Küsse und gab mir allerlei süße Namen und liebkoste mich zärtlich . Der Kienspan , den sie aufgesteckt hatte , war abgebrannt , und sein letzter , glimmender Stumpf bog sich und sprang verlöschend ab , so daß wir im Dunkeln saßen . Da stieg ein seltsam heißes Gefühl in mir auf ; ich spürte , daß meine Wangen wie mit Blut übergossen wurden , und fiebernd preßte ich meinen Mund auf den des Mädchens . Sie drückte mich fest an sich , ihre Brust hob sich stürmisch ; plötzlich seufzte sie tief auf , schob mich von sich und sagte mit fremder , rauher Stimme : » Geh jetzt , Bub , geh jetzt ! « Wieder , wie damals in der Kapelle der Mutter Gottes , als mich der Bauer zurechtgewiesen , packte mich ein Gefühl , als hätte mich jemand aus einem schönen Himmel gerissen , eine große Übelkeit bemächtigte sich meiner , und ich lief ohne ein Wort hinaus aus der Kammer und vor das Haus . Da saß die alte Irschermutter auf der Hausbank , hielt ihren Krückenstock zwischen den Händen und stieß damit von Zeit zu Zeit auf den Boden . Ich rief sie an ; da wandte sie langsam den Kopf und sagte : » Da bist du ja , du Dunnersbursch ! Wo steckst denn alleweil ? « Ich tat , als überhörte ich ihre Frage , wies auf die schwarzen Wetterwolken am Himmel und sagte : » Kommt ins Bett , Mutter ! Ein Wetter steigt auf ! « Dann lief ich in meine Kammer und legte mich zu Bett , ohne eine Spur von Schlaf zu fühlen . In meinem Kopf sauste und hämmerte es , und in den Gliedern empfand ich eine seltsame Schwere . Meine Gedanken weilten bei der Kathrein , und ich versuchte , mir ihr Gebaren zu erklären , daß sie mich plötzlich so rauh von sich gewiesen hatte . Da begann es zu blitzen und zu krachen , und ein furchtbares Gewitter tobte daher . Der Sturm heulte und pfiff ums Haus vom Wald herüber , und Regen und Hagel schlug an die Fenster . Ich hörte draußen die Irscherin den Riegel der Haustür stoßen und sah sie beim Aufleuchten eines Blitzes an den Fenstern meiner Kammer vorübergehen . Gleich darauf öffnete sich die Tür , und das Kathreinl kam herein und sagte : » Mathiasle , laß mich zu dir kommen ; es tut grauslich draußen , und ich fürcht mich . « Ein bläulicher Blitz flammte auf , und ich sah das Mädchen im dünnen Nachtgewand und mit offenen Haaren vor mir . Ein leichtes Tuch hatte sie um die Schultern gelegt und hielt es mit beiden Händen vorn über der Brust zusammen . » Setz dich zu mir her « , bat ich und rückte zur Seite , während das Haus erbebte von dem Donnerschlag . » Heiligs Kreuz « , rief sie und bekreuzte sich ; » jetzt hat ' s eingschlagen ! « Und sie lehnte sich fröstelnd an mich . » Die Mutter ist noch fort « , sagte sie dann ; » sie ist so eigen ; wenn es draußen am ärgsten tut , dann geht sie ums Haus und schwingt die Sichel und läßt kein verständiges Wort mit sich reden ... « Wir fuhren beide zusammen : ein grelles , blaues Leuchten ging durch die Kammer und zugleich tat es einen Krach , daß wir uns umschlangen . Bebend kroch das Kathreinl zu mir ins Bett und drückte ihren Kopf fest an meine Schulter , daß sie nichts mehr sah , während sie flüsterte : » Gfehlt is ' s ! Das wird ' s End ! « Ich bettete sie aufs Kissen , schob meinen Arm unter dasselbe und legte mich ganz nahe neben sie . Da schlang sie ihre Hände um meinen Hals , und wir hielten uns ganz still . Das Wetter entfernte sich , und der Sturm ließ nach ; nur der Regen fiel noch und sammelte sich in der Dachrinne und plätscherte vor dem Fenster in das Faß nieder , das die Irschermutter aufgestellt hatte , um in dem Regenwasser die Wäsche zu waschen . Das Kathreinl war an meinem Hals eingeschlafen und ihre Hände lösten sich langsam und fielen herab . Ich zog leise meinen Arm