« Im Anschluß an solche Worte , die mir mein Vater berichtet hat , mag jenes Mirakel vorgefallen sein , das später in allen teutschen Landen erzählet , aber freilich auch angezweifelt worden ist . Ich vermag darüber nichts Gewisses auszusagen , sintemalen ich nicht weiß , ob die Geschichte auf Angaben meines Vaters beruht . Genung , ich will sie hier mitteilen ; ob sie wahr , bleibe dahingestellet . Der Narr Michel galt für einen kundigen Astrologen , so die Zukunft des Menschen aus dem Stand der Sterne berechnen könne . Wie er nun von der » Kunst der Künste « räsonierete , fuhr Hans Ulrich auf einmal mürrisch dazwischen : » Schweig , Unglücksrab ! « Da die Beisitzenden befremdet stutzten , erklärte sich Hans Ulrich folgendermaßen : » Dieser Narre , der mit seinem Sterngucken prahlet , hat auch mir das Horoskop gestellet ; und wisset Ihr , was er geweissaget hat ? Ich werde sterben einen gewaltsamen Tod , und zwar am kalten Eisen . Merket wohl , nicht am heißen Eisen der Feldschlacht , von dem ich gern fallen will als ehrlicher Soldat ; nein , am kalten Eisen , wie es der Scharfrichter schwinget . Pfui , du grober Michel , deine himmlische Astrologia ist eher ein lausige Zigeunerin . « Michel zuckte die Achseln : » Kunst der Menschen kann irren , und ich wäre frohen Mutes , so ich Ihro Gnaden Nativität als ein Irrender hätte gestellet . Aber bei Ihro Gnaden Geburt sind Saturnus und Mars ins vierte Haus der Sonnen eingefahren , und was das nach den Regulis meiner Kunst andeutet , habe ich aufrichtigen Sinnes bekennet . Doch wir wollen den Himmel fußfällig bitten , daß er alles zum Besten unseres wertesten Herrn wenden möge . « Herr Schaffgotsch blickte unruhig in die Runde , schüttelte das Haupt und sagte nach etlichem Besinnen : » Ich hätte nimmermehr gedacht , daß unter Deiner Kappe , so doch viel Witz heget , dergleichen närrische und fanatische Dinge stecken sollten . Gläubet Er etwan , ein Fernglas zu haben , so ins Kabinett der göttlichen Geheimnisse eindringet ? Wie will Er Beweis und Rechenschaft davor geben , daß Er Zukünftiges in Wahrheit kann prognostizieren ? Wohlan , stellen wir Seine Sternguckerei auf die Probe ... Heda , Kuchelmeister Jochen , sage mir , ob im Burgstalle dieser Tage etwas jung geworden , und ob man auch die Stunde seiner Geburt erfahren kann . « » Ja , Euer Gnaden - vor fünf Tagen hat ein Mutterschaf ein Lamm geworfen , gerade wie man zur Vesper läutete . « Da sprach Hans Ulrich lauernden Blickes zu Michel : » Wohlan , so erkunde aus den Gestirnen , welchen Lebensgang das Lamm haben wird . « Der Sterndeuter trachtete mit einer Schelmerei von der Aufgabe loszukommen und meinte : » Ei ja , stellen wir dem Vieh das Horoskop ! Warum soll es nicht gelingen ? Wenn der Herrgott jedes Haar auf unserm Haupte gezählet hat , so wird er seine Sterne gewißlich angewiesen haben , nicht bloß der hochmütigen Menschlein Schicksal zu regieren , sondern auch jedem Schäflein , Grashupferlein oder Flöhlein fürzuschreiben , wie es zu hupfen , zu grasen und zu sterben habe . Ist denn überhaupt ein Unterscheid zwischen Mensch und Vieh ? Nun ja , im Saufen ist wohl einer . Säuft doch das liebe Vieh nur , bis es seinen Durst gestillet hat . Der Mensch aber , Herrgotts Ebenbild ... « Herr Schaffgotsch schnitt die weitere Rede ab : » Schon gut ! Diesmal gilt es keine Possen . Tu , was ich dich geheißen ! Geh alsogleich und erprobe deine Kunst ! « Unter spöttischem