vielleicht auf lange . Daß irgend ein Mensch sie ihm wirklich und auf immer nehmen konnte , das glaubte er freilich nicht , und auf diesen eleganten , jungen Künstler eifersüchtig zu sein , der so ruhig mit verkreuzten Armen dort am Fenster stand , dazu wollte er sich auf keinen Fall verstehen . Schon manchmal war es geschehen , daß Anna für einige Zeit wie in einem für ihn fremden Element gleichsam verzaubert dahinschwebte . Und vor zwei Jahren , da sie ernstlich daran dachte , sich der Bühne zu widmen und ihre Rollen zu studieren begann , hatte er sie eine kurze Zeit hindurch völlig verloren gegeben . Später , als sie durch die Unverläßlichkeit ihrer Stimme genötigt wurde , ihre künstlerischen Pläne fahren zu lassen , schien sie wohl wieder zu ihm zurückzukehren ; aber diese Epoche hatte er mit Absicht ungenutzt verstreichen lassen . Denn eh ' er sie zu seiner Gattin machte , wollte er irgend einen Erfolg errungen haben , entweder auf wissenschaftlichem oder politischem Gebiet , und von ihr wahrhaft bewundert sein . Er war auf dem Weg dazu gewesen . An der gleichen Stelle , wo sie jetzt saß und ihm mit klaren , aber wie fremden Augen ins Gesicht schaute , hatte sie die Korrekturbogen seiner letzten medizinisch-philosophischen Arbeit vor sich liegen gehabt , die den Titel trug : Vorläufige Bemerkungen zu einer Physiognomik der Krankheiten . Und dann , als sich sein Übergang zur Politik vollzog , zu der Zeit , da er in Wählerversammlungen Reden hielt , sich durch ernste geschichtliche und nationalökonomische Studien für den neuen Beruf vorbereitete , hatte sie sich seiner Vielseitigkeit und seiner Energie herzlich gefreut . All das war nun vorüber . Allmählich schien sie gerade seine Fehler , die ihm ja selbst durchaus nicht verborgen waren , insbesondere seine Neigung , sich an den eigenen Worten zu berauschen , mit schärferen Blick zu sehen als früher , und dadurch begann er wieder seine Sicherheit ihr gegenüber mehr und mehr zu verlieren . Er war nicht ganz er selbst , wenn er zu ihr oder in ihrer Gegenwart sprach . Auch heute war er nicht mit sich zufrieden . Mit einem Ärger , der ihm selbst kleinlich vorkam , ward er sich bewußt , daß er seine Begegnung im Büfett mit Jalaudek nicht wirksam genug vorgetragen hatte und daß er seinen Ekel vor der Politik viel glaubhafter hätte darstellen müssen . » Sie haben ja wahrscheinlich recht , Fräulein Anna , « sagte er , » wenn Sie darüber lächeln , daß ich wegen dieses läppischen Abenteuers mein Mandat niedergelegt habe . Ein parlamentarisches Leben ohne Komödienspiel ist ja überhaupt nicht möglich . Ich hätte es bedenken und selber mitagieren , dem Kerl womöglich zutrinken sollen , der mich öffentlich beschimpft hat . Das wäre bequem , österreichisch und vielleicht sogar das Richtigste gewesen . « Er fühlte sich wieder im Zuge und sprach lebhaft weiter : » Es gibt am Ende doch nur zwei Methoden , mittels deren in der Politik praktisch etwas zu leisten ist ; entweder durch eine großartige Frivolität , die das ganze öffentliche Leben als ein amüsantes Spiel betrachtet , die in Wahrheit für nichts begeistert , gegen nichts entrüstet ist , und der die Menschen , um deren Glück oder Elend es sich doch im letzten Sinn handeln sollte , vollkommen gleichgültig bleiben . So weit bin ich nicht , und ich weiß nicht , ob ich jemals dahin gelangen werde . Ehrlich gesagt , ich hab es mir schon manchmal gewünscht . Die andre Methode