, und weil wir im täglichen Abschiednehmen lebten , so waren sie im höchsten Glück so tragisch , ein schlagendes Herz , mitten durchschossen vom tödlichen Pfeil . Klaras Schicksal war unwiderruflich bestimmt und entschieden durch ihren Vater . Wie einen Gott liebte sie diesen Vater ; sie wollte für mich sterben , aber nie mein Glück mit ihr in feindlicher Opposition gegen diesen Vater durchsetzen . Jeder Versuch , das Geschick zu wenden , scheiterte an ihrer eisernen Festigkeit . Es hat mich diese Festigkeit viel Schmerz gekostet . Ich sah sie vernichtet zusammenbrechen , als diese vorgeschriebene Bestimmung erfüllt werden mußte ; ich sah sie zerbrochen und leblos vor mir ; - aber nicht das leiseste Wort eines Änderungsversuchs ist je über ihre Lippen gekommen . Der Zufall hatte mich mit ihr zusammengeführt ; sie fürchtete sich anfänglich vor mir . Ich war bestürzt über ihre Anmut , es war eine rührende Schönheit , die meinen ganzen Menschen erweichte . Ich sah sie eine Woche lang täglich , und wir wußten beide nicht , was wir wollten . Ihre Furcht hatte bald dem Extreme , einem grenzenlosen Vertrauen , Platz gemacht , und - an einem melancholischen Abende hing sie mir plötzlich weinend am Halse , und auch ich weinte Tränen der Liebe . Wir haben überhaupt viel miteinander geweint , aber uns geliebt wie die Engel . Aber Weib war sie durch und durch ; zu einer Art von männlichem Kosmopolitismus in der Liebe habe ich sie nie bewegen können , sie wehrte mich hastig mit den Händen ab , sie hielt mir den Mund zu , sie schlug mich , wenn ich ihr sagte , die Liebe sei etwas Größeres als die Neigung zu dieser oder jener einzelnen Person , man könne der Liebe treu sein , während man der Geliebten untreu werde . Darin war sie einseitig und leidenschaftlich . Und damit hat sie mich gelähmt für mein ganzes Leben . Es war eine warme , weiche , mondhelle Nacht , als Ihr einst von mir gingt , Balladen und Lieder küßten sich in mir , es war Ball in meinem Herzen , und zauberische Musik trieb Mir alles im Kreise herum . Aus dem Fenster sah ich Euch nach , mein ganzer Mensch war liebedurstig wie ein wohltuend ermüdeter Wanderer ; ich ging Euch nach , bald fand ich mich vor dem Gartenzaun , der meiner Liebsten Haus umgab . Der Hofhund kam brüllend herbei ; meine , eines alten Bekannten , leise Schmeichelworte beschwichtigten ihn bald , ich stieg über den Zaun . Klara hatte Besuch von ihrem Bruder . Von unserem Verhältnisse durfte er nichts ahnen ; er war ein leidenschaftlicher Mensch , der in Italien geboren und erzogen war ; entdeckte er mich bei meinem Vorhaben , er schoß mich wie einen Strauchdieb nieder . Ich aber war liebelustig und verachtete alle Rücksichten ; in den hohen Affekten kennen wir keine künstlichen bürgerlichen Formen , man hütet mit König René Schafe , und reitet mit Hüon nach Bagdad . Jener Besuch hatte mich seit mehreren Tagen von Klara getrennt , ich lechzte nach ihrem Auge , wie nach Licht - er war noch da , das wußte ich , aber ich wußte auch , daß Klara wie ein Vogel schlief , der bei dem leisesten Geräusch die Schwingen hebt ; ich wußte , daß ein hoher , breitästiger Kastanienbaum dicht unter ihrem Fenster stand . Ich schlüpfte entschlossen durch die dunkeln Gänge des Gartens dem Hause zu . Klaras Fenster waren offen , wahrscheinlich war sie noch wach - aber die Fenster des Bruders waren hell , eines sogar war geöffnet , das kleinste Geräusch konnte mich verraten . Du weißt , daß ich im Sommer immer leichte Tanzstiefeln trage , dies kam mir zustatten ; ohne Geräusch kam ich bis an den Stamm des Baumes , die alte Turngeschicklichkeit brachte mich bald hinauf , wie staunend sah mir unten der Hund nach . Der Mond schien geisterhaft , ich stand im Dunkel der Äste und übersah mein Terrain . Klara lag halb entkleidet auf dem Sofa , ihr dunkelbraunes Haar war zur Hälfte aufgelöst und schmiegte sich schmeichelnd wie ein sehnsüchtiger Trieb , dem man Gewährung gestattet , um Hals und Busen , ihre weiße Hand und der schöne , zur Hälfte entblößte Arm spielten damit . Sie sah träumend vor sich hin - ich habe nie etwas Reizenderes gesehen . Sie trug sonst immer ein weites faltiges schwarzseidenes oder sammtenes Kleid , es schmiegte sich dies zwar liebend an die schönen Formen , aber das warme Leben war immer verhüllt - zum erstenmal sah ich ' s entfesselt , und eine göttliche Sinnlichkeit , die sich mir selbst in ihrem Arm nie so klar angekündigt , kam über mich . Ich hätte zu ihr gemußt und hätte es mich tausend Leben gekostet . Wie Käthchen unter dem Hollunderbaum mit dem Mondschein buhlend lag sie da , der kleine Fuß , des Schuhes ledig , spielte tändelnd in der Luft , der auf den Busen vorgebeugte Kopf trug den Ausdruck einer glückseligen , heimlichen Erwartung . Eben wollte ich auf ihren Fensterbogen treten , da öffnete der Bruder , dessen Zimmer daneben war und den ich auf und nieder gehen gesehen hatte , den zweiten Fensterflügel und sah in den Mondschein heraus . Ich blieb regungslos stehen , der verzweifelte Hund fing an zu knurren , heraufsehend nach Baum und Fenster , ich konnte leichtlich dadurch verraten werden . - Klara träumte und tändelte ungestört fort . Eine peinliche Minute verging , der Bruder schien nach mir herzusehen , ich hielt den Atem an , plötzlich brach ein kleiner Ast , auf den ich im Rückzuge mit dem rechten Fuße getreten war ; die Grabesstille der Nacht machte ein auffallendes Geräusch daraus , der Bruder fuhr blitzschnell mit dem Kopf aus dem Fenster . Klara hob sich ein wenig in die Höhe und horchte , der Hund knurrte lauter , ich hielt mich mit dem Arm fest an einem Ast und wagte nicht , eine neue Stütze für meinen rechten Fuß zu suchen , aus Besorgnis neues Geräusch zu machen . Der Vetter aller Liebenden , Freund Mond , bemerkte zu rechter Zeit meine Not , er trat hinter eine Wolke ; schwerlich wäre sonst des Bruders unablässigem Hinstarren nach dem Baume meine leuchtende weiße Hose entgangen . Tödliche fünf Minuten schwebte ich so auf der Folter , da gab er endlich die Sache auf , warf das Fenster zu und ging in die Tiefe des Zimmers . Ich trat jetzt keck auf den Fensterbogen und sprang behend ins Zimmer . Ein unterdrücktes » Ach ! « Klaras bedeckte ich vollends mit Küssen . Die furchtsamsten Weiber , wenn sie lieben , werden nie durch eine Äußerung der Furcht etwas verraten , sie haben den Liebhaber und die Liebe zu immerwährenden Begleitern , bei sich , und wenn etwas vorfällt , so sehen sie sich immer erst nach diesen um und horchen , was diese dazu sagen . Der glühendste Mann liebt mit Geschäftspausen , er vergißt des Tags über wenigstens zehnmal die Geliebte und erinnert sich hundertmal ihrer . Das Weib erinnert sich des geliebten Mannes gar nicht , denn sie hat ihn immerwährend bei sich , er ist in ihr und verläßt