auch überflüssig , denn er ist manchmal innerlich zerrissen , und dann erzählt er aus eigenem Antrieb von ihr . Man tut am besten , ergriffen zu schweigen . Die irdische Liebe kann natürlich wechseln , die himmlische bleibt im allgemeinen dieselbe . Ich bin , soweit ich mich erinnern kann , immer nur die irdische gewesen . Man hat mir erzählt , daß die irdische manchmal sehr böse wird , weil die andere ihm in seelischer Beziehung mehr bedeutet . Ach du liebe Zeit , seelische Eifersucht ist nun vollends nicht meine Sache . Man lasse doch seine Seele unvermählt ! - Im Gegenteil , man denkt nicht ohne Vergnügen , die himmlische hätte allen Grund eifersüchtig zu sein . Sie ist es auch gewiß . Die himmlische Liebe ist meistens eine verheiratete Frau . Entweder ist sie mit ihrem Mann nicht glücklich geworden und hat dann erst den anderen kennengelernt . Oder sie kannten und liebten sich schon vorher , und aus einem oder dem anderen zwingenden Grunde hat sie ihn nicht geheiratet . Die beste Konstellation ist , wenn sie sich erst zu spät darüber klar wurden , daß sie für einander geschaffen waren - überhaupt irgendein unseliges : zu spät , das nun seinen Schatten auf beider Leben wirft . Manchmal - seltener - ist es auch ein junges Mädchen , das er später einmal heiraten will . Die mit der himmlischen Liebe sind also eigentlich die monogamen Männer oder solche , die es werden möchten . Sie vertiefen sich mit großem Interesse in das Leben der unmonogamen Frau und zittern in dem Gedanken , die himmlische Liebe könne auch einmal ähnlich empfinden . Teurer Freund , ich renommiere gerne damit , daß man mich niemals versetzt hat , aber bei dieser Gelegenheit fällt mir aufs Herz , daß mein blanker Schild doch wohl einen Flecken aufzuweisen hat . Einmal - ja , einmal hat eine himmlische Liebe mich zu Fall gebracht . Sie war zu stark , und er fühlte sich dem Zwiespalt nicht mehr gewachsen , konnte mir nicht länger angehören , weil er immer an diese Frau dachte , die ihm nie angehören würde . Das teilte er mir sehr betrübt mit , und für mein einfaches Gemüt war es entschieden zu kompliziert . Ich gab mir alle Mühe , es tragisch zu nehmen , denn ich hatte ihn sehr gern , aber ich empfand im Grunde doch nur etwas Ähnliches wie : Guter Junge ! es regnet ! - Und als ich ihn nach einiger Zeit wiedersah , konnte ich ihn nicht mehr ausstehen , er fiel mir nur noch auf die Nerven . - Halten Sie es für möglich , daß das am Ende doch Eifersucht war ? 9 Mir geht es ebenso , lieber Doktor - weder Ihnen noch mir selbst weiß ich das Rätsel zu lösen , warum ich so lange in der Regenstadt hängengeblieben bin . Ich konnte mich einfach nicht wieder fortfinden . Das passiert mir eben hier und da . - Es war so von Herzen langweilig , immer dieselben grauen Straßen , dieselben beschaulichen Nachmittagsstunden in unserem Tea-room vor dem Kamin - immer dieselben Menschen - nein , das stimmt nicht ganz , es waren auch manchmal andere . Aber gerade in all dieser grauen Langeweile lag etwas , wovon ich mich nicht trennen konnte - etwas von Abgeschiedenheit und Klosterfrieden . Ja , das war es wohl - ich habe es so oft bedauert , daß es nicht mehr Mode ist , von Zeit zu Zeit ins Kloster zu gehen und eine Retraite zu machen wie in früheren Zeiten . Denken Sie , wie schön es sein muß , wenn man müde vom sündigen Welttreiben , tief verschleiert und in tiefes Schwarz gekleidet , aus dem Wagen steigt , an der Klosterpforte läutet und von einer milden Äbtissin empfangen wird - um ein paar Wochen gründlich auszuschlafen . Die Regenstadt war so eine Art Retraite für mich - wenigstens in den letzten Wochen . Aber jetzt hat sie lange genug gedauert - ich bekomme manchmal sentimentalische Anwandlungen . So verfolgt mich dieser Tage ein Vers - in meiner Backfischzeit schrieb ein Onkel , den ich sehr liebte , ihn mir ins Stammbuch : Stehe aufrecht an dem Steuer - Mit dem Schiff laß spielen Wind und Wellen - Wind und Wellen nicht mit deinem Herzen - und darunter : einer , der dich kennt . Mir scheint , der Onkel hat mich doch nicht sehr gut gekannt , sonst hätte er sich die Mahnung wohl von vornherein sparen können . - Wind und Wellen haben seit damals ganz erheblich sowohl mit dem Schiff als auch mit dem Herzen gespielt - und das Steuer - ich fürchte , es war überhaupt eine überflüssige Einrichtung , ich habe nie versucht , es in Tätigkeit zu setzen . Auch jetzt schwanke ich wieder einmal , wohin die Fahrt gehen soll . Manchmal hatte ich schon beinahe Lust , in die heimischen Gefilde zurückzukehren . Natürlich vor allem , um Sie durch meine Nähe zu beglücken . Aber Sie wissen ja , ich habe die schlechte Gewohnheit , bei jeder Abreise meine jeweilige Daseinsform aufs gründlichste aufzulösen , und muß mich dann bei der Rückkehr von neuem etablieren . Dazu bin ich jetzt nicht aufgelegt - absolut nicht . Wissen Sie auch , Doktor , daß es verschiedene Heimwehs gibt ? Eines nach der wirklichen Heimat , vorausgesetzt , daß man eine gehabt hat - das ist recht zwecklos und gibt sich auch mit der Zeit . Dann ein Gewohnheitsheimweh , nach dem Ort oder den Orten , wo man länger gelebt hat . Und schließlich ein ganz starkes nach der Fremde , nach Eisenbahnen , Dampfschiffen , fremden Sprachen , Koffern und Hotels . Ich weiß , wenn das alles wieder um mich ist , fühle ich mich zu Hause , und zu Hause ohne alle Sentimentalität . Kurz , lieber Freund , dahin steht jetzt mein Verlangen . Die bekannte innere Stimme rät mir dringend ab , es wieder mit einem Wohnort zu versuchen . Wohnorte eignen sich doch nie recht für mich , und ich eigne mich nicht für die Wohnorte , es gibt also nur Konflikte . Ich glaube , mir kommt alles im Leben immer zu provisorisch vor , und ich nehme es dann auch zu sehr in diesem Sinne . Vielleicht bin ich selbst eben nur provisorisch gedacht , nur entworfen . Es will mir manchmal so scheinen . Aber es ist wirklich zum Gottserbarmen , was ich da heute zusammenschreibe , und es wird besser sein , ich höre auf . Machen Sie sich deshalb um meinen Gemütszustand keine Sorge , es ist wohl nur die lange Retraite und der Abschied von der nassen Stadt , was mich so nachdenklich stimmt . Und trösten Sie sich , lieber Freund , daß ich einstweilen noch nicht auf der Bildfläche erscheine - vielleicht finden Sie inzwischen Yvonne - und wenn Sie gar nichts finden - kommen Sie mir nach . 