in diesem Himmel keine andern Bewohner als nur solche Exemplare giebt ! Sie wohnen nicht zusammen , sondern als Einsiedler , weil keiner dem andern traut . Jeder ist an einer besondern Kluft oder Höhle von seinem Esel oder Kamele gestiegen . Dort wohnt er nun und verteidigt sie bis auf das Blut gegen jeden , der nicht seiner Meinung über den Himmel ist . Da es aber der Meinungen so viele und so verschiedene giebt , wie Individuen vorhanden sind , so herrscht zwischen ihnen allen eine Feindseligkeit , vor welcher wir selbst im Erdenleben erzittern würden . Jede Kluft und jede Höhle ist ein Götzentempel , in welcher der Bewohner sich selbst als seinen eigenen Fetisch verehrt . Er behauptet zwar , Gott anzubeten , zwingt aber diesem Gott seine eigenen Gedanken auf und setzt sich also über ihn . Die Folge dieser Selbstübergötterung ist , daß sich keiner dieser Götter an den andern wagt , weil er sonst von ihm herausgebissen wird . Das , Effendi , das ist dieser Himmel ! Ueber ihm brennt die ewig glühende Sonne der alles verdorrenden Selbstgerechtigkeit , die auf Raub ausgeht wie jener listige Fuchs und jene heimtückische Hyäne , welche selbst hier im Paradiese nur niedere Lurche oder erdfarbige Kerbtiere zum Fressen finden . Wie froh war ich , als ich meine Wanderung vollendet hatte ! Ich fühlte mich wahrhaft selig , diese falsche Seligkeit verlassen zu können . Als ich das Thor wieder erreichte , warfen uns die dortstehenden Esel und Kamele Blicke des unendlichsten Neides zu , daß wir es uns gestatten durften , dieses entsetzliche Elend zu verlassen . Die Pächter aber strömten herbei , um mich ihr Paradies preisen zu hören . Ich teilte ihnen aber mit , daß ich den Menschen die volle Wahrheit sagen werde . Da erhoben sie ein lautes Wutgeschrei . Im Baume El Dscharanil begann es zu rauschen . Alle seine Augen waren drohend auf mich gerichtet . Die Köpfe schüttelten sich , und von den Lippen ertönte ein Geheul , daß das Seil El Milal vor mir zersprang . Die Esel und Kamele jenseits des Thores stimmten jammernd ein . Ich aber ritt davon , ohne ein weiteres Wort zu sagen , gleichviel , ob ich für feig gehalten wurde oder nicht . Wer sich aus einem solchen Himmel herauszuretten weiß , der muß wohl Mut besitzen ! « Er schlug bei diesen Worten die Hände zusammen , als ob er jetzt noch froh über diesen glücklichen Ausgang sei . Hierauf ging er einige Male in langsamen Schritten durch das Zimmer , blieb dann vor mir stehen und fragte : » Hast du jemals geahnt , daß es so ein Paradies giebt , Effendi ? « » Es giebt dieser Paradiese viele , « antwortete ich , mein Auge zu ihm erhebend . » Warum hast du damals nach keinem anderen gesucht ? « » Welche Frage ! Ich verstehe dich nicht ! « » Du erzähltest mir ja , daß du vom Dschebel Din herab in ebenes Menschenland gekommen seist . Warum hast du deinen Berg des Glaubens überhaupt verlassen ? Mußtest du das ? Und wenn du es mußtest oder wolltest , was bewog dich da , das geistige Tiefland , die Ebene , die Wüste aufzusuchen , wo kein Gedanke in die Höhe strebt , sondern nur darnach , sich über die Fläche auszubreiten ? « » Maschallah ! « rief er erstaunt aus . » So , also so betrachtest du das , was ich erzählte ? « » Natürlich ! Wie anders denn ? « » Ich habe von Menschen gesprochen ! « » Gewiß ! Aber besteht der Mensch nur aus seinem Körper ? Sprechen wir einmal nicht von der Seele , sondern sagen wir , daß der Mensch aus Leib und Geist bestehe . Der Leib wird sterben , der Geist aber nicht . So lange wir sowohl auf den Körper als auch auf den Geist Rücksicht nehmen , leben wir das wohlbekannte Erdenleben , welches ich als das erste bezeichnen will . Wer aber so stark gewesen ist , alle Rücksicht auf den Leib und seinen Zusammenhang