di bloß ne halfstock holen mütt ! - aber er jagte ihn von dannen , kletterte über das Schwert und schritt über das Eis nach dem Bollwerk zurück . Im Osten glomm der Lichtschein von Hamburg auf , der dem Landfremden eine weit entfernte , ungeheure Feuersbrunst vortäuscht . Da dachte Klaus Mewes an die alte Fischfrau Beeken Focken , die 1842 schon verheiratet gewesen war : so alt war sie . Die hatte einmal bei ihm auf dem Deich gestanden und mit ihren braunen , knochigen Fingern nach dem östlichen Abendrot gewiesen und gesagt : viel anders hätte sich das 1842 vom Deich aus auch nicht angesehen : nun wäre Hamburg schon so groß , daß es jede Nacht einen so großen Brand hätte . » Jä , Beeken , dat magst du woll seggen : bi de veelen Wirtschaften « , hatte er lachend geantwortet . Mit einem Mal drehte er sich um und sah Seemann auf dem Bollwerk stehen . » Neem is Störtebeker , Seemann ? Such ! Such ! « rief er hastig . Seemann wedelte mit dem Schwanz zum Zeichen , daß er verstanden hatte , und setzte sich gemächlich in Bewegung . Er schwankte von dem langen Leben an Bord wie ein wirklicher Seemann von einer Seite nach der andern , wenn er lief . Klaus wußte schon Bescheid , es ging nach der Neßkule , in der der Kahn lag : der Junge schipperte gewiß oder goß das Wasser aus seinem Fahrzeug , das etwas ziepte . Da lag aber der Kahn unter den krummen Wicheln und war nicht abgeleint wie sonst , der Riemen lag dwars , und kein Junge war dabei : jach befiel ein ungeheurer Schreck den Fahrensmann , der auf der Doggerbank den bösesten Stürmen furchtlos in die Augen blicken konnte , und er lief in Sprüngen den Deich hinab . » Klaus ! « Der Störtebeker blieb ihm dies eine Mal doch in der Kehle stecken . » Hier bün ik , Vadder , wat schall ik ? « rief Störtebeker , und eine dunkle Gestalt löste sich aus dem Schatten der Baumstämme , die den Schleusengraben wie Gespenster umstanden . Taumelnd kam sie näher und wäre umgeschossen , wenn der Seefischer sie nicht aufgefangen hätte . » Wat is dor los , Störtebeker ? Wat fehlt di ? Büst du krank ? « Der Junge sah blaß aus , aber er lächelte doch schon wieder verloren . » Jo , Vadder , ik bün seekrank un mütt mi jümmer speen . « » Wat kummt dat denn ? « Der Junge wies nach seinem grünen Kahn . » Ik will mi seefast moken , Vadder , wat ik mi noher up See ne mihr to speen bruk . Un Jakob Husteen hett to mi seggt , denn müß ik jümmer mitten Kohn dümpeln . Örk , örk - wat bün ik nu slecht toweg , Vadder , wat hebb ik förn bittern Gesmack innen Mund ! « Klaus wollte lachen , lachen , lachen , - er konnte es aber nicht , weil ihn die Tapferkeit des kleinen Kerls tief rührte , der so lange mit dem Kahn dümpelte , bis ihm schwindelig wurde , nur um sich seefest zu machen . » Jä , Störtebeker , so geiht dat buten den ganzen Dag ! Nu wullt doch gewiß ne mihr mit no See , wat ? « Aber der Junge nickte herzhaft und sagte : » Doch , Vadder ! Morgen dümpel ik wedder , un offermorgen un den Dag , de denn kummt , ok , bit ik ne mihr düsig ward un mi ne mihr breken mütt ! Ik will mi doch to Sommer van Kap Horn un Hein Mück nix utlachen loten ! « Klaus Mewes vertaute den Kahn in schiffergerechter Art , nahm seinen Jungen bei der Hand und ging mit ihm nach dem Neß zurück . In der Dönß brannte schon die Lampe . Als sie sich vor der Tür die Füße abschrapten , sagte Klaus halblaut : » Brukst Mudder dor ober nix van to seggen , hürst ? « » Segg du man nix , Vadder : ik will woll swiegen « , flüsterte Störtebeker kameradschaftlich und setzte sich in der Dönß gleich neben den Ofen , möglichst weit von der Lampe , bückte sich tief und zog umständlich die Stiefel aus , um sein Gesicht vor der Mutter zu verbergen , die