fünf Jahren , wenn eine gewisse schreckliche Frist abgelaufen sein wird , wirst du die Notwendigkeit einsehen . Mir ist nur leid , daß er überhaupt einmal wieder herauskommt . Das sollte nicht sein . Ich glaube auch nicht , daß du dir die Möglichkeit eines künftigen Zusammenlebens vorstellst . Ich kann das nicht glauben . Ich bin überzeugt , es wäre das größte Unglück für dich . Überlege , Kind . Ich habe dir oben so rundweg geschrieben , daß ich deinen Entschluß , zu studieren , nicht billige . Doch das ist zu viel gesagt . Ich kann nur sagen , daß mir die Frage neu und fremd vorkommt . Auf alle Fälle bin ich bereit , dich zu fördern und mit Geld zu unterstützen , soweit es in meinen Kräften steht . Doch das ist selbstverständlich . Pensionäre schaden nicht , nur bürde dir nicht zuviel auf . Nina und Uli möchte ich jedenfalls über die nächsten Jahre hier behalten . Die Alte ist versessen auf sie . Laure Anaise kommt morgen . Es ist wohl recht , daß du dein Heil in der Arbeit suchst . Lebe gesund ! Dein Vater . Josefine küßte den Brief unzählige Male . Sie hatte ein Gefühl , als müsse sie sich irgendwo auf die Kniee werfen in Dank für die Erlösung . Aber sie nahm sich kaum Zeit , den Kindern zuzurufen : » Der liebe Großvater hat geschrieben . Vergeßt ihn fein nit . « Dann schrieb sie Briefe , Zimmerangebote und trug sie selbst auf die Redaktion und zum Pedell , damit er sie am schwarzen Brett anschlage . Sie erkundigte sich auch , wann der Rektor zu sprechen sei , und kaufte den Kindern , die sie mitgenommen , auf dem Heimweg Kirschen . » Könnten wir nicht gleich auch Papa besuchen , weil du so gut gelaunt bist ? « fragte der Knabe , während er fröhlich dahinsprang . Josefine faßte beide Kinder an den Händen . » Hermannli und Rösli , der Papa ist auf eine große Reise gegangen , auf eine weite Reise - « » Nach Afrika ? « fiel der Bub überrascht ein . » Ja ja , nach Afrika , und besuchen können wir ihn also nicht . « » Ist der Papa also wieder gesund , « sagte Hermann noch verwunderter . » Ja , gesund . « » Aber warum hat er uns nicht Grüß-Gott gesagt und nicht adie ? « » Es war ja spät am Abend . Ihr schliefet schon . Da ist er in die Stube gekommen , hat euch angeschaut und im Schlaf geküßt und einen schönen Gruß für euch dagelassen . Und ist fort . « » Nach Afrika ? « » Ja , nach Afrika . « » Und wir - sind wir nicht traurig , Mama ? « fragte Rösli mit kläglichem Stimmchen . Auf der Bank in der kleinen blühenden Anlage , wo sie saßen und die Kirschen verzehrten , zog Josefine die beiden Kleinen in ihre Arme . » Ja , wir sind traurig , « sagte sie , ihre Tränen bezwingend , » aber wir dürfen nicht daran denken . Wir sollen nur denken , wie wir tüchtige , brave Menschen werden - « » Und dem Papa Freude machen , wenn er heimkommt , « fiel Hermann mit altkluger Miene ein . » Ja . Weißt noch , wie er sich über dein erstes Zeugnis gefreut hat ? « » Man muß den Papa also lieb behalten ? « fragte Rösli nachdenklich . » Aber gewiß ! Behaltet ihn lieb , den armen Papa , behaltet ihn lieb , aber sprecht nicht von ihm . Es tut eurer Mama weh - « » Geht es ihm nicht gut in Afrika ? « lispelte Rösli ängstlich . » O nein , es geht ihm nicht gut . Und er sehnt sich nach euch und denkt an euch , mein Rösli - « » Ich sehne mich auch , « sagte Rösli feierlich , die kleinen Hände faltend , » gib mir noch ein paar Kirschen , Mama . « » Ja , aber warum geht es dem Papa schlecht in Afrika ? Ist es zu heiß da ? « begann Hermann wieder . » Ja , heiß . Und nun hört , Kindli , was ich euch sage . Wir wollen den Papa lieb behalten und an ihn denken , da inwendig , in unserem Herzen , « Josefine tippte auf Hermanns und Röslis Brust , » aber sprechen wollen wir nicht mehr von ihm . Nicht