eine erfreut sich der klangvollen Vornamen Washington Montgomery . Ich war ganz gespannt , welcher Familienname für solchen Anfang hochtrabend genug sein würde , und denken Sie sich , er heisst Baggs . Washington Montgomery - Baggs ! Es ist ein Sprung wie von einem Palais am Central-Park in eine Mietskaserne der neunten Avenue ! Während die Gäste sich versammelten , zeigte mir Washington Montgomery einige der wundervollen Bilder , die in den Salons hängen , und die in seinen Augen hauptsächlich deshalb Wert haben , weil sie meistens aus historischen Sammlungen fürstlicher Häuser stammen , die unter dem Hammer endigten . Der zweite Vetter , dessen Name ich mich nicht entsinne , ist offenbar erst ganz kürzlich in das O ' Doylesche Millionenreich verpflanzt worden . Als Champagner serviert wurde , ward er ganz aufgeregt und rief laut über den Tisch : » Drink , drink , gentlemen , whilst it ' s fizzing ! « Der Speisetisch war übrigens ein wahres Entzücken ! Ich habe noch nie eine solche Fülle von Orchideen gesehen , ausser vielleicht in dem Botanischen Garten von Kalkutta . Ich hätte sie gern alle einzeln bewundert : die langen weissen Dolden , die vom Kronleuchter herabhingen , die grünlichen , braungeäderten , die wie kleine samtige Schuhe aussehen , in denen Feen nachts im Mondschein tanzen ; die grossen blasslila , die auf ihren hohen Stengeln so stolz und abwehrend erscheinen , bis dass man ihre verlangend geöffneten purpurnen Lippen gewahrt . Orchideen kommen mir immer vor wie manche schöne Frauen , in deren Nähe man gleich fühlt , dass sie wunderbare geheimnisvolle Dinge erlebt haben müssen . Ich wünschte , ich verstände die Orchideensprache ! Es werden darin gewiss die seltsamsten Geschichten erzählt . Bei diesem New Yorker Diner fehlte es übrigens auch nicht an Geschichten . Beim Öffnen der Servietten fiel jedem Gast ein Etui in die Hand , das irgendein Geschenk enthielt : Manschettenknöpfe , Portebonheurs , Nadeln , Schnallen . Alles im modernsten art nouveau-Geschmack ! Kolonel Patterson , der bisherige amerikanische Vertreter in Kairo , rief seinem alten Freund O ' Doyle über den Tisch zu : » Aber Charles , wozu hast du denn das gemacht ? Hier ist doch niemand , der bestochen werden soll ? « Darauf stürzte sich der Kolonel in eine Flut türkischer Bestechungsgeschichten , die mir aber ziemlich zahm erschienen , weil ich drei Jahre lang chinesische Bestechungsgeschichten gehört habe und der fernste Osten darin dem näheren Orient doch noch über ist . Der Prinzess , die nie die Gegenwart der herzoglich Hardupschen Diener vergisst , war diese Konversation offenbar unangenehm , sie suchte den Kolonel davon abzulenken und fragte ihn , welche bedeutenden Leute er in Kairo gekannt habe , worauf sie die Antwort erhielt : » Well , Mrs. Princess , da ist ein Mann , der Cromer heisst , who bosses the show , und ausser ihm war ich da ! « Und nun , liebster Freund , genug aus diesem Vanity Fair ! Möchte mein Brief Sie wohl antreffen , wo Sie auch sein mögen , und möchten Sie nicht gar zu lang dort bleiben , wo » dort « auch sein möge , da es doch auf alle Fälle von mir sehr weit fort ist ! 