der Mutter . » Zieht mir doch lieber gleich eine Zwangsjacke an « , schrie sie . Ellen hatte gar keine Ahnung , was das eigentlich für ein Ding wäre , aber sie bekam ihre Zwangsjacke . Man ließ sie nicht mehr aus den Augen , und mit dem heimlichen Ausreißen war es ein- für allemal vorbei . Dies Jahr durfte sie nicht einmal mit den Brüdern zum Schlittschuhlaufen . Wehmütig sah sie an Winternachmittagen in den beschneiten Garten hinaus und dachte an ihre unglückliche Liebe - jetzt war er wohl auf dem Eis , und ihr war jede Möglichkeit abgeschnitten , ihn auch nur zu sehen . Die Sehnsucht wurde immer brennender , sie zitterte und wurde rot , wenn Erik zufällig seinen Namen nannte . Die gährende Unruhe , die sie in sich fühlte , machte sich manchmal in überlauter Lustigkeit Luft und häufiger noch in wilden Wutausbrüchen . Ellen fand auch , daß man sie namenlos reizte . Von früh bis spät fuhr die Mutter sie an , jeder Blick sagte : Wozu bist du überhaupt auf der Welt ? Und an Heftigkeit gab Ellen ihr nichts nach . Eine Zeitlang hörte sie schweigend zu , biß die Zähne zusammen , daß sie knirschten , dann stürzte sie hinaus und schlug die Tür zu . Mama war hinter ihr her , ehe sie sich ' s versah . Plötzlich hatte sie die zornig flammenden Augen dicht vor sich , fühlte einen brennenden Schlag im Gesicht : » Geh mir aus den Augen , ich hab ' s satt , mich mit dir zu quälen . « War sie dann allein im Zimmer , so wußte sie nicht , wo hinaus mit der Wut , die in ihr tobte , wußte nicht mehr , was sie tat . Dann rannte sie mit dem Kopf gegen die Wände , bis ihr die Funken vor den Augen sprühten und der Schmerz sie wieder zur Besinnung brachte . An solchen Tagen mußte sie oben bleiben und durfte sich nicht mehr vor der Mutter blicken lassen . Da lag sie dann auf dem Bett und spann endlose Pläne . Wieder und wieder malte sie sich aus , wenn sie nur erst erwachsen wäre und von zu Hause fort könnte . Die Zirkusgedanken hatte sie jetzt allmählich aufgegeben , es war doch wohl zu spät geworden . Aber das stand ihr immer noch fest , irgendwann einmal mußte sie sich freimachen von diesem unerträglichen Leben und in die Welt hinaus , in die unbekannte verheißungsvolle Welt . An einem Sonntagmorgen , als Ellen zum Frühstück hinunterkam , las Mama gerade einen Brief . » Nun ist alles in Ordnung « , sagte sie und legte ihn neben ihren Teller . » Du kommst Ostern in die Pension nach A ... , Ellen . « Ellen nahm diese Nachricht mit dumpfer Gleichgültigkeit hin . Von der Pension war schon oft die Rede gewesen , aber sie hatte bisher nie recht daran geglaubt . Es waren nur noch wenige Wochen bis Ostern . Sie machte ihrer Umgebung die letzte Zeit noch so schwer wie möglich . Nur mit Detlev allein war es anders , da taute ihr ganzer Schmerz auf , daß sie fort sollte , von ihm und von der Heimat . Die beiden waren noch nie einen Tag getrennt gewesen , hatten jedes Erlebnis , jede Empfindung geteilt , seit sie denken konnten . Sie wußten es nicht zu fassen , daß sie jetzt voneinander gerissen wurden , daß wirklich einmal der letzte Tag käme . Aber er kam , und er ging vorüber - am Abend sollte Ellen mit ihrer Mutter abreisen . Nach Tisch schlichen sich die beiden Jüngsten hinauf in die alte Kinderstube . Beim Essen hatten sie Wein bekommen , ihre Köpfe brannten , - so hielten sie sich lange umschlungen