sagen , drehte er sich um und ging durch die Wiese davon . Marimpfel hob sich im Sattel und rief dem Bauer lachend nach : » Gotts Gruß , Mareiner ! Ich komm bald ! « Dann ritt er davon . Der Taubenseer ging an seinem Rechen vorüber , unter schattenden Bäumen hindurch und kam zu einem grauen Balkenhaus , über das ein großes Moosdach herging , wie eines Mannes Hut ein kleines Kind bedeckt . Neben der Haustür saß , von Sonne umspielt , in einem grob gezimmerten Holzsessel eine alte , weißhaarige Frau mit gichtisch verkrümmten Händen , zermürbt von der schweren Arbeit eines langen , mühsamen Lebens . » Kindl ? « sagte sie zu dem vierzigjährigen Manne . » Was hast ? « Der Bauer biß die Zähne übereinander und schien sich auf eine Antwort zu besinnen . Dann sagte er : » Mutter ! Der Marimpfel ist dagewesen . « » Und ist nit herein zu mir ? « Mareiner schüttelte den Kopf und trat ins Haus . Ohne sich zu regen , murmelte die alte Frau vor sich hin : » Ist dagewesen . Und ist nit herein zu mir . Ein Weg , schier kaum ein halbes Vaterunser lang . Und steht am Zäunl . Und geht nit herein zu mir . « Sie hob das zerfallene Gesicht , und ihre trockenen , fast schon erloschenen Augen suchten irrend im Blau des Himmels . » Heilige Mutter ! Was sagst du jetzt ? « Geduldig blickte die alte Frau in dieses schöne , reine Blau empor und wartete auf Antwort . Vor sechzig Jahren , als vierzehnjähriges Dirnlein , hatte sie die Gottesmutter zur Patronin ihres Lebens erwählt , war Marienträgerin gewesen bei jedem Bittgang in und außerhalb der Kirche , hatte sich , eine Dreißigjährige , zum Ehestand segnen lassen an einem Marientag und hatte jedem der drei Buben , die sie geboren , bei der Taufe einen Festtag der Mutter Maria als segensreichen Namen in das Leben mitgegeben . Mareiner hieß Mariä Reinigung , Malimmes hieß Mariä Lichtmeß , Marimpfel hieß Mariä Himmelfahrt . Auf dem Moosdach gurrten die Tauben , kleine Vögel sangen in den Kronen der Bäume , es krähte der Hahn , und die Hühner gackerten , es rauschte der nahe Wildbach , die Bäume flüsterten , am Waldsaum grunzten die wühlenden Schweine - alles redete , was Natur und Leben hieß . Nur dieser schöne , blaue Himmel schwieg . Und als die Augen der alten Frau den Schmerz des Lichtes fühlten und wieder heruntersanken zur Erde , sah diese Mutter ihr vierzigjähriges Kindl Mareiner mit Hacke und Spaten scheu hinüberspringen zum Walde . Unter dem Kittel trug der Bauer einen schweren Ledersack , in den das Spargut seines Schweißes eingeschnürt war : dreiundachtzig und ein halb Pfund Pfennig in rheinischem Gold , in Silber und schwarzem Blech . Weil Mareiner einen Bruder hatte , der Hofmann war , vergrub er diesen Sack im Dickicht des Waldes zwischen den Wurzeln einer alten Fichte , die er unauffällig mit dem Messer merkte , als er den Boden geebnet und wieder mit Moos bedeckt hatte . Kein Fuchs hätte da einen Wandel der Dinge wahrgenommen . Während Mareiner beruhigt sein unsichtbares Werk betrachtete , erfreute sich Marimpfel auf seinem trabenden Gaul immer wieder des gleichen Rechnungsschlusses : » Von sechzig ein Drittel ist zwanzig ! « Was konnte man im Leben nicht alles haben für zwanzig Pfund Pfennig ! Der adlige Chorherr Jettenrösch bezahlte seiner Hübschlerin und Pfennigfrau für alle Lieb und Freud eines langen