11 New York , November 1899 . Lieber Freund ! Heute besuchten mich der alte Mr. Bridgewater und seine Töchter . Er hat lange Jahre in Europa zugebracht und war amerikanischer Gesandter in Petersburg , woher mein Bruder und ich ihn kennen . Jetzt lebt er mit seinen Töchtern ganz in New York und in Tuxedo Park . Er steht hier an der Spitze grosser , wohltätiger Institutionen , schriftstellert und reist häufig nach Europa , mit jener amerikanischen Leichtigkeit , die eine Art Gottähnlichkeit an sich hat , da sie über Raum , Zeit und Geld erhaben zu sein scheint . Mr. Bridgewater erzählte mir von der grossen Veränderung , die sich in Amerika seit dem Kriege gegen Spanien in der öffentlichen Meinung und in den politischen Anschauungen vollzogen habe . Diese Veränderung drückt sich in einem enorm gesteigerten Selbstgefühl aus . Die ganze Nation ist vom Glauben , zu etwas Besonderem bestimmt zu sein , erfüllt , ein Glaube , durch den schon soviel Grosses auf der Welt erreicht worden ist . Sie fühlt sich als politische Erwählte des Herrn . Und es ist eine ganz amüsante Mischung der Gefühle , vor denen man als Zuschauer steht : ganz trocken prosaische Berechnungen von künftigen Handelsvorteilen , die errungen werden sollen , und daneben eine beinah religiöse Begeisterung für den Beruf , andern Licht und Freiheit zu bringen , aber nicht etwa nur den wilden Völkern - da haben wir ja alle dieselbe Pretension , Händler und politischreligiöse Apostel zu sein - , sondern gerade auch uns armen , umnachteten Europäern . Amerika fängt an , nach allen Seiten seine Fühlfäden auszustrecken - kann wahrscheinlich gar nicht anders , denn man empfängt hier den Eindruck einer angesammelten Kraftfülle , die ungeduldig auf den Moment wartet , sich zu betätigen , der dabei gar keine Wahl bleibt , sondern die durch die Logik der Dinge getrieben werden wird , sich weitere Grenzen zu suchen , sich in immer neuen Weltfragen geltend zu machen . Wie der einzelne Amerikaner sich schon seit jeher stets den Besten jedes anderen Landes gleichgefühlt hat , und sein persönlicher Unternehmungsgeist keine Schranken kannte , so hält sich Amerika jetzt als Nation auch für fähig und berechtigt , alles zu erringen , was es will . Und was Amerika will , ist die Welt . Die Welt will ja jeder , der auch nur die geringsten Chancen hat , sie je zu besitzen - und die Chancen Amerikas sind unheimlich gut ! Schon deshalb haben die Amerikaner soviel Aussichten , ihre Ziele zu erreichen , weil sie alles mit ihrem grossen Sinn fürs Praktische , ihrer angeborenen Organisationsgabe anfassen ; weil es eine Nation selbständiger Menschen ist , die individuell genommen , dem Europäer überlegen sind . Ursprünglich stammen sie ja gerade von jenen ab , denen es in Europa zu eng und unfrei war , von Leuten , die durch ihr Unabhängigkeitsgefühl in neue Welten getrieben wurden , wo sich ihre Persönlichkeit ungehemmt entfalten konnte . Diese ererbte Eigenschaft bildet den Grundzug der neuen Rasse , und es hat sich in ihr eine ganz andere Initiative und persönliches Verantwortungsgefühl ausgebildet , als im alten Europa . Vor allem anderen lernen die Amerikaner für sich selbst zu sorgen und sich nicht auf die Führung anderer zu verlassen . Eine Folge ihrer kräftigen Jugendlichkeit ist es , dass sie die politische Nervosität , an der man in Europa so oft leidet , noch nicht kennen . Die in manchen europäischen Ländern so beliebte Beschwichtigungsformel : » Lasst nur die anderen koloniale Gebiete erobern , sie werden schon dran verbluten « , ist den Amerikanern ganz fremd . Eine Auffassung , die ungefähr so klingt , als ob ein Eunuche sich damit trösten wolle , dass man durch Liebesaffairen mitunter in Unannehmlichkeiten geraten kann . Die Nordamerikaner dagegen haben vorläufig durch Verkündigung der Monroe-Doktrin ihren ganzen Erdteil für Tabu erklärt , sie möchten aber am liebsten diese Doktrin auf die ganze Welt ausdehnen , wobei sie besonders den fernen Osten im Sinn haben , seitdem sie dort Fuss gefasst haben . - Vorläufig spricht