ich laut auf Fasching und Fabel ! Das hattest du ja alles nur in sie hineingedichtet : die Schicksalsstunde der Verlobung , ihre Hoheit , ihre Größe , ihren Seelenadel , ihre Liebe , ihre Freundschaft . Imago lebt nicht als einzige in dir ; die menschliche , leibliche Theuda aber ist eine Verschiedene , eine Fremde , namens Ix ; und zwar ein unbedeutendes Vögelein , wie deren in jeder Stadt zu Hunderten piepsen . Ich hob die schamlose Karte wieder auf und roch daran . Kein Zweifel , ganz deutlich , sie roch nach Gewöhnlichkeit . Genau wie die andern : war entschlossen , überhaupt zu heiraten ( vermutlich nach einer unglücklichen Liebe - der Weg zum Altar führt ja bei den Frauen meistens über das Grab des Herzens - ) , von einem Schwarm verhaßter Bewerber bedrängt , sieht sie in mir , dem fremden Neuling , einen Erlöser , findet mich annehmbar - glaube schon - erhält mich nicht , um so schlimmer , so nimmt sie eben in Gottes Namen einen andern . So geht es gewöhnlich , so ging es auch mit ihr , der Gewöhnlichen . Fort mit ihr ! Jüngferlein Ix , dein Name lautet : nicht vorhanden ! Zum Beweis dafür , schau her , was ich mit dir mache . So mache ich mit dir ! Zerriß die Karte und warf die Fetzen in den Papierkorb . Und jetzt wollen wir mit deinem hübschen Lügenlärvlein also tun . Nahm das Bild hervor , um es gleichfalls zu zerstückeln . Zum Abschied aber mochte ich es vorher noch einmal anschauen . Also diese tiefsinnigen schwermütigen Augen trügen ; der ganze Adel dieses Schönheitsfrühlings ist gemeiner Jugendspeck ! Da fing das Bild bitterlich an zu weinen : » Nein , ich lüge nicht « - weinte es - » denn damals , als dieses Bild mich spiegelte , dürstete meine Seele wahrhaftig nach Hoheit ; diese Augen , die dich anblicken , schauten einst nach dir ; dein dachte mein Wunsch , dein sehnte meine Hoffnung . Eine andere , spätere , mit deren Taten ich keine Gemeinschaft habe , hat dich verraten . Jedoch nicht aus niedriger Gesinnung , sondern eitel aus Schwäche und Kleinheit . Und wer weiß , vielleicht kommt später einmal eine Stunde , da sie sich besinnt , sich erinnert , sich ihres Abfalls schämt und zu dir zurückkehrt , mein Angesicht entsühnend , damit es nicht mit gebrandmarkter Schönheit schmachvoll in die Welt schaue wie ein gefallener Engel . « Da erbarmte ich mich des Bildes und hob es andächtig auf , wie das Bild einer Verstorbenen . Der andern aber , der Neuen , der Treulosen , erkannte ich den lieben Namen Theuda ab und nannte sie fortan Pseuda , das heißt : die Falsche . Jenen Abend , als ich wie gewöhnlich spazieren ritt ( wohlverstanden , auf einem wirklichen , leibhaftigen Pferde ) , hörte ich jemand hinter mir reiten . Ich wußte , wer es war , denn ich hatte sie erwartet . » Imago « , mahnte ich , » was reitest du hinter mir ? und kommst nicht an meine Seite ? « Sie antwortete : » Weil ich jetzt deiner unwürdig bin , da ich die Gesichtszüge einer Treulosen trage . « Ich sprach : » Imago , meine Braut , du trägst nicht ihre Gesichtszüge , sondern jene trägt fälschlich die deinigen . Darum komm an meine Seite , dein Antlitz sei mir gesegnet ! « Da ritt sie an meine Seite , verbarg jedoch ihr Gesicht mit den Händen . Ich aber entfernte ihr sanft die Hände vom Gesicht . » Siehst du , wie du schön bist und groß und seelenvoll ! Darum schaue mich frei offen an , unbekümmert