mit dem Menschheitskörper zu überwinden und hinter sich zu werfen und sich nur noch als Geist zu betrachten , während der Leib für ihn gestorben ist , der lebt schon hier vor der Auflösung dieses letzteren ein anderes , neues , höheres Leben , welches ich einstweilen , aber auch nur einstweilen das zweite nennen will . Denn es giebt Menschen , deren Geist sich nicht zur Individualität gestaltet . Wenn diese Stufe für mich auch ein Leben ist , so muß ich sie das erste Leben nennen und die vorhin erwähnten beiden Stufen als zweites und drittes Leben bezeichnen . Nun sage mir , o Ustad , von welcher dieser Stufen aus , auf der du dich befindest , hast du mir jetzt soeben den allerniedrigsten Himmel beschrieben , den ich mir nur denken kann ? Ich wollte , ich dürfte dir einmal einen andern Himmel , vielleicht den meinigen , beschreiben ! « » Hast du ihn gesehen ? « » Ja . Ganz so , wie du den von dir beschriebenen ! Vor meinem Himmel giebt es kein Seil El Milal , keinen Baum El Dscharanil und keine Wandmalereien . Ihn hat sich auch kein Pächter angemaßt , und an der Straße , die zu ihm führt , stehen keine Götzenhäuser . Auch giebt es keine Mauer und kein Thor . Es führen so viel Wege hinein , wie es Menschen giebt . Er steht ihnen allen offen , wenn sie nur kommen wollen . In diesem meinem Gedankenparadiese ist nichts versunken , vernichtet und vergessen . Da ragen die Gottesideen vergangener Jahrtausende noch so hoch wie damals im Morgenrot empor . Und in der Abendröte erglänzen die neuen , hohen Ideale zukünftiger Jahrhunderte , um zu Wirklichkeiten zu werden , wenn die Menschheit morgen oder übermorgen sagt : Was sprachst du von Ruinen und Gräberfeldern ? Dem Geiste sind sie unbekannt ! Was er einst mit der Hand des Körpers baute , war für den Körper , aber nicht für ihn . Es war ja nur das Erdenabbild dessen , was er für sich im Geisterreich gebaut . Und dieser hochgelegene Bau ist ewig . Sein Abbild mag zerfallen , das Urbild aber trifft kein Zahn der Erdenzeit . Wenn du mit deinen körperlichen Augen dein Paradies in Trümmern und im Tode liegen sahst , so breitet sich in Himmelshöhe über ihm das meine aus , und alles , was bei dir in Schutt zerfallen ist , das blieb im Originale des Meisters mir erhalten . Und so , wie jedes Werk in meinem Himmel edler ist als in dem deinigen , so sind auch alle Menschen besser als die deinen . Du richtest sie . Ich habe nichts zu richten . Vielleicht verzeihst du ihnen . Doch ich verzeihe nicht . Warum ? Man hat mir nichts gethan ! Vor meinem Paradiese steht jede Feindschaft still . Sie wagt sich nicht herein . Und weil sie mich also nicht treffen kann , so giebt es für mich nichts , was ich verzeihen dürfte , so gern ich es auch möchte . « » So hat es ganz gewiß den Baum El Dscharanil für dich niemals gegeben ! « » Ich kenne ihn ! Du hast ihn an das Paradies der Selbstgerechtigkeit gesetzt ; das heißt , an seine rechte Stelle . Auch ich habe ihn dort stehen sehen , diesen Baum der sehenden und sprechenden Blätter , der Zeitungen , der öffentlichen Presse . Doch schaute ich ihn anders an als du . Das Reich des Geistes hat die größte Aehnlichkeit mit dem Reiche der sichtbaren Natur . Es giebt hier wie dort keine Entwicklung , die nicht von unten nach oben zu gehen hätte . Ihre Aufgabe ist die Trennung von der niederen Materie und die Gestaltung zum selbständigen , sich frei bewegenden Einzelwesen . Lächle nicht , wenn ich dir sage , daß jedes , aber auch jedes geistige Gebiet sein Mineral- , Pflanzen- , Tier- und Menschenreich besitzt ! - Du wirst das sofort und überall erkennen , wenn du nur die richtigen Augen dafür öffnest . « » Also auch das Gebiet der öffentlichen Presse ? « fragte er schnell , indem sein Gesicht den