fing gleich an zu fragen . Ich machte ihr rasch einige Komplimente über ihr kappadozisches Aussehen , und dann ließ sie mich gar nicht mehr los - ob ich das auch fände - und wie ich darauf käme - es sei wirklich wunderbar . Ach Gott , was geht mich die kappadozische Dame an - ich möchte meinen Roman schreiben , und es ist doch nicht so einfach , wie ich dachte . Das bunte Treiben im Eckhaus - der Kreis - die Enormen - aber mir fehlt einstweilen noch der Faden , die durchgehende Handlung , oder wie man das nennt . Und ob es angeht , einen ganzen Roman so zu schreiben , wie ich das erste Kapitel angefangen habe - ich fürchte , es gibt ein zu rasches Tempo . Man müßte wohl für jede Gruppe einen besonderen Stil anwenden . Darüber werde ich Doktor Gerhard oder Adrian noch zu Rate ziehen . Und vieles wird mir der Philosoph erklären müssen . Das Fest an sich wäre wohl besonders schwierig zu schildern , denn für mich war es ein unbeschreibliches Durcheinander von Menschen , Kostümen , Musik , Lärm , einzelnen Vorfällen , Gesprächen und so weiter . Ich bin auch kein Karnevalmensch , wie man hier sagt . Ich trinke wenig , tanze nicht und bin froh , wenn man mich möglichst in Ruhe läßt . Durch die kappadozische Dame kam ich an den Hofmannschen Tisch . Ab und zu erschien Susanna und setzte sich neben mich . Das war mir ein Trost - ich hätte mich sonst wieder recht ratlos gefühlt . Ich dachte , man würde sich gemessen und weihevoll benehmen , und es machte mich stutzig , daß der Professor als Teufel verkleidet war und in wilden Sprüngen tanzte . Gott , das ist wohl begreiflich , ich hatte noch nie einen Professor in rotem Trikot gesehen . Eine Anzahl Jünglinge bildete einen Kreis um ihn - ich glaube , es wurde ein Walzer gespielt , aber niemand kümmerte sich darum , sie sprangen auf ihre eigene Weise , und die kappadozische Dame war ganz entzückt und sagte , das sei dionysisch . Adrian teilte ihre Begeisterung und erklärte , er würde nächstens auf seinem Atelier eine Satansmesse veranstalten , ob ich nicht kommen wollte . Ich meinte etwas kleinlaut , daß ich noch nicht genug von Magie verstände ... » Oh , ich kann Ihnen ein Buch darüber leihen ... Ja - übrigens weiß ich doch nicht recht , ob eine Satansmesse das Richtige wäre , aber eine Orgie - eine panerotische Orgie . Was meinen Sie dazu , gnädiges Fräulein ? « Susanna trat mich so energisch auf den Fuß , daß ich unwillkürlich stöhnte - ich hatte nur Sandalen an . Und Adrian wandte sich rasch nach mir um : » Sie scheinen das nicht recht zu billigen , Monsieur Dame - aber warum nicht ? Sind wir nicht ebeno berechtigt , Orgien zu feiern , wie die alten Römer und Griechen ? Ich dachte , gerade Sie mit Ihrem jungen Sklaven müßten Sinn dafür haben . « Dabei warf er mir einen verständnisvollen Blick zu , über dessen Bedeutung ich mir nicht recht klar war . ( Chamotte stand den ganzen Abend hinter mir oder Susanna und bediente uns . ) Wieder trat Susanna mich auf den Fuß und sagte : » Der Meister ist auch da - sehen Sie , dort geht er mit einem seiner Adoranten ; daß er auf ein Fest geht , ist ein Ereignis . « Sie hatte leise gesprochen , aber Frau Hofmann mußte es doch aufgefangen haben , denn sie sagte lächelnd : » Liebe Susanna , Sie irren sich - er ist nicht hier . Der Herr , den Sie meinen , hat nur seine Maske gemacht - aber wirklich täuschend , nicht wahr ? « » Frau Professor « , antwortete Susanna , und ich bewunderte ihren Mut , » ich bin beim Theater gewesen und gehe jede Wette ein , daß es keine Maske ist ... « » Ach , was ist Theater ? « beharrte Frau Hofmann immer noch lächelnd , aber wie Märtyrer unter Foltern lächeln , » ich kann Sie versichern , daß er es nicht ist . « Der so Umstrittene befand sich ziemlich in unserer Nähe , und ich mußte Susanna recht geben - das konnte keine Maske sein . Und es lag etwas in seiner Erscheinung , was mir großen Eindruck machte . » Warum will man denn nicht zugeben , daß er es ist ? « fragte ich nachher , als wir eine Weile allein saßen . » Weil gewöhnliche Sterbliche nicht wissen dürfen , daß er wirklich vorhanden ist . « Der Professor kam mit einer Dame , zog sie auf einen Stuhl nieder und sagte bewundernd : » Ist sie nicht unglaublich schön ? « Susanna flüsterte ihm ins Ohr : » Um Gottes willen - sie ist furchtbar . « Er erschrak , betrachtete sie von der Seite und fragte leise zurück : » Wirklich ? « Das wiederholte sich noch ein paarmal im Laufe des Abends - er brachte immer neue Wesen und wollte , daß man sie schön fände . ( Manchmal waren sie auch ganz nett . ) Später mischte ich mich in das Gewühl , ich traf Willy , der nach Maria suchte . Schließlich sahen wir sie mit Heinz und seinen Freunden . » Ja , dann ist es umsonst « , sagte Willy betrübt . » Die Enormen geben sie nicht her - sehen Sie , der dort ist Hallwig , er ist entschieden ein ungewöhnlicher Mensch ; ich möchte ihn schon lange kennenlernen , aber er hält sich vollständig zurück und verkehrt nicht mit belanglosen Leuten , wie ich und Sie es sind - nehmen Sie es nicht übel , Herr Dame ... « » O gewiß nicht , und Maria ? « » Maria ist eben enorm - sie ist heidnisch , und Götter wohnen in ihrer Brust . Damit haben sie ganz recht , und wir finden es ja auch , aber man kann sich nicht darüber verständigen . Maria liebt die Enormen , und sie liebt uns - sie liebt überhaupt alles , aber man sieht es nicht gerne , daß sie so universell ist , und vor allem ihr Verkehr im Eckhaus - wir ziehen sie herunter , wir sind Schmarotzer und Vampire an ihrer Seele . « Er war ganz traurig . Ich betrachtete den genannten Hallwig genauer - ich hatte ja auch schon gemerkt , daß Heinz es vermeidet , mich mit ihm bekannt zu machen . ( Woher wissen sie denn so genau , daß ich belanglos bin ? ) - Ein auffallend schöner Mensch , und Maria scheint ihn sehr zu lieben . Vielleicht war sie deshalb heute abend im Eckhaus so melancholisch und verstand mich so gut . » Und wer ist der kleine Brünette , der so zärtlich den Arm um sie legt ? « » Das ist Konstantin , der Sonnenknabe , er ist auch enorm , und deshalb darf er alles - er darf sogar Maria lieben . Bei ihm ist es eben das Enorme , daß er alle Frauen liebt , auch wenn er sie eigentlich gar nicht mag - dann läßt er sich wenigstens lieben - die Mädchen sind alle hinter ihm her . Sehen Sie , lieber Dame , ich habe gar nichts gegen die Enormen , ich verehre sie sogar aus der Ferne , und ziemlich hoffnungslos - denn sie schätzen meine Rasse nicht - sie lassen nur blonde Langschädel gelten , und ich sehe so äthiopisch aus - aber wenn sie die Mädchen gegen uns beeinflussen ... « Ich sagte ihm , daß ich das wieder nicht verstände : » Überall sind mysteriöse Gemeinschaften , man hört von Satansmessen , Orgien , Magie und Heidentum sprechen wie von ganz alltäglichen Dingen , dann wird wieder getanzt und Tee