, in einem fliederfarbenen Himmel , bauten sich große , bunte Wolken auf Langgestreckt , stachen sie wie goldene Klingen in den Himmel , oder sie rundeten sich wie rosenfarbene Nacktheiten , an denen goldene Schleier hingen . Karola stieß einen kleinen Schrei aus , dann stand sie still , ließ die Arme niederhängen , wie wir unter einer Dusche stehen . Das rotangeleuchtete Gesicht hob sie zu Werner auf : » Stehen Sie still « , rief sie ihm zu . » Fühlen Sie , wie ' s an einem niederfließt ? Ich spür ' ordentlich , wie die Wellen kommen , rosa und goldene Wellen . « Sie schaute in die Sonne . Ihre Augen wurden wieder ganz schmal , leuchtende Striche zwischen den schwarzen Wimpern . » Sie sind auch ganz rosa , Pastor , ein rosa Gesicht , einen rosa Bart. « Sie lachten sich an , öffneten den Mund , als könnten sie das Licht trinken . Die Sonne sank . Sie war nur noch eine rote Halbkugel . » Sie geht - sie geht ! « rief Karola . Mit ausgebreiteten Armen lief sie den Weg entlang , der Sonne nach . Die Sonne war untergegangen . Alle Lichter erloschen auf der Ebene . Oben verblaßten die Wolken . Ein blaues Dämmern kroch sachte über den Schnee . Karola war stehen geblieben . » Alles weg « , sagte sie bedauernd . Der Himmel wurde glasig und farblos . Ein weißes Stück Mond hing in ihm . » Wie so ' n bißchen Licht einen aufregt « , bemerkte Karola entschuldigend . » Ich bin müde . Geben Sie mir Ihren Arm , Pastor . Gott ! bin ich gelaufen ! « Sie hing sich an Werners Arm . So gingen sie langsam durch die zunehmende Dämmerung über die Ebene . Karola sprach jetzt ruhig , ein wenig traurig vor sich hin : » Ich glaube , weil die Lampe bei uns immer verhängt wird , scheint die Dämmerung mir traurig . Eben war es so , als ob Jakob die Haustür verschließt . Ich lege den grünen Schirm über die Lampe , und der Abend beginnt . « » Aber Sie , gnädige Frau « , sagte Werner , » Sie sind ja nicht traurig . Sie sind ja geduldig und fröhlich . « Karola zuckte die Achseln . » Das haben Sie schon zuweilen gesagt , Pastor , Sie wollen an mir wohl eine Tugend loben . Geduldig , mein Gott ! Ich mag es aber nicht besonders , wenn Sie mich bemitleiden . « » Nein - Sie darf man nicht bemitleiden « , versetzte Werner schnell . » Mich nicht ? « Sie hob ein wenig den Kopf und sah Werner mit dem scharfen Blitzen ihrer Augen an . » Warum ? « » Weil - « , Werner dachte einen Augenblick nach . Dann zeigte er auf die beiden Schatten , die der Mond , groß und blau , vor ihnen auf den Schnee legte : » Sehen Sie Ihren Schatten ? « » Nun und ? « » An diesem Schatten seh ich , daß Sie nicht heimlich an etwas Schwerem tragen . « Karola lachte . » Pastor , was ist das mit dem Schatten , sagen Sie ? « » Eine Geschichte . « » So erzählen Sie . « » Ich war früher in einem kleinen Pastorat nah an der Grenze . Ich hatte mich auf der Jagd verirrt . Es war spät geworden . Der Mond schien , so wie heute . Sie wissen , es wird dort viel geschmuggelt . Nun , auf einer Lichtung an einem kleinen Fluß sah ich einen Zug langsam hingehen . Juden waren es wohl . Lange Röcke , lange Bärte , große Hüte . Es schienen sehr starke , große Leute zu sein . Sie gingen langsam , ein wenig gebückt , ein wenig mühsam vielleicht . Sonst war aber nichts Besonderes an ihnen zu sehen . Aber neben ihnen , auf dem Boden , gingen ihre Schatten her - riesige , dunkle Schatten , und diese Schatten waren seltsam unförmig . Die Schatten hatten Buckel und Ausbuchtungen und Beulen . Die Schatten trugen an etwas schwer , sie verrieten es , wie schwer beladen diese Leute waren . « » Ich versteh ' nicht