laut und nicht leise . Nicht zur Mama und nicht zu anderen Leuten , hört ihr das ? Weil es der Mama weh tut ? « » Ja , aber wenn sie mich in der Schule fragen , was denn der Papa in Afrika macht ? « fuhr Hermann unerwartet heraus . Josefine war ratlos vor Schrecken . » Nun - kannst ja nicht sagen , was du nicht weißt . « » Aber schreibt der Papa keine Briefe ? « » Ich weiß nicht . Wenn die Kamele den Weg finden durch die große Sandwüste - « Die Augen der Kinder weiteten sich und hingen an ihr . » Ist der Papa auf einem Kamel , Mama ? « » Ja , dort unten , « sagte Josefine mechanisch . Aber der Bub schüttelte eifrig ihren Arm . » Erzähl uns von der großen Sandwüste , von den Kamelen , erzähl uns alles , Mama ! « » Ich bin nicht dort gewesen , Bub , ich weiß also nichts . Aber hört etwas anderes ! Eure Mama war einmal klein , ganz klein , so klein wie Nina . « » Ach du ! « sagte Rösli lachend , » das glaub ich nit . « » Ich glaub ' s , ich glaub ' s ! « schrie Hermann , » sag weiter , Mama . « » Und die kleine Josefine , eure Mama , war hungrig und durstig , denn sie hatte keine liebe Mutter . « » Warum nicht ? « erschrocken rückten die Kinder näher . » Weil sie gestorben war und ihre kleine Josefine allein gelassen hatte . « » Ach ! Und was tat die kleine Josefine ? « » Sie schrie den ganzen Tag , denn sie war durstig und hungrig , aber wenn jemand ihr Milch zu trinken geben wollte , dann drehte sie ihr Köpfchen weg und schrie noch ärger . Und die Leute sagten : die kleine Josefine trinkt nicht , sie wird sterben . « » O ! « Rösli schmiegte sich dicht an die Mutter . » Und wo waren wir , Mama ? « » Und es wäre vielleicht gut gewesen für die kleine Josefine , wenn sie damals gestorben wäre , denn sie mußte noch viel weinen , « sagte Josy , von Schwäche übermannt . Hermannli streichelte ihren Ärmel . » Mach es lustiger , Mama , mach die Geschichte jetzt lustiger . « » Ja , sie wird ganz lustig . Da kommt eine braune Bäuerin aus dem Dorf , mit einem lustigen bunten Rock und einem lustigen seidenen Tuch um die Schultern und mit roten Bändern im Zopf und sagt : Gebt mir die kleine Josefine , bei mir wird sie wohl trinken lernen . « » Ja , « sagte Rösli zufrieden , » mit roten Bändern im Zopf , das ist schön . « » Und sie nimmt die kleine Josefine in den Arm , steckt sie unter das bunte Seidentuch , lacht ihr zu und hätschelt sie und klingelt mit der silbernen Kette an ihrem Hals , und die kleine Josefine muß lachen ! « » Ja , sie muß lachen ! « lachten die Kinder . » Kannst du lachen , so kannst du auch Milch trinken , mein Schatzi , sagt die gute Bäuerin Nina , und richtig - die kleine Josefine dreht nicht mehr das Köpfchen weg , schreit nicht mehr , sondern trinkt ! « » Haha ! Wir haben auch eine Nina , Mama ! « » Und die kleine Josefine ist gerettet , denn die lustige Bäuerin ist ihre Amme geworden und hat sie so lieb wie ihre eigenen Kinder . Und die kleine Josefine wird groß , und die lustige Bäuerin wird alt . Ihre Kinder sind verheiratet , beim Großpapa in Chur führt sie die Wirtschaft . Sie hat aber eine Enkelin , und das ist Laure Anaise . Und nun , was geschieht ? Laure Anaise sagt : Ich will einmal die Josefine in Zürich besuchen , und Hermann und Rösli will ich auch besuchen . Lange will ich bei ihnen bleiben und alles mit ihnen tun . Wann die Stuben geputzt werden , will ich mit putzen helfen , und wann viel zu schaffen ist , will ich mit schaffen . Und wenn sie mich dafür lieb haben , will ich singen und ihnen auf der Zither vorspielen und mit Hermann und Rösli tanzen . Ist das nicht schön ? Sehr lieb werden wir Laure Anaise haben und keinen Augenblick vergessen , daß sie uns besucht und uns hilft . - Wie Mamas Schwester wird Laure Anaise sein - « » Wie Tante Adele ? « machte Hermann erschrocken . » Nein , nicht wie Tante Adele , bitte , Mama ! « rief Rösli . » Wie Tante Marie ? Tante Marie ist ziemlich hübsch , « forschte der Bub mit dem altklugen Gesicht . Die Mutter beruhigte sie . » Laure Anaise ist Laure Anaise , heißt nicht Tante , heißt Laure Anaise , hat eine Zither und lacht den ganzen Tag . « - Diese Nacht weinten die Kinder nicht im Schlaf , von unbewußten Schrecknissen geängstigt . Sie träumten von Laure Anaise , die mit ihnen lacht und springt , daß der schwarze Zopf mit dem roten Bande wackelt . Und am Morgen , als sie erwachten , war Laure Anaise gekommen und lachte wirklich und nickte ihnen zu , nickte bei jedem Wort , aber nichts verstand sie , denn sie war ein romanisches Kind und konnte wenig deutsch . In der Küche erklingt das Lachen und Zwitschern der Kinder , die Zither erklingt . Werden die zarten Klänge allmählich das dumpfe Grabgeläute übertönen , das unablässig , Tag und Nacht , durch dieses Haus dröhnt ? Werden die Frühlingsblumen den schwarzen Spalt verhüllen , dem Höllenqualm entsteigt ? Josefine sah es deutlich durch die geschlossenen Türen gehen , das Gespenst mit den verschleierten Augen , das sie verfolgte mit seiner Unbegreiflichkeit , mit seinen höhnenden , quälenden Rätselfragen . Ich war dein Gatte . Ich war Georges . Wer bin ich ? Wer ist das - Georges ? Bin ich der Mann , den du kennst ? Den du geliebt hast ? Dem du noch anhängst mit der Kraft der Erinnerung ? Der Vater deiner Kinder ? Der Mann , der deine Kinder liebte ? Bin ich dieser Mann ? Oder bin ich der Abschaum , der Verbrecher , der Ausgestoßene , vor dem alle guten Dinge der Erde fliehen , vor dem die Sonne ihr Gesicht verhüllt ? Das Scheusal , das die Menschen nicht unter sich dulden durften ? Der Angesteckte , der die Pest verbreitet ? Nein ! nein ! nein ! schrie es in ihrem zerspaltenen Herzen , ich kenne dich , Georges ! Du bist ganz Mensch ! Hab ich dich nicht oft gesehen , hilfsbereit , eilig , selbstverleugnend fortstürmen mitten in kalter Nacht ? um als Arzt Leidenden beizustehen ? Wie oft hab ich von dir Worte gehört , tiefe , warme , wenn du an den Bettchen unsrer Kinder standest ! Wie dientest du eifrig der Wissenschaft ! Wie wenig verlangtest du von den Menschen ! Wie nachsichtig war dein Spott ! Wie fröhlich war deine Weinlaune ! Hast du nicht angstvoll um mein Leben gebebt , als ich in Gefahr war ? Wolltest du nicht mit mir sterben , als ich zu sterben fürchtete ? Nein , du bist ganz Mensch , Georges , ich muß dich doch kennen , ich , die Mutter deiner Kinder ! Aber - aber - sie sagen ja - ich kenne dich nicht ! Sie sagen , du seiest jemand anders als der , der du bist . Du selber hast bekannt , nicht der zu sein , als der du gewöhnlich erscheinst . Du selber hast gegen dich ausgesagt . Das war gefährlich , Georges . Das war unsinnig ! Sie haben alles geglaubt . Sie glauben das schlechteste zuerst und am liebsten . Warum hast du gegen dich selber ausgesagt , Georges ? Sie haben dich angeklagt unbegreiflicher , lichtscheuer Greuel , die der Mund nicht nennen kann , die nur ihr Mund nennt , der Mund der schamlosen Gerechtigkeit , die gekommen ist , die Schamlosigkeit zu strafen . Du hast die Beschuldigung gehört , und du hast sie nicht ins Gesicht geschlagen , deine Beschuldiger . Du hast ihre abscheuliche Zunge nicht in den lügnerischen Mund zurückgestoßen . Du hast die Achseln gezuckt , sagen sie , du hast - gelächelt ! War das ein Augenblick zum Lächeln , Georges ? Wer bist du ? Sprich , wer bist du ? Ein Bild auf dem Wasser ? Ein bunter Anstrich auf einer zerbröckelnden Lehmwand ? Ein Ungeheuer mit Menschenaugen ? Ein Vampir , der lachen kann und in heimtückischer Mitternacht seinen