10 Nun bin ich fort - die Regenstadt liegt in weiter Ferne , die Klosterpforte hat sich hinter mir geschlossen , bis zur nächsten Retraite - die Äbtissin ... die Äbtissin war sehr liebenswürdig und hofft - machen wir drei Kreuze hinter ihre Hoffnungen . Bahnhöfe und Hotelzimmer - ich bin sehr glücklich . Ein unschätzbares Gefühl : nicht hier und nicht da , sondern einfach fort zu sein . Daß ich den ersten Brief aus Venedig schreibe - Kopfschütteln Ihrerseits - Venedig ? - Was wollen Sie , mein Freund ; wieder einmal Schicksal , wieder einmal typisches Erlebnis . Nein , ich wollte auch gar nicht hierher , aber wenn ich nach Italien gehe , will ich regelmäßig nicht nach Venedig und komme regelmäßig doch hin . Erinnern Sie sich noch an das letzte Mal , als ich unerwartet und reisefertig zu Ihnen hinaufkam und Ihnen kundtat , ich müsse auf zwei Tage nach Brindisi fahren ? Es handelte sich um ein längstersehntes Wiedersehen , und das ließ sich durchaus nicht anders arrangieren als eben in Brindisi . Es sollte auch sonst niemand darum wissen , aber an der Bahn traf ich einen entfernten Bekannten , der in denselben Zug stieg . Tags zuvor hatte ich ihm mit vieler Mühe vorgeschwindelt , ich wollte nach Berlin fahren . - Nun fuhren wir zusammen bis Verona , und es half mir nichts - zur Strafe für den Schwindel mußte ich ihm versprechen : auf der Rückreise einen Tag Venedig . An diese Reise denke ich heute noch mit Vergnügen . Italien und ich flogen so einander vorbei , es hat mir noch nie so gut gefallen . Den Tag im Coupe , die Nacht im Schlafwagen - ein paar Stunden Rom , ein paar in Neapel , vierundzwanzig Stunden in dem gottverlassenen Brindisi - gerade genug für Wiedersehen und Abschied . Dann wieder Eisenbahn , Eisenbahn - übernächtig , glücklich und etwas wehmütig - irgendwann um Mitternacht in Venedig - auf dem Kanal , auf dem Markusplatz , im Hotel - mit dem entfernten Bekannten . Genau sechs Tage nach der Abfahrt saß ich wieder bei Ihnen und hab ' Ihnen zur Strafe recht wenig erzählt . Denn Sie mokierten sich weidlich über meinen Ritt ins romantische Land und hatten allerlei schwarze Verdächtigungen . Daß ich wirklich aus alter Treue - in der alten Treue bin ich immer stärker gewesen als in der neuen - in Brindisi war , daran glauben Sie ja noch heute nicht . Und diesmal geschieht Ihnen ganz recht , daß es nicht viel zu erzählen gibt - es ist kaum der Rede wert - nur die harmlose Geschichte vom roten Faden , die Ihre Sensationslust hoffentlich etwas enttäuscht . Die Geschichte vom roten Faden handelt nämlich nur von einem Erlebnis , das nie zustande kam . Ich muß etwas ausholen , denn die Anfänge der Begebenheit liegen schon um einige Jahre zurück , aber ich will es so kurz wie möglich machen . Wir waren damals , was man einen animierten Kreis nennt , und S ... , der Held meiner Geschichte , gehörte mit zu diesem Kreise . Ein Freund von ihm war mein sehr guter Freund , mit dem ich gerade auf Reisen gehen wollte . Man war noch mitten in den Flitterwochen . Wir brauchten volle zwei Monate , um endlich fortzukommen , derweil lebten und wohnten wir zwischen unzähligen Koffern , die immer wieder aus- und eingepackt wurden , zwischen Flinten , Sattelzeug und wissenschaftlichen Apparaten , die uns alle begleiten sollten , und feierten unaufhörlich Abschiedsfeste , denn jeder Tag konnte der letzte sein . Es war eine beständige Konfusion von Wohnungen , Hausschlüsseln und improvisierten Nachtquartieren , woraus sich viele schwierige und heitere Situationen und eine angenehm sündhafte Atmosphäre ergaben . Wir - S ... und ich - waren uns von Anfang an sympathisch und flirteten weidlich miteinander ; aber ganz in Ehren , der Sachlage angemessen . Man blinzelte sich gewissermaßen zu : jetzt nicht , aber vielleicht später einmal . Und dieses : später einmal - bildet den Inhalt der ganzen Historie . Ich ging auf Reisen und kam wieder zurück , man sah sich wieder , und inzwischen war verschiedenes anders geworden . S ... und ich setzten uns ins Einvernehmen , daß jetzt der Moment gekommen sein dürfte . - Aber es sollte nicht sein . Ich weiß nicht , wie oft wir schon beisammen saßen und trauliche Zwiesprache pflogen - jedesmal gab es eine gänzlich unvorhergesehene Unterbrechung . Wir gaben uns Rendezvous , duzten uns auch einmal schon acht Tage lang - immer wieder kam etwas dazwischen . Wir hatten schließlich das Gefühl , als ob das Schicksal - meines oder seines - uns durch Detektive überwachen ließe , die pünktlich im gegebenen Moment uns die Hand auf die Schulter legten : bis hierher und nicht weiter . Ich erinnere mich vor allem an einen Abend , wo er siegesfroh bei mir zum Souper erschien . Wir waren beide etwas verlegen und dachten : ... ja ... nun ... Aber es klingelte , und eine Freundin kam - ebenfalls mit Souperabsichten . Das wäre ja an sich noch nicht so schlimm gewesen - wir soupierten also zu dreien mit vieler Heiterkeit . S ... wollte sie dann heimbegleiten - ein Blick : ich komme wieder ... Fünf Minuten später kamen alle beide die Treppe wieder herauf - der Schlüssel war in der Haustür abgebrochen . Es gab also wieder einmal Nachtquartier in der Mehrzahl , das die ironische Vorsehung schon so oft über uns verhängt hatte . Gute Miene und böses Spiel , denn die räumlichen Verhältnisse ermöglichten wohl eine pikante Situation zu dreien , verwehrten aber jedes tete-a-tete . Nie vergesse ich den schmerzlichen Zug um seine Lippen , als er morgens beim Abschied sagte : ich möchte wissen , in welcher Konstellation wir das nächste Mal übernachten werden . Aber es blieb bei dieser letzten , denn ich verreiste bald darauf und er verlobte sich - heiratete - war recht unglücklich in seiner Ehe und ließ sich wieder scheiden . Unsere Wege trennten sich , kreuzten sich hier und da wieder , wir blieben immer irgendwie in freundschaftlichem Kontakt , und es bildete sich allmählich die Tradition heraus , daß S ... in angemessenen Zwischenräumen bei mir anfragte , ob mein Herz und meine Hand - sei es auch nur die Linke - zurzeit verfügbar sei . Aber jedesmal , wenn er in zierlichen Redewendungen seinen Antrag stellte , waren Herz und Hand schon anderweitig in Anspruch genommen . - » Warum kommen Sie gerade jetzt ? - Dienstag vor vierzehn Tagen ... « Und war bei mir eine Vakanz , die ich gern vergeben hätte , so war er gerade in Spanien , um irgendeinen alten Meister zu entdecken , oder ging ernstlich damit um , ein junges Mädchen aus guter Familie zu heiraten . Das letztemal , als wir uns zufällig in Berlin trafen , meinte er förmlich erbittert : es sei allmählich höchste Zeit , daß diese Angelegenheit , die sich nun schon so lange wie ein roter Faden durch unser beider Leben ziehe , einmal ausgetragen würde . Von jetzt an sei es an mir , den Wink zu geben . Wir haben dann ausgemacht , daß ich ihm , wenn der geeignete Zeitpunkt käme , einen roten Faden zuschicken sollte . Zwei oder drei Monate später lag der rote Faden bereit - es war sogar eine schöne , dicke seidene Schnur - er lag schon kuvertiert in meinem Schreibtisch , und es war nur Bummelei , daß ich ihn noch nicht abgeschickt hatte - da bekam ich wieder eine Verlobungsanzeige von Freund S ... Am Vorabend seiner Hochzeit habe ich ihm den roten Faden in die Hand gedrückt , und wir haben beide heiter und herbstlich dazu gelächelt . Letzten