb ! « Am Zopfe wurde Tschun in den Hof gezerrt und einer der Söhne Yang hungs schlug auf seinen Rücken ein und brüllte dazu : » So gesteh ' doch , wo Du den Strang hin versteckt hast ! « Alle andern übertönend , erschallte aber nun plötzlich die schrille Stimme Mei hoas , die während des ganzen Auftritts , noch immer auf den Karren wartend , am Hoftor gestanden hatte : » Tschun ist ja vorhin in den hinteren Hof gelaufen , « kreischte sie , » ich hab ' s gesehen ! Sicher hat er das Geld dort versteckt ! Da müßt Ihr suchen ! « Nun ließen sie Tschun los und liefen alle auf dieser neuen Fährte . Mei hoa als Anführerin voran . Nur die Kleinen Kuo wey , Tschao-So und Ying-ying konnten den Großen nicht so schnell nach und blieben im vorderen Hof zurück , unschlüssig , was nun zu beginnen . Doch da fielen ihre Blicke auf Mei hoas am Boden liegendes Bündel , und nun näherten sie sich ihm und begannen verstohlen an den Knoten der blauen Baumwollhülle zu zupfen . Tschun hatte zuerst wie verstört dagestanden . Es war alles so rasch über ihn hereingebrochen , daß er es kaum begriffen hatte . Doch jetzt , wie die Stimmen der Suchenden im hinteren Hof verhallten , kam er zum Bewußtsein dessen , was geschehen . Und eine ungeheure Empörung stieg in ihm auf . Das wollte er nicht dulden , sich so völlig ungerecht beschimpfen und züchtigen lassen ! Sein kleines gelbes Gesicht wurde ganz seltsam grünweiß bei der Erinnerung und er begann heftig zu zittern . Und plötzlich stand es fest vor ihm : er konnte , er wollte nicht bei diesen schlechten Leuten bleiben . Doch wohin ? frug er sich . Etwa zur Mutter ? Aber er verwarf den Gedanken alsbald - die hatte ihn ja gerade hierhergetan . Nein , er wollte ganz fort , ganz heraus , zu gerechteren Menschen , die nicht jemand Dieb schimpften , ehe es von ihm bewiesen . Die Nonnen und Priester hätten das nie getan , auch die Taitai nicht ! Und die Taitai - ja , die hatte ihm doch damals gesagt , daß er zurückkehren solle , und daß sie ihn dann behalten würde . Dahin konnte er - ja , dahin wollte er ! Zu den Fremden . Zu besseren Menschen . Doch nun galt es seinen Vorsatz rasch auszuführen , denn die andern mußten ja bald aus dem hinteren Hof zurückkehren , und wer weiß , was sie dann noch in ihrer Wut taten . Leise schlich Tschun an Kuo wey , Tschao-So und Ying-ying vorbei , denen es eben gelungen war , den ersten Knoten an dem Bündel zu lösen ; mit einem Satz war er dann aus dem Tor heraus , und nun rannte er in eiligstem Lauf und ohne je zurückzuschauen durch die Straßen , in der Richtung nach dem Gesandtschaftsviertel . Und so tat Tschun zum erstenmal , was größere vor ihm getan und nachher vielleicht bereut haben : er nahm sein Leben in die eigenen kleinen gelben Hände , um es nach persönlichem Ermessen zu gestalten . Denn auch Tschun besaß die weit verbreitete Illusion , zu glauben , daß er wisse , was ihm gut sei . Das hat schon zu mancher Enttäuschung geführt . Nach einem langen , eilig zurückgelegten Weg blieb Tschun endlich stehen , um Atem zu schöpfen . Er befand sich schon im Fremdenviertel , auf der Brücke , die mit hoher Wölbung den Kanal überspannt . Nur einzelne Pfützen standen zu dieser Jahreszeit unten zwischen den Steinen ; sie lagen da wie blaue Lichtflecken , als hielten sie ein Stückchen Himmel in sich gefangen . Rechts , dicht neben der Brücke , erhob sich die hohe , finstere Mauer , die die Tataren- von der Chinesenstadt trennt . Links vor sich sah Tschun hinab auf das graue Gewirr niederer , chinesischer Häuschen , mit ihren zahllosen , ganz gleichen , leicht geschweiften Dächern . Zwischen ihnen zerstreut und eingeklemmt lagen die fremden Gesandtschaften , jede durch Mauerwerk umfriedet , jede eine kleine Welt für sich , mit ihrem eigenen , aus der Ferne gebrachten , treu bewahrten Sondercharakter . Jede die Hüterin bestimmter Traditionen , die Vertreterin besonderer Interessen auf