erregter Stimme flüsterte : » Da ist er . « In der Tat sahen sie Caspar , der gleich einem zu Tod Erkrankten am Arme Hills aus dem Tor des Krokodilwirtshauses wankte . Der Präsident und Herr von Tucher blieben ebenfalls stehen , und sie bemerkten jetzt , daß der Jüngling plötzlich innehielt , zurückschauderte und , ein maßloses Staunen in den vor Angst weit aufgerissenen Augen , zu Boden starrte . Die drei Männer näherten sich eilig , um zu erfahren , was es sei . Sie sahen nichts weiter als die Mondschatten des Jünglings und seines Begleiters auf dem Pflaster . Caspar wagte nicht mehr sich zu regen , weil er jede Bewegung seines Körpers nachgeahmt sah von dem unbegreiflichen Ding . Seine Lippen waren wie zum Schrei geöffnet , seine Wangen schneeweiß und die Knie schlotterten ihm . War es doch , als ob alles Grauenhafte und Geheimnisvolle einer Welt , in die ein Ungefähr ihn geschleudert , sich zu dem seltsam zuckenden Gebild am Boden verdichtet habe . Daumer , Herr von Tucher und der Wärter bemühten sich um ihn , der Präsident stand wortlos daneben . Als er emporblickte , bemerkte Daumer , der ihn heimlich und gespannt beobachtete , in seinem strengen Gesicht eine unverstellte Erschütterung . Es fehlte nicht viel , so wäre Hill , den der Zorn des Präsidenten am ersten traf , noch am selben Abend aus seinem Amt gejagt worden ; nur die mutige Fürsprache des Herrn von Tucher rettete ihn und lenkte das Gewitter auf schuldigere Personen ab , denn die Vernachlässigung , die der Gefangene erlitten , war allzu offenbar . Seiner ungestümen Art gemäß suchte der Präsident sogleich den Bürgermeister Binder auf , dem er die heftigsten Vorwürfe machte . Herr Binder konnte nicht umhin , dem Präsidenten kleinmütig beizupflichten ; die Entschiedenheit , mit der er den Gegenstand behandelt sah , übte tiefen Eindruck auf ihn , und er mußte einen kaum wiedergutzumachenden Fehler vor sich selber eingestehen . Von seiner Seite war nur Lauheit im Spiel gewesen , die Scherereien mit der Regierung hatten ihn verdrossen , jetzt auf einmal , da der mächtige Mann seine Stimme für den Findling erhob , wurde er sich seiner Bereitwilligkeit bewußt , alles Fördernswerte für Caspar Hauser zu tun , und er erklärte sich ohne weiteres einverstanden , als Herr von Feuerbach verlangte , der Knabe müsse seiner bisherigen Lage entrissen werden . » Er soll in eine geordnete Pflege kommen « , sagte der Präsident , » Professor Daumer hat sich freiwillig erboten , ihn zu sich ins Haus zu nehmen , und ich wünsche nicht , daß dieser Schritt im geringsten verzögert werde . « Binder verbeugte sich . » Ich werde morgen mit dem frühesten die nötigen Anstalten treffen « , antwortete er . » Nicht , bevor ich selbst mit dem Knaben gesprochen « , versetzte der Präsident hastig ; » ich werde um zehn Uhr auf dem Turm sein und bitte , daß man mich eine Stunde lang mit dem Gefangenen allein lasse . « Auch Daumer war ziemlich erregt heimgekommen . Kaum daß er , nach tagelanger Abwesenheit , Mutter und Schwester ordentlich begrüßte . » Die Herrschaften müssen artig gewütet haben « , grollte er , indem er unaufhörlich durch das Zimmer wanderte , » der Knabe ist ja ganz verstört . Das heiß ich menschlich sein , das heiß ich Einsicht haben ! Barbaren sind sie , Schlächter sind sie ! Und unter solchem Volk zu leben bin ich gezwungen ! « » Warum sagst du es ihnen nicht selbst ? « bemerkte Anna Daumer trocken . » Hinter deinen vier