eine lumpige hat keinen Wert . « » Aber , liebes Kind , « entgegnete der Professor , - » du willst doch , - dann , - wenn ich mich mal zurückziehe oder wenn mir was geschieht , - weiter leben , nicht ? Und sogar ähnlich wie jetzt , - wie ? Ich habe dir das doch schon oft erklärt ! « Eine leichte Erregung war in seiner Stimme . » Wenn man es aber nicht entbehren kann ! « seufzte sie . - - - » Und wie denn , wenn du mal längere Zeit krank bist und nichts verdienst , - woher dann die Quote aufbringen ? « » Das wäre schlimm « , erwiderte er , und seine Stirn zog sich in Falten . » Krankheit ist in meinem Budget nicht vorgesehen . « Er schien sorgenvoll zu grübeln . » Na - vor dem Schlimmsten schützt dich ja dein Vermögen . « Es war spät geworden , die Geschwister wollten sich verabschieden . Der Professor hielt sie zurück , sie sollten vorher noch seinen » Gang « mit Kathi ansehen . Zu diesem Zwecke begab man sich in das breite Vorzimmer , das mit dicken Veloursläufern belegt war . Edda und die Geschwister setzten sich auf die runden Hocker , die hier an den Wänden standen . Der Professor warf den Rock und die Manschetten ab . Kathi löste den leinenen Stehkragen von der Seidenbluse , knöpfte die Ärmel am Handgelenk auf und rollte sie hoch über die Ellbogen . Dann stellten sie sich fest einander gegenüber . Einen Moment standen sie mit gestreckten Köpfen , - dann fiel sie mit einem sehnigen Sprung über ihn her . Sie umklammerte seinen Hals und suchte ihn niederzuziehen . Er parierte den Kopfgriff und stemmte den Ellbogen gegen ihr Kinn . Dabei griff sie ihm unter die Arme , preßte seinen Leib und versuchte , ihn hoch zu heben . Er drückte gegen ihre Brust , daß ihre Arme von ihm abglitten , und die krausen Stirnhaare den Kopf umflogen . Aber sie schnellte wieder vor . Da faßte er sie plötzlich am rechten Handgelenk , drehte sich jählings um , zog ihren Arm über seine Schulter , ließ sich auf die Knie fallen und warf sie zur Erde . Sie versuchte , sich zu erheben , es gelang ihr nicht . Im nächsten Augenblick lagen sie verknäult auf dem Boden . Seine Muskeln spannten sich stählern , sie wieder ringelte sich zwischen seinen Armen durch und schnellte halb auf , wenn er sie vollends niederdrücken wollte . Da läutete es an der Korridortür . Der Professor und Kathi ließen voneinander ab und sprangen auf . Das Stubenmädchen kam aus der Küche und eilte zur Wohnungstür . » Sehen Sie erst nach , wer es ist « , rief ihr Edda zu . Nach der » Sperre « war ein Besuch etwas Ungewohntes . Das Mädchen hatte durchs Guckloch geblickt und teilte flüsternd mit , es sei der Herr Reisenleitner . » Aufmachen « , rief Edda . Ihr Bruder trat ein . » Servus , Kinder « , begrüßte er Schwester und Schwager . Er schüttelte ihnen die Hand und begrüßte die anderen mit leichter Verbeugung . Der Professor und Kathi standen schwitzend und schnaubend ; sie streifte ihre Ärmel herunter , und er schlüpfte in seinen Rock . » Mein Schwager Reisenleitner - mein Cousin Stanislaus Diamant « , stellte der Professor vor . » Aha - der Herr Bruder aus Schlesien , - sehr angenehm . « » Aus Berlin « , verbesserte der Professor und dehnte das i. » No - erlaub du mir - wie kannst du so was sagen ? Wann ich mich morgen in - sagen wir - in New York ansiedeln tu ' , bin ich deswegen doch a Weaner . « » Sehr richtig « , sagte Stanislaus , senkte den Kopf auf die Seite , lugte schräg über den Zwicker und zeigte seine Zähne . » Was macht ' s