in seinem ersten Briefe : Fürchtet Gott ; habt die Brüder lieb , und ehret alle Menschen ! Das ist es , was ich von Ihnen hören wollte . « Es war interessant , jetzt das Gesicht Wallers zu sehen . Das Erstaunen über die unerwartete Belesenheit des Chinesen lag nicht nur in seinen Zügen , sondern auch in seiner ganzen Haltung deutlich ausgedrückt . Er öffnete zwar den Mund , antwortete aber nicht . Fu tat , als ob er diesen Eindruck seiner Worte gar nicht bemerke , und fuhr fort : » Das war also die Summe Ihres Glaubens nach den Worten Christi und seines obersten Apostels . Die Summe unseres Glaubens aber lautet : Die wahre Glückseligkeit kommt uns vom Himmel hernieder , und die Menschen sollen sie neidlos und friedlich unter sich verteilen . Das ist doch genau dasselbe . Ihr Glaube und unser Glaube sind einander also gleich . Wenn ich dem meinigen gehorche , handle ich , wie ein Christ zu handeln hat , und wenn Sie tun , was der Ihrige gebietet , so sind Sie das , was Sie vorhin einen Confucianer genannt haben . « Diese Art der Auffassung brachte dem Amerikaner die Sprache wieder . » Bitte sehr ! « rief er aus . » Ich , ein Confucianer ! Welch eine Logik ! Zwar scheint Ihnen unsere Bibel nicht unbekannt zu sein , aber Sie können unmöglich eine Ahnung von den zahllosen Verschiedenheiten haben , welche zwischen Ihrem Glauben und dem christlichen vorhanden sind ! « » Das tut nichts ! « lächelte Fu . » Diese Verschiedenheiten müssen vorhanden sein , weil die Menschen verschieden sind . Ihr Christen liegt ja untereinander selbst im Streit ! Es kommt nur auf den Ertrag , auf das Ende , auf den Abschluß , auf die Summe an . Wenn zwei Rechnungen genau dieselbe Summe ergeben , so ist das ein Beweis , daß beide richtig sind . Vielleicht sind einzelne Posten anders benannt , einige hier zusammengezogen , dort aber auseinander gehalten worden ; die eine ist mit lateinischer Schrift , die andere in chinesischen Zeichen geschrieben ; man hat die eine von links nach rechts , die andere aber umgekehrt zu lesen . Das ist Alles , Alles zwar nicht gleichgültig , aber doch nur Nebensache . Die Hauptsache ist , daß die Summen stimmen . Und wenn sie gleich sind , so ist die eine Rechnung genau so viel wie die andere wert , und keiner von Denen , die sie geschrieben haben und dem Himmel präsentieren , darf behaupten , daß die Buchführung des Anderen eine falsche sei . Sie haben gesehen , daß unsere Religionen ganz genau dieselbe Summe ergeben . Daß die einzelnen Posten geschichtliche oder nationale Verschiedenheiten zeigen , gibt der Berechnung Leben und Interesse , und es darf nicht außer Acht gelassen werden , daß die Richtigkeit der einen Rechnung gar nicht ohne die Richtigkeit der anderen zu beweisen wäre . Indem Ihr Glaube ganz dieselben Früchte wie der unsere bringt , beweisen Sie uns , daß er auf keinem Irrtume beruht , und wir würden ebenso unhöflich wie unklug handeln , wenn wir behaupteten , daß es für Sie notwendig sei , ihm zu entsagen und sich zu dem unsern zu bekehren . « Der Missionar war den Worten des Chinesen mit einer Aufmerksamkeit gefolgt , welche sich nach und nach immer mehr in Verwunderung verwandelte . Er hatte nicht für möglich gehalten , daß der Spieß auf eine solche Weise herumgedreht werden könne , und da es ihm an Gedanken und also auch an Worten zu einer Entgegnung fehlte , so wandte er