Gelächter der Tafelgäste ging der Sterngucker . Nach einer Stunde kehrte er mit dem Bescheide zurück , in den Sternen stehe geschrieben , der Wolf werde das Lamm fressen . Da lächelte Hans Ulrich triumphierend und rief : » He , Jochen , sage dem Koch , er soll sogleich das Lamm metzgen und heute abend gebraten auftischen . « Nun erscholl lauter Jubel , in den auch Michel einstimmte , indem er rief : » Bravissimo ! Ja , man muß dem Schicksal zu Leibe gehen und die Fortune korrigieren . « Der Abend kam , und allerlei Gebratenes war bereits aufgetragen . Da rief Hans Ulrich : » Wo bleibet das Lamm ? « » Mit Verlaub , « sagten die Tafelträger verlegen - » es brä - brät anoch . « » Ei , ei , « scherzte der astrologische Narr - » so hat es wohl doch der Wolf gefressen ? « Hans Ulrich ward verwirret und errötete . » Possen ! « rief er . » Wo bleibet der Kuchelmeister ? Holet ihn sogleich ! « Bleichen Antlitzes trat Jochen ein und stammelte offenbare Ausflüchte . Wie aber Hans Ulrich mit rauher Stimme rief : » Leuge Er nicht , sondern gestehe , was ist geschehen ? « Da fiel der Kuchelmeister auf seine Knie und berichtete unter Zittern : » Ach Gnaden , ein Mirakel ! Wohl ist mit dem Lamm nach Ihro Gnaden Geheiß verfahren worden . Gemetzget haben wir ' s , abgehäutet und auf den Bratspieß gestecket . Zum Drehen des Spießes aber haben wir eine Maschine , das ist ein Käfig , so vom hineingesperrten Hunde gedrehet wird . Früher war ' s ein Hund . Seit wir aber im Schlosse den Sultan haben , wie wir den zahmen Wolf heißen , ist es unsere Lust , von ihm den Bratspieß drehen zu lassen . Wie nun das Lamm gebraten auf der Schüssel liegt , ist der Bratenmeister mit seinem Kucheldiener auf ein Weilchen zu andern Verrichtungen aus der Küche gegangen . Da hat sich der Sultan aus seinem Käfig gemacht und hat das Lamm gefressen . « Erbleichend sprang der Freiherr auf und ließ sein Tafelmesser fallen . Voller Grauen starreten ihn die Gäste an . » Michel , « sprach Hans Ulrich sanft zum Hofnarren - » mit dem Lamm hat deine Kunst recht gehabt . Wie es aber mit mir kommen wird , stehet in Gottes Hand . Eins jedoch weiß ich : So ich dereinst durch kaltes Eisen gerichtet werde , ich sterbe unschuldig . « Niedergeschlagenen Auges wie ein Betender , fügte er leise hinzu : » Dulce decus , pro patria mori - süß und ehrenvoll ist es , fürs Vaterland sein Leben zu lassen . Dein Wille , o Herr , geschehe - denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit , Amen ! « Erschüttert , zum Teil weinend , falteten die Tafelgäste die Hände zum stillen Gebete . Den Herrn Schaffgotsch aber kam trotz seiner Gelassenheit eine Alteration mit Fieberschauern an , also daß er sich zu Bette legen mußte , worauf die Gäste nach Hause kehreten , mit traurigem Bedenken , wie es wohl am Ende kommen werde . Das andere Abenteuer Das Johanniskind will den winkenden Schatz heben Den Kräutertobias zu besuchen , hatte sich mein Vater mit mir im Frühjahr nach geschehener Übersiedelung aufgemacht . Fuhren auf einem Bauernwagen dem Zackenfluß entgegen , jedoch nur bis Petersdorf , wo wir abstiegen , um zu Fuß das steile Waldgebirge zu erklimmen . Zur Linken in der Felsenschlucht brausete der Zacken . Rechts ging es einen schroffen Hang empor zu einem ragenden Stein . Von hier erscholl eines Mannes Zuruf . Der Oheim war es , so droben auf uns geharret hatte und nun gelaufen kam . Nachdem er mit Freuden seinen Willkommen