Ausdruck gespannter Erwartung annahm . » Ja , auch dieses ! Der Boden , also die Materie ist gegeben . Es existiert keine Felsen- oder Gesteinsformation und keine Erdbeschaffenheit , die nicht auch hier in diesem geistigen Reiche vorhanden wäre . Oder hörst du nicht die sogenannte öffentliche Stimme von den Spitzen hoher Berge , aus den tiefsten Thälern , aus finstern Schluchten , aus sandiger Oede , auf sonniger Flur und aber auch aus häßlichen Sümpfen erklingen ? Giebt es nicht zahllose Blätter , in denen nur die Materie zu sprechen hat und nur der Stoff zum Worte kommt ? Aber bald regt sich das Leben , zunächst das niedrige , welches durch sämtliche Ordnungen zu steigen hat , um sich von dem Stoffe zu erlösen . Du siehst geistige Flechten und Moose erscheinen , dann Farne , deren Gestalt auf spätere Palmen hoffen läßt , freundliche Gräser und Kräuter , duftend blühende Sträucher und früchtetragende Bäume . Diese alle aber , so lieb , so gut , so nützlich sie auch sein mögen , sie haben es doch nicht vermocht , den Boden zu verlassen , auf dem das Blatt , die Zeitung , gegründet worden war . Sie klammern sich mit ihren Wurzeln in ihm fest und müssen das ja auch thun , weil es die Absicht des Verlegers ist , grad diesen Boden für sich zu kultivieren . « » Und aber die Zoologie der Presse ? « fragte der Ustad . » Sie kann und darf nicht fehlen , denn nur in ihren Erscheinungen schreitet die Befreiung von der Materie in rapider Weise fort . Auch hier beginnt die Entwicklung mit den niederen Lebewesen . Ich sehe winzige Goldkäferchen ihre geistige Nahrung aus Blumenkelchen ziehen und leuchtende Glühflügler um urweltliche Gedanken schwirren . Freundliche Schmetterlinge gaukeln von Leserin zu Leserin . Ein niemals ruhender Ameisenfleiß trägt Wort um Wort und Satz um Satz zusammen , und Bienen summen überall , um Honig heimzutragen . In den Quellen und Bächen der Tagesereignisse schießen schnelle Flossenträger hin und her . Und wenn nun gar beim Morgen- oder Abendsonnenschein des Frühlings Odem durch die Blätter weht , da erzählen tausend süße , frohe Stimmen , daß grad die liebsten und die besten Sänger zur oft verkannten Feder-Welt gehören ! Ich kenne manchen edlen Geist , der wie in Adlersferne hoch über der Gemeinheit horstet , und manchen scharfen Denker , der , gleich dem Albatros , den Staub der Erde nie berührt . Ist dir der Ackergaul bekannt , der für wenig Hafer , aber viel Häcksel täglich seine Furchenzeilen zu ziehen und sich am Ende jeder Reihe wieder umzudrehen hat , damit er ja nicht etwa auf fremde Gedanken komme ? « » Ich habe ihn gesehen , wie oft , wie oft ! « antwortete er . » Aber du hast deine Beispiele nur von der einen , von der guten Seite genommen ; der Ackergaul bringt mich auf die andere hinüber . Du warst so aufrichtig , auch von Sümpfen zu sprechen . Warum hast du die Giftpflanzen , die Dornen , Quecken und anderen Wucherungen nicht erwähnt ? Das Ungeziefer unter den Insekten ? Die Raubfische ? - Die täglich auf den Blättern ihrer Schlammpflanzen nur von ihrer eigenen Weisheit quakenden Frösche ? Die Giftschlangen ? Die lästigen Sperlinge ? Die Käuze und Eulen , deren lichtscheuer Mordhunger nur des Nachts auf Beute ausgeht ? Die aaslüsternen Geier ? Die Neuntöter , welche ihre Opfer erst am Stachel quälen , ehe sie verschlungen werden ? Die Falken und Stößer , die sich selbst am hellen Tag nicht scheuen , auf Fraß auszugehen . Die Mäuse , Ratten , Hamster und andere Schmarotzer auf geistigem Gebiet ? Die kläffenden oder gar bissigen Hunde , die jedem in die Waden fahren , der es wagt , an einem ihrer Gedanken auch nur vorüberzugehen ? Die ganze Unzahl der reißenden Fleischfresser , die Jeden , der nicht ganz vollständig ihresgleichen ist , mit