sich in seiner Verlegenheit an seine Tochter : » Hast du es gehört , Mary ? Man ist so höflich und so klug , mich nicht bekehren zu wollen ! Diese Summe der Religionen kommt mir ungemein verdächtig vor . Man hat darüber nachzudenken ! « » Das können Sie sich ersparen « , bemerkte der Chinese . » Christus sagt im Matthäus zweimal kurz hintereinander : An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen ! Die Früchte aber ergeben doch die Summe von des Baumes Tätigkeit und Wert . Sie hören , daß ich als Christ zu Ihnen spreche ! « » Aber woher kommt Ihnen denn diese Kenntnis unserer heiligen Schrift ? « » Aus dem Gehorsam gegen unsere heiligen Schriften , welche es mir zur Pflicht machen , alle Wege kennen zu lernen , die zum Heile führen . Ueberall , wo ein Tempel oder eine Kirche steht , ist ein solcher Weg geöffnet . Der Eine geht ihn von dem Tempel , der Andere von der Kirche aus ; Beide aber wandern nach derselben Stelle , wo die Ernte abzuliefern und die Rechnung vorzulegen ist . « » Sie meinen den Tod ? Aber das ewige Leben nach demselben ? Die Seligkeit ? Was wissen Sie von dieser ? « » Wir wissen , daß unsere Ahnen sich dort befinden , und wir verehren sie . Sie glauben , daß Ihre Seligen , Ihre Heiligen dort wohnen , und senden ihnen Ihre Gebete zu . Ist das nicht ganz dasselbe ? « » Was das betrifft , so werden Sie auf diese Ihre Ahnen wohl verzichten müssen , denn - - - « » Müssen ? Müssen ? « fiel ihm da Fu schnell in die Rede . Er sah aus , als ob er zornig aufspringen wolle . Es war gewiß , daß der Amerikaner gar nicht ahnte , wie viele Fehler er gemacht hatte . Waren ihm denn die Sitten der Chinesen wirklich so unbekannt , wie man aus seinem Verhalten schließen mußte ? Dann hätte er zu Hause bleiben sollen ! Oder fühlte er sich von seinem Berufe in der Weise begeistert , daß es außer seinen Bekehrungswünschen keine anderen Rücksichten für ihn gab ? Oder gehörte er zu der gar nicht seltenen Sorte von Kaukasiern , welche meinen , daß die Angehörigen anderer Rassen nicht nur gegen körperliche , sondern auch gegen seelische Mißhandlungen weniger empfindlich sind als wir ? Daß er in dieser Weise über die Ahnen sprach , war eine Rücksichtslosigkeit , die gar nicht größer sein konnte , und ich war überzeugt , daß die Chinesen entweder ihn von ihrem Tische weisen oder sich selbst entfernen würden , zumal sie von ihm infolge ihrer Gebräuche gezwungen worden waren , auf das Essen zu verzichten , was er aber gar nicht beachtet zu haben schien . Doch geschah nicht , was ich vermutet hatte . Fu beherrschte sich . Er fuhr in demselben freundlichen Tone , in welchem er früher gesprochen hatte , fort : » Wer auf seine Verstorbenen verzichtet , der ist nicht wert , daß sie für ihn gelebt haben . Er würde ja dadurch auf sich selbst verzichten , weil er sein Dasein nur dem ihrigen verdankt . « Da traf ihn ein warmer Blick aus Marys Augen . Es war ihr wahrscheinlich nicht entgangen , daß es ihm Ueberwindung gekostet hatte , ruhig zu bleiben , und es drängte sie , ihm ein zustimmendes Wort zu sagen : » Wer könnte einen solchen Verzicht verlangen ! Wie wäre es mir möglich , der verstorbenen Mutter zu vergessen , deren Liebe mir eine ganze Welt gegeben hat ! Ich kann sie mir nicht tot denken . Ich weiß , sie ist noch heut bei mir , wie sie stets bei mir gewesen ist . Der Unterschied ist nur , daß ich