der Hand und schauten auf das Meer hinaus nach den Männern , die in der Nacht zum Fischfang hinausgefahren waren . Als Doralice um den Vorsprung einer Düne bog , sah sie den Geheimrat von Knospelius , der vor ihr her den Strand entlang ging . Im gelben Leinenanzug , den Panama im Nacken , einen schönen gelben Setter neben sich , holte er mit dem dicken Spazierstock weit aus , machte große Schritte , warf sich in den Schultern hin und her , hatte , wie es Verwachsene lieben , die Bewegungen starker , großer Leute . Als er Schritte hinter sich hörte , wandte er sich um , er grüßte sehr tief und das große , bleiche Knabengesicht lächelte . Da es schien , als wolle er etwas sagen , blieb Doralice stehen . » Guten Morgen , gnädige Frau « , begann er und schaute mit seinen stahlblauen Augen scharf und aufmerksam hinauf in Doralicens Gesicht , » schon vor Sonnenaufgang auf dem Posten ? « Doralice errötete und lachte : » Es ist Ihnen wohl entfallen , Exzellenz , daß das letztemal , als wir uns sprachen , Sie mir dasselbe sagten , auch so etwas von auf dem Posten stehen . « » So so « , meinte Knospelius , » möglich , ich interessiere mich für diese Sachen . Sie haben ein gutes Gedächtnis . Darf ich Sie einige Schritte begleiten , gnädige Frau ? « Sie nickte , obgleich es ihr nicht recht war , dieses kleine Ungeheuer neben sich zu haben , das sie von unten auf ansah , unbekümmert , wie man einen Kupferstich , nicht wie man einen Menschen anschaut . Im Gehen sprach er mit tiefer Stimme , deren Metall ihm selbst zu gefallen schien . » Mit dem Schlafen , meine Gnädige , scheint es Ihnen hier auch nicht recht gelingen zu wollen . « » Doch , « meinte Doralice , » nur die anderen alle sind so früh auf , die Fischersleute , die Hähne , nun und das Meer schläft ohnehin nicht . « Knospelius lachte jetzt sein lautloses Lachen : » Ja , ja , hier ist Betrieb , hier kann man was lernen . Denn , sehen Sie « , er wurde ernst , sein Gesicht nahm einen bösen , fast haßerfüllten Ausdruck an , » sehen Sie , es gibt nichts Dümmeres , nichts Sinnloseres als die Schlaflosigkeit , als im Bett zu liegen , auf den Schlaf zu warten und nicht schlafen zu können . In solchen Stunden komme ich mir vor wie meiner Menschenrechte beraubt . Ich tue nicht meine Pflicht als Mensch . « » Pflicht als Mensch « , wiederholte Doralice etwas zerstreut . » Ja , gerade so « , fuhr der Geheimrat fort , zänkisch als hätte jemand ihm widersprochen , » meine Pflicht als Mensch ist , zu schlafen oder mein Handwerk als Mensch zu treiben , zu arbeiten wie da die Fischer oder zu lieben wie Sie und der Herr Maler oder zu streiten wie meine Hausleute , gleichviel , eben Menschengeschäfte zu treiben und können wir das nicht , so haben wir zu schlafen . Das weiß mein Karo auch , kann er den Aufgaben seines Hundelebens nicht nachgehen , dann schläft er . Aber was wir in einer schlaflosen Nacht denken und fühlen , ist ganz unnütz , gar nicht zu brauchen , weggeworfenes Leben . Sehen Sie , ich habe viel zu rechnen , das ist mein Beruf , aber in schlaflosen Nächten muß ich auch rechnen , Rechnungen , die nie stimmen , die keinen Sinn und kein Resultat haben , das ist doch menschenunwürdig . Wenn Karo mal so daliegt und mit der Nase im Buche der Natur liest , dann wittert er wirkliche Hasen und wirkliche Hühner , nicht sinnlose Tiere , die es gar nicht gibt ; nein , nein , ich sage , nicht schlafen können ist ein Skandal und dürfte einem gar nicht passieren . « Knospelius schwieg und schaute ärgerlich auf das Meer hinaus . Doralice tat der kleine Mann leid . Es war doch eine Qual , die zu ihr gesprochen hatte , sie wollte ihm etwas Freundliches sagen . Es kam ihr jedoch kühl und flach heraus : » Ich hoffe die Seeluft wird Ihnen gut tun , Exzellenz . « Knospelius begann wieder weiter zu gehen und murmelte : » Ich , ach , es ist nicht das , ich sage es so im allgemeinen . Wenn man wacht , muß man was erleben können und wenn man schlafen will , muß man schlafen können . Das dürfen wir verlangen . « Plötzlich lächelte er , ein hübsches , fast schüchternes Lächeln . » Na ja , wenn es bei dem einen oder anderen so ' ne Bewandtnis hat , wenn da Hindernisse sind , nu so müssen wir uns an die Erlebnisse der anderen halten . Ich interessiere mich sehr für die Erlebnisse der andern , ich kümmere mich hier stark um die Angelegenheiten meiner Nebenmenschen . Ja , ja , was Leben betrifft , bin ich Kommunist , ich leugne das Privateigentum , ha , ha ! « - » Erleben denn die Leute hier so viel ? « fragte Doralice . » O genug « , erwiderte der Geheimrat , » sehen Sie die Fischer , die Kerls haben sich mit dem Meere eingelassen , und das hält in Atem , das können Sie mir glauben . Und dann die Weiber , wie sie dort oben stehen und warten . So zu stehen und auf den Mann oder Sohn zu warten , das spannt an . Haben Sie die Augen dieser Frauen beobachtet ? Das sind Blicke , die nicht so planlos an den Dingen herumwischen , das sind Blicke , die ohne Umweg gerade auf den Punkt treffen , der ihnen wichtig ist , wie der Hammer in der Hand eines guten Handwerkers gerade und hart immer auf den richtigen Fleck schlägt . Und Sie sollten mal diese Augen sehen , wenn so ' n Mann oder Sohn nicht zurückgekehrt ist und die Frau dann tagelang am Strande hin- und herläuft und jeden dunklen Punkt auf dem Wasser oder auf dem Strande erspäht und mit furchtbarer Aufmerksamkeit beobachtet . Das sind Augen , die ihr Handwerk verstehen . Übrigens hat es mich sehr interessiert , daß Sie hergezogen sind . Sie werden schon Farbe in den Betrieb bringen . Es würde mich freuen , den Herrn Maler kennen zu lernen . Es scheint ein lebensvoller Herr zu sein . Das sehe ich gern . Ha , ha , das sehe ich ebenso gern , wie der Bauernfänger den Herrn mit der dicken Brieftasche gern sieht . « Und er lachte lautlos und andauernd über seinen Witz . Der Himmel wurde jetzt farbig , die Wolken am Horizont bekamen dicke goldene Säume und eine Welle von Rot übergoß den Himmel . Auch in das Graugrün des Meeres mischten sich blanke Fäden , und die Höhlungen der brechenden Wellen am Strande füllten sich mit Rosenrot , und plötzlich begann das Meer weiter dem Horizonte zu ganz in Rotgold zu brennen . Knospelius blieb stehen und machte mit seinem langen Arm eine große Bewegung auf das Meer hinaus , als wollte er das Meer vor Doralice ausbreiten . » Sehen Sie « , sagte er , » das ist nun der allmorgendliche Farbenspektakel . Eine hygienische Maßregel . Die Natur wird ganz rücksichtslos da mit all diesem Rot und Gold überschüttet . Das soll anregen wie uns die Morgendusche oder der Morgenkaffee . Wenn Sie noch einige Schritte weiter gehen wollen , so können wir einen hübschen , ja ich sage geradezu einen hübschen Anblick haben . « So gingen sie denn weiter . Sie kamen an eine Stelle des Ufers , wo eine hohe Sanddüne ganz nah bis an das Wasser herantrat , die Wellen unterspülten sie so , daß die Sandwand teilweise eingestürzt war . Bei hohem Seegang waren große Stücke des Erdreichs abgebröckelt und fortgerissen worden , überall klafften Höhlen und Risse , das alles triefte jetzt von rotem Morgenlicht . Hie und da ragte aus dem hellbeschienenen Sande morsches Holzwerk hervor , das metallisch glänzte , und weiße Stücke , die - » Aber , « rief Doralice , » das ist dort eine Hand . « » Allerdings , « erklärte