aber ist : bereit sein , in jedem Augenblick für das , was man das Rechte hält , seine ganze Existenz , sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes « Berthold schwieg plötzlich . Sein Vater , der alte Doktor Stauber , war eingetreten und wurde herzlich begrüßt . Er reichte Georg , der ihm von Frau Rosner vorgestellt wurde , die Hand und sah ihn so freundlich an , daß sich Georg sofort zu ihm hingezogen fühlte . Er sah offenbar jünger aus , als er war . Sein langer , rötlichblonder Bart war nur von einzelnen grauen Fäden durchzogen , und das schlicht gekämmte lange Haar zog in dichten Strähnen zu dem breiten Nacken hin . Die Stirn , die von auffallender Höhe war , gab der ganzen , ein wenig untersetzten , ja hochschultrigen Erscheinung eine gewisse Würde . Die Augen , wenn sie nicht eben mit einiger Absicht gütig oder klug schauten , schienen sich hinter den müd gewordenen Lidern gleichsam für den nächsten Blick auszuruhen . » Ich habe Ihre Mutter gekannt , Herr Baron « , sagte er ziemlich leise zu Georg . » Meine Mutter , Herr Doktor ... ? « » Sie werden sich kaum daran erinnern . Sie waren damals ein kleiner Bub von drei , vier Jahren . « » Sie waren ihr Arzt ? « fragte Georg . » Ich besuchte sie zuweilen als Vertreter des Professors Duchegg , bei dem ich Assistent war . Sie haben damals in der Habsburgergasse gewohnt , in einem alten Haus , das längst niedergerissen ist . Ich könnte Ihnen heute noch die Einrichtung des Zimmers schildern , in dem Ihr Herr Vater mich empfing ... der leider auch allzufrüh gestorben ist ... Auf dem Schreibtisch stand eine Bronzefigur und zwar ein gepanzerter Ritter mit einer Fahne . Und an der Wand hing eine Kopie nach einem Van Dyck aus der Liechtensteingalerie . « » Ja « , sagte Georg verwundert über das gute Gedächtnis des Arztes , » ganz richtig . « » Aber ich habe da die Herrschaften in einem Gespräch unterbrochen « , fuhr Doktor Stauber fort , in dem ein wenig melancholisch singenden und doch überlegenen Ton , der ihm eigen war , und ließ sich in die Ecke des Divans sinken . » Eben teilt uns Doktor Berthold zu unserm Erstaunen mit « , sagte Herr Rosner , » daß er sich entschlossen hat , sein Mandat niederzulegen . « Der alte Stauber richtete einen ruhigen Blick auf seinen Sohn , den dieser ebenso ruhig erwiderte . Georg , der dies Augenspiel bemerkte , hatte den Eindruck , daß hier ein stilles Einverständnis waltete , das keiner Worte bedurfte . » Ja « , sagte Doktor Stauber , » mich hat es allerdings nicht überrascht . Ich habe immer das Gefühl gehabt , daß Berthold im Parlament nur wie zu Gaste sitzt , und bin eigentlich froh , daß er nun eine Art von Heimweh nach seinem wahren Beruf bekommen hat . Ja , ja , dein wahrer , Berthold « , wiederholte er wie zur Antwort auf ein Stirnrunzeln seines Sohnes . » Damit ist ja nichts für die Zukunft präjudiziert . Nichts erschwert uns die Existenz so sehr , als daß wir so häufig an Definitiva glauben ... und daß wir die Zeit damit verlieren , uns eines Irrtums zu schämen , statt ihn einzugestehen und unser Leben einfach neu zu gestalten . « Berthold erklärte , daß er in spätestens acht Tagen abreisen wolle . Jeder weitere Aufschub hätte keinen Sinn . Es wäre auch möglich , daß er nicht in Paris bliebe . Seine Studien konnten eine weitere Reise notwendig machen . Ferner war er entschlossen , alle Abschiedsbesuche zu unterlassen ; wie er hinzusetzte , hatte er ohndies