recht « , sagte Karola und schaute aufmerksam auf ihren Schatten nieder . » Nun « , erklärte Werner , » Leute , die heimlich schwer an etwas tragen , die bemitleide ich . Aber Ihr Schatten , sehen Sie , wie schlank und leicht er über den Schnee gleitet . Fast leichtsinnig . Heimliche Lasten entstellen immer . « » Ganz leicht « , wiederholte Karola . » Und Ihrer ? « » Ich weiß nicht . « Werner richtete sich gerade auf , um seinen Schatten schlanker zu machen . » Vielleicht doch ein wenig unförmig ? « » Nein « , rief Karola eifrig . » Sehen Sie , wie leicht er geht . Nun ja , Sie sind stark , Sie können leicht viel tragen . « Sie schweigen eine Weile und folgten mit den Blicken den Schatten , die vor ihnen hergingen . » Und Karl Pichwits Schatten « , sagte Karola darin , » wie mag der sein ? « » Der ? Ich weiß nicht . « » Ich glaube , der ist auch ein wenig verzeichnet « , meinte Karola nachdenklich . Das letzte Stück Weges wurde nichts mehr gesprochen . Still gingen sie durch die glashelle Mondnacht . Karola war müde und stützte sich schwer auf Werners Arm . Vor ihnen glitten die beiden Schatten hin , so eng aneinandergeschmiegt , als umarmten sie sich . » Hier ist Peter « , sagte Karola . » Danke ! Das war gut . jetzt zur Lampe zurück . Kommen Sie bald , Pastor . Verlassen Sie uns nicht . « Sie reichte ihm die Hand , stand ganz nahe vor ihm und sah ihm in die Augen . » Gewiß , Frau Baronin , ich komme « , sagte Werner , weich , als sei es eine Liebeserklärung . Sie setzte sich in den Schlitten und fuhr die Allee hinab . Werner stand noch lange an derselben Stelle und hörte dem Klingeln der Schellen zu , das so hell in die Mondnacht hinauslachte . Langsam und sinnend ging er dann heim , einer stillen , heimlichen Heiterkeit in seiner Seele zuhörend . Im Pastorat war noch kein Licht gemacht . Lene saß im Wohnzimmer am Fenster und schaute den Mond an . » Nun , Kind , träumst du ? « sagte Werner freundlich . » Ja , der Mond ist so hell « , erwiderte Lene , ohne aufzustehen und ihm entgegenzukommen . » Also verstimmt « , dachte Werner . Das war ärgerlich . Gerade heute hätte er gewünscht , daß alles harmonisch um ihn wäre . Er beschloß , nicht darauf zu achten . » Ja , ein schöner Abend « , begann er wieder » der macht sentimental . Steck ' das Licht an , Kind , wir wollen ein wenig musizieren . Was ? « » Ja - gleich « , sagte Lene , aber das klang nicht begeistert . Da war ein Unterton säuerlicher Resignation . Als die Lampe und die Kerzen am Klavier brannten , sah Werner , daß Lene geweint hatte . Natürlich ! Heute jedoch tat er , als bemerkte er es nicht . Er wollte die kleinen , häuslichen Unannehmlichkeiten vermeiden , sich den Nachglanz des Abendrots , den Nachklang der lachenden Schellen in der Mondnacht nicht verderben lassen . Lene setzte sich an das Klavier und schlug die Noten auf . Werner plauderte unbefangen weiter . » Der Baronin Werland bin ich begegnet . « » So ! deshalb kamst du wohl so spät nach Hause ? « » Ja , wir gingen ein Stück zusammen . « Werner sorgte dafür , daß nicht die geringste Ungeduld aus seiner Stimme klang . » Und sie läßt den armen , kranken Mann solange allein « , sagte Lene . » Das ist wohl nicht unsere Sache « , erwiderte Werner sanft . » Die Frau erfüllt gewissenhaft genug ihre nicht leichten Pflichten . « Lene zuckte die Achseln und tat den unklaren Ausspruch : » Wer erfüllt denn nicht seine Pflichten ? « Werner antwortete nicht auf diese Wendung , die das Gespräch ins ganz Persönliche hinüberleiten sollte . Die junge Frau mit den verweinten Augen tat ihm leid . Er wollte