sie früher sah , jetzt aber nicht mehr sehen kann . Aber ich fühle sie . Seit ihrem Scheiden wohnt und wirkt in mir Etwas , was vorher nicht vorhanden war . Die , welche der Sprachgebrauch so fälschlich Tote nennt , haben vielleicht größere Macht über uns , als wir uns denken können . « » Mary , du sprichst sehr sonderbar ! « antwortete ihr Vater in verweisendem Tone . Tsi , welcher aus Hochachtung vor seinem Vater bisher noch kein Wort gesprochen hatte , hielt die Augenlider halb gesenkt und den Kopf ihr leise zugeneigt , als ob er wünsche , daß sie weitersprechen möge . War es nur der tiefe Wohllaut ihrer Stimme oder auch der Inhalt ihrer Worte , der dies bewirkte ? Fu , welcher sie nur einmal mit einem flüchtigen Blick gestreift , dann aber nicht mehr beachtet hatte , wendete ihr jetzt sein Gesicht voll zu , betrachtete das ihrige mit offenem Interesse und sagte dann in einer Weise , mit welcher er wohl noch kein chinesisches Mädchen ausgezeichnet hatte : » Ich danke Ihnen , Miß Waller ! Nichts kann so falsch sein , wie die Vorstellungen , welche man sich bei Ihnen über unsern Ahnenkultus macht , der aber gar kein Kultus ist . Man legt dabei die abergläubischen Gepflogenheiten unserer untersten Volksklasse zu Grunde , doch ist das grad und genau so falsch , als wenn wir Ihre Seligen und Heiligen mit den Augen des Gespensterglaubens betrachten wollten , der in den niederen Kreisen Ihrer Bevölkerung vorhanden ist . Es kann uns nicht einfallen , an Sie die Forderung zu stellen , auf den Himmel dieser Seligen zu verzichten ; aber ebensowenig wird uns eine Macht der Erde dazu bringen , der beglückenden Ueberzeugung abtrünnig zu werden , daß auch unsere Abgeschiedenen nicht gestorben sind . Was Sie von ihrer Mutter sagen , das klingt in meinem Herzen freudig wieder . Auch wir Chinesen haben Mütter , die in unserer Liebe noch nach dem Tode weiterleben , und ein Volk , welches seine Mütter , seine Väter , seine Ahnen nicht vergißt , wie der Europäer sie vergißt , der oft die Vornamen des Großvaters seines Vaters oder seiner Mutter nicht mehr kennt , ein solches Volk schlägt seine Wurzeln so tief in die Vergangenheit , aus der es Kraft und Nahrung zieht , daß es um seine Zukunft nicht zu bangen braucht . Nur der , welcher den geistigen Boden nicht kennt , auf dem wir leben , kann von der Greisenhaftigkeit des gelben Mannes sprechen . Sie sehen , der Ruf , in dem wir stehen , ist mir nicht unbekannt . Aber wer die Vergangenheit nicht achtet , der hat für die Zukunft keinen Wert . Die Stammbäume auch Ihrer alten Geschlechter sind nicht nur von genealogischer Bedeutung , sondern es steigt ein sich stets verjüngendes Leben in ihren Zellen auf und nieder , und in ihrem Schatten können sich alle Jene sammeln , welche ihren inneren Zusammenhang mit der Nation verloren haben , weil sie ihre Zugehörigkeit zum Stamm nicht pflegten und nun nur verwehte Blätter längst entlaubter Bäume sind , Völkerhumus , in welchem das Gedächtnis so manches edlen Geistes und so mancher schönen Tat den Erstickungstod gefunden hat . Eines solchen Todes haben wir Chinesen das Andenken Derer , von denen wir stammen und deren geistige Hinterlassenschaft wir zu pflegen und zu wahren haben , nicht sterben lassen . Wir sind uns des Zusammenhanges mit ihnen bewußt ; wir gedenken ihrer ; wir feiern ihre Erinnerungstage , und wenn dies von dem