allen Verkehr früherer Jahre in gewissen bürgerlichen Kreisen , wo sein Vater eine ausgebreitete Praxis übte , vollkommen aufgegeben . » Sind wir uns denn nicht diesen Winter einmal bei Ehrenbergs begegnet ? « fragte Georg mit einiger Genugtuung . » Das ist richtig « , erwiderte Berthold . » Mit Ehrenbergs sind wir übrigens entfernt verwandt . Das Bindeglied zwischen uns ist merkwürdigerweise die Familie Golowski . Jeder Versuch , Ihnen das näher zu erklären , Herr Baron , wäre vergeblich . Ich müßte sie eine Wanderung durch die Standesämter und Kultusgemeinden von Temesvar , Tarnopol und ähnlichen angenehmen Ortschaften unternehmen lassen und das möcht ich Ihnen doch nicht zumuten . « » Und übrigens « , fügte der alte Doktor Stauber resigniert hinzu , » weiß der Herr Baron gewiß , daß alle Juden miteinander verwandt sind . « Georg lächelte liebenswürdig . In Wirklichkeit aber war er eher enerviert . Seiner Empfindung nach bestand durchaus keine Notwendigkeit , daß auch der alte Doktor Stauber ihm offizielle Mitteilung von seiner Zugehörigkeit zum Judentum machte . Er wußte es ja , und er nahm es ihm nicht übel . Er nahm es überhaupt keinem übel ; aber warum fingen sie denn immer selbst davon zu reden an ? Wo er auch hinkam , er begegnete nur Juden , die sich schämten , daß sie Juden waren , oder solchen , die darauf stolz waren , und Angst hatten , man könnte glauben , sie schämten sich . » Gestern hab ich übrigens die alte Golowski gesprochen « , fuhr Doktor Stauber fort . » Die arme Frau « , sagte Herr Rosner . » Wie gehts ihr denn ? « fragte Anna . » Wie wirds ihr gehen ... Sie können sich denken ... die Tochter eingesperrt , der Sohn Freiwilliger auf Staatskosten , wohnt in der Kaserne ... Stellen Sie sich das vor , Leo Golowski als Patriot ... Und der Alte sitzt im Kaffeehaus und schaut zu , wie die andern Leut Schach spielen . Er selbst hat doch nicht mehr die zehn Kreuzer , um das Spielgeld zu zahlen . « » Die Haft von Therese muß übrigens bald abgelaufen sein « , sagte Berthold . » Dauert doch noch zwölf , vierzehn Tage « , erwiderte sein Vater ... » Na , Annerl « , wandte er sich dann an das junge Mädchen , » es wäre wirklich schön von Ihnen , wenn Sie sich wieder einmal in der Rembrandtstraße anschauen ließen ; die alte Frau hat eine fast rührende Schwärmerei für Sie . Ich versteh wirklich nicht warum « , setzte er lächelnd hinzu , während er Anna beinah zärtlich betrachtete . Sie aber sah vor sich hin und erwiderte nichts . Die Wanduhr schlug sieben . Georg erhob sich , als wenn er nur dieses Zeichen erwartet hätte . » Herr Baron verlassen uns schon « , sagte Herr Rosner aufstehend . Georg bat die Anwesenden , sich nicht stören zu lassen , und reichte allen die Hand . » Es ist merkwürdig « , sagte der alte Stauber , » wie Ihre Stimme an die Ihres verstorbenen Herrn Vaters erinnert . « » Ja , man hat es mir vielfach gesagt « , entgegnete Georg . » Ich selbst konnte es allerdings nie finden . « » Es gibt keinen Menschen auf der Welt , der seine eigene Stimme kennt « , bemerkte der alte Stauber , und es klang wie der Beginn eines populären Vortrags . Aber Georg empfahl sich . Anna begleitete ihn , trotz seiner leisen Abwehr , ins Vorzimmer und ließ etwas absichtlich , wie es Georg vorkam die Türe halboffen stehn . » Es ist schade , daß wir nicht länger musizieren konnten « , sagte sie . » Mir tuts auch leid , Fräulein Anna . « » Das Lied hat mir heut