man in Amerika freilich nur von friedlicher , kommerzieller Expansion , aber Überraschungen kann es auf diesem Wege leicht geben , denn seit dem spanischen Krieg gibt es in Amerika eine Partei , die keine Scheu mehr vor europäischen Mächten kennt und sich allen ebenbürtig glaubt . Diese Leute würden bereit sein , es mit jedem aufzunehmen und , wie Mr. Bridgewater durchblicken liess , am liebsten mit dem , den sie für den gefährlichsten Konkurrenten halten . Mr. Bridgewater warf die Bemerkung hin , dass an England als möglichen Feind am wenigsten gedacht werde . Mit ihrer einstmaligen Mutter würden die Amerikaner am liebsten gemeinsame Sache machen , um eine Art politischen Riesentrust zu schliessen , zur endgültigen Regelung der Welt . Das ist das Weltzukunftsbild , wie es mir ein Amerikaner entwarf . Ich sende es Ihnen in jenes ferne Land , dessen urprosaische , enthusiasmuslose Söhne nur in den Sorgen der täglichen Gegenwart aufgehen und nie Spekulationen über die Zukunft anzustellen scheinen . Und doch könnten vielleicht gerade diese , allen Zukunftsgedanken so abgewandten Leute in der Weltzukunft ein grosser Faktor werden - - denn über uns allen steht das Schicksal , und es lässt Handlungen und Gedankenströmungen , einzelne Menschen und Völker oftmals genau den entgegengesetzten Zwecken nützen , denen sie ursprünglich dienen wollten . 12 New York , November 1899 . Lieber Freund ! Wir haben einen sehr angenehmen Abend bei Bridgewaters verbracht . Schon ihr Haus zu sehen , ist eine wahre Freude . Alle Räume sind mit individuellem Geschmack eingerichtet und mit viel schönen Dingen geschmückt , die Mr. Bridgewater und seine kunstsinnigen Töchter auf ihren Reisen gesammelt haben . Das Haus hat seine eigene Physiognomie , viel Erlebtes liegt darin und es bleibt uns in der Erinnerung , wie eine ausgeprägte Persönlichkeit . Der alte Mr. Bridgewater ist in diesem Hause geboren und bewohnt es jetzt mit Kindern und Enkeln - das ist in New York an sich schon eine Merkwürdigkeit . Nach dem O ' Doyleschen Fest war dieses Diner wie die Offenbarung einer anderen amerikanischen Welt - und beide Häuser liegen doch nur ein paar Blocks von einander entfernt ! Wir hören aber so viel von der amerikanischen Gleichheit reden , davon , dass der Präsident aller Welt die Hände schüttelt , dass wir leicht auf den Gedanken kommen könnten , die amerikanische Gesellschaft sei eine einzige gleiche Brühsuppe , aus der , als Klösse , nur etliche Vanderbilts herausragen . Aber ganz im Gegenteil . Die hiesige Gesellschaft zerfällt in zahllose verschiedene Koterien , die himmelweit von einander entfernt sind . Es sind ja alles Amerikaner , und gewisse Rasseneigenschaften werden sie wohl gemeinsam haben , aber zwischen der O ' Doyleschen und der Bridgewaterschen Koterie z.B. ist ein Unterschied , wie zwischen einem rohen Stück Rindfleisch und einem im Café Anglais servierten Tournedos à la Rossini . Und die Tournedos achten strengstens darauf , dass niemand von den Rindfleischens sich bei ihnen einschmuggele . Im Sinn für aristokratische Exklusivität , haben die Amerikaner uns Europäer vielleicht schon überflügelt . Ein jeder , der etwas auf sich hält , muss hier in der Wahl seines Umgangs auch deshalb selbst so streng sein , weil die Amerikaner niemand haben , der die nötige erhabene Stellung einnimmt , um einem anderen den allgemein gültigen sozialen Segen erteilen zu können . Ich hörte kürzlich eine Amerikanerin sagen , das sei in europäischen Städten , wo es Höfe gibt , so bequem , da könne man ruhig all die Leute kennen , die zu den kleinen , auserlesenen