um dein unwürdig Urbild , so wie auch ich mich nicht darum bekümmere . « Jetzt schaute sie mich offen an , dankend mit den Augen , und wir begannen wieder zu singen wie vordem . Und ihre Stimme klang noch schöner als zuvor ; allein mit wehmütigem Ton , wie wenn ein Unschuldiger leidet ; so daß es einen zu Tränen hätte erbarmen mögen . Plötzlich jedoch , mitten im Singen , brach sie ab , mit einem gurgelnden Schrei , preßte die Lippen zusammen wie ein sterbender Engel und wankte im Sattel . » O wehe mir ! « klagte sie , » es hat mir jemand einen häßlichen Stoß versetzt , so daß ich krank bin und die Stimme nicht mehr schwinge . Darum laß nun ab von mir , Viktor , und suche dir eine frische Imago ; eine , die da gesund und kräftig ist und ein unbescholtenes Gesicht hat , damit sie dir jauchze und singe , dir zur Süßigkeit und zum verdienten Lohne . « Ich rief . » Imago , meine angelobte Braut , man läßt nicht von der Freundin , weil sie krank ist . Denn ich habe einen Bund mit dir vor dem Odem meiner Strengen Herrin geschlossen , also , daß mir dein Antlitz das Sinnbild alles Edlen und Hohen bedeutet . Darum höre , was ich dir verkünde : Dafür , daß du krank und traurig bist , dafür ist meine Liebe zu dir noch vielmal größer als ehedem , als du in Freuden und Seligkeit an meiner Seite jauchztest . « Sie sprach : » O wehe dir , Viktor , daß du nicht von mir lässest ! denn ich kann dir fortan nichts mehr bringen als Herzeleid . « Ich erwiderte : » So bring mir Herzeleid , Imago , meine edle Braut . Ich aber lasse nicht von dir . « Also erneuerte ich den Bund mit der kranken Imago ; und war alles wie vorher , nur daß ihre Stimme verstummt war und ihre Augen schmerzlich blickten . - Und also ist es geblieben bis auf den heutigen Tag . Und sie ist meine Braut , und ich lasse nicht von ihr , und sie ist mir tröstlicher als alle Reichtümer der Welt , ob sie gleich stumm und krank ist . - Heida ! Mut , Trotz und Freiheit ! Mein ist die Strenge Frau , mein ist Imago ; jene für mein Werk , meinen Beruf , meine Größe , diese für meine süße Liebe ; der Rest ist Unrat . Der irdischen Weiber scherz ich ; ein Trunk am Wege , genossen , verdankt und vergessen . Ich sehe ihrer mancherlei , lichte und dunkle . O lecker die lichten , o Wollust die dunklen ! doch ihren Namen unterscheide ich nicht . Nur einen einzigen Namen habe ich mir gemerkt : das ist Pseuda , namens Ix , die Kleine , die Abtrünnige , die mir Theuda betrübte und Imago kränkte . Unter mir die Rache ! eines bloß begehr ich von ihr zum Entgelt : sie einmal , nur ein einziges Mal wiederzusehen , um zu erfahren , wie eine Treulose in den sauberen Tag schaut , um zu erleben , daß sie die Augen vor mir niederschlägt . Dies ist mein gutes Recht , das sei ihre verdiente Strafe . Damit genug ; wohl bekomm ihr der Sumpf , Gott segne ihre Ehe . Hiermit bin ich fertig , und da ich fertig bin , höre ich auf . Ihr getreuer Viktor Dies Bekenntnis schob er noch in der nämlichen Nacht eigenhändig in die Brieflade . Und am folgenden Morgen schon , mit der Elfuhrpost , erhielt er der Freundin Antwort : Verehrter Freund ! Ich habe Ihr erstaunliches Bekenntnis , dessen Mitteilung ich Ihnen als einen Beweis des Vertrauens verdanke , mit der gebührenden Andacht gelesen . Ehe ich indessen auf den Inhalt eingehe , lassen Sie mich zuerst etwas Störendes