noch besser gefallen , als beim erstenmal , wie ich mich selber begleiten mußte . Nur zum Schluß verläuft es ein bißchen ... ich weiß nicht , wie ich sagen soll . « » Ich weiß , was Sie meinen . Der Schluß ist konventionell , das hab ich gleich gefühlt . Hoffentlich kann ich Ihnen bald was Besseres bringen , Fräulein Anna . « » Lassen Sie mich aber nicht zu lange darauf warten . « » Gewiß nicht . Also Adieu Fräulein Anna . « Sie reichten einander die Hände und lächelten beide . » Warum sind Sie nicht nach Weißenfeld gekommen ? « fragte Anna leicht . » Es tut mir wirklich leid , aber sehen Sie , Fräulein Anna , ich hätte wahrhaftig heuer keine angenehme Gesellschaft vorgestellt , das können Sie sich wohl denken . « Anna sah ihn ernst an . » Glauben Sie nicht « , sagte sie , » daß man Ihnen vielleicht hätte helfen können manches tragen ? « » Es zieht , Anna « , rief Frau Rosner von drinnen . » Ich komm ja schon « , erwiderte Anna etwas ungeduldig . Aber Frau Rosner hatte die Tür schon geschlossen . » Wann darf ich wiederkommen ? « fragte Georg . » Wann es Ihnen angenehm ist . Allerdings ... ich müßte Ihnen eigentlich eine schriftliche Stundeneinteilung geben , damit Sie wissen , wann ich zu Hause bin , und damit wäre auch noch nichts getan . Oft geh ich spazieren , oder habe Besorgungen in der Stadt , oder schau mir Bilder an , oder Ausstellungen ... « » Das könnte man doch einmal zusammen tun « , sagte Georg . » O ja « , erwiderte Anna , nahm ihr Portemonnaie aus der Tasche und entnahm diesem ein winziges Notizbuch . » Was haben Sie denn da ? « fragte Georg . Anna lächelte und blätterte in dem Büchlein . » Warten Sie nur ... Donnerstag elf Uhr wollte ich mir die Miniaturausstellung in der Hofbibliothek ansehen . Wenn Sie das auch interessiert , so können wir uns dort treffen . « » Aber sehr gern . « » Also schön . Dort können wir gleich besprechen , wann Sie mich das nächstemal zum Singen begleiten . « » Abgemacht « , sagte Georg und reichte ihr die Hand . Es fiel ihm ein , daß gewiß , während hier draußen Anna mit ihm plauderte , sich drin im Zimmer der junge Doktor Stauber ärgern oder gar kränken mochte . Und er wunderte sich , daß er diesen Umstand selbst offenbar unangenehmer empfand als Anna , die doch im ganzen ein gutmütiges Wesen zu sein schien . Er löste seine Hand aus der ihren , nahm Abschied und ging . Als Georg auf die Straße kam , war es ganz dunkel geworden . Langsam schlenderte er über die Elisabethbrücke an der Oper vorbei der inneren Stadt zu und ließ , unbeirrt durch Geräusch und Treiben rings umher , sein Lied in sich nachtönen . Er fand es seltsam , daß Annas Stimme , die im kleinen Raume so reinen und gesunden Klang gab , jede Zukunft auf der Bühne und im Konzertsaal versagt sein sollte , und noch seltsamer , daß Anna unter diesem Verhängnis kaum zu leiden schien . Freilich war er sich nicht klar darüber , ob Annas Ruhe auch den wahren Ausdruck ihres Wesens widerspiegelte . Er kannte sie wohl flüchtig schon seit einigen Jahren ; aber erst eines Abends im vergangenen Frühling waren sie einander näher gekommen . Im Waldsteingarten hatte sich damals eine größere Gesellschaft Rendezvous gegeben . Man speiste im Freien , unter hohen Kastanienbäumen , vergnügt , angeregt und berückt von dem ersten warmen Maiabend des Jahres . Georg sah sie alle wieder , die damals gekommen waren . Frau Ehrenberg , die Veranstalterin der Zusammenkunft , absichtlich