Friedlismühlewirt lachte : » Ein Fünffrankentaler ? Was meint ihr denn ? Glaubt ihr , die Friedlismühle sei eine Räuberhöhle ? Übrigens kostet es für euch gar nichts ; ihr gehört ja jetzt sozusagen zur Familie , und ich betrachte euch alle drei zusammen als meinen lieben Besuch . « Und ehe sie eigentlich eingewilligt hatten , wurden sie als Zustimmende behandelt und die Treppe hinauf geleitet . » Ihr dürft mich Therese nennen « , raunte die große Jungfer vertraulich , » oder auch Tante , wenn ihr lieber wollt . « » Lieber Therese . « Der Friedliswirt in Person komplimentierte Gesima , die kostbare Kantonsprinzessin , wie einen Lotteriegewinst ins feine Gastzimmer . Die Kadetten dagegen baten sich die Gunst aus , sich in der Bauernstube niederzulassen ; wegen des Tabakqualms , wegen des lauten , rauhen Stimmenlärms , wegen der scharrenden Stiefel ; das wäre männlicher , kräftiger , behaupteten sie . Dort wurden sie dann von Therese in eine besondere , ausgezeichnete Ecke gesetzt und persönlich von ihr bedient . Und wie ! Forellen ! - Und immer wollte sie etwas Neues von Onkel Dolf wissen , was für ein Gesicht er zuletzt gemacht habe , und so weiter , mehr als sie selber wußten . Nachdem sie endlich alles ausgeforscht hatte , was herauszuziehen war , begab sie sich zu Gesima ins Herrenzimmer hinüber , kehrte aber von Zeit zu Zeit wieder zu ihnen in die Bauernstube zurück , gleichsam als lebendiger Bindestrich zwischen dem Mädchen und den Buben . Allmählich begannen die hinter dem Schoppen lagernden Bauern an den Kadetten mit Fragen zu stochern , woher sie kämen , wohin sie wollten , wie sie hießen , und so weiter . Ob ihre Urgroßmutter , die alte Gottebas Salome von Sentisbrugg , immer noch am Leben sei , erkundigte sich ein dürrer , hagebuchener Armenpfleger , während er sich mit den knöchernen Fingern hinter den Ohren kraute wie ein Kakadu . Und als sie dies mit großer Entrüstung als selbstverständlich bejahten , munkelte er : » So selbstverständlich ist das nicht ; es ist schon manches Fröschlein kopfüber in den Schönthaler Wasserfall gehupft , seit das schöne Salomeli von Sentisbrugg mit dem jungen Schulmeister von Buchsingen auf der Burghöhe um die Wette gelaufen ist und dazu gesungen hat : Holderipantoffel , holderi , der Himmel ghört dem Herrgott , und d ' Welt ist mi . Wenn ihr eurer Urgroßmutter das nächste Mal guten Tag sagen wollt , um nachzufragen , ob es ihr jetzt mit ihren Beinen besser gehe , so müßt ihr sie hinter der Kirche aufsuchen , unter einem Rosmarinsträuchlein . « Dagegen protestierten die Kadetten mit zornigem Knurren . » Wie alt mag sie denn jetzt sein ? « tönte eine Frage . » Jedenfalls hoch in den Achtzigen , näher dem neunzigsten . « » Die alte Bas Salome von Sentisbrugg ? « ergänzte ein anderer . » Die ist ja Matthäi am letzten . Der Marti , der Postillon , hat es heut abend berichtet . « » Das ist nicht wahr « , krähte Hansli , » wir haben ja heute noch mit ihr gesprochen . « Einer Entgegnung wehrte Therese mit einem abmahnenden Bst , indem sie nach den Buben deutete ; und rücksichtsvoll verstummte das Gespräch . Der Fuhrmann aber nahm seinen Schoppen in die Hand und ließ sich mit den Worten : » Setz dich , liebe Emmeline « , neben den Kadetten nieder . » Wo habt ihr denn eure feine Gesponsin gelassen ? Gesima , oder wie sie heißt ? « » Auf der andern Seite , im Gastzimmer . « » Wartet nur , bis sie einmal tausend Wochen alt ist , da