beseitigen ; es brennt mich auf der Zunge , ich will es daher gleich erledigen : nicht wahr , es ist nicht Ihr Ernst , eine Frau durch einen Vorgang gebunden zu glauben , von dem sie nichts weiß und auch nichts wissen kann ; einen Vorgang , der einzig in Ihrer Phantasie geschah : durch ein erträumtes Verlöbnis , mit einem Wort . Das tun Sie nicht , das können Sie nicht tun , weil es ebenso unvernünftig wie unbillig wäre . Den häßlichen Namen Pseuda , lieber Freund , verdient Frau Direktor Wyß nicht ; denn wenn es eine Frau auf Erden gibt , die offen und wahr ist , so ist sies . Zur Größe wollten Sie sie verpflichten ? Ich weiß nicht , ob Frauen überhaupt der Größe fähig sind - wir haben andere Eigenschaften - aber gesetzt , sie wären dessen fähig , wer ist denn zur Größe verpflichtet ? Die bedauernswerte Menschheit , wenn Größe Pflicht wäre ! Frau Direktor Wyß ist wie jede andere , wie ich , wie wir alle , dazu erzogen worden , einem braven Manne eine treue Gefährtin zu sein , und diesen Beruf erfüllt sie aufs beste , sich zum Frieden , ihren Nächsten zum Glück , den übrigen zur Erbauung . Ich kenne in der ganzen Stadt keine tugendhaftere , treuere , selbstlosere Gattin und bessere Mutter . Ich muß mich daher nochmals dagegen verwahren , daß jemand ihr zumutete , die Augen niederzuschlagen . Das braucht sie nicht zu tun , und , beiläufig bemerkt , das wird sie auch nicht tun ; verlassen Sie sich darauf . Zugegeben , daß vielleicht eine andere Frau den Zauber der Parusie mitgefühlt hätte - es müßte freilich eine Frau von seltenen Eigenschaften sein , und sie müßte Sie mit allen Fasern ihres Herzens geliebt haben . Allein sie hat nun einmal die Parusie nicht gefühlt , und es war auch keineswegs ihre Pflicht , sie zu fühlen . Dies vorausgeschickt , fange ich nochmals von vorne an . Ja , mit wahrer Andacht habe ich Ihr Geständnis gelesen ; ergriffen und verwirrt , erschrocken und erhoben . Ich besitze nicht die gehörige Gabe von nüchterner Vernunft , auch nicht das nötige Maß von Verständnislosigkeit , um mich über die ungeheuerliche Vermengung von Phantasie und Wirklichkeit aufzuregen . Obschon ! was sind das für Sachen : Theuda , Pseuda , Imago ( Fräulein Ix will ich Ihnen noch schenken ) , drei Personen mit einem einzigen Gesicht ! Die eine existiert nicht , die andere ist tot , die dritte ist nicht vorhanden , und jene , die nicht existiert , ist krank ! Wenn nur das Herz nicht Mus macht ! ! Mir stockt einfach der Atem ; ich weiß nicht recht , ob mehr vor Furcht oder vor Ehrfurcht . Sie sind - verzeihen Sie , ich weiß , Sie hassen den Namen , aber ich kann Sie doch nicht Rabbi nennen - Sie sind , ob Sie sich noch so sehr dagegen sträuben , ein Dichter . Wenn Sie übrigens lieber ein Seher oder Prophet heißen wollen - Ich habe Ihr Hohelied von Imago mit dem frohen Staunen gelesen , wie man ein Großwerk der Poesie anhört , bin auch im Innersten davon überzeugt , der Dämon , von welchem Sie besessen sind , mögen Sie ihn nennen , wie Sie wollen , Imago oder Strenge Frau oder sonstwie ( er wird wohl ein naher Verwandter des Genius sein ) , ist heiligen Ursprungs . Denn das steht bei mir fest : etwas , dem ein erwachsener Mann , so überlegen gescheit und verständig wie Sie , sein Liebesglück zum Opfer bringt , ist kein Irrwisch . Kurz , ich glaube an Ihre Strenge Frau und auch an Sie , mein