ihr denn da alle im Vorzimmer , - aha - the usual match ! « Er kannte das . » Wer hat g ' wonnen ? Niemand ? Unterbrochen ? Schad ' . « Vinzenz Reisenleitner war ein elegant gekleideter Herr , vollblütig , groß , kräftig , mit braunem Haar , aufgezwirbeltem Schnurrbart und hellblauen Augen . Sein von der scharfen Herbstluft angeblasenes Gesicht schien von Gesundheit zu glühen . Er trug einen braunen Ulster , von weitestem Sackschnitt , der ihm nicht ganz bis an die Knie reichte , einen sehr hohen Stehumlegekragen , die modernste Krawatte von zartem Hellgrün und steifen , schwarzen Hut . » Alsdann , - wißt ' s ihr , warum , daß ich da bin ? « Edda lud ihn ein , ins Zimmer zu kommen . » Ja , aber nicht lang , - ich muß gleich wieder weg , - ich hab versprochen , ich bring euch mit . « » Wohin denn ? « Er nannte ein bekanntes Nachtlokal , einen Champagnerkeller » Zum Nachtfalter « . » Was ist denn dort los ? « » Los is nix . « » Also ? « » Beim Nachtmahl im Imperial habe ich deinen Famulus getroffen , den Herrn Pankraz . « » Seit wann speist denn der im Imperial ? « mischte sich Frau Edda ein . » So eine Frechheit ! « » Kannst beruhigt sein , auf seine Kosten tut er das nicht ; der klebt schon die ganze Zeit an dem amerikanischen Doktor . « Er wandte sich zum Schwager : » Du hast ihn abgetreten an den , - hat er g ' sagt , - so lang , daß der da is . « » Der Dr. Macpherson nimmt mit ihm die Kollegien durch « , erklärte der Professor , » und noch andere Sachen , die man in Wien durchnimmt . « » Mit dem war er da . Und die zwei gehen heut ' noch zum Nachtfalter . - Da haben ' s mich heraufgeschickt , ich soll euch hinschleppen . « Der Professor sah seine Frau fragend an ; er überließ ihr die Entscheidung . Er für seine Person war zeitweiligen Exzessen nicht abgeneigt . » Ich müßt ' mich erst anziehen « , sagte Edda zögernd , schien aber doch den Plan zu erwägen . » Wo ist denn die Eva ? « fragte sie . » Die sitzt natürlich bei der Kleinen « , antwortete Reisenleitner mit einer Handbewegung und einem Achselzucken , die Resignation ausdrücken sollten . » Deine Frau kommt zu wenig heraus « , sagte der Professor in etwas tadelndem Tone . Vinzenz antwortete ärgerlich : » Erschtens , - « er hielt ihm den Daumen vor die Augen , - » weißt du nicht , was ein kleines Kind ist « ; - er selbst schien von diesem Wissen sehr durchdrungen ; » und zweitens ist die Eva wirklich eine Hauskatz ' . Daß ich mich deswegen einmauern tu ' , - fallt mir net ein ; wann sie so fad is ? - - - In der Beziehung - eine echte Teutsche - obwohl sie flotteres Blut von ihrer französischen Mutter her haben müßt ' . « Vinzenz Reisenleitner , der die Fabrik seines Vaters übernommen hatte , liebte jene Art von Vergnügungen , die man in Wien » a Hetz « nennt , über alles . Besonders ergeben war er dem Sport . Er verbrachte so ziemlich alle Sonntage und die zahlreichen katholischen Feiertage , die den Gang des österreichischen Geschäftslebens so fleißig hemmen , auf dem Semmering oder im Wiener Wald und war mit seinem Automobil auch mitten im Arbeitsjahr viel unterwegs . » Alsdann , geht ' s ihr oder geht ' s ihr nicht ? - Du , ich sag ' dir , « wandte er sich zu seiner Schwester , - » der Mister Macpherson ist verliebt in dich . « Man war in den Salon zurückgekehrt , und Vinzenz saß im Überrock , den Hut in der Hand , auf einer Fauteuillehne . » Wieso , was hat er wieder gesagt « , fragte Edda neugierig und belebt . » Alsdann , er hat g ' sagt , - your sister , Mrs. Diamond - sprich Deiämönd , « markierte er , - » is the most elegant type of woman , I ever saw . « Er sprach die englischen Worte sehr gut , korrekter als die deutschen . Englisch war immer sein » Talent « gewesen , - und Amerika sein erklärtes Ideal . Edda lächelte geschmeichelt , tat aber spöttisch : » Glasige Augen hat er ! Schaut aus , wie a Karpfen . « » Ein Verehrer meiner Frau , - da müssen wir hingehen « , sagte der Professor mit zufriedener Stimme , die Hände in der Tasche . Er besaß keine Spur von Eifersucht . » Gänzlich unbekannter Affekt « , hatte er oft versichert . Und mit jener Freimütigkeit , die die innersten Seelenzustände preisgibt und die in jener Schicht der » Intellektuellen « so weit geht , daß sie oft mit Schamlosigkeit verwechselt werden könnte , - mit jener Freimütigkeit , die sich unbedingt zu ihrem Empfinden bekennt , hatte er im Freundeskreis einmal gesagt : Wenn seine Frau einen Geliebten hätte , er würde ihr dieses Erlebnis von Herzen gönnen ; eine solche Tatsache würde zwischen ihm und ihr nichts ändern . Frau Edda aber sagte im Kreise ihrer Freundinnen von ihrem Manne : » Er ist ein schrecklicher Mensch in vielen Sachen , - aber - Hörner aufsetzen ? ! - Da müsset einer schon auf ' m Kopf Csardas tanzen ! « In Wahrheit hatte sie ein wählender Trieb zu ihrem Mann gezogen , mit dem sie auch heute noch nicht fertig war , - trotz allem . Seine » Schnuppigkeit « , wie sie es nannte , sein auf die Forschung festgelegtes Interesse , das alles reizte sie zuzeiten in bösem Sinne - und verkettete sie doch auch wieder mit ihm , weil etwas in ihrem eigenen Wesen diese Art im stillen bewunderte . In hohem Grade gefallsüchtig , war sie dabei doch unsinnlich , - frigid , hatte der Professor konstatiert , - und es war ihr noch niemand » gefährlich « geworden . Ihres Mannes Vernachlässigung verletzte und verärgerte nur ihre weibliche Eitelkeit , nicht aber ein sinnliches Bedürfnis in ihr . Er selbst wieder fand die kühle Distanz , in die er zu seiner Frau geraten war , - nachdem er ihren Besitz mit unbesieglicher Begierde erstrebt hatte , - einerseits in der Gewöhnung der Ehe und andererseits in der Natur eines angestrengt geistig und physisch arbeitenden Mannes begründet . » Ich begreife , « sagte er , » daß eine Frau vielleicht mehr braucht , als ein scharf arbeitender Mann ihr bieten kann , - aber - enfin - da müßte man Liebhaber züchten , als soziale Klasse , die die Weibchen unterhalten , während die Männer arbeiten . « Er trieb jetzt seine Frau an , in den Keller zum » Nachtfalter « zu kommen . » Zieh dich an , - wir gehen hin . Einmal in der Zeit muß der Mensch drahn . « - Den ganzen Monat hatte er jeden Abend , bis tief in die Nacht hinein , an einer Darstellung der klinischen Frühdiagnose des Krebses gearbeitet . Edda zog sich mit Kathi ins Ankleidezimmer zurück . Stanislaus und Olga wollten sich verabschieden , aber der Professor beredete sie lebhaft , mitzukommen . » Übermorgen ist wahrscheinlich Stans letzter Tag hier , - und ich habe auch noch eine Menge zu tun , vor der Abreise « , wendete Olga ein . Herrn Reisenleitners Gesellschaft war ihr wenig sympathisch , so stark auch die Hinneigung war , die sie mit seiner Frau verband . Der Professor kannte die mühsam unterdrückte Abneigung seines Schwagers gegen alles , was das Judentum deutlich repräsentierte . Es amüsierte ihn , - ihm gerade zum Trotz - den so sehr » rassigen « Stanislaus und die rote Olga mitzunehmen . Er hatte nicht vergessen , wie Eddas Bruder sich damals gegen die Verheiratung der Schwester gesträubt hatte und wie nur die Tatsache , daß der neue Schwager Eddas Geld mit Seelenruhe in der Fabrik ließ und es ihm zur Verfügung stellte , ihn umgestimmt hatte . Ein anderer Gatte , ein Offizier oder ein Industrieller , wie er ihn für sie am liebsten gewünscht hätte , würde ihm ihr Geld nicht überlassen haben . Kaum war die Verbindung vollzogen , so war Herr Reisenleitner auch schon stolz auf den großen Namen des Schwagers ; überall prahlte er damit , daß seine Schwester den berühmten Dozenten » bekommen « habe . » Er is zwar a Jud - no ja , Schattenseiten hat alles - aber wenn man der Dozent Diamant is , kann man sich das erlauben ; passen ' s auf , - der wird auf ja und na Professor , - trotz der Strömung ! « Er sprach dieses eine Wort respektvoll in reinem Hochdeutsch , mit zugespitzten Lippen , aus . - Und er hatte recht behalten . Trotz der » Strömung « war Diamant , dessen Kollegien eine internationale Hörerschaft nach Wien zogen , in jungen Jahren zur Professur gelangt . - Edda kam bald wieder . Sie trug ein graues , langschleppendes Kleid von zartem Gewebe , unter dem es schwer und starr rauschte . Auf die hochgeschlossene Taille war in Silberstickerei ein Blumenornament appliziert , das sich um die Büste schlang und sich flimmernd von dem wolkengrauen Grunde abhob . Ein Hut in der Form einer riesigen Altwiener Kapotte aus rosa Filz , mit nickenden rosa Straußfedern , umschloß das runde Gesicht , mit den blauen Blumenaugen . Ein weißer , burnusartiger Mantel war um die Schultern geworfen . Die Weigerung der Geschwister mitzukommen , wurde vom Professor mit guter Laune abgewiesen . » Ihr müßt mit « , entschied er . Die Gesellschaft ging im Licht einer Lampe , die das Mädchen trug , die Treppe hinab . Der Hausmeister wurde herausgeklingelt und erschien schlaftrunken , ein Stearinlicht in der Hand , mit den Pantoffeln schleifend , im Nachthemd , mit halbzugeknöpfter Hose . Er öffnete das Haustor und kassierte von jedem der Herren einen Obulus . Die breite Straße war fast leer und schwach beleuchtet . Das Wetter war nebelig frostig . Man fuhr in zwei Fiakern dem Lokal zu . Die Nähe der schönen Frau erfüllte Stanislaus und belebte sein schweres Temperament . Wie eine Königin erschien sie ihm in ihrer Schönheit ; und daß sie sich vor kurzem selbst als die Sklavin unterjochender Schwere bekannt hatte , war ihm ein merkwürdiger und schwermütiger Kontrast . Man betrat das Lokal . Edda ging voran . Die starre graue Seide des Unterkleides krachte und raschelte , der Kopf mit dem noch erhöhenden Federnschmuck war stolz zurückgelehnt , die Augen glitten über den dichtgefüllten Saal , alle an sie herandrängenden Blicke hochmütig übersehend . So ging sie , der blendenden Wirkung sicher . Es war ein niedriger Saal , die Kellerwände waren mit Fayencefliesen verkleidet . In dichten Reihen standen die Tische . Ein paar Winkel waren mit roten Sammetvorhängen logenartig abgeteilt . Die Atmosphäre war dumpfig , voll von Tabakrauch , schlecht ventiliert . Ein berühmtes Nachtlokal , vom » echten , alten Schlag « , wie Herr Reisenleitner erklärte . Eine bescheidene Kapelle , - ein paar Violinen , ein Klavier , ein Cello , - machte auf einer kleinen Galerie Musik . Edda führte mitten durch das Lokal , zwischen den Tischen durch . Fast alle Gäste