des menschlichen Werdens gewaltsame Dinge vorbereiteten . Es war dies eine von den seltsamen Unterbrechungen des Fortschritts , in denen sich die Geschichte von Zeit zu Zeit gefällt , gleich als ob sie ein zu rasches Wachsen zum Vollkommeneren für schädlich hielte oder die Menschen an Geduld gewöhnen wollte . Nach dem Tode Leos XII. , der geradezu zur Freude seines Volkes starb , das seinen finster reaktionären Tendenzen nicht zustimmte , fingen wieder freiere Ideen an , von Frankreich herüberzukommen , und ihnen günstige Prälaten bekannten sich offen dazu . So hatte sich an jenem Abend der Kardinal Palombi , der noch ein Schüler Consalvis und für dessen Reformideen begeistert war , wieder im Lobe der Franzosen ergangen und dabei mehr als einen maliziösen Seitenblick auf einen der anwesenden Prälaten geworfen , dessen mageres , gelbes Gesicht durch die kleinen , stechenden schwarzen Augen und den wie in Bitterkeit fest geschlossenen Mund den möglichst unsympathischen Eindruck machte und eher einen fanatischen Anhänger Loyolas als einen edel humanen Nachfolger Christi vermuten ließ . » Wir haben nie einen liebenswürdigeren und geistvolleren Gesandten hier gehabt als den Vicomte de Chateaubriand , « fuhr der Kardinal in seiner Lobrede fort . » Ich erinnere mich an ihn , als er zuerst hier war und sein Entzücken über Rom so ausdrückte : Es ist ein schönes Ding , dies Rom , um alles zu vergessen , alles zu verachten und um zu sterben . Er hatte es in einem Briefe geschrieben , nachdem er in der Cappella Sistina das Miserere gehört hatte . « » Wann war der Vicomte de Chateaubriand das letztemal hier ? « fragte der Professor Holberg , der immer lebhaften Anteil an solchen Gesprächen nahm , um sich über Zustände und Gesinnungen in der damaligen römischen Welt zu unterrichten . » Bei dem letzten Konklave kam er als außerordentlicher Gesandter , denn er war zurzeit Minister in Frankreich und ich erinnere mich immer mit hohem Interesse an die ausgezeichnete Rede , die er hielt , um seine Kredenzialen bei dem zum Konklave versammelten geistlichen Kolleg zu überreichen . « » Fanden Eminenz das eine ausgezeichnete Rede ? « hub jetzt der vorhin bezeichnete Prälat an , der sichtlich nur mit Mühe bisher den Ärger zurückgehalten hatte , den ihm die Lobpreisung der Franzosen verursachte . » War es eines christlichen Gesandten würdig und war es taktvoll , um das mildeste Wort zu sagen , den zu wählenden Papst , der natürlich einer aus der vor ihm versammelten Menge geistlicher Würdenträger sein mußte , daran zu erinnern , daß er sich nun bald auf dem Stuhle des heiligen Petrus niederlassen würde , unfern vom Kapitol , über dem Grabe jener Römer der Republik und des Kaiserreiches , die von der Idolatrie der Tugend zu der Idolatrie des Lasters übergingen , über jenen Katakomben , in denen die Überreste einer anderen Art von Römern ruhen ? Wozu hat jene versunkene , verdammte heidnische Welt noch erwähnt zu werden , wenn es sich um die Kirche , um die katholische Religion , handelt , die sich siegend über jenen Trümmern einer gottlosen Gesellschaft erhob , die über alle menschliche Zivilisation und alle irdischen Revolutionen erhaben ist , durch die sie leiden , aber in alle Ewigkeit nicht unterdrückt werden kann ? « » Ich glaube nicht , Monsignore , daß diese Anknüpfung an die Vergangenheit taktlos war , « erwiderte der Kardinal , indem sein schönes Gesicht den Ausdruck überlegener Einsicht und