ihr etwas Gutes tun , er wollte recht schön singen . Die arme , leidende Seele sollte ganz in Gefühl und Süßigkeit gebadet werden . Das würde ihr guttun . Lene legte die Hände auf die Tasten und wartete . » Was willst du singen ? « fragte sie . Werner blätterte im Notenheft . - » Du bist die Ruh , denke ich . « » Gut . « Lene beugte sich noch näher an die Noten heran und versuchte die Begleitung . Werner schaute auf ihre Hände hinab . » Du « , sagte er dann , » die Baronin Huhn hat mir ein Wasser empfohlen , - für die Hände . Das macht die Hände weiß . « Lene zog schnell ihre Hände von den Tasten herunter . » Für wen ? « » Für dich . « » Für mich ? « fuhr Lene auf » Plötzlich sind dir meine Hände nicht weiß genug . Ja , ich hab ' rote Hände . Natürlich , bei der Arbeit ! Aber ich danke für das Wasser der alten Huhn . Bisher ist dir das nicht aufgefallen . « » Warum regst du dich auf ? « Werner versuchte zu lachen . » Es ist doch angenehmer , weiße Hände zu haben als rote , und wenn - - - « » Gewiß . « Lene fing zu weinen an . » Es ist vielleicht auch angenehmer , so schmale Schlangenaugen zu haben , statt solcher dummen , blauen Augen mit blonden Wimpern wie ich . « Werner zuckte die Achseln . » Gut , also lassen wir das . Soll ich singen ? « Lene wischte sich die Augen und begann zu spielen , noch immer schluchzend wie ein Kind . Werner sang , aber die Lust dazu war ihm vergangen . Er sang schlecht und ohne Genuß . » Es geht nicht ! « sagte er ärgerlich und brach ab . Er ging in sein Zimmer , setzte sich an seinen Schreibtisch und starrte in das Licht der Lampe . - Warum mußte das sein ? Warum immer leiden oder leiden machen ? Fühlte er ein wenig Glück , gleich mußte das mit dem Schmerz eines anderen Wesens bezahlt werden . Warum ? Seltsame Ökonomie , seltsame Buchführung ! Das Ehepaar Werner war ins Schloß Dumala zum Diner geladen . Lene stand vor Werner und wollte seinen Rat . » Was soll ich anziehen ? « Werner antwortete nicht gleich , weil er in dem Buch vor sich die Zahlenreihe zusammenaddieren wollte . » Das Schwarzseidene ? « » Ja - ich denke « , sagte Werner ohne aufzuschauen . Lene dachte nach . » Ach « , meinte sie , » es ist so langweilig , immer schwarz . Die Pastorin natürlich in schwarzer Seide . « » Wenn man nun mal Pastorin ist « , warf Werner hin , indem er weiter rechnete . » Die Baronin wird natürlich hell sein « , fuhr Lene fort . » Das glaube ich nicht « , meinte Werner . » Als Hausfrau wird sie wohl eher einfach gekleidet sein . « Aber Lene bestand darauf : » Ach ! Was die einfach nennt ! Und dann , der Baron Rast wird da sein . Der soll ja ein so schlechter Mensch sein , wie man hört . « Werner schaute auf . » Hat das denn irgendeinen Einfluß auf deine Toilette ? « » Wenigstens « , beschloß Lene , » leg ' ich dann die kirschroten Bänder um . « » Tu das , Kind « , sagte Werner freundlich , » das wird hübsch sein . Auch wohl vielleicht , weil der Baron Rast ein schlechter Mensch ist ? « » Was hat das für einen Zusammenhang ? « fragte Lene und ging aus dem Zimmer . Die Zimmer in Dumala waren heute alle erleuchtet . Die alten Möbel mit den verblaßten Seidenbezügen und den großen gewundenen Lehnen standen mürrisch , wie im Schlaf gestört , im hellen Lampenlicht . Als Werners in das Kaminzimmer traten , waren die anderen Gäste dort schon versammelt . Die Baronin Huhn aus Debschen , in eine blanke , graue Atlasrobe , wie in einen Spiegel gekleidet , sehr erhitzt unter ihrer weißen Perücke , unterhielt sich mit dem Baron Werland , der im Gesellschaftsanzuge noch schmäler und gebrechlicher als