würdet ihr gerne jeder einen Fünfliber zahlen , wenn ihr noch einmal mit ihr zusammen abends nach Sonnenuntergang in die Friedlismühle spazieren dürftet . Mag leicht sein , einer oder der andere von euch nagt sich dannzumal die Fingernägel bis zum Ellenbogen ab , aus Reue darüber , daß ihr stundenlang in der Wirtsstube gesessen seid , statt mit ihr im Herrenzimmer . Ja , die hats hinter den Ohren , die weiß , wo Bartel den Most holt , die wird euch schon einmal zeigen , was Trumpf ist , darauf könnt ihr euch heilig verlassen . « Hierauf begann er zu seufzen : » Es ist ein eigen Ding um das Weibervolk . Zuerst , fünfzehn Jahre lang , sieht sie kein Mensch an ; dann plötzlich haben sie ein Herrgottslämpchen am Hals hangen , daß sie glitzern wie Johanneswürmchen , und man meint , sie seien die leibhaftigen Engel . Und schließlich , wenn der Docht ausgebrannt ist , hat man eine Hexe im Haus , daß man froh ist , wenn man draußen in der Welt herumhaudern darf , bei harter Arbeit und saurem Wein in Regen und Schnee , lieber als daheim hinter der warmen Suppe . « Im Anschluß daran begann er nach einer Pause über das menschliche Leben zu philosophieren . » Es mahnt mich immer an den Sentisbrugger Hauenstein : man gibt sich des Teufels Mühe , um hinaufzugelangen , und kaum ist man oben , so geht es wieder hinunter und noch viel böser und ruinöser . Zuletzt kommen wir doch alle miteinander bei der nämlichen Herberge an : beim Wirtshaus zu den stillen Männlein . « Bei diesen Worten stand der Armenpfleger unwirsch auf , zahlte seine Zeche und stapfte mit steifem Gangwerk aus der Stube . » Wohin mit den Kälbern , Xaverli ? « grüßte der Fuhrmann durch das offene Fenster auf die Straße . » Nach Bischofshardt zum Metzger . Der Landammann spendiert dem Kantonsrat auf den Sonntag ein Essen . « Der Xaverli ließ seinen Viehwagen einen Augenblick halten , und sämtliche Kälber begannen zu blöken . Die breiten Lichtmassen , welche aus dem Gasthof auf die Straße quollen , beschienen die großen runden Menschenaugen der lechzenden Tiere , und man konnte sehen , wie sie ihre gespenstisch bleichen Köpfe verdrehten , um dem Xaverli die Hand zu schlecken . Dann rasselten die Räder weiter , und das Blöken verstummte . Eine lange Zeit wurde kein Wort mehr geredet . Plötzlich hieß es : » Habt ihr ihn gesehen ? gerade diesen Augenblick ist er an der Mauer vorübergeschlichen , heim zu . « » Wer ? « » Der Narrenstudent . « » Was tut er eigentlich den ganzen Tag im Walde ? « Und jetzt ging es über den Narrenstudenten los , nicht gehässig , aber spöttisch , überlegen und empört . Wie er sich lächerlich kleide , anders als alle andern Menschen , mit einem Regenschirm gegen die Sonne , mit Handschuhen und waschleinenen Unterhosen , wie ein Mädchen , mit einer Brille auf der Nase , wie ein alter Mann , zum Lesen sogar mit zwei Brillen aufeinander , - wie er sich im Hardtwalde in der Nähe des Althäusli ein Hüttchen zum Faulenzen zusammengevattert habe , mit Büchern und Heften und allerlei Schnickschnack . Auf der Falkenfluh habe man ihn einmal dabei überrascht , wie er die Welt zwischen den Beinen angeguckt habe , den Kopf zuunterst , angeblich , weil auf diese Weise die Farben glänzender herauskämen . » Laßt den Narrenstudenten in Frieden « , mahnte Therese , » er tut ja keinem Menschen etwas zuleid . « » Aber ein Volksfeind ist er , der den gemeinen Mann verachtet und niemand ein freundliches Wort gönnt . Sein Vater , der Statthalter , wenn er vorübergeht , wünscht jedem einen guten Tag und erkundigt sich , wie das Korn und die Kartoffeln stehen ; der Narrenstudent , o je - , der kann nicht einmal Hafer und Roggen voneinander unterscheiden . « » Es ist keineswegs gesagt « , versetzte Therese , » daß das die besten Volksfreunde sind , die jeden Menschen anlächeln und dem Volk mit Schmeicheleien schöntun . « » Item , er ist ein Sonderling . Und er kann von Glück sagen , daß er einen so braven , allgemein geachteten , hochmögenden Mann zum Vater hat . « » Der Niedereulenbacher Sizilienverein hat ihn einmal in den Fingern gehabt . « » Warum ? « » Die Rose von Tannenheim in den Spott gezogen , wo sie mit vielen Kosten gegeben haben , sogar mit einem Passivsaldo von mehr als hundert Franken . « » Der Sentisbrugger Turnverein auch . « » Was hatte er mit dem ? « » Sie haben ein Stabturnen aufgeführt , im Sentisbrugger Gemeinderatssaal , und er hat ihnen nachgesagt , sie wären eitler als das affigste Weibsbild . - Ohne den schönen Dolf wäre es ihm damals schlimm gegangen ; und ich wollte ihm noch heute nicht raten , allein in der Dunkelheit ums Sentisbrugger Schulhaus zu streichen . Sonst läßt man ihn allgemein in Frieden , man hat sich alsgemach an seine Narrheiten gewöhnt ; höchstens , daß ihm etwa in der Dämmerung ein Stein nachfliegt . « Ob dieser Schilderung keimte in Gerold , der mit gläubiger Andacht dem Femgericht zuhörte , der Wunsch , der Zufall möge ihm den Ruhm vorbehalten , den kantonalen Lindwurm zu züchtigen . Das wäre , dachte er , gerade ein hübscher Heldenanfang für einen elfjährigen Siegfried , nicht zu leicht und wieder nicht zu schwer , denn was da Brillen trug , getraute er sich , über den Haufen zu schlagen , groß oder klein , unbesehen . » Laßts nur gut sein « , bemerkte ein kleines , feistes , mit einer Botentasche behangenes Männlein , » den Narrenstudenten fischt man eines Morgens aus der Aar . « Das sagte er so zuversichtlich und bedeutsam , als ob er mehr wisse , als er sagen wolle . » Das möchte ich denn doch nicht behaupten « , mäßigte ein anderer ; » aber abgesehen davon , treibt ers ohnehin nicht lange . Er hat die Institution seiner Mutter ; alle ihre Geschwister sind an der Schwindsucht gestorben , und sie selber spinnt auch keinen langen Faden mehr . « » Kein Wunder , bei dem täglichen Verdruß mit ihrem Mann wegen des Sohnes . « » Ich liebe nicht , wenn bei mir anderer Leute Familienverhältnisse hergenommen werden « , tadelte jetzt die laute Stimme des Friedliswirtes , welcher unbeachtet durch die Küchentür hereingetreten war . Darauf wandte er sich zu den Kindern : ob sie nicht ihrer Reisegefährtin gute Nacht sagen wollten , sie gehe jetzt zu Bett . » Nein « , trotzten sie . Nachträglich dauerte jedoch den Gerold die schnöde Weigerung ; es tat ihm geradezu weh , so dauerte es ihn , und schnell eilte er hinaus , um Gesima womöglich noch einzuholen . Sie stieg eben die Treppe hinauf , hinter zwei kerzentragenden Mägden . Eins zwei war er ihr nach , und zur Einleitung , er wußte selbst nicht warum , packte er sie mit vollem Griff am Schopf und zog ihr den Kopf hinten herüber . Sie streckte regungslos die Pfötchen von sich , wie eine Katze , die man aufhebt , ließ das Mäulchen tief hangen und schaute ihn mit großen Augen an , von denen man fast nur das Weiße sah . Ein Zuck , und sie wäre auf dem Boden gewesen ; allein er wollte ihr ja kein