geboten , berichtete er , wie ihm schon von weitem unser Wagen sichtbar gewesen . Mein Vater antwortete : » Allerdings gewähret dieser Stein , Wachstein geheißen , eine weite Aussicht über das Zackental , wie man ihn schon in der Hussitenzeit als Warte verwendet hat , den Paß nach Schreiberhau zu überwachen . « Der Weg , den wir nun gingen , stieg fast steil durch einen Bachgrund . Anfangs von schroffen Felsen und Fichten begleitet , führte er zu einer Aue , wo Bauden um ein Kirchlein lagen , und Kühe nebst weißen Gänsen weideten . » Hie beginnet Schreiberhau , « sagte mein Vater ; » es erstreckt sich eine gute Stunde in die Länge , und wir haben bis zu Oheims Häusel noch ein Stück Weges . « Nach fürderem Ansteigen ward der Weg eben , wir hatten seine höchste Erhebung erreicht und schauten in ein sanft abfallend Tal , breit und lieblich . Hinter vorderen Waldhöhen stieg jene Gebirgswand himmelan , die ich von fern oft betrachtet hatte . Jetzo , da sie in der Nähe ragete , ward mein Gemüt bewegt wie von tiefem Orgeldröhnen . Ein weithin ausgereckter Riesenrumpf , mit Tannen gleichwie mit bläulicher Wolle bewachsen . Wo der Wald zu Ende , schimmerten Matten , dann kam kahler Fels , mit dunkelgrünem Moose bedeckt . Droben in den Abgründen lag noch Schnee , und der Oheim wies mir , wie die weißen Flächen manchmal seltsame Formen bildeten , einen Stier oder eine Hose , von der die Leute sagten , es sei Rübenzagels Hose . Der Gebirgskamm bildete eine Reihe von Kuppen , die in der Ferne von zartem Blau waren . Gewölk kroch von der anderen Seite des Gebirges über den Sattel herüber , wie graues Raubgezücht , wie Drachen . Derweilen mein Vater in den Anblick seiner lieben Berge versunken war , wies der Oheim die einzelnen Gipfel : den Reifträger , die Sturmhaube , das Hohe Rad , den Mittagstein , die Schneekoppe . Erklärte mir auch , das graudüstere Gewächs zwischen den Felsen droben sei kein Moos , sondern Knieholz , ein struppicht Nadelgebüsch , so nicht in die Höhe wachse , sondern über das Geröll hinkrieche , die knorrigen Ruten wie zum Verhau verschränkt . Bald langten wir bei Oheims Häusel an . Es lag in der grünen Aue , wo Murmelbächlein rannen . Neben der Wiese gab es Saatfelder , Gärtlein und etliche Bauden . Gleichwie ein freundlich Auge lugte ein Mühlteich aus des Tales Mitte . Unweit waren dunkle Felsen und lichte Birken mit zarten Frühlingsblättlein . Einen freundlichen Anblick gewährte Oheims Häusel . Baute sich aus rohen Steinen auf , doch war die große Stube aus Balken gezimmert , wobei Moos und Lehm die Fugen verkitteten . Über das bemooste Schindeldach wölbeten zwo alte Linden ihre Kronen . Am Hause war auch ein Viehstall , und ein paar Kühe nebst Ziegen weideten auf der Wiese . Als wir durch das Blumengärtel gingen , wo gelbe Märzenbecher blüheten , während die Kirschbäume gleich Silberwölklein prangten , sprang ein Hund aus dem Hause auf uns zu und hüpfte mit jauchzendem Gebell am Oheim empor . War mein zukünftiger Freund , der gelbe Schäferspitz Wächter . Vor der Türe des Häusels stund ein weißhaarig Weibel und grüßte freundlich . Beate war es , des Oheims Base , die ihm Haus hielt . Wir gingen in die Balkenstube , und hier war es sehr warm , da mächtige Holzklötze im Ofen loheten . Weißgescheuert die Diele , alles Hausgeräte sauber und traulich . Bunt bemalt der große Schrank , sowie die Truhe daneben . Wir setzten uns um den Tisch , und nachdem der Vater