Hofgesellschaften befohlen würden ( nicht etwa zu den grossen Aufwaschefesten , da liefe zu vieles mit durch ) ; aber von denen , die auf der kleinen Liste ständen , könne man mit Sicherheit annehmen , dass sie sozial wünschenswert seien . Aber in Amerika gibt es kein offizielles soziales Haarsieb . Bei Mr. Bridgewater wird offenbar sehr fein gesiebt , und ich habe da angenehme Menschen getroffen . Ich glaube , die Gäste waren alle reich . Ich habe aber für diese Annahme nur den einen Anhaltspunkt , dass sie vieles als durchaus selbstverständlich ansahen , von dem ich weiss , wie schrecklich teuer es hier ist . Keiner von ihnen erwähnte Geld oder Geschäfte . Ich glaube , man könnte ihren » set « den der Geistesaristokratie nennen . Nur darf man in diesem Fall den Begriff Geistesaristokratie nicht mit Schlapphüten , übergeknöpften Manschetten und Smoking-Jacken am Vormittag in Verbindung bringen . Ich sass bei Tisch neben einem Mr. Anstruther , der zum Klub der vierzig amüsantesten Männer New Yorks gehört . Er war recht nett und unterhaltend , äusserte aber leider nichts so erstaunlich Amüsantes , dass es nicht auch ausserhalb dieses Klubs hätte erdacht werden können . Ich wartete den ganzen Abend darauf , wie auf das Bukett beim Feuerwerk . Aber es stiegen nur einzelne Raketen auf . Es gehört doch Selbstvertrauen dazu , sich um die Mitgliedschaft dieses Klubs zu bewerben ! Ich fragte , was man denn täte , wenn man blackballiert würde , und ob man dann sein Lebenlang die Etikette trüge , ein langweiliger Mensch zu sein ? Mr. Anstruther antwortete : » Dann geht man nach Hause und schreibt ein gescheites Buch und nennt es : a clever book by a bore . « » Das ist möglicher , als es zuerst klingt , « meinte Bridgewater , » denn es ist leichter , ein gescheites Buch zu schreiben , als im täglichen Leben amüsant zu sein - Bücher werden mit dem esprit d ' escalier geschrieben , der häufig vorkommt , amüsant ist man durch die viel seltenere Gabe der repartie , und vor allem durch Sinn für Humor . « » Und wegen dieses Sinns für Humor sind amüsante Menschen eigentlich nie lustige Menschen , « sagte Anstruther , » denn der Humor sieht die traurige Komik des Lebens , den Widerspruch zwischen Aspirationen und Leistungen , zwischen dem , was man sich einbildet , und dem , was wirklich ist . Humor existiert deshalb auch selten bei jungen Menschen , er kommt mit den Jahren , und in gleichem Masse , wie er wächst , schwindet die Fähigkeit eigentlicher Lustigkeit . « Da Mr. Bridgewater soviel im Ausland gelebt hat , sind Fremde häufig bei ihm zu Gaste , und wir trafen dort eine russische Witwe , Madame Baltykoff , eine Schriftstellerin , die Mr. Bridgewater in Petersburg gekannt hat und die nach New York gekommen ist , um das amerikanische Leben zu studieren und dann das unvermeidliche Buch darüber zu schreiben . Madame Baltykoff ist jung und hübsch , voller Interesse und Begeisterung für amerikanische Einrichtungen ; natürlich erwidern das die Amerikaner , indem sie ihrerseits von Madame Baltykoff begeistert sind . Anstruther scheint besonders für sie zu schwärmen . Mir gefällt an ihr , wie sie aus dem Enthusiasmus leicht in Witz und Spott überspringt , alles plötzlich wieder in Frage stellend . Heiliger Ernst und Blague , ungefähr zu gleichen Teilen - eine echt slawische Mischung . Die Amerikaner , die bei dem Diner zugegen waren , sind alle weitgereiste und gebildete Leute , besonders auch die Frauen . Aber keiner von ihnen scheint tätigen Anteil am amerikanischen politischen Leben zu nehmen . Sie waren offenbar stolz auf ihr Land , aber