Leid antun , bewahre ; deshalb gab er sie sofort wieder frei , worauf sie mit geschwinden Sätzen die Treppe hinauf flüchtete . Nun reute es ihn aber wieder , daß er sie am Schopf gepackt hatte , statt ihr freundlich gute Nacht zu wünschen , wie seine Absicht gewesen war . Darum sprang er ihr nach , und da sie sich in ihrer Angst in den Winkel eines blinden Ganges verirrt hatte , versperrte er ihr mit seinem Körper die Ausflucht . Hier gedachte er zum Zeichen seiner Reue ihr etwas zu schenken , fand jedoch nichts Schenkenswertes in seiner Tasche als ein rosenfarbiges Papier ; das überreichte er ihr . » Ich danke « , flüsterte sie und machte einen hübschen Knicks . Zeit seines Lebens hatte noch kein Mensch » ich danke « zu ihm gesagt , und das verwirrte ihn so , daß er sie geistesabwesend angaffte . Seine Verblüffung benützte sie hurtig , indem sie aalgleich an ihm vorbeiglitt und sich zu den umkehrenden Mägden rettete . » Gute Nacht « , rief er ihr gutmütig nach , erhielt jedoch keine Antwort . Darauf schlich er wieder in die Wirtsstube , nicht ganz zufrieden mit sich selber . » Ihr geht jetzt , denk ich , auch besser zu Bett « , meinte Therese , » die Augen fallen euch ja zu vor Schläfrigkeit . « » Durchaus nicht schläfrig « , bestritten sie eifrig , und um nicht zwangsweise zu Bett gebracht zu werden , eilten sie flugs durch den Hausgang die Freitreppe hinunter , um die Hausecke . Es war finstre Nacht , mit Sternen am Himmel , aber warm , fast heiß ; ein Käuzchen wimmerte von einer nahen , unsichtbaren Bergwand , und die Grillen verführten einen unsinnigen Lärm . Bei ihrem Streifzug gerieten sie von ungefähr in einen gewaltigen Wagenschauer , der mit Fuhrwerken jeder Art vollgepfropft war . Hier erkletterten sie den Bock einer ungeheuren Riesenkutsche , knöpften das Schutzleder , das ihnen bis an den Hals reichte , auf beiden Seiten zu , so daß sie da saßen wie zum Rasieren , und schnupperten wollüstig den Duft der Lederwichse . » Sie liegt jetzt im Sterben « , hörten sie draußen auf der Landstraße einen Vorüberziehenden melden , » sie röchelt schon . « » Was ist das , röcheln ? « fragte Hansli leise den Bruder . » Ich weiß nicht genau , etwas Ähnliches wie schnarchen . « » Kannst du röcheln ? « » Röcheln kann man erst , wenn man stirbt . « » Tut eigentlich das Sterben weh ? « » Natürlich , warum würden sonst alle weinen , wenn jemand stirbt . « » Und das Heiraten ? « » Jedenfalls viel weniger ; sie machen ja alle bei einer Hochzeit lustige Gesichter . Und gesetzt auch den Fall , so bleibt doch immer ein großer Unterschied : mit dem Sterben ist alles aus , während das Heiraten vorübergeht . « Hierauf gab es eine kleine Pause . Dann begann Hansli von neuem : » Gibt es auch wohlriechende Tiere ? « » Eine einfältige Frage ! « verwies Gerold strenge , denn er wußte die Antwort nicht . Jetzt abermals eine kurze Pause . » Warum « , fragte Hansli wieder , » warum sieht man eigentlich niemals einen Großvater über einen Schemel springen oder auf dem Dach herumklettern , oder eine Großmutter in einen Bottich schlüpfen ? « Diesmal begnügte sich Gerold mit einem schläfrigen Knurren statt der Antwort . Hernach kam eine lange Pause der Zufriedenheit . Und da die Zufriedenheit währte , währte auch die Pause . Draußen auf der Straße murmelte der plätschernde Brunnen , stetig und ebenmäßig ; aus weiter Ferne , von der Klus her humpelte der hustende Brummbaß der Tanzmusik vom Leuen , plump und drollig , als ob eine lebendig gewordene Runkelrübe schief um den Saal herumwalzte , die Wurzelspitze nach unten und der grüne Pflanzenschopf oben . Allmählich steckten sie einander an , der Brummbaß und der Brunnen , so daß man nicht wußte , welcher Ton diesem , welcher dem andern gehörte ; die Brunnenröhre vervielfältigte sich , bekam hundert Leuenrachen , die Rachen klappten sämtlich auf und zu , im Takt des Brummbasses , schließlich blieben sie sperroffen stehen , stumm und versteinert . Jetzt erschienen dem schlummernden Gerold Traumgesichte . Ihm schien , er stände vor der Freitreppe der Friedlismühle , aber statt Friedlismühle stand über der Haustür geschrieben : Gasthof zu den stillen Männlein . Ein schauerlicher , tausendfältiger Lärm , übertönt von dem Donnergebrüll des Götti Statthalter und dem Blöken angstvoller Kälber umtoste den stillen Gasthof , ähnlich dem Tosen der Schönthaler Fabrik . Jetzt kam ein unendlicher Zug von Schlachtopferkälbern die Stufen der Freitreppe heraufgestiegen , mit ihren großen traurigen Menschenaugen sich nach Gerold umschauend ; oben auf der Treppe standen sie still , wackelten mit den Köpfen und Beinen im Takt des Brummbasses , dann stiegen sie auf der andern Seite die Treppe hinab . Aber mit einem Male waren es nicht mehr Kälber , sondern Menschen , die Großeltern , die Urgroßmutter , der Onkel Dolf und alle andern , die er lieb hatte . Und siehe da , er selber , Gerold , war mit in ihrer Reihe und schaute ihn von der Treppe herunter an , und der Hansli hinter ihm , der ihm mit den Fingern spöttische Zeichen über die Schultern gabelte . - Aber wer röchelt denn so ? Erschrocken , mit schnarchendem Aufschrei fuhr er in die Höhe , stöhnend , die Augen geblendet von Lichtschein . » Da also sind sie , die Ausreißer ! « lachte die Stimme des Friedliswirtes , und eine laternenbewaffnete Scharwache umringte die Kutsche . Nun wurde das Nest ausgeräumt , der fest schlafende Hansli von der Therese auf die Arme geladen , Gerold taumelnd und schwankend vom Wirt abgeführt . Unterwegs nach ihrem Schlafzimmer kamen sie an einem märchenhaften Himmelbett vorüber , mit Schleiern und Spitzen umhangen wie für ein Schneewittchen . Es lag auch wirklich so etwas Weißes darin , das setzte sich empor , rieb sich die Augen und schnellte dann mit einem kleinen Schrei unter die Decke . » Gute Nacht , Gesima « , lallte schlaftrunken Gerold . Als er dann in das linde Gastbett verpflanzt war , wo Leib und Seele in köstliche Untiefen versanken , schlugen alsbald die Träume wieder über seinem Geist zusammen . Ihm träumte , er säße am Weidenbächlein der Klus und schaute in das Wasser , das eilends einem Wasserfall zustrudelte . In einem Papierschifflein kam die Urgroßmutter das Bächlein herabgefahren , aber ganz klein wie ein Kind , und nicht mehr krank , sondern frisch und fröhlich , jung und lieblich ; im Vorüberfahren pflückte sie links und rechts Blumen vom Uferrand . » Guten Tag , Urgroßmutter « , grüßte er . Da spritzte sie ihm mit der Hand Wasser in die Augen . Und wie er die Augen wieder auftun konnte , war es nicht die Urgroßmutter gewesen , sondern Gesima , welche sich neckisch nach ihm umkehrte und ihn auslachte . Der tückische Postwagen Als Morgenlied pfiff ein Knecht eine Polka , gegenüber im Tenn des Heupalastes , von dessen Dache die Täuberiche gurrten . Dann geschah vom Stalle her ein Poltern und Wiehern , begleitet von melodischem