Winter hörte ich , daß er noch einmal wieder von der Ehe Abschied nehmen wollte - ja , und vor ungefähr acht Tagen kam ein Brief aus Venedig - in dem Brief lag meine rote Seidenschnur ... Voila - Freund und Doktor , das Weitere werden Sie nie erfahren - machen Sie sich keine Hoffnung . Bedenken Sie , daß die Lösung ja in jedem Fall banal ausfallen muß . Legt die Vorsehung wieder ihr Veto ein , so wird es langweilig . Drückt sie aber diesmal ein Auge zu , so verliert die Geschichte vom roten Faden erst recht ihren Reiz . 11 Falsch geraten - ich bin in Rom , und S ... ist nach Norwegen gefahren . Ein hoffnungsloser Fall - der arme Kerl strebt im Grunde seines Herzens doch nur danach , wieder zu heiraten . Für seine Bekannten ist ein Trost dabei : er ist immer am nettesten , wenn er eben eine Scheidung hinter sich hat . Das wirkt auf seinen inneren Menschen wie eine Art Wiedergeburt - aber es ist halt doch etwas umständlich . Nun beschäftigt er sich neuerdings mit Rassentheorie und meint , an seinen bisherigen Fehl-Ehen sei vor allem die schlechte Rasse seiner Gefährtinnen schuld gewesen . Ja , und deshalb will er jetzt die reinrassigen nordischen Frauen näher studieren . Wir saßen den letzten venezianischen Nachmittag am Markusplatz beim Eiskaffee und erwogen voller Wehmut , was geschehen wäre , wenn wir beiden uns doch damals am Anfang unserer Bekanntschaft geheiratet hätten . Vielleicht wollte die Vorsehung nur darauf hinaus und hat unserer illegalen Neigung deshalb so viele Steine in den Weg gelegt , wer kann es sagen ? Und wäre ich jetzt seine geschiedene Frau - rechnete er mit Bedauern aus - , so verfügte er doch wenigstens über eine kleine Rente , während er unter den obwaltenden Verhältnissen leider herzlich wenig für mich tun könnte . Kurz , er zeigte sich recht besorgt um meine finanzielle Gegenwart und Zukunft , gab mir viele gute Ratschläge und machte mich noch telegraphisch mit einem seiner vielen und merkwürdigen Auslandsfreunde bekannt , der gerade in Rom ist und mich denn auch mit fürstlichen Ehren empfangen hat . Man nennt ihn einfachheitshalber den Sizilianer , weil er meist in Sizilien lebt und seine Nationalität etwas verwickelt ist . Er ist in Madagaskar geboren , aber ich glaube , aus spanischer Fanlilie , also immerhin reizvoll international - gebrochenes Deutsch - nun , man wird ja sehen . Ich gestehe Ihnen offen , manches von dem , was S ... mir sagte , ist mir wirklich zu Herzen gegangen . Er erklärte es für geradezu unverantwortlich , daß ich immer noch keine ernstlichen Schritte getan , um mich zu rangieren . Er hat recht , und ich habe es mir ja selbst ja auch schon hundertmal gesagt - und Sie - und verschiedene andere . Ein schwieriger Punkt - ich kann das Gerede von Problemen sonst nicht ausstehen - es sind ja fast nie welche - aber diese Sache erkenne ich an , als Problem , als alles , was Sie nur wollen . Ganz sicher : es ist immer empörend für eine Frau , wenn das äußere Dasein sich nicht angenehm und schmerzlos abwickelt . Einmal hat ja doch jede - jede den angeborenen Hang zu Wohlleben und Bequemlichkeit , auch wenn sie ' s nicht wahrhaben will oder sich ' s nicht leisten kann . Und dann tut es auch der Eitelkeit weh : Frau in Geldschwierigkeiten ist immer wie ein Bild , das schlecht gerahmt ist und am unrechten Platz hängt . Teurer Doktor , da wir nun doch einmal von mir reden - seit ich aus meinem wertvollen alten