der Geheimrat , » das da ist eine Hand und ein Arm und dort ist ein Schädel hübsch rosa angeleuchtet und in dem verfallenen Sarge dort ein ganzer Mann . Wie Sie sehen , ist dies ein Friedhof , mit dem das Meer langsam aufräumt . Für Friedhofsromantik und Friedhofschauer habe ich wenig übrig , die sind billig . Dies aber gefällt mir . Ein Friedhof , von dem jede Sturmnacht ein Stück abschneidet , wie von einem Kuchen , und aus dem Sande gucken dann all diese Stillen heraus und lassen sich den Seewind um die Knochen wehen . Sehen Sie , wie kokett sie sich im Morgenrot färben , die blühen wie die Rosen . Und dann kommt die Sturmnacht und holt sie ab , dann geht es auf die Reise ins Meer hinaus . Aus dem denkbar Engsten und Stillsten in das Weiteste und Lauteste hinein . Das gefällt mir . Wie auf einer Landungsbrücke stehen die hier und warten auf das Schiff , das sie abholt . Das könnte mich reizen . Da ist doch Betrieb . Dem Tode wird hier das Muffige genommen , mit dem man ihn zu umgeben liebt . Nicht ? « Knospelius schaute zu Doralice auf . Sie war ein wenig bleich geworden , sie preßte die Lippen aufeinander und zog die Augenbrauen zusammen . Es sah aus , als sei sie böse . » Nun , es scheint Ihnen nicht zu gefallen « , bemerkte der Geheimrat , » fürchten Sie sich vielleicht ? Wir werden ja zur Furcht vor diesen Dingen erzogen . « - » Nein , « erwiderte Doralice , » ich fürchte mich nicht . Dies hier ist sehr seltsam . Nur , ich weiß nicht , ich hätte es vielleicht heute morgen lieber nicht gesehen . « » So , so « , meinte der Geheimrat , » dann können wir ja gehen . Sie haben übrigens recht , über den Tod und was mit ihm zusammenhängt nachzudenken ist wohl augenblicklich ganz und gar nicht Ihr Beruf . « Auf dem Rückweg war Doralice schweigsam . Knospelius plauderte behaglich vor sich hin . Die Generalin Palikow , ja , die kannte er . Eine kluge alte Frau , ein wenig laut , und liebte es , die Angelegenheiten anderer Leute fest in ihre Hand zu nehmen . Sie fühlt sich stets verantwortlich für die Angelegenheiten anderer . Der Baron Buttlär , nun - der hat einen wunderschönen blonden Schnurrbart . Wenn er nach Berlin kam , da brauchte er viel Sekt und suchte Abenteuer . Solch ein Schnurrbart verpflichtet eben und macht auch den christlichen Hausvater und Gatten oft unruhig . Die Töchter , übrigens hübsche Mädchen , schmal und biegsam wie Weidenruten . Das ist die moderne Fasson . Junge Mädchen mußten jetzt aussehen wie Arabesken . Er , Knospelius , zog das frühere , das dreidimensionale Format dem heutigen Stile vor . Doralice hörte ihm mit Abneigung zu . Sie fand jetzt ihren Begleiter unheimlich und er verdarb ihr den schönen Morgen . Was ging sie die Welt der Buckligen an , sie sehnte sich nach Menschen mit geradem Rücken . Dazu hatte er eine unangenehme Art , so von unten herauf ihr scharf auf die Lippen zu sehen . Doralice verzog die Lippen , als schmeckte sie etwas Bitteres . Nach Sonnenaufgang hatte sich der Wind gelegt . Das Meer glättete sich und glitzerte weit hinaus . Viele Fischerboote kehrten heim . Von den Dünen liefen die Fischerfrauen zum Strande hinab , schürzten ihre Röcke hoch auf und wateten in das Wasser , um den Männern behilflich zu sein die Boote auf den Sand zu ziehen . Mitten im Brandungsschaum standen alle diese Menschen blank von Wasser und Sonnenschein . » Ah , unsere Fischer « , sagte der Geheimrat . Er trat an eins der Boote heran , begrüßte die Fischer , die er kannte : » Guten Morgen , Andree , guten Morgen , Wardein , nun , hat es sich gelohnt ? « - » Bißchen was ist da « , sagte Wardein und wischte sich den Wellenschaum aus dem grauen Bart. Knospelius