Jahres nur fünfzehn Pfund . Freilich war , wie die Leute munkelten , Herr Jettenrösch bei dem frummen Fräulein Rusaley nicht der einzige Zahler . Marimpfel lachte . Von den Herren , die klug sind , kann man lernen . Gute Kameraden und Gnoten müssen teilen können ohne Neid bei Trank und Schüssel , bei Mühsal und Pfennigsack . Warum nicht auch bei der süßesten von allen Freuden ? Wie mehr sich teilen in des Lebens Kosten , um so billiger wird des Lebens Rausch . Und Marimpfel wußte nun eine , die ihm gefiel . Warum sollte man die nicht zum Pfennigweibl machen können ? Jungferntrutz ist wie Maienschnee . Um ein freudenreiches Leben ist alles feil . Und wie gut ihr das stehen muß , wenn sie das schwere Schwarzhaar im grünen Schleier hat ! Und reitet ein hoher Fürst durch Berchtesgaden , so muß ihm die schöne Hübschlerin des Marimpfel das rote Stricklein spannen und die lustige Ehr erweisen . Große Herren haben kleine Lustbarkeiten gern . Und wissen , wie man danken muß . Während Marimpfel diese goldenen Zukunftspläne schmiedete und durch die einseitige Häusergasse der Ramsau ritt , schien ein stummer Lebensschreck vor ihm herzutraben . Wo Leute oder Kinder vor den Türen waren , verschwanden sie flink im Haus . Und ein Hund , der mit schwerem Holzknebel am Hals auf der Straße in der Sonne gelegen hatte , wurde durch einen schrillen Pfiff in das Gehöft gerufen , zu dem er gehörte . Hinter dem Haus des Leutgeb lenkte Marimpfel von der Straße weg und ritt zu einem hohen Hag hinauf , der ein auf grünem Hügel liegendes Gehöft umschloß . Der Reiter stieß mit dem Fuß an das versperrte Hagtor . » Auf ! In des Herrn Nam ! « Holzschuhe klapperten . Ein junger Knecht öffnete das Tor , machte scheue Augen und sagte rasch : » Der Richtmann ist nit daheim . « » Wo ist er ? « » Im Holz . Bis zur Mahlstund kommt er . « » Solang kann ich nit warten . Spring ins Holz hinaus und hol den Richtmann ! Ich tu derweil einen Trank beim Leutgeb . « Der Spießknecht ritt zur Straße hinunter . Zwischen den Stauden und Bäumen , die den Weg in der Richtung gegen Berchtesgaden geleiteten , sah er ein Leuchten bunter Farben und blanker Waffen . Wer kam da ? Keiner von den Hofleuten des Gadens . Die trugen sich anders . Der gesprenkelte Stieglitz , der da zwischen den Stauden einherschritt , schleppte sich mit schwerer Last . War also wohl ein fahrender Kriegsknecht , der seinen Dienst verlassen hatte und zu einem neuen Soldherrn wanderte . Nun bog er auf die freie Straße heraus , ein langes , braunbärtiges Mannsbild in der bunten Tracht der städtischen Soldknechte , Wams und Hosen bunt gezwickelt , wie es bei den Kriegsleuten in der großen Welt da draußen neue Mode wurde . Er ging barhäuptig , das braune Langhaar gescheitelt . Den flachen , mit einer gelben Kräuselfeder umwundenen Hut hatte er an einer Kordel auf der Brust hängen , neben dem Knauf des hochgebundenen Zweihänders . Den Dolch und das Kurzeisen trug er am Gürtelgehenk . An dem langen Spieß , den er geschultert hatte , schleppte er eine Last , die man auf einen Zentner und darüber schätzen konnte : den Eisenhut , die Brustplatten und Armschienen , den braunen Gugelmantel und dazu das dicke , stamm gedrosselte Lederbündel seiner Kriegsmannshabe . Einen schwächlichen Menschen hätte solche Last erdrückt . Doch dieser