sich das mit Eurem Geschäft ? « » Gewiß , gewiß . Wir hatten damals ein Grossogeschäft in Pferden , Rindern , Schweinen und Schafen und trieben uns bei unsern Einkäufen sehr viel im alten Westen herum . « » Ihr sagt wir . Also Kompagnons ? « » Ja , aber keine Fremden , sondern brüderliche Kompagnie . Wir waren fünf Brüder , sind aber jetzt nur noch zwei . Auch noch Kompagniegeschäft , aber nicht in Pferden und Rindern , sondern in Büchern . Wir wollen Euch Euern Winnetou abkaufen - - - « » Nur ihn ? « fiel ich ihm in die Rede . » Ja , nur ihn , « erwiderte er . » Warum nicht auch de andern Bücher , die doch auch Reifeerzählungen sind ? « » Weil sie uns nicht interessieren . « » Ich denke , es kommt hierbei mehr darauf an , was die Leser interessiert ? « » Mag sein ; bei uns aber ist das anders . Wir wollen nur den Winnetou , weiter nichts . « » Hm ! Wie denkt Ihr Euch dieses Geschäft ? « » Sehr einfach : Ihr verkauft ihn uns mit allen Rechten , ein für allemal , und wir bezahlen ihn Euch ein für allemal . « » Wann geschieht diese Zahlung ? « » Sofort . Ich bin imstande , Euch eine Anweisung an jede Euch beliebige Bank zu geben . Wieviel verlangt Ihr ? « » Wieviel bietet Ihr ? « » Je nachdem ! Wir dürfen drucken , so viel wir wollen ? « » Wenn wir einig werden , ja . « » Oder auch , so wenig wir wollen ? « » Nein . « » Wie ? Was ? Nicht ? « » Nein ! Natürlich nicht ! « » Wieso ? Warum ? « » Ich schreibe meine Bücher , damit sie gelesen werden , nicht aber damit sie verschwinden . « » Verschwinden ? « fragte er unter einer Bewegung der Ueberraschung . » Wer hat Euch gesagt , daß sie verschwinden sollen ? « » Gesagt wurde es allerdings noch nicht ; aber Ihr erwähntet doch , daß auch so wenig gedruckt werden darf , wie Euch beliebt . « » Ganz natürlich . Wenn wir sähen , daß die Bücher im Englischen keinen Anklang fänden , so würden wir eben darauf verzichten , sie zu drucken . Das versteht sich doch wohl von selbst ! « » Ist das Euer Ernst ? « » Ja . « » Sagt , hat Eure Reise nach Deutschland und Dresden noch andere Zwecke ? « » Nein . Ich habe keinen Grund , Euch zu verheimlichen , daß ich nur dieser Eurer drei Bücher wegen herübergekommen bin . « » So tut es mir leid , daß Ihr diese Reise so ganz umsonst gemacht habt . Ihr bekommt die Bücher nicht . « Ich war während dieser Worte aufgestanden . Auch er erhob sich von seinem Stuhle . Er war nicht imstande , die völlig unerwartete , große Täuschung zu verbergen , die ihn ergriff . Sein Blick wurde ängstlich , und seine Stimme vibrierte , als er fragte : » Verstehe ich Euch da recht , Sir ? Ihr wollt den Winnetou nicht verkaufen ? « » Wenigstens nicht an Euch . Ich gebe meine Bücher nicht einzeln zur Uebersetzung . Wer eins oder nur einige wünscht , der ist gezwungen , sie alle zu nehmen . « » Aber wenn ich Euch nun für diese drei Bände so viel zahle , wie Ihr für alle verlangt ? ! « » Auch dann nicht . « » Seid Ihr denn gar so reich , Mr. May ? « » Nein , keineswegs . Von Reichtum ist bei mir keine Rede . Ich habe nichts als mein gutes , für mich und meine Zwecke grad so zureichendes Auskommen , mehr nicht . Aber das genügt mir vollständig . Und wenn Ihr meine Erzählung Winnetou wirklich kennt , so wißt Ihr , daß ich überhaupt nicht nach Reichtum trachte , sondern nach höherstehenden , wertvolleren Gütern , mit denen ich meine Leser erfreuen und segnen will . Dazu ist notwendig , daß meine Bücher den richtigen Verleger finden , und daß Ihr der nicht sein könnt , davon habt Ihr mich soeben überzeugt . « Meine Frau sah und hörte es mir an , daß an diesem meinem Entschlusse nicht zu rütteln war . Der Yankee tat ihr leid . Er stand mit einer Miene und in einer Haltung vor uns da , als ob ein nicht wieder gut zu machendes Unheil über ihn hereingebrochen sei . Er zögerte , meinen Bescheid als mein letztes Wort zu betrachten . Er machte Einwendungen . Er brachte Gründe . Er gab Versprechungen , doch vergeblich . Schließlich , als gar nichts helfen wollte , sagte er : » Ich gebe die Hoffnung trotz alledem nicht auf , daß ich den Winnetou doch noch von Euch bekomme . Ich sehe , daß Mrs. May dieser Sache viel weniger abgeneigt ist , wie Ihr . Beratet Euch mit ihr , und gebt mir Zeit , inzwischen mit meinem Bruder , der doch mein Kompagnon ist , zu reden . « » Wollt Ihr dann etwa wieder herüberkommen ? Das würde ebenso nutzlos sein wie Eure jetzige Reise , « erklärte ich . » Herüber zu kommen , habe ich nicht nötig , weil Ihr ja , wie ich höre , baldigst hinübergehet . Gebt mir irgend eine Adresse da drüben an , und bestimmt mir einen Tag , an dem Ihr dort zu treffen seid , so stelle ich mich ein . « » Auch das hätte keinen Erfolg ! « versicherte ich . » Könnt Ihr das jetzt schon wissen ? Ist es nicht möglich , daß ich nach der Besprechung mit meinem Bruder Euch ein Anerbieten machen kann , welches Euern Zwecken und Wünschen besser entspricht als das heutige ? « Ich fühlte , daß er innerlich davor zitterte , auch noch hiermit abgewiesen zu werden . Auch ich hatte Mitleid , aber ich durfte diesem Gefühle nicht die Herrschaft über meine Entschlüsse einräumen . Das Herzle bombardierte mich mit bittenden Blicken , und als dies nicht schnell genug wirken wollte , ergriff sie gar meine Hand . Da sagte ich : » Gut , so mag es sein . Geben wir uns Zeit zum Ueberlegen ! Meine Frau war noch niemals mit da drüben . Sie erwartet ganz besonders , den Niagarafall zu sehen . Wir werden also von New York aus mit dem Hudsondampfer nach Albany fahren und von da mit der Bahn nach Buffalo , von wo aus es bis zu den Fällen nur noch eine Stunde ist . In Niagara-Falls wohnen wir auf der kanadischen Seite , und zwar im Clifton-Hotel , wo ich - - - « » Das kenne ich ; das kenne ich sehr gut ! « unterbrach er mich . » Da ist man sehr gut aufgehoben . Ein Hotel allerersten Ranges , still , vornehm , mit allen Errungenschaften der Neuzeit ausgestattet und - - - « » Well ! « fiel nun ich ihm in die Rede , um ihm dieses Lob , mit dem er nur sich selbst in das Licht stellen wollte , abzuschneiden . » Wenn Ihr es kennt , so ist es ja gut . Also dort sind wir zu finden . « » Wann ? « » Das weiß ich jetzt noch nicht . Am besten ist es , Ihr setzt Euch mit der Verwaltung dieses Hauses in Verbindung , daß sie Euch von unserer Ankunft sofortige Nachricht gibt . « » Richtig ! Das ist das Beste , und das werde ich tun ! « Dabei blieb es . Es gab hüben und drüben noch einige höfliche Abschiedsworte , dann war dieser Besuch , der viel größere Wichtigkeit besaß , als selbst ich jetzt dachte , beendet . Das