setzten das Glas hin und dirigierten die Köpfe auf die überragende Erscheinung . Bewundernde Worte raschelten ihr zu . Neben ihr ging Olga , in ihrem braunen Wollkleid , den glatten , braunen Filzhut in die Stirn gedrückt . Die anderen folgten . » Da sind sie schon « , rief Reisenleitner und steuerte einer der roten Sammetlogen zu . Der halbgeraffte Vorhang ließ das Innere frei . Man sah zwei Herren , die sich eilig erhoben , als die Gesellschaft herankam . Pankratius Kaff , den Frau Edda gern Kaffer nannte , im braunen Sammetrock , mit wehendem Schlips , wiegte den haarumwallten Kopf , zog dabei das Gestrüpp seines Vollbartes durch die hohle Hand und murmelte , mit tief unter den Kehlkopf gedrückten Tönen , seine » Befriedigung « , daß die » hohe Frau samt Gefolge « erschienen sei . » Seid auch Ihr gegrüßt , nußbraunes Mädchen « , wandte er sich an Kathi , die ihn mürrisch überging . Jeden der Ankömmlinge adressierte Pankratius auf diese seine Art , welche , wie er wiederholt auseinandergesetzt hatte , nicht der » flüchtigen Daseinsform « , sondern der » Idee « gelte , die sich in der betreffenden Person » emaniert « habe . Mit korrekten , halben Sätzen erledigte der Amerikaner die Begrüßungsphrasen . » Glad to see you « und ein mäßig kräftiger Händedruck mit den Bekannten , - Namensgemurmel gegenüber dem Vetter Stanislaus , von dessen Anwesenheit Mr. Daniel Horatio Macpherson fürder keine Notiz mehr nahm . Er überragte selbst Frau Edda um die ganze Höhe seines Kopfes , der mit seinem schmalen , langgezogenen Gesicht an eine Pferdephysiognomie gemahnen konnte . Das rötliche Haar , das glatt und gesalbt niedergelegt war , lichtete sich in der Mitte zu einem breiten Scheitel , der sich am Wirbel zu einer runden , blanken Fläche verbreiterte . Sein glattrasiertes , rosiges Gesicht war gut mit Cream gepflegt , die wasserblauen , runden Augen schienen wenig bewegt , fast starr , und waren die Ursache , daß ihn Frau Edda einen » Karpfen « genannt hatte . Sein Alter war schwer zu bestimmen . Man hätte ihn für einen ganz jungen Mann halten können , wären nicht die Furchen gewesen , die sich von der Nase zu den Mundwinkeln zogen und sich tief in die Wangen gruben . Lang und knochig waren Arme und Beine , tadellos die hochgewölbten , kunstvoll gepflegten Nägel der eleganten , warmen und langen Hand . Ein süßlich-herber Duft , derselbe , den Frau Edda kräftiger anwendete , - Ambre royal - entströmte , wie in vereinzelten Wellen , dem dicken Homespun seines karierten Anzugs , dessen Muster , auf dunkelgrünem Grunde , verwandte , gedämpfte Farben verband ; der Rand eines blütenweißen Taschentuches von zartestem Linnon blickte diskret aus der linken Brusttasche . Mr. Macpherson machte den Eindruck eines Mannes , dessen körperliche Kultur nichts zu wünschen übrig läßt . Eine Atmosphäre erfrischender Sauberkeit umwehte ihn , erweckte suggestive Vorstellungen , - von einem vollkommen eingerichteten Badezimmer , von eisernen Hanteln , die morgens nachlässig vom Boden aufgegriffen und ein paarmal balanciert wurden , von festzupackenden Männerhänden , die den wagerecht ausgestreckten , hageren Körper massierend durchkneteten und von einem netten Gibson-Girl , das als Manikure dem Gentleman gegenübersaß . Macpherson war ein Hörer des Professors . Bei seiner jährlichen Automobiltour durch Europa hatte er beschlossen , ein paar Wochen Wien einzulegen , um im Sommersemester die Kurs des Professors zu hören . Nachdem er in den Ferien im Zickzack durch Europa gefahren war , kam er unerwartet wieder , - um noch weitere Kurse zu hören . Seine ärztliche Praxis in New York hatte er einem Vertreter übergeben und sich eines nervösen Leidens wegen einen besonders langen Urlaub erteilt . Als Sohn des Besitzers einer riesigen Viehplantage in Südamerika hätte er die ärztliche Praxis überhaupt nicht nötig gehabt , aber als echter Yankee verschmähte er ein Leben ohne ehrgeizige Ziele . Die Plantage war noch bei Lebzeiten seines Vaters einem englischen Konsortium unter fabelhaften Bedingungen verpachtet worden . So konnte Daniel Horatio Medizin studieren , was er nie getan hätte , wenn das Geschäft - business ! - seine persönliche Kraft erfordert hätte ; aber dieser enorme Viehbestand auf den weiten , brasilianischen Prärien bedurfte keiner Personalleistung seiner Nutznießer , um sich unaufhörlich in sich selbst zu vermehren . In Daniel Horatio Macpherson wohnten zwei Seelen . Die eine hieß business und war mit der geschickten Ausnutzung finanzieller Konjunkturen so wohl vertraut , als mit dem Bemühen , sich als Arzt Erfolge und gesellschaftlichen Rang zu sichern . Die zweite hieß - romance und war sentimental , mit schwermütigem Einschlag . Ihr liebstes , erreichtes Ziel war Venedig . Für Macpherson hatte die Welt nur drei Städte : New York , Paris - als Faubourg davon ließ er die Riviera gelten - und Venice . Alljährlich einmal hielt sein Auto in Mestre , - der letzten mit dem Car befahrbaren Station vor Venedig . Billie , der schwarze Chauffeur , bekam Urlaub bis auf Widerruf , und Daniel Horatio bezog für eine Woche ein paar Zimmer in dem einzigen Hotel am großen Kanal , in dem es für ihn ein befriedigendes Lunch gab , - dem wunderbaren , goldbraun getönten , zum Hotel adaptierten Palazzo , gegenüber vom San Giorgio Maggiore , dem Hotel der Könige und Millionäre . Die tiefen , venezianischen Nächte verbrachte er in der Gondel , in Gesellschaft einer Freundin natürlich , - for in Venice you must be with a lady , - den Geruch des Wassers begierig atmend , aufgelöst in Stille . So glitten sie durch den großen Kanal , vorbei an den fahlen Marmorpalästen , zu deren Füßen eiserne Kandelaber mattleuchtende Lampen auf ihren gestreckten Armen trugen . Nur die sehnsüchtig geschwellten Stimmen aus dem Boote der Sänger , das , umsäumt von roten Lampions , die Gondeln der Gäste verfolgte , zerteilten manchmal das Schweigen und ließen die lebensdurstigen Melodien des Matchich oder der Carmagnole über das Wasser rollen . Zum Schluß bog die Gondel , in der Daniel Horatio - - oft den ganzen Abend ohne ein Wort zu sprechen - lang ausgestreckt an der Schulter einer Frau lag , in den Canale Piccolo und glitt geisterhaft über der schwarzen , engen Wasserstraße , unter den gewölbten Brücken , zwischen finsteren Palästen , dahin . Nur das Plätschern des eintauchenden Ruders unterbrach dann diese tiefe Stille , und in der Dunkelheit sah man nichts , als die im Licht der Gondellaterne erkennbare Gestalt des Gondoliere , wie sie sich rhythmisch aufrichtete und niederbeugte und an der Spitze der Gondel scheinbar schwebte . In später Stunde bogen sie dann wieder in den großen Kanal ein und legten an der glänzend erleuchteten Steintreppe des königlichen Hotels an . In dieser zweiten , romantischen Seele spielte das Weib eine Rolle , die in das Gebiet der anderen Zone , der des Yankee-Ehrgeizes , hinübergriff . Aber das