unter ihrem Haupt weg , nahm ihre Hände in die meinen und schlief am End gleichfalls ein . Brummend schlug die Uhr eben vier , als ich erwachte und mich einen Augenblick besinnen mußte , ehe ich Traum und Wirklichkeit voneinander scheiden konnte ; denn ich hatte im Schlaf das Kathreinl weit fortgeführt in ein hohes Haus und hatte dort Hochzeit gemacht mit ihr . Da war die Irschermutter gekommen und hatte die Sichel geschwungen und geflucht , und im selben Augenblick stürzte das ganze Haus über uns zusammen . Nun sah ich das Mädchen schlafend neben mir , und ich besann mich auf den Abend und die Nacht . Ein ruhiges Glücksempfinden überkam mich , und ich betrachtete mit großer Lust das feine Gesicht , die halboffenen Lippen und die langsam auf- und niedergehende Brust . Endlich rührte sie sich ; ihr Kopf wühlte sich unruhig ins Kissen , ihre Hände fuhren etlichemal im Gesicht und auf der Brust herum , sie tat einen Seufzer und öffnete die Augen . Da sie mich erblickte , schloß sie dieselben wieder , rieb sich mit beiden Fäusten den Schlaf daraus und öffnete sie weit , indem sie sich aufrichtete . » Kathreinl ! « sagte ich und küßte sie . Aber sie war ganz traurig und meinte : » Ach weh ! Jetzt hab ich wohl kein Glück mehr ! Ach , Mathiasl ! Jetzt ist ' s Jungfernkrönl weg und dahin ! « Und sie weinte leise . Da sagte ich : » Sei still und klag nicht ! Mir deucht , es liegt noch in deiner Kammer drüben ! Bei mir ist ' s nit ! « Dann suchte ich scheinbar eifrig in meinem Bett , während sie , wieder lächelnd , langsam aufstand und hinauslief . Nun hielt es mich nimmer auf meinem Lager , und ich erhob mich und machte mich zurecht . Dann trat ich hinaus auf den Flöz und wollte den Riegel der Haustür öffnen , um hinauszugehen ; doch die Tür war nicht verschlossen , und der Schlüssel steckte nicht , wie sonst , am Schloß . Ich ging verwundert hinaus vors Haus ; doch mit einem Schrei fuhr ich zurück : die Irschermutter lag tot auf der Erde - erschlagen vom Blitz . Sie war ganz schwarz und ihre Kleider verbrannt . In den Händen hielt sie noch krampfhaft den verkohlten Sichelgriff und den Krückenstock . Ein Schauer schüttelte mich , und ich mußte mich an den Türstock lehnen , um nicht zu wanken . In diesem Augenblick hörte ich drinnen das Kathreinl in seiner Kammer singen , und ich wurde wieder fest und überlegte , wie ich es machen sollte , um dem Mädchen das Schwere auf eine Weise darzutun , die es am wenigsten traf . Aber ich fand keinen rechten Ausweg ; endlich dachte ich , daß es das Beste sei , wenn ich vorerst noch schwieg und alles dem Himmel überließ ; der würde es schon recht machen . Ging also wieder ins Haus und verriegelte leise die Tür . Darnach blickte ich in die Kammer zum Kathreinl und bat sie um eine Morgensuppe , obgleich mir zu allem andern eher Muts war , denn zum Essen . Sie sang noch immer und lachte mich lustig an , während sie den Stubenboden mit einem Besen aus grünen Tannenreisern auskehrte . » Gleich , Mathiasl « , sagte sie und fegte mir über die Schuhe ; » schau derweil , was die Mutter macht ; sie scheint das Aufstehen heut ganz zu vergessen und das Melken auch . Die Viecher brummen schon , hör ich ! « Ich nickte bloß und sah nach dem kleinen Stall , in dem eine Kuh und zwei Geißen standen und nach dem Morgenfutter riefen . Rasch holte ich einen Korb voll Klee und gab ihnen zu fressen , nahm darauf den Melkeimer und das Stühlchen und begann , sie zu melken . Dabei traf mich das Kathreinl , als es eben nach dem Rechten schauen wollte , und es dämmerte die Wahrheit in ihr auf , und sie fragte mich ängstlich : » Bub ! Warum in aller Welt mußt heut du das Vieh melken ? Was ist ' s mit der Mutter ? « » Sie wird noch schlafen « , sagte ich und steckte den Kopf tief unter den Körper der Kuh , damit das Mädchen nicht sah , wie mir die Augen naß wurden . Aber sie sagte gar nichts mehr darauf , lief in die Kammer der Mutter und kam , da sie dieselbe leer und das Bett unberührt fand , ganz bleich und still wieder in den Stall , legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte tonlos : » Sie ist nimmer da . Sag mir ' s nur , ich weiß schon : sie ist tot . « Und als ob sie alles schon wüßte , ging sie ganz ruhig wieder hinaus , schob den Riegel zurück und trat unter die Haustür . Ich stellte den Eimer weg und lief ihr nach ; aber sie kniete schon neben der Toten und war ganz still und gefaßt . » Ich hab ' s schon gewußt , daß es so ist « , sagte sie bloß , als ich auf sie zutrat und sie wegführen wollte ; » es war ja ihr Wunsch , so durch die Gewalt der Elemente zu sterben . Feuer oder Wasser , sagte sie immer , müssen mich umbringen ; lang leiden und siechen mag ich nicht . « Sie nahm ihre Schürze ab und deckte sie über die Tote . Dann ging sie hinein und ordnete das Haus , wobei ich ihr half und mit ihr beredete , was zu tun sei . » Wir müssen sie begraben lassen « , sagte sie , und sie machte sich , nachdem sie noch ein wenig Milch getrunken hatte , auf den Weg nach Sonnenreuth , um den Tod der Mutter beim Bürgermeister , beim Doktor und beim Pfarrer anzuzeigen . Bis dahin hatte sie keine Träne geweint , keine Klage laut werden lassen ; doch da sie wieder aus dem Dorf zurückkam , schluchzte sie laut und klagte : » Arms Mutterl ! So muß alles kommen ! « Tröstend strich ich ihr über die nassen Wangen . Da schrie sie laut auf : » O , die Christen ! Die frommen Pfarrherrn ! Nicht aussegnen will man sie ! Den Friedhof verweigert man ihr , weil sie eine Hexe war ! Der Herr Pfarrer sagt , das sei augenscheinlich , daß Gott ihren Frevel bestraft und der Teufel sie geholt hätte , und er verweigert die letzten Segnungen der Kirche . « Starr hörte ich ihr zu ; dann sagte ich : » Laß ' s nur gut sein , Kathreinl ! Ich geh zum Weidhofer , daß er dem Herrn Pfarrer ein gutes Wort gibt ! « Aber sie sagte : » Das hilft dir nichts . Dein Ziehvater , der Meßmer , ist selber dabei gestanden , wie der Pfarrer so über die Mutter geschimpft und sie eine gottlose und unholde Person genannt hat ; und er hat genickt zu der Rede vom Pfarrer und hat gesagt : Ganz recht ! Meinen Buben , den Mathiasl , hat sie so auch schon behext gehabt , daß er nimmer heim will in den Weidhof . « Dabei fiel sie mir um den Hals und weinte bitterlich , bis ich sagte : » Komm , sei fest und hör auf zu jammern ! Was brauchen wir denn einen Pfarrer ! Wir graben sie halt selber ein . Draußen am Weg unterm Feldkreuz geben wir ihr die Ruh . Unser Herrgott wird schon zufrieden sein damit ! « Also nahmen wir Hacke und Schaufel und gingen hinaus auf den Weg und arbeiteten den halben Tag , um der Toten ein gutes Bett zu machen . Dann gingen wir heim , ließen die Kuh und die Geißen aus dem Stall auf den Anger und tranken wieder ein wenig Milch und aßen ein Stück Brot . Die Sonne stand gerade über uns , als wir den Schiebkarren mit Laub und Blumen geschmückt und die Tote in Leinlachen gehüllt und darauf gelegt hatten . Das Kathreinl nahm nun einen Rosenkranz , das alte Buch , in dem die Mutter so gern gelesen , und ein Kästlein , in dem sie ihre wunderbaren und geheimen Dinge immer verwahrt hatte , legte sie zu den Füßen der Toten , und dann fuhren wir sie zum Grab . Wir streuten Gras und Blumen in die Grube , beteten das Vaterunser und senkten den Leichnam weinend hinab . Darnach legten wir die Kostbarkeiten zu ihr , bedeckten sie mit Blättern und