Herzle konnte nicht ganz mit mir zufrieden sein . Sie ist so sehr zum Mitleid und Erbarmen geneigt , und der ängstliche , gequälte Blick dieses Mannes wollte ihr noch tagelang nicht aus dem Sinne kommen . Sie meinte , daß ich nicht höflich genug und zu abweisend mit ihm verfahren sei . » Warum tatest du das ? « fragte sie . » Weil er mich belog , « antwortete ich . » Weil er nicht offen und ehrlich war . Weißt du , wer er ist ? « » Ja . « » Nun , wer ? « » Einer der beiden übriggebliebenen Söhne jener unglücklichen Familie , deren Glieder alle durch Selbstmord sterben . « » Ja , das ist er allerdings , aber zugleich auch etwas Anderes . Er heißt nicht Enters . « » Du glaubst , er führt einen falschen Namen ? « » Ja . « » Hältst ihn also für einen Schwindler , einen Hochstabler ? « » Nein . Grad weil er ein ehrlicher Mann ist , trägt er nicht seinen eigentlichen , richtigen Namen . Er schämt sich desselben . Ich vermute sogar , daß er nur infolge meiner drei Bände Winnetou auf diesen Namen verzichtete . « Sie war so erstaunt hierüber , daß sie mich weiterzufragen vergaß . Darum fuhr ich unveranlaßt fort : » Hältst du es für möglich , daß ich überzeugt bin , seinen wirklichen Namen zu wissen ? « » Sage ihn ! « forderte sie mich auf . » Dieser Mann heißt nicht anders als Sander . « Da warf sie mir im höchsten Erstaunen die atemlose Frage hin : » Welchen Sander meinst du ? Den Mörder von Winnetous Vater und Schwester ? « » Ja . Der Mann , der bei uns war , ist sein Sohn . « » Unmöglich , unmöglich ! « » Gewiß , gewiß ! « » Beweise es ! « » Das ist eigentlich gar nicht nötig . Du müßtest es ebenso schnell und leicht erraten haben wie ich . « » Wirklich ? Bis jetzt erkenne ich nur das Eine , daß du ihn für einen Lügner hältst , weil er sich Enters anstatt Sander nennt . « » Wie falsch von dir , wie falsch ! Wüchsen meine Folgerungen nur aus diesem einen Punkte heraus , so wäre ich ein außerordentlich schlechter Fährtenleser , ein Greenhorn , ein Hans Tapps , und hätte mich meiner Logik wegen rot und blau zu schämen . Ich bitte dich aber , daran zu denken , daß er sich extra einen Vorleser engagierte , um sich sofort Notizen machen zu können . Wie lange ist es wohl her , daß er dies tat ? « » Eine ganz beträchtliche Reihe von Jahren . Das sagte er ja selbst . « » Schön ! Und wozu hat er sich diese Notizen gemacht ? « » Aus rein literarischen Gründen , zu Buchhändlerzwecken . Auch das sagte er selbst . « » Ganz richtig ! Und hier liegt die Lüge , bei welcher die Fährte beginnt , die zu seinem richtigen , wirklichen Namen führt Er selbst hat zugegeben , daß er damals Großhändler in allerlei Schlachtvieh war , und du weißt sehr genau , wann er aufgehört hat , dies zu sein . Oder nicht ? « » Doch ! Dieses Geschäft wurde erst im vorigen Jahre verkauft . Das hat er gestern beim Arzte gesagt . « » Und dennoch schon vor so langen Jahren bereits rein buchhändlerische Notizen ? Glaubst du das ? « » Nein ! Jetzt nicht mehr ! Du , jetzt fange auch ich an , klar zu sehen . Vielleicht ist es gar nicht einmal wahr , daß er jetzt Buchhändler ist ! « » Fällt ihm gar nicht ein ! Aber mit diesem Gedanken hast du dich neben mich auf die richtige Fährte gestellt ! Ueberlege folgendes : Kaum hat er bei einem Bekannten von meinem Winnetou