das Gebet gesprochen , ließen wir uns Brot und Schinken munden . Da wir nun erquickt waren , sagte mein Vater : » Lieber Bruder Tobias ! Schreiberhau und das elterliche Häusel zu schauen , hat mich in der Fremde oft inniglich verlanget . Nun wird meine Sehnsucht durch Gottes Güte gestillet . Die Berge , Bäume und Bäche , alle lieben Orte und Dinge habe ich wiedergefunden . Nur weniges dünket mich verändert . Neu ist jedoch die große Backstube bei den Felsen mit dem tüchtigen Schornstein ... « » Keine Backstube ist das , « antwortete der Oheim belustigt ; » das ist ja mein Laboratorium . « » Laboratorium ? Ei wie denn ? Bist etwan ein Chymiste worden ? « meinte der Vater befremdet . Und bedächtig versetzte der Oheim : » Hum ! Du weißt ja ... hum ! Glas kann ich nicht mehr machen . Vom Blasen und staubigen Schleifen ist mir der Odem benommen . Und wann die Berge verschneiet liegen , mag ich nicht immer bloß Pillulen drehen . Habe mich also der chymischen Kunst ergeben und mir ein Laboratorium angelegt . « » Und bist wohl gar dem Goldmachen auf der Spur ? « Es war dem Oheim ganz ernst , als er erwiderte : » Aus menschlichem Vermögen kann ich sagen : ich hoffe . Wirst nun freilich denken : da haben wir abermalen einen neuen Grillenfänger , rußigen Kohlenbläser und gefährlichen Schwarzkünstler . So lauten ja wohl die Ehrentituli , mit denen die stolze Disputiergelahrtheit gemeiniglich den Jünger einer Kunst beleget , die in der ganzen untermondlichen Atmosphäre zwar die unsicherste , aber auch die allerkostbarste ist . « » Nun , nun , « - begütigte mein Vater - » will dich nicht schelten ; alle Kunst ist ja von Gott , wohl auch die alchymistische , wofern ... « » Amen , Amen , « unterbrach ihn der Oheim freundlich und rüttelte des Vaters Schulter : » Bruder Martin , hüpfen tut mein Herze , bisweilen du nicht bist wie jene törichten Prädikanten , so behaupten , daß allen Goldmachern und Schatzgräbern der Teufel im Nacken sitze . Solche Pfaffen mögen im Catechismo Lutheri beschlagen sein - von Magia verstehen sie so viel wie die Kuh vom Kanzelreden . « » Nun ja doch , Tobias , wohl , wohl ! Indessen du hast mich unterbrochen . Von Gott ist alle Kunst , wofern man sie rechten Sinnes übet . Sonsten aber schwarze Kunst und verwerflich . « Der Oheim winkte mit der Hand ab und kämpfte einen Hustenanfall nieder : » Schwarz ? Ah , nur die falsche Kunst ist schwarz , die Gaukelei der Afterchymisten ! Was der Mensch aus seines Geistes hohen Kräften suchet und vermag , ist weiß wie himmlisch Licht . Könnte es etwan wider Gottes Willen sein , so einer die Natur zu urkunden und zu meistern trachtet ? Soll ich mein Pfund vergraben und faul liegen lassen ? Wie spricht denn der Heiland ? Werdet vollkommen , gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist . « » Die wahre Vollkommenheit « - gab mein Vater zurück - » bestehet im reinen Herzen . Diene der Magiae reinen Herzens , nicht , wie die Schatzgräber , aus Goldgier . « Der Oheim stutzte : » Als ob nicht auch ein Schatzgräber reinen Herzens sein könnte ! « » Schon gut , « sagte mein Vater ; » wenn er mit dem Golde nicht seinen Lüsten dienen will , sondern dem Reiche Gottes . « » Selbiges will ich « - versetzte der Oheim fest . » Meine Lüste ? Die sind abgestorben ! Nur die Lust an der magischen Kunst ist übriggeblieben ; und so der Himmel sie segnet , will ich gern nach seinem Willen das Gold verwenden . « » Zum Exempel , wofür ? « » Zum Exempel für deinen Sohn , unsern Johannem , damit er auf hohen Schulen ein großer Physikus und Adepte werde - ein rechter König Salomo . « Seit dieser Zeit hörte ich in mir eine Stimme mahnen : » Halte zum Oheim , er soll dich leiten ! « Je öfter ich nun nach Schreiberhau kam , desto besser behagte es mir daselbst . Die Wiesen mit ihrem Vieh , das Gärtlein und Roggenfeld , die großen Steine , das Laboratorium und der Stall , die Balkenstube , das Häusel mit allen Winkeln , auch die benachbarten Bauden , die Glashütte mit ihrer Schleifmühle , rings die Höhen mit Tannen und Rauschebächen - das alles ward mir bald so traut und lieb , daß es mich in jeder Schulvakanz zum Oheim , zur alten Beate und zu meinem Freunde Wächter zog . Selbst in den Tagen meines Hirschberger Aufenthaltes ist manch heimlich Stündlein gekommen , wo meine Gedanken gen Schreiberhau geflogen sind . Wenn ich zum Exempel vor dem Schlafengehen mit den Eltern das Abendlied sang : » Ich danke dir von Herzen , Daß du an diesem Tag ... « und dann an die Worte kam : » Noch meinem Vieh was schade , Es sei klein oder groß « , so dachte ich an des Oheims Kühe und Ziegen , die ich mit Wächter , eine Peitsche in der Hand , gern auf der Wiese hütete . Schloß sie voll einfältiger Liebe in mein Gebet mit ein , auch Gänse , Hühner und Karnikulein , auf daß nicht etwa Fuchs und Marder sie würge . Während der langen Ferien begunnte des Oheims Laborantenwesen und chymistisch Treiben meinen Sinn magnetisch zu fesseln . Von Wächter begleitet und auf dem Rücken die Hucke , tat ich manche Suche nach Kräutern . Lernte Pestwurz , Eisenhut , Aronstab , Johanniskraut , Stolzen Heinrich , Taubenkropf , Goldraute und Alraunknoblauch nebst ihren heilenden oder magischen Kräften kennen . Dabei ward mir auch das Gebirge immer bekannter . Im Laboratorio hatte ich mir bald die kleineren Fertigkeiten zu eigen gemacht , als da sind Säfte pressen , Machandelmus kochen , Eibergeist destillieren , Gestein im Mörsel zerreiben , Tiegel , Kolben und Retorten reinigen , Phiolen verstöpseln , Holzkohle bereiten und die Glut mit dem Blasebalg anfachen . Auch nahm der Oheim Gelegenheit , meine ziemliche Kenntnis des Lateinischen zu nutzen , indem er mir ein Buch ins Teutsche zu übertragen gab » De secretis operibus artis et naturae « - will heißen : von den geheimen Werken der Kunst und der Natur . Da ich nun die Arbeit vollendet hatte , legte der Oheim freundlich die Hand auf meine Schulter und sprach feierlich : » Lieber Johannes ! Aus dem übertragenen Buche wirst du vollends ersehen haben , wie falsch es ist , Schlimmes in den geheimen Künsten zu sehen . Über die ganze Erde hat Gott den Menschen gesetzet , also auch über ihre geheimen Schätze . Wie die Abendburg ist die Erde - heget Gold und Edelgestein , dem gemeinen Volke verschlossen , und nur dem Adepten zugänglich . Werde drum ein Adepte , Johannes . Hebe den Schatz , so nach himmlischer Bestimmung für dich bereit lieget . Willst du das , Johannes ? Nun wohl , so werde ich Mittel und Wege dazu ausfindig machen . Bist du aber auch bewandert in der Kunst des Schweigens ? Gänzlich unerläßlich ist sie dem Jünger geheimer Wissenschaft . Zu schweigen gilt es gegen jedermann - merke , auch gegen deine Eltern . Bist groß genung , jetzt ohne der Mutter Schürzenbändel deinen Weg zu gehen . « Da ich nun beteuerte , ich habe zum Schweigen jeglichen guten Willen und auch bereits etliche