, für jeden Tag gerade nur immer eine erdige Wurzel . Und hier noch die Sonne , die über die ersten , seidigen Keime ihr Gold und ihr warmes Flimmern gegeben , und die sich nun forthebt , wie von einer kalten Husche staubigen Fegewindes verjagt . Aber Herr Selle kam nicht auf dem Wege . Er saß im Bureau und schrieb und verfügte . Und die Herren Lehrer blickten streng in die Bücher vor sich , daß nur noch Einharts Mitschüler eine ferne Ahnung besaßen von lockenden Dingen draußen , die Einhart hinausgerufen . Übrigens hatte Einhart eine ernstere Haltung angenommen . Eine Anwandlung von Würde schien ihn jetzt zu beherrschen . Nun er lose hintrieb , frei von der Last der Erinnerung , schien er ein sicheres , männliches Wesen sein zu wollen . Als er um die Straße beim Postgebäude hinschritt , sah er Mutter und die beiden ältesten Schwestern ahnungslos vornehm heranschreiten . Er konnte von einer unbegreiflichen Torheit sein . Die augenblickliche Lust machte ihn derart sorglos zuerst , daß er noch immer ruhig auf sie zuschritt . Wie er der Ameise am Baume oder auf seiner Hand nachgesonnen . Wie er seinen tastenden Blick von dem Geäst im Wasser führen ließ und nicht anders konnte , als bis er in jeden Zweig hineingeglitten und in jedem Blattbüschel gesessen und extra seinen Traum geträumt , wie ein Vogel oder eine Biene , so schritt er jetzt auf Mutter zu und sah und staunte innig vergnügt Johannas und Katharinas gemessenes Schreiten an , sich lächelnd in ihre Sittsamkeit einträumend . » Feine Damen , « dachte er nur . » Das sind feine Damen und sind deine Damen , « lachte er vor sich hin . Er hatte oft einen Zwang derart , daß er Dummes reimte . » Diese Damen sind in Hülsen eingeschnürt , und ich werde einfach an ihnen vorüberschreiten « dachte er nur . » So wie ich bin , werden sie mich gar nicht erkennen . Ich bin ja jetzt nur ein Zigeuner , « dachte er so hin . » Ein toller Zigeuner entpuppt sich nicht . Und wenn ihn Damen auch ansehen , als kennten sie ihn . Pah ! Das ganze , braune Gesindel wird um die hellen , feinen Damen herumschreien , und keine wird eine Ahnung haben , daß darunter auch einer Einhart heißt . Rabe wird er heißen , Habicht und dergleichen . Wie kämen solche feinen Damen in Schleier- und Federhüten , so groß wie Blätter vom Riesenlattig auch zu einem Zigeuner . « Unter solchem törichten Spiel von Gedanken in Einhart waren Frau Selle und die beiden großen Mädchen näher und näher herangekommen . Aber die drei Damen gehörten jetzt auch wirklich nicht zu einem Zigeuner . Sie gingen vornehm , ohne sich umzusehen . Höchstens noch warf Johanna einen flüchtigen Blick einmal in eine Spiegelscheibe . Jeden Sonnenstrich auf der heißen Straße überschritten sie ängstlich , nicht mit Freude , und eher wie eine Pfütze , in die man nicht hineintritt . Und hielten die Schirme steif aufrecht und die Blicke streng in die Ferne , ohne untereinander ein Wort zu sprechen . Da schoß es in Einhart neu auf wie ein richtiger Koboldsprung . » Feierliche , dumme Puten , « dachte er nur verächtlich . » Wie auf Stelzen ! Und nur Rosa hat Mut . Und auch Rosa ist feige heimgelaufen . Auch sie würde jetzt nicht mehr Kraft haben . « So bog er entschlossen in ein erstes , bestes Haus ein , noch ehe die Mutter und die beiden lichtgewandeten Fräulein sich recht ermannt und ihre von der heißen Junimittagsonne geblendeten Augen zu ihm aufgehoben . Und er lief dann , wie sie schweigend und rauschend an dem schmalen Türspalt , hinter dem er lauerte , vorüber waren , was er konnte dem Plane am See zu . 