Schellengeläute . Immer neue Glockenspiele stampften heran , in allen musikalischen Farben , bald mit geschüttelten Akkorden , bald mit leise bewegten Einzelgesängen . Und all das Klingeln erzählte Reisemärchen von blauen Bergen und abenteuerlichen Dörfern , in mutiger Schnellfahrt zurückgelegt unter wettsegelnden Wölklein . » Was ist für Wetter ? « erkundigte sich Hansli gähnend . Gerold schlug argwöhnisch die Augen auf . Die Fensterläden waren geschlossen , so daß es ziemlich dunkel um ihn herum war . Aber oben , hart unter der Zimmerdecke , kreuzte eine Schar Fliegen in scharfen Wendungen aneinander vorbei , und in den Winkeln des Zimmers war es nicht düsterer als in der Mitte , das waren verheißende Zeichen . Als er vollends den schmalen Lichtstrahl zwischen den Fensterläden nicht weiß , sondern gelb sah , verkündete er kühn und bestimmt : » Schönes Wetter . « » Falsch ! « verbesserte Hansli , » ich höre , wie es regnet . « » Das ist der Brunnen « , urteilte Gerold . Hansli sprang aus dem Bett und öffnete die Läden . Ein Schwall goldenen Lichtes stürzte durchs Fenster , und gegenüber auf den Ziegeln der Scheune lag ein steifer , rechteckiger Sonnenschein , das Dach halbierend . Aber etwas noch viel Schöneres lag auf ihren Nachttischlein : Schokolade . Woher die kam , hätten sie leicht erraten , wenn sie gewollt hätten ; allein sie wollten nicht raten , aus Besorgnis , der Stolz möchte ihnen sonst verbieten , das Geschenk anzunehmen . Deshalb begnügten sie sich lieber mit der Tatsache und aßens anonym . Derweilen blieben sie liegen , in den Sonnenschein auf dem Scheunendache starrend ; der Sonnenschein starrte ihnen ebenfalls entgegen , darüber ermüdeten ihre Augen und schützten sich mit den Lidern . Bis die fröhliche Tonleiter der Kaffeelöffel auf den Untertassen tänzelte , da sprangen sie hops aus den Betten . Man hatte den drei Kameraden ein besonderes schmuckes Tischlein im Herrenzimmer gerüstet . Auf diesem prangte in einem geblümten Napfe blonder , sandkörniger , in Zöpfen geflochtener Honig ; daneben , in feuchte Weinrebenblätter gehüllt , ein künstlich gestempelter Butterbarren , einen Bären schildernd , der auf einem schrägen Blumenstengel lechzend berganschritt . Während sie sittig um den Tisch herumsaßen , als hätten sie miteinander einen Ferienaufsatz zu ergrübeln , erlitt Hansli einen Rückfall ins Examinatorische . Ob man Brot mit einem d oder einem t schreibe , prüfte er das Mädchen . Sie besann sich ein Weilchen und antwortete dann , solange das Brot frisch und weich sei , schreibe man es mit einem d , wenn es aber alt und hart werde , mit einem t. » Das ist eine ebenso unehrerbietige wie ungenügende Antwort « , rügte Hansli , » Gesima , du erhältst ein schwach in der Orthographie . « Während dessen guckte ihr Gerold schelmisch in die Augen , da er sich erinnerte , daß sie ihm im Traume eine Woge Wasser ins Gesicht gespritzt hatte . Als das so fortdauerte , klopfte sie ihm mit dem Löffel auf die Finger . » Trink ! « mahnte sie . Da trank er geschwind die Tasse aus . Aber jetzt fiel ihm wieder ein , wie er sie gestern abend beim Schopf gepackt hatte , und aus Wehmut darüber schaute er ihr abermals in die Augen , um zu erfahren , ob sie es ihm wohl nachtrage . » Iß ! « rief sie , und stahl ihm sein Butterbrot . Die Türen standen offen zum Empfang der Morgenluft , welche von weitem herkam und würzige Grüße aus fremden Gauen mitbrachte . Drüben in