Wänden zu schimpfen fruchtet wenig . « » Sag mal , Friedrich « , wandte sich nun die alte Dame an ihren Sohn , » bist du denn wirklich fest davon überzeugt , daß du dein Herz nicht wieder einmal an einen Götzen wegwirfst ? « » Aus deiner Frage erkennt man , daß du ihn noch , immer nicht gesehen hast « , antwortete Daumer fast mitleidig . » Das wohl ; es war mir ein zu groß Gerenne . « » Also . Wenn man von ihm spricht , kann man nicht übertreiben , weil die Sprache zu ärmlich ist , um sein Wesen auszudrücken . Es ist wie eine uralte Legende , dies Emportauchen eines märchenhaften Geschöpfs aus dem dunkeln Nirgendwo ; die reine Stimme , der Natur tönt uns plötzlich entgegen , ein Mythos wird zum Ereignis . Seine Seele gleicht einem kostbaren Edelstein , den noch keine habgierige Hand betastet hat ; ich aber will danach greifen , mich rechtfertigt ein erhabener Zweck . Oder bin ich nicht würdig ? Glaubt ihr , daß ich nicht würdig bin dazu ? « » Du schwärmst « , sagte Anna nach einem langen Stillschweigen fast unwillig . Daumer zuckte lächelnd die Achseln . Dann trat er an den Tisch und sagte in einem Ton , dessen Sanftheit gleichwohl einen gefürchteten Widerstand im voraus zu bekämpfen schien : » Caspar wird morgen in unser Haus ziehen ; ich habe Exzellenz Feuerbach darum angegangen , und er hat meiner Bitte willfahrt . Ich hoffe , daß du nichts dawider einzuwenden hast , Mutter , und daß du mir glaubst , wenn ich versichere , es ist eine Sache von großer Bedeutung für mich . Ich bin höchst wichtigen Entdeckungen auf der Spur . « Mutter und Tochter sahen erschrocken einander an und schwiegen . Am nächsten Morgen um zehn fanden sich Daumer , der Bürgermeister , der Stadtkommissär , der Gerichtsarzt und einige andre Personen im Burghof vor dem Gefängnisturm ein und warteten dritthalb Stunden auf den Präsidenten , der bei dem Findling oben war . Daumer , der Gespräche mit andern vermeiden wollte , stand fast ununterbrochen an der Umfassungsmauer und blickte auf das malerische Gassen- und Dächergewirr der Stadt hinunter . Als der Präsident endlich unter den Wartenden erschien , drängten sich alle mit Eifer heran , um die Meinung des berühmten und gefürchteten Mannes zu hören . Doch das Gesicht Feuerbachs zeigte einen so düsteren Ernst , daß niemand ihn mit einer Anrede zu belästigen wagte ; sein machtvolles Auge blickte brennend nach innen , die Lippen waren gleichsam aufeinander geballt , auf der Stirn lag eine von Nachdenken zitternde senkrechte Falte . Das Schweigen wurde vom Bürgermeister mit der Frage unterbrochen , ob Exzellenz nicht geruhen wolle , das Mittagessen in seinem Haus zu nehmen . Feuerbach dankte ; dringende Geschäfte nötigten ihn zu sofortiger Rückkehr nach Ansbach , entgegnete er . Darauf wandte er sich an Daumer , reichte ihm die Hand und sagte : » Sorgen Sie sogleich für die Übersiedlung des Hauser ; der arme Mensch braucht dringend Ruhe und Pflege . Sie werden bald von mir hören . Gott befohlen , meine Herren ! « Damit entfernte er sich in raschen , kleinen , stampfenden Schritten , eilte den Hügel hinab und verschwand alsbald gegen die Sebalderkirche . Die Zurückbleibenden machten etwas enttäuschte Mienen . Da sie alle überzeugt waren , daß der Scharfsinn dieses Mannes ohne Grenzen sei und daß kein andres als sein Auge das Dunkel durchdringen könne , welches über Untat und Verbrechen brütete , waren sie verstimmt über eine Schweigsamkeit , die ihnen