sie nie ; er ist nicht nur ihr Gedanke , denn der kann wechseln , er ist ihr Denken , ihre Phantasie , ja ihr Verstand . Klara hatte auch mit mir gedacht . Sie schalt meine Dreistigkeit und küßte mich und war so weich und warm und lieb wie ein Sonnenstrahl . Sie wollte ihr Negligé verbergen und schmiegte sich tiefer in meine Arme , damit ich sie nicht sehen sollte ; sie war sanft wie ein spielend Kind , sie war wie eine seltene Blume , die in schweigsamer Mondnacht ihren vollen warmen Kelch aufschließt und Wärme und Sehnsucht haucht in die Nacht hinein , sie war unbeschreiblich liebenswürdig . Und doch war sie neben jener Weichheit so entschlossen stark , kühn wie eine Göttin . Sie beherrschte mich in jener Nacht mit allen Waffen . Klara zog mich aufs Sofa , drängte mir den Kopf nieder in ihren Schoß und sprach mir dann leise ins Ohr : » Valer , ich will Dir angehören , wenn Du mir schwörst . « - Ich erhob den Kopf und erwiderte leise : » Ich schwöre « - » Narr , Bösewicht « - lachte sie - » Du weißt ja nicht , was . « Und nun gab ' s ein neues ausgelassenes Treiben übersprudelnder Wonne , wir lachten einander in die Augen , wir küßten den Stern und die Seele darin ; ich suchte ihr Herz und drückte mein brennend Gesicht daran , wir jubelten wie losgelassene Gefangene . Plötzlich begann sie wieder die vorige Szene , ward ernst , weinte , beugte sich küssend zu mir , bat mich um Verzeihung , und beteuerte , sie könne nicht anders - » Schwöre mir , Valer , nie einer anderen zu gehören , schwöre mir ' s - still , Freund , ich bin Dein , Dein mit Seele und Leib auch ohne den Schwur - aber Du erfreust , Du erquickst meine Seele durch ihn ; willst Du ? « Ermiß , ob ich wollte , ob ich ' s tat . Ich wußte es fast in dem Augenblick , daß ich falsch schwor , da ich ganz gewiß wußte , Klara werde mir entrissen - ach , Freund , die Erinnerung steigt mir in das Herz , in die Augen , ich drücke den Kopf in die Hand - ich kann nicht schreiben , ich will meine geschlossenen Augen in die Sofakissen pressen und Seele und Leib dem wirbelnden Gewitter der Erinnerung hingeben . Später . Es ist unterdes Abend geworden ; ich weiß nicht , habe ich geschlummert , geschwelgt , geweint oder Schmerzen gelitten - ich fühle mich so hoch gehoben , die Welt schwingt sich so tief unter mir ; es ist die Stimmung einen Thron auszuschlagen - die Phönixflamme ist uns genommen , aber die reinigende verjüngende Träne ist uns geblieben . Draußen ist ein Gewitter drohend und sprühend vorübergegangen , ich habe es donnern gehört , ich sehe wie frisch die Erde ihre tausend Augen aufgeschlossen , außen und innen steigt eine Welt frisch aus dem Bade - die Welt ist schön , denn sie wechselt , sie ist eine Geliebte , die sich zu verjüngen weiß . Ich wohne sehr angenehm . Das Schloß lehnt sich an einen Hügel , der zu einer Terrasse abgeplattet ist ; dahin führt meine offene Fenstertür . So hab ' ich nicht das lähmende Parterre , das umsonst mit den Schwingen nach Aussicht flattert und nicht die abgesonderte Höhe , die umsonst Bewegung und Ausdehnung sucht . Die Terrasse stuft sich zu einem spiegelglatten Weiher ab , über welchen Brücken in Park und Garten führen . Ich sitze an der offenen Tür und sehe durch die offenen Partien in die fernen blauen Berge und in die durchsichtige , in der Abendsonne mit Tränenstäubchen spielende Luft . Das Geräusch der Bewohner kommt selten hieher , sie schwärmen vorn unter den Zitronen- und Mandelbäumen , die in den breiten Vorhallen des Schlosses stehen . Ich habe mich unwohl melden lassen ; so denk ' ich , wird mich niemand stören , wenn ich Dir weiter erzähle von meines Lebens größtem Glück und Leid . - - Sie zog mich fort vom Sofa , weil sie befürchtete , ihr Bruder könne Geräusch hören , ging in ihr Schlafzimmer und setzte sich aufs Bett ; ich kniete vor ihr . Es war keine platte Sinnlichkeit , die Poesie beugte sich lauschend wie ein rosenrotes Kind zwischen uns , der Mond schien in Klaras Gesicht , sie sah wie eine Heilige aus , die zurückgekommen ist auf die Erde , um ihre törichte Verhöhnung der Natur lächelnd und küssend abzubüßen . Klara küßte einen heißen Kuß auf mein Auge , ihre runden weichen Arme schlossen sich wie elektrische Bande der Seligkeit um meinen Nacken , eine glühende Träne fiel auf mein Angesicht - » Valer , unaussprechlich geliebter Mann , willst Du mein sein für Zeit und Ewigkeit , mein und nur mein , daß nie ein Lichtstrahl zwischen unsere Herzen sich dränge , daß ich fern von Dir « - sie drückte ihr tränenheißes Gesicht in wollüstigem Schmerz in das meine - » fern von Dir , gewiß bin , sterben kann auf die Gewißheit , Du seist mein unberührtes Eigentum ? « Ach , ich war aufgelöst , die Seele des schönen Weibes schien wie Maisonne in die geheimsten Winkel meines Innern , alles was gut , was edel in mir ist , tat sich auf wie die kleinen Blümlein im Frühling , Schluchzen erstickte meine Stimme , der Drang nach Seligkeit , die Fülle von Seligkeit , das ganze innere beste Leben solch eines Weibes zu besitzen , wollte mir Brust und Hals zersprengen - der flammendste Liebesschwur , unbändig wie das Kreisen der neuen Welten in meiner Seele , unbändig , daß selbst Klara davor zusammenschrak , rang sich los aus meiner Brust - ich halte nichts von Schwüren , aber ich glaube , wir würden beide innerlich zusammenbrechen , wenn wir einander gegenüberständen mit treulosen Armen . Ich meinte , wir töteten , wir erwürgten uns damals in glückseliger Gewißheit gegenseitiger riesengroßer Liebe ; es war ein Umarmen , ein Küssen und Lachen , als ob die Engel trunken um die Herrlichkeit der Sonne herumsprängen , und es war die Nacht unserer Liebe . Jene Nacht ist der schönste Gedanke meines Lebens , aber sie ward auch die schönste Fessel meiner äußeren Freiheit - ich weiß es , Klara verginge wie das grüne Blatt des spanischen Feigenbaumes , über welches der giftige Solano hinstreicht , wenn aus Licht des Tages und vor ihr erschrockenes Auge die Nachricht träte , » Valer liebt eine andere . « - Nicht der Schwur , Freund , bindet mich , aber das Schwören . O hättest Du sie gesehen , als sie mich von sich trieb ! Einen dunkelgrünen Überrock von leichter Seide hatte sie übergeworfen , nur das Gesicht war verklärt wie Seligkeitstraum , das Haar schlang sich lüstern in den offenen Busen , das weiße Unterkleid lachte schelmisch triumphierend ob seines Mitwissens ; so beugte sie sich über mich , der ich selig träumend auf dem Lager ruhte , und mit offenen weiten Augen in den dämmernden Morgenhimmel sah . » Valer , mein , mein , mein , o und nur mein Valer , geh - geh mein Tag , eh ' der Menschen Tag kommt und uns verrät . « Noch heute fühle ich die keusche Träne , die da auf meine Wange fiel , weil sie ein Tropfen aus heißem Herzen kam , ein Tautropfen ihrer Seele , den die Liebe entzündet hatte ! O wenn mein Mund jenen Scheidekuß vergessen könnte ! So küßt die Sonne die Erde , wenn sie sich im Abendrot scheiden und der rote Liebesschein den Abschied einhüllt in Purpurwolken ; es wird still auf der Erde , und der letzte Sonnenhauch bringt in leisen Abendlüften die stille Versicherung , daß neuer Tag und neue Liebe anbrechen werde . Könnt ' ich jenen Abschied vergessen , es läge endlose Nacht vor mir , ich hätte keinen Morgen zu erwarten . Sie strich mir mit weichen Händen das Haar von Stirn und Schläfen und drückte sich wie eine aufgeschlossene Blume in mein Gesicht . Ich weinte Freudentränen und hob sie hoch in die Höhe . » Und der Franzose hat recht « - sagte sie und legte das Haupt auf meine Schultern und sah herauf in meine Augen - » nicht wenn er zärtlich kommt , nein , wenn er zärtlich geht , ist der Geliebte edel . « - » Aber der Morgen kommt - Ade , - Ade . « - Ich kehrte auf dem alten Wege zurück , und ging hinein ins erwachende Land und sang mit den Lerchen die Schönheit der Welt . Das Gedächtnis und die Erinnerung , so oft die Gefängniswärter unserer Leiden , sind rosenrote Bänder , die um Schläfe und Augen flattern , wenn wir Freuden gesehen . - - In der Nacht . - Ich ward auf eine wunderliche Weise gestört ; die Wogen der Vergangenheit bedeckten mein Gesicht und Auge , ich sah über die Terrasse hinaus in die Wolken hinein und war weitsichtig ; denn ich bemerkte es nicht , daß die beiden jungen Damen von hier , Alberta und Kamilla , schon lang an meiner Glastür standen und mich lächelnd ansahen . Einen Augenblick war ich in Verlegenheit , als sie mich scherzend aufschreckten , weil ich nicht wußte , ob ich meine Wolkenschrift laut gelesen hätte oder nicht . Und doch tat es mir unendlich wohl , Weiber um mich zu haben - das Weib empfindet Liebesleid um soviel besser als der Mann , wie der Mann die Kriegsgeschichten besser liest als das Weib . Die Liebe ist der Frauen Brotwissenschaft , und sie haben den Vorteil vor den Studenten voraus , daß sie selbige immer mit Leidenschaft treiben . Liebe und Liebestrost ist das Amt der Frauen , in ihrer Nähe fühlt sich der unglücklichste Liebhaber in weicherer Luft . Der Begriff von Untreue existiert zudem bei mir nicht . Das ist der tragische Widerspruch mit meinem Versprechen an Klara , welcher den letzten Akt meiner Tragödie im Schoße trägt . Ich bin der Liebe treu , nicht aber der Geliebten . Weil ich eben die Liebe liebte , so liebte ich die schöne Alberta , die muntere , geistreiche Kamilla . Meine Wehmut schüttelte den düsteren Morgennebel von den Schwingen , flatterte wie ein erwachtes Vöglein mit den Mädchen hinaus in den Garten und Abend . Sie waren freundlicher , inniger denn je gegen mich , weil sie meinten , ich sei es ; der warme Gewitterregen müßte mein Herz befruchtet haben , das sonst ohne Grün und Blätter nur kühle Worte zu sprechen pflege . Leopold hüpfte herum wie ein kleiner Flamingo , der seine Farbenpracht in wehenden Flügeln schillern läßt . Wenn mein Gefühl Feiertag hält , reich ' ich ihm gern dieses kleine duftende Riechfläschchen , und wenn der Herbst einen sonnigen warmen Tag bringt , da werden die Menschen alle wärmer und poetischer als im stets heißen Juni , denn die Überraschung befängt sie in goldenen Netzen , und die Überraschung ertappt das Beste im Menschen . Wir ließen uns alle auf Empfindungswogen schaukeln , und die übrigen meinten , ich sei schuld daran , weil ich endlich einmal meinen Rock aufgeknöpft hätte . Kamilla , mit der ich sonst nur in blitzenden Gefechten spiele , war weniger widersprechend , mehr ergeben , liebenswürdig , Alberta , ein südlicher Liebesgedanke , zitterte wie ein arabisch Lied in weicher Nachtluft , William war still und sanft . Wir setzten uns in eine Laube und sprachen von Sternen und Gott und Liebe . Der Graf ritt unweit von uns am Gartenzaune vorüber , er kam aus der Stadt ; William ging , ihn zu begrüßen , Leopold ward bald darauf vom Reitknecht abberufen , der ihm Briefe mitgebracht . Ich war allein mit den in Empfindung schauernden Mädchen , das Herz drängte sich in meinen Kopf , ich sprach - das nächstemal , Freund , ich sprach zuviel für unbefangene Mädchen . 8. Konstantin an Valerius . Berlin , den 6. Juni . Symb . Der nur ist ein großer Mann , Der vom Himmel nichts erbittet , Außer was man essen kann . Der inliegende Wisch - man hört aus allem nur das bittere Nein - ist von einem Vater an seinen Sohn , worin er ihm verkündet , daß er die väterliche Hand abziehe von dem Heidensohne . Ich lege Dir ihn bei , weil Du ihn vielleicht für eine bürgerliche Tragödie oder einen zivilisierten Roman brauchen kannst . Mein Vater schreibt einen lehrreichen , deutlichen Stil ; das Aktenstück kann klassisch werden . » Bardolph eine andere Farbe , aber halte sie nicht zu hoch an Deine glühende Nase . « » Nyms . Das ist eben der Humor davon . « Ich habe hier einige sehr gescheite Leute kennen gelernt und manche andere . Die Mäßigkeit ist eine schöne , aber seltene Tugend . - In meines Vaters Briefe ohne Datum befinden sich einige Grobheiten , die mit dieser Erwähnung abgefertigt sein sollen . Meine Schwester , das gute Ding , schickt mir unter der Hand einiges Papiergeld - wenn ich nur gutes Wasser habe , so lasse ich alles Bier stehen und trinke Wein . Ich werde ein Dutzend fade Lustspiele schreiben - wofür bin ich fade und lustig ? und darüber setzen » aus dem Französischen des X.Y.Z. « - Nur eine ausländische Firma hat Kredit und wird auch den Vater vergessen lehren . Töpfer macht es freilich umgekehrt , er übersetzt ein Lustspiel von Planché aus dem Englischen und schreibt ausdrücklich » Originallustspiel von Töpfer . « Es freut mich immer , wenn ich irgend einem Menschen begegne : Du schriebst mir neulich » man weiß noch zu wenig « , und dieses Bewußtsein des Nichtwissens erfüllt mich jetzt ganz und gar . Hast Du Börnes Schriften noch nicht gelesen , so rate ich Dir , sie schleunigst vorzunehmen : das ist ein kapitaler Kerl . Gestern hab ' ich drei Festspiele geschrieben , weil ich heute essen wollte . Morgen werde ich eine Novelle schreiben in biblischem Stile : » Wie der ungeratene Sohn nach Berlin reist und sich betrügen läßt . « Weil ich jetzt edieren will , lobe ich des alten Claudius Alphabet : V. Vor Kritikastern hüte Dich , W. Wer Pech angreift , besudelt sich . W. Wer Pech angreift , besudelt sich , V. Vor Kritikastern hüte Dich . Vor allen Dingen aber empfehle ich Dir dringend : halte Deine Pflegebefohlenen fern von aller produzierenden Poesie ! Du weißt selbst , daß sie zwar schöne Stunden schafft , weißt aber auch , daß Poeten ( nach wiederholten Bescheiden des Kammergerichts ) immer noch mit Seiltänzern , liederlichen Dirnen und sonstigem Gesindel von der » feinen Welt « auf eine Stufe gestellt