matronenhaft mit einem lose sitzenden , dunkeln Foulardkleid angetan ; Hofrat Wilt , wie in der Maske eines englischen Staatsmanns , mit vornehm schlampigen Gebärden und mit dem gleichen , etwas wohlfeilen Ton der Überlegenheit für sämtliche Dinge und Menschen ; Frau Oberberger , die mit dem grau gepuderten Haar , den blitzenden Augen und dem Schönheitspflästerchen auf dem Kinn einer Rokokomarquise ähnelte ; Demeter Stanzides mit den weiß glänzenden Zähnen , und auf der blassen Stirn die Müdigkeit eines alten Heldengeschlechtes ; Oskar Ehrenberg , mit einer Eleganz , die viel vom ersten Kommis eines Modehauses , manches von der eines jugendlichen Gesangskomikers und auch einiges von der eines jungen Herrn aus der Gesellschaft hatte ; Sissy Wyner , die ihre dunkeln , lachenden Augen von einem zum andern sandte , als sei sie mit jedem einzelnen durch ein andres lustiges Geheimnis verbunden ; Willy Eißler , der heiser und fidel allerlei heitre Geschichten aus seiner Militärzeit und jüdische Anekdoten erzählte ; Else Ehrenberg , von zarter Frühlingsmelancholie umflossen in weißem englischem Tuchkleid , mit den Bewegungen einer großen Dame , die sich zu dem Kindergesicht und der zarten Figur anmutig und beinahe rührend ausnahmen ; Felician , kühl und liebenswürdig , mit hochmütigen Augen , die zwischen den Gästen hindurch zu andern Tischen und auch an diesen vorbei in die Ferne sahen ; Sissys Mutter , jung , rotbackig und plappernd , die überall zugleich mitreden und überall zugleich mithören wollte ; Edmund Nürnberger , in den bohrenden Augen und um den schmalen Mund jenes fast maskenhaft gewordene Lächeln der Verachtung für ein Welttreiben , das er bis auf den Grund durchschaute , und in dem er sich doch manchmal zu seinem eigenen Erstaunen selbst als Mitspieler entdeckte ; endlich Heinrich Bermann , in einem zu weiten Sommeranzug , mit einem zu billigen Strohhut , mit einer zu lichten Kravatte , der bald lauter sprach und bald tiefer schwieg als die andern . Zuletzt , ohne jede Begleitung und in sicherer Haltung war Anna Rosner erschienen , hatte mit leichtem Kopfnicken die Gesellschaft begrüßt und ungezwungen zwischen Frau Ehrenberg und Georg Platz genommen . » Die hab ich für Sie eingeladen « , bemerkte Frau Ehrenberg leise zu Georg , der sich bis zu diesem Abend mit Anna auch in Gedanken kaum beschäftigt hatte . Jene Worte , vielleicht nur einem flüchtigen Einfall der Frau Ehrenberg entsprungen , wurden im weiteren Verlauf des Abends wahr . Von dem Augenblick an , da die Gesellschaft aufbrach und ihre fidele Reise durch den Volksprater antrat , überall , in den Buden , im Ringelspiel , vor dem Wurstel und auch auf dem Heimweg in die Stadt , der spaßhafter Weise zu Fuß gemacht wurde , hatten sich Georg und Anna zusammen gehalten und waren endlich , von lustigen und törichten Gesprächen umschwirrt , in eine ganz vernünftige Unterhaltung geraten . Ein paar Tage später war er bei ihr und brachte ihr , wie versprochen , den Klavierauszug von » Eugen Onegin « und einige von seinen Liedern ; bei seinem nächsten Besuch sang sie ihm diese Lieder und manche von Schubert vor , und ihre Stimme gefiel ihm sehr . Bald darauf nahmen sie für den Sommer voneinander Abschied , ohne jede Spur von Wehmut und Zärtlichkeit ; Annas Einladung nach Weißenfeld hatte Georg nur als Höflichkeit aufgefaßt , so wie er seine Zusage verstanden glaubte ; und im Vergleich zu der Harmlosigkeit