sonst aussah . Neben ihm am Kamin lehnte Behrent von Rast , breitschulterig und groß . Der Kopf war seltsam grell , mit dem kurz geschorenen schwarzen Haar über der geraden , niedrigen Stirn , mit dem Bart , der am Kinn geteilt , wie zwei schwarzblaue Flammen von beiden Seiten abstand . In dem bräunlichen Gesicht saßen zwei große , samtbraune Augen . » Unangenehm ! « dachte Lene . Karola begrüßte die Pastorin sehr herzlich . » Wie freue ich mich , Sie hier zu sehen . Man sieht sich so selten . « Lene errötete , weil sie überrascht war von der unumwundenen Falschheit dieser Freundlichkeit . » Sie ladet mich ja nie ein « , dachte sie . Vor dein Diner saß man zusammen und plauderte . Rast ließ sich von der Baronin Huhn und Werland über Landwirtschaft belehren . - » Ach ! - So ist es ! Ich bin sehr dankbar . Gott ! Ich bin so unwissend in der Landwirtschaft . « Karola unterhielt sich zerstreut mit der Pastorin : » Sie haben zu Hause viel zu tun , nicht wahr ? Sie sind musikalisch , wie angenehm ! « Jakob öffnete die Türen zum Speisezimmer . » Stütz dich nur auf meinen Arm , mein Alter « , sagte Rast brüderlich zu Werland . » Danke ! ja , ich muß mich führen lassen « , meinte Werland . » Ich hätte nicht gedacht , daß ich noch die Beine anderer Leute werde pumpen müssen . « » Mach ' dir nichts draus « , tröstete Rast . » Es ist noch lange nicht erwiesen , daß Beine für ein angenehmes Leben durchaus nötig sind . Die großen Damen in China haben die Füße so gut wie abgeschafft . « Bei Tisch saß Rast neben Lene , Werland nahm ihn jedoch in Anspruch . Er wollte mehr von den großen Damen in China hören . Werner unterhielt sich mit der Baronin Huhn , die von ihren Dienstboten sprach . Simon , der Schweinehüter , sagte , er sei zum Schweinehüten da und wollte im Winter keine andere Arbeit so recht tun . Karola , ein wenig bleich in ihrem dunkelroten Seidenkleide , der Mund unnatürlich rot , war einsilbig . » Der Gang vorigen Abend « , fragte Werner , » ist er Ihnen bekommen ? « Es war , als hätte sie ihn vergessen und müßte sich erst darauf besinnen . » Der Gang ? - Ach ja , der war schön . « Rast hatte sich jetzt Lene zugewandt und begann eine Unterhaltung . Seine großen Samtaugen glitten dabei ruhig und frech über das Gesicht und die Gestalt der jungen Frau . Es war Lene , als streiften diese Augen langsam die Kleider von ihr ab . Sie wurde dunkelrot . » Wir sind ja Nachbarn . Wir werden , hoffe ich , gute Nachbarschaft halten . Der Pastor ist ja Jäger . « » Mein Mann jagt nicht mehr « , berichtete Lene , » man sieht das hier nicht gern . « » So ? « Rast bedauerte es . » Schadet denn das jagen der Würde ? Hat die Frau Pastorin auch schwere Pflichten ihrer Würde ? « » Jeder hat seine Pflichten « , erwiderte Lene . » Hm - streng sein ; und so . hübsch zu sein , ist wohl nicht erlaubt ? « meinte Rast . Lene machte ein sehr ernstes Gesicht . Sie wollte ihn in seine Schranken zurückweisen . Er wandte sich von ihr ab und rief zu Karola hinüber : » Wissen Sie , Baronin , Ihr Diner ist das beste , das ich seit langem gegessen habe , daher darf ich das sagen . Man schmeckt sofort Tradition heraus . « » Unser Jansohn ist auch der konservativste aller Köche « , berichtete Werland . » Ja , ja , das schmeckt man « , bestätigte Rast . » Es ist , als legte er überall ein paar Blätter vom Stammbaum zu . Familienküche , das ist das Wahre . Man müßte es gleich herausschmecken können , diese Speise ist Werlandsch , - diese Huhnsch . « » Viel saueren Schmand , das ist mein Familienspruch « , sagte die Baronin Huhn . Als der Sekt kam , verstummten