und weinten ihre bittersten Tränen . - Zwei Jahre - zwei endlose Jahre voneinander getrennt sein und lernen müssen , gequält werden , - sie fühlten beide , daß etwas Unwiderbringliches vorüber war und nie wiederkommen würde . Als man sie rief , kamen sie mit roten , verschwollenen Augen . Dann gingen alle zusammen an die Bahn . Vor den anderen weinten sie nicht mehr und küßten sich nicht . Detlev stand mit zusammengebissenen Zähnen abseits von den Geschwistern auf dem Perron und ließ keinen Blick mehr von Ellen , bis der Zug mit ihr und der Mutter in die weite Marschebene hineinfuhr . » Ellen Olestjerne soll hereinkommen . « Sie kam , machte die drei vorschriftsmäßigen Knickse - einen an der Tür , dann in der Mitte des Zimmers , wo die großen Blumen im Teppich waren , und den letzten , als sie vor der alten Dame stand . Die Pröpstin des freiadligen Stiftes zu A ... saß an ihrem Schreibtisch . Sie war schon über sechzig Jahre alt und kannte keine Ruhestunden . Ihr strenges , wie in Stein gehauenes Gesicht mit der hohen , blanken Stirn hatte einen Zug von eiserner Energie - sie hielt sich sehr gerade , nur in der weißen schmalen Hand , die auf der geschnitzten Stuhllehne lag , war etwas von der Müdigkeit des Alters . » Was sind das für Sachen , Ellen ? Du hast Hedwig Vogt ins Gesicht geschlagen ? « » Ja , weil sie mich geärgert hat , das lasse ich mir nicht gefallen . « Die Pröpstin faßte Ellen ums Handgelenk und führte sie ans Fenster , wo es etwas heller war . » Vor allem , mein Kind , mäßige dich in deiner Art zu reden . « Ellen wollte etwas sagen , aber sie kam nicht zu Wort , die gestrenge Stimme sprach immer weiter mit ihrem harten , scharfklingenden S. » Es schickt sich überhaupt nicht , so aufzubrausen . Mit solchem Benehmen kommst du mir hier nicht durch , Ellen . Wenn du meinst , daß dir unrecht geschieht , kannst du zu mir kommen und dich beschweren . Ihr seid keine Gassenjungen . « » Ich wollte , ich wäre einer « , fuhr Ellen endlich dazwischen . Sie war empört , daß sie sich nicht selbst ihrer Haut wehren sollte . » Was sagst du da ? « die Stimme wurde immer strenger und das S immer schärfer . » Nimm dich in acht , Ellen , ich weiß , wes Geistes Kind du bist . Deine Mutter hat mit mir gesprochen , und wenn ich sehe , daß in Milde mit dir nicht auszukommen ist , so gibt es noch andere Mittel . « Mein liebes Kind - die Frau Pröpstin hat uns wieder geschrieben , daß Du sehr eigensinnig bist und Dich mit den anderen Mädchen schlecht verträgst . Wirst Du denn nie aufhören uns immer neuen Kummer zu machen ? Ich habe die Frau Pröpstin gebeten , Dich in strenge Zucht zu nehmen , und wir verlangen von Dir , daß Du Dir jetzt endlich Mühe gibst , anders zu werden . Mehr will ich heute nicht sagen , ich bete täglich zu Gott , daß er Deinen Sinn ändern möge . Die Geschwister lassen grüßen . Deine Mutter . Geliebtes , vielen Dank für Deinen Brief . Es ist schrecklich öde ohne Dich . In der Schule ziehe ich mich immer mehr zurück und gehe viel allein spazieren . Nachmittags dichte ich gewöhnlich . Dein schwarz und gelber Vogel ist gestorben , aber sei nicht traurig , ich will Dir mein anderes Männchen schenken . Ich habe zwei Photographien von Geerd gekriegt , aber Mama erlaubt nicht , daß ich Dir eine schicke . Jetzt weiß ich nichts mehr . Eure Briefe werden ja auch immer