gewöhnlichen Manne , der für geistige Opfer und Liebesgaben kein Verständnis hat , in mehr materieller Weise geschieht , als es eigentlich im Sinne dieser Ehrung der Vorfahren liegt , so wird doch nur Jemand , dem es an Einsicht fehlt , behaupten können , daß es sich um eine abergläubische Verirrung oder gar um eine Abgötterei handele , durch welche unsere Intelligenz sich bis auf unter Null herabgesunken zeige . Sie sind eine Dame , Miß Waller , und halten das Andenken Ihrer Mutter heilig ; ich bin ein Mann und sage , wir bleiben dem Gedächtnisse unserer Väter treu . Ist das nicht ganz dasselbe ? Wollten Sie mich verurteilen , so müßte ich auch Ihnen Unrecht geben , und ich denke doch , daß weder Sie noch ich eine Ursache haben , uns in dieser Weise wehe zu tun ! « Er hielt ihr seine Hand hin , und sie legte , froh über diese Vertraulichkeit errötend , die ihrige hinein . Ich muß gestehen , daß der Chinese mich , so zu sagen , gefangen genommen hatte . Nicht nur Alles , was er tat und was er sagte , sondern auch wie er es tat und wie er es sagte , war so aristokratisch , so vornehm , ohne jedoch gekünstelt oder überhaupt gemacht zu sein . Er hatte jene seltene Art , zu sprechen , welche bei dem Zuhörer die Ueberzeugung erweckt , daß es gar nicht anders und besser gesagt werden kann , als es gesagt worden ist . Ich stand nicht an , ihn für einen Mann zu halten , welcher im stande war , das , was er beabsichtigte , mit kühlster Ueberlegung zu berechnen , und doch hatte er auch einen so warmen , so aufrichtigen Herzenston , daß mir es gar nicht als schwer erschien , ihm Liebe und Vertrauen zu schenken . Er war Krystall . Ich finde kein Wort , den Eindruck , den er auf mich machte , deutlicher zu bezeichnen . Und was für Kenntnisse mußte dieser Mann besitzen ! Wenn ich jemals einen Menschen getroffen hatte , welcher genau wußte , was er wollte , und auch des Zeug dazu hatte , es zu wollen , so war es dieser Chinese hier , der sich so einfach Fu nennen ließ ! Als er der Dame seine Hand gereicht hatte , erhob er sich , um den Speisesaal zu verlassen . Sein Sohn folgte dem Beispiele des Vaters , der Miß seine Rechte hinzustrecken . » Ich danke Ihnen auch , « sagte er . » Halten Sie uns nicht für gelber und für sonderbarer , als wir wirklich sind ! « Vor ihrem Vater verbeugten sie sich nur ; dann gingen sie fort . Er sah ihnen nach , bis sie verschwanden ; dann meinte er , mit der Hand über das Tischtuch streichend : » Weg ! Aufgeblasenheit und Mangel an Einsicht ! So , genau so sind die Völker kurz vor ihrem Untergange ! Wie soll man solche Leute fassen ? Wenn der Heide behauptet , ein Christ zu sein , ist jedem Versuche , ihn zu bekehren , die Kraft genommen ! « » Ich fürchte , Vater , daß Fu nicht der einzige Chinese sein wird , von dem du diesen Einwand hörst « , bemerkte die Tochter . » Pshaw ! Laß uns nur erst in China sein ! Ich werde von Tempel zu Tempel ziehen und meine Stimme erschallen lassen , daß die Götzen , die rings an den Wänden stehen , zittern ! Du weißt ja , daß mir die Macht des Wortes gegeben ist , welches Felsen zerschmettert ! Man wirft uns Amerikanern in neuerer Zeit den Cäsarismus vor . Nun wohl , wir bekennen uns zu ihm . Und wie auf äußerem Gebiete , so wollen wir auch auf dem Gebiete des Glaubens Herrscher sein ! Schau in die Weltgeschichte der neuen Zeit ! Ueberall , wo eine