ihren Klauen packen ? Die große Schar der kreischenden Quadrumanen , von der zänkischen und rachsüchtigen Meerkatze bis zum menschengefährlichen Gorilla hinauf ? Warum hast du nicht von ihnen gesprochen ? Soll ich dir zutrauen , daß du beschönigen willst ? « » Das liegt mir fern . Wir sprechen ja von deinem und von meinem Gedankenparadiese . Das deinige ist traurig , das meine ideal . Die gegenwärtige Wahrheit wird zwischen beiden liegen , muß aber nach ewig geltenden Gesetzen nicht deiner Wüste , sondern meinem Eden immer näher kommen . Wir addieren leider auf ganz verschiedene Weise . Dein Pessimismus zieht nach altem Brauche die Summe , indem er abwärts rechnet . Mein Optimismus aber hat gefunden , daß es besser sei , aufwärts zu gehen . Du bist , unten angekommen , mit deinem Leben fertig . Du machst den großen Strich und schreibst als die so erreichte Summe deine kahle Geisteswüste hin . Bei mir aber giebt es oben keinen Strich , denn mein Paradies sendet mir ununterbrochen neue Summanden hinzu . Sie wachsen in die Ewigkeit hinauf . Und wenn mein Körper dieser Rechnungsweise nicht mehr folgen kann , so wird mein Geist dort einst gewiß die Summe finden . « Er trat an das offene Fenster und schaute hinaus . » - - - dort einst gewiß die Summe finden ! « wiederholte er meine Worte . Es war für einige Zeit still zwischen uns . Ich störte ihn nicht . Dann drehte er sich zu mir um und fragte : » Bist du mit deinen geistigen Naturreichen der Presse schon zu Ende , Effendi ? « » Nein , « sagte ich . » Du gingst auch hier von unten nach oben . Das scheint bei dir in allen Dingen der Fall zu sein ! Kommt jetzt nun noch der Mensch ? « » Ja . Im Tiere hat sich die Befreiung vom geistigen Erdboden vollzogen , und das Streben nach der Individualität tritt immer mehr hervor . Doch erreicht kann diese letztere nur vom Menschen werden . « » Von allen ? « » Nein . Sie sollte es , wird es aber leider nicht . Es giebt so viele , welche entweder durch tausend Rücksichten aller Art noch mit dem Boden in Verbindung bleiben , oder sich durch ganz dieselben und ähnliche Bedenken derart von andern beeinflussen lassen , daß sie es nicht zur intellektuellen Selbstständigkeit , zur geistigen Freiheit , zur vollen Selbstbestimmung und Selbstbewegung bringen . Tritt in die Redaktionen , und frage , welche Rücksichten die dort bestimmenden und doch so angefesselten Geister zu nehmen haben ! Aber ich habe auch vollendete Persönlichkeiten gefunden , zuweilen da , wo ich es gar nicht erwartete . Wie groß war da meine Freude ! Und wie gern und aufrichtig habe ich ihnen meine Anerkennung gezollt ! Ein solcher Geist weiß nichts von materiellen Banden . Er hat alle Fesseln zerrissen und sie der menschlichen Selbstsucht und geistigen Kurzsichtigkeit vor die Füße geworfen . Er kennt weder Parteiinteressen noch gesellschaftliche Sondergefälligkeiten . Für ihn giebt es keine Körper , sondern nur noch Geister . Darum wird er nie ein Urteil fällen , welches aus niedrigen Erwägungen gezogen ist und mit den auf ihn gerichteten Blicken der Körperwelt liebäugelt . Es kann ihm niemals beikommen , auch nur einen einzigen Menschen zu verdammen , denn er weiß , daß dieser Mensch , geistig betrachtet , ein ganz anderer ist , als ihn die gehässigen Augen der Fama sehen , die ihre Richtersprüche nur im Erdenschmutze züchtet . Er hat den Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen begriffen und weiß , daß der Erstere nicht aus dem Letzteren gerissen werden kann , um ausgestoßen und von der geistigen Feindseligkeit abgethan zu werden . Er kennt die Strömungen und Gegenströmungen der übersinnlichen Atmosphäre , die frei von den Ausdünstungen egokranker Menschenkörper sind , und hebt jeden seiner Nächsten , bevor er ihn betrachtet , zu dieser durchsichtig klaren , reinen , keine Mißgunst kennenden Höhe empor . « » Aber was dann , wenn es geschieht , daß er selbst einmal angegriffen , befeindet , verleumdet und verurteilt wird ? « fragte der Ustad . » So thut er eben das , was ich jetzt sagte : Er hebt die Angreifer aus ihrer Tiefe zu sich empor , um sie zu durchschauen . Da fällt der ganze Schmutz und alles , was sie sonst noch gewichtig gemacht hat , von ihnen ab . Sie werden leicht , so über oder vielmehr unter alle Maßen leicht , daß sie vor seinen Augen nach und nach in nichts zerfließen . Sie sind ja ganz nur Schmutz und ohne jede Spur von Geist gewesen , und so versteht es sich ja ganz von selbst , daß , sobald der Unflat abgefallen ist , für ihn von ihrer ganzen Existenz nichts mehr vorhanden sein kann . « » Aber er wird doch antworten ? Sich verteidigen ? « » Welch eine Frage ! Ich habe dir doch soeben gesagt , daß sie für ihn in Nichts zerflossen seien . Wem soll er antworten ? Diesem Nichts ? Das wäre ja doch Widersinn ! Oder dem Schmutze ? Der geht ihn gar nichts an . Er ist der ihrige ! Dem Geiste , den es bei ihnen gar nicht giebt ? Ich begreife dich nicht ! Würdest etwa du antworten ? « Da that er einige rasche Schritte auf mich zu und rief aus : » Effendi , ich habe es gethan . Ich habe geantwortet - - - leider , leider , leider ! « » Dem Schmutze ? « » Ja . « » Dem Nichts ? « » Nein . Ich stand ja , wie ich jetzt , erst jetzt einsehe , nicht so hoch über meinen Feinden , daß sie mir in ein Nichts zerfließen mußten . Und nun erkenne ich , daß auch ich nicht frei von Schmutz gewesen sein kann . Denn hätte er nicht auch an mir gehaftet , so wäre mein Verhalten ganz das jenes hohen , freien Geistes gewesen , von welchem du gesprochen hast . Mir scheint , ich habe Fehler einzugestehen , die mir bis zur gegenwärtigen Stunde keinesweges als Fehler erschienen sind . Du hast heut da drüben bei unserm Beit-y-Chodeh dem Pedehr gebeichtet . Ich war tief im Herzen gerührt davon . Deine mutvolle Aufrichtigkeit imponierte mir . Nun bist du rein und frei von allem , was dir angehangen hat . Ich glaubte nicht , daß auch ich mich zu reinigen haben werde . Jetzt aber weiß ich , daß es doch so ist . Ich werde denselben Mut besitzen , den du besessen hast . Auch ich werde beichten , dir , wie du dem Pedehr . Und wenn ich dann aus deinem Munde höre , daß mir verziehen werden könne , so werde ich mich für berechtigt halten dürfen , diese Verzeihung als ausgesprochen , als geschehen anzunehmen . Ich war über das hinaus , was du das erste Leben nanntest . Ich stand im zweiten Leben , denn ich fühlte , daß sich meine geistige Individualität in mir gestalten wollte . Aber es gelang mir nicht , das dritte zu erreichen . Warum ? Wir werden nach den Gründen suchen , du und ich . Und ich ahne , daß ich in diesen Gründen meine mir bisher unbekannten Fehler entdecken werde . « Als er bis hierher gekommen war , hörten wir , daß unten auf dem Vorplatze jemand dreimal in die Hände klatschte . » Das gilt mir , « sagte er . » Der Pedehr weiß , wo ich bin und daß niemand zu uns kommen darf . Ich habe mit ihm , falls man meiner bedürfen sollte , dieses Zeichen verabredet . « Er begab sich durch das Mittelzimmer auf das Vordach . Ich hörte ihn hinuntersprechen . Dann kehrte er zu mir zurück und sagte : » Ich soll zum Pedehr hinabkommen und auch dich mitbringen . Es scheint sich um etwas Wichtiges zu handeln . « » Was es ist , hat man dir nicht gesagt ? « » Nein . Ich fragte zwar , doch der Pedehr antwortete , er dürfe es mir nicht laut heraufrufen . Komm ! « Wir gingen hinunter . Der Pedehr befand sich in der Halle , in welcher ich gelegen hatte . Tifl und ein zweiter Dschamiki waren bei