getrunken , aber selbst beim Tee gibt es Geheimnisse und verschlossene Türen , hinter denen vielleicht ein Magier sein Wesen treibt . « » Ja , so ist es wohl « , seufzte Willy , » und es gab eine Zeit , wo auch ich gerne Zauberlehrling werden wollte , man hatte mich schon halb und halb akzeptiert . - Aber schauen Sie einmal dorthin ! « Wir sahen , wie Orlonsky , der Henker , Maria mit Gewalt zum Tanzen fortzog - den Sonnenknaben schob er einfach beiseite , und der schien es auch gar nicht übelzunehmen . Aber der Henker war sichtlich gereizt , und als dann beim Tanzen irgendein junger Mensch aus der Menge Maria ansprach , ließ er sie stehen und warf ihn buchstäblich an die Wand , fuhr dabei mit der Hand in sein eigenes Dolchmesser , das offen am Gürtel hing , und verletzte sich ziemlich erheblich . Nun gab es erregte Auseinandersetzungen - dieser Orlonsky scheint ein rabiater Herr zu sein . Plötzlich stand auch der Indianer daneben - Orlonsky und er maßen sich nur mit den Blicken , dann folgte Maria dem Indianer , und Susanna beschwichtigte Orlonsky mit Zärtlichkeit . Man sah sie nachher beständig zusammen . Am Hofmannschen Tisch wurde noch viel über diese Szene gesprochen . Es lag sicher wieder eine mysteriöse Bedeutung darin , die ich nicht durchschauen konnte . Adrian wollte den Henker zu seiner Orgie einladen , und die kappadozische Dame fragte : » Haben Sie gesehen , wie seltsam er sich benahm « , sie meinte den Indianer . » Nein - wieso ? « » Er sagte kein Wort , aber er erbleichte , als er Blut fließen sah - Sie wissen doch , Blut ... « Nun wurde es mir zuviel , ich stand auf und irrte verlassen durch die festliche Menge . Wie eine unaussprechliche Erleichterung empfand ich es , als der Philosoph neben mir auftauchte . » Wie geht es Ihnen , Herr Dame ? Wozu hat man Sie heute verurteilt ? « » Ich fürchte zum Wahnsinn , cher philosophe , ich weiß nicht , was in diesem rätselhaften Stadtteil aus mir werden soll , und doch läßt es mir keine Ruhe , dahinterzukommen . « » Mirobuk ! « sagte er gütig , » kommen Sie doch morgen nachmittag etwas zu mir . « Ja , ich frage ganz im Ernst , ob es nicht ein bedenkliches Symptom für meinen inneren Zustand ist , daß das bloße Wort - Mirobuk - so beruhigend auf mich wirkt - wie eine Zauberformel , die den Bann zu lösen vermag ; denn es ist wohl eine Art Bann , der mich hier immer wieder umfängt . Ich weiß nicht , was Mirobuk bedeutet , wo er es her hat , und was es eigentlich heißen soll , ich will es auch gar nicht wissen , es ist nur die Art , wie er es anwendet - man ahnt gleichsam , daß hinter den verworrensten Widersprüchen doch noch irgendwo Klarheit zu finden sein könnte . 6 14. Januar Heute - gestern - vorgestern - ich muß mich erst wieder besinnen , wie die Tage sich folgten . Mittwoch war das Fest , und am Donnerstag nach Tisch machte ich mich noch ziemlich schläfrig auf den Weg , um der freundlichen Einladung des Philosophen zu folgen . Unterwegs fiel mir ein , daß bei Hofmanns Jour war und ich wohl auch dorthin gehen müsse . Frau Hofmann hatte mir gesagt , es werde heute wahrscheinlich Delius kommen , und ich sollte ja nicht versäumen , ihn persönlich kennenzulernen . Er sei eine der bedeutendsten Erscheinungen des heurigen Deutschlands - ich glaube sogar , sie sagte Germaniens , und mir ist nicht recht klar , wie sich das mit seiner römischen Substanz vereinigen läßt . So bat ich Sendt , nach