Eroberung gemacht worden ist , sind ihr die Boten des Christentums vorangegangen . Wir sind die kühnen Pioniere der geistlichen und infolgedessen auch der weltlichen Macht . Die Diplomatie der Vereinigten Staaten richtet schon seit einiger Zeit ihren Blick über den Stillen Ozean . Wir haben uns auf Inseln festgesetzt ; es gilt , nun auch in China besser Position zu nehmen , als es bisher geschehen ist . Ich werde an dieser Aufgabe arbeiten und glaube , nicht der unrichtige Mann dazu zu sein ! « » Aber , Vater , Liebe , bitte , mehr Liebe mußt du zeigen ! « » Bemühe dich nicht , klüger zu sein als dein Vater ist ! Es haben die Tempel der Heiden in aller Welt zu fallen . Ihre Säulen müssen zerstört und ihre Mauern eingestürzt werden . Es darf keinen Allah und keinen Muhamed , keinen Zoroaster , keinen Brahma , keinen Confucius und Mencius mehr geben ! « Er sprach erregt , erregter , als der öffentliche Ort , an dem er sich befand , es eigentlich erlaubte . Sie legte ihm begütigend die Hand auf den Arm und bat : » Sprich leiser ! Du bist so unruhig jetzt , gar nicht so still und heiter , so überlegend und bedächtig , wie du warst , so lange die Mutter lebte . Ich hoffte , daß die Reise dich zerstreuen werde ; aber die Heidentempel kommen dir fast gar nicht mehr aus dem Sinn . « Sie sprach so eindringlich und so ernst , und ihr Auge hatte dabei einen so tiefen , dunklen Blick . Sie schien noch besorgter zu sein , als sie sich merken lassen wollte . Die Wirkung ihrer Worte war keine nachhaltige . Ein Weilchen war er still oder sprach wenigstens in so gedämpftem Tone , daß ich ihn nicht verstehen konnte . Aber bald war er wieder so deutlich wie vorher geworden . Und , sonderbar , die Heidentempel bildeten das Thema , auf welches er so oft wie möglich zurückzukommen strebte , obgleich Mary sich Mühe gab , ihn immer wieder davon abzubringen . War dies nichts Anderes zu nennen , als nur ein bevorzugter Gesprächsgegenstand ? Ließ es sich einfach nur aus seinem Beruf als Missionar erklären , daß dieses Wort sich in seinem Ideenkreise so fest eingenistet hatte ? Oder sollte - - ? Nein ! Den Gedanken an eine geistige Störung mußte ich in Rücksicht auf eben diesen Beruf von mir weisen . Wer nach China geht , um » Heiden zu bekehren , « bei dem ist doch wohl eine vollständig gesunde Psyche vorauszusetzen . Jedenfalls aber war im Verlaufe dieses Abendessens mein Interesse nicht nur für die beiden Chinesen , sondern auch für den Amerikaner und seine Tochter um ein Bedeutendes gesteigert worden . Nach Tische ließ ich mir den Kaffee , wie gewöhnlich , hinaus auf den elektrisch beleuchteten Vorplatz bringen und saß noch kaum einige Minuten da , als Waller und Mary das Hotel verließen , um einen Spaziergang zu machen . Sie kamen nahe an mir vorüber und - ob ich mich irrte , weiß ich nicht , aber es war mir , als ob er schon wieder über irgend einen Tempel mit ihr spreche . Sejjid Omar , der Eselsjunge , stand drüben auf seinem Platze . Nach einiger Zeit band er seinen Esel an und kam herüber bis an die breiten Aufgangsstufen , welche Dienstpersonen , die nicht in das Hotel gehören , nicht ohne Erlaubnis betreten dürfen . Als er den dort befindlichen zweiten Portier um diese Erlaubnis bat , sah ich , daß er nach mir herüberzeigte . Sie wurde ihm gewährt , und dann kam er auf mich zugeschritten , langsam und würdevoll