lange Kerl hatte trotz der heißen Sommersonne keinen Tropfen Schweiß auf der sonnverbrannten Stirn und ging unter dem schweren Gewicht mit so federndem Schritt , als trüge er Schwanenflaum auf seinem Rücken . Und Augen hatte er , die heiter in den schönen Morgen schauten . Sein von Narben zerfetztes Gesicht erzählte , wie oft dieser Fröhliche schon unter dem Streich des Todes gestanden . Die jüngste seiner Narben , noch dunkel gerötet , ging von der Stirn über das rechte Auge mit geradem Strich herunter bis zum Kinn und wäre schrecklich anzusehen gewesen , wenn sie in diesem gesunden und vergnügten Mannsgesichte nicht eine Art von groteskem Humor bekommen hätte . Als dieser fahrende Söldner den berittenen Hofmann kommen sah , blieb er breitspurig stehen und fing zu lachen an . Auch Marimpfel lachte . » Wenn eins den Wolfen nennt , kommt er gerennt ! Malimmes ! Kein halbes Stündl ist ' s her , da hab ich mit dem Mareiner geredet von dir . Und jetzt bist da . Herzbruder ! Gottes Gruß im Land ! « Malimmes streckte dem Reiter die Hand hinauf . » Gott grüß dich , Bruder ! Ich hab dich schon gesucht im Gaden draußt . Hätt gern zum Einstand ein Häflein mit dir gelupft . Und hab gehört , du wärst in der Ramsau . Bist bei der Mutter gewesen ? Wie geht ' s dem guten Weibl ? « Marimpfel erkannte in den Augen des Bruders die ehrliche Sehnsucht , wurde ein bißchen verlegen und sagte : » Es geht der Mutter nit schlecht . Allweil schnauft sie noch . « Das Gesicht des andern strahlte . » Gute Botschaft ! Will dem lieben Herrgott danken dafür . Am Sonntag werf ich dem Meßpfaffen einen Goldpfennig in den Bettelsack . Ich hab ' s. Einen Winter lang kann ich mich auf die Faulhaut legen und kann der Mutter ein gutes Leben machen . Komm , Bruder , kehr um ! Laß uns selbander heim ! « » Ich kann nit , hab eilfertigen Herrendienst . Aber auf ein Ständerlein beim Leutgeb hab ich Zeit . « » So komm ! Ein Bruder ist auch ein kostbar Ding . Dreh dich , Schätzlein , dreh dich ! « Malimmes faßte lachend den Zügel und wandte den Gaul des Bruders . » Auftragen laß ich dir , als wärst ein römischer Delegat . Friß und sauf und tu mich anlachen ! Not und Hader sind draußen in der Welt . Daheim ist daheim . Und was ich anguck , ist liebreich und friedsam . « Er schrie einen Jauchzer in die sonnige Luft hinaus , so gellend , daß Marimpfels Gaul einen scheuenden Sprung machte . Auf dem Wege zum nahen Leuthaus schwatzte Malimmes in seiner frohen Laune immerzu . Marimpfel war nachdenklich geworden . Und plötzlich , den Bruder von der Seite musternd , fragte er : » Einen Winter lang willst feiern ? Bist in Ehren ledig worden von Herr und Dienst ? Oder mußt dich verstecken ? Hat ' s eine Sauerei gegeben ? « Malimmes sah ernst an dem Reiter hinauf . » Da wär alleweil ein andrer die Sau gewesen . « » Meine Frag war nit schiech gemeint . « » Muß ich halt dumm gehört haben . « Malimmes lachte schon wieder . » Ich will einmal für ein Zeitl mein eigner Herr sein . Viel Grund sind gewesen , daß ich gegangen bin . Der letzte war , daß mich das Heimweh angefallen hat , derweil ich sechs Wochen im Spittel gelegen bin . Wegen dem da ! « Er deutete auf den frischen Narbenriß , der wie ein roter Feuerstrich in dem braunen Gesichte glomm . » Ein böser Streich ! Bruder , da mußt dich schlecht gedeckt