gelesen und da kann man nichts Ordentliches schreiben . Dein Detlev . A ... , Juni 1885 - - - morgen darf ich mit den D. ' s und ihrer Mutter in die Stadt , da kann ich heimlich einen Brief einstecken und schicke ihn an Jens Ketelsen , der ihn Dir in der Schule geben soll . - Gott , Detlev , Du machst Dir gar keinen Begriff davon , wie schrecklich es hier ist . Man ist eingesperrt wie im Zuchthaus und kommt gar nicht heraus , außer bei dem langweiligen Spaziergang , wo man in Reih und Glied geht und vor jedem Hofwagen knicksen muß . Sonst immer nur lernen , den ganzen Tag , die Fleißigen lernen sogar auch bei der Promenade und im Bett . Ich bin schon sehr oft hereingefallen , gleich in der ersten Zeit , weil ich eine andre geohrfeigt hatte und die Treppe herunterrutschte . Dann waren wir neulich im Garten und haben Stachelbeeren gerappst . Nun dürfen wir in der Freistunde nicht mehr hinunter und kriegen ins Zeugnis , daß wir gestohlen haben . Und so weiter - - Übrigens hab ' ich jetzt eine Flamme , sie heißt Editha und ist bei weitem die Hübscheste . Ich schwärme sehr für sie und habe schon viele Gedichte auf sie gemacht . - Hoffentlich komme ich Michaelis in die erste Klasse , dann sind wir immer zusammen . Leider geht sie nächste Ostern schon ab . Ach Du , ich weiß nicht , wie ich es hier noch so lange aushalten soll und dann noch ein ganzes Jahr . Die Pröpstin kann mich nicht ausstehen , gerade wie Mama , und sie können alle nicht begreifen , daß man toben muß , wenn man vergnügt ist . Wir dürfen uns hier nur sittsam und anständig bewegen . Ich schicke Dir eine Karikatur von unsrer Mademoiselle , die andern finden sie sehr ähnlich . Ich zeichne überhaupt in allen Freistunden . Aber laß um Gottes willen nichts herumliegen . Deine Ellen . Nevershuus , Oktober 1885 Liebe Ellen , Deine Versetzung in die erste Klasse hat uns sehr gefreut und überrascht . Es ist mir sehr lieb zu hören , daß Du Deine frühere Trägheit abgelegt hast und gut weiterkommst . Nun sorge aber auch das nächste Mal für ein gutes Zeugnis im Betragen . Ich weiß , wie schwer es Dir wird , Deine Lebhaftigkeit zu zügeln , aber bedenke , daß Du jetzt am Konfirmationsunterricht teilnehmen und anfangen sollst , eine junge Dame zu werden . Wir müssen uns alle mehr oder minder in das Leben schicken . Sei herzlichst gegrüßt von Deinem Vater . A ... , November 1885 Liebster Detlev , eben hab ' ich den Diener auf der Treppe erwischt , und er will mir den Brief besorgen . - Es hat eine große Mordsgeschichte gegeben , und wäre nicht die ganze Klasse dabei gewesen , so hätte man mich und Editha sofort geschwenkt . Die Alte will an all unsre Eltern sofort schreiben , und wir haben schon einen Preis ausgesetzt , wer den ärgsten Brief von zu Hause kriegt . Ich hab ' aber doch verfluchte Angst vor den jungen Leuten . Denk ' nur , wenn sie mich hier wirklich herausgeworfen hätten , es war nicht mehr weit davon . - Also es war so : Unsre Erste war letzten Sonntag nicht da , Editha als Zweite sollte sie vertreten , und wir überredeten sie , den Abend volle Freiheit zu geben . Als das Mädchen fort war , standen wir wieder auf . Maria Besserer blies die Mundharmonika , und wir sangen und tanzten . Nun ist hinten am Saal eine Tür , die auf den Speicher geht , und da bekamen wir Lust , eine Entdeckungsreise zu machen . Editha