gleich in richterlichem Ton fragte : » Non , neem kommt ji denn her ? « » Wi sünd mol no de Neßkul wesen « , berichtete Klaus Mewes der Wahrheit gemäß . » Hest du ok natte Strümp , Klaus ? « » Ne , Mudder , knokendreug ! « » Lot mol feuhlen ! De un dreug ? De leckt jo vör Nattigkeit . Gliek treckst jüm ut ! « Störtebeker machte ein saures Gesicht , aber er freute sich doch , daß sie weiter nichts merkte , und wischte heimlich die letzten Spuren des Seefestigkeitskursus ab . Nach dem Abendbrot wurde das Knütten noch eine Weile wieder aufgenommen , dann aber packten sie das Kurrengut zusammen und machten Feierabend . Kap Horn suchte sich die alten Zeitungen aus der Bank hervor und las den Roman : » Zehn Jahre unter der Erde oder Schuld und Sühne « mit aufgestützten Ellbogen . Wenn er dabei an Stellen kam , die ihm behagten , so nickte er anhaltend mit dem Kopfe , wogegen er bei Kapiteln , die nicht nach seiner Klitsch waren , ebenso ausdauernd den Kopf schüttelte . Ja , man konnte noch mehr aus seinem Gesicht erkennen , denn wenn er von Wind oder Sturm las ( und in einem echten Roman weht und stürmt es ja alle drei Seiten ! ) , so pustete er leise vor sich hin , las er von Liebe , so strich er sich über die Backen , gab es eine Mordgeschichte zu kauen , so las er mit geballten Fäusten und so weiter . Wenn sie sturmeshalber achter Norderney oder Wangeroog lagen , beobachtete Klaus , in der Koje liegend , seinen lesenden Knecht mitunter stundenlang und sagte dann zuletzt : » Nu will ik di mol vertillen , Kap Horn , wat du lest hest . « Und meistens stimmte es , was er dann erzählte , daß der Knecht zuletzt jedesmal erstaunt sagte : » Klaus Mees , ik gläuf , du kannst hexen . « Diesen Abend aber kam der Schiffer nicht dazu , denn sein Junge ritt auf seinen Knien und treunte um eine Geschichte . » Ik weet uppen Stutz keen . « » Och Vadder , vertill doch een ! Du weeß so veel . « » Ne , ik kann nu keen tohoopgrabbeln . « » Och , man to , Vadder ! « » Non jo , denn ober ganz still wesen un eulich tohürn un noher ne wedder seggen , dat wür jo gorkeen Geschichte . « » Ne , Vadder , dat segg ik ok ne , « versicherte Störtebeker , und sein Vater legte los . » Non , denn hür to : dor wür mol een Mann , de harr keen Kamm , to köfft he sik een , to harr he een ... « Da hielt der Junge seinem Vater aber schon den Mund zu und paukste : » Dat is keen Geschichte , dat is Narrenkrom ! Du schallst een euliche Geschichte vertillen ! « » Non , denn hür to : dor wür mol een Mann , de wür in de Heid verbiestert , nu hür man god to ! Dor wür mol een Mann , de wür in de Heid verbiestert ... « Da hielt Störtebeker ihm wieder den Mund zu und sagte , das wäre auch Tüdelei , un he kunn een euliche Geschichte verlangt wesen . » Non , denn hür to : to sett he sien Hot uppen Disch un seggt : non denn so wißt , ich selbst bin Klaus Störtebeker ! « O weh , - das hätte Klaus Mewes doch wohl lieber nicht vorbringen sollen , denn nun tagelte Störtebeker ihn regelrecht durch und heischte zwar etwas von Klaus Störtebeker , aber etwas andres , nicht immer diesen einen Satz , den er schon tausendmal gehört habe . Kap Horn legte den Finger auf das letzte Wort , das er gelesen hatte , sah auf und sagte : » Klaus Störtebeker büst du jo sülben , Junge , dor brukt di doch keeneen wat von to vertellen . « Gesa aber , die einen Flicken auf die englischlederne Hose setzte , sagte abweisend : » Lot den olen Seeräuber man ünnerwegens un näumt den Jungen man ne jümmer Störtebeker . Den olen , slechten Nom ward he jo sien ganz Leben ne wedder los . « » De Nom is gor nich so slecht , Gesa « , sagte Kap Horn ernsthaft , während Klaus Mewes lachte und meinte , den Namen