Weib , wie es Daniel Horatio als kostbarstes Inventarstück seines Besitzes erträumte , - dieses Weib wohnte in seiner Vorstellung hoch über jener Welt , aus der man gefällige Reisefreundinnen für eine Saison bezog : eine glänzende Herrin - a real lady - war das Ziel seiner Sehnsucht . Diese beiden Seelen lagen auf allen übrigen Gebieten in Fehde miteinander ; » when business goes in , romance goes out « , pflegte er zu sagen . Aber es gab einen Punkt , auf dem sich die beiden Seelen Daniel Horatios mit einem nüchternen und sich menschlich bescheidenden Ultimatum versöhnten ; denn die Selbsterkenntnis seiner stillsten Stunden , die Bilanz seiner ehrlichsten Abrechnung mit sich selbst , die unbestochene letzte Wertung , die er sich zuerkannte und die ihn den Kopf sicher und doch wieder bescheiden tragen ließ , - die formulierte sich in den Worten , mit denen er Frauen über sich zu orientieren pflegte . Diese Worte lauteten : » I am a gentleman and I am clean . « Es war das Engste und Letzte , was er über sich auszusagen wußte , - mit dieser Legitimation warb er um Vertrauen und schränkte dabei , vorsichtig , illusionistische Voraussetzungen ein . Dieser Mann , der ein Gentleman war und rein - ich sterbe als Soldat und brav - huldigte Frau Edda , in respektvoll distanzierter Art , mit hoffnungsloser Bewunderung . Hier war ihm sein Ideal leibhaftig vor Augen getreten , - und es war unerreichbar , wie Ideale zumeist es sind . Man verteilte sich , so gut es der knappe Raum der Nische gestattete , um den Tisch , und der Professor und Mr. Macpherson machten ihre Bestellungen ; sie einigten sich auf eine englische Marke . Pankratius Kaff , der auf den belebenden Stoff nicht erst zu warten brauchte , sein Glas schon fleißig gefüllt und geleert hatte , begann sein » sokratisches Spiel « , wie er es nannte , das für ihn darin bestand , andere bei » der Idee ihrer selbst « anzugreifen , zu Bekenntnissen zu reizen , sie herauszufordern , und dabei Stücke , die er augenblicklich auf seinem geistigen Repertoire hatte , geschickt auf die Gesprächswalze zu winden . Er nannte Olga und Stanislaus zwei Typen , die er mit Apollo und Diana des Lucas Cranach verglich , und hatte , als die erwartete Befremdung über diesen Vergleich eintrat - den man für geschmacklos grobkörnige Ironie hielt - , Gelegenheit , seine Auffassung dieses Bildes auseinander zu setzen . Er wollte in den beiden Gestalten des Meisters die Verkörperung voraussetzungsloser Intellektualität erkannt haben . Er schilderte die strengen , ganz auf Erkenntnis gerichteten Gesichter , die unpersönliche Haltung der geschwisterlichen Gottheiten , wie sie Cranach gemalt , und es gelang ihm , diese neue , und nicht uninteressante Auffassung auch auf die Zuhörer zu übertragen und seinen Vergleich zu rechtfertigen . Pankratius war ein bemoostes Haupt , aber doch nicht ein für alle Zeiten verlorener Sohn der Fakultät , der er » hauptberuflich « angehörte . Vielmehr war er entschlossen , eines Tages auch sein letztes medizinisches Rigorosum zu machen und eine Praxis in einem ihm zusagenden Spezialfach zu eröffnen ; er glaubte auch , dieses Fach schon gefunden zu haben . Der Grund , warum zwischen den einzelnen Etappen seines Rittes zu einem akademischen Ziel und einer bürgerlichen Existenz sich weite Landstrecken auszudehnen schienen , lag in der » Fülle blühender Interessen « , die ihn auf diesem Wege aufhielten . Er war auch tatsächlich kein echter