fernstem fremdartigsten Boden . Die Gebäude waren halb versteckt zwischen den vielen Bäumen , die sich mit dem ersten hellen Grün bedeckten ; man ahnte sie , mehr als man sie sah , aber gleichsam als Symbol stolz gepflegter Eigenart flatterte über jedem der weiten Gehöfte an hohem Mast eine andere , verschiedene Fahne , deren Farbenzusammenstellung Tschun noch fremd war . Es mußte wohl ein Festtag sein . Die Luft flimmerte voll hellen Sonnenscheins ; die Farben lösten sich im Lichte auf ; die Umrisse verschwammen , von diamantenem Staub umhüllt . Wie aus einzelnen Punkten und Flecken zartester Farbentöne war das Bild zusammengesetzt : silbriges Grau der Gebäude , durchleuchtetes Rosa an einigen fernen Mauern , darüber goldgelbe Kacheldächer , wie lange Lichtstreifen wirkend , hellstes junges Grün der Bäume und zarteste bläuliche Schatten , beinah aufgehoben durch Reflexglanz und allgemeines , überallhin spielendes Sonnenlicht . Nirgends Dunkelheiten . Ueberall zitterndes , glitzerndes , flimmerndes Leuchten . Eine der unvergeßlichen Stunden des kurzen chinesischen Frühlings , der , einem Traume gleich , den sturmdurchbrausten Winter von dem glühendheißen Sommer trennt . In dem ganzen lichten Bild erhob sich nur die hohe Stadtmauer finster und dräuend , von violettem Schatten bedeckt . Von jenseits dieser Mauer , aus der Chinesenstadt her , kam jetzt hoch oben im lichtdurchflossenen Himmelsblau ein Flug grauer Vögel gezogen ; sie glitten mit weit ausgestreckten Flügeln durch den sonnendurchtränkten Frühlingsäther ; sie sangen nicht , und doch klangen unendlich wehmütige , langgezogene Töne von ihnen zur Erde herab . Sie erinnerten an das Stöhnen von Aeolsharfen , und dieses Klagen und Seufzen , das von den doch stumm schwebenden Vögeln durch all den leuchtenden Frühlingsschein herabtönte , hatte etwas Beängstigendes , gleich spukhaften Stimmen aus ewig unerklärlichen Welten . Einen Augenblick schaute Tschun hinauf zu den hoch über ihm ziehenden Vögeln , wie man sich unwillkürlich bei einem Geräusch umsieht , aber er achtete nicht weiter auf sie , denn ihm waren es alltägliche Klänge ; weiß doch jedes Pekinger Kind , daß den zahmen Tauben unter die Schwungfedern leichte Bambuspfeifchen angebunden werden , durch die dann hoch oben in den Lüften der Wind zieht , seltsame , langgezogene Töne ihnen entlockend , die Raubvögel erschrecken und verscheuchen sollen . Uralte Sitte ist es , und an vielen Tagen hatte Tschun dies klagende Klingen der kleinen Windpfeifen vernommen , die die Taubenschwärme durch die Luft tragen . Und gerade , weil diese Klänge so vertraut und alltäglich tönten , ahnte Tschun in seinem nach Neuem strebenden Sinne nicht , daß das an jenem Morgen die Stimmen waren , mit denen das uralte China der Vorväter sein abschweifendes Kind von der Schwelle einer fremden Welt zurück zum Althergebrachten zu locken suchte ! - Tschun sah nur auf die bunten , unbekannten Fahnen , die sich über den Gesandtschaften im leichten Frühlingswinde blähten , als ob sie ihm winkten . Schwächer wurden die langen , seufzenden Töne , höher stiegen die Tauben . - - Tschun aber schritt die gewölbte Brücke herab und dann an der Mauer entlang zu dem Tore , das hier , von der Rückseite aus , in die ihm bekannte Gesandtschaft führte . Unbemerkt kam er an den Pferdeställen und den vielen Nebengebäuden vorbei und wollte sich nun gerade durch die breite Allee schleichen , auf deren anderer Seite das Gesandtenhaus stand , in dem Kuang yin diente . Aber vor dem Hause gewahrte er eine Gruppe Menschen . Die Taitai , deren Schleppe er getragen , stand mit einigen anderen Damen und Herren auf den Stufen , die zur Allee herabführten ; sie schienen in eifriger Verhandlung mit einer ganzen Schar chinesischer Kuriositätenverkäufer , die ihre blauen Bündel vor ihnen aufgemacht hatten und nun gestickte Decken und alte Mandarinenröcke ausbreiteten und Elfenbeinschnitzereien , Götzenfiguren und Cloisonné-Vasen anpriesen . Tschun war in seiner großen Empörung in die Gesandtschaft gelaufen , ohne viel nachzudenken , was er eigentlich dort finden würde . Die vielen Menschen verblüfften ihn , er stand unschlüssig da , überlegend , ob er sich nicht bis zu einem günstigeren Augenblick unbemerkt zurückziehen sollte . Aber da sprang schnuppernd und bellend ein kleiner Hund an ihm empor , in dem er gleich denjenigen erkannte , den der weiße Herr auf dem Jahrmarkt gekauft hatte . Aller Augen richteten sich nun auf ihn . » Das ist ja mein kleiner Page Frühlingswind ! « rief die Taitai . Einer der Herren , der etwas Chinesisch konnte , holte Tschun heran , und es begann ein Kreuzverhör , wo er gewesen , wie es seiner Mutter nun ginge , und ob er jetzt Boy in der Gesandtschaft werden wolle . - Tschun hätte der Taitai am liebsten alles wahrheitsgetreu erzählt und sie gebeten , ihn nun bei sich zu behalten , aber vor all den Menschen konnte er doch nicht den Schimpf erwähnen , der ihm soeben bei Yang hung angetan worden . Während er noch nach Worten suchte , gewahrte er Kuang yin , der von den Dienstbotenquartieren eilig herkam und ihm , ohne daß die Herrschaften es merkten , winkte und allerhand Zeichen machte . Erschreckt und in plötzlicher Angst vor einer etwaigen erzwungenen Rückkehr stammelte er , der Mutter ginge es wieder gut , und er sei nur gekommen , dem Onkel Kuang yin einen Besuch zu machen . Aber davon wollte die Taitai nichts wissen . Tschun müsse dableiben , sagte sie , sie brauche ihn als kleinen Diener , und zwar sofort . Es war plötzlich , als könne die schöne , fremde Dame nicht mehr auskommen ohne den kleinen chinesischen Jungen . Sie wollte ihn mit dem gleichen Ungestüm haben , wie sie vor einer halben Stunde den kleinen Goldbronzebuddha begehrt hatte , der jetzt unbeachtet am Boden stand und den der Händler langsam wieder einwickelte und in einem seiner Aermel verbarg . Er wußte ja ganz genau , daß heute kein Geschäft mehr gemacht werden würde , denn der so zur unrechten Stunde hereingeschneite Tschun hatte für den Augenblick alle anderen Kuriositäten verdrängt . Er war das Götzchen der Stunde . Die Taitai beauftragte Madame Angèle , die auch dastand und die gekauften Seidenstücke zusammenfaltete , für Tschun zu sorgen ; er solle ein Zimmerchen in den Dienstbotenquartieren erhalten . Die Taitai wurde für eine Fremde sogar ganz schlau , denn sie verbot aufs strengste , Tschun etwa unter dem Vorwand , nach Hause zu müssen , noch einmal fortzulassen , da er dann festgehalten werden könne . Tschun war das sehr beruhigend . Er fühlte sich zum ersten Male in seinem Leben gegen die Seinigen von den Fremden beschützt . Kuang yin verbeugte sich zu alledem nur zustimmend und sagte gar nichts von einem etwaigen Widerspruch der Mutter . Das schien Tschun sehr seltsam . Doch als die Taitai und die anderen Herrschaften dann zum Essen gegangen waren , erhielt er die Erklärung : drüben in Kuang yins Zimmer saßen nicht nur Yang hung , sondern auch die Mutter ! Und Tschun erfuhr nun , daß gleich nach seiner Flucht die Kleinen Tschao-So , Kuo wey und Ying-ying bei ihrem kindlichen Spiel mit Mei hoas Bündel den vermißten Münzenstrang aus diesem hervorgezerrt hatten . Mei hoa hatte nicht leugnen können , und des für chinesische Augen ganz besonders schweren Vergehens überführt , die Familie des Mannes zugunsten der eigenen bestohlen zu haben , war sie , statt auf Besuch zu fahren , von der alten Schwiegermutter gezüchtigt worden und lag nun eingesperrt in einer Kammer . In dem Karren aber , der Mei hoa beutebeladen zu frohem Ausflug führen sollte , war statt dessen Yang hung sofort zu Tschuns Mutter gefahren , in der Annahme , daß er zu ihr geflüchtet sein würde ; als er ihn da nicht fand , war er zu Kuang yin gefahren und , in plötzlicher Angst um Tschuns Verbleib , hatte die Mutter sich entschlossen , ihn zu begleiten , so furchtbar ihr das Unternehmen auch erschien , den Schwager in einem Haus der Fremden aufzusuchen . Als sie Tschun nun wohlbehalten erblickte , wollte sie die Gelegenheit doch wenigstens erzieherisch ausnutzen und ihn ob der erlittenen Angst am Zopfe zerren . Doch Kuang yin nahm die Sache in die Hand und wandte sich mit halbgemachter Entrüstung an Yang hung : » Es ist wahrlich nicht Euer Verdienst , daß Tschun noch unter uns weilt , « sagte er . » Denkt der vielen Beispiele von Leuten , die bei geringerer Verdächtigung , um ihre Unschuld zu beweisen , Selbstmord begingen . Als Bruder von Tschuns verstorbenem Vater verlange ich eine Sühne . Und Ihr könnt von Glück sagen , daß wir doch schließlich zu einer Sippe gehören , - Fremde würden Euch ob des Schimpfes sicher vor Gericht bringen . « Yang hung schien nicht abgeneigt , Tschuns heftigem Vertreter eine Genugtuung zu gewähren , und er sagte : » Nach ihrem abscheulichen Benehmen wären wir ja eigentlich berechtigt , Mei hoa zu verstoßen . « » Das weiß ich , « unterbrach ihn Kuang yin , » und selbst wenn ihr jetzt Schlimmes bei Euch zustieße und sie die Reise nach den neun Quellen antreten müßte , würde Euch kein Gericht darob verurteilen , aber was hätten wir davon ? « » Außerdem « , sagte Yang hung bedächtig , » müßte das sicher dazu führen , daß Mei hoas Eltern die Rückzahlung ihrer Mitgift verlangen würden . « » Mei hoa und Tschun können aber unmöglich zusammen weiter bei Euch bleiben , « erklärte Kuang yin , » sie haben gegenseitig zu sehr das Gesicht voreinander verloren . « » Nein , das ginge freilich nicht , « stimmte Yang hung eilig bei , in der Voraussicht endloser neuer Streitmöglichkeiten in seinem stürmischen Haushalt . » Folglich muß ich für Tschun eine neue Stelle suchen , « sagte Kuang yin und seufzte wie unter großer Sorgenlast , » und natürlich werde ich von jedem Meister gefragt werden , warum er denn nicht mehr bei Euch ist . « Es war klar , daß die Sache vertuscht werden mußte . Und schließlich bildete der Münzstrang , durch den der ganze Zwischenfall entstanden , den Preis , den Yang hung dafür zahlen mußte , daß Tschun sein Unterkommen bei ihm plötzlich verloren hatte , wogegen sich Kuang yin verpflichtete , daß die Umstände , unter denen dies geschehen , seinerseits verschwiegen bleiben sollten . Erst nachdem Yang hung gegangen , eröffnete Kuang yin der Mutter als sein Verdienst , daß er bereits eine Stelle für Tschun habe , und zwar hier bei der Taitai . Die Mutter wollte zuerst widersprechen , aber Kuang yin hielt ihr vor , wie schlecht ihre eigene Auswahl Yang hungs ausgefallen sei , auch daß Tschun dort nur Wohnung und Essen erhalten habe , hier aber gleich mehrere Dollar Gehalt bekommen solle . Da mußte sie nachgeben . Nachdem sich Kuang yin für seine Führung der Sache noch die Hälfte vom Münzstrang des alten Yang hung ausbedungen hatte . So trat denn Tschun in den Dienst der Fremden . Tschun lernte bald , daß es Nachteile hat , in ein Haus als offenkundiger Günstling der Herrschaft einzutreten . Die anderen Boys , die auch kleine Brüder oder Söhne hatten , ärgerten sich , daß sie nicht diese rechtzeitig der Taitai gezeigt , und ließen ihren Groll an Tschun aus . Sie gaben sich das Wort , ihn als kleinen Prügeljungen zu behandeln . Er debütierte als Diener der Diener . Aber er hatte einen Rückhalt an Kuang yin , und dank der eigenen Anstelligkeit arbeitete er sich allmählich durch die anfängliche Feindschaft hindurch . Madame Angèle , die jahraus jahrein an der Maschine saß und neue Kleider für die Taitai nähte , rief Tschun oft in ihr Zimmer , ließ ihn die feine chinesische Nähseide wickeln oder auch Nähte auftrennen , und währenddem hielt sie ihm lange Reden in ihrer eigenen Sprache . Sie hatte Mann , Kinder und Vermögen verloren , und durch diese wiederholten Schicksalsschläge war in ihr ein Hang zum Schauerlichen und der Glauben