Mensch hats gesehen . Im übrigen behandeln sie mich wie einen Herrn . Es muß nur jemand in der Nähe sein , dann tun sie sogar untertänig . Tun , als ob ich einen Pelz anhätte und mein Wagen hinter mir herführe . Manchmal gebe ich ihnen zwei Sous und zittere , sie könnten sie abweisen ; aber sie nehmen sie an . Und es wäre alles in Ordnung , wenn sie nicht wieder ein wenig gegrinst und gezwinkert hätten . Wer sind diese Leute ? Was wollen sie von mir ? Warten sie auf mich ? Woran erkennen sie mich ? Es ist wahr , mein Bart sieht etwas vernachlässigt aus , und ein ganz , ganz klein wenig erinnert er an ihre kranken , alten , verblichenen Bärte , die mir immer Eindruck gemacht haben . Aber habe ich nicht das Recht , meinen Bart zu vernachlässigen ? Viele beschäftigte Menschen tun das , und es fällt doch niemandem ein , sie deshalb gleich zu den Fortgeworfenen zu zählen . Denn das ist mir klar , daß das die Fortgeworfenen sind , nicht nur Bettler ; nein , es sind eigentlich keine Bettler , man muß Unterschiede machen . Es sind Abfälle , Schalen von Menschen , die das Schicksal ausgespieen hat . Feucht vom Speichel des Schicksals kleben sie an einer Mauer , an einer Laterne , an einer Plakatsäule , oder sie rinnen langsam die Gasse herunter mit einer dunklen , schmutzigen Spur hinter sich her . Was in aller Welt wollte diese Alte von mir , die , mit einer Nachttischschublade , in der einige Knöpfe und Nadeln herumrollten , aus irgendeinem Loch herausgekrochen war ? Weshalb ging sie immer neben mir und beobachtete mich ? Als ob sie versuchte , mich zu erkennen mit ihren Triefaugen , die aussahen , als hätte ihr ein Kranker grünen Schleim in die blutigen Lider gespuckt . Und wie kam damals jene graue , kleine Frau dazu , eine Viertelstunde lang vor einem Schaufenster an meiner Seite zu stehen , während sie mir einen alten , langen Bleistift zeigte , der unendlich langsam aus ihren schlechten , geschlossenen Händen sich herausschob . Ich tat , als betrachtete ich die ausgelegten Sachen und merkte nichts . Sie aber wußte , daß ich sie gesehen hatte , sie wußte , daß ich stand und nachdachte , was sie eigentlich täte . Denn daß es sich nicht um den Bleistift handeln konnte , begriff ich wohl : ich fühlte , daß das ein Zeichen war , ein Zeichen für Eingeweihte , ein Zeichen , das die Fortgeworfenen kennen ; ich ahnte , sie bedeutete mir , ich müßte irgendwohin kommen oder etwas tun . Und das Seltsamste war , daß ich immerfort das Gefühl nicht los wurde , es bestünde tatsächlich eine gewisse Verabredung , zu der dieses Zeichen gehörte , und diese Szene wäre im Grunde etwas , was ich hätte erwarten müssen . Das war vor zwei Wochen . Aber nun vergeht fast kein Tag ohne eine solche Begegnung . Nicht nur in der Dämmerung , am Mittag in den dichtesten Straßen geschieht es , daß plötzlich ein kleiner Mann oder eine alte Frau da ist , nickt , mir etwas zeigt und wieder verschwindet , als wäre nun alles Nötige getan . Es ist möglich , daß es ihnen eines Tages einfällt , bis in meine Stube zu kommen , sie wissen bestimmt , wo ich wohne , und sie werden es schon einrichten , daß der Concierge sie nicht aufhält . Aber hier , meine Lieben , hier bin ich sicher vor euch . Man muß eine besondere Karte haben , um in diesen Saal eintreten zu können . Diese Karte habe ich vor euch voraus . Ich gehe ein wenig scheu , wie man sich denken kann , durch die Straßen , aber schließlich stehe ich vor einer Glastür , öffne sie , als ob ich zuhause wäre , weise an der nächsten Tür meine Karte vor ( ganz genau wie ihr mir eure Dinge zeigt , nur mit dem Unterschiede , daß man mich versteht und begreift , was ich meine - ) , und dann bin ich zwischen diesen Büchern , bin euch weggenommen , als ob ich gestorben