die Einzelunterhaltungen , und Rast sprach allein , erzählte Anekdoten aus aller Welt , eine nach der anderen . Wie sie ihm alle zuhörten , wie sie lachten , auch Karola ! Werner wunderte sich darüber . Ihm waren sie zuwider , diese Geschichten , und diese weiche , schnarrende Stimme , die die Worte so nachlässig hinwarf . Er schaute mißbilligend zu Lene hinüber . Sie achtete nicht darauf . Sie hörte aufmerksam zu , legte ihr Taschentuch vor den Mund , weil sie so lachen mußte . Nur Pichwit blieb ernst und sah Rast mißbilligend und ironisch an . Nach dein Essen mußte Werner wieder die Baronin Huhn unterhalten . Werland sprach mit Lene , nachlässig und schon ein wenig schläfrig . In einer Fensternische standen Rast und Karola . Werner konnte Karolas Profil sehen , das sich scharf und rein von dem dunkeln Vorhang abhob . Sie stand sehr gerade , die Taille ein wenig zurückgebogen . Werner hörte nur scheinbar der Geschichte von einer Trine zu , welche widerwillig war , die die Baronin Huhn ihm erzählte . Eine tiefe Verstimmung quälte ihn , ein Gefühl , als sei es nun mit etwas vorüber , das ihm lieb und nötig gewesen war . Warum lachte Lene so unnatürlich ? Und dann bewegte sie die Hände zuviel beim Sprechen , das sah ungeschickt aus . Er horchte zum Fenster hinüber . Rast schien von Pferden zu sprechen und von Rennen . Auch Karola lachte heute , wie sie sonst nicht lachte , so ein helles , girrendes Lachen . Konnte sie das denn wirklich unterhalten , was der große , schwarze Herr da erzählte ? Werner versank in Gedanken . Er sah das Zimmer vor sich , wie es an den einsamen Abenden war , wenn er hier saß , und Karola zu den Füßen ihres Gatten kauerte und mit der Hand über sein Bein hinstrich , und es ganz stille war , so still , daß sie das Nagen der Maus hinter dem Getäfel hörten , und Karola zu ihm aufsah , und er zu ihr niederschaute , und ihre Blicke ruhig und lange ineinander ruhten , und ihr Schweigen eine so seltsam erregte Zwiesprache hielt . Am Kamin war es still geworden . Werland schlief in seinem Sessel . Lene saß stumm und verlegen da . Drüben am Fenster standen sie noch immer beisammen , aber ihre Stimmen waren jetzt gedämpfter . » Ja , es ist schwer mit den Leuten « , schloß die Baronin Huhn ihre Erzählung und seufzte . Die beiden Stimmen in der Fensternische waren nun der einzige Ton im Zimmer . Der Baß weich , ein wenig singend . Karolas Alt antwortete eindringlich , schien es Werner , und mit einem kindlichen Schmollen , das er an ihr nicht kannte . Werner erhob sich . » Lene , es ist spät . « Man brach auf . Auf der Heimfahrt , im Schlitten , war Lene sehr gesprächig : sie hatte sich gut unterhalten , dieser Baron Rast war sehr merkwürdig - , interessant konnte man sagen . Man mußte mit ihm auf seiner Hut sein , mußte ihn in seine Schranken zurückweisen . Aber unterhaltend war er . » Hast du ihn in seine Schranken zurückgewiesen ? « fragte Werner spöttisch . » Gewiß « - erwiderte Lene . » Übrigens « , sagte Werner , » mußt du darauf achten , beim Sprechen nicht soviel zu gestikulieren . Das sieht schlecht aus . « » Ich gestikuliere gar nicht « , behauptete Lene gereizt . » Und übrigens gestikulieren die anderen auch . « Nun schwieg sie gekränkt . Werner war unzufrieden mit sich . Warum mußte er dieses unschuldige , kleine Selbstbewußtsein niederschlagen , warum ihr den Abend verderben ? - nur weil er sich unglücklich fühlte . Und warum war er unglücklich ? Er hatte ja nicht einmal das Recht , unglücklich zu sein . Lene aber mußte ihre kleine Rache haben . Sie äußerte : » Die Baronin hat aber