werden . Ferner erzeugt die Poesie Mangel an Selbstdenken , raubt die höheren Gesichtspunkte usw. - welches alles zur instruktionsmäßigen Verwaltung vieler Ämter so unumgänglich notwendig ist , kurz , sie macht uns zu rohen , unbrauchbaren Menschen . Wir sind nun einmal von diesem Gifte angesteckt und werden es wohl nie wieder ganz los werden . Das müssen wir ertragen ; aber verhindern wollen wir doch , daß unsere heranwachsende Jugend mehr davon erschnappe , als zur Führung eines geistreichen Gesprächs in einer Teegesellschaft nötig ist . Dixi . - Wir wollen doch die Rezensionen abwarten , die sich im Jahre 18- oder 19- in irgend einem Literaturblatte verbreiten werden über » pp. sämtliche Werke , zum ersten Male gesammelt und zum Besten der Familie des zu früh Verblichenen von ppp . « - Ich verbleiche schon sehr . Was Rosa macht ? O , sie ist sehr munter , ich sah sie gestern in der Oper . Die Heinefetter sang vortrefflich , und Rosa schien sehr erfreut davon , wenigstens gebärdete sie sich sehr heiter und lustig mit ihren Nachbarn - ich kann ' s nicht verbürgen , denn ich war weit davon im Parterre , und Röschen blühte in einer Loge , und mein Glas war nicht recht durchsichtig . Übrigens lebe wohl , mein lieber Junge ! Über der ganzen Welt scheint ein unendlicher Katzenjammer zu hangen , und selbst der Mutigste erfreut sich höchstens dessen , was Tieck in bezug auf Kleist » eine herbe Frische « nennt . Die Welt ist krank , und die Zeit der Schäferspiele , Idyllen und des kindlichen Frohsinnes ist aus der Poesie und dem Leben entschwunden . Könige und Deys werden ab- und aufgesetzt wie ein Hut , und ich studiere Kriminalrecht , gegenwärtig fleischliche Verbrechen . - Schade , daß es keine Klöster mehr gibt in unserer nüchternen Protestanterei ; ich möchte auf einige Zeit Mönch oder Nonne werden . Ade ! - 9. Kamilla an Julia . Grünschloß , im Juni . Ich bin so glücklich , meine Liebe , Süße , Beste , daß ich Ihnen mitteilen muß von unserem Überflusse . Worin unser Glück besteht ? - Ja , das kann ich Ihnen nicht auseinandersetzen , das Auseinandersetzen ist überhaupt meine Sache nicht . Die Welt ist schön , der Frühling grün , die Menschen sind gut . An den Menschen , ja , daran mag ' s wohl größtenteils liegen , wir haben meist neue um uns , lauter neue Weltteile mit neuen Pflanzen und Bäumen , und das unterhält . Wunderliche Leute sind ' s , aber lieb , gut meist , scharmant alle . Alberta hat Ihnen schon davon geschrieben , ich darf wohl nur ergänzen . Es behagt auch meiner Hastigkeit nicht , breit und tief zu schreiben . Kurz und spitz , das ist mir lieber . Eins ist dabei wunderlich - der Graf . Wie der zu dem Gedanken kommt , uns mit so junger , größtenteils bürgerlicher Gesellschaft zu umgeben , das weiß ich nicht . Ich glaube , er experimentiert . Die Leute sind artig , und was dem einen oder dem andern an gutem Ton , feinen Manieren abgeht , das ersetzt vielleicht für die Privatgesellschaft ein gewisser Adel des Geistes und Gemüts . Viel gelernt haben alle , zu reden wissen sie alle wie die Bücher , Poeten sind sie auch alle , und meine schnurrige Gouvernante pflegte zu sagen , die Poeten wären alle von Adel . Unsere Gespräche sind jetzt auch ganz anderer Art als früher , manchmal sind sie mir sogar zu hochtrabend : über Völker , Länder , Sitten , Religion , Staat , Stände , Poesie , Geschichte und was dergleichen