Blüten und machten das Grab wieder zu , indem wir dazu beteten : Herr , gib ihr die Ruhe , dein Licht leuchte ihr , laß sie ruhen in Frieden . Amen . Darauf fuhren wir unseren Karren wieder heim , verschlossen alle Türen des Hauses und setzten uns auf das Bett und hielten uns wortlos bei den Händen . Endlich stand ich auf und ging hinaus , um dem Kathreinl etwas zu richten ; denn sie sah so bleich und elend aus , daß ich dachte , sie hätte gewiß Hunger . Aber sie lief mir sogleich nach und sagte : » Es hungert dich leicht , Bub ? « Und sie holte etliche Eier aus der kleinen Speiskammer und das Schmalzhäflein und schlug für mich drei und für sich zwei Eier in die Pfanne , und wir hielten auf der Ofenbank , während das Reisigbüschel am Herd verglimmte , ein trauriges Totenmahl . Plötzlich sagte das Mädchen mit einem schwachen Lächeln : » Jetzt fehlt nur noch der Leichentrunk und der Totentanz ! Wir müssen der Mutter doch die letzten Ehren schenken ! « Damit lief sie hinaus und kam nach einer Weile mit einem Krüglein saueren Mosts und einem schwarzen Holzkasten wieder . » Trink « , sagte sie und nahm eine alte , abgegriffene Zither aus dem Kasten und legte sie auf die Knie . Ich sah ihr mit Schaudern und Staunen zu und wollte diesem Empfinden eben Worte geben ; da griff sie in die Saiten , schlug etliche Akkorde an und spielte einen alten , harten Landler . » Den hat sie am liebsten gehört « , sagte sie darnach , » den hat ihr schon ihr Vater immer aufgespielt ; er ist ein zwiefacher und geht gut zum Plattln . Früher hat die Mutter noch manchmal ein paar Burschen und Dirndln auf Besuch geladen , und sie haben da getanzt und gesungen ; aber seit der Pfarrer einmal von der Kanzel gesagt hat , wen er noch mal bei der alten Waldhex antrifft , den absolviert er bei der Beicht nimmer , seit der Zeit hat sich keins mehr in den Heimgarten getraut außer dem Ödhoferbuben ; aber der ist nicht wegen der Musik gekommen und auch nicht wegen einer von den Dirndln . Ich glaub auch , daß kein anderer dem Pfarrer was gemeldet hat von dieser Tanzmusik als wie der Ödhofer . Er hätt halt gern allein sein mögen zum Zuhören . « Sie lachte plötzlich spitzbübisch auf , trank hastig und spielte darnach wieder weiter . Ich fand mich nicht ganz wohl bei dieser ganzen Sache und meinte , indem ich ein leises Grausen abzuschütteln suchte : » Jetzt langt ' s schon , Kathreinl ! Mir deucht , die Tot möcht jetzt lieber ihre Ruh haben ! « Aber das Mädchen schüttelte bloß den Kopf , trank wieder , nahm die Zither in eine Hand , stand auf und begann mit derselben einen tollen Tanz aufzuführen , indem sie mit voller Hand Akkorde griff und die Zither schwang . Das klang bald wie fernes Glockengeläute , bald wie wilde Orgelmusik , und ihre Füße stampften dazu , und sie wirbelte herum , daß ihre roten Zöpfe los wurden und herabfielen . Da erhaschte ich einen , als sie eben wieder an mir vorbeistampfte ; ich hielt sie daran fest und umspannte , als sie aufschreiend stillhielt , ihren Leib . Ganz elend bat ich sie flehentlich , doch aufzuhören , und ich drohte ihr , sogleich aus dem Haus zu laufen , wenn sie den Teufelstanz nochmals beginnen würde . Sie stand erschöpft vor mir , und ihre Brust ging stürmisch auf und nieder . » Ja , ja ; ich bin schon wieder still « , sagte sie heiser und verschloß sodann die Zither und lehnte den Kasten hinter den Ofen . Dann strich sie sich das Haar glatt , trank gierig und setzte sich , mich neben sich niederziehend , wieder aufs Bett . Ich folgte ihr widerstrebend . Eine seltsame Scheu vor dem wilden Wesen des Mädchens hatte mich ergriffen und wich auch nicht , als diese plötzliche Wildheit einem stumpfen Vorsichhinstarren