haben ? « Lustig zwinkerte Malimmes mit den Augen und schüttelte den Kopf . » Es hätt ein feiner Hieb sein können ! Hätt aus meinem Hirndach schier zwei Äpfelschnitten gemacht . Aber grad , wie der Hieb schön kunstvoll ansetzt , hat der ander , ein Pegnitzer Heckenreiter , meinen Spieß in der Seel gehabt . Seine Faust hat nur noch ein lützel rutschen können . Für sechs Wochen hat ' s bei mir noch ausgegeben . Aber der ander ist nimmer aufgestanden . Ist ein braver Kerl gewesen , mit dem ich oft gebechert und geknöchelt hab . Hat mir ' s nit schlecht vermeint , hat halt auch nur seinem Fähnl die Treu gehalten . Wegen sieben Ballen flandrisch Tuch , die sein Edelherr gekrapst hat . « Malimmes lachte nimmer . Verwundert guckte Marimpfel auf den Bruder hinunter . » Kriegsmann sein , war ein gutes Handwerk ! « sagte Malimmes . Er hob den belasteten Spieß auf die andre Schulter . Die Eisenstücke klirrten . » Man sollt nur allweil wissen , daß es hergeht um eine Sach , die nötig und ehrlich ist . Da war das Dreinhauen eine Freud . Aber die meisten Händel müßten nit sein . Und geht ' s nit um einen städtischen Pfeffersack , so geht ' s um einen herrischen Hennendreck . Mich freut ' s schon lang nimmer . Im Ausland solden , wie ' s andere tun , das mag ich nit . Ich mag nit welschen , hab das Deutsche lieb . Aber bei uns im Reich , da ist ' s ein Elend . Der König , sagen die Leut , wär bloß ein Schatten noch . Die Fürsten reißen ihm den letzten Fetzen aus dem Mantel . Von denen trachtet ein jeder nach dem wärmsten Hosenfleck für seinen eignen Hintern . Jeder ist seines Nachbarn Feind und Neider . Daß man zusammengehört im Reich , das weiß man nimmer . Ein Grausen , wo man hinschaut ! Hab mir ' s oft schon denken müssen . Und jetzt , derweil ich sechs Wochen im Spittel gelegen bin und es hat der Feldscher so grob geschustert an meinem Hirnkastl , da hat mich allweil gedürstet nach einer Hand , die linder nähen tat . « Nun lachte Malimmes wieder . » Da ist mir die Mutter nimmer aus dem Sinn gefallen . Und jetzt bin ich daheim . Und will meinen lustigen Fried haben ein Zeitl . « Marimpfel gab dem Bruder einen Puff . » Ein Kerl wie du ! Wirst doch kein Sinniervogel sein ! Elend im Reich ? Was geht denn uns das an ? Wie mehrer das Gold , so fester der Sold , wie feiner der Brei , so besser die Treu , wie größer die Ehr , so blanker die Wehr ! Die als Kriegsleut anders denken , sind Rindviecher . « Malimmes lachte . » So bin ich halt eins . « » Geh , Bruder , sei ein lützel stolzer ! Aber ich weiß schon , wo ' s fehlt bei dir . Als Stadtknecht bis du gut bei Gold und Brei gewesen , aber mager bei der Ehr . So was wurmt einen festen Kerl , der aufwärts möcht . Tu den Kopf heben ! Ich schaff dir einen fürnehmen Herren . Hofmann sein bei guter Farb , das ist allweil das Beste . Da kannst herunterspeien auf die , wo minder sind . « Die beiden lenkten von der Straße in den Hof des Leuthauses ein . Und wieder hob Malimmes das braune , von dem feurigen Strich durchsägte Gesicht und sah hinauf zu dem höfischen Reiter . » Du ! « Er schmunzelte . » Ich hab einmal einen Frosch gesehen . Der ist der stolzeste gewesen unter allen Fröschen . Und weißt , warum ? Weil ihn der Ochs getreten hat . Und die andern Frösch , die haben nur den Tritt der Kuh gespürt . Drum sind