Kraft , loderten des Oheims Augen , und er sprach priesterlich : » Wohlan , so nehme ich dich zu meinem trauten Gesellen und Famulo an und verheiße , dich einzuweihen in alle Fertigkeiten , so ich errungen habe oder noch erringen werde . Künftigen Sonntag soll die Lehre anheben . « Dann wandte er das Angesicht zum Fenster , starrte nach den blauen Bergen und murmelte dunkle Worte . Als wir am Sonntag aus der Kirche heimgekehrt waren und zu Mittag gegessen hatten , richtete ich meine Augen ernst und fragend auf den Oheim . Er nickte mir zu , erschloß den Riegel der bunten Truhe und langte geheftete Skripturen heraus . Im Triumphe hielt er sie hoch : » Siehe hier den Mittler , so dich zum Goldschatz geleiten wird . Komm her und lies ! « Voll Ehrfurcht empfing ich die Skripturen , setzte mich an den Tisch und wollte still für mich lesen . Doch der Oheim nahm bei mir Platz und sprach : » Lies nur laut ! Nicht oft genung kann ich diese Wissenschaft vernehmen . Auch ist nötig , daß wir Rates darob pflegen . « So erhub ich denn die Stimme und las die verblichene Schrift , zu manchen Malen stockend und vor Beklommenheit seufzend . Der verschnörkelte Titul aber lautete : » Nachrichten von den Walen - wer sie gewesen , wo sie Golderz aufgesuchet und gefunden , wie solches geschmelzet und zu gut gemacht - auch wie sie aus Erzen und Kräutern Gold gebracht - nach alten Schriften denen Liebhabern des Bergwerkes und der chymischen Kunst eröffnet . « » Walen « - so sagte die Schrift - » heißet ein fremdländisch Volk . « Von diesen Leuten sind viele seit alter Zeit im Bergwerke wohl erfahren und haben ihre Kenntnis der Erze oftmals in teutschen Landen probieret . Sind als Landfahrer und Scholaren ins Erzgebirge und Schneegebirge gezogen , daselbst verborgene Edelmetalle auszuspüren . Nachdem sie erkundschaftet , wo die besten Goldkörner oder Edelgesteine liegen , haben sie an Felsen und Bäumen Erkennungszeichen angebracht , auch in Bücher geschrieben , wie man zu den Orten gelanget . Wie kostbar aber der Walen Wissenschaft , geht aus folgender wohlverbürgten Nachricht herfür . Vor mehr als einem Saeculo kam alle Jahr ein fremder Mann mit einer Hucke vom Gebirgskamm niedergestiegen . Was aber der Hucke Inhalt gewesen , ist hinterher an Tag gelanget . Ein Junker , so auf der Jagd hin und wieder dem Manne begegnet ist , kommt nach Venedig und siehet denselbigen fremden Mann in fürnehmer Kleidung mit Dienerschaft in einer Gondel fahren . Den Junker erkennend , lässet dieser Venediger anhalten , grüßet unsern Teutschen und ladet ihn ein , seinen Palazzo zu besichtigen . Nach der Gasterei bezwingt der Junker nicht länger seine Begierde und forschet , wie es denn hergegangen , daß aus einem armen Huckenträger solch ein Nobile worden . » Eben vom Huckentragen , « antwortet lächelnd der Venediger ; » denn in der Hucke ist eurer Berge Gold gewesen . « Und es hat nun der teutsche Junker vom Venediger vernommen : Hoch auf dem Reifträgergebirge , nahe bei dem zweispitzigen Steine habe er , der Huckenträger , auf einer Wiese Markasit gewaschen bis zur Größe einer Erbse . Damit er nun desto besser auf diesem goldreichen Gebirge ausdauere , habe er für eine Woche Proviant mitgenommen und bei klarem Wetter den Aupengrund hinter der Schneekoppe besucht . In einer Einöde seien Gerippe von Menschen gelegen , die sich vorzeiten an den goldreichen Ort begeben haben , doch , nicht genugsam verproviantieret , Hungers gestorben sind . Dorten nun habe er kostbare Edelsteine aufgelesen , auch viel gutes Gold , Körner wie Haselnüsse . Nachdem der Venediger solchen Bericht getan , hat er seinem teutschen Gaste im Marmor der Speisehalle folgende Inschrift gewiesen : » Montes corconos fecerunt nos dominos . « Zu teutsch : » Das Reifträgergebirge hat uns zu großen Herren gemacht ... « Hier stutzete ich und riß die Augen auf . Der Oheim nickte mir zu : » Ja , ja - unser Reifträger , auf der böheimischen Seite Korkonosch geheißen . Doch nun schlage einmal das Kapitul auf , so mit einem Buchzeichen angezeiget ist . « Und ich las weiter : » Bei Hirschberg in Schlesien ist ein Dorf , Schreibers Hau . Gehe oben zum Dorfe hinaus über den Schwarzberg , so kommst du zum Weißen Bach . In einen Tränketrog fließen zwei Wässerlein . Am Wässerlein zur Rechten geh immer fort gen Abend . Findest auf Bergeshöh die Abendburg , einen haushohen Stein . Ist hohl , und tief innen liegt eines Königes Goldschatz begraben . Wie aber der Schatz zu heben , wird nur einem Adepten oder Johanniskinde offenbar ... « Ich hielt inne und sahe den Oheim fragend an . Dabei stellte sich meinem innern Auge die Abendburg dar , wie sie mein Vater geschildert . Den düstern Felsen sah ich durch Zauber zum Schlosse werden , gleißend vom roten Golde wie Abendgewölk . Und ich seufzete : » Ach Oheim Tobias ! Warum hast du mich noch niemals zur Abendburg geführet ? « » Ich führe dich hin , Johannes , und zwar ohne Verzug . Wohlan , mache dich fertig ! « Froh und kühn schlug mir das Herze , stracks rüsteten wir zum Aufbruche . Das kostbare Walenbüchel tat der Oheim in einen Ranzen . » Das nehmen wir mit , « sprach er und hing mir den Ranzen um . Drauf gab er noch ein Stück Brot in den Ranzen , bewehrte seine Rechte mit der alten Partisane , die er auf seinen Gängen ebenso als Stütze wie als Waffe zu verwenden pflegte , und rief die alte Beate herein . » Gehab dich wohl , Beate ! Vier gute Stunden bleiben wir aus . « » Mit Gott , ihr beede ! Und seid mir au für Dunkelheet wieder derheeme , « antwortete Beate und reichte uns die Hand . Mit freudigem Kläffen kam Wächter gesprungen , da er uns zum Aufbruche gerüstet sah , und sein wedelnder Schweif fragte , ob wir ihn mitnehmen möchten . Da des Oheims Antlitz gnädig war , fuhr Wächter als übermütiger Störer in unsern Hühnerschwarm und hüpfte nach dieser Heldentat bellend über die Wiese . » Ins Weißbachtal ! « sprach der Oheim . » Nehmen wir selbigen Weg , der im Walenbüchel beschrieben stehet . « Und wir stiegen den nächsten Pfad hinan , so durch Gebüsch und Wiesen , vorbei an Bauden und Steinrücken über den Hüttberg führt , allwo sich der Blick ins Weißbachtal eröffnet . Zur Linken blieb die neue Glashütte von Preisler liegen , wir stiegen über ein Flüßlein , der Rote Floß geheißen , und bogen rechts ab , es aufwärts zu verfolgen . Murmelnd und schäumend kam das Wasser über die moosigen Blöcke gehüpft , als ein Geheimnis , geheget von den Fichten , so mit grauen Bartzotten behangen wie alte Riesen aussahen . An einer Stelle war ein feuchtquappig Waldmoos , davon wir naß Schuhwerk bekamen . » Hier hab ich oft nach Golde gesucht , « sagte der Oheim ; » auch etlichen Goldseifen ausgewaschen ; doch lohnet sich nicht die Mühe . « Bald nach dieser Stelle tat sich der Wald voneinander , und auf sonniger Wiese reckte ein dicker Buchenbaum den mächtigen Wipfel . In den Stamm waren