vornehmer Autorität annahm ; » ebenso wie eine Vergangenheit vor der Erscheinung des Christentums auf Erden da war , so müssen die heiligen Dinge heutzutage von einem allgemeineren und höheren Standpunkt aus angesehen werden . Denn das Christentum , das die Gestalt der menschlichen Gesellschaft veränderte , hat dann doch auch diese , der es das Leben gab , sich wieder umändern sehen , und es ist gerade ein Zeichen seiner Ewigkeit , daß es mit der Zivilisation wächst , mit der Zeit fortschreitet , an dem Jahrhundert teilnimmt , ohne zu vergehen wie dieses . « » Ah , Eminenz vergessen , daß es doch schon mehr als einmal nötig war , österreichische Waffen zur Hilfe anzurufen gegen den sogenannten Fortschritt der Zeit auch in kirchlichen Angelegenheiten , « bemerkte mit einem fast pfeifenden gereizten Ton der Monsignore , » und es könnte sich ereignen , daß diese Intervention aufs neue nötig würde , wenn die französischen Liebenswürdigkeiten ihre geheime Arbeit in der Romagna und den Marken weiter treiben . « » Nein , nein , keine Intervention , « fiel ihm Don Camillo , der die ganze Zeit schweigend dem Gespräch mit gespanntem Interesse zugehört hatte , ins Wort , » der König von Frankreich hat , gottlob , erklärt , daß er keine Intervention anderer Staaten dulden würde . « Die Herzogin , die schon seit einer Weile mit dem Prinzen , der neben ihr saß , geflüstert hatte , erhob sich in dem Augenblick und sagte lachend : » Ah , wenn es schon so weit kommt , daß wir bei der Intervention mit Waffen angelangt sind , da ziehe ich mich zurück in schönere , friedlichere Regionen . Ich habe heute herrliche Zeichnungen von unserem Camuccini erhalten , der doch jetzt mit Canova die Kunstatmosphäre beherrscht , und ich wünsche sie Seiner Hoheit dem Prinzen , der ein so feines Kunstverständnis hat , zu zeigen . Ich überlasse Sie daher eine Weile Ihren schlimmen Diskussionen und komme wieder , um den Frieden zu proklamieren . « Mit einer schalkhaften Verbeugung gegen die Gesellschaft nahm sie den Arm des Prinzen , den er ihr anbot , und verließ mit ihm den Saal . Über Don Camillos Antlitz zog eine Wolke , und ein Blick des Verständnisses flog zu dem Kardinal hinüber und wurde von diesem mit seinem feinen sarkastischen Lächeln beantwortet . Donna Giulia aber durchschritt mehrere der anstoßenden Säle , bis sie zu dem schon erwähnten kleineren Raum gelangten , der ihr ganz privater und ihr Lieblingszimmer war . Hier ließ sie sich auf einem Ruhesitz nieder und lud den Prinzen ein , neben ihr Platz zu nehmen . Sie ergriff einige Blätter mit Zeichnungen , die auf einem Tisch an ihrer Seite lagen und zeigte dem Prinzen einige , indem sie mit feinem Verständnis über die neue Richtung der Kunst zum Klassizismus in der Kunstsphäre sprach , deren hervorragendste Vertreter in Rom eben Canova in der Skulptur und Camuccini in der Malerei waren . Der Prinz , ergriffen von der zauberischen Nähe dieser Frau , die neue , bis dahin ungeahnte Seiten seines Wesens in ihm erweckte , brach in einen Ausruf glühender Bewunderung über ihr Kunstverständnis aus , hinter dem sich seine tiefere Gefühlserregung nur halb verbarg . Die Herzogin fühlte es sehr wohl , und selbst noch mehr erregt als er , sagte sie seufzend : » Ach , und wenn Sie ahnen könnten , welche tiefe Leere dennoch in meinem Leben bleibt , trotz all dem , was Reichtum , Rang , Huldigung der Welt und überdem Geist und Kunst mir geben ! Mir fehlt das eine , das Höchste : eine große , allmächtige Liebe , ohne die das Leben doch nur ein glänzendes Nichts ist . Ich könnte ja , wie die meisten Frauen unserer Gesellschaft , mir ein Verhältnis schaffen mit einem zufällig Bevorzugten der vielen , die mich umschwärmen und nur danach trachten ; aber ich bin zu stolz dazu . Allmächtig , das ganze Leben beherrschend , so muß die Liebe sein , die mein Dasein ausfüllen soll , und nur einem Höchsten , der ebenso fühlt , kann ich diese höchste Krone reichen . « Sie schwieg wie erschrocken von diesem Ausbruch ihrer geheimsten Empfindungen , aber ihr Auge sandte einen Blick zu Waldemar hin , der sein Herz erzittern machte , und in überwältigender Aufregung , unfähig , ein Wort zu sagen , ergriff er ihre Hand und drückte einen heißen Kuß darauf . » Bist du mein Freund , Waldemar ? « frug Giulia leise mit bebender Stimme . Aber noch ehe der Prinz antworten konnte , entzog sie ihm ihre Hand , erhob sich rasch und flüsterte : » Mein Peiniger kommt , schon ist sein Verdacht rege , suchen wir ihm ruhig zu begegnen . « In der Tat hörte man nun Schritte und Stimmen , die sich dem Kabinett näherten , und die Herzogin hatte nur eben Zeit , an den Tisch hinzutreten und die zerstreut liegenden Zeichnungen scheinbar in Ordnung zu bringen , als Don Camillo mit dem Professor und Raden eintrat . » Alle unsere anderen Gäste sind geschieden und lassen sich dir empfehlen , Giulia , und nun komme ich , diesen Herren auch die Zeichnungen unseres Camuccini zu zeigen , « sagte der Herzog . » Haben sie ihren Beifall , Hoheit ? « fragte er , sich rasch zum Prinzen wendend und ihn mit einem durchbohrenden Blick seiner schwarzen Augen treffend ; aber schon hatte Giulia mit der Raschheit ihres südlichen Temperaments ihre Selbstbeherrschung völlig wiedergewonnen und versetzte blitzschnell , scheinbar in heiterer Unbefangenheit : » Hoheit sind ganz erstaunt über die klassische Vollendung in diesen Zeichnungen , die man hier noch mehr bewundern kann als in seinen Gemälden . Auch wußte der Prinz nicht , wie sehr er schon anerkannt und bewundert ist , wie fremde Potentaten ihn ehren und ihm Aufträge geben , wie Seine Heiligkeit der verstorbene Papst und unser gegenwärtiger Heiliger Vater sich sogar rühmten , seine Freunde zu sein , und wie sich schon eine zahlreiche Schule nach ihm gebildet hat , die dieser Kunstepoche den Charakter des Klassizismus aufdrückt und ja auch unter den Franzosen glänzende Namen zählt , wie David , Vernet , de la Roche und andere . Sehen Sie , Herr Professor , überzeugen Sie sich selbst . « Sie hatte mit ihrem langen Sprechen , ihrer immer ruhiger werdenden Stimme und ihrer feinen Art , die Zeichnungen vorzulegen , scheinbar das Gleichgewicht in der Stimmung hergestellt und dem Prinzen Zeit gegeben , sich zu fassen und jetzt mit seinen Begleitern Abschied zu nehmen und den Palast zu verlassen . Waldemar sagte diesen , sobald sie in ihrem Hotel angekommen waren , alsbald gute Nacht , Kopfweh vorschützend , und begab sich in sein Zimmer . Hier aber wanderte er ruhelos auf und ab und suchte der Aufregung Herr zu werden , die jetzt schon beinahe völlig Besitz von ihm genommen hatte . Die unverhohlene Leidenschaft , die ihm von der Herzogin entgegenkam mit einer seinem deutschen Empfinden fremdartigen Offenheit , hatte sein Wesen in eine noch nie gefühlte Aufregung gebracht , und unerfahren , wie seine so wohlbehütete Jugend gewesen war , fragte er sich