Familienrahmen entfernt wurde , hat mir wohl keiner mehr gepaßt . Mancher war recht gut , mancher wieder sehr mittelmäßig , und es gab auch Zeiten , wo das Bild nur mit Reißnägeln an die Wand geheftet war . Ja , ja - und wie S ... mir auch wieder vorhielt - ich hätte alle möglichen Chancen haben können . Aber was wollen Sie ? - die legitimen ? Gott soll mich bewahren - und er hat mich bewahrt . Wenn ich eine gute Partie machen konnte , hatte ich immer gerade keine Lust zu heiraten , und das eine Mal , wo ich dann doch heiratete , wurde der Mann erst eine gute Partie , als ich schon wieder über alle Berge war ( Sie wissen ja , wie lange meine Ehe gedauert hat ) . Jetzt hat er eine glänzende Stellung , und ich hätte sie auch . Aber was täte ich damit ? Ach , und der Mann liebte mich - in der Ehe könnte ich das auf die Länge nicht aushalten . Höchstens eine Distanzehe mit sehr viel Geld , so daß jeder seinen eigenen Flügel bewohnte , seinen eigenen Train und seinen Verkehr für sich hätte . Zu den Mahlzeiten träfe man sich in großer Toilette und mit vielem Zeremoniell , will er mich außerdem noch sehen , so läßt er sich durch seinen Kammerdiener melden : Der gnädige Herr läßt fragen , ob sein Besuch heute abend angenehm wäre ? - Der gnädige Herr ist immer willkommen . Habe ich Gäste , die sich für ihn eignen , so lade ich ihn ein . Seine Stellung als Hausherr wird dann natürlich betont , er dürfte nie kompromittiert werden - kompromittierter Ehemann ist geschmacklos und unmöglich . Und hat er Besuch , so mache ich auf Wunsch in seinen Räumen die Honneurs . Das wäre die einzige Möglichkeit , auf die ich heiraten möchte - schade , schade , daß Sie nicht Geld genug haben , wir könnten es vielleicht versuchen . - Ich habe auch sicher in einem früheren Leben schon eine solche Ehe geführt , mir kommen alle Details so durchaus vertraut vor , auch die Art der Beziehungen und das Wesen des Eheherrn . Aber kehren wir zu unseren moutons zurück - die illegitimen Chancen ? - sehen Sie , unsere Freunde denken im allgemeinen , wir täten uns so leicht damit - man brauchte nur zu wollen , so hätte man , was man wollte . Nein , ich glaube , auf diesem Gebiet spielt der Zufall uns so willkürlich mit wie auf keinem anderen . Männer , die uns finanzieren wollen , gibt es genug , aber solche , die angenehm und dauernd finanzieren , dabei sympathisch oder wenigstens erträglich sind , nicht zuviel persönliche Ansprüche stellen und uns nicht plagen - ich fürchte , die muß man mehr oder weniger als seltenen Glücksfall betrachten . Meine besten Utilitätsbeziehungen oder die es werden wollten , waren fast immer Leute , die ich von vornherein oder nach kurzer Zeit nicht mehr ausstehen mochte . In günstigeren Fällen standen sie gerade erst im Begriff reich zu werden - man hätte warten und ausdauern müssen - oder sie hatten eben ihr Vermögen verloren . ( Ich hoffe , Sie werden endlich einsehen , daß ich eigentlich doch ungemein wählerisch bin . ) Wie oft habe ich mir gesagt : liebes Kind , es muß nun einmal sein ... der Ernst des Lebens ... Schulaufgaben müssen gemacht werden , sonst gibt es kein Dessert ... Aber ich habe weder als Kind noch später den nötigen Eifer für meine Schulaufgaben gehabt , es war immer etwas anderes da , was mich gerade mehr lockte . Wenn man auf diesem Wege Karriere machen will und nicht ganz besonderen Dusel hat , muß man vor allem eiserne Nerven und eiserne