beabsichtigt und planvoll erschien . Am Abend befand sich Caspar in der Wohnung Daumers . Der Spiegel spricht Das Daumersche Haus lag neben dem sogenannten Annengärtlein auf der Insel Schütt ; es war ein altes Gebäude mit vielen Winkeln und halbfinstern Kammern , doch erhielt Caspar ein ziemlich geräumiges und wohleingerichtetes Zimmer gegen den Fluß hinaus . Er mußte sogleich zu Bett gebracht werden . Es zeigten sich jetzt mit einem Schlag die Folgen der jüngst durchlebten Zeit . Er war wieder ohne Sprache , ja bisweilen ohne Gefühl des Lebens . Auf den ungewohnten Kissen warf er sich fiebernd herum . Wie jammervoll , ihn bei jedem Knacken der Dielen erschaudern zu sehen ; auch das Geräusch des Regens an den Fenstern versetzte ihn in aufgewühlte Bangnis . Er hörte die Schritte , die auf dem weiten Platz vor dem Haus verhallten , er vernahm mit Unruhe die metallenen Schläge aus einer fernen Schmiede , jeder Stimmenlärm brachte auf seiner eingeschrumpften Haut ein Zeichen des Schmerzes hervor ; und von Moment zu Momentvertauschten seine Züge den Ausdruck der Erschöpfung mit dem gepeinigter Wachsamkeit . Drei Tage lang wich Daumer kaum von seinem Bett . Diese Opferkraft und Hingebung erregte die Bewunderung der Seinen . » Er muß mir leben « , sagte er . Und Caspar fing an zu leben . Vom dritten Tag ab besserte sich sein Zustand stetig und schnell . Als er am Morgen erwachte , lag ein besinnendes Lächeln auf seinen Lippen . Daumer triumphierte . » Du tust ja , als ob du selbst dem Kerker entronnen wärst « , meinte seine Schwester , die nicht umhin konnte , an seiner Freude teilzunehmen . » Ja , und ich habe eine Welt zum Geschenk erhalten « , antwortete er lebhaft ; » sieh ihn nur an ! Es ist ein Menschenfrühling . « Am andern Tag durfte Caspar das Bett verlassen . Daumer führte ihn in den Garten . Damit das grelle Tageslicht seinen Augen nicht schade , band er ihm einen grünen Papierschirm um die Stirn . Späterhin wurden die Dämmerungszeit oder die Stunden bewölkten Himmels für diese Ausgänge vorgezogen . Es waren ja Reisen , und nichts geschah , was nicht zum Ereignis wurde . Welche Mühe , ihn sehen , ihn das Gesehene nennen zu lehren . Er mußte erst zu den Dingen Vertrauen gewinnen , und ehe nicht ihre Wirklichkeit ihm selbstverständlich ward , machte ihn ihre unvermutete Nähe bestürzt . Als er endlich die Höhe des Himmels und auf der Erde die Entfernung von Weg zu Weg begriff , wurde sein Gang ein wenig leichter und sein Schritt mutiger . Alles lag am Mut , alles lag daran , den Mut zu kräftigen . Das ist die Luft , Caspar ; du kannst sie nicht greifen , aber sie ist da ; wenn sie sich bewegt , wird sie zum Wind , du brauchst den Wind nicht zu fürchten . Was hinter der Nacht liegt , ist gestern ; was über der nächsten Nacht liegt , ist morgen . Von gestern bis morgen vergeht Zeit , vergehen Stunden , Stunden sind geteilte Zeit . Dies ist ein Baum , dies ist ein Strauch , hier Gras , hier Steine , dort Sand , da sind Blätter , da Blüten , da Früchte ... Aus dem dumpfen Hören heraus erwuchs das Wort . Die Form wurde einleuchtend durch das unvergeßliche Wort . Caspar schmeckt das Wort auf der Zunge , er spürt es bitter oder süß , es sättigt ihn oder läßt ihn unzufrieden . Auch hatten viele Worte Gesichter ; oder sie tönten wie Glockenschläge aus der Dunkelheit ; oder sie standen wie Flammen in einem Nebel . Es war ein langer Weg vom Ding bis zum Wort . Das Wort lief