heute mit dem Baron Rast kokettiert . Oh ! die geniert sich nicht . « Werner hatte aus Schloß Dumala längere Zeit nichts gehört . Der Winter mit plötzlichem Frost und dann wieder Tauwetter fing übel an . Überall herrschten Krankheiten . Werner mußte Krankenbesuche machen und Beerdigungsreden halten . Er arbeitete stark und eifrig . Der letzte Abend im Schlosse hatte etwas wie eine Unruhe , eine Qual in ihm zurückgelassen . Die mußten niedergekämpft werden , da sie ihm verdächtig erschienen . Er sah Rast zuweilen nach Dumala vorüberfahren . Lene hatte eine unangenehme Art , das jedesmal laut zu verkünden , als sei es ein Ereignis . » Da fährt der Baron Rast wieder nach Dumala . « » Nun ja , warum nicht « , antwortete Werner darin möglichst ruhig , aber es klang doch gereizt . Sonntags sah Werner Karola in ihrem Kirchenstuhl . Neben ihr saß Rast in dem seinen . Sie nickten einander zu , lächelten . Zuweilen neigte Rast sich zu ihr hinüber , sagte etwas , wie im Salon . Karola hob ihren Muff an den Mund . Werner schlug mit der Faust auf den Rand der Kanzel , donnerte auf die Gemeinde hinunter , so daß die alten Frauen aus ihrem Schlaf erwachten und verwundert zu ihm aufschauten . Beim Mittagessen sprach er sich sehr streng über dieses Benehmen in der Kirche aus . Als am Abend jedoch ein weißer Nebel sich über die Ebene legte , das Haus ringsum wie in feuchte Watte einpackte und die Welt eng , ganz eng machte , da trieb es Werner hinaus nach Dumala . Ohne einen Gedanken daran zu wenden , ohne mit sich zu streiten , zog er den Pelz an , nahm den Stock . Er kannte das an sich . Wenn es in ihm plötzlich stark nach etwas schrie , da half nichts . » Du gehst ? « fragte Lene verwundert . » Ja , ich will in Dumala nach dem Baron sehen . « - » Jetzt - plötzlich ? « - » Ja , jetzt - plötzlich . « Draußen vermochte er kaum drei Schritte weit zu sehen . Überall das weiße , kalte Fließen , das alles verhängte , in dem er allein war , ganz , ganz allein . Alles andere war ausgelöscht , selbst die Töne erstarben . Das tat wohl . Wie in einer Unendlichkeit stand er , kein Anfang , kein Ende . Hier , in dieser Einsamkeit mußte es gut sein , eines zu retten , das in Gefahr war . Heraus ans allem in diese kühle , weiße Einsamkeit mit ihm . ja , mit ihm , natürlich ! Werner lächelte höhnisch über die Schliche seiner Seele . Mit ihm ! Er war der rechte Retter ! So wollte ja wohl auch Behrent von Rast retten . Dumala fand er wie sonst . Die dunkle Zimmerflucht . Im Kaminzimmer saß Karola zu Füßen ihres Mannes und strich mit der Hand über die rote Decke auf seinen Beinen . » Bravo , Pastor ! « rief Werland . » Sie haben uns vernachlässigt . Ich sagte es schon , der Barmherzigkeitssport ist unserem Pastor zu anstrengend geworden . Setzen Sie sich . Erzählen Sie . « » Ja « , sagte Karola , » erzählen Sie , so von Waldhäuslern und Bauernhäusern , wo die Frauen schon um ein Uhr nachts ausgeschlafen haben , aufstehen und spinnen . Ist die Mutter Gehda gestorben ? « - Ja , Mutter Gehda war tot . Sie war ruhig eingeschlafen , auf dem Gesicht den verdrießlichen Ausdruck , den sie in der letzten Zeit hatte , weil sie sich über den Tod ärgerte . Dann erzählte Werner von dem Waldhüter , der von Wilderern erschossen worden war . Er erzählte langsam und umständlich . Er sah dabei auf Karolas Hand , auf die blitzenden Ringe , die die Decke auf und ab fuhren , er sah zu ihrem Gesicht , zu ihren Augen auf , zögernd , als fürchtete er sich vor etwas , das er dort finden könnte . Karola schaute nachdenklich in das Feuer , mit stetigen , seltsam schillernden