wie ein Ambassadeur des Padischah von Stambul . Vor mir stehen bleibend , kreuzte er die Hände auf der Brust , verbeugte sich und grüßte : » Guttakk ! « Ich sah ihn fragend an und antwortete nicht . » Guttakk ! « wiederholte er , und als ich auch dann noch nichts sagte , besann er sich eines Besseren und fügte noch eine Silbe hinzu : » Guttertakk ! « Er hatte » Guten Tag ! « gemeint . » Jis ' id masak ! « antwortete ich , ihm dadurch andeutend , daß er arabisch sprechen solle , weil meine Sprachkenntnisse für sein Deutsch nicht ganz ausreichend seien . Da er hörte , daß ich seiner Muttersprache mächtig war , holte er erleichtert Atem und erkundigte sich : » Ich bin Sejjid Omar . Welchen Titel soll ich dir geben , wenn ich mit dir spreche ? « » Man hat mich stets Sihdi4 genannt , « antwortete ich . » Nun wohl , Sihdi ; ich hörte von dem Kellner , der dich auf deinem Zimmer bedient , daß du eine sehr lange und sehr weite Reise machen willst und einen arabischen Diener brauchst , der dich begleiten soll . Es haben sich schon Viele gemeldet , doch Keiner hat dir gefallen . Wenn Allah will und du stimmst bei , so gehe ich mit dir . « Es war so , wie er sagte . Ich wollte zunächst nach dem Sudan hinauf , und deshalb mußte der Betreffende arabisch sprechen können . » Wie kommst denn du dazu , dich mir anzubieten ? « fragte ich . » Bringt dir dein Esel zu wenig Geld ein ? Gefällt es dir nicht mehr in Kairo ? « » Ich habe mein gutes Auskommen und bin mit dieser meiner Vaterstadt zufrieden . Ich wäre nie von hier fortgegangen , aber mit dir möchte ich gern reisen , weil ich dich liebgewonnen habe . « » Liebgewonnen ? Weshalb ? « » Aus vielen Gründen . Ich sah , daß du mich beobachtetest , und erkundigte mich nach dir . Einer kannte dich . Du bist nicht zum ersten Male hier und nennst dich im Hotel ganz anders , als du heißest , weil du Bücher schreibst , die von den Leuten gelesen werden , welche dann zu dir gelaufen kommen und dich stören . Das willst du nicht . Ich soll den , der mir das sagte , nicht verraten ; er reitet oft auf meinem Esel und hat gemeint , du seist zwar ein Christ , müssest aber ein besonderer Liebling Allahs sein ; er wisse das genau , denn er habe alle deine Karten gelesen ; die Briefe dürfen leider nicht geöffnet werden . « » Ach ! Es ist der alte Ibrahim Effendi auf der Post , der mich freilich schon seit langer Zeit kennt . « » Maschallah5 ! Wie kannst du das erraten ? « » Du hast von Karten und Briefen gesprochen ; er pflegt sie mir gern selbst zu bringen . Was deinen Wunsch betrifft , so komm morgen früh um acht Uhr auf mein Zimmer . Ich werde dir Bescheid sagen . Jetzt kannst du gehen . « Er verbeugte sich , grüßte und ging , kehrte aber nach einigen Schritten wieder um und sagte : » Sihdi , ich will dir meine Bedingungen lieber gleich jetzt sagen ! « » So ? Du hast Bedingungen ? « » Ja . Ich werde dir ein treuer , zuverlässiger Diener und du wirst mir ein strenger , aber guter Herr sein . Ich weiß das ganz genau , denn ich will dir gestehen , daß Ibrahim Effendi mir mehr von dir erzählt hat , als du denkst . Du zahlst mir , was du willst ; ich bin zufrieden . Du kannst von mir verlangen , was du willst , ich werde es tun . Aber verlange nichts , was gegen meinen Glauben ist ; laß mich keines meiner Gebete je versäumen , und sprich nie von deiner Religion ! Ich liebe dich , aber