Platz machte . Stumm saß ich neben ihr und spielte nachdenklich mit dem Ende ihres Zopfes und wickelte ihn gleich einem Ring um die Finger , als draußen heftig an die Haustür gepocht wurde . Wir sprangen beide zugleich auf und sahen uns erschreckt an ; da pochte es wieder . Das Kathreinl sagte : » Nicht aufmachen ! Sei ganz still ! Ich schau , wer ' s ist ! « Und sie schlich ganz leise über die Stiegen hinauf und sah vom Söller durch eine Luke hinab auf den Einlaßbegehrenden . Gleich darauf kam sie mit unhörbarem Schritt wieder herab und flüsterte mir zu : » Halt dich still ! Der Schnepfalucka , der Leichenbschauer , ist ' s ! Der soll nur wieder gehen ! « Da hielten wir uns ganz still und horchten , bis wir ihn wieder fortgehen hörten ; das Kathreinl lief in die Speiskammer und sah durch das dichte Fliegengitter hinaus nach dem Weg , dann sagte sie : » Er geht schon wieder heim . Heut laß ich keinen Menschen mehr ins Haus , und morgen ... « Sie schwieg plötzlich und sah mich ganz traurig an , so daß ich fragte : » Was ist ' s morgen ? « » Morgen müssen wir halt fort - hinaus aus dem Haus « , sagte sie gepreßt , » der Bürgermeister hat mir befohlen , daß ich alles gut verschließen solle und ihm die Schlüssel bringen , damit er nicht selber herausgehen müsse wegen der Verlassenschaft . « » Und du ? « fragte ich erstaunt und erschrocken . » Ich muß halt schauen , wo ich unterkomm derweil « , sagte sie , » ich bin ja bloß ein Balg , eine Hergelaufene ; da muß erst die Verlassenschaft entscheiden , was mit mir geschieht . « Da stieg ein großer Zorn gegen die von der Verlassenschaft in mir auf , obgleich ich das Wort nicht verstand ; ich brachte es aber mit dem Begriff Verlassensein in enge Verbindung und dachte , daß das Kathreinl nun niemanden mehr habe auf der Welt , außer mir . Darum sagte ich entschlossen zu ihr : » Da hat gar niemand was zu entscheiden wegen dir , als wie ich ; und du mußt mit mir zu der Weidhoferin gehen , und sie muß dich nehmen . Und dann bleibst du bei mir . « Ich war , obgleich ich noch gar nicht wußte , ob alles so hinausginge , so erfreut über die Lösung , daß ich das Mädchen ganz fidel mit mir in der Stube herumzog und mit vielen Worten mein Glück pries , daß sie bei mir bliebe . Wir brachten den übrigen Tag ziemlich nutzlos zu und gingen fast nicht aus der Kammer . Und da wir das Vieh eingetrieben und gemolken hatten und es allmählich dunkel wurde in der Stube , begann sich das Kathreinl zu fürchten und sagte , daß sie sich nicht in ihre Kammer traue , worauf ich wieder mein Bett mit ihr teilte und die halbe Nacht mit ihr redete und sie unterhielt , bis uns endlich beiden die Augen zufielen . Die Hexenjungfer Es war schon heller Tag , als ich erwachte und mich nach dem Kathreinl umsah ; doch ihr Platz war leer , und ich hörte sie schon draußen vor dem Haus am Brunnen werken und waschen . Da stand ich gleichfalls auf und half ihr , das Tägliche zu verrichten . Wir fütterten das Vieh und gaben ihm frische Streu , darauf machte ich mich ans Melken , während das Mädchen die Morgensuppe kochte , mein Bett richtete und den Hausflöz mit dem Tannenbesen auskehrte . Und nachdem wir das Vieh auf den Anger getrieben , unsere Suppe verzehrt und das Haus verschlossen hatten , machten wir uns auf den Weg nach Sonnenreuth . Das Kathreinl hatte sein bestes Gewand angelegt und prangte in einem rotschillernden Kleid und einer leuchtendblauen Schürze mit schwarzen Blonden . Ihr kunstreich abgenähtes Mieder wurde von einem reichen Silbergeschnür zusammengehalten , und den Hals zierte eine vielreihige Silberkette mit schwerer Schließe . Um die Schultern trug sie ein buntgesticktes Seidentuch , und