ging mit der Nachtlampe voran . Du glaubst nicht , wie schön sie war mit ihren langen , schwarzen Haaren . - Erst hielt sie noch eine Rede über die Mysterien des Stiftes : wir sollten uns gefaßt machen , auf eingetrocknete Blutflecken und Leichen von früheren Stiftskindern zu stoßen . Einige wurden so bange , daß sie wieder in ihre Betten krochen . Dann kamen wir in lauter alte Bodenräume , voll Gerümpel und Spinneweben , und überall schien der Mond herein . Editha und ich stiegen auf die Leitern in den Turm hinauf , durch die Luke hinaus und rutschten das ganze Kapellendach entlang . Das haben die dummen Gänse nachher , als sie ausgefragt wurden , alles erzählt . Nachher stellten wir die Lampe auf den Boden und tanzten einen Indianertanz drum herum . Dabei haben wir so gehopst , daß wir den andern Tag ganz lahm waren . Zuletzt liefen wir noch auf den Korridor hinaus und brachten dem vierten Schlafsaal ein Ständchen und warfen ihnen Stiefel ins Bett . Die haben uns dann angezeigt - ist das nicht eine Gemeinheit ? Die Alte kam selbst in die Klasse , alle sagten , so wütend hätte man sie noch nie gesehen . » Die Sünde ist unter euch wie ein fressender Eiter « , sagte sie einmal - dabei platzte ich heraus , und nun fuhr sie auf mich los : ich wäre die Anstifterin , das wüßte sie ganz genau . Ich hätte die andern verleitet , im Nachthemd auf den Korridor zu gehen , und das wäre unsittlich usw. Es ist immer noch große Aufregung im Stift , denn fortwährend kommen neue Schandtaten heraus , auch von dem vierten Schlafsaal , der uns angezeigt hat . Aber es ist nicht recht dahinterzukommen , was die eigentlich gemacht haben , denn das wird alles bei der Pröpstin im Zimmer verhandelt . Sie hat nur die Erste abgesetzt und alle in andre Schlafsäle verteilt . Na , Gott sei Dank , Weihnachten sehen wir uns wieder , dann hab ' ich Dir noch viel zu erzählen . Aber ich werde dann wohl sehr in Ungnade sein . Deine Ellen . Ist Fritz H. noch auf der Schule ? Seit ich Editha habe , bin ich lange nicht mehr so verliebt in ihn . Hier ist überhaupt niemand in Jungens verliebt , wer keine Flamme hat , schwärmt für den Pfarrer . Aber nun leb wohl . Deine Ellen . Am Neujahrstage saß Ellen in ihrer Heimatskirche und legte wie in Kinderzeiten glühende Besserungsgelübde zu Gottes Füßen nieder . Ein furchtbares Unwetter von elterlichem Zorn war über sie hingebraust , und der Vater hatte lange und ernst mit ihr gesprochen . » Was soll denn aus dir werden , wenn sie dich nun fortschicken und es immer so weiter geht ? « Ihr war selbst bange geworden , was aus ihr werden sollte , aber es war ja noch nicht zu spät , sie wollte sich wirklich ändern , sich mehr im Zaume halten . Aber sie fühlte sich doch nicht ganz sicher , und dies Gefühl wurde noch stärker , als sie wieder in der Pension war . Die ersten Wochen ging es ganz gut . Unter den jungen Mädchen war jetzt viel von der Konfirmation die Rede . Der Pfarrer hatte damit angefangen , ihnen die Grundlagen und das Wesen des Christentums zu erzählen , dann kamen die einzelnen Gebote und ihre Beziehung auf das Leben - der ganze schwerwiegende Ernst , der in all den Drohungen und Verheißungen lag - Gottes Zorn und Gottes Gnade . Als die Sünde wider den heiligen Geist besprochen wurde - die Sünde des Gläubigen , der mit vollem Bewußtsein die Gnade verscherzt , die furchtbarste , äußerste Sünde , für die keine Vergebung ist , folgten sie angstvoll jedem seiner Worte und zitterten bis in die tiefste Seele hinein unter demselben Gedanken : und wenn nun ich sie begangen hätte ? Sie sollten nun bald zum erstenmal an den Altar Gottes treten und davor stand das Wort : Wer aber unwürdig isset und trinket , der isset und trinket sich selber das Gericht . Wie ein Schauer lief es durch die Reihe der zwölf jungen Mädchen , die andächtig auf ihrer Schulbank saßen , und zugleich lag ein mächtiger Reiz darin , schuldvoll und niedergeschlagen vor diesem Mann dazustehen , der ihnen bis ins tiefste Innere schauen konnte und wußte , was Sünde war . Für Ellen war der Pfarrer von allen Vorgesetzten der einzige , zu dem sie Vertrauen hatte . Er bekam alles zu wissen , was man tat , und wie oft hatte sie ihm schon nach der Stunde in den großen Saal folgen müssen , um eine Vermahnung zu bekommen , aber er schalt nicht , suchte sie nicht zu beschämen oder zu demütigen wie die Pröpstin , er fand jedesmal ein gutes Wort und ein verstehendes Lächeln . Dafür war Ellen auch in seinen Stunden die Aufmerksamkeit selbst und lernte die längsten Psalmen auswendig , um ihm Freude zu machen . Mit Editha war sie immer noch viel zusammen und schwärmte sie in namenloser Hingebung an . Sie hatte das Herz voller Anbetung und den Kopf voller Verse , bei Tisch , in den Stunden und abends im Bett , immer fand sie wieder neue Reime zusammen , um die Freundin zu besingen . Editha war die Schönste , die Beste , die Unvergleichliche . Wenn sie abends im Schlafsaal das Haar aufmachte , hing es wie ein dichter Mantel um sie her , die Brauen lagen gleich zwei breiten , schwarzen Strichen über den dunklen , schweren Augen . Und ihre Hände und Füße , die so klein und zierlich waren - man konnte kaum begreifen , daß Editha sie wie andere Menschen gebrauchen konnte . Für die alte Vorsteherin gab es viele schwere Stunden . Seit die beiden so eng befreundet waren , schien eine ganze Horde von Teufeln in dem ehrwürdigen alten Gebäude zu spuken . Die ganze erste Klasse war außer Rand und Band , trotz Konfirmationsstunden und quälender Gewissensfragen . Es kam vor , daß den Lehrerinnen Salz ins Bett gestreut wurde , so daß sie die ganze Nacht nicht schlafen konnten , oder dem Kandidaten wurden alle Knöpfe vom Mantel geschnitten und der Hut von oben bis unten mit Kreide bemalt , was dann niemand getan haben wollte . Oder Ellen und Editha wetteten , ob man Tinte trinken und vom höchsten Schrank herunterspringen könnte . Und sie tranken wirklich Tinte und sprangen von den Schränken herunter auf die Fliesen , daß die andern leichenblaß wurden vor Schreck . Anfang Februar war Edithas Geburtstag . Ellen träumte eine Zeitlang davon , der Freundin ihre gesammelten Gedichte zu schenken , mit Druckschrift und schön gebunden . Sie schienen ihr aber schließlich doch nicht gut genug , und so wollte sie denn lieber ein Gedichtbuch kaufen . Wer sie gemacht hatte , war ja einerlei , wenn nur recht viel von Liebe drin stand . Es war nicht so einfach , eins zu bekommen , denn das Taschengeld wurde ihr regelmäßig für Strafen abgezogen , und alle Einkäufe gingen durch die Hand der Vorsteherin . Ellen zerbrach sich nicht lange den Kopf darüber , sie borgte die kleine Summe zusammen , obgleich Geldleihen