7 Die Mittagssonne brannte auf den Plan . Ein paar hohe Pappeln gaben scharfe Schattenstümpfe gegen das Wasser . Der Seespiegel lag träge und schwül . Die ältere , kirschenäugige Zigeunermutter hantierte im Wagen . Die junge Frau noch mit demselben blauen Leinenkittel hing in der beschatteten Wagenkelle und schlief über dem Kinde , den Brustknopf offen , daß das Fleisch heraussah . Die beiden braunen , lumpigen Dirnen lagen an der Böschung unter Weidenschatten und hatten sich umschlungen . Einhart sah sich nach den Männern um . Sie waren nicht sichtbar . Dann , wie er näher trat und scheu äugte , fast nun auf Zehen tretend , um die schwüle Ruhe nicht zu stören , sah er , daß einer im zweiten Wagen über Lumpen ausgestreckt sich dehnte , den Blick aufwärts in die Wagenplane . Ein paar kleinere Kinder regten sich daneben . Die Pferde schliefen und die angepflöckten Ziegen schliefen . Dann sah er draußen im Weizenfelde über den im Lichte schwimmenden Sonnenhalmen den dunklen Kopf Pavos heraufragen . Den Hutrand im Nacken mußte Pavo dort etwas tun , wie die Katze vor einem Mauseloch . Er starrte unverwandt auf die Erde nieder und rührte sich nicht . Einhart war es ein wenig unangenehm . Die Lage der Dinge war am Abend vorher eine ganz andere gewesen . Es schien ihm jetzt eine unglaubliche Verwandlung . Als wenn auch hier niemand mehr den andern kennte und sich an nichts aus jenem vorigen Leben erinnerte . Es war eine ganz andere Welt . Er mußte an sich herabblicken und fürchtete fast , daß man vor ihm erschrecken würde . Er lief , nachdem er erst von ferne noch eine Weile zugesehen , jetzt doch wie absichtslos vorwärts . » Ich komme einfach zufällig hier an den See « , dachte er vor sich hin . So ging er zwischen den Wägen hindurch . Aber erschrecken tat niemand . Die alte Zigeunermutter sah sich nicht mit einem Blicke um . Der Zigeuner im Wagen erhob mit lässiger Bewegung nur ein wenig seinen Kopf , ohne mehr als die beiden Hände dann in den Nacken zu legen und gleich zurückzusinken mit geschlossenen , schweren Augen . Einhart hatte den Hut in der Hand . Er hatte zu grüßen versucht . Aber keiner der Menschen hier , dem es eingefallen , seinen Gruß zu erwidern . Als wenn auch hier wieder alles gebunden wäre von der Sonne und der Ruhe , und nur noch die Insekten auf dem Wasserspiegel ewig wippten und tanzten . Übrigens ließ auch eine der Dirnen jetzt ihr eines Bein eine Weile sich in die Luft stellen und dann neu nieder fallen unter den Weidenbusch . Sie lag auf dem Bauche . Die andre Dirne hatte noch in deren Schatten sich gestreckt und ihr den ungekämmten Haarschwall ganz über den Rücken geworfen . Einhart konnte ein kaltes Staunen gar nicht loswerden . Wie er vom Wasserrande , von wo er immer nur wieder zu ihnen hingesehen , endlich näher an den Weidenhang trat , sah ihn auch die Dirne mit blinzelnden Augen an , die sich nur einen feinen Spalt öffneten . Ein verächtliches Lachen ging durch der Jungen achtlose Züge . » Ob sie mich denn nicht erkennen ? « dachte Einhart . » Freche Dirnen die , was soll das heißen ? « dachte er . Aber Lisa und Franziska dachten nicht daran , daß ein Abend gewesen , wo sie im Tanze mit Einhart gekreischt hatten und im Wirbel hingeflogen . Dachten nicht daran , daß es einen neuen Abend gäbe , wenn die Sonne erst in die ferne Welt hinabsank , einen