Müßiggänger . Zumeist waren es die schwebenden Gärten der spekulativen Philosophie , in denen er sich lustwandelnd verloren hatte , dann wieder war es eine stramme Wanderung durch das Ackerland der Nationalökonomie , oder ein Wolkenflug durch die Künste gewesen , die ihn vom vorgeschriebenen Wege abgelenkt hatten . Aber immer wieder kam er , in gemächlichem Tempo , zu diesem Wege zurück und bestieg den geduldig da wartenden » Klepper der Karrière « . Die Gunst des Professors ermöglichte ihm diese Reisen . Er war sein Landsmann , und sie hatten in ihrer mährischen Heimat zusammen die Bänke des Gymnasiums gedrückt . Edda , die den » Kaffer « verachtete , - sie schätzte den Mann , der dem Tag mit jener Kraft , die sie selbst nicht aufzubringen vermochte , Ergebnisse abzwang , trotz ihres zeitweiligen Grolles gegen Bazillenkulturen , - hatte ihrem Mann vorgeworfen , daß er den Kaffer » korrumpiere « , indem er ihm ein sicheres Brot gab . Der Professor aber war gewöhnt an ihn . Seine » Paradoxendrescherei « , wie Edda seine geistigen Kundgebungen nannte , störte ihn nicht , entsprach vielmehr einer gewissen Neigung seiner eigenen Natur , und er konnte ihn gut brauchen . Er gab ihm , als seinem Sekretär , ein festes Gehalt , zog ihn bei Operationen zur Assistenz heran , wofür er ihn besonders honorierte und schob ihn zeitweilig ausländischen Hörern zu , denen Pankratius teils als Dolmetsch der Kollegien , teils als Führer durch Wien diente . Und da diese fremden Hörer , wie Macpherson , zumeist mit etwas Deutsch ausgerüstet waren , vermochten sie die willkürlichen Konstruktionen , die sich Pankratius , in schöner Unbekümmertheit , in fremden Sprachen leistete , als Krücken zu brauchen . Während sich Macpherson mit Edda und Vinzenz Reisenleitner beschäftigte , kehrte Pankratius sein Interesse vorerst den Geschwistern zu . » Sie gehen ohne Zweifel nach Berlin , befreite Dame , « wandte er sich an Olga , - » um der Einsamkeit näher zu kommen , - ist es so ? « » Verschonen Sie uns mit verdrehten Reden « , rief Edda unwillig aus ihrer Ecke herüber . » Wieso finden Sie diese Rede verdreht , o Meisterin ? « gab er zurück . » Es ist eine empirisch erprobte Tatsache , « - es klang gut vorbereitet - » daß innere Einsamkeit heute nicht mehr in äußerer gedeiht . Vergraben Sie sich allein in ein einsames Nest , zum Zwecke innerer Verdichtung , - und Sie werden alsobald von den unruhigsten Stimmungen heimgesucht werden , die den geplanten Zweck durchkreuzen ... Der moderne Prophet , « - er drückte die Töne tief in den Schlund , rieb die Hände ineinander und neigte den Kopf von einer Schulter zur anderen , - » der moderne Prophet geht in die Wüste der Weltstadt . Hier kann er Einsamkeit erlebenen , wie sie ihn in der Sahara nicht erwarten , - hier kann er Stimmen hören und Gesichte schauen ... « Er fühlte sich rehabilitiert , und , ohne die Stimmung auszunützen , wandte er sein dickes , rotes Gesicht freundlich zu Frau Edda hin und fuhr , gemächlich erzählend , fort : » Ich war einmal im Mai am Lago Maggiore , mit einem großen Koffer voll von Büchern und Skripten , - im Mai , verstehen Sie ! Ich hatte es raffiniert so eingerichtet ! Nachdem ich drei Tage lang in dem einsamen , glühend heißen Nest mit Schlafsucht und Verzweiflung gekämpft hatte , fing ich am dritten Tag an , laute Selbstgespräche zu halten ; am vierten Tag saß ich nachts zehn Uhr in der Eisenbahn , am fünften hatte ich einen Aufenthalt