sie minder gewesen . « Heiter lachend trat Malimmes in den Flur des Leuthauses und machte lustige Späße über Bauch und Doppelkinn des Wirtes , der den Kriegsknecht unterwürfig begrüßte . » Und jetzt trag auf , du Gauner ! Bring Wurst und Selchfleisch ! Her mit dem besten aus deinem Keller ! Nimm die größte von deinen Bitschen ! Ich weiß wohl , Saufen ist der Deutschen Spott vor der Welt wie auch vor Gott ! Aber wenn mich halt dürsten tut ! Was soll ich machen ? Ist nit der liebe Gott dran schuld , wenn an siedheißem Sommertag dem Menschen die Leber brandig wird ? « Der heitere Rumor , den Malimmes anhub , brachte gleich das ganze Haus in vergnügten Aufruhr . Die Wirtin kam gezappelt , die zwei jungen Mägde kicherten und sprangen . Und der Knecht , der den Gaul Marimpfels versorgen mußte , trug die Freudenbotschaft in den Stall : » Der lustige Malimmes vom Taubensee ist heimgekommen ! « In der großen Leutstube ließ der Soldknecht seine schwere Last auf eine Tischplatte hinklirren . Marimpfel trat mißmutig zur Tür herein ; des Bruders Gleichnis von den Fröschen hatte ihn geärgert , und er schien nicht recht zu wissen , wie er den Heimgekehrten nehmen sollte . Doch als er prüfend den Spieß des Bruders mit der daranhängenden Last zu lupfen versuchte , wandelte sich sein Verdruß in ehrliches Staunen . » Gotts Teufel und Bohnenstroh ! Herzbruder ! Da hast dich aber schuftig schleppen müssen ! Und hast bei solcher Hitz kein Tröpfl Wasser auf deiner Näs ! « Malimmes rückte hinter den Nachbartisch . » Die hurtig schwitzen müssen , sind leichtfertige Leute und Schwächlinge . Wer mannsfest lebt , dem bleibt auch in harter Mühsal das Häutl trocken . « Für diese Lebensweisheit hatte Marimpfel kein hörendes Ohr . Er musterte neugierig den strotzenden Lederbinkel am Spieß , statzte ihn fest auf die Tischplatte hin und öffnete weit die Augen , ah er dieses leicht zu deutende Geklirr vernahm . » Gelt « , rief Malimmes lachend , » da drin , da klingelt ' s ? « Der Wirt und seine Leute begannen aufzutragen , als wären zwei große Hansen zu Gast gekommen . Malimmes , immer schwatzend , immer lachend , schnitt dem Bruder das Selchfleisch und die Würste in großen Brocken vor und füllte ihm fleißig den zinnernen Becher . Auch der Leutgeb , sein Weib und die zwei jungen Mägde mußten mithalten . Jeder Knecht und Stallbub , der kudernd zur Tür hereinguckte , wurde fröhlich zu dem gastfreien Tisch herangewunken , und jeder Bauer wurde angerufen , der draußen auf der Straße vorüber wollte - mancher schüttelte den Kopf und ging seines Weges , doch mancher kam . Bald saßen an die dreißig um die lange Tafel , zu der man Tisch neben Tisch zusammenrückte . Marimpfel , um dem lustigen Bruder gefällig zu sein , bezwang seinen Hofmannsstolz und gab sich als Herr , der sich gnädig niederbeugt zu den Minderen . Doch Malimmes hatte eine Art von kameradschaftlicher Freude an der randalierenden Gesellschaft , nannte sie seine Kump- und Dumpanei , war der Obrist Schluckhauptmann und kommandierte mit drolligen Sprüchen den Becherlupf . Der städtische Soldknecht und der gadnische Hofmann vertrugen viel . Sie schluckten munter und behielten klare Köpfe , während die andern bald in einen feuchtfröhlichen Dusel gerieten . Ein altes , dürres Bäuerlein , das die billige Schluckstunde eifrig