ihre Füße staken in weißen Strümpfen und feinen , lederbesetzten Zeugschuhen mit großen Schnallen . Diese Tracht trugen zu jener Zeit alle Mädchen und Frauen der Sonnenreuther Gegend , und dazu setzten sie schwarze Filzhüte mit langen Goldquasten und reicher Goldverschnürung auf . In einem rotbestickten Sacktuch trug das Kathreinl die Schlüssel des Hauses , eine grobe Schürze und ein Stück trockenen Brotes . Da wir unter das Kreuz kamen , wo die Mutter lag , blieben wir eine Weile still und wünschten der Toten mit Andacht die ewige Ruh und den Frieden . Dann gingen wir baß drauflos und kamen gegen zehn Uhr in der Früh nach Sonnenreuth und an das Haus des Bürgermeisters . Dem übergab das Mädchen die Schlüssel , sagte , daß die Mutter schon eingegraben sei und daß die Kuh und die Geißen auf den Abend wieder melken bräuchten ; darauf faßte sie mich bei der Hand und ging rasch und ohne dem Alten auf seine Fragen etwas zu erwidern mit mir hinaus . Wir hielten uns auch beim alten Schnepfalucka , dem Leichenbeschauer , nicht lange auf ; das Kathreinl klopfte rasch an seiner Tür und rief hinein : » Die Irscherin ist schon eingegraben ! « Dann liefen wir wieder davon und kamen gegen den Weidhof . Meine Ziehmutter wollte eben den Hennen Futter streuen , da traten wir Hand in Hand durch den Gadern in den Hof . Erschreckt schüttelte sie den ganzen Weidling voll Körner unter die Hühner , beschattete die Augen mit der Hand , um besser zu sehen , und schrie : » Daß ' s Gott gsegn ' ! Unser Bub ! Und mit der Hexenjungfer ! « Und sie bekreuzte sich und wollte rasch ins Haus ; aber ich zog das widerstrebende Mädchen hinter mir her und vertrat meiner Ziehmutter den Weg : » Haltet , Mutter ! Bleibt noch ein wenig ! Ich bring wen mit - ein Waisl , das Ihr aufnehmen mögt ! ... « Aber sie erhob abwehrend beide Hände , wandte das Gesicht weg und lief ins Haus , während dem Kathreinl langsam eine Träne nach der andern über die Wangen rollte . Das gab mir einen Stich ins Herz , und ich lief der Mutter nach und faßte sie am Gewand und schrie sie an : » Ihr sollt sie nicht weinen machen , Mutter ! Ihr sollt gnädig sein und gut , weil sie auch gut ist ! « Und da sie nicht hören mochte , drohte ich : » Wenn Ihr sie nicht nehmt , dann geh ich auch wieder , und Ihr habt die Schuld , wenn was geschieht ... ! « Damit lief ich wieder hinaus und fand das Mädchen , als es eben aus dem Hof gehen und den Gadern hinter sich schließen wollte . » Kathreinl ! « schrie ich , » was willst du denn tun ? Warum kehrst du um ? « » Weil ich nichts verloren hab da drin ! « erwiderte sie rauh und schlug das Türl zu . Da eilte ich hinaus , packte sie am Arm und schrie : » Und ich will haben , daß du dableibst ! Du gehörst zu mir ! Sie müssen dich aufnehmen ! « In diesem Augenblick kam der Meßmer , mein Ziehvater , vom Gottesacker daher und ging auf uns zu und sah , wie ich das Mädchen zurückhielt . Da sagte er : » Wo aus , Jungfer ? - Hast ihn jetzt wiedergebracht , den Racker ? - Wohin denn schon so früh in dem Putz ? « » Eine Heimstatt suchen « , sagte das Kathreinl und wollte sich von mir losmachen . Da rief ich : » Nehmt sie doch Ihr derweil , Vater ! Sie soll nicht allein rumtappen ! - Gelt , Vater , Ihr behaltet sie derweil , bis sie nimmer verlassen ist ! « Der Weidhofer sah wohlgefällig auf mich nieder , betrachtete das Kathreinl eine Weile und meinte dann : » Wenn sie mit dem Strohsack zufrieden ist in deiner Kammer ? Du kannst ja im Ambros seiner Liegerstatt schlafen , so lang er auf der Alm ist . Von mir aus kann sie schon dableiben ; Arbeit gibts bei uns für jeden , der sie nicht scheut ! « Herrgott ! Wie wurde ich froh ! Ich bedankte mich jubelnd beim