des bisherigen Verkehrs durfte die Stimmung des heutigen Besuchs Georg wohl eigentümlich erscheinen . Auf dem Stephansplatz sah sich Georg von jemandem gegrüßt , der auf der Plattform eines Stellwagens stand . Georg , der etwas kurzsichtig war , erkannte den Grüßenden nicht gleich . » Ich bins « , sagte der Herr auf der Plattform . » O , Herr Bermann ! Guten Abend « , Georg reichte ihm die Hand hinauf . » Wohin des Wegs ? « » Ich fahre in den Prater . Ich will unten nachtmahlen . Haben Sie etwas besondres vor , Herr Baron ? « » Nicht das geringste . « » So kommen Sie doch mit . « Georg schwang sich auf den Omnibus , der eben weiterzurumpeln begann . Sie erzählten einander beiläufig , wie sie den Sommer verbracht hatten . Heinrich war im Salzkammergut gewesen , später in Deutschland , von wo er erst vor ein paar Tagen zurückgekommen war . » Ach in Berlin « , meinte Georg . » Nein . « » Ich dachte , daß Sie vielleicht in Angelegenheit eines neuen Stückes ... « » Ich habe kein neues Stück geschrieben « , unterbrach ihn Heinrich etwas unhöflich . » Ich war im Taunus und am Rhein , in verschiedenen Orten . « Was hat er denn am Rhein zu tun , dachte Georg , obwohl es ihn nicht weiter interessierte . Es fiel ihm auf , daß Bermann zerstreut , ja beinahe verdüstert vor sich hinschaute . » Und wie steht ' s denn mit Ihren Arbeiten , lieber Baron ? « fragte Heinrich plötzlich lebhaft , während er den dunkelgrauen Überzieher , der ihm um die Schulter hing , enger um sich schlug . » Ist Ihr Quintett fertig ? « » Mein Quintett ? « wiederholte Georg verwundert . » Hab ' ich Ihnen denn von meinem Quintett gesprochen ? « » Nein , nicht Sie ; aber Fräulein Else sagte mir , daß Sie an einem Quintett arbeiten . « » Ach so , Fräulein Else . Nein , ich bin nicht viel weiter gekommen . Ich war nicht gerade in der Stimmung , wie Sie sich denken können . « » Ach ja « , sagte Heinrich und schwieg eine Weile . » Und Ihr Herr Vater war noch so jung « , fügte er langsam hinzu . Georg nickte wortlos . » Wie geht ' s Ihrem Bruder ? « fragte Heinrich plötzlich . » Danke recht gut « , erwiderte Georg etwas befremdet . Heinrich warf seine Zigarre über die Brüstung und zündete sich gleich wieder eine neue an . Dann sagte er : » Sie werden sich wundern , daß ich mich nach Ihrem Bruder erkundige , den ich kaum jemals gesprochen habe . Er interessiert mich aber . Er stellt für mich einen in seiner Art geradezu vollendeten Typus dar , und ich halte ihn für einen der glücklichsten Menschen , die es gibt . « » Das mag wohl sein « , erwiderte Georg zögernd . » Aber wie kommen Sie eigentlich zu der Ansicht , da Sie ihn kaum kennen ? « » Erstens heißt er Felician Freiherr von Wergenthin-Recco « , sagte Heinrich sehr ernst und blies den Rauch in die Luft . Georg horchte mit einigem Erstaunen auf . » Sie heißen wohl auch Wergenthin-Recco « , fuhr Heinrich fort , » aber nur Georg und das ist lang nicht dasselbe , nicht wahr ? Ferner ist Ihr Bruder sehr schön . Sie schauen allerdings auch nicht übel aus . Aber Leute , deren hauptsächliche Eigenschaft es ist , schön zu sein , sind doch eigentlich viel besser dran als andre , deren hauptsächliche Eigenschaft es ist , begabt zu sein . Wenn man nämlich schön ist , so ist man es immer , während die Begabten doch mindestens neun Zehntel ihrer Existenz ohne jede Spur von Talent verbringen . Ja , gewiß ist es so . Die Linie des Lebens ist sozusagen reiner , wenn man