nützte , kam in so mutige Laune , daß es , neben scheuer Ehrfurcht vor Marimpfel , gegen den lachenden Stadtknecht spöttische Redensarten zu werfen wagte . Wieder ließ Malimmes die leergelupfte Bitsche füllen . » Leutgeb ! Spring und bring ! Ich zahl ' s. Ich bin ein redlicher Kriegsmann und hab ' s ! Bin nit der deutsche König , der Atzung , Trunk und Herberg schuldig bleiben muß , seit ihm die Fürsten das letzte Hellerlein aus dem Säckel gerissen . « » Haben tust du ' s ? « schrie das mutige Bäuerlein . » Woher denn hast du ' s ? Vom Sold wirst dir ' s nit abgespart haben ! Wie , Mensch , zeig deine Händ her ! Hast Christnägel oder Geierkluppen ? Kriegsleut sind schieche Greifer . « » Wozu hätt ' s denn der Bauer und Pfeffersack « , fiel Marimpfel ein , » wenn ' s ihm der Kriegsmann nit nehmen sollt ? « Malimmes lachte . » Denen man nimmt , die verstehen ' s nit . « Der Gadnische Hofmann wartete mit Sprichwörtern auf . » Rauben ist keine Schand , das tun die Besten im Land . Mir flecket ' s nit die Händ , wenn ' s einen Ritter nit schändt . « » Ist aber schon oft so ein Ehrenschilder gefangen worden und hat verschnaufen müssen im Hanfsamen . « Ein Griff , den das Bäuerlein nach dem Halse tat , erklärte deutlich , wie das Wort vom Hanfsamen gemeint war . Marimpfel verlor die gnädige Laune und wollte mit der Faust über den Tisch hinüberschlagen . Doch Malimmes fing den Arm des Bruders auf . » Tu Fried halten , Herr Hofmann ! Der Bauer hat recht . Wie die Fürnehmen das Beispiel aufstellen , so machen ' s die Minderen nach . Drum ist es Gesetz geworden im Land : Schlupf durch , und alles ist erlaubt , laß dich fangen , und alles ist verboten . « » Und du ? « kreischte das Bäuerlein . » Bist noch nie nit erwischt worden ? « » Schon oft ! Bin viermal schon im Hanfsamen gelegen , und jedesmal bin ich wieder ledig worden . « Malimmes spreizte auf dem Tisch die Fäuste auseinander und lachte vergnügt . » Ich stirb nit am Rappenholz . Vor achtzehn Jahr , auf meinem ersten Kriegszug , hat mir ' s Zigeunerweibl im Ungerland geweissagt aus der Hand , es täten mich sieben Strick nit umbringen , erst vor dem achten müßt ich mich hüten . « Ein lustiges Geschrei erhob sich um die Tafel her , man witterte abenteuerliche Schwänke und rückte neugierig zusammen . » Vier Hänfene haben mir keinen Schaden getan . Drei kann ich noch ausprobieren und lachen dazu . Und eh sie den achten für mich drehen , schlupf ich in ein Kloster und laß mich zum Franziskaner weihen . Da hab ich den achten Strick um den Bauch , därf mir erlauben , was ich mag und brauch keine Angst nit haben um mein Hälsl ! « Im Dutzend kreischten die neugierigen Fragen durcheinander . Und Malimmes fing zu erzählen an . » Den ersten Hänfenen haben sie mir selbigsmal im Ungerland geflochten , sieben Tag nach der Weissagung , die mir das Zigeunerweibl gemacht hat . Achtzehn Jahr alt bin ich gewesen . Ein fester Lackl ! Aber gut gewachsen sein , ist ein Segen Gottes . « Eine aufgeregte Stimme schrie : » Was hast du verbrochen , selbigsmal ? « » Für meinen Herren hab ich wie ein blinder Narr gefochten und hab mich tief in den ungerischen Haufen hineingeschlagen , bis mir der Bidenhänder in Scherben gegangen ist . Da haben sie mich bei den Ohren erwischt . Und fünf andre fromme Gnoten dazu . Und weil ich