neuen Abend und neue oder einstige Gefühle , als die der süßen Traumschwere und des glühenden , schwebenden , flimmernden , unentrinnbaren Junimittagssonnennichts unter schattenkühlen Weiden . » Pa-a-a-a , « sagte Franziska nur wie gehässig , als Einhart näher gekommen . Und Einhart sah nur immer , wie das nackte Bein , eins ums andre sich in die Luft hob und fiel in lässigem Takte , und hörte , wie wenn ein Lied in dem ganzen lumpenarmen , schlanken Leibe verächtlich hinsummte . Er hatte ewig gestanden . Er hatte es um sich wie ein Gewebe von feinen Fäden allmählich , die ihn einwoben . Wie er so hinträumte , daß eine Spinne eine Fliege einfange , um sie zu töten . Er mußte jetzt lächelnd auch an den grausigen Laokoon denken , der daheim unter mancherlei Kleinkram irgendwo auf einem Schranke stand , und der ihm immer ein wenig mißfallen , weil er sich so laut und aufdringlich , so klagend nur im Kampfe mit den Schlangen gebärdet . So etwas kann man nicht mit Klage und Mundverziehen lösen , mußte er jetzt wieder flüchtig denken . Wie er sich einen Sprung weiter ebenfalls unter ein Weidengebüsch niederließ , weil die beiden Zigeunerdirnen die verächtlichen Augen längst vollends geschlossen hatten , ohne ihn noch groß anzusehen , gingen die Schlangenbilder wieder nur in der sanften Gebundenheit unter . Es waren wirklich schwüle Zwänge , langsam . Wie eine Fliege im Netz däuchte es neu . Das kam auch , weil seine blinzelnden Augen , die immer noch einmal sehnsüchtig über die grünen Grashalme hin nach den jungen Körpern und den wippenden Beinen sahen , über tausend blinke Fäden nun wirklich blickten , die auch im Blattwerk und unter den Ästen des Weidenbusches hingen und überall zitterten . Die rauhe , junge Stimme der einen Dirne sang und summte ohn Unterlaß verächtlich vor sich hin . Man hörte keine Worte , lange . Nur das dumpfe Gesumm . Ein Fisch schnalzte im Wasser . Einhart sah , daß am Ufer die Wellen sich in feinen Linien belebten . Ein großer Karpfen versuchte ein paarmal ins Licht zu springen . Und von unter Wasser her schienen die Rückenflossen in Phalanx geordnet und vorwärts ziehend sich in die Oberfläche des Spiegels sanft einzuritzen . Goldene Stäubchen und Flitter rieselten und rannen in seltsamen Kreisen und Garben unaufhörlich lautlos hin . Die leiseste Bewegung gab ein ewiges Erzittern . Wer begreift das schweigende Lichtleben , der es geblendet so hinträumt . Es war nur Wonne und Frieden . Die trägen Dirnen lagen und schliefen . Immer klang nur die feine , schwermütige , rauhe Weise , die hinpsalmodierte . Worte waren es nicht . Einhart hatte die Augen geschlossen . Zuerst geblendet , dann im Einsinken . Aber er lauschte tief auf den Sinn . Er hörte jetzt noch feiner . Er lag gar nicht mehr er , nur eine müde , süße , schlaftrunkene , rauhe Weise . Auch die Flüsterlaute vom See waren ganz scharf hörbar geworden . Die Wellen schienen sich zuzulächeln . Die Fische begannen in Einharts Augen zu spielen und einen Zirkus zu machen im Sommerwasser . Der große Karpfen , der Akrobat , hatte eine Korona von Fischaugen um sich . Alle sahen ihm zu . Er war einfach viele Meter in die Luft gesprungen . Und wie sie alle , die Fische , mit ihren Leibern aneinander schnellten und schlugen und lachten wie von metallenen Becken ! Und immer klang auch der rauhe , träge Sang , und immer fiel jetzt das nackte Bein nieder , eintönig genau , in die weichen Gräser . Auch die Worte formten