einer angenehmen , friedlichen Teestunde , ob er nicht mitgehen wolle . Er zeigte sich nicht sehr aufgelegt , entschloß sich aber endlich doch . Als wir kamen , stand ein großer Teil der Gesellschaft im ersten Zimmer um den Tisch versammelt . Ein Maler , der dem Kreis angehört und dort sehr geschätzt wird , hatte Zeichnungen mitgebracht , und man betrachtete , bewunderte und belobte sie . Da war ein Bild des Meisters ( über dieses wurde nicht laut gesprochen , man vernahm nur von Zeit zu Zeit ein ehrfürchtiges Murmeln oder gedämpftes : wirklich fabelhaft ! - ungeheuer ! ) , ferner verschiedene frühere Dichter und historische Persönlichkeiten : Schiller , Goethe , Luther und andere . Den Maler halte ich nicht für sehr talentvoll , die Blätter hatten alle dasselbe längliche Format , und sämtliche Köpfe waren so groß , daß sie irgendwo beinah oder ganz an den Rahmen anstießen . Zudem kam es mir befremdlich vor , daß er die verschiedenen großen Toten so ganz einfach porträtiert , als ob sie ihm gesessen hätten . Es gibt doch genug authentische Bilder von ihnen , die mehr Wahrscheinlichkeit besitzen . Der Philosoph stand neben mir , sagte manchmal hm - hm , und ich wollte ihn gerade um seine Meinung befragen , da ging die Tür auf , und Delius trat herein . Er verneigte sich nach verschiedenen Seiten mit demselben Wechsel zwischen konventionellem Lächeln und plötzlicher Starrheit , den ich damals auf der Straße an ihm beobachtete , dann trat er auf den Tisch zu , warf einen Blick auf die Zeichnungen , betrachtete scharf und flüchtig das Porträt Luthers und wandte sich in liebenswürdig anerkennendem Ton an den danebenstehenden Maler . » Nun , Herr Bender , ich sehe hier ein überaus wohlgelungenes Bildnis - ( ringsum entstand eine erwartungsvolle Pause , und nun fuhr er plötzlich beinah drohend fort ) - von jenem infamen Mönche , der uns um die schönsten Früchte der Renaissance betrogen hat - ( Pause ) - und den man im Altertum sicher auf dem Forum gestäupt hätte . « Die erwartungsvolle Pause war in allgemeine Verlegenheit übergegangen , alles blieb totenstill . Ich sah den Sprecher an und fand in diesem Augenblick , daß sein Kopf mit den breiten , unbeweglichen Zügen nicht , wie ich neulich meinte , an einen katholischen Geistlichen , sondern tatsächlich an alte römische Kaiserbüsten erinnerte . Man hätte sich mit ein wenig erhitzter Phantasie wohl vorstellen können , daß er jetzt gleich mit derselben monoton singenden , wie aus einem Grabe hervortönenden Stimme den Befehl erteilen würde , eine ganze Stadt voller Christen zu verbrennen . Der Maler stand ein wenig betroffen da , Frau Hofmann lächelte triumphierend über die Anwesenden hinweg , als fühle sie wohl , daß eben etwas Bedeutendes unter ihrem Dache geschehen sei , und dann brach die mutige kappadozische Dame das Schweigen : » Es wäre höchst interessant , Herr Delius , wenn Sie uns noch etwas über den Untergang der Renaissance sagen wollten . Sind Sie wirklich der Ansicht , daß der Protestantismus ... « » Nun « , fuhr Delius völlig unbeirrt und unpersönlich fort - er sah dabei die kappadozische Dame fest an , aber so , als ob sie gar nicht da wäre - » nun , der Protestantismus bedeutet den Sieg - ja , leider den Sieg des jüdischchristlichen Elementes über den Rest von Heidentum in der katholischen Kirche . Glauben Sie nur - was überhaupt an diesem Christentum , über das ich mich jetzt nicht