beugte sich über den Bootsrand , um die Fische zu sehen , die auf dem Boden des Bootes lagen . Er streifte sich den Rockärmel auf und fuhr mit seinen langen Fingern mitten hinein zwischen die Dorsche mit ihren bleichen Silberleibern , die Butten , die aussahen wie bräunliche Bronzescheiben , an denen wunderlich verzerrte Gesichter sitzen und die Fülle der kleinen Brätlinge , die blank waren wie frischgeprägte Markstücke . Knospelius kniff ein Auge zu und lachte das Lachen eines ausgelassenen Schuljungen . » Betrieb , auch Betrieb « , sagte er . Doralice sah ihm einen Augenblick zu , dann wandte sie sich mit einem kurzen » guten Morgen « ab und ging schnell weiter . Jetzt hatte sie Eile , bei Hans Grill zu sein . Da kam er ihr schon entgegen in seinem weißen Leinenanzug , das Badetuch über der Schulter , das Gesicht rot und über und über lächelnd . Wie er sich freut , mich zu sehen , dachte Doralice , und sie fühlte diese Freude wie etwas , das sie plötzlich erwärmte . Hans legte seinen Arm um ihre Taille , nahm sie an sich , wie man sein Eigentum an sich nimmt . Er hatte schon gebadet , er roch nach Seewasser . » Kalt war ' s « , berichtete er , » aber das liebe ich , wenn die Wellen einen ins Fleisch zwicken , willst du nicht auch baden ? « Nein , Doralice wollte später baden . » Ich weiß , ich weiß , « meinte Hans , » du liebst es , wenn das Meer eine lauwarme Tasse Tee ist . Schön , schön . Aber hungrig sind wir , ich habe Agnes gesagt , daß sie für jeden von uns wenigstens vier Eier bereithalten soll . « » Was sagte Agnes ? « fragte Doralice . Hans lachte . » O die , ihr Gesicht versteinerte sich und sie meinte , sie habe nicht gewußt , daß adlige Damen so viel essen müssen . « Viertes Kapitel Der Tag war sehr heiß . Die Generalin hatte die Strandkörbe auf die Düne stellen lassen . Dort saßen sie und ihre Tochter und machten Handarbeit . Fräulein Bork ruhte vor ihnen im Sande und zeichnete das Meer . Sie zeichnete immer das Meer , lange leichtgewellte Linien , am Horizont ein Segelboot . Wedig saß neben seiner Mutter und mußte aus Fénélons » Télémaque « vorlesen . Er las ganz eintönig in einer Art klagender Melodie , die wie das Schlummerlied für diese heiße Stunde klang . Er selbst fühlte sich ganz hoffnungslos , sein Feriengefühl war ihm abhanden gekommen . Dieses ewig glitzernde Meer , dieser heiße Sand , der sich an die Finger hing und sie nervös machte , die Ereignislosigkeit , all das schien Wedig gewöhnlicher Alltag und machte ihn weltschmerzlich . Dazu noch dieser Mentor mit seinen endlosen Reden . Wedig wünschte , er hätte ihm die Nase abreißen können . Frau von Buttlär hörte der Vorlesung nur unaufmerksam zu , nur mechanisch warf sie hin und wieder ein zerstreutes » faites les liaisons , mon enfant « hin . Oft griff sie nach ihrem Opernglase , um zum Strande hinabzusehen , wo Lolo und Nini auf- und abgingen und sich abkühlten , bevor sie in das Wasser gingen . In den roten Badeanzügen , weiße Stoffkappen auf dem Kopf , sahen sie wie sehr schlanke Knaben aus und sie gingen ganz aufrecht , die Beine ihrer Freiheit ungewohnt ein wenig befangen und steif bewegend . » Sagen Sie , Malwine , « fragte die Generalin , » sahen wir in unserer Jugend auch so aus , wenn wir badeten ? « Fräulein Bork kniff das eine Auge zu und lächelte gefühlvoll : » Ach , das ist so hübsch « , meinte sie , » wie kleine rote Silhouetten auf einem grünen Lampenschirm sehen sie aus . « » Ja , o ja « , versetzte die Generalin , » daß das , was wir in unserer Jugend Hüften nannten , immer mehr abkommt ! « Jetzt gingen die Mädchen in das Wasser , vorsichtig wateten sie durch die Brandungswellen , verschwanden zuweilen ganz im weißen Schaum und warfen sich endlich auf das Wasser , um zu schwimmen , zwei rote Striche , in dem weißlichen Grün , das heute die Farbe des Meeres war . Sie waren gute Schwimmerinnen , aber Lolo überholte Nini weit , wunderbar leicht und schnell schoß sie vorwärts , geradeaus , als habe sie ein Ziel . » Aber wohin will sie « , rief Frau von Buttlär , » warum bleiben sie nicht beisammen ? Ich habe ihnen gesagt , sie sollen beisammen bleiben , ich habe ihnen verboten , bis zur zweiten Sandbank zu schwimmen . Lolo ! Lolo ! « Frau von Buttlär rief und winkte mit ihrem Taschentuche , aber der rote Strich dort drüben fuhr immer weiter ins Meer hinaus . » Ich sage es immer « , klagte Frau von Buttlär , » Lolo hat einen schwierigen Charakter , sie kann nicht gehorchen , ihr Mann wird es schwer haben . Lolo ! Lolo ! « » Wer geht denn dort ins Meer ? « fragte Wedig und zeigte zum Strande hinab . » Das « , sagte die Generalin , » muß die Köhne sein . « » Wo ? Was ? « rief Frau von Buttlär . » Ach , nenne sie doch nicht Köhne , Mama , sie heißt doch nicht so . « » - Ach was , « meinte die Generalin , » wenn die Leute beständig ihren Namen ändern , kann mein alter Kopf es nicht behalten , und Grill , wer kann sich das merken , das ist nichts . « Einen Augenblick schwiegen alle und schauten gespannt auf das Meer hinab . Wedig hatte den Télémaque fortgeworfen und legte sich platt in den Sand , lag da wie eine Robbe und starrte vor sich hin . Jetzt kam vielleicht doch ein Ereignis . » Reizend , « bemerkte Fräulein Bork , » marineblau und einen kleinen gelben Dreimaster und wie sie schwimmt ! « » Sehr schick « , brummte Wedig . Das jedoch erregte aufs neue Frau von Buttlärs Aufregung . » Schweig , « herrschte sie ihren Sohn an , sie stand auf , schwenkte ihr Tuch , rief wieder : » Lolo ! Lolo ! Aber sie schwimmen ja aufeinander zu , auf der Sandbank müssen sie sich ja treffen . Ach Gott , mein armes Kind ! « » Na , setz ' dich , Bella , « beruhigte die Generalin ihre Tochter , » jetzt ist es nicht zu ändern . Sie wird Lolo auch nicht gleich anstecken . « » Muß man so etwas erleben « , seufzte Frau von Buttlär und setzte sich kummervoll in den Stuhl zurück . Gespannt folgten alle mit den Augen dem roten und dem marineblauen Punkte dort auf der lichtüberglitzerten Fläche . » Die Dame ist doch zuerst da « , rief Wedig triumphierend . » Lolo scheint müde , sie schwimmt langsam « , bemerkte Fräulein Bork ; » ah , ah , die Gräfin geht ihr entgegen , sie will ihr helfen . « » Unerhört « , stöhnte Frau von Buttlär . » Jetzt reicht sie Lolo die Hand « , meldete Wedig , » ah , jetzt steht Lolo , die Dame legt ihr den Arm um die Taille und Lolo stützt sich auf ihre Schulter . « » Dem setzt man sich aus , wenn man so ohne weiteres ins Meer hinausschwimmt « , klagte Frau von Buttlär . Aber die Generalin ärgerte sich : » Bella , du übertreibst wieder , wenn das Kind müde ist vom Schwimmen , so ist es gut , daß jemand ihr die Hand reicht , und das Kind nimmt die Hand und fragt nicht erst : Sind Sie Ihrem Manne auch treu gewesen ! « Lolo stand drüben auf der Sandbank , sie war bleich geworden und atmete schnell . » Oh , ich halte Sie schon « , sagte Doralice , » legen Sie den Arm auf meine Schulter , so wie man beim Tanzen den Arm auf die Schulter des Herrn legt - so . Es war doch ein wenig zu weit , Sie sind das nicht gewohnt . « » Danke , gnädige Frau « , sagte Lolo und errötete , » jetzt ist mir besser , ich bin das Meer nicht gewohnt und ich wollte dort immer im Blanken schwimmen und das war ein wenig zu weit . « » Nun erholen wir uns noch « , fuhr Doralice fort . » Ja , im Blanken