fast voll Angst , ob dies die Liebe sei , die nun endlich siegreich in sein Herz einzog . Aber was dann ? Zwar sah er mit Erstaunen in der römischen Gesellschaft , in der er sich befand , wie wenig das legitime Band illegitime Verhältnisse hinderte ; er aber bebte davor zurück , indem sich ihm auch augenblicklich alles entgegenstellte , was man in der Heimat , bei seiner Stellung am Hofe als wahrscheinlicher Thronerbe , da sein älterer Bruder sehr kränklich war , und was besonders seine fromme , tugendhafte Mutter , die ihn so liebte , zu solcher Verirrung , denn so würde man es milde nennen , sagen würde . Ein peinlicher Kampf entspann sich in seinem Innern , denn er konnte nicht leugnen , daß ihn der hinreißende Zauber von Giulias Schönheit und liebendem Entgegenkommen bereits mit einem Wonnegefühl erfüllte , vor dem seine klare Einsicht und seine strengen Grundsätze zu schwanken begannen . Endlich aber forderte die Natur ihr Recht und er fiel in einen tiefen Schlaf , aus dem er erst spät erwachte . Am Morgen brachte ihm der Diener einen Brief , der ihm , wie er sagte , von einem jungen Burschen eingehändigt worden sei , mit der strengen Mahnung , ihn nur in des Prinzen eigene Hände und wenn dieser allein sei , abzugeben . Voller Ahnung und klopfenden Herzens , öffnete er den Brief und las : » Waldemar , Du weißt es jetzt , hast es gefühlt , wie sich mein Herz unwiderstehlich zu Dir hingezogen fühlt . Du bist der erste Mann , der mir der allmächtigen Liebe und der Hingabe des ganzen Lebens einer Frau wert scheint . Also Dir anzugehören , ist von nun an der Zweck meines Lebens , denn ich fühle es , daß auch Du mich liebst . Im Augenblick nur müssen wir uns leider trennen . Mein Mann kam gestern abend , als ihr fort waret , mit der Nachricht , daß wir gleich heute fort müßten nach Perugia , wo die Hochzeit seiner Schwester nun endlich festgesetzt sei und wo man uns mit Ungeduld zu all den Festen , die damit verbunden seien , erwarte . Ich konnte nichts dagegen einwenden , wiewohl es grausam ist , gerade wenn das selige Bekenntnis meiner Liebe Dir offenbar geworden , Dich nicht zu sehen . Schreiben darfst Du mir nicht , denn Camillos Eifersucht umgibt mich mit tausend Späheraugen , aber ich kann vielleicht durch meine treue Jungfer und deren Liebhaber , einen jungen Burschen , der auch diesen Brief besorgt , Nachricht zu Dir gelangen lassen . Denn in all den Festen , an denen ich teilnehmen muß , wird nur ein Gedanke mich erfüllen , nur ein Bild mich umschweben , das des einzigen , dem jetzt mein Leben gehört . Giulia . « Aufs neue verwirrt und bestürzt , fühlte Waldemar doch eine Art von Erleichterung bei dem Gedanken , daß die Herzogin fort sei und ihm Zeit bleibe , sich zu fassen , zu beruhigen und imstande zu sein , zu überlegen und einen Entschluß zu fassen , ohne durch den Zauber ihrer Nähe immer machtlos zu werden . Er vermochte es , ziemlich unbefangen bei seinen Begleitern zu erscheinen und gleichgültig zu bleiben , als Raden von der plötzlichen Abreise der Santomara sprach und sein Bedauern ausdrückte , daß der Gesellschaft für einige Zeit dieser Stern fehlen werde . Der Professor ließ sich durch die anscheinende Ruhe Waldemars täuschen und atmete erleichtert auf , und selbst der erfahrene Raden wurde zweifelnd , ob es nicht eben bloß die Aufregung der unmittelbaren Gegenwart der schönen Frau gewesen sei , die er an dem Prinzen bemerkt hatte , und nicht ein tieferes