näher auslassen möchte , in jenen traurigen Zeiten des Niedergangs noch lebendig und glühend war , das ist Rom - das ist die Blutleuchte des Altertums - die Blutleuchte Roms . « ( Blutleuchte - ein wunderbares Wort - aber was mag es bedeuten ? Ich warf dem Philosophen einen flehenden Blick zu , und er winkte beruhigend : später , später . ) » Rom und immer wieder Rom ... Wissen Sie « , und dabei überschlug sich seine Stimme in einem jähen Auflachen , » wissen Sie , daß dieser abtrünnige Mönch einfach ein Jude war - ja « , fügte er gedehnt und geheimnisvoll zu : » Geist ohne Substanz , das ist immer der Weg zum Nichts . Seien Sie überzeugt , daß keiner ihn ungestraft beschreitet . Der sogenannte Geist und die Selbstvernichtung der Substanz , das ist immer dasselbe . Ja , der Fluch all dieser neuen Gestaltungen , das ist der Geist und sonst nichts . Aber das hängt mit den biotischen Schichten zusammen , und da sind viele geheimnisvolle Dinge im Spiel « , dies letzte klang , als ob er nur zu sich selber spräche und ganz vergessen hätte , daß alles ihm zuhörte . Frau Hofmann reichte ihm eine Tasse Tee , er nahm sie dankend entgegen , und nun sagte sie mit heller Stimme : » Ja , aber wenn nun Luther katholisch geblieben wäre ? « » Aber Lotte ! « fuhr ihr Gatte mit einem strafenden Blick dazwischen , und sie hielt inne . Delius war ganz in seine Gedanken versunken , er stand da , wiegte langsam den Kopf hin und her , nahm einen Schluck Tee und sprach noch einmal dumpf vor sich hin : » Ja , das sind allerdings sehr geheimnisvolle Dinge . « Dann ergriff wieder die kappadozische Dame das Wort - der Professor wanderte derweil unruhig hin und her , und es machte den Eindruck , als ob er sie gerne daran gehindert hätte . » Ich glaube , ich verstehe jetzt , was Sie damit sagen wollen , aber meinen Sie , daß Luther wirklich ein Jude war , oder haben Sie sich nur bildlich ausgedrückt ? « » Nun , mancher ist ein Jude , ohne es zu wissen « , sagte Delius monoton und abwesend . » Und mancher andere ist keiner , obwohl er dafür gilt « , bemerkte ein schlanker , schwarzer junger Mann , der neben mir stand . » Gewiß , gewiß , ich will nicht leugnen , daß auch dieses vorkommen kann « , antwortete Delius kurz . Die Frau des Hauses flüsterte indessen mit dem Maler , er raffte seine Blätter zusammen und verschwand in dem dritten Zimmer . Der Professor zog einige Jünglinge hinter sich her und folgte ihm . Delius war immer noch apathisch und in Gedanken verloren stehengeblieben , der Philosoph suchte nun wieder irgendeine Unterhaltung in Gang zu bringen und sprach von seiner Sommerreise in Italien . Übrigens war auch Maria inzwischen erschienen und gesellte sich zu uns , man gruppierte sich um einen kleinen Tisch , und Sendt erzählte , wie er an einem heißen Tage auf Capri alleine auf den Hügeln umherwanderte , wo sich die Ruinen von dem Schloß des Tiberius befinden . Die Landschaft sei im Mittagssonnenlicht wie verzaubert dagelegen , und plötzlich hätte ein kleiner weißhaariger Mann neben ihm gestanden , der aus den Ruinen hervorgekommen sein mußte - er trug einen merkwürdigen Mantel , und sein bartloses Gesicht zeigte ein ausgesprochen römisches Profil . Delius begann aufzuhorchen . » Er hatte eine Blume in der Hand « , erzählte Sendt weiter , » und reichte sie mir , wünschte mir guten Tag und verschwand , ohne ein weiteres Wort zu sagen , wieder in dem Gemäuer