wäre , und sitze und lese einen Dichter . Ihr wißt nicht , was das ist , ein Dichter ? - Verlaine ... Nichts ? Keine Erinnerung ? Nein . Ihr habt ihn nicht unterschieden unter denen , die ihr kanntet ? Unterschiede macht ihr keine , ich weiß . Aber es ist ein anderer Dichter , den ich lese , einer , der nicht in Paris wohnt , ein ganz anderer . Einer , der ein stilles Haus hat im Gebirge . Der klingt wie eine Glocke in reiner Luft . Ein glücklicher Dichter , der von seinem Fenster erzählt und von den Glastüren seines Bücherschrankes , die eine liebe , einsame Weite nachdenklich spiegeln . Gerade der Dichter ist es , der ich hätte werden wollen ; denn er weiß von den Mädchen so viel , und ich hätte auch viel von ihnen gewußt . Er weiß von Mädchen , die vor hundert Jahren gelebt haben ; es tut nichts mehr , daß sie tot sind , denn er weiß alles . Und das ist die Hauptsache . Er spricht ihre Namen aus , diese leisen , schlankgeschriebenen Namen mit den altmodischen Schleifen in den langen Buchstaben und die erwachsenen Namen ihrer älteren Freundinnen , in denen schon ein klein wenig Schicksal mitklingt , ein klein wenig Enttäuschung und Tod . Vielleicht liegen in einem Fach seines Mahagonischreibtisches ihre verblichenen Briefe und die gelösten Blätter ihrer Tagebücher , in denen Geburtstage stehen , Sommerpartien , Geburtstage . Oder es kann sein , daß es in der bauchigen Kommode im Hintergrunde seines Schlafzimmers eine Schublade giebt , in der ihre Frühjahrskleider aufgehoben sind ; weiße Kleider , die um Ostern zum erstenmal angezogen wurden , Kleider aus getupftem Tüll , die eigentlich in den Sommer gehören , den man nicht erwarten konnte . O was für ein glückliches Schicksal , in der stillen Stube eines ererbten Hauses zu sitzen unter lauter ruhigen , seßhaften Dingen und draußen im leichten , lichtgrünen Garten die ersten Meisen zu hören , die sich versuchen , und in der Ferne die Dorfuhr . Zu sitzen und auf einen warmen Streifen Nachmittagssonne zu sehen und vieles von vergangenen Mädchen zu wissen und ein Dichter zu sein . Und zu denken , daß ich auch so ein Dichter geworden wäre , wenn ich irgendwo hätte wohnen dürfen , irgendwo auf der Welt , in einem von den vielen verschlossenen Landhäusern , um die sich niemand bekümmert . Ich hätte ein einziges Zimmer gebraucht ( das lichte Zimmer im Giebel ) . Da hätte ich drinnen gelebt mit meinen alten Dingen , den Familienbildern , den Büchern . Und einen Lehnstuhl hätte ich gehabt und Blumen und Hunde und einen starken Stock für die steinigen Wege . Und nichts sonst . Nur ein Buch in gelbliches , elfenbeinfarbiges Leder gebunden mit einem alten blumigen Muster als Vorsatz : dahinein hätte ich geschrieben . Ich hätte viel geschrieben , denn ich hätte viele Gedanken gehabt und Erinnerungen von Vielen . Aber es ist anders gekommen , Gott wird wissen , warum . Meine alten Möbel faulen in einer Scheune , in die ich sie habe stellen dürfen , und ich selbst , ja , mein Gott , ich habe kein Dach über mir , und es regnet mir in die Augen . Manchmal gehe ich an kleinen Läden vorbei in der rue de Seine etwa . Händler mit Altsachen oder kleine Buchantiquare oder Kupferstichverkäufer mit überfüllten Schaufenstern . Nie tritt jemand bei ihnen ein , sie machen offenbar keine Geschäfte . Sieht man aber hinein , so sitzen sie , sitzen und lesen , unbesorgt ; sorgen nicht um morgen , ängstigen sich nicht um ein Gelingen , haben einen Hund , der vor ihnen sitzt , gut aufgelegt , oder eine Katze , die die Stille noch größer macht , indem sie die Bücherreihen entlang streicht , als wischte sie die Namen von den Rücken . Ach , wenn das genügte : ich wünschte manchmal , mir so ein volles Schaufenster zu kaufen und mich mit einem Hund