streng verboten war , und überredete eine von den letzten Neuen , das Buch auf ihren Namen kommen zu lassen . Es war eine Sammlung von 450 Gedichten . Dann lag es eine Nacht unter ihrem Kopfkissen , und sie dachte in fieberhafter Seligkeit daran , wie Editha es morgen an ihrem Platz finden würde . Als Ellen vor der ersten Stunde ihre Bücher zusammensuchte , legten sich plötzlich zwei Hände um sie und es ging wie ein Feuerstrom durch ihr Herz ; Editha küßte sie auf den Mund . » Das war lieb von dir , kleine Ellen , ich hab ' mich so gefreut . « In der Arbeitsstunde um Mittag fehlten die beiden Unzertrennlichen . Zufällig kam die Klassenlehrerin herein und fragte nach ihnen , aber niemand hatte sie gesehen . Mademoiselle geriet in Aufregung , suchte und fragte durchs ganze Haus . Um Gottes willen , wo konnten die beiden sein , es war ihnen ja alles zuzutrauen . Die ganze Klasse mußte mitsuchen und es entstand ein förmlicher Tumult . Endlich entdeckte man sie oben im Schlafsaal der Kleinen , auf zwei der entlegensten Betten lagen sie und lasen sich Gedichte vor . Sie machten nicht einmal Miene aufzustehen und wollten sich halb totlachen , als die Mademoiselle wutbleich vor ihnen auftauchte . Dann wurden sie in die Klasse hinuntergeschickt . Das Buch , in dem sie gelesen hatten , nahm die Lehrerin an sich und ging damit zur Pröpstin . Die alte Dame unterzog es einer genauen Prüfung , während sie sich den ganzen Vorfall berichten ließ . Auf dem ersten Blatt stand eine lange Widmung in Versen von Ellens Hand . Wie kam Ellen zu dem Buch , das gestern erst eine andre bestellt hatte ? Nun folgte ein Verhör auf das andre , nur Ellen wurde nicht vorgerufen . Statt dessen erschien die Vorsteherin nach Tisch selbst in der Klasse , um sie vor allen andern niederzuschmettern . Sie war in großer Toilette , weil sie nachmittags an Hof gehen wollte , die lange Seidenschleppe knisterte wie eine zornige , schwarze Schlange hinter ihr her . Ellen stand da , beide Hände in den Schürzenlatz gesteckt und sah ihr gerade in die Augen . Sie wollte zeigen , daß sie sich nicht fürchtete , während die alte Dame mit harten , zischenden Worten auf sie einsprach : » Mit dir , Ellen Olestjerne , werde ich von jetzt an nicht mehr unter vier Augen reden , denn du verdienst diese Rücksicht nicht mehr . Du hast meine Geduld nun bald ein Jahr lang auf eine harte Probe gestellt ; ich will jetzt nicht davon reden , daß du dich von Anfang an gegen jede Zucht und Ordnung aufgelehnt , dich auch heute noch wieder mit Editha , die ja leider ganz unter deinem Einfluß steht , lachend über alle Regeln hinweggesetzt hast , nur das eine will ich dir sagen : für ehrlich wenigstens habe ich dich bis jetzt gehalten , bis zu dem Augenblick , wo ich erfuhr , auf was für Schleichwegen du dir dieses Buch verschafft hast . Jetzt weiß ich , daß du selbst vor einem gemeinen Betrug nicht zurückschreckst - du , ein Mädchen aus guter , hochgeachteter Familie - eine Konfirmandin . - Und ich sage dir noch einmal , zum letztenmal : halt ein auf der abschüssigen Bahn , die du wandelst . Geh in dich , ehe es zu spät ist , sonst wirst du dermaleinst mit bittrer Reue an meine Worte zurückdenken . « Dann wandte sie sich zu den anderen : » Ellen Olestjerne hat sich eines gemeinen Betruges schuldig gemacht - sie hat den Namen einer Mitschülerin