habe er einmal weg . Klaus Störtebeker sei übrigens gar kein schlechter Mensch gewesen , wohl habe er den reichen Kaufleuten und den Königen ihr Gold und Gut weggenommen , aber den Armen habe er viel Gutes getan , noch jetzt würden die armen Leute zu Verden von seinem Geld gespeist . Und mit den Fischern habe er es auch nicht bös gemeint : er störte sie nicht , und wenn er Fische holte , so bezahlte er sie reichlich . So erzählte Klaus Mewes , was die Sage an der Wasserkante zusammengetragen hat von den Vitalienbrüdern und ihrem Hauptmann Klaus Störtebeker , - - und der kleine Klaus Störtebeker saß mit funkelnden Augen und glühenden Backen dabei und konnte nicht genug hören , wie sie Kopenhagen in Brand steckten , wie die zerfetzte , gelbe Flagge im Sturme flatterte , wie sie mit den Hamburger Schiffen umsprangen , wie sie Ritzebüttel und Neuwerk wegnahmen und wie sie den schottischen König gefangen hielten . Als Klaus aber weiter ging und von dem großen , breiten Graben auf Finkenwärder erzählte , der die kleine Elbe hieß , und daß Störtebeker dort oft mit seinen Schiffen auf der Lauer gelegen habe , da sprang der Junge auf , daß Kap Horn ausrief : » Neem is dat Für ? « und fragte : » Vadder , neem is de Groben ? « Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte , daß es damals noch keinen Deich gegeben habe und daß die kleine Elbe ein Priel von der großen gewesen sei , aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht verdeutschen , der sich einen so breiten Graben eben nicht vorstellen konnte , und es blieb schließlich nichts andres übrig , als daß sie eine kleine nächtliche Expedition nach dem Seeräubergraben ausrüsteten , die trotz der großen Einwendungen von Gesa sofort ausrückte , und der sich auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen . » Klaus , bliew hier , dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di ! « Der Junge lachte sie aus und sagte , während er sein wollenes Halsband umband : » Brummkirl gift ne , Mudder . « » So ? « » Hett Vadder seggt ! Dor ward bloß lütte Kinner mit bang mokt , wat se ne bit Woter gohn schöt . « Dann schlug die Haustür knallend zu , und Gesa war wieder allein . Wie die Brechseen über dem kleinen Ewer , so schlugen die Gedanken über ihrem Kopfe zusammen ; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die quellenden Tränen nicht hemmen ! Warum mußte sie so geschaffen sein , daß sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt denken konnte , warum konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht freuen ? Warum nichtwarum nicht ? Sie war doch jung und gesund : warum mußte sie da immer wieder zusammenbrechen und klein und verzagt werden , warum konnte sie ihn nicht los werden , den furchtbaren Gedanken , daß sie den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben sehen solle ? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen , helle Kleider zu tragen ? Sie begriff es nicht , daß eine Seefischerfrau , wie die kleine Metta Holst , die doch auch nicht am Deich großgeworden war , sondern wie sie von der Geest stammte , es aushielt , daß sie so fröhlich lachen und singen konnte , und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann : denn ihr Mann und ihre beiden Söhne fuhren auf einem Ewer , schwammen auf einem Stück Holz in der See . Ein Blitzstrahl , eine Brechsee konnte ihr ganzes Leben verschütten , ihr ganzes Haus verdunkeln , ihr alles , alles nehmen , - und doch konnte sie singen und lachen , die Frau . Daß eine so fest stehen konnte ! Gesa schüttelte den Kopf . Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen . Sie hielt viel von ihm , gewiß , ebensoviel , wie andere Frauen von ihren Kindern . Und wenn sie ihn zügelte und ihm wehrte , wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte , was trieb sie anders dazu als die Liebe ? Bis zu drei Jahren war der Junge ein rechtes Mutterkind gewesen , das ihr Schürzenband kaum losgelassen hatte , und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben , sondern nur immer lachend erklärt , daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen wisse : ein Mann , der ein kleines Kind auf dem Arm habe , komme ihm vor wie ein Hahn , der auf Eier gesetzt sei . Zwar hatte er den Jungen zuerst wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt , das müsse er beizeiten lernen , denn später beim Schollenfang hieße es auch : alle zwei Stunden raus ! aber es war nur Spaß gewesen , wie es auch Spaß gewesen war , wenn er ihn auf und ab schaukelte , um ihn an die Dünung zu gewöhnen und ihn seefest zu machen , wozu er sang : So dümpelt de Eber , so dümpelt de Eber , so dümpelt de Eber up See ... Dann aber , als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen , war es anders geworden : da kam der Ernst . Da wurde er ausgelacht , weil er ein Mutterkind war , und von ihren Wegen abgelenkt , da wurde das Wort gesprochen : Ne bang wesen , Junge , anners kummst du ne mit no See ! Ne schreen , Klaus , anners kann ik di noher an Burd ne bruken , denn müß du Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer wardn ! Da war der Brand in die Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert ! Da war ihm der Kompaß in die Brust gesetzt worden , der beständig nach der See wies und all sein Tun und Lassen lenkte . Dann kam der Kahn , der grüne , nordische Kahn , von dem Gesa glaubte , daß ihr Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen Schuner , wie er behauptete . Den bekam der Junge zu seinem vierten Geburtstage , und damit war er der Elbe und dem Wasser verfallen der nun mehr war als die andern Jungen am Deich : Reeder und Schiffer . Da übertrugen die Finkenwärder den Namen des Fahrzeuges bald auf den Jungen , und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und alt ein kleiner Klaus Störtebeker ! Gesa seufzte tief , denn sie trug schwer an diesem gottlosen Namen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die vier Getreuen aber standen an dem breiten , schwarzen Graben zwischen den dicken krummen Wicheln und den schlanken , schiefen Erlen und suchten die Spuren von Klaus Störtebeker . Sie bestimmten den Baum , an dem er sein Admiralsschiff festgehabt hätte , und durchforschten die hohlen Stämme nach Gold , das er vielleicht hineingesteckt haben könnte . Das faule Holz glomm auch wirklich wie Silber , so daß der Junge alle Augenblicke ausrief : » Hier sitt dat Gild , hier sitt dat Guld ! « und sie von einer Wichel nach der andern lockte . Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf Ewerlängen entfernten , deichhohen Wurt , der bei den alten Leuten noch der Grönlandshof hieß , weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger neben ihm geankert hatten . Dorther stammten er und die ganze , weitverbreitete Sippe der Mewes : auf dem Grönlandshof hatte der alte Vogt holländischen Blutes gesessen , der aus einem Bartholomäus zu einem Bartel Mewes geworden war . Seine Jungen und Enkel dann , die hatten es herausgefunden , daß es besser sei , die grüne See zu pflügen , als das braune Land , und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und Fischer geworden . Das Bauerngeschlecht der Mewes war ausgestorben : die seefahrenden Mewes aber waren immer noch groß am Ruder und machten ein Drittel der Fischerflotte aus , während das zweite und letzte Drittel den Focken und Külper zukam . Seefischerei ! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und tauschte seinen lieben , großen Ewer gewiß nicht gegen den ganzen Grönlandshof . Dritter Stremel . Den Montag , der als ein schöner , stiller Vorfrühlingstag über die Elbe kam , fing Klaus Mewes mit füher Arbeit an , er schleppte Segel und Kurren , mit seinen Leuten über das Eis , machte die beiden Kurrleinen fertig und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei , damit Raum für den notwendigen Anlauf gewonnen würde , denn er hatte keine Ruhe mehr : das Eis trieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegen bleiben : da mußte er Gewalt anwenden ! Hein Mück , der erst gegen Morgen von Musik gekommen war , konnte kaum die Augen offen halten , aber sein Tappen half ihm nichts : er bekam die nassen Fausthandschuhe zu schmecken und mußte tüchtig daran glauben . Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang , um anzusagen für die große Arbeit , die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte . Kap Horn war der rechte Mann für so etwas , denn er konnte gut klönen ; zwar dauerte es Stunden , bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte , aber er hatte dafür auch die Genugtuung , acht Tassen Kaffee und zwei Kirschenschnäpse eingegossen bekommen und alle an Land befindlichen Mannsleute angeworben zu haben . Störtebeker begleitete ihn ein Stück und lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn um die langen Stiefel , freilich ohne daß er sie gekriegt hätte . Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem Vater , dem er in allen Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war . Ein so großer Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war : solange er bei seinem Vater stand , vergaß er alles andere und war nur noch der lerneifrige , vielfragende Schiffsjunge . Nach Mittag standen sie dann im Sonnenschein auf dem Ewer , der schon in seiner großen Wake trieb : Schiffer , Knecht , Junge , Spielvogel und Hund . Hein Mück pumpte noch etwas , bis die Pumpe röchelte , und Störtebeker drängte das Ruder von Backbord nach Steuerbord und von Steuerbord nach Backbord , als habe er wirklich zu steuern . Klaus Mewes und Kap Horn aber schleppten die beiden schweren Trossen über das Eis . Da kamen sie vom Deich herunter und über das Eis gegangen , die Seefischer , die Wattfischer , die Lüttfischer , die Frachtschipper , es kamen der Gastwirt , der Reepschläger , der Blockmacher , der Krämer und der Segelmacher , weit über hundert Mann , alle in großen Stiefeln steckend , laut lachend und sprechend , in Gruppen und einzeln . Und die gewaltige Schar versammelte sich um den Ewer , einigte sich über den Weg , den sie nehmen wollte , und verteilte sich auf die beiden langen Kurrleinen . Alles Görenzeug lief und rannte auf den Schallen umher , und oben auf dem Deich standen die Frauen und Mädchen und guckten und warteten . Am Bollwerk und auf den Schallen aber lag die Menge der Fahrzeuge , denen der große Tag die Freiheit bringen sollte . Die vergoldeten Flögel blinkten im Sonnenschein , und in den Klüsenaugen leuchtete es vor Hoffnung . Der große Tag , - der größte Tag der Finkenwärder Fischerei , an dem sie die Mächtigkeit ihrer Flotte , die Stärke ihrer Mannschaft , die Brüderlichkeit und Hilfsbereitschaft ihrer Fahrensleute am besten bewies . Allen , die ihn erlebt haben , die den großen Triumphzug vom Bollwerk bis an das weit entfernte Fahrwasser gesehen haben , hat er sich unauslöschlich in die Seele eingegrücktt . Nicht wahr , du Finkenwärder : up den Dag kannst du di ok noch besinnen ? Es kamen immer noch mehr Fahrensleute über das Eis : alle , alle wollten helfen , alle wollten dabei sein ! Nun waren der