dahinterzusetzen für zwanzig Jahre . Es ist gut , es laut zu sagen : » Es ist nichts geschehen . « Noch einmal : » Es ist nichts geschehen . « Hilft es ? Daß mein Ofen wieder einmal geraucht hat und ich ausgehen mußte , das ist doch wirklich kein Unglück . Daß ich mich matt und erkältet fühle , hat nichts zu bedeuten . Daß ich den ganzen Tag in den Gassen umhergelaufen bin , ist meine eigene Schuld . Ich hätte ebensogut im Louvre sitzen können . Oder nein , das hätte ich nicht . Dort sind gewisse Leute , die sich wärmen wollen . Sie sitzen auf den Samtbänken , und ihre Füße stehen wie große leere Stiefel nebeneinander auf den Gittern der Heizungen . Es sind äußerst bescheidene Männer , die dankbar sind , wenn die Diener in den dunklen Uniformen mit den vielen Orden sie dulden . Aber wenn ich eintrete , so grinsen sie . Grinsen und nicken ein wenig . Und dann , wenn ich vor den Bildern hin und her gehe , behalten sie mich im Auge , immer im Auge , immer in diesem umgerührten , zusammengeflossenen Auge . Es war also gut , daß ich nicht ins Louvre gegangen bin . Ich bin immer unterwegs gewesen . Weiß der Himmel in wie vielen Städten , Stadtteilen , Friedhöfen , Brücken und Durchgängen . Irgendwo habe ich einen Mann gesehen , der einen Gemüsewagen vor sich herschob . Er schrie : Chou-fleur , Chou-fleur , das fleur mit eigentümlich trübem eu . Neben ihm ging eine eckige , häßliche Frau , die ihn von Zeit zu Zeit anstieß . Und wenn sie ihn anstieß , so schrie er . Manchmal schrie er auch von selbst , aber dann war es umsonst gewesen , und er mußte gleich darauf wieder schreien , weil man vor einem Hause war , welches kaufte . Habe ich schon gesagt , daß er blind war ? Nein ? Also er war blind . Er war blind und schrie . Ich fälsche , wenn ich das sage , ich unterschlage den Wagen , den er schob , ich tue , als hätte ich nicht bemerkt , daß er Blumenkohl ausrief Aber ist das wesentlich ? Und wenn es auch wesentlich wäre , kommt es nicht darauf an , was die ganze Sache für mich gewesen ist ? Ich habe einen alten Mann gesehen , der blind war und schrie . Das habe ich gesehen . Gesehen . Wird man es glauben , daß es solche Häuser giebt ? Nein , man wird sagen , ich fälsche . Diesmal ist es Wahrheit , nichts weggelassen , natürlich auch nichts hinzugetan . Woher sollte ich es nehmen ? Man weiß , daß ich arm bin . Man weiß es . Häuser ? Aber , um genau zu sein , es waren Häuser , die nicht mehr da waren . Häuser , die man abgebrochen hatte von oben bis unten . Was da war , das waren die anderen Häuser , die danebengestanden hatten , hohe Nachbarhäuser . Offenbar waren sie in Gefahr , umzufallen , seit man nebenan alles weggenommen hatte ; denn ein ganzes Gerüst von langen , geteerten Mastbäumen war schräg zwischen den Grund des Schuttplatzes und die bloßgelegte Mauer gerammt . Ich weiß nicht , ob ich schon gesagt habe , daß ich diese Mauer meine . Aber es war sozusagen nicht die erste Mauer der vorhandenen Häuser ( was man doch hätte annehmen müssen ) , sondern die letzte der früheren . Man sah ihre Innenseite . Man sah in den verschiedenen Stockwerken Zimmerwände , an denen noch die Tapeten klebten , da und dort den Ansatz des Fußbodens oder der Decke . Neben den Zimmerwänden blieb die ganze Mauer entlang noch ein schmutzigweißer Raum , und durch diesen kroch in unsäglich widerlichen , wurmweichen , gleichsam verdauenden Bewegungen die offene , rostfleckige Rinne der Abortröhre . Von den Wegen , die das Leuchtgas gegangen war , waren graue , staubige Spuren am Rande der Decken geblieben , und sie bogen da und dort , ganz unerwartet , rund um und kamen in die farbige Wand hineingelaufen und in ein Loch hinein , das schwarz und rücksichtslos ausgerissen war . Am unvergeßlichsten aber waren