sich jetzt : Die Sonne blinkt . Die Stille klingt . Was geht ' s mich an ? Die Sonne blinkt , und mein totes Herz kaum träumen kann - - kaum träumen kann . Geh fort , du Tor ! Ein Bienlein zuckt . Was Hab ich dir getan ? Die Sonne blinkt . Mein Herz ist tot - oder schläft ' s ? Was geht ' s mich an ? Franziska hatte die Worte wirklich gesungen . Und Einhart war fest und immer fester eingeschlafen . Und er erwachte nicht . Erst am Abend hatte er ein lautes Geplätscher in seinem Traum gehört und wie ein freches Hohnlachen . Aber er hatte es lange nicht erklären können . Er hatte im Traume vor seinem Vater gestanden . Und sah , wie er die Augen endlich auftat , noch immer nicht die Welt , nur das Wasser im Abendglühlicht und den glühen Himmel . Aber dann erkannte er doch gleich , daß er allein war und der Plan völlig leer . 8 Einhart lag noch immer an der Böschung am See neben ein paar Weidenbüschen , die jetzt blendend durchglüht waren , daß sie in rätselhafter Körperlichkeit aufragten . Er begriff nicht , wie er alles hatte verschlafen können . Der Plan war tatsächlich leer . Das Lachen , das ihn geweckt hatte , mußte draußen vom See gekommen sein . Ein Kahn in samtschwarzer Silhouette schwamm in dem Funkelgewässer , in den blutroten Tinten und düsteren Schattenflecken oft fast unkenntlich aufgelöst , daß der Blick ihn eine Weile geblendet nicht ausfand . Die Zigeuner waren fort . Einhart war in einer seltsam schmerzlichen Erregung , die ihn wie im Bann an der Erde hielt . Bis er endlich auf die Beine gesprungen . Er sah sich nach allen Seiten um . Der Plan war tieferglühend , wie von innen , auch alle die alten Reste Stroh und Lumpen , die noch herumlagen . Aber es war totenstill . Einhart hatte seinen Hut im Schlafe vom Kopfe gestoßen , und er sah ihn jetzt nur ein wenig tiefer am Ufer liegen . » Mein Gott , « sagte er vor sich in . Er war zuerst richtig kummervoll . Alles , was er erträumt hatte , ging ihm noch einmal im Auge vorüber wie ein ganzer , langer Festzug . Er hatte den Hut aufgenommen , in dem Ameisen herumkrochen , und begann ihn , den Blick in die Weite gerichtet und in sich sinnend , achtlos auszustöbern . Dann fühlte er auch , daß er sein Frühstücksbrot noch in der Jackentasche mit sich trug . Nun also konnte er ins Unbestimmte vorwärtsgehen . Daß er eine Heimat und Eltern hatte , kam ihm jetzt nicht mehr in den Sinn . » Da hinaus ! « dachte er nur , indem er der Chaussee zulief . Er hatte gleich wie eine Witterung . Das Frühstücksbrot vom Morgen hatte er aufgeklappt und flüchtig gesehen , daß ein Stück Käse dazwischen lag . Aber er nahm sich nicht die Zeit , zu essen . Ein alter Bauersmann im Rundhut kam die Straße her , als Einhart versuchte , im Erlengesträuch am Wege einen Wanderstecken abzureißen . » Ach , entschuldigen Sie ! « rief er dem Bauern zu . » Wissen Sie vielleicht ? « Aber der Bauer hielt sich gar nicht daran . Er lief weiter , als wenn kein Laut an sein Ohr gedrungen . Dann sah Einhart deutlich die Spuren , wohin vom Plan aus die Wagen der Zigeuner sich gewandt hatten . So lief er . In Einhart war mit dem Hantieren schon in den Erlenbüschen ein fröhliches Erregen aufgewacht . » Vielleicht wird die Horde überhaupt noch nicht lange wieder auf dem Wanderwege sein , « dachte er nur . » Sie sind sicherlich erst in der Abendkühle aufgebrochen , « dachte er bei sich und nahm immer bestimmtere Schritte . Einharts Schreiten war wie das jedes Menschen