sie schienen es als einen Eilzug anzusehen , mit dem sie gern zu reisen bereit sind , aber dessen Führung sie lieber andern überlassen . Denn in Amerika zeigen gerade die Besten eine gewisse Scheu davor , sich an den öffentlichen Angelegenheiten handelnd zu beteiligen - na , um so besser , denn es ist auch so schon ein genügend gefährlicher Konkurrent . Der alte Mr. Bridgewater schien am meisten Interesse an Regierungsgeschäften zu nehmen ; vielleicht ist es eine Folge seines langen Aufenthalts in Ländern , wo die geringste Verbindung mit der offiziellen Welt denjenigen Glanz verleiht , den hier eine noch so entfernte Verwandtschaft mit den Vanderbilts oder Astors gewährt . Von Mr. Bridgewater geleitet , langte die Konversation bald beim Imperialismus und der wachsenden Wichtigkeit der Vereinigten Staaten an . Mr. Bridgewater sagte : » Ich möchte ein Buch schreiben über den Eintritt Nordamerikas in das Konzert der Mächte , denn das ist die wichtigste Tatsache am Schluss des Jahrhunderts , und sie bedeutet nicht nur eine Verschiebung der realen Machtverhältnisse , sondern sie wird weittragende geistige Konsequenzen haben . Durch den zunehmenden Verkehr mit uns werden die Europäer von den amerikanischen Gedankengängen und von unsern Geschäftsmethoden beeinflusst werden . Wir sind daran gewöhnt , über alle Dinge , die uns angehen , informiert zu werden und sie frei zu diskutieren , und es ist schon jetzt bemerkbar , dass , sobald Amerika an einer Weltfrage beteiligt ist , diese Frage ganz anders ungeniert von den Zeitungen erörtert wird , als wenn es sich um rein europäische Angelegenheiten handelt . Je mehr aber die Zahl der Fragen zunimmt , in denen Amerika eine Rolle spielt , um so mehr wird auch diese Methode angewandt werden . Das ist ein erster Schritt , um die Europäer zu einem stärkeren Wunsch nach Selbstbestimmung und einem höheren persönlichen Verantwortlichkeitsgefühl zu erwecken ; so werden sie lernen die Volksrechte höher zu schätzen und werden verlangen , über ihre eigenen Angelegenheiten auch selbst gehört zu werden ; sie werden sich nicht mehr damit begnügen , blind geführt zu werden , wie es heute noch in allen auswärtigen Fragen geschieht . Nichts ist ansteckender als gewisse Ideen . Früher waren wir es , die alles aus Europa entnahmen , aber das ist längst anders geworden ; heute sind wir schon beinah völlig unabhängig von der alten Welt und wir senden ihr Korn , Fleisch , Konserven und eine stetig zunehmende Zahl anderer Artikel - aber viel wichtiger als all das ist , dass die amerikanischen politischen Ideen Europa überfluten werden . « » Halten Sie es wirklich für denkbar , dass amerikanische Anschauungen über Verfassungen sich in Europa verbreiten werden ? « fragte Madame Baltykoff eifrig . » Im letzten Ende ganz sicherlich ja « , antwortete Mr. Bridgewater . » Da bin ich doch anderer Ansicht « , sagte mein Bruder , » denn das Wachsen der imperialistischen Tendenz in den Vereinigten Staaten , die Sie uns eben als wichtigste Tatsache dieses Jahrhundertsendes geschildert haben , ist ein speziell europäischer und monarchischer Zug . Je mehr Gewicht der äussern Expansion und einer starken auswärtigen Politik beigemessen wird , um so mehr werden die Volksvertreter , die sich notwendigerweise mehr mit inneren Fragen beschäftigen müssen , an Bedeutung verlieren . Eine grosse imperialistische Politik bedingt die Herrschaft einzelner grosser Führer , und da haben die Länder den Vorteil , wo ein einzelner Mann an der Spitze des Staates steht . « » Sehen Sie , Bridgewater « , sagte Anstruther lachend , » dieser