ich liebe nicht das Christentum . Leletak sa ' ide - deine Nacht sei gesegnet ! « Nach diesen Worten drehte er sich um und entfernte sich . Man denke ja nicht , daß ich die Pflicht gehabt hätte , ihm wegen der an mich gestellten Wünsche zu zürnen . Sie waren nicht so unbegründet , wie man vielleicht denken mag . Um dies einzusehen , muß man wissen , von welcher Art die Christen sind , auf die sich Omars Worte bezogen . Da sind zunächst die Touristen . Man gehe einmal durch die Scharia Bab el Hadid nach dem Bahnhofe , um diese Leute bei ihrer Ankunft aussteigen zu sehen . Sie kommen eigentlich nicht , sondern sie werden gebracht ; sie steigen nicht aus , sondern sie werden ausgestiegen . Sie bilden Cook- oder Stangen- » Herden « , welche sich jeder Selbständigkeit begeben und ihren Hirten zu parieren haben . Sie sind nicht mehr Personen oder gar Individualitäten , sondern einfach Gegenstände des betreffenden Reisebureaus . Im Bahnhofe aus- und vor den Hotels wieder abgeladen , haben sie die Zimmer zu nehmen , die man für sie bestimmt , zur vorgeschriebenen Zeit zu essen und zu schlafen , um zwischen diesen Zeiten truppweise auf die touristische Weide getrieben zu werden . Sie machen den Eindruck der Unwissenheit und der Hilflosigkeit , und jeder Eingeborene , dessen Dienste sie in Anspruch nehmen müssen , hält es für sein gutes Recht , ihre Unkenntnis möglichst auszubeuten . Sie mögen sich nun gegen ihn verhalten , wie sie wollen , höflich oder grob , freigebig oder nicht , auf alle Fälle betrachtet er sie als Personen , die sich mit ihm nicht messen können und deren Heimat eine so traurige ist , daß sie weite und kostspielige Reisen machen müssen , um einmal etwas Schöneres und Besseres zu sehen . Er sieht und hört ihre laute Bewunderung für Alles , was für ihn zu den Alltäglichkeiten gehört ; er wird von ihnen als halbes Wunder photographiert ; er steht dabei , wenn sie bei ihren Einkäufen für Dinge , welche aus Deutschland kommen und dort eine Mark kosten , vielleicht den zehnfachen Preis bezahlen ; kurz , was sie ihm einflößen , ist nichts weniger als das Gefühl der Hochachtung , und wenn sie von Jedermann mit den Worten » Bakschisch « angerufen und verfolgt werden , so dürfen sie sich nicht etwa denken , daß man unter dieser » Gabe « ein unverdientes Almosen versteht , sondern sie als einen Tribut betrachtet , welchen der Einheimische zu fordern berechtigt und der Fremde aber zu geben verpflichtet ist . Ich habe noch keinen Wirt , Händler , Führer , Dolmetscher und Eselsjungen gesehen , der nicht überzeugt gewesen ist , diesen ihrem Erklärer immer hilflos nachlaufenden Christen weit , weit überlegen zu sein . Und dieses Urteil ist stets ein verallgemeinerndes . Der Orientale braucht nur einen einzigen Punkt zu bemerken , in Beziehung auf welchen er dem Abendländer über ist , so steht sofort in ihm die Ueberzeugung fest , daß dieser Vorzug auch in jeder anderen Hinsicht vorhanden sei . Natürlich wird diese falsche Annahme vor allen Dingen auch auf den Glauben ausgedehnt . Der Tourist , besonders der sogenannte » Herdentourist « , hat seine Individualität daheim gelassen und bringt nichts als nur seine Neugierde und seinen Geldbeutel mit ; er ist ein personifiziertes Bakschisch , welches das Abendland dem Morgenlande bringt . Dieses Bakschisch zieht dort den Betrug , die Habsucht und die Lüge