eine Besonderheit . Wer viel träumt , lebt viel in sich tief geborgen und abgekehrt . Die Beine gewöhnen sich dann so lässig und gerade nur zum Halte hinzupendeln . Auch wenn da einmal Sehnsucht und brennender Vorwärtsdrang aufflammt und sie zu treiben beginnt . Wünsche und Triebe , die alle hinaus sich wenden , verlieren nicht lange doch wieder in neuen Visionen alle Macht , und die Beine beginnen bald ihr altes Spiel . So war es auch hier , daß Einhart durchaus nicht schnell und eilig vorwärtskam . Außerdem lagen die Felder fast im Dämmergold , weil der Abend erblichen . Die roten Mohnblumen glühten noch für sich heraus wie heiße Flammen , und der Frieden der Welt summte in Mücken und allerlei grauem Getier um seine Wege . So wiegte und schwankte er nur lässig unter den niedrigen Kirschenästen hin , ohne daß groß mehr als eine drollige Wißbegierde aus Sinn und Augen in die Dunkel der Ferne dann und wann voraussprang , und eine Freiheit und unerkanntes Erschauern ihn im Blute erfüllte . Aber er kam doch vorwärts . Die niedrigen Birn- und Kirschbäume an der Chaussee begannen ihren glühenden Schein an Stamm und Blattwerk ganz zu vergessen und kühl auszusehen . Es gingen wie leise Geflüster hindurch und strichen wie weiche Genien die fernen Felder . So von Schemen umhaucht und hingezogen im friedsamen Dämmerluftkreis , gingen die Stunden wie Minuten ungehört und wie in vollem Traume . Daß es längst Nacht geworden . Daß er endlich in der tiefen , einsamen Nachtstille fern den Dunkelwald sah , der unter einem bleichenden Mitternachtschein ragte . Daß er Feuer am Waldsaum aufflammen sah und Gestalten im Schattenkreise sich bewegen . Einhart weckte fast plötzlich ein Schreckgefühl . Er begriff einen Augenblick jetzt seine ganze Lage . Er war erst jetzt einmal wieder noch ganz der Einhart Selle , des Herrn Geheimrat Selle Sohn . Außerdem dachte er flüchtig liebend an die Mutter und an Rosa . Er war stehengeblieben und zögerte , indem er jetzt auch in die Welt oben sah und mit dem Blick in den Sternen hing . » Ach , diese Welt ! « dachte er und staunte er , und ging ihm tröstend durch den Sinn , flüchtig froh , so daß Vater und Mutter und Rosa gleich auch wieder mit versunken waren . Daß er dann sich sehr ruhig am Chausseegraben niederließ , jetzt sein Brot gelassen aus der Tasche nahm und hineinbiß . Seine Gedanken sprangen jetzt an allen Helligkeiten der Nachtwelt um wie belebt . Schon wie diese Kornfelder bis zum Walde hin bleich aussahen , wogende , blaßgoldne Vließe . Stets hatte er in seinen Träumen auch immer wie ein Skizzenbuch vor sich . Jetzt in der Nacht konnte man natürlich nichts aufzeichnen , dachte er . Dann hatte er ja auch gar nichts bei sich dergleichen . Er mußte geradezu laut auflachen . » Ich würde sonst nicht zu ihnen finden , mich einfach verträumen , wie dort verschlafen ! so ein Dummkopf wie ich ! « dachte er vor sich hin . Dann hörte er eine Stimme vom Walde her . Noch einmal . Der Frieden der Nacht trug sie herüber . Das machte ihn heiter auffahren , daß er große Bissen aß , unterdessen er schon dem Walde zulief . Die Feuer waren nahe , wie gelbe Wunderblumen in dem blauen Tiefdunkel der nächtigen Waldschatten . Als wenn große Blütenblätter , nur aus Schein gewoben , hastig eilten und flüsterten , dann und wann goldne Funken himmelan wehend . Einhart schlich am Waldsaume im Grase hin . Leise kam es von den träumenden Nachtwipfeln wie Atemzüge und fernes