davon , man mußte nachlaufen , und hatte man es endlich erwischt , so war es eigentlich gar nichts und machte einen traurig . Gleichwohl führte derselbe Weg auch zu den Menschen ; ja , es war , als ob die Menschen hinter einem Gitter von Worten stünden , das ihre Züge fremd und schrecklich machte ; wenn man aber das Gitter zerriß oder dahinter kam , waren sie schön . Hatte es am Morgen neu geklungen , zu sagen : die Blume , am Mittag war es schon vertraut , am Abend war es schon alt . » Dies Herz , dies Hirn , zur Fruchtbarkeit aufbewahrt durch lange Zeiten , treibt wie vertrockneter und endlich befeuchteter Humus Sprößlinge , Blüten und Früchte in einer Nacht « , notierte der fleißige Daumer ; » was dem matten Blick der Gewohnheit unwahrnehmbar geworden , erscheint diesem Auge frisch wie aus Gottes Hand . Und wo die Welt verschlossen ist und ihre Geheimnisse beginnen , da steht er noch seltsam drängend und fragt sein zuversichtliches Warum . Nach jedem Schall und jedem Schein tappt dies zweifelnde , erstaunte , hungrige , ehrfurchtslose Warum . « Es ist nicht zu leugnen , Daumer war oft erschreckt durch das Gefühl eignen Ungenügens . Heißt das noch lehren ? grübelte er , heißt das noch Gärtner sein , wenn das wilde Wachstum sich dem Pfleger entwindet , das maßlos wuchernde Getriebe keine Grenze achtet ? Wie soll das enden ? Zweifellos bin ich hier einem ungewöhnlichen Phänomen auf der Spur , und meine teuern Zeitgenossen werden sich herbeilassen müssen , ein wenig an Wunder zu glauben . Noch immer war es die liebste Vorstellung Caspars , einst heimkehren zu dürfen ; » erst lernen , dann heim « , sagte er mit dem Ausdruck unbesiegbarer Entschiedenheit . » Aber du bist ja zu Hause , hier bei uns bist du zu Hause « , wandte Daumer ein . Aber Caspar schüttelte den Kopf . Bisweilen stand er am Zaun und sah in den Nachbargarten hinüber , wo Kinder spielten , deren Wesen er mit komischem Befremden studierte . » So kleine Menschen « , sagte er zu Daumer , der ihn einmal dabei überraschte , » so kleine Menschen . « Seine Stimme klang traurig und höchst verwundert . Daumer unterdrückte ein Lächeln , und während sie zusammen ins Haus gingen , suchte er ihm klarzumachen , daß jeder Mensch einmal so klein gewesen , auch Caspar selbst . Caspar wollte das durchaus nicht zugeben . » O nein , o nein « , rief er aus , » Caspar nicht , Caspar immer so gewesen wie jetzt , Caspar nie so kurze Arme und Beine gehabt , o nein ! « Dennoch sei dem so , versicherte Daumer ; nicht allein , daß er klein gewesen , sondern er wachse ja noch täglich , verändere sich täglich , sei heute ein ganz andrer als der Hauser auf dem Turm , und nach vielen Jahren werde er alt werden , seine Haare würden weiß sein , die Haut voller Runzeln . Da wurde Caspar blaß vor Furcht ; er fing an zu schluchzen und stotterte , das sei nicht möglich , er wolle es nicht , Daumer möge machen , daß es nicht geschehe . Daumer flüsterte seiner Schwester etwas zu , diese ging in den Garten und brachte nach kurzer Weile eine Rosenknospe , eine aufgeblühte und eine verwelkte Rose mit herauf . Caspar streckte die Hand nach der vollblühenden aus , wandte sich aber gleich mit Ekel ab , denn so sehr er die rote Farbe vor allen andern liebte , der heftige Geruch der Blume war ihm unangenehm . Als ihm Daumer den Unterschied der Lebensalter an Knospe und Blüte erklären wollte , sagte Caspar : » Das hast du doch selbst gemacht , es ist