Fremde prophezeit uns einen Kaiser , wenn wir auf dem Pfade der Intervention , Protektion , Expansion , der Kriege und des Inselschluckens verharren . « » So wollen wir ihn aus dem Klub der Vierzig wählen « , antwortete unser Wirt , » dann werden wir sicher sein , dass er gescheit ist . « » Ja , gescheit und voll moderner Ideen sollte Sam I. von Amerika freilich sein - sonst müsste er sich ja vor den europäischen Kollegen schämen . « Auf dem Heimweg sprachen mein Bruder und ich davon , wie oft man hier die Empfindung bekommt , dass die Amerikaner uns Europäer als bemitleidenswert zurückgeblieben ansehen . Nachdem sie uns moderne Geschäftsmethoden gelehrt haben , wollen sie uns jetzt mit modernen Prinzipien im allgemeinen versehen und mit allem , was uns sonst auf geistigem Gebiet fehlen mag . Klingt das nicht sonderbar ? Und sie haben doch eigentlich alles von uns , stehen auf unseren Schultern . Mein Bruder sagt , er erinnere sich noch sehr gut der Zeit , wo man nach Amerika kam und für alles so ein gewisses elterliches Wohlwollen hatte ; die Amerikaner fragten damals begierig , ob man wirklich alles bei ihnen » sehr gross « fände , und freuten sich , wenn man was lobte . Jetzt sind sie überzeugt , uns überflügelt zu haben . Na , es muss ja vorkommen , dass Kinder ihren Eltern über sind - wie wäre sonst das erste Genie entstanden ? 13 New York , Dezember 1899 . Lieber Freund ! Wir sind seit einigen Tagen aus dem ebenso schönen wie teuren Waldorf-Astoria fortgezogen und haben sehr nette Zimmer in einem Boarding House in der Nähe des Central-Parks gefunden , wo auch Mme. Baltykoff wohnt . Ta ist natürlich bei uns und bildet hier wie im Waldorf die Freude der weissbemützten Stubenmädchen . Er ist hier viel weniger reserviert gegen uns als in Peking . Dort erfuhren wir eigentlich nie etwas über das Leben unserer Boys . Sie waren immer da , wenn man sie brauchte , verrichteten ihre Arbeit lautlos , kannten all unsere kleinen Gewohnheiten offenbar ganz genau - aber mit dem Augenblick , da sie aus unseren Häusern hinaus auf die Strasse traten , verloren sie sich in einer uns unbekannten Welt , und von diesem Teil ihres Lebens hörten wir nie ein Wort . Nur wenn sie mal einen etwas längeren Urlaub haben wollten , hiess es , ihr Vater oder ihre Mutter lägen im Sterben . Anfänglich rührte mich das sehr , ich bewilligte ihnen immer den Urlaub , bot ihnen auch Arzneien an . Aber sie hatten wirklich zu viel sterbende Väter und Mütter - mein Vorrat an Mitgefühl ward so sehr beansprucht , dass er sich schliesslich erschöpfte . Hier ist es ganz anders ; Ta ist oft recht mitteilsam gegen mich und erzählt mir von den Stubenmädchen , die ihn seines langen Zopfes halber gern als Dame verkleiden und ihn sogar auf einen ihrer Bälle mitgenommen haben . Hier bin ich ihm offenbar » Vater und Mutter und Beschützer der Armen « , wie die Inder sagen ; ich erscheine ihm als einziges Bindeglied zwischen seinem früheren und jetzigen Leben . Seitdem er hier so viel Neger gesehen , hält er , glaube ich , weisse Leute überhaupt für beinahe stammverwandt . » Das sind keine Menschen , das sind schwarze Teufel « , sagte er ganz ernsthaft , und will keinesfalls zugeben , dass sie Christen wie er sein könnten . Auf andere herabzuschauen , ist für Wesen aller Nüancen nun mal eine freudige Genugtuung . Ta hat ein paarmal Briefe von seiner Heimat bekommen . Er ist an solchen Tagen immer sehr still und traurig , und ich fragte ihn , ob er Heimweh habe . Er antwortete , nein , gar nicht , er sei sehr gern hier , aber seine alte Mutter liesse ihm immer schreiben , er