mißbraucht , um sich ein Buch zu verschaffen , das sie nicht bezahlen konnte , und noch zwei andre veranlaßt , ihr Geld zu borgen , um ihre Schuld wenigstens für den Augenblick zu decken . Ihr habt sie von jetzt an als ehrlos zu betrachten und ich warne jede , die noch mit ihr verkehrt . « Damit verließ sie das Zimmer und die schwarze Seidenschlange raschelte ihr nach . Ellen wanderte auf drei Tage in Arrest . Da saß sie in der dämmerigen Turmstube , machte lange Gedichte auf Editha und wartete , wie ihr Schicksal sich entscheiden würde . Als sie am nächsten Sonntag der Reihe nach zur Pröpstin hineinkamen , um ihre Zeugnisse vorzulegen , sagte die verhaßte Stimme : » Ellen Olestjerne , deine Eltern sind von dem Vorgefallenen benachrichtigt . Du kannst noch bis Ostern hierbleiben , weil ich ihnen nicht die Schande antun will , dich vor der Einsegnung fortzuschicken . « Es war doch ein arger Schrecken , als die kalte , unerbittliche Tatsache plötzlich vor ihr stand : fortgejagt - und die Eltern . - Wie in einem bösen Traum ging Ellen hinaus , an den andern vorbei , ohne irgend etwas zu sehen , die Treppe hinauf , oben am letzten Gangfenster blieb sie stehen und legte das Gesicht an die Scheiben . Sie hatte Todesangst vor zu Hause - heute wußten sie es vielleicht schon . Es war nicht auszudenken , wie eine erdrückende Last wälzte es sich von allen Seiten über sie her . Dazwischen glänzte wohl auch etwas Helles , Freudiges auf : heimkommen - fort aus diesen dumpfen Schulstuben , aus der moderigen Kerkerluft . Heimatsvisionen kamen , das Schloß , die sonnigen großen Zimmer , wo abends die Spatzen vor den Fenstern in den Ulmen schwätzten , der sommerliche Garten mit seinem starken Fliederduft - Detlev , die Geschwister alle - und nun schluchzte sie vor Heimweh . Ja sie wollte nach Hause , nur nach Hause , wie schlimm es auch werden mochte . Am Montagmorgen kam Ellen noch halb verschlafen hinunter . Vor ihrem Schrank stand Fräulein Blumener , die Wirtschaftsdame , mit der turbanartigen , punktierten Haube und räumte die Sachen auf . » Was soll das ? « » Fragen Sie nicht so unverschämt - Sie bekommen Ihren Schrank jetzt da oben auf der Treppe , damit die andern nicht mehr wie nötig mit Ihnen in Berührung kommen . Wer so lügt und trügt wie Sie , muß sich auch darauf gefaßt machen , daß man ihn danach behandelt . « Ellen lachte , um ihre Wut zu verbergen , und machte ihr hochmütiges Gesicht . Nachher schrieb sie mit Riesenbuchstaben auf die Innenseite der Schranktür : Ich habe nie das Knie gebogen - den stolzen Nacken nie gebeugt . 17. Februar 1885 . Das brachte ihr wieder einen Tag Arrest ein . Und so ging es nun mit allem ; sie war in Acht und Bann getan , jede von den andern , die sich noch mit ihr sehen ließ , fiel in Ungnade . Aber sie nahm den Fehdehandschuh auf , beging bei jedem Anlaß die größtmöglichen Ungezogenheiten , nahm die Strafe lachend hin und überbot sie durch noch ärgeres Benehmen . Im Schlafsaal gab es fast jeden Tag Skandal . Wenn Ellen sich Wasser holte , balancierte sie die blecherne Waschschüssel auf dem Kopf und behauptete , sie könnte kein Blech anfassen . Beim Mundspülen gurgelte sie nur in Melodien und sagte , es käme ganz von selber , sie könnte es nicht lassen . Und wenn alle im Bett lagen , fing sie an zu heulen wie ein wildes Tier in langgezogenen