schwimme ich auch gern , die Sonnenstrahlen fahren einem dann so über die Haut wie kleine warme Fische , das liebe ich . Aber wie Ihr Herz schlägt . Zurück schwimmen wir geradeaus , da ist es nur eine kleine Strecke bis zur ersten Sandbank . « Lolo antwortete nicht , sie dachte nur , würde sie doch noch sprechen . Nach der Anstrengung des Schwimmens kam ein köstliches Behagen über sie . Gern wollte sie lange noch so stehen in dem lauen Wasser , sich schwesterlich an diese schöne geheimnisvolle Frau lehnend , diese seltsam schimmernden Augen , diesen Mund mit den schmalen , zu roten Lippen ganz nahe haben . Doralice sprach jetzt von gleichgültigen Dingen , von dem heißen Tage und daß es am Bullenkruge wenig Schatten gebe und vom Schwimmen und Lolo hörte ihr zu wie etwas Erregendem , Verbotenem , dessen Schönheit sie , sie allein jetzt plötzlich erkannt hatte . » Jetzt , denke ich , schwimmen wir « , schlug Doralice vor und sie warfen sich in das Wasser , schwammen dicht nebeneinander , wandten zuweilen die Gesichter einander zu , um sich anzulächeln . » Geht es ? « rief Doralice . » Wir sind gleich da . « » Oh , es geht , es geht schön « , antwortete Lolo . Es war fast so bequem , dachte Lolo , als lägen sie beide auf einer grünen Atlascouchette und könnten sich unterhalten . Ja , das war es , sie wollte sich unterhalten . Sie fühlte sich nicht mehr so befangen wie dort auf der Sandbank . Sollte sie fragen , ob es bei Wardeins sehr eng sei ? Nein , das war zu unpersönlich , so sagte sie denn : » Gnädige Frau , ich sehe Sie jeden Abend von meinem Fenster aus im Mondschein spazierengehen . « » So , « erwiderte Doralice und legte sich auf die Seite , um Lolo ansehen zu können , ihr Gesicht war über und über mit flimmernden Tropfen übersät , » das ist dann wohl Ihr Fenster oben im Giebel , in dem ich jeden Abend Licht sehe ? « » Ja « , rief Lolo begeistert zurück . Es freute sie , daß Doralice zu ihr hinaufgeschaut hatte . Nun waren sie angekommen und gingen ans Ufer . » Es ist hübsch « , meinte Doralice , » so zu zweien zu schwimmen « , und sie reichte Lolo die Hand . Lolo nahm diese kleine feuchte Hand , hielt sie einen Augenblick und führte sie dann schnell an ihre Lippen . » Ich - ich danke Ihnen , gnädige Frau « , sagte sie leise . » Nicht doch « , wehrte Doralice , beugte sich vor und küßte Lolo auf den Mund . Von der Düne her aber bewegte sich ein Zug eilig auf Lolo zu . Voran Frau von Buttlär , die unausgesetzt » Lolo ! « rief und mit dem Taschentuch winkte , ihr folgte Fräulein Bork mit dem Badetuche , dann Wedig die Hände in den Hosentaschen und ein ironisches Lächeln auf den Lippen und zuletzt die Generalin erhitzt und ganz außer Atem . Lolo ging dem Zuge ein wenig zögernd entgegen . » Da bist du endlich « , rief Frau von Buttlär , » du bringst mich noch um mit deinen Geschichten . « Lolo ließ sich schweigend in das Badetuch hüllen , man sah ihrem eigensinnigen Gesicht sofort an , daß sie nichts zu ihrer Entschuldigung anführen wollte . Während sie jetzt alle wieder zum Badehause zogen , ging Frau von Buttlär hinter ihrer Tochter her und schalt unausgesetzt : » So etwas kann nur dir passieren , gerade dieser Person in die Arme zu laufen und geküßt hat sie dich . Wie kommt sie darauf , die freche Person ? Und du läßt das geschehen . Von wem wirst du dich nicht noch alles küssen lassen . « Da wandte Lolo ein wenig den Kopf und sagte entschlossen und eigensinnig : » Sie hat mich geküßt , weil ich ihr die Hand geküßt habe . « » Du hast ihr die Hand geküßt « , rief Frau von Buttlär , » hat man so etwas gehört und warum ? ich bitte dich . Diese Person , sie ist ja halbnackt , keine