ihm . In dem letzteren erkannte ich den Wächter , welcher heut am Nachmittage über Stock und Stein geritten war , um uns die Ankunft der Perser zu melden . Halef schlief fest . Hanneh war auch schlafen gegangen . Sein Sohn saß bei ihm . Der Scheik der Dschamikun empfing uns mit der des Kranken wegen nur halblaut gesprochenen , aber sehr wichtigen Kunde : » Der Bluträcher ist wieder da ! « » Wo ? « fragte der Ustad im Tone der Ueberraschung . » Das wissen wir nicht . « » Wer hat ihn gesehen ? « » Mein Sohn , « antwortete der Wächter . » Hat er sich nicht etwa getäuscht ? « » Nein . Er kennt ihn ja . Er hat ihn doch heute am Nachmittage durch den ganzen Duar bis an unser Gotteshaus geführt und ihn also genau betrachten können . « » Wo ist dein Sohn ? « » Ich habe ihn mitgebracht . Er wartet draußen vor den Stufen . « » Hole ihn ! « Ich ahnte natürlich sofort , daß irgend eine Teufelei geplant werde , und war höchst gespannt darauf , ob es uns wohl gelingen werde , zu erfahren , welcher Art sie sei . Natürlich aber durfte ich mir nicht erlauben , den beiden Oberhäuptern des Stammes in Beziehung auf die einzuziehenden Erkundigungen vorzugreifen . Der Sohn des Wächters hatte ein intelligentes Gesicht . Er sah sogar etwas wie pfiffig aus . Er kam mit seinem Vater bis vor den Ustad hin . » Du hast den Bluträcher gesehen ? « fragte ihn dieser . » Ja , « bestätigte der Gefragte . » War er allein ? « » Nein . Es befanden sich noch zwei andere bei ihm . « » Woher kamen sie ? « » Von draußen . « » Wo sind sie hin ? « » Ich weiß es nicht . « » Doch wohl hierher ? « » Wahrscheinlich . « » Geritten ? « » Nein . Sie waren abgestiegen . « Da sah der Ustad den Pedehr an , und dieser mich . Dabei sagte der letztere : » Das ist eine ebenso unerwartete wie geheimnisvolle und bedenkliche Kunde ! Was meinst du dazu , Effendi ? « » Erlaubt Ihr mir , einige Fragen auszusprechen ? « erwiderte ich ihm . » Natürlich ! « » Ich hörte , daß ein Handelsmann aus Isphahan hier angekommen sei und eine Botschaft von dem Bluträcher ausgerichtet habe . Wo ist dieser Mann ? « » Er wird nun wohl schon schlafen , « antwortete der Pedehr . » Soll ich ihn vielleicht wecken lassen ? « » Das ist nur dann nötig , wenn Ihr mir nicht sagen könnt , was ich von ihm wissen will . Woher kam er ? « » Von den nördlichen Dschamikun . Er traf mit den Persern auf der Höhe des Passes zusammen . « » Wie verhielten sie sich zu ihm ? « » Weder freundlich noch feindlich . Sie kennen ihn . Sie fragten ihn , woher er käme und wohin er wolle . Er antwortete , daß er nach Süden zu den Kalhuran wolle . Da sagten sie ihm , daß er hierher reiten solle , um ein gutes Geschäft zu machen . Es sei ein großes Wettrennen geplant , zu welchem sich viele Menschen einstellen würden . Wenn er da sein Handelszelt aufschlage , werde er wohl viele Käufer finden . Er war ihnen für diese Mitteilung sehr dankbar und sagte ihnen , daß er ihrem Rate folgen und hierherreiten werde . Da bekam er von dem Multasim den Auftrag , den er uns ausgerichtet hat . « » Wie lautete diese Botschaft ? « » Sie war höchst eigentümlich , uns allen unverständlich . Nämlich zwei Zeilen aus dem heute von uns gesungenen Liede . Brich auf , mein Herz , der Rose gleich , in der sich alle Düfte regen ! Und hinzugefügt hatte der Bluträcher : Sage im Duar , daß die Rose noch heut aufbrechen werde ! Ist das nicht sonderbar , Effendi ? « » Allerdings , aber nur in dem Sinne , daß überhaupt jede Unvorsichtigkeit sonderbar genannt werden muß . « » Unvorsichtigkeit ? « fragte er erstaunt . » Ja . « » Das begreife ich nicht . Wir haben diese Worte als einen nachträglichen Hohn gedeutet und uns dabei beruhigt . « » Ich wollte , Ihr hättet sie mir eher mitgeteilt als jetzt ! Es liegt