die Wände selbst . Das zähe Leben dieser Zimmer hatte sich nicht zertreten lassen . Es war noch da , es hielt sich an den Nägeln , die geblieben waren , es stand auf dem handbreiten Rest der Fußböden , es war unter den Ansätzen der Ecken , wo es noch ein klein wenig Innenraum gab , zusammengekrochen . Man konnte sehen , daß es in der Farbe war , die es langsam , Jahr um Jahr , verwandelt hatte : Blau in schimmliches Grün , Grün in Grau und Gelb in ein altes , abgestandenes Weiß , das fault . Aber es war auch in den frischeren Stellen , die sich hinter Spiegeln , Bildern und Schränken erhalten hatten ; denn es hatte ihre Umrisse gezogen und nachgezogen und war mit Spinnen und Staub auch auf diesen versteckten Plätzen gewesen , die jetzt bloßlagen . Es war in jedem Streifen , der abgeschunden war , es war in den feuchten Blasen am unteren Rande der Tapeten , es schwankte in den abgerissenen Fetzen , und aus den garstigen Flecken , die vor langer Zeit entstanden waren , schwitzte es aus . Und aus diesen blau , grün und gelb gewesenen Wänden , die eingerahmt waren von den Bruchbahnen der zerstörten Zwischenmauern , stand die Luft dieser Leben heraus , die zähe , träge , stockige Luft , die kein Wind noch zerstreut hatte . Da standen die Mittage und die Krankheiten und das Ausgeatmete und der jahrealte Rauch und der Schweiß , der unter den Schultern ausbricht und die Kleider schwer macht , und das Fade aus den Munden und der Fuselgeruch gärender Füße . Da stand das Scharfe vom Urin und das Brennen vom Ruß und grauer Kartoffeldunst und der schwere , glatte Gestank von alterndem Schmalze . Der süße , lange Geruch von vernachlässigten Säuglingen war da und der Angstgeruch der Kinder , die in die Schule gehen , und das Schwüle aus den Betten mannbarer Knaben . Und vieles hatte sich dazugesellt , was von unten gekommen war , aus dem Abgrund der Gasse , die verdunstete , und anderes war von oben herabgesickert mit dem Regen , der über den Städten nicht rein ist . Und manches hatten die schwachen , zahm gewordenen Hauswinde , die immer in derselben Straße bleiben , zugetragen , und es war noch vieles da , wovon man den Ursprung nicht wußte . Ich habe doch gesagt , daß man alle Mauern abgebrochen hatte bis auf die letzte - ? Nun von dieser Mauer spreche ich fortwährend . Man wird sagen , ich hätte lange davorgestanden ; aber ich will einen Eid geben dafür , daß ich zulaufen begann , sobald ich die Mauer erkannt hatte . Denn das ist das Schreckliche , daß ich sie erkannt habe . Ich erkenne das alles hier , und darum geht es so ohne weiteres in mich ein : es ist zu Hause in mir . Ich war etwas erschöpft nach alledem , man kann wohl sagen angegriffen , und darum war es zuviel für mich , daß auch er noch auf mich warten mußte . Er wartete in der kleinen Crémerie , wo ich zwei Spiegeleier essen wollte ; ich war hungrig , ich war den ganzen Tag nicht dazu gekommen zu essen . Aber ich konnte auch jetzt nichts zu mir nehmen ; ehe die Eier noch fertig waren , trieb es mich wieder hinaus in die Straßen , die ganz dickflüssig von Menschen mir entgegenrannen . Denn es war Fasching und Abend , und die Leute hatten alle Zeit und trieben umher und rieben sich einer am andern . Und ihre Gesichter waren voll von dem Licht , das aus den Schaubuden kam , und das Lachen quoll aus ihren Munden wie Eiter aus offenen Stellen . Sie lachten immer mehr und drängten sich immer enger zusammen , je ungeduldiger ich versuchte vorwärts zu kommen . Das Tuch eines Frauenzimmers hakte sich irgendwie an mir fest , ich zog sie hinter mir her , und die Leute hielten mich auf und lachten , und ich fühlte , daß ich auch lachen sollte , aber ich konnte es nicht . Jemand warf mir eine Hand Confetti in die Augen , und es