dicht neben mir , nachdem ich ihm noch einen Obolus in die Hand gedrückt hatte . « Delius erkundigte sich eifrig nach dem Schnitt des Mantels - ob es nicht vielleicht ein römisches Obergewand gewesen sein könnte ? » Und die Blume - war es nicht eine kleine , blaue Sternblume ? « » Ja , das stimmt wirklich « , antwortete der Philosoph . » Nun , so ist es zweifellos jene Blume gewesen , welche Tiberius seinerzeit aus Persien mitgebracht und in seinen Gärten angepflanzt hat . « » Wohl möglich « , sagte Sendt , » und wenn Sie jetzt behaupten wollen , der Mann sei ein altrömischer Krieger gewesen , so muß ich offen sagen , sein plötzliches Erscheinen und die ganze Begebenheit in der glühenden Mittagssonne waren so spukhaft , daß ich es kaum bestreiten würde . « » Sehen Sie « , warf nun Frau Hofmann ein und blickte auf den Philosophen , als ob sie ihn endlich überführt hätte , » das war doch sicher ein kosmisches Erlebnis . « Ich erwartete ein erlösendes Mirobuk , aber er sprach es nicht aus , sondern bedeutete mir etwas nervös , daß wir jetzt gehen wollten . Delius schüttelte ihm mit plötzlicher Herzlichkeit die Hand , dann ging er mit kurzen entschlossenen Schritten auf das dritte Zimmer zu und murmelte unterwegs noch etwas von Tiberius vor sich hin . Maria schloß sich uns an und wollte durchaus in einer Bar soupieren . » Maria , Maria « , sagte Sendt , » Sie täten besser , einmal auszuschlafen , Ihr Freund Hallwig würde es sicher molochitisch nennen , wie Sie auf Ihre Gesundheit loswirtschaften . Aber wie Sie wollen . « » Machen Sie mir den armen Monsieur Dame nicht noch konfuser « , gab sie zurück - sie hatte gleich , wie wir draußen waren , meinen Arm genommen , » er zuckte eben bei dem Wort molochitisch schon wieder zusammen . Ich glaube , wir werden heute die Biographien umkehren und Sie zu einem längeren Vortrag verurteilen müssen , sonst kann er sicher nicht schlafen . « » Ja , gerne , wenn es Ihnen Freude macht - nach einem guten Abendessen und ohne kappadozische Zwischenfragen läßt sich schon eher über diese Sachen reden . « » Und ich werde viele , viele Zigaretten dazu rauchen « , meinte sie sehr zufrieden , » denn die größere Hälfte verstehe ich ja doch wieder nicht . « 7 Mir ist , als müßte ich mein Gehirn auseinandernehmen und wieder neu zusammensetzen . Die Art , wie es bisher funktioniert hat , die mir geläufigen und gewohnten Gedankengänge nützen mir nichts mehr - ich möchte sie ausschalten , ausrangieren , bis ich imstande bin , mich in all diesen neuen sicherer zu bewegen . Einen halben Tag habe ich gebraucht , um das auf den Jour folgende Nachtgespräch aus meinen Notizen wieder zusammenzustellen und noch einmal durchzudenken . Wenn ich dann alles hier eingetragen habe , will ich den Philosophen bitten , es noch einmal nachzulesen . Auch was dazwischen konversationsweise gesprochen wurde , habe ich mir angemerkt , in der Absicht , das Ganze für meinen späteren Roman zu verwenden . Da liegt nun eine Schwierigkeit , über deren Lösung ich mir noch nicht klar bin : kann ich dem Leser , der vielleicht nur persönliche Erlebnisse und Schicksale erwartet oder wünscht , zumuten , sich mit mir in diese seltsame und umfangreiche Gedankenwelt zu vertiefen ? - Ich denke eigentlich : ja ! und wer nicht dazu gewillt ist , der möge das Buch ruhig aus der Hand legen oder es mit einem anderen vertauschen . Denn es wird ihm sonst , ebenso wie mir , nicht möglich sein , die Menschen und Begebenheiten in diesem außerordentlichen Stadtteil richtig zu verstehen . Ja , und einstweilen muß es wohl noch dahingestellt bleiben , ob ich selbst dieser schweren Aufgabe gewachsen bin . Anmerkung Wir nehmen an , daß Herr Dame die einliegenden , anscheinend aus seinem Notizbuch kopierten Blätter gemeint und nur seine Absicht , sie in das Tagebuch einzutragen , aus irgendeinem Grunde nicht ausgeführt hat . Verfahren Sie bei einer eventuellen Veröffentlichung damit , wie Sie es für gut halten - vielleicht erscheint der Inhalt Ihnen , sowie etwaigen Lesern , leichter verständlich als uns . Nachtgespräch mit dem Philosophen in der Jahreszeitenbar Am 5. Februar 19 ... Das Souper war vorzüglich , der Philosoph bei guter Laune , und ich fühlte mich allmählich wieder frisch und aufnahmefähig . Als wir dann beim Kaffee saßen , begann Sendt mit jener wohlwollenden Heiterkeit , die ich so sehr an ihm schätze : » Nun , lieber Dame , worüber wünschen Sie jetzt belehrt zu werden - der heutige Jour war ja einigermaßen reichhaltig und stellte wohl an den Laien ziemliche Anforderungen . « Ich dachte nach , mir schwirrte wieder alles bunt durcheinander - wieso Luther ein Jude sein sollte - und Blutleuchte - dieses wunderbare , suggestive Wort wollte mich gar nicht wieder loslassen - ja , und die blaue Blume des Tiberius - und kosmisches Erlebnis - mir fiel wieder ein , daß die kappadozische Dame damals auch ihren Traum einen kosmischen genannt hat . » Nur Mut , und alles hübsch der Reihe nach « , sagte der Philosoph . » Haben Sie etwas davon behalten , was ich Ihnen kürzlich über die Substanztheorie des Herrn Delius gesagt habe , und erinnern Sie sich noch an die Geschichte von dem Psychometer und dem Ring des Meisters ? « » Ja , ich erinnere mich . « » Also - das dürfen Sie nun vor allem nicht verwechseln . Bei dem Psychometer handelt es sich um die Seelensubstanzen des einzelnen , die unter anderem an seinen Gebrauchsgegenständen haften bleiben . Zum Beispiel Adrian , den Sie auch kennen , besitzt einen Lehnstuhl von einer Großmutter , den er als gespenstisch empfindet , weil die Substanz der Verstorbenen ihm wahrscheinlich noch anhaftet . Ist er abends allein in seinem Zimmer , so wird er sich nie entschließen , in diesem Lehnstuhl zu sitzen , obgleich er ungemein bequem ist . Aber lassen wir Adrians Großmutter - sie ist belanglos , und die ganze Sache mit den Einzelsubstanzen ist eigentlich unwahnmochingisch . Wahnmoching lehnt den Individualismus ab und lehrt , daß der einzelne wenig in Betracht kommt . Von großer Wichtigkeit sind dagegen die Ursubstanzen , aus denen die Einzelseele zusammengesetzt ist , so , wie ich Ihnen schon einmal sagte , die Rassensubstanzen : die römische - germanische - semitische und so weiter . Diese befinden sich im Blut - unterstreichen Sie Blut , es ist von größter Bedeutung . Wo nun eine von ihnen das Übergewicht bekommt , so daß sie allein das Erleben ( Schauen , Dichten , Handeln und vor allem auch das Träumen ) beherrscht - da haben wir die Vorbedingungen für das Zustandekommen der Blutleuchte . Hier ist nun eine mystische Komplikation zu merken : irgendeine heidnische Substanz hat periodisch größere Stärke , daher heidnische Blutleuchte in vielen Individuen gleichzeitig . So war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts große heidnische Blutleuchte . Delius fand