wußte er schon von dem Geschehenen , rief den kleinen Hans zu sich und fragte ihn . Der antwortete , daß alle sehr artig gewesen seien und besonders die kleine Komtesse , aber ihn habe plötzlich eine Wut gepackt , er wußte nicht woher , daß er habe den einen schlagen müssen . Mehr konnte er nicht sagen , und keine weitere Vorhaltung nutzte etwas . Endlich fragte ihn der Vater , ob er wisse , daß er sehr ungezogen gewesen sei und Hiebe verdient habe . Da sagte er ja , holte auch die neunschwänzige Katze herbei . Wie ihn der Vater schlug , bezwang er sich zuerst und muckste nicht , nachher aber weinte er doch , denn die Katze tat sehr weh . Am Abend setzte er sich in der Dunkelheit ans Fenster ; der Vater saß still in der Sofaecke . Da stand er leise auf , ging zu seinem Vater , stieg dem auf den Schoß und weinte an seiner Brust . Der Vater dachte , er müsse ihn trösten der Schläge wegen und sagte , er sei doch ungezogen gewesen , und einem Vater tue das selbst weh , wenn er seinen Jungen schlagen müsse , und das wisse er doch selbst , daß er die Schläge verdient habe . Da nickte Hans und sagte : » Das ist es nicht , das hat manchmal schon weher getan . « Wie ihn der Vater nun weiter fragte , faßte er sich zuletzt ein Herz und sprach : » Nicht wahr , du lügst doch nicht ? « Hierüber wurde der Vater ganz erstaunt , antwortete , daß er allerdings nicht lüge und fragte dann , wie Hans auf solche Gedanken komme . Hans schluchzte von neuem und erzählte endlich , was die beiden Jungen auf der Fahrt und nachher gesprochen hatten . Der Vater wurde recht nachdenklich und begütigte ihn , indem er ihm sagte , daß die jungen Grafen vorlaute Jungen seien , die überall zuhörten , auch wo es ihnen verboten sei , und nun in ihrer Dummheit allerhand falsche Meinungen ausheckten . Damit gab sich Hans am Ende zufrieden , hörte allmählich auf zu weinen und schlief zuletzt auf seines Vaters Schoße ein . - Der Großmutter war es den Winter hindurch schlecht gegangen ; sie klagte über ihre Beine , daß die sie nicht mehr recht tragen wollten und fürchtete sich vor Zug ; abends ging sie früher zu Bett wie sonst , und am andern Morgen erzählte sie , daß sie nicht habe schlafen können . Dafür geschah es , daß sie am Tage unversehens einschlief , wenn sie in ihrem Lehnstuhl am Ofen saß und strickte ; das Strickzeug sank ihr in den Schoß , und sie wachte auch durch lautes Geräusch nicht auf . Man mußte aber tun , als ob keiner etwas merkte hiervon , sonst wurde sie böse ; wenn sie die Augen wieder aufschlug , so sah sie sich um , ob jemand sie beobachtete , und dann nahm sie ihr Strickzeug vor das Gesicht . Gegen den Frühling kam der Tischler , der die Fenster in Ordnung bringen sollte , denn deren unterer Riegel war faul geworden , und das Wasser lief auf die Fensterbank . Mit dem sprach die Großmutter über Särge , fragte , was die verschiedenen Arten kosteten , und wunderte sich , daß alles so teuer geworden war , und erkundigte sich genau nach der Haltbarkeit . Es zeigte sich , daß bei Särgen sehr viel Betrug unterlief , denn die Handwerker hatten keine Furcht vor Gott und keine Scham und glaubten , bei einem Begräbnis müßten sie mehr verdienen wie bei andern Arbeiten . Als die Kraft der Sonne zunahm , stand sie oft am Fenster und sah , wie der Schnee in sich zusammensank , und dann kam Tauwind und Regenwetter , und in den Schlittenspuren auf der Landstraße schoß das Wasser bergab . Jetzt sagte die Großmutter oft : » Nun schlagen die Bäume bald aus « ; sie dachte aber bei sich , wenn die Bäume ausschlügen , so würde sie sterben ; auch sagte sie : » Die Schneeglöckchen erlebe ich noch . « Das sprach sie alles für sich hin , wenn sie allein in der Stube war oder nur