Ärmel und die Dekolletage ! Aber du hast keinen Stolz , du bist verlobt , du sollst eine ehrliche Frau werden ; wir ehrliche Frauen müssen doch Front machen gegen diese Damen und du küßt ihnen die Hände . Dein Bräutigam wird sich freuen . Ach Gott , mir ist ganz übel , so schäme ich mich . « Da legte sich die Generalin ins Mittel , sie schob Lolo in das Badehaus und sagte : » Für jetzt ist es genug , Bella , das Kind ist angegriffen , geschehen ist geschehen , wir werden ihr mit etwas Baldriantee den Kuß der Jasky wieder wegkurieren . « Zu Hause schickte Frau von Buttlär Lolo sofort zu Bett , sie selbst legte sich auch hin und Ernestine lief mit Baldriantee treppauf , treppab . Lolo lag oben in ihrem Zimmer auf ihrem Bett noch immer bleich und schaute mit ihren erregten Augen nachdenklich zur Decke auf . Nini saß neben ihr , sie sprach nichts , sondern schaute Lolo nur wartend an . Endlich begann Lolo zu sprechen , langsam und versonnen : » Ja , sie war herrlich , aber das wußte ich , und daß ich sie werde lieben müssen , das wußte ich auch , aber ich wußte nicht , daß sie etwas an sich hat , das einen weinen machen könnte . Ich hatte so das Gefühl im Halse wie bei ganz rührenden Stellen in Romanen , das ist natürlich deshalb , weil alle so schlecht von ihr sprechen , weil alle so gegen sie sind . Aber ich bin für sie . « - » Ich auch « , sagte Nini . » Du ? « fragte Lolo verwundert . » Du kennst sie ja gar nicht . « - » Das tut nichts « , meinte Nini , » ich war schon für sie den ersten Abend , als ich sie im Mondschein spazieren gehen sah . Aber was wirst du jetzt tun ? « » Ich weiß , was ich tun werde « , sagte Lolo ernst . Sie stand auf , setzte sich an ihren Schreibtisch und begann einen Brief zu schreiben . Nini wartete geduldig und fragte dann : » Hast du an sie geschrieben ? « » O nein « , antwortete Lolo überlegen . » Ich habe mir aus der Stadt sehr viel rote Rosen kommen lassen , die werde ich ihr abends durch das Fenster in ihr Zimmer werfen . « » Und ich « , beschloß Nini , » werde mich so lange üben , bis ich auch zur zweiten Sandbank schwimmen kann , und wenn ich dabei auch ertrinke . « Fünftes Kapitel Es folgten sich Tage mit unbewölktem Himmel und unerbittlichem Sonnenschein . Überall lag dieses heiße grelle Licht , es schwamm und zitterte auf dem Wasser , es sprühte auf dem Sande , erweckte Funken auf den Kieseln und auf den harten Stengeln des Strandhafers und der Seggen . » Man kann sich vor Licht nicht mehr retten « , sagte Hans Grill . Aber auch die Abende und Nächte brachten weder Kühlung noch Dunkel . Ein leichter Westwind bewegte die Schwüle nur , ohne sie zu mildern . In einem dunstigen violetten Gewölk wetterleuchtete es jeden Abend am Horizont und dann kam der Mond fast voll und das Glitzern und Sprühen begann wieder allerorten . » Man möchte zu dieser ewigen Helligkeit sagen « , bemerkte wieder Hans Grill , » ich will meine Ruhe . « Allein auch in den Stuben war diese Ruhe nicht zu finden , dort war es zu eng und zu heiß , und die Dunkelheit legte sich über den Schläfer wie eine dicke schwarze Decke . Selbst die Fischer , die sonst mit einbrechender Dunkelheit in ihre Hütten zu verschwinden pflegten , saßen vor ihren Häusern und starrten auf das Meer hinaus . So saßen die Wardeins auf der langen Bank vor ihrer Haustür , alle waren sie da nebeneinander aufgereiht wie Seevögel auf einer Klippe . Die achtzigjährige Großmutter , groß und knochig wie ein Mann , legte ihre seltsam knorrigen Hände flach auf die Kniescheiben , um sie zu kühlen . Wardein rauchte seine Pfeife ; seine bleiche Frau hielt das Jüngste an der Brust und die anderen Kinder saßen da im Hemde