Gefühl . Zugleich aber brachte er dem Prinzen die dringende Bitte einer der römischen Fürstinnen , ihre Abendunterhaltung an diesem Tag nicht zu vergessen . » Ich glaube , die liebenswürdige Improvisatrice wird dort sein und ihr Talent ausüben , « sagte Raden . » Ach , es ist wahr , « versetzte Waldemar ; » gewiß werde ich hingehen und ich freue mich auch , die junge Poetin wieder zu sehen , die ich schon einige Zeit nicht sah . « Alles war ihm willkommen jetzt , was ihn von dem quälenden Aufruhr in seinem Innern abziehen konnte , und am Abend begab er sich mit Raden - der Professor hatte gebeten , zu Hause bleiben zu können - in die glänzenden Salons der Fürstin , wo wieder alles versammelt war , was Rom an Eleganz , Schönheit und Reichtum besaß . Inmitten des Gefunkels von goldenem Schmuck , Diamanten und Edelsteinen aller Art erschien denn auch die Lichtgestalt Rosas , wie immer ganz weiß gekleidet und alsbald von einer Menge huldigender Verehrer umgeben , zwischen denen sie ruhig und einfach-freundlich wie ein reines Licht hervorschien . Sobald Waldemar ihrer ansichtig wurde , eilte er auf sie zu und begrüßte sie mit herzlichen Worten . Ein sanftes Erröten flog über ihr Gesicht und sie sagte ihm , wie sie ihn schon bei mehreren ihrer letzten Improvisationen vermißt habe . » Aber es war gut , daß Sie nicht gegenwärtig waren , Prinz , « setzte sie hinzu , » denn ich war gar nicht aufgelegt die letzten Male und habe , glaube ich , recht schlecht improvisiert . « Und wieder flog ein leises Erröten über ihr Antlitz , nachdem ihr dies unschuldige Geständnis entschlüpft war . Sie vertieften sich nun in ein anmutiges Geplauder , der Prinz hatte neben ihr Platz genommen , und so sehr fesselte ihn die sinnvolle , feine Art der Anschauungen Rosas , ihre treffende Kritik der sie umgebenden Welt , ohne Bosheit , aber doch scharf und verständig , und endlich ihr begeistertes Gefühl für Poesie , daß er völlig vergaß , wo er sich befand , bis Raden herbeieilte und ihm sagte , daß die Hausfrau sowohl wie mehrere der anwesenden Damen sich empfindlich gezeigt hätten , ihn so ganz ausschließlich beschäftigt zu sehen . Waldemar erhob sich , heiter lächelnd , und sagte : » Nun , so tun wir denn unsere gesellschaftliche Pflicht ! Da ich aber jetzt weiß , daß Sie unimprovisierte Gedichte zu Hause geschrieben haben , so nehme ich mir die Erlaubnis , Sie morgen zu besuchen , und bringe auch meine schwachen Versuche mit , sie Ihrer Kritik zu unterwerfen . « Rosa lächelte voll unverhohlener Freude , und Raden sah mit Befriedigung , in welch glücklicher Stimmung der Prinz sich befand . Am folgenden Tag eilte sie früh zu Vittoria hinunter , um sie zu bitten , ihr recht schöne Blumen zu besorgen , denn sie wollte ihre Wohnung für den versprochenen Besuch nur mit dem Lieblichsten schmücken , was die Natur dort so reichlich gibt , und verwarf all den banalen Schmuck , den die Amadei anbringen wollte . Nicht daß es sie gedemütigt hätte , den Prinzen in ihrer bescheidenen Wohnung zu empfangen , dazu war sie zu einfach und natürlich , aber sie wollte den , der als Dichter zur Dichterin kam , nur mit dem begrüßen , was von jeher mit der Poesie verwandt ist . Sie hörte auch kaum auf die Ermahnungen und vulgären Anstandsregeln , die die Amadei vorbrachte ; der schwindelte der Kopf vor Aufregung über die Ehre , einen Prinzen zu empfangen , und allerlei Hoffnungen ehrgeiziger und unmoralischer Art zogen durch ihr