der Bauernstube zog ein Trüpplein Knechte und Mägde ein ; ihre heißen Körper und frohen Gesichter zeugten von rüstiger Früharbeit , nüchternen Mutes auf freiem Felde vollbracht . Wie sie so einer um den andern mit roten Backen , glänzenden Stirnen und schweißglitzernden Armen bedächtig in die kühle , schattige Stube traten , war es anzusehen , als ob jeder von ihnen sechs Quadratfuß Sonnenschein und ein paar Eimer Luftessenz um sich hätte . Zuhinterst , um einen halben Kopf größer als die übrigen , rückte Therese an , aufrecht und zufrieden , in den langen , blaßblonden Zöpfen blaue Bänder , in den Augen Siegesleuchten , in den Scheitelhaaren ein paar Flocken Heu : man spürte es ihr an , daß sie die Lerchen hatte jubeln hören . Sie kam zu den Kindern ins Gastzimmer . Zunächst wünschte sie ihnen einen guten Tag und erkundigte sich , ob sie wohl geruht und gefrühstückt hätten , und ob ihnen nichts mangle . Dann entschuldigte sie die Abwesenheit ihres Vaters ; er habe nach Sentisbrugg fahren müssen , schon in der Frühe , vor sechs Uhr ; er lasse sie aber herzlich grüßen und ihnen eine glückliche Reise wünschen . Hierauf sah sie ins Leere und ließ endlich einen langen eigentümlichen Blick auf den Buben ruhen . » Es hat eine Änderung in Sentisbrugg gegeben « , sagte sie in gedämpftem , fast ehrerbietigem Tone zu ihnen , als ob sie zu Erwachsenen redete , » habt ihrs erfahren ? « Und auch Gesima schaute die Knaben scheu an . » Was für eine Änderung ? « fragten diese . Therese blickte auf den Boden . » Nun , ihr werdets noch immer früh genug vernehmen ; genießt nur unbefangen eure letzten Ferientage und seid fröhlich , es ist euer heiliges Recht . - Wohin mit dem Gerold , Hansli ? « » Nur ein wenig auf Entdeckungen ums Haus herum « , antwortete Hansli , » Gesima , du bleibst hier ; dich können wir nicht brauchen . « » Ihr dürft euch aber nicht mehr zu weit entfernen « , mahnte Therese , » denn in einer starken halben Stunde kommt die Post . Und da habt ihr es dann nicht wieder mit einem langmütigen Privatwagen zu tun , der euretwegen einen halben Tag auf dem Fleck wartet , sondern mit einem obrigkeitlichen Fahrplan , der auf niemand Rücksicht nimmt ; da geht es strikte nach der Uhr . « Das mit der Entdeckungsreise ums Haus war nur ein Vierteil der Wahrheit : ein Komplott gegen Gesima heckte Hansli . Kaum hinter den Pappeln bei der Scheune angelangt , hielt er still und zog Gerold ins Vertrauen , indem er sich eng an ihn anschmiegte , um ihn besser zu überzeugen . » Wir wollen suchen « , flüsterte er , » daß wir beide auf den Bock oder auf das Postdach zu sitzen kommen , und Gesima ins Innere des Wagens , dann sind wir sie bis Bischofshardt los . « Gerold gab keine Antwort , sondern brummte nur . » Das Allerschönste wäre « , fuhr Hansli fort , » wenn sie den Postwagen verfehlte ; freilich müßte man hiefür ein Mittel finden , sie aus dem Haus herauszulocken . Wenn wir ihr zum Beispiel angäben , im Garten wären Himbeeren ? Was meinst du ? « Wiederum begnügte sich Gerold mit Brummen . - » Aber ist denn das wirklich schon die Post , dort in der Klus ? es ist doch noch viel zu früh . « Hansli spannte den Blick ; er sah weiter und schärfer als sein Bruder . » Bewahre , es ist ja bloß ein einziges Pferd , und gar kein Wagen dahinter . « Plötzlich tat er einen Luftsprung : » Ein Dragoner ! « schrie er . Ärgerlich verwies ihm Gerold die unbesonnene Meldung . Er war durch die Erfahrung