lieber Freund , an Ihr Werk , an Ihre künftige Größe , die ich bisher bloß gehofft und ahnend vermutet hatte . So sehr glaube ich daran , daß mich Ihre Erzählung mit reinern Seelenglück erfüllen würde , wie das Erlebnis eines unsterblichen Kunstwerkes , wenn ich nicht zugleich Ihre Freundin wäre , wenn ich nicht durch meine herzliche Teilnahme gezwungen würde , auch an Ihr menschliches Heil oder Unheil zu denken . Schrecken aber erfaßt mich bei dem Gedanken , was Sie leiden werden , wenn Sie mit Ihrer schönen Phantasiewelt ( verzeihen Sie einer Frau den Romanausdruck ) an die harte Wirklichkeit stoßen ( o weh , aber ich finde kein anderes Wort ) ; und nur eines wundert mich , daß der grausame Stoß nicht schon längst erfolgt ist . Müssen das seltene Menschen von zarter Seelenfeinheit gewesen sein , unter denen Sie in der Fremde wohnen durften , daß Ihnen vergönnt war , sich dermaßen ungehindert und ungestraft in eine Idealwelt einzuträumen , zumal im Gewühl einer großen Stadt ! Schwerlich rate ich fehl , daß es eine Frau war , und zwar eine hochsinnige Frau von außerordentlichen Eigenschaften , deren Sorge über Ihren Weg wachte . Ich würde solch ein dauerndes Phantasieglück mitten unter den Menschen überhaupt nicht für möglich gehalten haben , wenn Ihre Schilderung mirs nicht bezeugte . Ich bewundere die Willenskraft , die Treffsicherheit , mit welcher Sie unter der Leitung der Strengen Frau Ihren Lebensweg im verworrensten Dickicht zurechtfinden ; allein , verzeihen Sie , ein Fehler läuft doch mit unter . Sie sind hier , und Sie sollten nicht hier sein . ( Nicht wahr , Sie mißverstehen mich nicht ? Ich denke eben nicht an mich , sondern an Sie . ) Gestatten Sie mir , daß ich mich durch die Miggimaggi Ihres Herzens nicht täuschen lasse : Sie wollen Frau Direktor Wyß einfach wiedersehen . Und warum wollen Sie sie wiedersehen ? Weil Sie sie nicht vergessen können . Das ist bedauerlich ; ich hätte Ihnen gewünscht , Sie könntens ; denn das Nachsehen nach etwas , was man endgültig weggegeben hat - Sie sehen , ich unterstreiche das Wort endgültig - bringt nur unnützes Augenweh . Allein es ist wahrlich nicht die Rolle einer Frau , Sie deswegen zu tadeln ; denn daß man seinem Herzen nicht gebieten kann , wer wüßte das besser als wir ? Nur möchte ich Sie eben davor bewahren , daß Sie sich durch vergebliche Hoffnungen grausame Enttäuschungen zuziehen . Wollen Sie von Ihrer alten Freundin eine wohlgemeinte Warnung annehmen ? - es wird zwar nichts nützen , allein ich muß es trotzdem tun , weil ich mirs nicht verzeihen könnte , es nicht getan zu haben : Sehen Sie sie nicht wieder ; verlassen Sie so schnell wie möglich diesen gefährlichen Boden , und singen Sie Ihr herrliches Duett mit Imago weiter , aber in sicherer Ferne . Imago wird mit der Zeit genesen und ihre Stimme wiederfinden , darum ist mir nicht bange . Hier dagegen ist nichts für Sie zu holen als Unfriede . Merken Sie wohl , was ich Ihnen sage , ich , die ich Frau Direktor Wyß kenne - sie war ja sozusagen in gewissem Sinne meine Schülerin ( wenn auch nur vorübergehend ) und hat mich eine Zeitlang mit ihrem Vertrauen beehrt - merken Sie wohl , was ich Ihnen sage : sämtliche Fächlein ihres Herzens sind besetzt . Liebe suchen Sie ja nicht bei ihr , nicht wahr ? Dazu sind Sie zu gewissenhaft ; Freundschaft aber werden Sie nicht erhalten , denn zur gemeinen Konzert- und Hausfreundschaft kommen Sie zu spät , und zur hohen Seelenfreundschaft , wie Sie sie meinen , zu früh . Dazu ist sie viel zu jung , zu ungequetscht , zu glücklich . Und daß Sie sich ja nicht etwa auf Ihre geistigen Eigenschaften verlassen ! Sie ißt nicht von dieser Konfitüre . Wer den Hauch der Parusie nicht gespürt hat , wird auch den Odem der Strengen Frau und den Tritt des himmelstürmenden Löwen nicht spüren . Ich sage das , ohne den Wert der Dame im mindesten herabzusetzen , den ich wahrlich hoch genug anschlage , da ich sie zu Ihrer Frau berufen glaubte . Allein wenn ich sie für würdig hielt , Ihre Frau zu werden , so halte ich sie darum noch nicht für fähig , Ihre Freundin zu sein . Beides verlangt ganz verschiedene Eigenschaften . Also noch einmal : verlassen Sie diesen gefährlichen Boden , denn Sie sehen mir stark danach aus , große Torheiten begehen zu wollen ; zur Belästigung anderer und zu Ihrer eigenen bitteren Enttäuschung . So , nun habe ich meine Seele gerettet . Jetzt tun Sie , was Sie wollen , oder vielmehr , was Sie müssen ; denn das Schicksal wird schon wissen , was es mit Ihnen vorhat . Ich schwaches Menschenkind vermag nicht mehr , als Ihnen meinen Herzenswunsch auf den Weg mitzugeben : Sie möchten Ihr hohes Lebensziel , das Sie ganz sicher erreichen werden , nicht mit allzu grausamen Wunden erkaufen müssen . Also ich hoffe , Sie nicht wiederzusehen . Und grüßen Sie mir Ihre herrliche Imago . Ihre Ihnen in Freundschaft und Ehrerbietung ergebene Martha Steinbach Nachschrift : Und geben Sie acht , daß die irdischen Weiber nicht Ihrer scherzen ! Nichts nützen ? wiederholte Viktor , nachdem er den Brief gelesen hatte . Warum nichts nützen ? Dadurch unterscheidet sich doch der Mensch vom Maultier , daß er einen gescheiten Rat annimmt . Liebe Freundin , Sie haben einfach recht . Was tue ich hier ? was geht mich überhaupt das ganze verpfuschte , verheiratete Dämchen an ? Fertig ! beschlossen ! bleibts dabei : ich will sie meiden , ich will abreisen . Das heißt natürlich , sobald ich meinen alten Freunden und Schulgenossen den schuldigen Gruß werde abgestattet haben . Denn ob ich die Dame schon meiden will , flüchten vor ihr , angstvoll flüchten wie ein christlicher Jüngling vor der Versuchung , das denn doch nicht ; dazu habe ich denn doch wahrlich keine Ursache . Sollte also vielleicht der Zufall es fügen , daß ich ohne mein Zutun mit ihr zusammentreffe , um so schlimmer für sie . Und ein kleines , krummes Wünschlein wurmte zuunterst in seiner Seele , der Zufall möchte es fügen . Eine schlimme Enttäuschung Wie sie sich sämtlich ein behagliches Plätzlein im Staat erarbeitet hatten , seine alten Schulkameraden ! Der eine Professor , der andere Hauptmann im Generalstab , der dritte Gasröhrenfabrikant , wieder einer Kantonsförster , und ähnlich weiter ; die meisten überdies zur Ruhe geheiratet , rund und zufrieden ; alle ohne Ausnahme nützlich und angesehen . Dagegen er , mit seinen vierunddreißig Jahren ! ohne Beruf und Stand , ohne Namen und Wohnsitz , ohne Verdienst und Werke , nichts . Und die grausamen Bisse , wenn sie ihn an die verlorenen Reichtümer seiner natürlichen Gaben erinnerten ! » Kannst du noch so schön zeichnen wie damals ? « » Und was macht denn die Musik ? « - Ach , seine armen Talente ! verkümmert , verschmachtet im