seine Weltanschauung - Nietzsche schrieb den Zarathustra - in der damaligen Jugend gärte es - König Ludwig II. versuchte seine phantastischen Ideen auszuleben ... « » Oder heuer im Karneval « , warf Maria dazwischen , » Monsieur Dame läßt sich zu einem Wahnmochinger Fest verurteilen , und Chamotte empfindet sich als Sklave , weil man ihn schwarz angestrichen hat . « » Maria , unterbrechen Sie mich nicht « , sagte der Philosoph , » hören Sie lieber gut zu . Es würde Ihnen gar nicht schaden , wenn Sie auch etwas von diesen Geschichten begreifen lernten . « » Ach Gott , ich vergesse es ja doch gleich wieder « , antwortete sie resigniert und zündete sich eine neue Zigarette an . » Also - eben Ihr Freund Hallwig lehrt , daß nicht wir handeln , dichten , träumen und so weiter , sondern die Ursubstanzen in uns . Über die Rangordnung der historischen Substanzen dürften er und Delius wohl etwas uneinig sein , da dieser die römische , jener die germanische für sich gepachtet hat . Immerhin gelten beide für kosmisch , die semitischen dagegen immer für molochitisch - Herr Dame , sehen Sie mich nicht so verzweifelt an und brechen Sie nicht immer Ihren Bleistift ab , mit etwas gutem Willen werden Sie schon dahinterkommen . Also kosmisch - kosmisch ist das Prinzip , welches das wahre unmittelbare Leben aufbaut und in jedem Wesen , das überhaupt an ihm Teil hat , das gleiche ist . Notabene : den Begriff kosmisch braucht man gewöhnlich nur im Gegensatz zum chaotischen . Erst indem man ihn statt auf das Gebilde auf die bildende Kraft anwandte , bekam er die Wahnmochinger Nuance . Kosmisch werden deshalb solche Erlebnisse genannt , die deutlich aus diesem Prinzip stammen - auch Träume werden dazu gerechnet und spielen eine große Rolle . Delius oder Hallwig pflegen darüber zu entscheiden , ob ein Traum oder Erlebnis kosmische Bedeutung hat - die Damen beim Jour irren sich häufig über diesen Punkt und begehen dann Mißgriffe , welche den Professor Hofmann nervös machen . Denn auch er erfreut sich in diesen Fragen einer gewissen Autorität . « » Ich danke Ihnen , cher philosophe - die Nebel fangen an sich zu lichten - aber was heißt molochitisch ? « » Moloch , Herr Dame , wie Sie vielleicht wissen , war ein unangenehmer Götze , der sich von kleinen Kindern nährte , mithin also das Lebendige , Hoffnungsvolle verschlang . Molochitisch bedeutet daher in gutem Wahnmochinger Jargon alles Lebensfeindliche , Lebenvernichtende - kurz und gut , das Gegenteil von kosmisch . Man wandte nun in unserem Stadtteil mit Vorliebe diesen Gegensatz auf die Rassensubstanzen an und gelangte zu dem Resultat : die Arier repräsentieren das aufbauende , kosmische Prinzip , die Semiten dagegen das zersetzende , negativ-molochitische . Zu merken ist hierbei noch , daß eben die Substanzen sich im Laufe der Zeiten nicht rein erhalten haben und vielfach vermischt sind . Luther zum Beispiel , den man im allgemeinen für einen Germanen halten dürfte , wandte sich gegen die heidnischen Reste im Katholizismus - verneinte sie und bewirkte ihre Zersetzung , folglich war er molochitisch - folglich war er nach Delius ein Jude . « » Sehen Sie , das finde ich einfach entzückend « , meinte Maria , » aber ich weiß schon , unser Philosoph schätzt solche Wahnmochingereien nicht . « » Liebes Kind , die Sache hat eben auch ihre tragische Seite - denn in Wahnmoching wird vor allem jede Vernunft und Klarheit in den