Vater und sagte darnach zum Kathreinl : » Jetzt mußt du doch bei mir bleiben ! Jetzt mach nur geschwind , daß wir ' s der Mutter sagen ! « Da sagte sie denn ja und dankte dem Weidhofer und ging mit uns . Die Ziehmutter war schon eine Weile unter der Haustür gestanden und hatte auf uns herübergeschaut ; da sie uns aber nun alle drei eintreten sah , schüttelte sie den Kopf und verschwand im Haus . Ich führte nun das Mädchen in meine Kammer und meinte , da ich das Bett sah , nachdenklich : » Du mußt halt schauen , wie du liegst ; ich bring dir schon alles , was du brauchst und gern haben möchtest ! « Ihr Stübchen war ein viel schöneres und ihr Bett ein viel besseres gewesen , und ich sah ängstlich und unruhig auf das Mädchen . Scheu blickte sie an den kahlen Wänden entlang , betrachtete stumpf den verstaubten Wandherrgott in der Ecke und die große Spinnwebe daneben und setzte sich schließlich seufzend und fröstelnd auf die Truhe , die unter dem niederen Fenster stand und meine paar Habseligkeiten in sich verschloß . Plötzlich sagte sie : » Wie kalt es in diesem Christenhaus ist ! Bei uns daheim ist ' s viel wärmer gewesen ! - Wer wird leicht jetzt das Hexenhäusl kriegen ? - Es ist schad drum ! « Ich suchte ihr die Kammer ein wenig behaglicher zu machen und lief hinaus , durchsuchte das Haus nach allem möglichen und schleppte es hinein zum Kathreinl : einen alten , wackligen Tisch vom Dachboden , einen geschnitzten Stuhl aus der Kammer des Ambros , das Kopfkissen aus dessen Bett , zwei Blumenstöcke vom Söller und eine alte , blaubedruckte Bettzieche als Tischdecke . Darauf holte ich aus meiner Truhe etliche Heiligenbilder und nagelte sie alle über das Bett . » So , Kathreinl , jetzt paßt es schon eher für dich ! « sagte ich darnach befriedigt ; » jetzt bring ich dir noch einen Spiegel und das Spinnradl von der Mutter , daß du gute Weil und was zu tun hast . « Nach langem Suchen fand ich einen alten , bemalten Spiegel , in einem Kasten hängend ; den brachte ich dem Mädchen und auch etliche Zöpfe Flachs zum Spinnen . Das Spinnrad stand verstaubt am Heuboden , und ich mußte es erst mit dem Flederwisch reinigen , ehe ich es dem Kathreinl in die Kammer stellen konnte . Derweil ich noch immer nach neuem suchte , um dem Mädchen das Stüblein gut zu richten , läutete es zu Mittag , und ich hörte Türen schlagen , Tritte poltern und Männerstimmen reden und lachen . Der Weidhofer kam über die Stiegen herauf und rief : » Mathiasle , was is ' s - zum Essen ! Bring deine Jungfer auch gleich mit ! « Da holte ich geschwind einen schönen Teller und einen neuen Löffel aus der Künigkammer , damit das Kathreinl nicht mit den Knechten in eine Schüssel zu langen bräuchte , und stellte einen Lederstuhl neben die Bank , auf der ich sonst gesessen war ; darnach holte ich die Jungfer hinunter . Die große , bemalte Schüssel mit den Knödeln stand schon auf dem Tisch , als wir eintraten . Knechte und Mägde standen darum , und der Weidhofer betete eben um Gottes Segen zu Speis und Trank und um Gnade und Gedeihen dazu . Der Weidhoferin ihr Platz war noch leer , und alle blickten nach dem Tischgebet noch unschlüssig , ob sie sich setzen könnten , da gemeiniglich die Sitte bei den Bauern ist , daß erst der Bauer und die Bäuerin niedersitzen und auch als erste in die Schüssel langen . Der Meßmer setzte sich endlich und sagte : » Fangts nur derweil an ; d ' Mutter wird schon kommen . « Nun zog ich das Kathreinl , welches glühendrot geworden war , mit mir an den Tisch und nötigte es an den von mir bestimmten Platz ; darauf wollte auch ich mich setzen . In diesem Augenblick sahen alle neugierig auf das Mädchen ; die Oberdirn warf den Löffel mit dem