wahrscheinlich ein Mordanschlag vor . « » Chodeh ! « fuhr der Pedehr auf , und auch die andern zeigten sich durch diese meine Deutung erschreckt . » Gegen wen ? « » Gegen mich . « » Unmöglich ! « » Ich habe gesagt , wahrscheinlich . Und ich pflege zu wissen , was ich sage . Das betreffende Lied vergleicht Rose und Herz . Mit diesem Herzen aber ist das meinige gemeint . Wörtlich mein Herz ! Es soll aufgebrochen werden ! Mit dem scharfen , spitzen Stahle ! « » Aus welchem Grunde kommst grad du auf diese Idee ? « » Davon vielleicht später ! Ich habe jetzt zu fragen und zu handeln . Der Bluträcher hat uns nicht für klug genug gehalten , ihn zu durchschauen . In ihm wohnt der Haß , und dieser ist bekanntlich der Bruder der Unvorsichtigkeit und Ueberhebung . Er hat späte damit prahlen wollen , daß sein blutiges Werk gelungen sei , obgleich er uns vorher gewarnt habe . « Hierauf wendete ich mich zu dem jungen Dschamiki und fragte ihn : » Wo warst du , als du den Multasim sahst ? « » Draußen vor dem Duar , « antwortete er . » Ich hatte die Schafe in den Pferch gebracht und mich hinter einem Steine niedergelegt , um nach dem Alabasterzelte hinaufzuschauen . Man konnte mich vom Wege aus nicht sehen . Da kamen vier Reiter von Osten her . Sie blieben in der Nähe halten und stiegen ab . « » Drei waren es doch ! « » Diese drei , welche ich meinte , schlichen nach dem Duar . Der vierte blieb bei den Pferden . « » Du erkanntest den Multasim ? « » Ganz deutlich . Er war einer von den dreien . « » Was für Waffen hatten diese letzteren ? « » Sie gaben ihre langen Gewehre dem vierten , ehe sie sich entfernten . Alles andere aber haben sie noch bei sich . « » Hast du dich sehen lassen ? « » Nein . « » Was thatest du ? « » Ich schlich mich auf dem Boden hin , den dreien nach . Sie verließen den Weg . Sie huschten quer hinüber , um hinter den Duar zu kommen . Ich konnte ihnen nicht so schnell folgen , denn wenn ich mich aufgerichtet hätte , so wäre ich von ihnen gesehen worden . Darum verlor ich sie aus den Augen . « » Und bist dann nicht weiter gefolgt ? « » Nein . Ich ging zum Vater und erzählte es ihm . Hierauf sind wir sofort zum hohen Hause gekommen , um es zu melden . « » Welche Zeit ist vergangen , seit du sie von ihren Pferden steigen sahst ? « » Bis jetzt kaum eine halbe Stunde . « Da klopfte ich ihm auf die Schulter und sagte : » Du hast deine Sache gut gemacht . Ich muß dich loben ! « Dann fuhr ich , zu den andern gewendet , fort : » Wir haben Zeit . Der Multasim wartet hinter dem Duar , bis hier oben bei uns kein Licht mehr brennt . Für mich steht es fest , daß er sich nicht eher heranwagt . Was er vorhat , ist verwegen , so verwegen , daß ich ihn bemitleiden muß . Ist dieser Mensch denn ein im Wildnisleben so erfahrener und gewandter Mann , daß er , ohne einen Wahnsinn zu begehen , sich zumuten kann , mit seinem Dolche hier im hohen Hause ganz unentdeckt und unbestraft mein Herz zu finden ? « » Dein Herz ! « sagte der Ustad . » Ich halte es noch immer für eine Unglaublichkeit ! « » Und dennoch ist es wahr ! « » Du mußt dich täuschen ! « » Nein . Ich wollte diese Angelegenheit als Geheimnis behandeln ; aber da der Bluträcher nicht wartet , bis ich dich verlassen habe , sondern dein Haus zum Schauplatze dieses Mordes machen will , schon heut , gleich an demselben Tage , so halte ich es für meine Pflicht , dir mitzuteilen , was zwischen ihm und mir vorgekommen und gesprochen worden ist . « Ich erzählte es so kurz , wie ich es für geraten hielt , legte ihnen jedes Für und jedes Wider in Beziehung auf meine Ansicht vor und überzeugte sie derart , daß der Pedehr , als ich geendet hatte , ganz entrüstet sagte : » Du hast recht , Effendi : Es gilt einen Mord , und zwar nur dir , nur