Dienste seiner Strengen Herrin ! Und wofür ? Für einen Wechsel auf die Zukunft . Immer und immer nur Zukunft , niemals Gegenwart ! Es wäre bald Zeit , dünkte ihn , daß sie endlich anlangte , die Zukunft , mit vierunddreißig Jahren ! » Erinnerst du dich noch , Viktor « - fragte ihn Vital , der Polizeileutnant - » an unseren gutmütigen Deutschlehrer , den Fritzli ? Aus dem machen sie jetzt eine gewaltige Geschichte in den Zeitungen wegen seiner Bücher . Ach Gott erbarm , es hilft ihm wenig mehr , dem Schlucker , alt und krank , wie er ist ! « Dem Fritzli trug Viktor einen alten Dank nach , weil der ihn einst in der Lehrerversammlung vor der Ausweisung aus der Schule gerettet hatte - » wegen schlechten Betragens « ; das wollte sagen wegen Auflehnung . Den aufzusuchen mahnte ihn das Herz . Er traf ihn gekrümmt im Bette liegend , ein gebrochenes , ächzendes Geschöpf . Mühsam kehrte der Kranke den Kopf nach dem Besucher , mit gleichgültigem , leidbefangenem Blick . Allmählich aber schaute er den Viktor aufmerksam an , in seinen Zügen forschend , eine lange Zeit ; übrigens ohne Unfreundlichkeit , bloß gefesselt und erstaunt , ungefähr wie ein Naturforscher , der eine seltene Raupe betrachtet . Während dann Viktor seinen Dank vorbrachte - in stammelnden Worten , denn er war ein schlechter Sprecher - hörte der Fritzli gar nicht zu , sondern las nur immer weiter in seinem Gesichte . Endlich hub er wehmütig an : » Sie also auch ! Ich weiß nicht , soll ich Ihnen Glück dazu wünschen oder Sie beklagen ? Wie sagten Sie doch gleich , daß Sie heißen ? Den Namen wird man aussprechen lernen . « Darauf schenkte er ihm mit erhobener Stimme und nachdrücklicher Betonung einen rätselhaften Gedenkspruch : » Nicht die Alten , die glaubens nicht ; nicht die Zeitgenossen , die leidens nicht ; nicht die Frauen , die folgen dem Erfolg ; sondern einzig und allein die auserlesene Mannschaft eines nachkommenden Geschlechts . - Gehen Sie jetzt , lieber Freund , Ihr Platz ist nicht neben dem Leichnam eines garstigen Greises , Sie haben genugsam mit eigenen Nöten zu schaffen ; möge es gnädig ablaufen . Übrigens Dank , daß Sie gekommen sind , es war mir ein großer Trost ; ich sagte Ihnen ja : einzig die auserlesene Mannschaft eines jüngeren Geschlechts . Doch gehen Sie jetzt , gehen Sie , ich bitte Sie darum . « Und als Viktor seine Besuche erneuern wollte , wurde er nicht mehr vorgelassen . Bis jetzt war er Pseuda nirgends begegnet , und nur ein einziger Gang noch blieb zu erledigen : Frau Regierungsrat Keller . Nachher konnte er reisen - » sagen wir Montag , spätestens Dienstag « . Zweimal schon hatte er bei ihr vorgesprochen und sie nicht zu Hause getroffen , jetzt versuchte ers zum dritten Mal und fand sie wieder nicht daheim . Es scheint , es soll nicht sein ! » Gut , dann fahr ich also Montag . « Da erhielt er von ihr eine schriftliche Einladung auf nächsten Mittwochnachmittag zum Tee . » Ich habe am Mittwochnachmittag die Idealia , Sie werden einige interessante Menschen vorfinden , und wahrscheinlich gibt es sogar Musik . « » Sogar Musik « - wiederholte er - » Musik als Unterhaltungsgipfel ! Interessante Menschen , Idealia ! « - das Programm hatte nichts Verlockendes , und spätestens Dienstag hatte er ja reisen wollen . Anderseits mochte er der verehrten Dame , der er von früher her zu Dank verpflichtet war , keine abschlägige Antwort erteilen . » Seis darum ! was habe ich schließlich zu versäumen ? « und sagte zu , obgleich nur halbwillig . Die Regierungsrätin empfing ihn mit alter Herzlichkeit , wiewohl etwas flüchtig und zerstreut . » Wir erwarten den Kurt « , meldete sie glückstrahlend , mit gedämpfter Stimme , als verriete sie ihm ein Osterei . Kurt ? wo hatte er doch den Namen schon gehört ? Nicht möglich - ereiferte sie sich - daß er den Kurt nicht kenne ! Allerdings von jemand , der frisch aus der Fremde komme , lasse sichs entschuldigen . Und fing an , ihm das Lob des Kurt zu preisen , wie es nur eine Frau vermag , wenn sie mit dem Herzen urteilt . Alle erdenklichen Tugenden und Gaben ; und in der Mitte der siebenfachen Perlenschnur leuchtete eine Spange , die das Ganze zusammenheftete : » Mit einem Wort ein Genie ! Und zwar ein solches Genie und so weiter . « - » Und dabei von einer wahrhaft rührenden Bescheidenheit . « - » Und fein ! und liebenswürdig ! « - Und also fort . Viktor lächelte . Noch immer die nämliche , die Regierungsrätin , immer gleich in den höchsten Tönen , wenn sie jemand mochte . Freilich erriet er nun auch , daß er hier nur ein Stück Volk für den Wundermann Kurt bedeuten sollte ; was ihn ein wenig verstimmte , so daß ihn beinahe reute , hergekommen zu sein . Mit verändertem Ton , wie wenn eine Opernsängerin in die Sprechweise verfällt , fügte sie nachlässig hinzu : » Seine Schwester ist ebenfalls da ; ich glaube , Sie haben sie schon einmal gesehen , Frau Direktor Wyß . « Ah , also jetzt ! Mit einem tiefen Atemzug rüstete er seine Rache . » Nur ja keine Verwechslung ! halt scharf auseinander : nicht Imago , nicht einmal Theuda , sondern bloß Pseuda die Verräterin ! Und daß du mir nicht etwa wieder mit den Pulsen hämmerst , du dort drinnen ! « Also gewappnet trat er ein . Richtig , wahrhaftig ! Dort saß sie , die Falsche ! über ein Notenheft gebückt , im Glanz ihrer gestohlenen Schönheit , der Schönheit Theudas , umjauchzt von der Poesie der verratenen Erinnerungen . Aber wie sie Imago gleichsah ! Kann sie denn das ? Ob diesem Anblick jagte sein Blut herum wie ein Eichhörnchen in der Drille ; und in seinen Ohren tobte ein Lärm , als ob eine vom Nachttisch gefallene Weckeruhr auf dem Boden abschnurrte . » Alle gescheiten Geister , kommt mir zu Hilfe ! « betete er angstvoll . Allein , wehe , wo sind sie ? Nichts Gescheites kam . Blindlings überstand er die Vorstellungen , erledigte er die Verbeugungen . Wie wohl sie ihn begrüßen wird ? Siehe , jetzt streift ihn ihr Blick ! Ein gleichgültiger Blick wie gegen einen Fremden . Sie erhebt sich ein klein wenig zur Form , dann guckt sie gelassen wieder in ihr Notenheft . » Ist das alles ? « - fragte er sich , erstarrt . Nein , es war nicht alles . Eine Schale voll Schlagsahne stand vor ihr ; die äugelte sie mit liebevoller Zärtlichkeit an , sah sich ein paarmal scheu um , ob niemand sie beobachte , dann gönnte sie sich davon ein verschämtes halbes Löffelchen ; endlich mit kühnerem Mut volle zwei und drei . Solch ein Empfang ! ihm ! sie ! Schmach und Empörung ! Ingrimmig bohrte er ihr verdammende Blicke ins Antlitz . Bis ihn der Verstand am Ärmel zupfte : » Du , Viktor , falls du dir etwa einbildest , daß sie deine erhabenen Grimassen bemerkt , so täuschest du dich . « Da ließ ers bleiben und stierte sie sinnlos