gehört , so engagiert er sich einen besonderen Mann zum Uebersetzen und Vorlesen dieser Erzählung . Ist etwa anzunehmen , daß er bei diesem Bekannten dem Vorlesen aller drei Bände beigewohnt hat ? « » Gewiß nicht . « » Das ist auch meine Meinung . Er hat nur Einiges oder gar nur Weniges gehört . Wenn er sich sofort hierauf einen besondern Privatübersetzer engagierte , um das ganze Werk unter vier Augen kennen zu lernen , so muß dieses Einige oder dieses Wenige von außerordentlicher Wichtigkeit für ihn gewesen sein , muß irgend einen Punkt seines tiefsten Seelenlebens gepackt und ergriffen haben . Oder glaubst du , daß diese Wichtigkeit vielleicht doch schon eine rein literarische , eine buchhändlerische gewesen ist ? « » Nein . « » Oder eine geschäftliche ? « » Ebensowenig . Sie war , wie du ganz richtig vermutest , eine psychologische , eine seelische . « » Das heißt mit andern Worten , daß sie sich auf sein Innenleben , auf sein Privatleben , auf sein Familienleben , also auch auf seine Familienverhältnisse bezog . Er machte während der Vorlesungen Notizen . Warum und wozu ? Doch nicht etwa nur , um nichts zu vergessen . Was Einen so tief in der Seele packt , das merkt man sich gewiß , auch ohne Notizen zu machen . Er hat zugegeben , daß diese Notizen ihm als notwendig erschienen seien und ihm auf seinen Nachforschungen im Westen jahrelang als Führer gedient haben - - « » Etwa nach dem verschollenen Vater ? « fiel da das Herzle schnell ein . Da nickte ich ihr zu und antwortete : » Du , das war fein , sehr fein ! Ja allerdings , nach dem verschollenen Vater ! Ich wollte noch einige andere Folgerungen und Schlüsse herbeiziehen , um mich dir begreiflich zu machen ; da du mir aber gleich mit diesem Hauptergebnisse kommst , so ist das , wenigstens für einstweilen , nicht mehr nötig . Ich habe nur noch auf die Dringlichkeit zu zeigen , mit welcher er die Lage der beiden Orte zu erfahren versuchte , die er , wie er sich ausdrückte , noch nicht aufzufinden vermochte . Ich meine selbstverständlich den Nugget-tsil und das Dunkle Wasser . « » Muß sich diese Dringlichkeit nur auf Sander beziehen ? « » Ja . « » Nicht auf irgendeine andere Person ? Und auch nicht auf die Nuggets ? « » Nein . Von Personen käme nur ich allein in Betracht , denn alle Andern sind unwichtig oder gar tot , und anzunehmen , daß er grad meinetwegen so jahrelang den Westen durchforscht habe , wäre lächerlich . Er hat ja durch seinen heutigen Besuch bewiesen , daß er sehr wohl weiß , wie schnell und wie leicht ich zu finden bin . Und was die Nuggets betrifft , so hat er ja gelesen , daß sie für immer verloren sind und von keinem Menschen mehr gefunden werden können . Also : Von den Ereignissen am Nugget-tsil und am Dunkeln Wasser kommen nur zwei Personen in Betracht , nämlich Sander und ich ; alle Andern sind unendlich nebensächlich , sind verschwunden ; ich aber habe auszuscheiden ; folglich bleibt nur noch Sander . Und nun , paß auf , Herzle , kommt noch ein Hauptgrund , auf den ich mich stütze ! Dieser sogenannte Mr. Enters will meinen Winnetou kaufen . Wozu ? Etwa um ihn übersetzen , drucken und verbreiten zu lassen ? « » Nein , sondern um zu verhindern , daß die Erzählung da drüben in englischer Sprache erscheint . Da hattest du Recht . Das hörte man den Worten dieses Mannes an , besonders auch dem Schreck , den er nicht verbergen konnte , als er gegen alle seine Erwartung hörte , daß er die Bücher nicht bekommt . Man soll da drüben die Vergangenheit und die Taten seines Vaters nicht kennen lernen . « » Ja . Zwar wollte ich das erst folgern , und du kommst meinem logischen Schlusse vor ; aber es ist das für mich eine Tatsache , an der ich nicht im geringsten zweifle . Er hat geglaubt , mich mit einer Tasche voll Dollars übertölpeln zu können , obwohl er aus dem Winnetou wissen mußte , daß ich auf solchen Köder nicht gehe . Dieser sein Besuch bei mir und sein Antrag war eigentlich eine Beleidigung , die ich ganz anders hätte beantworten sollen , als ich sie beantwortet habe . « » So zürnst du mir nun wohl ? « » Zürnen ? Wofür ? « » Dafür , daß ich dich veranlaßt habe , ihn nicht ganz endgültig abzuweisen und ihm noch eine Zusammenkunft zu gewähren . « » O nein ! Ich lasse mich selbst von dir nicht dazu bestimmen , irgendein höheres , vielleicht gar ethisches Gut für niedriges Geld zu verkaufen , und du , du würdest ganz gewiß die Allerletzte sein , mir so Etwas zuzumuten . Ich bin auf das Wiedersehen am Niagara eingegangen , weil es sehr triftige Gründe dafür gibt , die beiden Brüder Enters oder Sander von nun an nicht wieder aus dem Auge zu lassen . Du weißt ja , daß es eine Gewohnheit jedes erfahrenen Westmannes ist , gefährliche Leute sich niemals in den Rücken kommen zu lassen . « » Gefährlich ? « fragte sie . » Allerdings . « » Wieso ? Ich halte diesen Enters , obwohl er ein Sander zu sein scheint , doch für einen guten Menschen . « » Ich auch . Aber kann nicht selbst die personifizierte Güte einmal obstinat werden ? Liegt in der Niedergeschlagenheit und , ich möchte fast sagen , in dem krankhaften Tiefsinn dieses Mannes nicht etwas Explodierbares , vor dem man sich zu hüten hat ? Und kennen wir seinen Bruder ? Du weißt , Geschwister brauchen nicht von gleichem Charakter und gleichem Temperament zu sein . Ich bin überzeugt , daß wir ihn in Niagara kennen lernen werden , und dann wird es sich ja finden , wie wir uns zu Beiden zu stellen haben , um sie nicht zu zwingen , in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten . Der Doktor sprach gestern von einem Dämon in ihnen . Dieser Dämon hat uns hier aufgefunden , hat uns entdeckt . Es ist der Sandersche Zwang zum Morde . Du siehst , unsere Reise beginnt , sehr interessant , ja hochinteressant zu werden , noch ehe wir die ersten Schritte tun . « » Siehst du Gefahr voraus ? « » O nein ! Ich sehe nur , daß wir hinüber müssen , um den Mount Winnetou und Tatellah-Satah , den Bewahrer der großen Medizin , kennen zu lernen . Er schreibt mir , daß ich meinen Winnetou retten soll . Habe ich das zu tun , so gibt es für mich keine Gefahr . Etwa für dich ? « » Für mich ebensowenig . Ich gehe fröhlich mit ! « » Dann vorwärts also , und wohlauf zur glücklichen Fahrt ! « - - - Zweites Kapitel Nach der Teufelskanzel Und nun waren wir bei den Niagarafällen . Wir wohnten im Clifton-House , unweit der kanadischen Mündung der Hängebrücke . Man hat von diesem Hotel aus einen geradezu unvergleichlichen Blick auf das grandiose Schauspiel der stürzenden Wassermassen . Die besten Zimmer liegen in