Verrauschen . Dann stand er ganz nahe und konnte den jungen , schönen Zigeuner betrachten , der gestern im Taumel der ärgste war . Hingelümmelt , in einem Strauchschatten halb geborgen und das Gesicht von Lichttupfen sanft überflackert , schien er vor sich zu träumen . Oder er hatte die Augen ganz zugetan ? Einhart traute sich nicht heran . Alle schienen zu schlafen . Ein schwarzer Topf hing über dem Feuer . Die Kinder waren wohl in den Wagen geblieben . Oder nein ! - Einhart schlich , daß der Waldgrund kaum knisterte , näher . Man lag wie Dunkelflecken herum . Um die Ecke am zweiten Feuer lagen zwei Männer , die im Scheine mit Karten schlugen und nicht sprachen , nur dann und wann murrten . Das Feuer brannte ihnen helle Farben an , daß die Köpfe aus der Dunkelnacht glüh herausragten , sinngebunden und achtlos . Die beiden Zigeunerdirnen schritten behutsam aus einer Schattenecke . Oh ! es war nur Franziska , die Ältere , und ihr Luftbild , das vom Feuerschein geweckt in den nächtigen Wiesennebeln mitging . » Du ! « sagte sie ganz leise und zärtlich , » ach , du ! « - » Nein - nein - nein ! « sagte sie ganz verhalten , offenbar von dem Wunsche getrieben , dem rätselhaften Nachtgetümmel der Träume um Stamm und in den Kronen , in den Silberflächen der weiten Nachtfluren und Felder , in dem bleichblauen Sternengrund und dem schlafenden Lager rings nichts zu rauben . Und sie drängte Einhart ohne Hast , ganz kindlich gelaunt , tiefer in den Wald hinein . Einhart begann das Herz lauter zu schlagen . Er hatte noch nie ein fremdes Mädchen so nahe gefühlt . » Da mußt du nur nicht dich rühren ! « sagte sie . » Ganz nur stille sein , du kleiner Herr ! « sagte sie eilfertig und mußte lachen . Aber niemand im weiten Walde hörte ihr Lachen , als nur der Silberschein , der ihnen zu Füßen in das Nachtgras glitt . Einhart sah das dunkle Mädchengesicht , das jetzt auch ganz silbern umflossen war , nahe vor sich . Er fühlte den weichen , schmiegsamen Leib ganz nahe , daß ihm das Herz bis zum Springen schlug , rätselhaft und froh . Die lachende Dirne hing an seinem Halse und preßte ihn . Sie küßte ihn leise auf den Mund . Sie atmete nicht . Wie zu einem unbegreiflichen Zauber sog sie sich lieblich und zärtlich nur immer fester und fester an seine Lippen . Einhart hatte nie begriffen , was küssen ist . Niemals hätte er seine Schwestern küssen mögen . Da hätte er einfach lachen gemußt . Er hatte höchstens einmal die Backe drollig hingehalten , wie wenn er rasiert werden sollte , daß dann Frau Selle der Backe einen Klaps und einen Kuß zusammen darauf gab . Nun erregte es ihn unglaublich froh , wie sich die kleine Lacherin inniger und inniger ansog . Es schmeckte wie Walderde und Harz . Und wie er stumm lächelte , sog auch er . Daß er den Atem nicht atmete . Daß er das Leben nicht lebte . Daß die Stunden der Nacht ungehört und unbegreiflich gingen . Ein Geschrei störte sie . Einhart war , als die Lippen auseinander sich lösten , eine kleine Böschung erschreckt hinabgeglitten , gerade als der Schrei sich neu wiederholte . Das Mädchen sprang fort . Die Alte hatte nach ihr gerufen . Dann lag Einhart einsam die Nacht in einem Leben und in einem Lieben ohne Ende , und flog in Träumen , und sah , wenn er die Augen rätselhaft auftat , die Sterne im Räume schweben und hörte nicht Menschenlaut rings , nur die Tannenkronen ziehen und leise raunen , und eine fremde Nachtstimme schrillen , gleich neu aufgesogen , weil ein Sturmstoß in den Wipfeln sich verfangen und wer weiß welchen Vogel geweckt hatte , der sich aufhob . Am Waldrande verglühten die Feuer kaum noch in der Asche . Die Pferde lagen hingestreckt . Die Menschen lagen hingestreckt . Alles schlief . 