Hilfsleute genug : Klaus Mewes stand am Steven wie ein König und gröhlte , die Leinen müßten noch weiter auseinander . Und als das getan war , da rief er über das Eis , so laut er konnte : » All klor ! Een , twee , dree : allemann inne Gangen ! Huroh ! Huroh ! Huroh ! « Da sprang Kap Horn nach dem Ruder und warf es herum : die Fahrensleute aber setzten sich mit Huroh und Jümmerbeterbi und Hödjihöh in Bewegung und zogen die Leinen steif : der Ewer kam in Fahrt und schoß durch das offene Wasser , dann krachte und knackte er gegen das Eis , zerbrach es , schob es zur Seite , drückte es unter sich , bäumte sich auf , senkte sich wieder , kam aber dann zum Stehen und blieb vor einem Eisberge sitzen ! Aber ein schönes Stück war schon bewältigt . Störtebeker sprang wie ein Wiesel , hüpfte wie ein Heister , wie ein Wippsteert auf dem Ewer umher : als aber das Brechen losging , stand er neben seinem Vater , der unermüdlich anfeuerte , und hielt sich am Vorderpoller fest . Das war was für ihn . » Junge , Junge , Vadder , so geiht he god . « Stoppi - stoppi - Nun mußte ein Tau achteraus geschoren werden , und sie mußten den Ewer ein Stück rückwärts ziehen , damit sie Anlaufraum gewännen . Klaus Mewes und seine Leute gingen mit Haken daran , die Schollen vor dem Bug zu entfernen . Kord Külper aber , der spaßige , der Ontjekolontje hieß ( er hatte aus dem bremischen Dreimaster , der mit Stückgut nach Valparaiso wollte und auf Scharhörn strandete , eine ganze Kiste Kölnischen Wassers - Eau de Cologne - erbeutet und bespritzte seitdem Taschentuch und Südwester , Buscherump und Ölbüx damit , wie behauptet wurde , jedenfalls aber roch alles an ihm nach Ontjekolontje ) , Kord Külper kam heran und rief : » Klaus Störtebeker mütt no achtern gohn , anners speel ik ne mihr mit : de drückt dat Fohrtüch vör to deep dol . « » Deit he ok ! « riefen einige Knechte zur Bekräftigung . Da trat Störtebeker schweigend ab , wie Wallenstein auf dem Reichstag zu Regensburg , ging langsam nach dem Heck und stellte sich neben Kap Horn ans Ruder , damit der Ewer den Steven höher höbe . Und Jan Kröger , der laute , kam über das Eis und sagte zu Klaus Mewes : » Klaus , du büst en fixen Kirl bi de Klütenpann , dat weet wi all , du weest , wat vör un achter is annen Schipp un büst vörn doten Kiwitt ne bang : ober dat Gröhlen , weest du , dat Bölken , versteihst du , dat Andrieben , hürst du , dat Beterbi , mien Jung , dat hest du doch noch ne rut ! Dat mütt ganz anners rutflegen ! Ik kann gröhlen : lot mi dor mol stohn un kummandiern ! « Klaus Mewes aber lachte : » Hier kummandier ik , Jan , dat weeß du woll ; bliew du man anne Kurrlien ! « » Eegenbuck ! « rief Jan laut und ging an seinen Törn . Dann erhob Klaus Mewes wieder Arm und Stimme , und alle zogen an . » Huroh ! Togliek ! Hödjihöh ! « So rief es auf dem Ewer , so rief es auf den Schallen , so rief es vom Deich , und das Fahrzeug gnosterte wieder durch das Eis und brach den Weg weiter . Zwei Ewerlängen wurden gemeistert , dafür mußten aber auch drei Mann ausscheiden , die eingebrochen waren : Jakob Walroß , der eigentlich Jakob Witt hieß und seinen Ökelnamen von seinem herunterhängenden , borstigen Schnurrbart hatte , und Hein Mewes , den sie Hein Lompdom nannten , weil er einmal geantwortet hatte , als ein Altenwerder ihn fragte , wie es auf Finkenwärder ginge : Och , dat weeß woll , Siem Achner , jümmer lompdom , lompdom ! Der dritte aber der eine Quappe stach , war Störtebeker : er hatte sich den kleinen Haken hergekriegt und die Eisblöschen mit weggeschoben : dabei war er über Bord gefallen und wäre beinahe unter das Eis gekommen , wenn Kap Horn ihn nicht noch mit dem Haken erwischt hätte . Er zog ihn