Gehirn . Aber das alles tönte nur wie ein unharmonisches Summen an Rosas Ohr , während eine selige Melodie in ihrer Seele erklang und sie mit lauter Freude erfüllte . Wohl schlug ihr Herz schneller , als die Stunde nahte , für die der Prinz sich angemeldet hatte , aber sie dachte nur an das Glück , ihn zu sehen , und durchaus nicht an ihre eigene Erscheinung und die Wirkung , die diese haben konnte , während die Amadei jeden Augenblick vor den Spiegel trat , um ihre falschen Locken zu ordnen und ihre mächtige Spitzenhaube zurechtzurücken . Kurz vor der bestimmten Stunde kam Vittoria und brachte eine Fülle schöner Blumen , die sie eben , Rosa zuliebe , frisch aus ihrem weit entlegenen Gartenland geholt hatte . Sie half Rosa das Zimmer in sinniger Weise schmücken . Als alles fertig war und Rosa in ihr Zimmer ging , sich anzukleiden , sagte die Amadei , die untertänig und servil vor Höhergestellten und hochmütig mit denen , die sie unter sich glaubte , war : » So , Vittoria , nun können Sie gehen . Seine Hoheit wird gleich kommen , und da dürfen doch nur Leute von Rang da sein . Ich möchte , daß er einen recht guten Eindruck hier hätte , denn die Kleine scheint ihm zu behagen und wer weiß , was sich für vorteilhafte Folgen daran knüpfen können mit Geld die Hülle und Fülle , so daß man als Signora leben kann , wie es sich gehört . « Das zweideutige Lächeln , das diese Worte begleitete , ließ keinen Zweifel übrig , was damit gemeint war , und Vittorias ernste Züge wurden noch ernster und strenger als gewöhnlich , und als Rosa wieder hereintrat , reichte sie dieser die Hand und sagte : » Addio , cara Signorina , die heilige Jungfrau beschütze Sie . « » Dank , Dank für die schönen Blumen ! « rief ihr Rosa fröhlich nach . Nun fuhr der Wagen des Prinzen vor . » Rosa , Rosa ! « schrie die Amadei , die am Fenster darauf gewartet hatte . » Rasch , nehmen Sie im Zimmer eine bescheidene Stellung ein , wie es sich vor dem hohen Herrn gehört , ich eile , ihn an der Treppe zu empfangen . « Aber sie hatte keine Zeit , all die untertänigen Redensarten , die sie sich ausgedacht hatte , anzubringen ; denn der Prinz , der ohne seine Begleiter kam , eilte nach einer kurzen Verbeugung gegen sie auf Rosa zu , die lächelnd und errötend in der Tür des Zimmers stand , begrüßte sie mit herzlichen Worten und trat mit ihr ein . Bitter gekränkt , hielt die Amadei es doch für eine Pflicht des Anstands , mit in das Zimmer zu kommen , und versuchte abermals , ihre Weltbildung zu zeigen , indem sie eine banale Phrase vorbrachte , die entschuldigen sollte , daß sie den hohen Besuch in dem armen Zimmer empfangen müßten . » Aber mein Gott , wie soll man es machen ? « setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu . » Das arme Kind und ich tun das Möglichste , um uns eine anständige Existenz zu schaffen ; aber wenn wir auch eine etwas glänzendere Lage verdienten ... « Rosa errötete vor tiefem Unwillen , und der Prinz unterbrach die Rede , indem er rasch sagte : » Beunruhigen Sie sich nicht , Madame ; ich kam , um das Fräulein zu sehen , die ich hochschätze , in welcher Umgebung sie sich immer befindet . Übrigens ist es ja hier wie in einem Blumengarten , « setzte er , sich umsehend , freundlich hinzu , wendete sich zu Rosa und wollte sagen : » und die schönste Rose darin , « da das Mädchen wirklich wie eine eben erblühte Rose aussah , aber er hielt aus Zartgefühl jedes gewöhnliche Kompliment zurück , um