9 Einhart war nicht zur Salzsäule bestimmt . Zurückblicken war gar nicht seine Sache . Er war wie ein Kind vor reichen Tafeln . So lange er Augen und Sinne reichlich voll hatte all der schönen Dinge , wenn braune Zigeunermänner verächtlich und hart aus den Wagenkellen und unter den halberhobenen Planen der Wagen schreiend sich streiten , und die kleinen bissigen Pferde nach Fliegen oder sonst um sich schlagen , die halbnackten , verwahrlosten Weiber gleichgültig geschäftig und die lumpigen Dirnen sanft ohne Maß neben einem schlendern mit Ziegen am Stricke , da war Einhart heimlich zum Jauchzen sogar , zum in die Lüfte springen zu Mute , und er gab seiner Laune auch durch allerlei Drolligkeiten Ausdruck . Schon daß er noch viel toller wahrsagen konnte , wie die Dirnen , nicht nur aus den schwieligen , dünnen Händen , aus den Wärzchen am Halse , aus den knisternden Haarsträhnen , in denen Strohhalme hingen , und aus den langen Zehen von Lisa , die ihm wie feine Finger schienen , und aus dem Finken- und Starenflug über den Ebereschkronen der staubigen Landstraße , auf der sie Stunden schon hingezogen , das amüsierte die Zigeunerkinder und scharte sie um ihn . Und Einhart konnte nicht satt werden , sich umzublicken in die Lande , wo die reifenden Felder in Sonne gebreitet lagen , die fernen Kirchdörfer mit roten Dächern und Türmen und Kreuzen darauf im Baumwerk glänzten und leuchteten . Konnte nicht satt werden , dienstwillig einher zu eilen , wenn man am Straßenrande im Baumschatten ruhte , und es galt die struppigen Pferde zu tränken , Wasser herbeizuholen oder sonst Handreichungen zu tun . Man hatte an einer Windmühle auf einsamer Höhe Rast gemacht . Der Wind hier oben hatte das Gefühl der Schwüle , das Einhart ein paarmal unterwegs wie flüchtig den Atem genommen , trotzdem sein Gesicht frisch und feucht und vergnügt immer vor sich hin gelächelt , längst genommen . Und es konnte für ihn jetzt nach getaner Arbeit nichts Schöneres geben , als so unter Glockenblumen und Schierling und allerlei gelbem Blühwerk hingestreckt liegen , während Käfer und Spinnen an Halmen herumkrochen , und die Sonnenstrahlen sich unter das kleine Grasgeräume stahlen , so alles nacheinander gespannt anzustaunen , auch den blaßblendenden Himmel oben , und das faule , braunäugige Dirnenvolk mit seinen losen Heimlichkeiten daneben , die sich achtlos enthüllten . Wie im Himmel kam sich Einhart vor . So hatte er sich das Leben gedacht , so und nicht anders . Durchaus nicht faul . Müde wurde man . Zu tun gab es genug unter dem Wandervolke . Auch Kinder und Dirnen hatten genug zu tun gehabt , ehe sie dem alten , weißen , geizigen Griesgram von Müller den Eimer Mehl abgebettelt , der jetzt von den Müttern zu Brei zusammengerührt und mit Kräutern verspeist werden sollte . Hier gab es doch wirklich einmal ein seliges , Einsaugen der Welt . Hier lag man einmal ohne allen Anspruch . Hier stampften die Pferdehufe eintönig in die tiefe Sommerstille , und auch die Männer , die aus den halberhobenen Planen den ganzen Weg hinausgeschrieen und sich zugelärmt , waren hier still und träge hingelagert . Und man genoß wirklich , wie wenn man die Welt unter den Füßen in erhabener