ja tot , es hat keine Augen und keine Beine . « » Ich habe es nicht gemacht « , entgegnete Daumer , » es ist lebendig , es ist gewachsen : alles Lebendige ist gewachsen . « » Alles Lebendige gewachsen « , wiederholte Caspar fast atemlos , indem er nach jedem Wort pausierte . Hier drohte Verwirrung . Auch die Bäume im Garten seien lebendig , sagte man ihm , und er getraute sich nicht , den Bäumen zu nahen , das Rauschen ihrer Kronen machte ihn bestürzt . Er fuhr fort zu zweifeln und fragte , wer die vielen Blätter ausgeschnitten habe und warum ? Warum so viele ? Auch sie seien gewachsen , wurde geantwortet . Aber mitten auf dem Rasen stand eine alte Sandsteinstatue , die sollte tot sein , trotzdem sie aussah wie ein Mensch . Caspar konnte stundenlang die Blicke nicht davon wenden , Verwunderung machte ihn stumm . » Warum hat es denn ein Gesicht ? « fragte er endlich , » warum ist es so weiß und so schmutzig ? Warum steht es immer und wird nicht müde ? « Als seine Furcht besiegt war , ging er heran und wagte die Figur zu betasten , denn ohne zu tasten , glaubte er nicht dem , was er sah . Er hatte den heftigen Wunsch , das Ding auseinandernehmen zu dürfen , um zu wissen , was innen war . Wie viel war überall innen , wie viel steckte überall dahinter ! Es fiel ein Apfel vom Zweig und rollte ein Stück des abschüssigen Weges entlang . Daumer hob ihn auf , und Caspar fragte , ob der Apfel müde sei , weil er so schnell gelaufen . Mit Grauen wandte er sich ab , als Daumer ein Messer nahm und die Frucht entzweischnitt . Da ward ein Wurm sichtbar und krümmte seinen dünnen Leib gegen das Licht . » Er war bis jetzt im Finstern gefangen wie du im Kerker « , sagte Daumer . Das Wort machte Caspar nachdenklich ; es machte ihn nachdenklich und mißtrauisch . Wie vieles war da im Kerker , wovon er nicht wußte ! Alles Innen war ein Kerker . Und in wunderlicher Verworrenheit knüpfte sich an diesen Gedanken die Erinnerung an den Schlag , den er damals erhalten , nachdem ihn der Du gelehrt , wie man das Pferdchen frei bewegen könne . In allen fremden Dingen lauerte der Schlag , in allen unbekannten wohnte Gefahr . Eine gewisse strahlende Heiterkeit , die allmählich Caspars Wesen entströmte und die das Entzücken seiner Umgebung bildete , war daher stets an jene erwartungsvolle , ahnungsvolle Bangigkeit gebunden . Nach regnerischen Stunden mit Daumer aus dem Tor tretend , gewahrte Caspar einen Regenbogen am Himmel , Er war starr vor Freude . Wer das gemacht habe , stammelte er endlich . Die Sonne . Wie , die Sonne ? Die Sonne sei doch kein Mensch . Die natürlichen Erklärungen ließen Daumer im Stich , er mußte sich auf Gott berufen . » Gott ist der Schöpfer der belebten und unbelebten Natur « , sagte er . Caspar schwieg . Der Name Gottes klang ihm seltsam düster . Das Bild , das er dazu suchte , glich dem Du , sah aus wie der Du , als die Decke des Gefängnisses auf seinen Schultern ruhte , war unheimlich verborgen wie der Du , als er den Schlag geführt , weil Caspar zu laut gesprochen . Wie geheimnisvoll war alles , was zwischen Morgen und Abend geschah ! Das Regen und Raunen der Welt , das Fließen des Wassers im Fluß , das Ziehen luftig-dunkler Gegenstände hoch in der Luft , die man Wolken nannte , das Vorübergehen und Nichtwiederkommen undeutbarer Ereignisse , und vor allem das Flüchten der Menschen , ihre schmerzlichen Gebärden , ihr lautes Reden , ihr sonderbares Gelächter . Wie viel war