solle doch wieder kommen , sie möchte ihn gern bei sich haben . » Ist es nicht eher deine junge Frau ? « fragte ich . » Oh nein ! « rief er entrüstet , als habe ich ihn einer beschämenden Schwäche beschuldigt , » Frau gar nichts , Mutter alles ! « Mein Bruder hat nun für die Mutter Geld nach Peking geschickt , was sie hoffentlich beruhigen wird . Mit Tas Hilfe habe ich jetzt ausgepackt und unsere Wohnung eingerichtet . Es war eine solche Freude , all die lieben gewohnten Dinge wiederzusehen : die Nephritschalen und Bronzevasen , die Figuren des Laotse , mit dem langen Kopf , aus Elfenbein geschnitzt , die chinesischen Sammte , die mit dem Alter einen ganz chinesischen Charakter angenommen haben , die feinen verblassten Damaste und Stickereien . Ich habe alles möglichst so gestellt und drapiert , wie es im Pekinger Häuschen war ; in der Dämmerstunde , wenn Ta lautlos ins Zimmer tritt , glaube ich manchmal , wieder dort zu sein und würde mich gar nicht wundern , wenn er Sie anmeldete . Auch einen Buddha-Altar habe ich über dem Kamin aufgebaut , und da thronen all die seltsamen Gestalten , die Sie allmählich bei bestechlichen Bonzen , in verlassenen Tempeln und verstaubten Antiquarläden für mich aufgestöbert haben . Noch ehe ich Sie in Peking kannte , hatte ich die Manie , Buddhas zu sammeln . Ich hatte mehrere von Händlern gekauft , die sie , in ihren weiten Ärmeln versteckt , zu uns trugen und dabei geheimnisvoll flüsterten , diese Götzen stammten aus kaiserlichen Tempeln , und es sei ein grosses Risiko , sie zu mir zu bringen . Ich zeigte Ihnen sehr stolz diese Schätze ; Sie schauten sie einen Augenblick prüfend an und sagten dann : » Gar nicht übel für moderne europäische Imitation « . Das war ein harter Schlag , und ich war Ihnen zuerst beinah böse , denn nichts tut weher , als liebe Götzen zu verlieren . Und ich hatte die meinigen so ehrerbietig behandelt und immer frische Blumen vor sie hingestellt ! Aber es sei Ihnen verziehen , denn Sie haben die falschen Buddhas durch wahre ersetzt , und das tun die wenigsten Leute , die andern ihre Götter nehmen . Es ist ja auch nicht eben leicht ! - 14 New York , Dezember 1899 . Die letzten Tage , lieber Freund , sind noch ganz der Wohnungseinrichtung gewidmet gewesen . Sie wissen ja , wie sehr ich von meiner äusseren Umgebung abhänge . Milde warme Farben , edler Faltenwurf , schöngeschweifte Linien sind mir physisch wohltuend . Vielleicht erheben sich die wirklich grossen Geister über die äusseren Dinge und lassen sich nicht von ihnen störend beeinflussen ; aber ich bin nur ein ganz kleines Geistchen , fürchte mich vor dem Meer des Alltäglichen , Hässlichen , und fühle mich nur behaglich , wenn es mir gelungen , mir eine eigene kleine Insel zu schaffen und sie meiner persönlichen Eigenart entsprechend zu gestalten . Ich suche auch immer mich über das Nomadenhafte meines Lebens hinwegzutäuschen , indem ich unsere jeweilige Wohnung mit einem Eifer und Ernst dekoriere , als solle sie ein alles überdauerndes Stammschloss werden - und sie ist doch nie etwas anderes , als ein Zelt , das immer wieder abgebrochen und von neuem an anderm fremden Ort aufgeschlagen wird . In manchen der Häuser , die wir im Lauf der Jahre bewohnten , habe ich sogar Tür und Decken bemalt ; heute neckte mich mein Bruder damit und fragte , ob ich diesem New Yorker Boarding House auch solche dauernde Erinnerungen meines vorübergehenden Aufenthaltes hinterlassen wolle . Das habe ich nun zwar nicht vor , aber , nachdem ich es nun etwas wohnlich um uns gestaltet habe , will ich wieder meine Malereien aufnehmen . Unser