der ersten Etage und sind den Fällen zugewendet . Sie münden alle auf eine lange , vielleicht acht Schritte breite Plattform , die ein gemeinschaftliches Säulendach überragt . Wer vom Korridor aus seinen Raum betritt , ihn quer durchschreitet und sich durch die gegenüberliegende Tür hinaus auf die Plattform begibt , der hat beide Fälle , den geraden und den hufeisenförmigen , genau in eindrucksfähiger Perspektive vor seinen Augen . Wenn dieses Hotel in Deutschland läge , so würde man die Gemeinschaftlichkeit dieses Altanes für alle Bewohner dieser Zimmerreihe als einen Uebelstand empfinden , der durch Zwischenwände schleunigst zu beseitigen sei . Da drüben aber hat jeder Gast eine zwar unsichtbare aber so hohe und so starke Mauer um sich gezogen , daß gar keine hölzernen Scheidewände nötig sind , um Jedermann gegen Zudringlichkeiten und Indiskretionen zu sichern . Dennoch freute ich mich darüber , daß , als wir kamen , grad die den Fällen nächstgelegene Ecke dieser Zimmerreihe freigeworden war , so daß wir also anstatt zwei nur einen einzigen Nachbar haben konnten . Und dieser Eine war ein Paar , und dieses Paar hieß - - Hariman F. Enters und Sebulon L. Enters . Es hatte mir geahnt , daß die Brüder nicht warten , sondern sich hier einquartieren würden , um bei unserer Ankunst sofort anwesend zu sein . Aber daß unsere beiderseitigen Zimmer aneinander stießen , das war ein Umstand , den man mit einer Ahnung wohl kaum hätte erreichen können . Ich muß gestehen , daß es mir keineswegs unlieb war , grad diese Beiden neben mir zu haben . Ein jeder neu eingetretene Gast des Clifton-Hotels hat sich sofort in der am Parlour liegenden Office einzutragen . Das ist die einzige Auskunft , die man von ihm verlangt . Ich schrieb uns als » Mr. Burton und Frau « in das Buch . Dieses Pseudonym war deshalb notwendig , weil man mich verpflichtet hatte , den eigentlichen Grund , der mich hinüberführte , geheimzuhalten . Ich war also gezwungen , auf meinen wirklichen Namen , den man da drüben sehr wohl kennt , für jetzt zu verzichten . Unsere Wohnung bestand aus drei Räumen , die , wie bereits gesagt , eine Ecke ausfüllten . Das Zimmer meiner Frau lag nach dem Hufeisenfalle , war größer als das meinige , hatte aber keinen Balkon . Das meinige hatte die Aussicht nach dem Vereinigten-Staaten-Katarakt , war kleiner , öffnete sich dafür aber nach der großen Plattform , auf der ich mich so häuslich einrichten konnte , wie es mir nur immer beliebte . Zwischen diesen beiden Zimmern lag der Garderobe- und Toilettenraum , der sie in amerikanisch praktischer Weise vereinigte . Als uns dieses Logis angewiesen und gezeigt wurde , fragte ich den Kellner , der dies tat , wer neben uns wohne . » Zwei Brüder , « antwortete er . » Sie sind Yankees und heißen Enters . Aber sie wohnen eigentlich nur halb in unserm Hause . Sie schlafen nur hier ; sie speisen anderswo . Sie gehen früh fort und kommen erst abends wieder , wenn es keine Tafel mehr gibt . « Er machte dabei ein so eigenartiges Gesicht , daß ich mich erkundigte : » Warum tun sie das ? « Er zuckte die Achsel und antwortete : » Unser Clifton-House ist ein Hotel ersten Ranges . Wer diesem Range nicht angehört , der wird wohl hier schlafen , nicht aber auch hier speisen und mit den andern