der kleine Hans auf seinem Fußbänkchen still saß . Einmal faltete sie die Hände und sagte : » Des Menschen Leben währet siebzig Jahre , und wenn es hoch kommt , achtzig Jahre , und wenn es köstlich gewesen , so ist es Mühe und Arbeit gewesen . « Wie sie noch Kind war , hatten ihre Eltern sie in eine Sterbekasse eingekauft , und achtzig Jahre lang hatte sie ihre Pfennige gesteuert . Jetzt las sie viel in dem alten , abgegriffenen Quittungsbuch , in dem vorn die Satzungen der Kasse abgedruckt standen und hinten auf leeren Blättern so viele Jahre hindurch der Empfang des Beitrags bescheinigt wurde ; sie las und rechnete für sich alle Kosten und Ausgaben zusammen . Ein schöner Frühlingstag kam . Das Stubenfenster stand lange auf , und eine Frühlingsluft drang herein , eine frische und sonnenscheindurchtränkte . Draußen war es schon ganz trocken , und die kleinen Vögel machten allerhand Zwitschern , Pfeifen und Tirilieren ; die Großmutter saß lange am Fenster und hatte diesmal gar keine Furcht vor der Erkältung . Dann sprach sie mit der Mutter wegen des Grabes ihres toten Mannes , das um diese Jahreszeit besorgt werden mußte , und endlich sagte sie , daß sie sich jetzt zu schwach fühle , um noch aufzubleiben ; sie wolle sich legen ; aber auf ihrer Kammer sei es ihr zu einsam ; ihr Bett solle hier in der Stube aufgeschlagen werden , in der Ecke , wo ihr Lehnstuhl gestanden . Die Mutter verspürte wohl , was sie meinte , und daß sie wußte , sie werde von diesem Lager nicht wieder aufstehen ; so antwortete sie , daß heute abend , wenn der Mann zu Hause sei , alles so gemacht werden solle , wie die Großmutter es wünsche . Das geschah auch , und nun war die Großmutter unten in der Stube im Bett ; sie hatte viele Kopfkissen im Rücken , so daß sie halb saß ; deshalb vermochte sie auch noch zu stricken wie früher . Wenn der Vater abends nach Hause kam , ging er erst zu ihr , gab ihr die Hand und sprach ein paar Worte . Es war , als sei sie jetzt viel wichtiger geworden wie vorher ; die Mutter fragte sie um manches , davon sie ihr sonst nichts mitgeteilt , und recht oft erhielt sie ein besonderes Leckerbißlein , das die andern nicht bekamen . Einmal rief die Großmutter die Mutter zu sich ans Bett . Die kam und fragte , was sei . Da sagte die Großmutter nach einer Pause : » Ich wollte dir nur sagen , daß du immer gut zu mir gewesen bist , so sind nicht alle jungen Frauen . Ich bin gewiß manchmal wunderlich gewesen , aber ich habe es immer gut gemeint . « Da sah Hans , wie seiner Mutter die Tränen kamen , daß sie die Schürze vor die Augen nahm und schnell fortging . Dem kleinen Hans erzählte die Großmutter jetzt viel ; und wiewohl er gern draußen war und mit dem schmelzenden Schnee spielte , Flüsse leiten und Dämme bauen , daß sich große Teiche bilden , und dann wieder Kanäle graben und Wasserfälle machen , so blieb er doch viel lieber in der Stube bei der Großmutter und hörte ihre Erzählungen aus der alten Zeit . Sie sprach aber von ihrem Vaterhaus , das schilderte sie ganz genau von außen und innen und zählte die Stuben und Fenster und Türen , und die Öfen beschrieb sie , und die Treppe und die Haustür ; und alles wurde prächtig und märchenhaft in ihrer Erinnerung . Dann sprach sie von der Wiese , und wie sie alle ins Heu gingen mit großen Hauben aus Kattun , und vom Garten erzählte sie und von den Obstbäumen ; da war ein Apfelbaum , der trug Borsdorfer , solche Äpfel gab es nicht mehr ; und von Kirschen hatten ihre Eltern alle Sorten , und im Herbst , wenn die Abende länger wurden , dann holten sie immer eine große Schüssel Pflaumen vom Boden , die wurde auf den Tisch gesetzt . Der Urgroßvater war Silberbote gewesen , das war ein Bergmann , auf den