wie einen Seehund an Deck , und nun war die Herrlichkeit aus : Klaus Mewes ging mit seinem Jungen nach unten , zog ihn aus , hängte das nasse Zeug um den Ofen und steckte den nackten Mann in seine Koje . Dann mußte er wieder hinauf , denn das Eisen war schon wieder in vollem Gange : er schickte aber Hein Mück , der Feuer machen mußte , damit es trockne . Oben rief es wieder von allen Seiten , am Bug scheuerte und stieß das Eis , dann donnerte und krachte es , als bräche der Ewer in Stücke ! Hein Mück sagte : » Och wat , dat Für will woll van sülben inne Gangen kommen ! « und rannte die Treppe hinauf , zu sehen und zu helfen . Klaus Störtebeker blieb allein in der Kajüte und horchte auf den Lärm . Nun treckten sie wieder , nun mußte der Ewer erst wieder über Steuer ! » Bang dött ik ne wardn , anners komm ik ne mit no See « , sagte er vor sich hin , wenn das furchtbare Poltern wieder anfing . Mitunter stand er auf und befühlte das Zeug , ob es noch nicht trocken wäre , dann kroch er frierend wieder unter die Decke und horchte abermals . Oder er guckte die goldenen Sprüche an , die unter den Kojen eingeschnitzt waren . * * * Was für Sprüche waren das ? fragt die Seele . - Wer im Altonaer Museum gewesen ist und die Ausstellung des Deutschen Seefischerei-Vereins gesehen hat ( Deutscher Seefischerei-Verein : ich möchte seinen Namen golden schreiben , weil er so viel für unsere Fischerei getan hat und noch tut ! ) - der hat auch in die puppenküchenenge Kombüse des Blankeneser Fischerewers aus den sechziger Jahren hineingeguckt und die Sprüche gelesen , die darin stehen : Unter der Schifferkoje : In Storm un Noth / Bewahr uns Gott ; unter der Knechtenkoje : Hier eben öber hin / Is beter as op den Bünn ; unter der Jungenkoje : Hüt Klüt un morgen Fisch / Vergnögt gaht wi to Disch . Und er hat wohl gefragt , ob auch die anderen Fischerfahrzeuge sich solcher Zier erfreuten . Sie taten es . Wie jedes alte Bauernhaus seinen Segen trug , so hatten auch die Ewer ihre Sprüche , köstliche Bibelverse zumeist . Bei Klaus Mewes stand unter der Koje des Koches sogar ein lateinisches Wort : Mediis tranduillus in undis . Und das war so gekommen : als Klaus das Fahrzeug bauen ließ , bei Jochen Behrens an der Süderelbe , der ein gutes Stück der Flotte gezimmert hatte , dachte er selbst viel über einen Bordsegen nach , blätterte die Bibel und das Gesangbuch durch und zerbrach sich den Kopf , aber er konnte nichts ketschern , das ihm gut genug war . Da ging er denn eines Tages , als er wieder nach der Werft wollte , beim Pastoren vor und fragte den . Bodemann , der schon manchem Fischermann geraten hatte , mußte etwas wissen . Nun hatte er den Tag aber gerade einen Auszug aus dem Borkumer Kirchenbuch über eine angeschwemmte Finkenwärder Leiche bekommen und über den lateinischen Spruch auf dem roten Siegel nachgedacht ; er nötigte den Besuch deshalb in einen Stuhl , der so weich war , daß Klaus Mewes an Abrahams Schoß erinnert wurde , und schrieb ihm die vier Wörter auf . » Sühso , mien lebe Klaus Mees « , sagte er und fragte nach Schiff und Stapellauf . Der Fischermann bedankte sich , dann aber drehte er den Zettel überkopf , als wenn die Worte in Spiegelschrift abgefaßt wären , guckte ihn nochmals scharf an und sagte dann : » Dat is woll latiensch , Herr Pastur , wat ? « » Jawoll , Herr Mees , latiensch ! « » So , so ! Non , Herr Pastur , weeten se , son beten latiensch kann ik jo . an Jan Eitzen sien Kutter steiht Ora et labora , und dat heet : Bete und arbeite . Un an Neßbur sien Hus steiht Soli deo gloria , un dat heet : Gott allein die Ehre . Ober mit düt Medis sitt ik all gliek fast ! « » Mediis tranpuillus in undis : ruhig inmitten der