da zu erfahren und zu lernen ! Es schnürte Daumer das Herz zusammen , wenn er den Jüngling in tiefem Nachdenken sah . Caspar schien dann wie erfroren , er hockte zusammengekauert da , seine Hände waren geballt , und er hörte und spürte nicht mehr , was um ihn vorging . Ja , es war zu solchen Zeiten eine vollständige Dunkelheit um Caspar , und nur , wenn er lange genug versunken war , hüpfte aus der Tiefe etwas wie ein Feuerfunken , und in der Brust begann eine undeutlich murmelnde Stimme zu sprechen . Wenn der Funken wieder verlosch , tat sich die äußere Welt wieder kund , aber eine schwermütige Unzufriedenheit hatte sich Caspars bemächtigt . » Wir müssen einmal mit ihm hinaus aufs Land « , sagte Anna Daumer eines Tages , als der Bruder mit ihr darüber gesprochen . » Er braucht Zerstreuung . « » Er braucht Zerstreuung « , gab Daumer lächelnd zu , » er ist zu gesammelt , das ganze Weltall lastet noch auf seinem Gemüt . « » Da es sein erster Spaziergang sein wird , wäre es gut , die Sache möglichst still zu unternehmen , sonst sind wieder alle Neugierigen bei der Hand « , meinte die alte Frau Daumer . » Sie schwatzen ohnehin genug über ihn und über uns . « Daumer nickte . Er wünschte nur , daß Herr von Tucher mit von der Partie sei . Am ersten Feiertag im September fand der Ausflug statt . Es war schon fünf Uhr nachmittags , als sie vom Haus aufbrachen , und da sie auf Caspars langsame Gangart Rücksicht nehmen mußten , gelangten sie erst spät ins Freie . Die begegnenden Leute blieben stehen , um der Gesellschaft nachzuschauen , und oft hörte man die staunenden oder spöttischen Worte : » Das ist ja der Caspar Hauser ! Ei , der Findling ! Wie fein ers treibt , wie nobel ! « Denn Caspar trug ein neues blaues Fräcklein , ein modisches Gilet , seine Beine staken in weißseidenen Strümpfen , und die Schuhe hatten silberne Schnallen . Er ging zwischen den beiden Frauen und hatte sorgsam acht auf den Weg , der nicht mehr wie ehedem vor seinen Blicken auf- und abwärts schwankte . Die Männer schritten in gemessener Entfernung hinterdrein . Plötzlich erhob Daumer den rechten Arm nach vorn , und gleich darauf blieb Caspar stehen und sah sich fragend um . Erfreut in liebevollem Ton rief ihm Daumer zu , weiterzugehen . Nach ein paar hundert Schritten hob er wieder den Arm , und abermals blieb Caspar stehen und blickte sich um . » Was ist das ? Was bedeutet das ? « fragte Herr von Tucher erstaunt . » Darüber gibt es keine Erklärung « , antwortete Daumer voll stillen Triumphes . » Wenn Sie wollen , kann ich Ihnen noch viel Merkwürdigeres zeigen . « » Hexerei wird doch wohl kaum im Spiele sein « , meinte Herr von Tucher ein bißchen ironisch . » Hexerei ? Nein . Aber wie sagt Hamlet : Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde- « » Also sind Sie schon an den Grenzen der Schulweisheit angelangt ? « unterbrach Herr von Tucher noch immer mit Ironie . » Ich für meinen Teil schlage mich zu den Skeptikern . Wir werden ja sehen . « » Wir werden sehen « , wiederholte Daumer fröhlich . Nach oftmaligem kurzen Rasten ward am Rand einer Wiese haltgemacht , und alle ließen sich im Gras nieder . Caspar schlief sogleich ein ; Anna breitete ein Tuch über sein Gesicht und packte sodann einige mitgebrachte Eßwaren aus einem Körbchen . Schweigend begannen alle vier zu essen . Ein natürliches Schweigen war es nicht : der lieblich vergehende Tag , das sommerliche Blühen forderten eher zu heiteren