Augen . Werner sah es diesen Augen an , daß sie ihm längst nicht mehr zuhörte . Sie war mit ihren Gedanken sehr weit fort . Als er kurz abbrach , merkte sie es nicht . Werland schlief . Plötzlich ging eine Veränderung über Karolas Gesicht . Etwas Gespanntes kam hinein . Sie blinzelte mit den Wimpern . Es war , als horchte sie angestrengt hinaus . Weit draußen kam ein Ton durch den Nebel , kaum hörbar . Aber Karola lauschte . Ihre Hand hörte auf , über die rote Decke zu streichen , und ein leichtes Rot stieg in ihre Wangen . » Hören Sie , Pastor ? « fragte sie . » Ja - ein Schlitten . « - » Rast « , sagte sie und lächelte . Es war unwürdig und lächerlich , sagte sich Werner , daß dieses Lächeln ihn so schmerzte . Rast kam , den Bart feucht vorn Nebel , die Augen voll von einem herausfordernden , frischen Glanz . Mit seiner lauten Stimme , seinem Lachen weckte er das stille Haus aus seinem Schlaf . » Solche Nebeltage sind tödlich « , sagte er . » Bei mir zu Hause - die Melancholie ! Da muß man zusammenkriechen . Herr Pastor , an solchen Tagen müssen die Seelen in Ihrer Hand weich wie Wachs sein , wenn Sie ihnen von Licht sprechen . Na , und Licht kommt doch in der Religion vor . « Er hatte viel erlebt . Jagden und Pferde wurden durchgegangen . Karola , von ihrem niedrigen Stühlchen , sah zu ihm auf , die Mundwinkel zu einem Lächeln bereit . In der Zimmerflucht wurden die Lampen angesteckt . Jakob brachte den Tee . Werland wurde auch gesprächig , er erzählte aus den Zeiten , da » ich noch meine Beine hatte « . Er neckte Pichwit , der zum Tee erschien und die Gesellschaft stumm und feindselig beobachtete . » Gedichtet , Pichwit , was ? Ich seh ' schon . Blaue Ringe um die Augen - immer ein Zeichen starker , lyrischer Erregung . « Er kniff ein Auge zu und kicherte . » Kommen Sie , Baronin « , sagte Rast . » Wenn ich eine Reihe erleuchteter Zimmer seh ' , muß ich darin auf und ab gehen . Ihr Saal hört ohnehin zu wenig Schritte . « Karola und Rast begannen in den hellen Zimmern auf und ab zu gehen , Schulter an Schulter , Karola sehr schlank in dem blauen Tuchkleide mit der langen spitzen Schleppe . » Gleich eifrig im Gespräch « , murmelte Werland . Die drei zurückbleibenden Männer sahen durch die Tür dem Paar im Saale zu , aufmerksam und schweigend , als sei es ein Schauspiel , als warteten sie auf etwas , das geschehen sollte . » Pichwit , « sagte Werland endlich , » gehn Sie mal in das Eßzimmer und schauen Sie nach dem Barometer . « Gehorsam erhob sich Pichwit und ging in das Nebenzimmer . Werland kicherte , beugte sich vor , flüsterte : » Oh , der paßt auf , wie ' n Hund . « Werner verstand nicht gleich . » Wem ? « » Denen da . « » Denen ? « Werland winkte , er sollte leise sprechen . » Ich will Ihnen mal was sagen , Pastor . Wenn der Pichwit verliebt ist , das ist in der Ordnung , das macht mir Spaß ; und Sie - « » Ich ? « » Gleichviel , sprechen wir nicht von Ihnen « , fuhr Werland ungeduldig fort . » Das alles ist nichts . Das muß eine Frau haben . Aber der da « , er zeigte mit dein Daumen zum Saal hin , » der - ist mir ungemütlich . Der versteht sich auf blaues Blut . Das macht mich nervös . « Werner fühlte es , daß er bleich bis in die Lippen wurde . Das ärgerte ihn . Er versuchte es , sanft und ermahnend zu antworten . » Ich bitte Sie , Herr Baron . Das wäre Ja eine grundlose Kränkung Ihrer Frau Gemahlin . « » Ba - ba - lieber Pastor « , unterbrach ihn Werland , » das ist französisches Drama : Mein Herr , Sie beleidigen mich . « » Es ist doch natürlich « , wandte Werner ein , » daß die Frau Baronin die