schön als wenn man ein Genie ist . Übrigens ließe sich das alles besser ausdrücken . « Was hat er denn , dachte Georg unangenehm berührt . Sollte er vielleicht auf Felician eifersüchtig sein ... wegen Else Ehrenberg ? Auf dem Praterstern stiegen sie aus . Der große Strom der Sonntagsmenge flutete ihnen entgegen . Sie nahmen den Weg in die Hauptallee , wo es nicht mehr belebt war , und gingen langsam weiter . Es war kühl geworden . Georg machte Bemerkungen über die herbstliche Abendstimmung , über die Leute , die in den Wirtshäusern saßen , über die Militärkapellen , die in den Kiosken spielten . Heinrich entgegnete anfangs obenhin , später gar nicht und schien endlich kaum zuzuhören , was Georg ungezogen fand . Er bereute es beinahe , sich Heinrich angeschlossen zu haben , umsomehr , als es sonst gar nicht seine Art war , flüchtigen Aufforderungen ohne weiteres zu folgen ; und er entschuldigte sich vor sich selbst , daß er es diesmal nur aus Zerstreutheit getan hätte . Heinrich ging neben ihm her , oder auch ein paar Schritte voraus , als hätte er Georgs Anwesenheit vollkommen vergessen . Noch immer hielt er den umgehängten Überzieher mit beiden Händen fest , trug den weichen , dunkelgrauen Hut in die Stirn gedrückt und sah , was Georg plötzlich empfindlich zu stören begann , höchst unelegant aus . Heinrich Bermanns frühere Bemerkungen über Felician kamen ihm nun abgeschmackt und geradezu taktlos vor , und zu rechter Zeit fiel ihm ein , daß so ziemlich alles , was er von den schriftstellerischen Leistungen Heinrichs kannte , ihm wider den Strich gegangen war . Zwei Stücke von ihm hatte er gesehen : eines , das in den untern Volksschichten spielte , unter Handwerkern oder Fabrikarbeitern und mit Mord und Totschlag endete ; das andere , eine Art von satirischer Gesellschaftskomödie , bei deren Erstaufführung es einen Skandal gegeben hatte , und die bald wieder vom Repertoire verschwunden war . Übrigens hatte Georg den Autor damals noch nicht persönlich gekannt und an der ganzen Sache kein weiteres Interesse genommen . Er erinnerte sich nur , daß Felician das Stück geradezu lächerlich gefunden und daß Graf Schönstein geäußert hatte , wenn es nach ihm ginge , dürften Stücke von Juden überhaupt nur von der Budapester Orpheumsgesellschaft aufgeführt werden . Insbesondere aber hatte Doktor von Breitner , getauft und objektiv , seiner Empörung Ausdruck gegeben , daß so ein hergelaufener junger Mensch eine Welt auf die Bühne zu bringen wagte , die ihm selbstverständlich verschlossen war und von der er daher unmöglich etwas verstehen konnte . Während Georg all dies wieder einfiel , steigerte sich sein Ärger über das manierlose Weiterlaufen und beharrliche Schweigen seines Begleiters zu einer wahren Feindseligkeit , und halb unbewußt begann er allen Insulten recht zu geben , die damals gegen Bermann vorgebracht worden waren . Er erinnerte sich jetzt auch , daß ihm Heinrich von allem Anfang an persönlich unsympathisch gewesen war , und daß er sich zu Frau Ehrenberg ironisch über die Geschicklichkeit geäußert , mit der sie auch diesen jungen Ruhm sofort für ihren Salon einzufangen gewußt hatte . Else freilich hatte gleich Heinrichs Partei genommen , ihn für einen interessanten und manchmal sogar liebenswürdigen Menschen erklärt und Georg prophezeit , er würde über kurz oder lang mit ihm gut Freund werden . Und tatsächlich war in Georg , zum mindesten von jenem Gespräch