Gesprächen auf , aber um den Schläfer lag ein eigner Bann , jeder spürte die Gegenwart des Jünglings jetzt stärker als vorher , und es hatte bei einigen gleichgültigen Redensarten sein Bewenden , die leiser klangen als selbst die Atemzüge des Schlummernden . Weit und breit war kein Mensch zu sehen , da man absichtlich einen selten begangenen Weg gewählt hatte . Die Sonne war am Sinken , als Caspar erwachte und , sich aufrichtend , die Freunde der Reihe nach dankbar und etwas beschämt anblickte . » Sieh nur hinüber , Caspar , sieh den roten Feuerball « , sagte Daumer ; » hast du die Sonne schon einmal so groß gesehen ? « Caspar schaute hin . Es war ein schöner Anblick : die purpurne Scheibe rollte herab , als zerschnitte sie die Erde am Rand des Himmels ; ein Meer von Scharlachglut strömte ihr nach , die Lüfte waren entzündet , blutiges Geäder bezeichnete einen Wald , und rosige Schatten bauschten langsam über die Ebene . Nur noch wenige Minuten , und schon zuckte die Dämmerung durch den sanften Karmin des Nebels , in den die Ferne getaucht war , einen Augenblick lang bebte das Gelände , und grünkristallene Strahlenbündel schossen über den Westen , der versunkenen Sonne nach . Ein geisterhaftes Lächeln glitt über die Züge der beiden Männer und der zwei Frauen , als sie Caspar mit einer Gebärde stummer Angst hinübergreifen sahen gegen den Horizont . Daumer näherte sich ihm und ergriff seine Hand , die eiskalt geworden war . Caspars Gesicht wandte sich erzitternd ihm zu , voller Fragen , voller Furcht , und endlich bewegten sich die Lippen , und er murmelte schüchtern : » Wo geht sie hin , die Sonne ? Geht sie ganz fort ? « Daumer vermochte nicht gleich zu antworten . So mag Adam vor seiner ersten Nacht im Paradies gezittert haben , dachte er , und es geschah nicht ohne Schauder , nicht ohne seltsame Ungewißheit , daß er den Jüngling tröstete , ihn der Wiederkunft der Sonne versicherte . » Ist dort Gott ? « fragte Caspar hauchend , » ist die Sonne Gott ? « Daumer deutete mit dem Arm weit ringsum und erwiderte : » Alles ist Gott . « Indessen mochte ein solches Diktum pantheistischer Philosophie für die Auffassungsgabe des Jünglings ein wenig zu verwickelt sein . Er schüttelte ungläubig den Kopf , dann sagte er mit dem Ausdruck dumpf-abgöttischer Verehrung : » Caspar liebt die Sonne . « Auf dem Heimweg war er ganz stumm ; auch , die übrigen , selbst die immer wohlgelaunte Anna , waren in einer wunderlich gedrückten Stimmung , als wären sie nie zuvor durch einen spätsommerlichen Abend gewandert , oder als fühlten sie den Auftritt voraus , der ihnen das Beisammensein dieser Stunden unvergeßlich machen sollte . Kurz vor dem Stadttor nämlich blieb Anna stehen und deutete mit einem Zuruf an alle in das herrlich gestirnte Firmament . Auch Caspar blickte hinauf , er erstaunte maßlos . Kleine , jähe , wirre Laute eines leidenschaftlichen Entzückens kamen aus seinem Mund . » Sterne , Sterne « , stammelte er , das gehörte Wort von Annas Lippen raubend . Er preßte die Hände gegen die Brust , und ein unbeschreiblich seliges Lächeln verschönte seine Züge . Er konnte sich nicht sattsehen ; immer wieder kehrte er zum Anschauen des Glanzes zurück , und aus seinen seufzerartig abgebrochenen Worten war vernehmbar , daß er die Sterngruppen und die ausgezeichnet hellen Sterne bemerkte . Er fragte mit einem Ton des Außersichseins , wer die vielen schönen Lichter da hinaufbringe , anzünde und