von uns sechsen der Längste gewesen bin , drum haben mich die Ungern für den Schlechtesten gehalten und haben mich zur Bußverschärfung aufgehoben auf die Letzt . Hab zuschauen müssen , wie sie die fünf hinaufgezogen haben auf einen Birnbaum neben der Straß . So große Birnen hat er noch nie getragen wie selbigsmal . Für jeden von den fünfen hab ich ein Vaterunser gebetet . Sind brave Kerle gewesen . Unser Herrgott wird sie selig haben in Gnad und Barmherzigkeit . So , sagt der Drosselmeister , jetzt haben wir gleich das halbe Dutzend voll ! Sagt ' s. Und wirft mir den Hänfenen übers Köpfl . Mir ist ein lützel dumper zumut geworden . Anfangen müssen ist allweil schwer , beim Sterben nit anders als bei der Lieb oder sonst bei einem kunstvollen Ding . Und derweil mir übel gewesen , hab ich aufs Beten für mich selber ganz vergessen . Und muß meine Hand noch anschauen und muß mir denken Jetzt wird ' s aufkommen , ob mein Zigeunerweibl eine Gans gewesen oder meine Hand ein Lugenschüppel ! Und da haben die vier Löwen des Drosselmeisters zugegriffen und haben mich auf den dicksten Ast hinaufgezogen . « Um die Tafel her war eine fiebernde Spannung . Und eine junge Magd , der die blonden Zöpfe dick um die Ohren lagen , betete angstvoll : » Heilige Mutter , steh ihm bei ! « » Hinaufgezogen ! Ja ! Hängt einem ein feines Maidl um den Hals , ihr lieben Leut , das druckt linder als ein Hänfener . Und wie mir schon lützel blau wird vor den Augen , saust eine Staubwolke her übers Feld , und die unsrigen sind da und schlagen drein wie fleißige Bauren mit dem Drischel . Aushalten , schreit ' s in mir . Ich pluster den Hals auf wie ein Truthahn und seh durch farbigen Nebel noch , daß einer auf hohem Gaul zu uns sechsen herreitet . Ich will noch sagen : Guck , mein Zigeunerweibl war ein gescheites Luder ! Aber da geht mir kein Schnaufer nimmer durch den Hals , und es ist mir eine süße Finsternis durchs Leben geronnen . Jählings tu ich die Augen auf , lieg im schönsten ungarischen Gras , neben meiner liegen fünf stille Gnoten , die nimmer haben aufwachen mögen , und mein dicker Hauptmann steht vor mir : Wie geht ' s , Malimmes ? Ich heb mich aus dem Gras und sag : Nit schlecht , Herr Hauptmann , aber krieg ich nit gleich ein Mäßl Wein , so wird mir das Zäpfl kitzeln , daß ich räuspern muß . « Ein freudiger Jubel erhob sich am Tisch . Es macht den Menschen die Seelen warm , wenn sie einen lachen sehen , der dem kalten Tod entronnen . Zärtlich sagte die blonde Magd : » O heilige Mutter , dem hast beigestanden ! « Marimpfel , in dem das Abenteuer des Bruders ein stolzes Wohlgefallen weckte , schob ihm die Kinne hin : » Schluck , Herzbruder , schluck , daß dich das Zäpfl nit kitzelt ! « Und als Malimmes nach festem Trunk die Kanne niederstellte , drängten die aufgeregten Stimmen schon : » Das andermal ? Wie war ' s das andermal ? « » Das ist im Clevischen gewesen , vier Jährlein nach dem ungerischen Handel . « Die Zärtliche fragte : » Hast im Clevischen auch so treu gefochten wie im Ungerland ? « » Nein , Maidl ! « Malimmes bekam einen Zug von Ernst im Gesicht . » Da hab ich im trunken Übermut eine schieche Sache verübt . « » Was denn für eine ? « » Dir sag ich ' s nit ! Junge Maidlen müssen nit alles wissen . Dem Kapuziner hab ich ' s gebeichtet . Der hat arg geschumpfen . Und hat gesagt : Ich absolvier dich bloß , weil du sterben mußt ! So schiech ist die Sach gewesen , daß mein eigener Hauptmann mich zum Baum hat führen lassen , derweil ein grobes Unwetter am Himmel gehangen hat . An mein Zigeunerweibl hab ich gar nit denken mögen . Denn meine Straf ist redlich verdient gewesen . Auf dem Weg zum Eichbaum , der nit weit vom Geläger war , hat ' s grau zu schütten angehoben . Derweil ich Reu und Leid gemacht hab , ist das Wasser von mir niedergeronnen . Unter dem Eichbaum bin ich neben dem Meister Ungut auf der Staffel gestanden . Und wie der Hänfene an den Ast gebunden war , tu ich ein Kreuz machen und sag : Stoß mich hinaus , Meister , ich hab ' s verdient ! Und grad , derweil ich den Stoß verspür , da tut ' s in den Lüften einen Böller als wie von der Cölnerin Unverzagt , und Feuer ist vom Himmel gefallen , daß die Welt wie in blauer Glut geschwommen hat . Der mächtige Eichbaum ist in Scherben gewesen . Wie die Fliegen , wenn ' s zum Frieren anhebt , sind die Leut auf dem Boden gelegen und ich dabei , ich weiß nit wie . Viere hat der Blitz erschlagen . Und mit den andern , die sich aufrappeln , lauf ich ins Geläger hinein . Meine Zeltgnoten haben mir gesagt , wie das Feuer gefallen wär , da hätt ich am Ast gehangen und hätt einen großen Heiligenschein um den ganzen Leib herumgehabt . Jetzt denket , Leut ! Ein grauslicher Sünder ! Und schaut wie ein Benedeiter aus ! Viel Ding im Leben sind hart zu verstehen , ist schon wahr ! Und ich geh zum Herrenzelt und sag : Herr Hauptmann , morgen , da wird ' s wohl wieder trücken Wetter geben , da muß man ' s halt zum andernmal mit mir versuchen . Und da ist mein grober Hauptmann wie ein gütiger Heiland worden und sagt : Geh hin und sündige nimmer ! Ich muß vergeben , wenn der Herrgott mit himmlischen Pulverbüchsen nach deinen irdischen Richtern schießt . « Schweigen blieb an der Tafel , während Malimmes trank . Von seiner Geschichte , die ihn selber ernst gemacht , war ' s wie der Hauch eines Wunders ausgegangen . Sogar Marimpfel schwieg . Aber sein Stolz auf den Herzbruder war im Schwinden . Hatte die Geschichte sich wirklich so zugetragen ? Oder verstand sich Malimmes nur so fein aufs Lügen ? So oder so - Marimpfel begann auf den Bruder eifersüchtig zu werden , begann es ihm zu neiden , daß diese Grübelnden am Tisch mit großen Augen und offenen Mäulern zu ihm aufstaunten . Die Zärtliche hatte einen feuchten Schimmer unter den Wimpern und fragte leis : » Hast nimmer gesündiget ? « » Ein lützel schon . Weißt , Maidl , Mensch bleibt Mensch . « Malimmes schmunzelte . » Aber so grauslich wie selbigsmal im Clevischen ist ' s niemals nimmer ausgefallen . « Er ließ die Bitsche kreisen . » Und wie sie mich das drittmal hätten hängen mögen , das ist bei Ulm gewesen , vor sieben Jahr . Da hab ich das feindliche Geläger ausspähen müssen . Und da haben sie mich hopp genommen . « Marimpfel reckte sich . » Wirst es halt dumm gemacht haben ! « » So ? Meinst ? « Der Bruder blinzelte ihn heiter an . » Mach ' s achtzehn Jahr lang mit , und nachher komm und sag mir , wie ' s am besten ist . « Ein Gelächter surrte um den langen Tisch , und Marimpfel tat , als wäre ihm das Mitlachen ein Vergnügen . Da erschien der junge Knecht des Runotter in der Tür und rief dem Gadniscben Hofmann