man besondere Stücke hielt , der mußte zweimal in der Woche das ausgebrachte Barrensilber zur Münze bringen . Da ging er denn abends zum Herrn Bergrat , der packte die Barren in einen Tornister , den versiegelte er ; dann kam er wieder nach Hause und verschloß den Tornister in seinem Koffer und nahm den Schlüssel in die Tasche ; denn früh am andern Morgen um drei Uhr mußte er sich auf den Weg machen und acht Stunden weit gehen durch den dicken Wald : zur Winterzeit war oftmals der Weg verschneit und keine Trappe Bahn ; dazu war damals der Wald noch gefährlich wegen der Wölfe , und in der Franzosenzeit gab es auch Räuber . Deshalb holte der Vater die Bibel und das Gesangbuch aus dem Schapp und las vor , ein Stück aus den Evangelien , von dem Mann , der unter die Räuber fiel , oder ein andres , dann knieten alle nieder und beteten zum lieben Gott , daß er ihn beschützen möge , und am Ende sangen sie ein frommes Lied . Wenn die Kinder dann am andern Morgen aufwachten , so war der Vater schon lange auf dem Wege ; und erst am Abend um neun kam er wieder mit dem leeren Felleisen und der Quittung , das mußte ein Kind beides gleich zum Herrn Bergrat bringen . Wenn es aber um die Zeit war , daß der Vater heimkehren mußte , so harrten alle in Angst , und oftmals gingen sie ihm entgegen , weil sie Furcht hatten , es möchte ihm etwas geschehen sein . Aber Gott hat ihn immer behütet , und er hat ein hohes Alter erreicht . In diese Erzählungen mischte die Großmutter Mahnworte und fromme Reden , indem sie begann : » Und wenn ich tot bin , so vergiß nicht , was ich dir jetzt sage . « Sie erzählte aber , sie habe gefunden , daß in heutiger Zeit die Manschen mehr Angst hätten um ihr tägliches Brot wie früher und sich viele Sorge machten um Irdisches . Als sie ein Kind gewesen , haben die Menschen andre Gedanken gehabt ; indessen sei es möglich , daß die Ursache der Sorgen in dem beschlossen sei , daß die Menschen heute nicht mehr so ordentlich und gut seien wie früher . Es sagt aber der Psalmist : » Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen . « Diesen Satz gab sie dem kleinen Hans ganz besonders und schärfte ihn dem Kinde vielmals ein und fügte hinzu : » Strebet zuerst nach dem Reiche Gottes , so wird euch dieses alles zufallen « , und sagte nochmals : » Hieran denke , wenn ich tot bin , und vergiß nicht meine Worte . « Weiter erzählte sie von ihrem Großvater , den sie noch gekannt als einen eisgrauen kleinen Mann , der schon ganz in die Erde gewachsen war . Der war weit in der Fremde herumgekommen als ein Bergmann , in Ungarn und Böhmen , aber dann wieder in die Heimat gekehrt mit seinem Ersparten und hatte das Haus gekauft und die Wiesen . Der las viel in einem alten Buche , das hieß die » Insel Felsenburg « , darin waren Lebensbeschreibungen von allerhand Menschen und merkwürdige Schicksale , Reisen und Schiffbrüche , bis alle endlich zusammenwohnten auf einer einsamen Insel im Meer , wo sie in Ehrbarkeit und Sitte lebten , sich freiten und Kinder kriegten und die Insel bevölkerten . Sie , die Großmutter , hatte er am liebsten , die damals noch ein kleines Mädchen war und zu seinen Füßen saß auf dem Fußbänklein , » gerade wie du , mein lieber Hans . So vergehen die Jahre , und die Menschen werden groß , und die alten sterben , und junge kommen auf , und ist mir , als sei es gestern gewesen , daß ich aufhorchte , wie er mir erzählte von den Silbergruben in Ungarn und von den großen Meerschiffen . Und ist zu denken , daß auch mein Großvater dereinst als Kind aufgeschaut hat zu seinem Ahn , und geht die Reihe der Geschlechter fort durch die Jahrhunderte , und auch du , mein liebes Kind , wirst einst Kinder haben , und Enkel werden zu deinen