die Sympathie , die er in dem Herzen Rosas für sich erriet , nicht zu verletzen . Ohne die Aufforderung der Amadei abzuwarten , ließ er sich auf dem Sofa nieder und lud Rosa ein , sich zu ihm zu setzen , was diese einfach tat . Nun hielt die Amadei es für geraten , ihre Taktik zu ändern und die jungen Leute allein zu lassen , indem sie berechnete , daß dies vielleicht schneller zu dem von ihr gewünschten Ziele führen könne , und unter dem Vorwand , sehen zu wollen , ob dem draußen wartenden » Herrn Kammerdiener « nichts fehle , verließ sie das Zimmer . Ein Lächeln der Befriedigung umspielte Waldemars Lippen und sich zu Rosa wendend , sagte er heiter : » Und nun , meine junge Muse , dürfen Sie mir das Versprochene nicht vorenthalten und müssen mir zeigen , was Sie schriftlich dichten . Auch ich habe Wort gehalten , obgleich ich nur ein Novize am Fuße des Parnaß bin . Aber es ist wenigstens alles aufrichtig , in der Tiefe des Gemüts entsprungen und hat bis jetzt noch keinen Vertrauten gehabt . Sie sind die erste , der ich es zeige , denn Sie sind lieb und gut und jung und werden es mit mir fühlen , ohne sich an den Mängeln zu stoßen und nur zu kritisieren . « Ein leuchtender Blick Rosas dankte ihm für seine Worte , ihr Herz war zu voll von Glück , um etwas erwidern zu können . Er las ihr nur einige Gedichte vor ; Ergüsse einer edlen Jünglingsseele , einer innerlich vornehmen Natur . Die Tränen tiefer Rührung , zärtlicher Bewunderung , die in Rosas Augen traten , sagten ihm ein schöneres Lob , als Worte es vermocht hätten . Endlich aber hörte er auf und sagte lachend : » So , das ist genug für heute , jetzt kommt die Reihe an Sie . « Aber Rosa hatte nun einiges hervorzuheben , was ihr am meisten gefallen , sie am tiefsten gerührt hatte , auch allerlei zu fragen , was sie zum Verständnis brauchte , und so entspann sich ein vertrauliches Geplauder , als hätten sie sich jahrelang gekannt . Er erzählte ihr aus seinem Leben und enthüllte ihr dabei die schönen Jugendträume seiner Seele . Sie horchte versunken in eine Welt seliger Gefühle und ihre Augen hingen unverwandt mit dem Ausdruck reinen kindlichen Glücks an seinen Lippen , in völliger Vergessenheit ihrer selbst und der Welt um sich her . Endlich aber sagte er : » Wir vergessen die Zeit und ich habe noch nichts von Ihren Gedichten gesehen . « Rosa sprang auf , ganz zutraulich wie mit einem Freunde , sagte , sie wolle das Beste holen , was sie habe und was sie immer nachts bei sich behalte zu etwaigem neuen Einfall und eilte in ihr Schlafzimmer . Der Prinz blätterte indes in einem Buche , das auf dem Tische lag , und als ein Blättchen Papier herausfiel , bückte er sich , es aufzuheben , und sah , daß Verse darauf standen , und zwar ein Sonett , das er alsbald ohne weitere Überlegung las ; es lautete : » So war ' s ! So dacht ' ich mir den Königssohn , So edel stolz , die schönste Jugendfülle , Von schönrer Seele nur die schöne Hülle , Die reine Stirne des Gedankens Thron . Der blauen Augen seelenvoller Blick , Der ' s deutlich kündet , was in dem Gemüte Von milder Liebe wohnt , von seltner Güte - Ja - er ist auserlesen vom Geschick , Sein hohes Amt in Würde zu verwalten , Verschwendrisch segnend , wie der Sonne Strahlen , Sein Volk zu edlem Menschentum zu heben , Sich das Gemeine ewig fernzuhalten Und mit der Krone höchsten Werts zu zahlen Für jene Krone , die ihm Gott gegeben . « Darunter stand das Datum jenes Tages , wo Rosa zum