brannte wie eine Peitsche . An den Ecken waren die Menschen festgekeilt , einer in den andern geschoben , und es war keine Weiterbewegung in ihnen , nur ein leises , weiches Auf und Ab , als ob sie sich stehend paarten . Aber obwohl sie standen und ich am Rande der Fahrbahn , wo es Risse im Gedränge gab , hinlief wie ein Rasender , war es in Wahrheit doch so , daß sie sich bewegten und ich mich nicht rührte . Denn es veränderte sich nichts ; wenn ich aufsah , gewahrte ich immer noch dieselben Häuser auf der einen Seite und auf der anderen die Schaubuden . Vielleicht auch stand alles fest , und es war nur ein Schwindel in mir und ihnen , der alles zu drehen schien . Ich hatte keine Zeit , darüber nachzudenken , ich war schwer von Schweiß , und es kreiste ein betäubender Schmerz in mir , als ob in meinem Blute etwas zu Großes mittriebe , das die Adern ausdehnte , wohin es kam . Und dabei fühlte ich , daß die Luft längst zu Ende war und daß ich nur mehr Ausgeatmetes einzog , das meine Lungen stehen ließen . Aber nun ist es vorbei ; ich habe es überstanden . Ich sitze in meinem Zimmer bei der Lampe ; es ist ein wenig kalt , denn ich wage es nicht , den Ofen zu versuchen ; was , wenn er rauchte und ich müßte wieder hinaus ? Ich sitze und denke : wenn ich nicht arm wäre , würde ich mir ein anderes Zimmer mieten , ein Zimmer mit Möbeln , die nicht so aufgebraucht sind , nicht so voll von früheren Mietern wie diese hier . Zuerst war es mir wirklich schwer , den Kopf in diesen Lehnstuhl zu legen ; es ist da nämlich eine gewisse schmierig-graue Mulde in seinem grünen Bezug , in die alle Köpfe zu passen scheinen . Längere Zeit gebrauchte ich die Vorsicht , ein Taschentuch unter meine Haare zu legen , aber jetzt bin ich zu müde dazu ; ich habe gefunden , daß es auch so geht und daß die kleine Vertiefung genau für meinen Hinterkopf gemacht ist , wie nach Maß . Aber ich würde mir , wenn ich nicht arm wäre , vor allem einen guten Ofen kaufen , und ich würde das reine , starke Holz heizen , welches aus dem Gebirge kommt , und nicht diese trostlosen têtes-de-moineau , deren Dunst das Atmen so bang macht und den Kopf so wirr . Und dann müßte jemand da sein , der ohne grobes Geräusch aufräumt und der das Feuer besorgt , wie ich es brauche ; denn oft , wenn ich eine Viertelstunde vor dem Ofen knien muß und rütteln , die Stirnhaut gespannt von der nahen Glut und mit Hitze in den offenen Augen , gebe ich alles aus , was ich für den Tag an Kraft habe , und wenn ich dann unter die Leute komme , haben sie es natürlich leicht . Ich würde manchmal , wenn großes Gedränge ist , einen Wagen nehmen , vorbeifahren , ich würde täglich in einem Duval essen ... und nicht mehr in die Crémerien kriechen ... Ob er wohl auch in einem Duval gewesen wäre ? Nein . Dort hätte er nicht auf mich warten dürfen . Sterbende läßt man nicht hinein . Sterbende ? Ich sitze ja jetzt in meiner Stube ; ich kann ja versuchen , ruhig über das nachzudenken , was mir begegnet ist . Es ist gut , nichts im Ungewissen zu lassen . Also ich trat ein und sah zuerst nur , daß der Tisch , an dem ich öfters zu sitzen pflegte , von jemandem anderen eingenommen war . Ich grüßte nach dem kleinen Buffet hin , bestellte und setzte mich nebenan . Aber da fühlte ich ihn , obwohl er sich nicht rührte . Gerade seine Regungslosigkeit fühlte ich und begriff sie mit einem Schlage . Die Verbindung zwischen uns war hergestellt , und ich wußte , daß er erstarrt war vor Entsetzen . Ich wußte , daß das Entsetzen ihn gelähmt hatte , Entsetzen über etwas , was in ihm geschah . Vielleicht brach ein Gefäß in ihm , vielleicht trat ein Gift , das er lange gefürchtet hatte , gerade jetzt in seine Herzkammer ein , vielleicht ging ein großes Geschwür auf in