Füßen sitzen , und du wirst denken : War es nicht gestern , daß ich hörte , wie die Großmutter mir erzählte ? Aber dann werde ich schon lange in der Erde liegen neben deinem Großvater , der so jung hat sterben müssen , daß er deinen Vater nicht mehr gesehen hat , und habe ich an fünfzig Jahre die Stelle betrachtet , wo ich einstens neben ihm liegen werde . « Der kleine Hans saß still und horchte auf der Großmutter Worte . Noch verstand er nicht , was sie meinte , denn ein Kind kennt nur den Tag und ist wie ein Schmetterling in der Sonne , der nichts weiß von gestern und morgen ; aber er verschloß ihre Reden treu in seiner Seele , und später haben die ihn getröstet und beschützt , als er keinen Trost von Menschen hatte und keinen Schutz . Auch sagte die Großmutter : » Du bist zwar noch ein Kind , aber du sollst doch schon jetzt wissen , was du sonst später erfahren hättest , denn du bist ja mein Blut und meines lieben Mannes . Deshalb will ich dir erzählen , wie ich und dein Großvater uns lieb gewonnen haben ; denn auch du wirst einmal ein Mädchen lieb gewinnen und heiraten . « Die alte Großmutter , die jetzt mit ihren achtzig Jahren strack in ihrem Bette saß , mit schneeweißem und glattem Scheitel , die Augen nach vorwärts gerichtet in ein neues Land , war einst ein junges Mädchen gewesen , hochgewachsen und schlank wie ein Tannenbaum , mit gelbem Ringelhaar und lustigen blauen Augen . Da sie so schön war und ihre Eltern eingesessene Leute , die ein Stück vor sich gebracht hatten , so fehlte es ihr nicht an Bewerbern . Nach der Art der jungen und unerfahrenen Dinger , die nicht wissen , wie das Leben ein gar schweres Wesen ist , erschien ihr das als ein Scherz und Spiel und vermeinte , sie dürfe stolz sein auf solche Menge der Freier , und äußerte den Stolz in allerhand Mutwillen , den sie mit ihnen trieb aus Gedankenlosigkeit ; denn sie hatte noch nicht erfahren , was Liebe ist . Ganz besonders war ihr aber zugetan der junge Jägerbursche , der später ihr Mann werden sollte , der war ihr indessen zu ernsthaft , wiewohl ihre Eltern es gern sahen , daß er sich um sie bewarb . An einem Abend ging er mit ihr zusammen einen Weg nach dem Dorfe zu , und wie sie auf der Anhöhe standen und unter sich die Lichter blinken sahen , sprach er zu ihr , daß er sie lieb habe , und wenn sie wolle , so werde er sie heimführen als seine Frau und sie lieben und ehren , wenn sie ihn lieben und ihm gehorsamen wolle ; aber er sei noch nicht angestellt , und es sei recht möglich , daß sie ein paar Jahre warten müßten , bis sie heiraten könnten . Auf dieses erwiderte sie schnippisch , denn sein ernster Ton hatte sie verdrossen , und daß er sprach von Gehorsamen . Sie sagte aber , daß sie einen Mann nicht nehmen möge , der schwarzhaarig sei , sondern sie wolle einen Blonden ; und zudem begehrten sie so viele zur Frau , daß sie nicht nötig habe , zehn Jahre zu warten als Braut , sondern wenn sie wolle , so könne sie schon übers Jahr heiraten . Da sagte er , sie spreche wie ein unverständiges Kind , und vielleicht sei sie auch noch zu jung , um schon eine rechte Meinung in solcher ernsten Sache zu haben . Aber ihre leichte Art habe ihn sehr gekränkt , und deshalb bitte er , sie wolle denken , seine Worte seien ungesprochen . Aber wenn er sie nicht zur Frau bekommen könne , weil sie ja nicht wolle und auch er ein so gedankenloses Wesen nicht in sein Haus führen möge , so solle sie doch immer auf ihn rechnen , weil er sie trotz allem lieb habe , denn die Liebe kehrt sich nicht an die Vernunft , ja sie streitet mit ihr . Es sei aber sehr möglich , daß sie später einmal seine Hilfe irgendwie gebrauchen könne ; und auch einen Groll wollten sie nicht auf einander behalten . Dieses stieß ihr wieder an die Krone , so daß sie noch törichter antwortete und ihn gänzlich von sich abwies . » Aber merke dir , mein liebes Kind , « sprach sie von ihrem Bett zu dem kleinen Hans , der vor ihr saß , » wir Frauen sind andern Wesens wie die Männer ; und wenn du nicht vergißt , was ich dir jetzt erzähle , so sparst du dir später viel Herzeleid und Kummer . Vorher habe ich deinen Großvater nicht lieb gehabt , aber wie ich ihm so leichtfertig antwortete , und er war ernst und streng , aber zugleich doch gut zu mir , da kam plötzlich die Liebe zu ihm in mein Herz . Nur daß mich die Schamhaftigkeit hinderte , ihm davon zu sagen ; ja , es war , als triebe es mich , ihn jetzt gerade zu kränken . Das merke dir , denn wir Frauen sind ein schwaches Geschlecht , und die Männer sind stärker als wir und gerader . « So geschah es , daß sie einen andern Bewerber offenkundig bevorzugte , einen Bergmann , der lustig die Zither zu schlagen verstand und Lieder dazu sang und fröhliche Streiche anzustellen wußte . Mit dem lachte sie viel , und es war ihr lieb , wie sie sah , daß der andre finster wurde , wenn er sie mit ihm erblickte , Und einmal ging sie denselben Weg mit diesem , den sie vorher mit dem andern gegangen , und sprachen ähnliche Gespräche zusammen und kamen an dieselbe Stelle auf der Höhe , wo das Dorf unter ihnen lag mit seinen hellen Fenstern . Da fragte er sie , ob sie ihn liebhaben wollte , und zugleich umfaßte er sie und wollte sie küssen . Wie sie aber seinen Arm verspürte , tat sie einen Schrei und lief fort , hinab ins Dorf und kam unten an in großer Angst , wiewohl sie nicht kindisch war und schon einmal sich mit einem andern herzhaft abgeküßt hatte , welches jedoch gewesen war , ehe der Jägerbursche mit ihr gesprochen . Von der Zeit an war sie verändert und wurde ernster , tanzte nicht und lachte nicht mehr mit den jungen Leuten , und kamen wohl mehrere Freier , aber sie wies alle ab . So ging es drei oder vier Jahre . Da begann sich Hansens Großvater wieder langsam an sie zu machen ; er besuchte ihre Eltern am Sonntagnachmittag , spielte mit ihren jüngeren Geschwistern und sprach mit ihr selbst viel . Von seinen damaligen Worten redeten sie nicht wieder , aber sie wußten beide , auch ohne daß sie es sich sagten , daß sie jetzt verlobt seien , und daß sie warten wollten mit dem Heiraten , bis er eine Anstellung habe . » Und siehst du , « sprach die Großmutter zu dem Enkel , » das danke ich deinem Großvater noch heute , daß er nie wieder von dem Früheren gesprochen hat , obwohl er hätte über mich triumphieren können , denn ich hätte schweigen müssen , wenn er gespottet . Aber dein Großvater war ein Mann , wie er sein muß , er war hart und ernst , aber er war auch mild und gut . Dein Vater ist auch so geworden , und du mußt dir Mühe geben , daß du ihnen nachschlägst . « Da sagte Hans : » Ja , Großmutter , das will ich . « Und die Großmutter mit ihren Augen , die schon über das Grab hinaus suchten , schwieg eine lange Weile ; sie dachte an ihren Mann , den sie nur wenige Wochen gehabt und über ein halb Jahrhundert betrauert hatte , und daß sie ihn bald wiedersehen werde ; das machte ihr eine sonderbare Freude und heftiges Heimweh . In Hans war eine wunderliche Ernsthaftigkeit , und in sein Wesen kam eine größere Reife durch diese Gespräche , wie seinem Alter gewöhnlich ist ; in aller sonstigen Erfahrung aber blieb er kindlich und unwissend , und wurde seine Erziehung gerade entgegengesetzt , wie die Erziehung heute gewöhnlich ist , da die Kinder viel Fremdes sehen und manches Neue erfahren , früh Furcht und Achtung verlieren und gewitzt werden ; dabei aber in ihr Wesen keinen Ernst bekommen und oft noch im wesentlichen