an , verstört wie in einem Operationsstuhl , gewärtig , was wohl zweitens anreisen werde , eine Schere oder ein Messerchen . Während er so betäubt dasaß , drang ohne seinen Willen das Geräusch der Gespräche an sein Ohr ; Brocken ohne Zusammenhang : » Protestantische Landstraßen besser gepflegt als die katholischen . « - » Im dritten Akt wird der Held unschuldig schuldig . « - » War der Kurt auch dabei ? « - » Genie bricht sich immer Bahn . « - » Hatte der Kurt seinen guten Tag ? « Was jedoch wohl sie zuerst für einen Spruch tun wird ? Mit dem seelenvollen Ton ihrer trautheiligen Stimme von damals ? Lange Zeit wartete er umsonst . Doch halt , still ! jetzt lauscht sie in die Unterhaltung herüber . Sie runzelt die Brauen , ihre schwarzen Augen blitzen , sie öffnet die Lippen : » Ach was ! « rief sie , » die höflichen Menschen sind alle mehr oder weniger falsch ! « Das kam dermaßen unversehens daß er hellauf lachen mußte . Da drehte sie langsam den Kopf nach seiner Richtung und schickte ihm einen Seitenblick : » Du , was dich betrifft « - sagte der Blick - » mit dir bin ich fertig ! « Und während sie den Kopf wieder abwendete , gewährte sie ihm auf geistigem Wege noch ein paar Nachtragsätze mit kleinen Buchstaben , die er deutlicher zu lesen vermochte , als ihm lieb war . » Mein Herr , was wollen Sie von mir ? warum weisen Sie mir solch eine wichtige inhaltsvolle Erinnerungsmiene ? Falls Sie etwa von früher her etwas wurmt , um so schlimmer für Sie ; klagen Sie sich selbst an ; mich aber lassen Sie gefälligst in Frieden , sonst holla ! Heute gilt die Gegenwart , morgen die Zukunft ; mein Mann und mein Kind sind mir alles , und Sie sind mir gar nichts . « Es war weder ein Messerchen noch eine Schere , es war eine fürchterliche Säge . Und Schmerz und Zorn stürmten vereint wider seine mühsam verteidigte Fassung . » Sie wagt es ! Mit den gemeinen Anhängseln ihrer nichtsnutzigen Ehe - Mann , Kind und dergleichen Hausrat mehr - möchte sie das unsterbliche Gemälde der Parusie auslöschen ? ! « Und wiederum tönte in seinen Ohren die Raspel der Gespräche . Von links her : » Glauben Sie wirklich , daß der Kurt noch kommen wird ? « - » Schon vier Uhr ! fertig , er kommt wieder einmal nicht ! « - » Und ich behaupte : er kommt . « - Zur Rechten : » Glatte Höflinge . « » Freudloses Familienleben der Großstädter . « » Geistlose Unterhaltung der sogenannten vornehmen Welt . « » Steifes , lächerliches Zeremoniell in den Palästen der Großen . « Ihm war , er hätte in zehn Jahren nicht so viele Albernheiten gehört wie in dieser Viertelstunde . Überhaupt gesellte sich zu seiner Beschämung mehr und mehr der Unwille . Warum kümmert sich denn niemand um mich ? Wie lange soll ich noch einsam auf meinem Stuhl sitzen wie Robinson auf der Klippe ? Da , mit einem Male lief eine freudige Erregung durch die Versammlung , begleitet von Geflüster und unterdrückten Jubelrufen , als nahte ein Festzug . Während er sich trägen Geistes - denn was galt ihm die Umgebung ? - nach der Ursache der plötzlichen Glückseligkeit umdrehte , stürzte ein Mannsbild durchs Zimmer , ohne Gruß noch Vorstellung , im Vorbeistürmen ihn , den Viktor , mit dem Ärmel streifend , ohne sich zu entschuldigen ; pflanzte sich ohne weiteres vors Klavier , legte ein Notenbuch bereit - er wird doch etwa nicht ? - Doch , weiß Gott , er fängt an zu singen