heuer im Frühjahr nachts auf der Ringstraßenbank , eine gewisse Sympathie für Bermann zurückgeblieben , die bis zum heutigen Abend vorgehalten hatte . Längst waren sie an den letzten Gasthäusern vorbei . Neben ihnen lief die weiße Fahrstraße einsam und gerade zwischen den Bäumen in die Nacht hinaus , und sehr entfernte Musik tönte nur mehr in abgerissenen Klängen zu ihnen her . » Wohin denn noch « , rief Heinrich plötzlich aus , als hätte man ihn wider Willen hierher geschleppt , und blieb stehen . » Ich kann wirklich nichts dafür « , bemerkte Georg einfach . » Entschuldigen Sie « , sagte Heinrich . » Sie waren so sehr in Gedanken vertieft « , entgegnete Georg kühl . » Vertieft will ich eben nicht sagen . Aber es passiert einem manchmal , daß man sich so in sich selbst verliert . « » Ich kenne das « , meinte Georg ein wenig versöhnt . » Man hat Sie übrigens im August auf dem Auhof erwartet « , sagte Heinrich plötzlich . » Erwartet ? Frau Ehrenberg war wohl so freundlich , mich einmal einzuladen , aber ich hatte keineswegs zugesagt . Haben Sie sich längere Zeit dort aufgehalten , Herr Bermann ? « » Längere Zeit , nein . Ich war einige Male oben , aber immer nur auf ein paar Stunden . « » Ich dachte , Sie hätten oben gewohnt . « » Keine Idee . Ich hab ' unten im Gasthof logiert . Ich bin nur gelegentlich hinauf gekommen . Es ist mir dort zu laut und bewegt ... das Haus wimmelt ja von Besuchen . Und die Mehrzahl der Leute , die dort verkehren , kann ich nicht ausstehen . « Ein offener Fiaker , in dem ein Herr und eine Dame saßen , fuhr an ihnen vorüber . » Das war ja Oskar Ehrenberg « , sagte Heinrich . » Und die Dame ? « fragte Georg und sah etwas Hellem nach , das durch die Dunkelheit leuchtete . » Kenn ' ich nicht . « Sie nahmen den Weg durch eine finstere Seitenallee . Wieder stockte das Gespräch . Endlich begann Heinrich : » Fräulein Else hat mir auf dem Auhof ein paar von Ihren Liedern vorgesungen . Einige hatte ich übrigens schon gehört , von der Bellini , glaub ' ich . « » Ja , die Bellini hat sie vorigen Winter in einem Konzert gesungen . « » Nun , diese Lieder und einige andre von Ihnen sang Fräulein Else . « » Wer hat sie denn begleitet ? « » Ich selbst , so gut ich eben konnte . Ich muß Ihnen übrigens sagen , lieber Baron , die Lieder haben eigentlich noch einen stärkern Eindruck auf mich gemacht , als das erstemal im Konzert , trotzdem Fräulein Else ja beträchtlich weniger Stimme und Kunstfertigkeit besitzt , als Fräulein Bellini . Andererseits muß man freilich bedenken , daß es ein prachtvoller Sommernachmittag war , an dem Fräulein Else Ihre Lieder sang . Das Fenster stand offen , man sah drüben die Berge und den tiefblauen Himmel ... aber es bleibt noch immer genug für Sie übrig . « » Sehr schmeichelhaft « , sagte Georg , von Heinrichs spöttelndem Ton peinlich berührt . » Wissen Sie « , fuhr Heinrich fort und sprach , wie er es manchmal tat , mit zusammengepreßten Zähnen und unnötig heftiger Betonung , » wissen Sie , es ist im allgemeinen nicht meine Gewohnheit , Leute , die ich zufällig auf der Straße sehe , auf den Omnibus heraufzubitten , und ich will es ihnen lieber gleich gestehen , daß ich es ... wie sagt man nur ... als einen Wink des Schicksals betrachtet habe , wie ich Sie plötzlich auf dem Stephansplatz erblickte . « Georg hörte ihn verwundert an . » Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr so gut als ich « , fuhr Heinrich fort