Ausdauer haben . Und , wie beim Theater , möglichst früh anfangen , damit die Schattenseiten des Metiers zur Gewohnheit werden . Hat man sich erst daran gewöhnt zu tun und zu lassen , was man eben gerne tun und lassen möchte , ja , dann ist man zu verwöhnt . L ' art pour l ' art ist sicher schöner , erfreulicher , aber unrentabel . Nerven und Ausdauer , also im Grunde etwa dieselben Qualitäten wie für die Ehe . Stellen Sie sich eine Dauersache mit Finanzhintergrund vor - auf einmal hat man keine Lust mehr , möchte ich ihn eine Zeitlang nicht mehr sehen - aber er kommt unweigerlich zwei Abende in der Woche , will einen womöglich zwischendurch noch sehen . Oder es gefällt einem plötzlich jemand anders - finanzielle Dauersachen sind noch eifersüchtiger als der verheiratete Gatte . Manchmal lieben sie uns auch wirklich - sogar die Seele . Und verschiedene a tempo - sehr unbequem ! Sobald die Männer Geld hergeben , sind sie viel scharfsichtiger und wissen besser Bescheid über Einkaufspreise : Jeder ahnt den anderen : Woher die indische Decke ? - oder der Pelz oder sonst irgend etwas . Man müßte denn schon eine offizielle Persönlichkeit sein - nur so oder mit Nebenberuf - etwas Tanzendes , Singendes , Springendes . Das schwächt die Eifersucht ab , weil man damit renommieren kann : die Soundso ? Aha - kenne ich auch ! Und ein Beruf , wäre er auch noch so lustig - wir wissen es beide , lieber Doktor - selbst wenn der Himmel mir die schönsten Talente in die Wiege gelegt hätte , die Ausdauer ist nun einmal vergessen worden , und ohne die geht es in keiner Branche . Übrigens habe ich immer wieder die Beobachtung gemacht , daß die Mädchen , die aus unteren Schichten heraufkommen , viel energischer und zielbewußter danach streben , Karriere zu machen . Sie wollen um jeden Preis nach oben kommen und reüssieren deshalb auch viel eher . Wir anderen - ich zum Beispiel , bin sehr verwöhnt aufgewachsen , die äußeren Annehmlichkeiten waren einfach da und erschienen mir nie als etwas Außerordentliches . Das bleibt im Gefühl - hätte ich von heute auf morgen Haus und Hof , Equipage , Dienerschaft und so weiter - es würde mir nur selbstverständlich vorkommen . Ist es nicht vorhanden , so empfinde ich das eigentlich wieder nur als einen provisorischen unangenehmen Zustand . Hat man den Zug verpaßt , so muß man halt auf irgendeiner mesquinen kleinen Station warten , aber man identifiziert sich deshalb noch nicht mit ihr . Ich fürchte überhaupt , die gute Erziehung , das Aufwachsen in einer erstklassigen Umgebung ( sehen Sie , wie ich mich in die Brust werfe ) beeinträchtigt die Entwicklung der praktischen und kaufmännischen Instinkte sehr stark . Man empfindet es immer als widersinnig , daß die Existenzfrage sich nicht ganz von selbst erledigt . Ich bin überzeugt , daß keiner meiner näheren Standesgenossen imstande ist , einen Kursbericht zu verstehen ; kommt er einmal auf den Gedanken zu spekulieren , so läßt er es eben durch seinen Bankier machen . Und als Frau - sollte man zumindest einen Impresario haben , dann wäre es schon eine andere Sache . Aber dieses Amt übernimmt wieder kein Mann , der etwas auf sich hält . - Man müßte - man sollte - ich weiß schon , mein Lieber , Sie haben Ihre Freude daran , wenn ich auf dem Diwan liege und aus tiefster Seele sage : man sollte eigentlich ... und doch um keinen Preis aufstehen würde , um das , was man eigentlich sollte , in Angriff zu nehmen ... 