Wohnzimmer hat ausgezeichnetes Licht , so dass es als Atelier dienen kann , und da mein Bruder erst nachmittags zurückkommt , habe ich den ganzen Tag dafür frei . All meine chinesischen Skizzen sind hier , und ich habe manche an die Wände gehängt , lauter alte Bekannte von Ihnen , zu denen nun noch japanische und kanadische gekommen sind . Als ich in all den Bogen blätterte , fiel mir die Pekinger Zeit so besonders lebhaft ein und die kleine Bilderausstellung , die ich vor unserer Abreise dort arrangierte . » Premier Salon de Pékin « wurde sie genannt , und ich verkaufte eine Menge Skizzen ! Wenn ich so durch mein Malen ein paar hundert Dollar verdiene , fühle ich mich so stolz , so self made , als sei ich Charles William O ' Doyle inmitten seiner Millionen ! In grauen leeren Tagen , als die Welt für mich nichts mehr zu enthalten schien , habe ich zuerst zu malen begonnen , wie eine Zerstreuung , eine Rettung vor den ewig gleichen , quälenden Gedanken . In den langen Wanderjahren mit meinem Bruder ist es dann allmählich meine grosse Lebensfreude geworden , der befreiende Ausdruck des innerlich Erlebten . Und noch in anderem Sinn ist das Malen mir zu einer Lebensfreude geworden , denn wenn ich ein Bild verkaufe , bedeutet das Butter zu meinem täglichen Brot , d.h. die Möglichkeit , mit solchem kleinen Verdienst andern helfen zu können , denen es weniger gut geht als mir . Bei Ihnen fand ich gleich Interesse für mein Malen . Wie viel haben Sie mir erzählt von Kunst und Künstlern all der Länder , in denen Sie gelebt , wie oft haben Sie mich zu malerischen Punkten im altersgrauen Peking geführt , die sonst Fremde wohl nie zu sehen bekommen und deren völlige Eigenart so manches Motiv bot ? Wenn Sie mir so den Zutritt zu einem sonst stets verschlossenen Tempel verschafften und ich seltsame Götzen oder stille Klosterhöfe malte , in denen das Licht zwischen den Zweigen uralter Bäume spielte und über einen gelbgekleideten Priester glitt , der am Sockel eines riesigen mit Patina überzogenen Bronzelöwen lehnte und weltentrückt den buddhistischen Rosenkranz durch die Finger gleiten liess - wie manchesmal habe ich da Ihre Augen auf mir ruhen gefühlt und eine neue Arbeitslust , ein grösseres Können empfunden durch die Macht der Freude , die Sie an mir hatten ! - Von einem andern in unseren liebsten Beschäftigungen , in unserer individuellsten Eigenart verstanden zu werden , ist wie eine geistige Liebkosung . So vieles erstirbt ja in uns , aus Mangel an etwas Interesse und Pflege . Und jene , die am meisten in uns getötet und begraben haben , sind oft , die uns am nächsten standen . Haben Sie Dank , lieber Freund , für alles , was Sie in mir geweckt und gepflegt haben , für all die Blumen , die geblüht haben , weil Sie sich daran freuten . 15 New York , 25 Dezember 1899 . Es ist wieder Weihnachten geworden , lieber Freund ! Weihnachten in einem Lande , wo ich das Fest noch nie erlebt habe , wo es mir darum besonders fremd vorkommt . Warum haben wir nur diesen rührenden und zugleich etwas komischen Zug , an bestimmten Jahrestagen so besonders zu hängen ? Was wissen wir eigentlich von dem Tag der Geburt Christi und was ist uns dieser Tag ? Und doch , so wenig Bedeutung er für viele unter uns heute noch in der Hast des Lebens hat , und so wenig wir von Frieden auf Erden wissen , an diesem Jahrestage scheint es uns , als hätte jeder Mensch ein besonderes Recht auf Freude , und wir stecken viel Lichtchen an , um doch ja die Freude sehen zu können , falls sie wirklich mal zu uns käme . Aber bei uns Einsamen , die wir in fremden Welten leben