Höhe lebte . Einhart dachte jetzt auch , als er so dalag , daß das Geschrei und die Stimmen , die hart und unbarmherzig in die Lüfte gehallt , nur aus Gewohnheit kämen , weil sie immer das Gerassel der Wagen übertönen müßten . Er liebte die Leute . Freilich hatte er sich schon am Vormittag ein wenig erschrocken mit einfältigem Lachen im Gesicht , weil der eine alte Zigeuner , der ihn übrigens , wie die Männer alle , wie Luft behandelt , frech und rücksichtslos unter die Dirnen mit der Peitsche hineingeschlagen , immer wieder neu , bis sie sich trotz deren anfänglicher Bosheit und Störrigkeit aus Einharts Nähe eine Weile zurückgezogen . Es hatte ein Aufheulen der Kinder und ein Gekreisch unter den Müttern gegeben . Franziska hatte einen Hieb mitten über die Backe unversehens aufgefangen . Und das Gesicht war sogleich blau angeschwollen . » Ein Vieh ! « hatte Einhart plötzlich auch in diesem Augenblicke ausgestoßen . Nichts sonst . Denn beim Weiterfahren in das nächste Dorf hinein hatte man davon schon nichts mehr gewußt . Da war es nur hurtig weiter gegangen , alles nur mögliche in die Wagen geborgen , Vieh und Menschen . Da waren die Wagen hart den Berg hinabgerasselt , die kleinen , grauen , schwitzigen Falbratten davor galoppierten , und man saß untereinander und lachte und trieb tausend Kurzweil im Dehnen und sich lässig Gedanken machen . Nie hätte Einhart jetzt daran denken können , daß der seltsame Traum , den er so hinlebte , einmal könnte ein Ende nehmen . Er stand schon wieder und kühlte am Wassertroge im Hofe des Dorfkretschams , wo man untergekommen , Franziska die blaue Schwiele , als ihn ein Gendarm unsanft am Arme riß und ihn auch gleich ohne rechtes Besinnen seinerseits mit fortgenommen . Und damit war Einhart ebenso unversehens bald wieder daheim . Denn es hatte gar keine Reden gegeben , auf die der Gendarm nicht mit aller Strenge und höhnisch herabgesehen . Und etwa zu leugnen , daß er Einhart Selle war , war Einhart bei dieser Überrumpelung gar nicht richtig in den Sinn gekommen . Man hatte ihn anfangs sogar gebunden . Aber Einhart hatte dem Gendarm einfach erklärt , daß er durchaus nicht entweichen und ruhig mitkommen würde . Er fühlte sein Gewissen ganz rein und fand es sogar in seiner Art nicht ohne Reiz , einmal die Welt auf diesem Rückwege der Enttäuschung anzusehen . » Her als Freier , hin als Gefangener , « so phantasierte und lächelte er vor sich hin und belustigte sich heimlich noch gar über den grünen Laubfrosch von Gendarm , der in ganzer Würde neben ihm schritt . Nicht groß Rückschauen gab es und nicht groß Vorschau . Daran nur einstweilen ganz noch ins Unbestimmte beteiligt . Er mußte an Rosa denken , der er alles erzählen wollte , und vor allem der Mutter . Das machte sogar eine flüchtige Neugier , wie ihn die daheim ansehen würden . Wenn Herr Selle graue Miene machte , war das nichts Neues . Daß da etwas sonst geschehen könnte , ahnte Einhart mit keiner Silbe . Aber die Sache war als Wirklichkeit doch sehr unangenehm . Erstens einmal war eine ganz fremde Kälte schon in den Schwestern , die zufällig im Korridor standen , als man ihn heimbrachte . Keine hatte gewagt , ihn zu begrüßen . Nur mit Kopfnicken von ferne , nur ganz steif , und als wenn jede ganz beschämt wäre . Er hatte ihnen zugelächelt , da er ja doch noch immer derselbe Einhart war . Aber da hatten ihn Johanna und Katharina und Emma noch seltsamer und steifer angesehen , ohne zu erwidern