groß , fließt meist in die Kassen nicht einheimischer Geschäftsleute und bringt dem eigentlichen Oriente wohl keinen , am allerwenigsten aber einen geistigen Nutzen . Seine Seele aber bleibt nicht unberührt . Das Sträuben Sejjid Omars war nichts , als eine Aeußerung dieser Seele , welche sich dagegen empört , ihre Heiligtümer der fremden Neugierde gegen ein Trinkgeld von einigen Halbpiastern preiszugeben . Und es fand seine mehr als genügende Begründung in dem moralischen Werte oder Unwerte desjenigen Christentums , welches er kennen gelernt hatte . Wer ein scharfes , offenes Auge besitzt , der wird von Alexandrien und Port Said oder Suez an bis nach Assuan hinauf in unzähligen Fällen die Behauptung bestätigt finden , daß überall , wo von einem Gewinn um jeden Preis die Rede ist , ein Christ die Hand im Spiele hat . Zwar handelt es sich da meist nur um griechische , levantinische oder überhaupt morgenländische Christen , aber dem Mohammedaner ist dieser Unterschied nicht geläufig ; Christ gilt als Christ bei ihm , und der abendländische hat es sich zunächst gefallen zu lassen , daß er genau so wie der orientalische beurteilt wird . Sejjid Omar war kein dummer Mensch ; er hatte sogar , wie ich später erfuhr und was bei den dortigen Verhältnissen selbst für Eselsjungen möglich ist , einige Jahre lang in der Azharmoschee Theologie studiert , doch mangelte auch ihm die nötige Einsicht , Christ von Christ zu unterscheiden . Lernte er in einem Christen zugleich auch einen guten Menschen kennen , so lag die einzige Lösung dieses Rätsels für ihn in der Annahme : » Er muß , obgleich ein Christ , ein Liebling Allahs sein , denn Allahs Sonne scheint ja auf die , die sich von ihm gewendet haben . « Die Bedingungen , welche er mir gestellt hatte , konnten mich keineswegs abhalten , ihn zu engagieren ; sie bildeten vielmehr eine Empfehlung für ihn . Wer das , was ihm heilig sein soll , nicht achtet , wird höchst wahrscheinlich kein treuer , zuverlässiger Diener sein . Ich nahm mir vor , zunächst seine Sattelfestigkeit auf dem Pferde zu prüfen und zu diesem Zweck morgen mit ihm nach Gizeh und dann nach Sakkara zu reiten . Mancher Eselsjunge , welcher wahre Kunstreiterstückchen ausführt , ist aber , so lange er lebt , nicht auf ein Pferd gekommen und mit der Behandlung desselben vollständig unbekannt . Ich brauchte einen Diener , der sich vor monatelangem Reiten auf jeder Art von Pferden nicht zu fürchten hat . Kurz nachdem Omar bei mir gewesen war , ging ich auf mein Zimmer , um noch ein Stündchen zu arbeiten , brachte aber nichts fertig , denn die vier Personen an meinen Nachbartischen kamen mir nicht aus dem Sinne . Meine Gedanken kehrten immer wieder zu ihnen und ihrem Gespräch zurück , und besonders war es der Missionar , der mich in Anspruch nahm , weil ich mir das unerlaubt selbstbewußte Gebaren eines Mannes nicht erklären konnte , dessen Beruf ihn das Wort des Jesaias hätte beherzigen lassen sollen , daß die Schritte der Boten , welche auf den Bergen Gottes den Frieden predigen und das Heil verkündigen wollen , leise und lieblich zu klingen haben . Ich ließ also Papier , Tinte und Feder sein und legte mich schlafen . Ich schlief auch bald ein ; aber die Gedanken waren nicht auch eingeschlafen ; sie beschäftigten mich im Traume fort . Ich sah diesen Mr. Waller die verschiedensten und unglaublichsten Arbeiten