hochbeinige Dinge mehr sind . Gar nichts mehr über unsere Nachbarschaft , kein Räsonieren , Mokieren mehr , und wenn mich manchmal der Schalk treibt , ein wenig über diese oder jene zu lästern , so sieht mich Herr Valerius mit seinem wunderlich vornehmen Lächeln an , spricht » immer frisch - ' s ist noch zu wenig « u. dergl. , daß ich still werde und mich schäme . Das ist überhaupt der sonderbarste von allen , Herr Valerius , er kommt mir wie der gelehrte Napoleon vor , er herrscht über uns alle . Wenn ich Ihnen aber sagen soll , wie er das anfängt , so bin ich wieder in Verlegenheit . Ich weiß es nicht . Er ist einfach in Manier und Rede ; er befiehlt nicht etwa , Gott bewahre , er spricht oft nur ein paar Worte , aber darin ruhen Napoleons Kanonen ; er sieht dabei mit seinen klaren bis ins Mark dringenden Blicken hinein : darin , ja , ja , ich glaube , darin ruht die Herrschermacht , und man streckt die Waffen . Er scheint unglücklich zu sein , es dämmert solch eine melancholische Nacht um das große graue Auge , und wenn er etwas Wehmütiges spricht , so ist es unbeschreiblich rührend . Er ist gar nicht hübsch , und als er das erstemal in unsern Gesellschaftssaal trat mit seinen kurzen leichten Schritten , seinen kurzen Begrüßungsworten , seinen sparsamen Verbeugungen , die man kaum angedeutete nennen möchte , hatte er etwas Schreckhaftes für mich und Alberta . Erst allmählich wurden wir frei in seiner Gegenwart ; aber dann war es auch , als sei es etwas besonders Edles , womit wir uns beschäftigten , als wir das von ihm eingeleitete Gespräch fortführen halfen . Und wenn er spricht , so fühlt man sich in einer so wohligen , sicheren Befriedigung , er hat ein sehr angenehmes , fest männliches Baritonorgan . Übrigens schweigt er sehr viel , aber es ist , als ob er im Zuhören redete . Er ist von mittler Größe , fest und sicher gewachsen und ebenso fest und sicher in seinen Bewegungen , ich möchte sagen ernst , aber doch keineswegs schwerfällig oder gar plump . An seinem Gesichte ist gar nichts Besonderes , es ist blaß , fast krank , doch hat der Mund etwas äußerst Wohlwollendes , wenn er in seiner sanften Stimmung ist , etwas tief Verächtliches , wenn er zürnt . Sein Anzug ist immer ganz schwarz und modern ; er trägt meist einen schwarzen leichten Rock , der ihn sehr gut kleidet ; im Frack gefällt er mir nicht , man sieht ihn auch selten darin . Seine Wäsche ist immer blendend weiß , und das find ' ich allerliebst am Manne . Ich glaube , er hat Theologie studiert , aber die Wissenschaft gefällt ihm nicht mehr . Er soll arm sein , das würde mir sehr leid tun . An ihm selbst bemerkt man aber nicht das mindeste der Art. Ich glaub ' s auch nicht , denn er ist in allen den freien Künsten , welche die höheren Stände auszeichnen , sehr wohl erfahren : er reitet , ficht , tanzt gut , ist musikalisch , spricht die fremden neuen Sprachen , und das Geld erscheint in seinen Reden nie . Er ist mir überhaupt zu vornehm für einen Armen . Mit dem Grafen spricht er am sichersten , wenn auch nicht soviel wie Herr William . Äußerst selten ist er gleicher Meinung mit jenem , aber er streitet , obwohl streng , doch nie zänkisch , leidenschaftlich ungezogen wie soviele . Aber mein Gott , ich schreibe Ihnen ja nur über den Mann , und doch wollt ' ich Ihnen über uns alle referieren . Doch jetzt habe ich das Federfechten satt , wir wollen Federball spielen