Gästen verkehren können . Er versucht es vielleicht einmal , fühlt sich dabei aber derart schnell erkannt und abgestoßen , daß er den Versuch gewiß nicht wiederholt . « Das war sehr aufrichtig gesprochen ! Wenigstens sechzig Prozent der dortigen Kellner sind Deutsche oder Oesterreicher . Dieser aber war ein kanadischer Engländer ; daher dieser ebenso selbständige wie selbstbewußte Ton . Als er mich dabei schon mehr taxierend als forschend betrachtete , so sagte ich ihm , daß ich zu der Klasse gehöre , in der man den Betrag der Trinkgelder teilt . Die eine Hälfte gibt man sofort bei der Ankunft , um zu zeigen , daß man gern zufriedengestellt sein will , und die andere Hälfte entrichtet man dann bei der Abreise , oder man zahlt sie auch nicht , um zu zeigen , ob man zufriedengestellt worden ist oder nicht . Bei diesen Worten drückte ich ihm die erste Hälfte in die Hand . Er betrachtete die Note sehr ungeniert , um zu sehen , wie viel sie betrug ; dann aber machte er eine Verbeugung , wie kein Deutscher und kein Oesterreicher sie hochachtungstiefer hätte machen können , und sprach : » Zu jedem Befehl bereit ! Werde das auch der Chambermaid1 anempfehlen ! « Sind diese beiden Enters vielleicht unbequem , Mr. Burton ? Wir quartieren sie sofort aus ! » Bitte , sie zu lassen ; sie genieren uns nicht . « Er verneigte sich ebenso tief wie vorher und ging dann , vor lauter Respekt und Wohlwollen strahlend , ab . Als sich uns hierauf , damit wir sie kennen lernen sollten , die » Chambermaid « vorstellte , sahen wir ihr an , daß sie von der Teilung des Trinkgeldes bereits unterrichtet war , und ermöglichten ihr einen ebenso wirkungsvollen Abgang wie dem Kellner . Das taten wir natürlich nicht , um mit unserm Gelde zu prahlen , und noch viel weniger erzähle ich es hier aus diesem oder einem ähnlichen Grunde . Ich habe ja bereits gesagt , daß ich keineswegs reich bin , sondern nur so grad mein Auskommen habe . Aber die Wirkungen dieser Art und Weise , den Bediensteten nicht erst dann , wenn es zu spät ist , zu zeigen , daß man Einsicht und Dankbarkeit besitzt , stellten sich sehr bald ein , und aus ihnen mag man erkennen , warum ich so tat . Wir waren am Nachmittag angekommen und machten gleich noch an diesem Tage die zwei bekannten Fahrten , welche jeder Besucher der Niagarafälle unbedingt gemacht haben muß . Es ist das eine Bahn- und eine Dampfbootfahrt . Das Geleise der Bahn geht hart am kanadischen Ufer des Niagara hinab und dann drüben am Vereinigten-Staaten-Ufer wieder herauf . Tief , tief unten kocht und brodelt der Strom : die Felsen steigen vollständig senkrecht in die Höhe , und die Schienen der Bahn liegen oft höchstens zwei Meter von der Kante des Abgrundes entfernt . An diesem letzteren rast man mit der Schnelligkeit des Fluges dahin , und man hat , da man nur den geöffneten Schlund und das jenseitige Ufer sieht , vom Anfange bis zum Ende dieser Fahrt das Gefühl , als ob man direkt in die Luft hinausfahre , um dann in die Tiefe hinabzuschmettern . Die Bootsfahrt macht man auf der wohlbekannten und beliebten Maid of the Mist2 , welche kühn bis in die nächste Nähe der Fälle steuert und am geeigneten Orte diejenigen Touristen landet , welche daheim von sich rühmen wollen , daß sie sogar » hinter dem Wasser « gewesen seien . Später aßen wir bei den Klängen eines ausgezeichnet spielenden doppelten Streichquartetts das Abendbrot in dem großen , im Parterre des Hotels liegenden Speisesaale und zogen uns dann in unsere Wohnung oder , richtiger gesagt , auf meinen freien Altan zurück , welcher uns den unbeschreiblichen Genuß gewährte , die Fälle von dem geheimnisvollsten Schimmer des Mondes besucht und verklärt zu sehen . Hierbei war es ungefähr elf Uhr geworden , als das Zimmermädchen eiligst herbeigehuscht kam und uns meldete : » Die Enters sind da . « » Wo ? « fragte das Herzle . » Noch unten in der Office . Sie pflegen allabendlich , wenn sie kommen , im Buche nachzuschlagen , und dann gehen sie auf ihr Zimmer . « » Zu welchem Zwecke schlagen sie nach ? « » Um zu sehen , ob ein deutsches Ehepaar hier angekommen ist , ein Mr. May mit seiner Frau . Erst fragten sie . Jetzt aber schlagen sie nach , weil sie fühlen , daß man sie hier für überflüssig hält . Auch ich spreche nicht mit ihnen . « Sie entfernte sich , und wir verließen die Plattform , um nicht gesehen zu werden . Diese Mitteilung war die erste Frucht des vorausgezahlten Trinkgeldes . Zur Erläuterung ihrer Nützlichkeit für uns muß ich die Tür beschreiben , durch welche meine Stube von der Plattform getrennt wurde . Jeder Besucher des Clifton-House weiß , daß alle diese Türen , welche auf den freien Altan münden , die gleiche Konstruktion besitzen . Sie sind vorhanden , die Wohnungen vollständig abzuschließen , so daß niemand von draußen hereinsehen kann , aber doch grad so viel Luft und so viel Licht hereinzulassen , wie die Bewohner wünschen . Darum sind sie sowohl mit Fensterscheiben wie auch mit Jalousieklappen versehen . Die letzteren können beliebig geöffnet und geschlossen und die ersteren mit Vorhängen verhüllt werden . So kann man also zu jeder Zeit hinausschauen und hinaushören , ohne aber selbst gesehen und selbst gehört zu werden . Wir brannten darum kein Licht an , blieben in meinem Zimmer und öffneten die Jalousie . Denn wir erwarteten mit Bestimmtheit , daß die Brüder nicht in ihrem Raum bleiben , sondern aus den Altan kommen würden . Und wie gedacht , so geschehen : Es dauerte gar nicht lange , so erschienen sie . Der Mond stand noch am Himmel . Wir erkannten den Einen , der bei uns gewesen war , sofort . Sie sprachen mit einander und gingen dabei auf und ab . Später setzten sie sich , und zwar grad an den Tisch , der draußen in unserer Ecke stand . Ich hatte mir ihn hinstellen lassen , um daran schreiben zu können . Wir hörten und verstanden jedes Wort , doch war der Gegenstand ihres Gespräches zunächst ein für uns gleichgültiger . Später aber trat eine Pause ein , welche der von ihnen , den wir noch nicht kannten , also Sebulon , durch die Interjektion beendete : » Unangenehm ! Höchst unangenehm , daß wir so lange hiersitzen müssen ! Das kann noch Wochen dauern , ehe sie kommen ! « » Gewiß nicht ! « antwortete Hariman . » Sie kommen doch schon vorher , ehe sie die Verleger besuchen , hierher . Jeder Tag kann sie bringen . « » Und du bleibst bei deinem Vorsatze ? « » Ja . Ehrlich sein ! Dieser Mann hat mich zwar nicht sehr gut behandelt , aber wir kommen mit Unehrlichkeit nicht gegen ihn auf ; das ist der Eindruck , den er mir mitgegeben