gewitzigt ; ihm war durch tausend schmerzliche Enttäuschungen der Glaube an leibhaftige Soldaten , geschweige denn an Dragoner , in der gemeinen Alltagswirklichkeit längst abhanden gekommen . Eher noch an den Osterhas glauben als an Dragoner . Ach Gott , wie viele hundert Male hatte er vor Zeiten beim Gepolter jedes Rumpelkarrens gemeint , eine Trommel zu hören , beim Aufschein eines bunten Frauenhutes einen Tambourmajor zu sehen . Und hernach die grausame Enttäuschung ! Lieber ein für allemal die Hoffnung aufgeben . - Und doch ! Diesmal sieht es wirklich von fern einem Dragoner gleich , es glitzert etwas auf dem Kopf des Reiters , wie ein wahrhaftiger Helm , und etwas an seiner Seite wie eine Säbelscheide . Wenn der Hansli recht hätte ! O Bangigkeit , o Hoffnung ! Jetzt fragt sichs bloß , hat er Epauletten , hat er einen roten Streifen an den Hosen , einen roten Halskragen ? Ja , ja , ja , kein Zweifel mehr , ein leibhaftiger Dragoner . Aber wohin der wundersame Schmetterling schwenken wird , wenn er vollends aus der Klus hervorkommt ? seitabwärts in den Gau ? oder herwärts nach der Friedlismühle ? Atemlos verfolgten ihre Blicke jede Bewegung des Pferdes . Jetzt ist er an der Kreuzung , nun wird sichs entscheiden . » Er kommt . « » Nein , er biegt ab . « » O weh , verloren ! er reitet nach dem Gau . « » Nach ! « schrie Hansli . » Nach ! « bestätigte Gerold stöhnend . Und wie hungrige Wölfe setzten sie sich in Galopp , unbekümmert um die abmahnenden Rufe , die hinter ihnen dreinliefen , um sie zurückzuholen . Der Dragoner trabte scheinbar ganz langsam ; trotzdem vergrößerte sich stetig der Zwischenraum , statt sich zu verringern , und schon begann ihnen der Atem auszugehen . Allein es gibt hiezulande Wirtshäuser am Wege ; nicht unmöglich , daß er irgendwo absteigt und einkehrt . Dann ist aber auch der Galopp nicht nötig , der Trab tuts auch ; also gingen sie in Trab über ; und der förderte sie beinahe ebenso flink ; abgesehen davon , daß er den Atem weniger in Anspruch nahm . Immer kleiner wurde der fliehende Reiter ; nur noch wie ein rotes Schäfchen leuchtete er von Zeit zu Zeit zwischen den Bäumen auf . Aber täusch ich mich ? mir scheint , das Schäfchen bleibt gleich groß und behält beständig ein nämliches Häuschen neben sich . » Er sitzt nicht mehr auf dem Pferde « , meldete der scharfsichtige Hansli . Folglich war er abgestiegen , und das Häuschen mußte eine Schenke sein . Also fielen sie mit neugestärktem Mute wieder in Galopp . Er saß wirklich in der Schenke , der Ersehnte , man konnte seinen Raupenhelm durchs Fenster erblicken ; und sein Pferd stand an einem Pfosten angebunden vor der Tür . Nun begannen sie die Liebeswerbung , nicht ohne Zuversicht und Selbstbewußtsein . Sie waren ja doch nicht die ersten besten Buben , sondern Kadetten , sie trugen Uniform mit goldenen Knöpfen , Gerold sogar mit Granaten auf den Knöpfen , sie konnten einen Säbel und eine Patrontasche vorweisen , sie durften sich mithin ein wenig als seine Kameraden betrachten ; gewiß wird er ihnen einen freundlichen Gruß , vielleicht gar , o Wonne , ein holdes Wort gönnen . Es galt bloß , sich ihm bemerkbar zu machen . Darum stolzierten sie in militärischer Haltung vor dem Fenster auf und ab , warfen sich in die Brust , hüstelten , sängelten , streckten sich auf den Zehen . » Zeig deinen Säbel « , riet Hansli , » vielleicht macht das Eindruck . « Also zog Gerold den Säbel und salutierte