Tönen die halbe Nacht hindurch , so daß niemand schlafen konnte . » Ellen , sei ruhig « , schrie die Erste , die Aufsicht führen mußte . » Mein Gott , ich bin so traurig , du kannst mir doch nicht verbieten , zu weinen « , und sie heulte weiter . Die andern kamen um vor Lachen , und die Erste war machtlos dagegen . Sie konnte nur anzeigen , immer wieder anzeigen , und das war Ellen jetzt ganz gleichgültig , sie lebte in einem förmlichen Rausch von Auflehnung . Ein paarmal ging sie zur Pröpstin , um sich selbst anzuzeigen , wenn sie fand , daß man zu nachsichtig gegen sie war . » Miß Collins hat wohl vergessen zu melden , daß ich gestern in der Stunde gelacht habe . « Die Pröpstin geriet außer sich vor Zorn und verbot ihr schließlich , das Zimmer überhaupt noch zu betreten . Aber manchmal fühlte Ellen sich auch todunglücklich - sie stand jetzt wirklich ganz allein , selbst Editha wollte nichts mehr von ihr wissen , hatte sich immer mehr von ihr zurückgezogen und ging nur noch mit einer früheren Freundin , die Ellen nicht leiden konnte . Sie ballte heimlich die Hände , wenn sie die beiden zusammen sah , und ihre Dichtungen wurden immer verzweifelter : draußen heulte der Sturm , Eulen schrien in finstrer Nacht - alle schliefen , nur sie allein wachte mit ihrem zerrissenen Herzen , in dem die Leidenschaft wütete und die verratene Liebe . Manchmal wurden es auch Rebellengesänge : » Wie lange soll ich diese Schmach noch dulden - wie lange diese Ketten tragen noch ! « oder : » Es kreist mein Blut in wildem schnellem Lauf - und alle Pulse hämmern laut . - Mein Stolz , mein Selbstgefühl bäumt , ach , sich auf . - Zuviel , zuviel habt ihr mir zugetraut . « Kurz vor Ostern kam noch die letzte Zeugnisverteilung . Das war immer ein feierlicher , öffentlicher Akt , dem viele Ehrenpersonen aus der Stadt beiwohnten und wo die Pröpstin eine Rede hielt . Diesmal ging es wie ein Gewitter über die fünfzig Kinder hin , von denen manche kaum mehr aufzusehen wagten . Während ihrer zweiunddreißigjährigen Amtsführung habe sie noch kein Jahr erlebt wie das letzte , - ein Geist des Aufruhrs ist in unsre Anstalt eingedrungen , - unlautre Elemente , die wir leider erst zu spät erkannt haben und die durch Leichtsinn und Gewissenlosigkeit ein schlimmes Beispiel gaben , - und dann erhob sich ihre Stimme immer lauter und strafender . - Derartige Elemente müssen schonungslos ausgemerzt werden - es sind Krebsschäden , die nur durch einen raschen Eingriff beseitigt werden können . - - Ellen sah wohl , wie viele Blicke sich auf sie richteten , wenn auch nicht ihr Name genannt wurde . Sie wollte die Augen nicht niederschlagen und empfand es beinah wie einen Triumph : » Ja , mit mir seid ihr doch nicht fertig geworden . « An demselben Abend wurde sie zum Pfarrer gerufen , er sah sie lange ernst an und sagte dann : » Nein , Ellen , vor mir brauchen Sie sich nicht zu fürchten , ich glaube zu wissen , wie es in Ihrem Innern aussieht und daß Sie die Absicht haben , es von nun an anders werden zu lassen . Denken Sie an das Wort : es wird Freude sein im Himmel über einen Sünder , der Buße tut , vor neunundneunzig Gerechten . Vor allem lassen Sie den schlimmen Widerspruchsgeist und allen kindischen Trotz fahren , damit kommt man nicht durch die Welt , Ellen . - Ich habe trotz alledem gutes Zutrauen zu Ihnen , denn ich