kindisch bleiben , wenn sie schon Männer sein sollten . In der Küche saß Dorrel , Kartoffeln schälend , mit einem bekümmerten Antlitz . Hans setzte sich ihr gegenüber . Wie sie ihn ansah , stand sie auf , stellte ihre Schüssel ab und rumorte mit den Herdringen . Sie wollte aber verbergen , daß sie weinte . Hans fragte : » Weshalb weinst du ? « Da antwortete Dorrel nach langem Zögern und vielem Drängen , sie weine um die Großmutter , daß die nun im Sterben liege . Hans wiegte den Kopf , dann sagte er : » Darüber muß man nicht weinen . Wir müssen alle sterben , und das wissen wir . Die Großmutter aber ist eine alte Frau , die in ihre Jahre gekommen ist ; sie hat keine Sorge hinter sich , sondern weiß , daß sie meine Eltern in guter Ordnung verläßt ; dazu leidet sie keinerlei Schmerzen , sondern ihr Leben lischt aus wie ein Licht . Deshalb hat sie selbst auch nicht Kummer über ihren Tod , vielmehr freut sie sich , weil sie jetzt wieder mit dem Großvater zusammenkommt . « Dorrel hörte diesen Worten mit großer Verwunderung zu und bekam eine sonderliche neue Achtung vor Hans , die sie bis dahin noch nicht gespürt . Deshalb sagte sie nach einer Weile : » Wenn du es so nimmst , so hast du recht , aber ich weine um meinetwillen , denn sie ist mir immer eine gute Frau gewesen , und ich habe sie lieb . « Hiernach war Hans wieder eine Weile nachdenklich , dann sprach er : » Ich habe sie auch lieb , aber ich bin nicht traurig und will auch nicht weinen . « Dorrel mußte auf den Boden gehen , um Räucherware zum Abendbrot aus der Rauchkammer zu holen . Sie bedachte sich , wie sie es machen sollte , daß sie nicht allein war . Endlich befahl sie dem kleinen Hans , daß der die Laterne tragen mußte ; sie ging hinter ihm her mit Furcht . Als sie oben waren , merkte Hans , daß sie Angst hatte ; und weil er nicht wußte , welches der Grund sein konnte , fragte er sie . Sie sagte ihm , sie fürchte sich , weil ein Sterbendes im Hause sei . Da wurde er wieder nachdenklich und schüttelte endlich den Kopf über sie , aber er sagte nichts mehr . Indessen hatte er von nun an das Gefühl verloren , daß Dorrel als eine Erwachsene über ihm stehe , und empfand sie nur noch als eine Gleichgestellte , ja als eine solche , die er unter Umständen beschützen dürfe ; und Dorrel ging ohne Klarheit auf dieses veränderte Verhältnis ein . Ihm selbst war auch nicht bewußt , worin der letzte Grund lag , nämlich daß Dorrel in Dumpfheit und unwissender Furcht befangen war und nur nach Trieben lebte , die sie nicht verstand : er selbst aber lebte schon zu einem Teil in Helligkeit und klarem Denken und Prüfen . Eine Zeit der Dumpfheit und unwissenden Furcht kam für ihn später , als in der Großstadt das Fremde und Neue auf ihn einstürmte , das er nicht fassen und verarbeiten konnte ; und wie es gerade schien , daß er in diesem Meer der Finsternis versinken müsse , da sollte ihm von der armen Magd ein helles Licht kommen , das ihm das Ufer wies und den Berg , darauf er zu neuer Helligkeit emporsteigen konnte . Der Großmutter Zustand wurde immer schlechter ; sie schlief des Nichts sehr unruhig und hatte Atembeschwerden . Daß jemand bei ihr wachte , wollte sie nicht ; aber die Mutter schlich des Nachts mehrmals leise die Treppe hinunter und horchte an der Stubentür . Der kleine Hans brachte ihr die ersten Schneeglöckchen an ihr Bett ; die sah sie lange mit glänzenden Augen an , dann stellte sie die Blümchen in ihr Wasserglas , das neben ihr stand . » Nun geht es bald zu Ende , « sagte sie zur Mutter , » und für euch ist das auch eine Erlösung . « In den letzten Tagen sagte der Förster , er wolle nachts auf dem Sofa schlafen , damit jemand bei ihr sei . Aber sie erwiderte , er müsse früh