wieder verlösche . Daumer antwortete ihm , daß sie beständig leuchteten , jedoch nicht immer gesehen würden ; da fragte er , wer sie zuerst hinaufgesetzt , daß sie immerfort brennten . Plötzlich fiel er in tiefe Grübelei . Er blieb eine Weile mit gesenktem Kopf stehen und sah und hörte nichts . Als er wieder zu sich kam , hatte sich seine Freude in Schwermut verwandelt , er ließ sich auf den Rasen nieder und brach in langes , nicht zu stillendes Weinen aus . Es war weit über neun Uhr , als sie endlich nach Haus gelangten . Während Caspar mit den Frauen hinaufging , nahm Herr von Tucher am Gartentor von Daumer Abschied . » Was mag in ihm vorgegangen sein ? « meinte er . Und da Daumer schwieg , fuhr er sinnend fort : » Vielleicht spürt er schon die Unwiederbringlichkeit der Jahre ; vielleicht zeigt ihm die Vergangenheit schon ihre wahre Gestalt . « » Ohne Zweifel war es ihm ein Schmerz , das beglänzte Gewölbe zu schauen « , antwortete Donner ; » nie zuvor hat er den Blick zum nächtlichen Himmel erheben können . Ihm zeigt die Natur kein freundliches Antlitz , und von ihrer sogenannten Güte hat er wenig erfahren . « Eine Zeitlang schwiegen sie , dann sagte Daumer : » Ich habe für morgen nachmittag einige Freunde und Bekannte zu mir gebeten . Es handelt sich um eine Reihe von höchst interessanten Erfahrungen und Beobachtungen , die ich an Caspar gemacht habe . Ich würde mich freuen , wenn Sie dabei sein wollten . « Herr von Tucher versprach zu kommen . Zu seiner Verwunderung ward er , als er am andern Tag etwas verspätet erschien , in eine vollständig verfinsterte Kammer geführt . Die Produktion hatte schon begonnen . Von irgendeinem Winkel her vernahm man Caspars eintönige Stimme lesend . » Es ist eine Seite aus der Bibel , die der Herr Stadtbibliothekar aufgeschlagen hat « , flüsterte Daumer Herrn von Tucher zu . Die Dunkelheit war so groß , daß die Zuhörer einander nicht gewahren konnten , trotzdem las Caspar unbeirrt , als ob seine Augen selbst eine Quelle des Lichtes seien . Man war erstaunt . Man wurde es noch mehr , als Caspar in der gleichen Dunkelheit die Farben verschiedener Gegenstände unterscheiden konnte , die bald der eine , bald der andere von den Anwesenden , um jeden Verdacht einer Verabredung oder Vorbereitung auszuschließen , ihm auf eine Entfernung von fünf oder sechs Schritte vorhielt . » Ich will jetzt die Weinprobe machen « , sagte Daumer und öffnete die Läden . Caspar preßte die Hände vor die Augen und brauchte lange Zeit bis er das Licht ertragen konnte . Jemand brachte Wein im undurchsichtigen Glas , und Caspar roch es nicht nur sogleich , sondern es zeigten sich auch die Merkmale einer leichten Trunkenheit : seine Blicke flimmerten , sein Mund verzog sich schief . Konnte das mit rechten Dingen zugehen ? War solche Empfindlichkeit denkbar oder möglich ? Man wiederholte den Versuch zweimal , dreimal , und siehe , die Wirkung verstärkte sich . Beim viertenmal wurde draußen Wasser ins Glas gegossen , und nun sagte Caspar , er spüre nichts . Doch viel wunderbarer war zu beobachten , wie er sich gegen Metalle verhielt . Ein Herr versteckte , während Caspar das Zimmer verlassen hatte , ein Stück Kupferblech . Caspar ward hereingerufen , und alle verfolgten mit Spannung , wie er zu dem Versteck förmlich hingezogen wurde ; es sah aus , wie wenn ein Hund ein Stück Fleisch erschnuppert . Er fand es , man klatschte Beifall , man achtete nicht darauf , daß er