seinem Gehirn wie eine Sonne , die ihm die Welt verwandelte . Mit unbeschreiblicher Anstrengung zwang ich mich , nach ihm hinzusehen , denn ich hoffte noch , daß alles Einbildung sei . Aber es geschah , daß ich aufsprang und hinausstürzte ; denn ich hatte mich nicht geirrt . Er saß da in einem dicken , schwarzen Wintermantel , und sein graues , gespanntes Gesicht hing tief in ein wollenes Halstuch . Sein Mund war geschlossen , als wäre er mit großer Wucht zugefallen , aber es war nicht möglich zu sagen , ob seine Augen noch schauten : beschlagene , rauchgraue Brillengläser lagen davor und zitterten ein wenig . Seine Nasenflügel waren aufgerissen , und das lange Haar über seinen Schläfen , aus denen alles weggenommen war , welkte wie in zu großer Hitze . Seine Ohren waren lang , gelb , mit großen Schatten hinter sich . Ja , er wußte , daß er sich jetzt von allem entfernte nicht nur von den Menschen . Ein Augenblick noch , und alles wird seinen Sinn verloren haben , und dieser Tisch und die Tasse und der Stuhl , an den er sich klammert , alles Tägliche und Nächste wird unverständlich geworden sein , fremd und schwer . So saß er da und wartete , bis es geschehen sein würde . Und wehrte sich nicht mehr . Und ich wehre mich noch . Ich wehre mich , obwohl ich weiß , daß mir das Herz schon heraus hängt und daß ich doch nicht mehr leben kann , auch wenn meine Quäler jetzt von mir abließen . Ich sage mir : es ist nichts geschehen , und doch habe ich jenen Mann nur begreifen können , weil auch in mir etwas vor sich geht , das anfängt , mich von allem zu entfernen und abzutrennen . Wie graute mir immer , wenn ich von einem Sterbenden sagen hörte : er konnte schon niemanden mehr erkennen . Dann stellte ich mir ein einsames Gesicht vor , das sich aufhob aus Kissen und suchte , nach etwas Bekanntem suchte , nach etwas schon einmal Gesehenem suchte , aber es war nichts da . Wenn meine Furcht nicht so groß wäre , so würde ich mich damit trösten , daß es nicht unmöglich ist , alles anders zu sehen und doch zu leben . Aber ich fürchte mich , ich fürchte mich namenlos vor dieser Veränderung . Ich bin ja noch gar nicht in dieser Welt eingewöhnt gewesen , die mir gut scheint . Was soll ich in einer anderen ? Ich würde so gerne unter den Bedeutungen bleiben , die mir lieb geworden sind , und wenn schon etwas sich verändern muß , so möchte ich doch wenigstens unter den Hunden leben dürfen , die eine verwandte Welt haben und dieselben Dinge . Noch eine Weile kann ich das alles aufschreiben und sagen . Aber es wird ein Tag kommen , da meine Hand weit von mir sein wird , und wenn ich sie schreiben heißen werde , wird sie Worte schreiben , die ich nicht meine . Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen , und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben , und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen . Bei aller Furcht bin ich schließlich doch wie einer , der vor etwas Großem steht , und ich erinnere mich , daß es früher oft ähnlich in mir war , eh ich zu schreiben begann . Aber diesmal werde ich geschrieben werden . Ich bin der Eindruck , der sich verwandeln wird . Oh , es fehlt nur ein kleines , und ich könnte das alles begreifen und gutheißen . Nur ein Schritt , und mein tiefes Elend würde Seligkeit sein . Aber ich kann diesen Schritt nicht tun , ich bin gefallen und kann mich nicht mehr aufheben , weil ich zerbrochen bin . Ich habe ja immer noch geglaubt , es könnte eine Hülfe kommen . Da liegt es vor mir in meiner eigenen Schrift , was ich gebetet habe , Abend für Abend . Ich habe es mir aus den Büchern , in denen ich es fand , abgeschrieben , damit es mir ganz nahe wäre und aus meiner Hand entsprungen wie Eigenes . Und ich will es jetzt noch einmal schreiben , hier vor meinem Tisch kniend will ich es schreiben ; denn so habe ich es länger , als wenn ich es lese , und jedes Wort dauert an und hat Zeit zu verhallen . » Mécontent de tous et mécontent de moi , je voudrais bien me racheter et m ' enorgueillir un peu dans le silence et la solitude de la nuit . Âmes de ceux que j ' ai aimés , âmes de ceux que j ' ai chantés , fortifiez-moi , soutenez-moi , éloignez de moi le mensonge et les vapeurs corruptrices du monde ; et vous , Seigneur mon Dieu ! accordez-moi la grâce de produire quelques beaux vers qui me prouvent à moi-même que je ne suis pas le dernier des hommes , que je ne suis pas inférieur à ceux que je méprise . « » Die Kinder loser und verachteter Leute , die die Geringsten im Lande waren . Nun bin ich ihr Saitenspiel worden und muß ihr Märlein sein . ... sie haben über mich einen Weg gemacht ... ... es war ihnen so leicht , mich zu beschädigen , daß sie keiner Hülfe dazu durften . ... nun aber geußet sich aus meine Seele über mich , und mich hat ergriffen die elende Zeit . Des Nachts wird mein Gebein durchbohret allenthalben ; und die mich jagen , legen sich nicht schlafen . Durch die Menge der Kraft werde ich anders und anders gekleidet ; und man gürtet mich damit wie mit dem Loch meines Rocks ... Meine Eingeweide sieden und hören nicht auf ; mich hat überfallen die elende Zeit ... Meine Harfe ist eine Klage worden , und meine Pfeife ein Weinen . « Der Arzt hat mich nicht verstanden . Nichts . Es war ja auch schwer zu erzählen . Man wollte einen Versuch machen mit dem Elektrisieren . Gut . Ich bekam einen Zettel : ich sollte um ein Uhr in der Salpêtrière sein . Ich war dort . Ich mußte lange an verschiedenen Baracken vorüber , durch mehrere Höfe gehen , in denen da und dort Leute mit weißen Hauben wie Sträflinge unter den leeren Bäumen standen . Endlich kam ich in einen langen , dunklen , gangartigen Raum , der auf der einen Seite vier Fenster aus mattem , grünlichem Glase hatte , eines vom anderen durch eine breite , schwarze Zwischenwand getrennt . Davor lief eine Holzbank hin , an allem vorbei , und auf dieser Bank saßen sie , die mich kannten , und warteten . Ja , sie waren alle da . Als ich mich an die Dämmerung des Raumes gewöhnt hatte , merkte ich , daß unter denen , welche Schulter an Schulter in endloser Reihe da - saßen , auch einige andere Leute sein konnten , kleine Leute , Handwerker , Bedienerinnen und Lastkutscher . Unten an der Schmalseite des Ganges auf besonderen Stühlen hatten sich zwei dicke Frauen ausgebreitet , die sich unterhielten , vermutlich Conciergen . Ich sah nach der Uhr ; es war fünf Minuten vor Eins . Nun in fünf , sagen wir in zehn Minuten , mußte ich drankommen ; es war also nicht so schlimm . Die Luft war schlecht , schwer , voll Kleider und Atem . An einer gewissen Stelle schlug die starke , steigernde Kühle von Äther aus einer Türspalte . Ich begann auf und ab zu gehen . Es kam mir in den Sinn , daß man mich hierher gewiesen hatte , unter diese Leute , in diese überfüllte , allgemeine Sprechstunde . Es war sozusagen die erste öffentliche Bestätigung , daß ich zu den Fortgeworfenen gehörte ; hatte der Arzt es mir angesehen ? Aber ich hatte meinen Besuch in einem leidlich guten Anzuge gemacht , ich hatte meine Karte hineingeschickt . Trotzdem , er mußte es irgendwie erfahren haben , vielleicht hatte ich mich selbst verraten . Nun , da es einmal Tatsache war , fand ich es auch gar nicht so arg ; die Leute saßen still und achteten nicht auf mich . Einige hatten Schmerzen und schwenkten ein wenig das eine Bein , um sie leichter auszuhalten . Verschiedene Männer hatten den Kopf in die flachen Hände gelegt , andere schliefen tief mit schweren , verschütteten Gesichtern . Ein dicker