aufstehen und in seinen Dienst gehen , da müsse er ordentlich ruhen , und die Mutter solle bei ihr bleiben , wenn sie es nötig finde ; freilich sei sie eine alte Frau , deren Zeit abgelaufen sei , und halte es nicht für richtig , daß so großer Umstand um sie gemacht werde . So brachte die Mutter abends ihre Betten herunter . Und in einer Nacht richtete sich die Ahne plötzlich strack auf und rief : » Anna , wie ist mir denn ? « Dann begriff sie , daß das der Tod war , der zu ihr kam . Da sagte sie : » Herr , in deine Hände befehle ich meinen Geist . « Die Mutter war zu ihr geeilt und hielt sie aufrecht ; wie die Ahne diese Worte gesprochen , fühlte sie plötzlich , daß der Körper ihr schwer wurde in den Armen . Leise legte sie die Gestorbene zurück auf das Kissen , drückte ihr die Augen zu und faltete ihr die Hände über der Brust . Dann war viel Laufen und Besorgen , wie das bei Sterbefällen so ist . Der Tischler kam wegen des Sarges , und allerhand Umstände mußten gemacht werden . Die Gestorbene lag still und ernst da . Sie war sehr schön geworden im Tode ; ein freies , offenes und stolzes Gesicht hatte sie wie eine Fürstin , und nichts Kleinliches oder Furchtsames war da zu sehen . Denn der Tod gibt jedem Menschen die Würde , die ihm gebührt ; wenn die Muskeln erschlaffen , die unserm Gesicht den zufälligen Ausdruck verursachen , den es zwischen den Menschen hat , so treten die Knochen und Sehnen hervor , die seine Grundlage bilden ; wer ein Bettler war , sieht dann aus wie ein Bettler , und habe er im Leben auch eine königliche Figur gehabt , und ein tüchtiger und freier Mensch bekommt ein stolzes und vornehmes Aussehen . Da zeigt es sich , daß alles äußere Geschick nur Zufall ist , unsre Figur und unser Wandeln unter den Menschen ein täuschender Schein ; und unser wahres Leben , das wir in der unbekannten wahren Welt geführt , gibt hier ein sonderliches Zeichen von sich . Wie der Tischler mit seinem Gesellen den Sarg gebracht hatte , legte der Vater mit dem Meister die Tote hinein und setzte ihr den vertrockneten Myrtenkranz auf und tat ihr den Brautschleier um , den sie vor fünfzig Jahren getragen und sorgsam aufbewahrt hatte ; denn so wollte sie vor ihrem lieben Mann erscheinen , an den sie ein halbes Jahrhundert gedacht hatte , jeden Tag ; und für dieses Andenken hatte sie ihren Sohn erzogen , bis er ein stattlicher Mann geworden , und dann den Enkel , der zwar nach seinem äußeren Wesen in ihre eigne Art schlug , nach seinem Innern aber ein Werther war . Wie das geschehen war , bekamen der Tischler und sein Geselle ein Frühstück , nach alter Sitte , aßen und tranken mit Bescheidenheit und lobten das Essen . Hierüber empfand Hans einen heftigen Haß gegen sie , in der Art wie damals gegen den jungen Grafen , und hätte sich auf sie stürzen mögen . Ein Junge von den Holzarbeitern , die unweit des Forsthauses wohnten , war in Hansens Alter , und deshalb hatte der manches mit ihm gemein , wiewohl keine eigentliche Freundschaft zwischen den beiden bestand . Den fragte er , ob er solche Gefühle auch habe ; denn seinen Vater zu befragen , wagte er nicht , aus einer gewissen Scheu vor dem Erwachsenen . Der grinste und schüttelte den Kopf und wußte nicht , was Hans meinte . Nach längerem Überlegen kam er auf die Vorstellung , daß er auf diese Geständnisse und Fragen hin ihn hänseln könne . Aber wie er mit solcher Absicht anfing , trat ihm Hans gleich mit geballter Faust entgegen , und wiewohl der Junge viel stärker war wie Hans , wurde er da doch in Angst versetzt und entschuldigte sich , er habe nichts sagen wollen . Hans ärgerte sich und drehte ihm den Rücken . Der Junge lief ihm nach und liebedienerte . Er sprach von einem Vogelnest , das er