erstenmal bei der Herzogin improvisiert und mit dem Prinzen länger gesprochen hatte . Er konnte demnach nicht zweifeln , daß die Worte ihm galten . Es rührte ihn tief , das unschuldige Geheimnis dieses Mädchenherzens entdeckt zu haben , und erhöhte die Sympathie , die ihn sanft und innig zu ihr hinzog . Noch ehe er sich besinnen konnte , ob er ihr den Fund anzeigen oder verschweigen sollte , trat sie leichten Schrittes ein , mit einer Menge beschriebener Blätter in der Hand und sagte unbefangen : » Da habe ich zusammengetan , was allenfalls wert ist , gelesen zu werden « , - doch ehe sie aussprechen konnte , fiel ihr Blick auf das Blatt , das Waldemar in der Hand hielt , und Purpurglut überzog ihr Gesicht . Sie stand einen Augenblick fassungslos , sah aber in ihrer Bestürzung so liebenswürdig aus , daß Waldemar , indem er ihre Hand ergriff , gerührt sagte : » Verzeihen Sie mir , meine liebe junge Freundin , diese anscheinende Indiskretion : ich blätterte in dem Buche hier und da fiel dieses Blatt heraus , und als ich sah , daß es Verse waren , nahm ich mir die Erlaubnis , sie zu lesen . Sie sind mir deshalb nicht böse , nicht wahr ? « Rosa hob die gesenkten Augenlider , sah ihn mit einem unschuldvollen Blick an und sagte leise : » Ich vergaß , das Blatt aus dem Buche zu nehmen . « » Und so ward mir Gelegenheit , zu sehen , wie hoch und edel Sie von mir denken , « versetzte Waldemar , » denn ich muß wohl , dem Datum nach zu urteilen , so eitel sein , zu glauben , daß Sie ein wenig an mich gedacht haben , als Sie Ihr Ideal eines Fürstensohnes schilderten . Wie gern möchte ich dem Bild gleichen ! Und glauben Sie mir , daß der Wunsch danach in meiner Seele lebt , wenn ich es auch nicht von fern erreicht habe . Mir graut oft vor der gewaltigen Aufgabe , an der auch der edelste Wille nur zu oft scheitert . Es scheint so einfach , wenn man große Macht in Händen hat , Glück und Segen zu spenden und das Wohl von Tausenden zum Guten zu wenden , aber wieviel Hindernisse , wieviel Verwicklungen , wieviel böser Wille stehen einem da entgegen und lähmen die Tatkraft . Ach , es ist nicht leicht , auf dem Thron ein wahrhaft großer und guter Mensch zu sein . « Er sprach noch länger über dies Thema , um Rosa Zeit zu geben , ihre Unbefangenheit von früher wiederzugewinnen ; es gelang ihm auch ; der Ausdruck von Bestürzung schwand aus ihren Zügen , ihre sanften , ernsten Augen ruhten wieder sinnend in den seinen und das Interesse an dem , was er sagte , hatte wieder jedes persönliche Empfinden überwogen . Sie erzählte ihm nun auch , wie sie schon als Kind , wo sie in den Bergen von Cadore die elenden Lebensbedingungen einer ganzen Bevölkerung gesehen habe , sich gewünscht hätte , eine Prinzessin oder Königin zu sein , um das Geld mit vollen Händen auszustreuen , so daß keiner mehr zu frieren und zu hungern brauche . » Und als ich älter wurde , « fuhr sie fort , » und selbst erfuhr , welches Glück Unterricht und Bücher gewähren , da dachte ich , wenn ich König wäre , würde ich vor allem dafür sorgen , daß allen geistige Nahrung so gut wie leibliche zuteil würde , daß alle sich freuen könnten an schönen Büchern , an erhabenen Gedanken , an dem Edlen , was die Kunst geschaffen , so daß es nicht mehr möglich wäre , rohe , gemeine und böse Menschen zu finden , und dazu dachte ich mir immer einen König , der selbst das Vorbild aller Vollkommenheit wäre und dem alle sich bestreben würden nachzuahmen . «