Buchstaben , Kreuzlein , Herzen und andere Zeichen gegraben . Einen schier verwachsenen Riß wies mir der Oheim in der Rinde : » Siehe hier ein köstlich Symbolum von einem Walen eingeschnitten , das ist ein Bischofsstab , wiewohl kaum mehr zu erkennen . An dieser Stätte laß uns niedersitzen , und du sollst fürder aus dem Walenbüchel vorlesen . « Ich kauerte mich zwischen ein paar glatte Felsen , indessen der Oheim aus dem Ranzen das Manuscriptum holte . Von süßem Bangen war mein Herz erfüllt , wie ich so den heiligen Baum mit den Rätselzeichen anstaunte und auf sein Wipfelsäuseln lauschte . Aus Waldestiefe lockte die gurrende Taube , und wie ein fern Glöcklein klang des Kuckucks Ruf . Da reichte mir der Oheim das aufgeschlagene Walenbüchel , und ich fuhr fort , zu lesen : » Ich , der Jacobus Puschmüller , ein Kaufmann zu Regenspurg , war durch des Allmächtigen Verhängnus also verarmet , daß ich mit zehn Floren von Weib und Kind fortgemußt , ein neu Brot ausfindig zu machen . Da bescherete mir Gott einen guten alten Italiener , daß er sich mein erbarmet und mit nachfolgender Beschreibung reicher Schatzlager getröstet hat - wie ich denn an einem der beschriebenen Orte Goldes genung gefunden und mich wiederum zu Ehren gebracht habe . In Schlesien ist die Stadt Hirschperg , an zween Flüssen gelegen . Gehe von dorten fünf Stunden weit ins Gebirg . Kommest in ein Dorf , geheißen des Schreibers Hau . Gehe auf den Schwarzen Berg und immer gen Abend durch Gehölz , auf eines Pfades Spur , so durch hohe Beerenstauden führet . Kommest zu großen Steinen , sind aber noch nicht die rechten . Gehe vorbei , immer den Pfad entlang , bis haushohe Felsen ragen , anzuschauen als eine Purg . Schwarz ist das Gestein , hat aber eine weiße Stelle , gleichwie eine Pforte aus Marmel . Davor gen Mittag dreizehn Ellen weit findest du zwischen Felsen ein Loch . Stoße einen starken Knittel hinein , wuchte und wiege , bis du den übergelegten Stein aufwiegest . Nun lege ihm was unter und nimm die Kostbarkeit , so dir Gott bescheret , Goldkörner arabischer Art , gleich Haselnüssen ; lassen sich plätzen . Tu aber den Stein wieder an seine Stelle , sonsten möchte ein Gespenst dich erschrecken ; denn dorten ist es ungeheuer . So du aber keine Furcht kennest , begib dich zum weißen Stein der Abendpurg zu Walpurgis oder Johannis oder auch am ersten Advent eine Stunde vor Mitternacht . Einen Zauberkreis mache , nach den Regulis Magiae , zünde darinnen ein Feuer an und koche in einem neuen Kessel eine Zaubersuppen . Wie die zu bereiten , weiß ich nicht genau zu sagen . Es gehöret dazu eines Maulwurfes Pfote , und unter strengem Stillschweigen muß gekocht werden . Ist der Nacht Mitte da , so spritze etliches aus dem Kessel an die weiße Marmelpforte , rufend : Woide , Woide , Woide ! Da wird der Felsen sich auftun mit Getos , und du darfst eingehen . In einer Nischen des Stufenganges kauert eine vermummete Gestalt , reget sich nicht . Gehe dreist vorbei , kommest alsdann in eine schneeweiße Halle . An der Wand stehen Truhen mit Golde . Inmitten der Halle aber springet aus einem Marmelbecken ein brausend Sauerwasser an die fünf Ellen hoch , stäubet nieder mit Regenbogenglanz und bespület Edelgestein , so im Becken als Bachkiesel lieget : violenblaue Amethyste , rotgelbe Hyazinthen , schwarze Bergkristalle , gelbe Topasier , grüne Saphire , schön durchsichtige Chalcedonier und dunkle Jasponichel mit roten Tupfen