12 Nicht so ungeduldig , mein Freund - ich weiß sehr wohl , daß es sich gehört , Briefe fertig zu schreiben , aber das Leben nahm mir die Feder aus der Hand , und ich war seither nicht in Teestimmung . So hab ' ich ihn als Fragment abgeschickt , um Sie nicht länger warten zu lassen ; und ich denke , für ein Fragment war er lang genug . Heute würde ich nun wohl schwerlich den Faden wiederfinden , wenn Sie ihn mir nicht so liebenswürdig zugereicht hätten . Das Thema scheint Sie beinah mehr zu interessieren als mich selbst , ich möchte wissen warum . Es sieht fast so aus , als könnten Sie die Zeit nicht erwarten , wo Sie an meiner Seite Viere lang fahren werden . Es wäre auch sicher sehr hübsch , aber einstweilen gefällt es mir noch ganz gut , hier und da in ein fremdes Auto einzusteigen und so weit mitzufahren , wie ich gerade Lust habe . Ist keines da , so läuft man zu Fuß und flucht oder amüsiert sich darüber - je nachdem . Gott ja - das berühmte Thema - teurer Doktor , bitte , verwechseln Sie den Mangel an kaufmännischem Talent nicht wieder mit innerem Wert . Nein , ich habe innerlich nichts , gar nichts gegen das Verkaufen einzuwenden , weder für andere noch für mich . Nur müßten die Bedingungen angenehm und annehmbar sein . Und das ist selten , ach , so selten der Fall , vielleicht verfolgt auch gerade mich ein besonderer Unstern . Erschrecken Sie nicht , ich möchte sogar gelassen aussprechen , daß für mein Gefühl der Handel in seiner direktesten Form immer noch die beste Möglichkeit wäre und eigentlich auch die anständigste . Ein fremder Herr ( schon die Fremdheit ... Sie wissen ja ... ) , der spurlos wieder in der Versenkung verschwindet - was für eine Ersparnis an Nervenkraft gegenüber dem festen Utilitätsverhältnis , das vorsichtig gehandhabt und geduldig ertragen werden muß . Aber auf diesem Gebiet ist ja leider alles so mangelhaft organisiert , so gesellschaftlich unmöglich gemacht ... verlassen wir es lieber ... Der Sizilianer ist gerade zur rechten Zeit aufgetaucht , und sein Auto ist gut . Warum ist er Ihnen nicht ganz geheuer ? Ein Rasta , mit dem ich arg hereinfallen werde , meinen Sie - sicher ist er ein Rasta , aber das ist ja gerade sein Hauptcharme , ich habe immer ein Faible dafür gehabt . Und vermutlich fällt er eher mit mir herein , denn er scheint es wenigstens bisher bitter ernst zu nehmen . Und ich weiß nicht recht , was ich mit seinem Herzen anfangen soll . Es kann ein Dilemma sein , ob man jemand glücklich oder unglücklich machen soll . Manche haben mehr davon , wenn sie unglücklich sind - sie wollen gerne alle Tiefen der Leidenschaft durchmessen - und sind dann auch traitabler . In diesem Falle bin ich mir noch nicht klar darüber . Pedro - so heißt er - ist in seinem ganzen Wesen etwas ungestüm , und wenn er zu glücklich ist , werde ich einen schweren Stand haben . Aber die direkte Werbung steht noch aus - ich finde diesen Zwischenzustand sehr reizvoll und möchte ihn noch eine Zeitlang festhalten . Er umwandelt mich einstweilen auf Freiersfüßen und demonstriert mir vor , wie angenehm das Leben sich an seiner Seite leben läßt . Wenn ich zum Frühstück komme , sitzt er schon da , eine Blume im Knopfloch , dieselbe Blume als Strauß an meinem Platz - etwas ungeduldig , denn ich komme immer eine Stunde zu spät , und sein Chauffeur tyrannisiert ihn . Madame ... - Handkuß - ces fleurs ... dann kommt , was die Blumen des