Mund in Blut taucht ? Ja - aber dann - wer bin ich ? Und deine Kinder ? Kleine weiche , rosige Geschöpfe mit träumenden Augen und Vogelstimmchen - wer sind sie ? Sind es Kinder wie andere Menschenkinder ? Sind es junge Werwölfe ? Sind sie wie - du ? Wie welches du ? Sind sie wie dein du , das ich kenne ? Sind sie wie jener schreckliche Verbrecher , den sie in dir gefunden haben ? Eine Mutter denkt viel , Georges ! Sage mir etwas über die Kinder , deine und meine Kinder ! Ist ihr Schicksal - nein , nein ! Ich kann es nicht aussprechen ! Ich kann die Antwort nicht hören . Ich entsetze mich vor der Antwort ! Ich empöre mich gegen jede Unerbittlichkeit ! - Ich will das nicht dulden , Schicksal ! Hörst du mich , du unerbittliches ? Oh , Georges ! ich kenne dein verschleiertes Lächeln . Was flüstern deine seltsam zuckenden Lippen mir zu ? Was sagst du ? Wie ich , so sind alle ! Ohne Ausnahme . Keiner ist besser . Nichts ist gut . Niemand ist wert , daß ihn die Sonne wärmt . Alles ist nur Heuchelei , Konvention , und darunter das Aas . Lüge ihre Begeisterung , Lüge ihre Entrüstung . Sie spielen ! Hast du das nicht gesagt , Georges ? Hast du nicht die Erde um mich zu einem Leichenfeld gemacht ? Hab ich nicht an deiner Seite gebebt und gezittert nach der Sonne , die keiner auf Erden wert ist ? - Aber dann - als alles vorüber war , als du vor den Schranken standest , abgeurteilt , verdammt , zerschmettert , ausgelöscht , bist du da nicht wie ein Flehender an der Himmelspforte zusammengeknickt ? Hast du nicht mit der Stimme der Wahrheit und der Verzweiflung geschrieen : ich sterbe ohne mein Weib ! Gebt mir mein Weib und meine Kinder ! Haben sie nicht in ihren kalten Berichten berichtet : Es ging ein eisiger Schauder durch alle Anwesenden ? War das auch Heuchelei ? Konvention ? Lüge ? Hast du das gespielt ? Wer bist du ? Grübelnd , qualvoll starr ich dich an , und du erwiderst meinen Blick , grübelnd , qualvoll . Bodenlos und seicht zugleich ist dein Auge , höhnisch und verzweifelt zugleich ist dein Lachen . Wer bist du ? - - Und plötzlich dann brach es wie ein Erlösungsschrei aus Josefines angstbeschwerter Brust : Ein Leidender ! Was frag ich noch ! Ein Verlassener ! Ein Gefangener ! Armer Georges , fürchte nichts ! Fürchte nichts ! Ich verlasse dich nicht . Ich beurteile dich nicht . Ich verachte dich nicht . Ich will dich schützen , denn du bist in der Verzweiflung . Ich will aus meinem Herzen einen warmen Mantel machen um deine Nacktheit . Ich will - Aber sag - wo waren deine Gedanken , während du bei mir warst , Georges ? Was für Bilder - Ach , nicht denken ! Nicht denken ! Gar nichts denken . Leben . Und vergessen . Die Zeit wird helfen ; dir und mir . Und die Arbeit ! Vor allem die Arbeit . Schaffen muß man , nicht rechts , nicht links sehen . Schaffen , leben und vergessen . Lieber Gott , ich danke dir , daß ich arbeiten darf ! Lieber Vater , ich danke dir , daß du mir beistehen willst ! Nur Kräfte bitt ich ... Und fort mit dem quälenden Grübeln ! - - - - - - - - - - - - - - - Und so begann Josefine zu studieren wie ein Student und unter den Studenten . Und ihre schmerzhafte Aufregung verwandelte sich in rastlose Tätigkeit , und eine Fülle von Kraft strömte ihr aus der Arbeit entgegen . Zweites Buch Rastlose Tätigkeit , wie freundlich bist du dem Leidenden , der sein Herz nicht beschwichtigen kann . Aber Gedankenarbeit muß es sein , Gedächtnisarbeit selbst ist willkommen . Das stärkt , das lindert , das - betäubt . Die Uhr schlägt halb sechs . Dunkel , mondlos ist der Wintermorgen . Steh auf , Josefine , die du müde wie eine Lohnarbeiterin gestern abend auf dein Bett sankest ; um sieben Uhr beginnt das Kolleg . Wecke die Kinder nicht , sie brauchen den Morgenschlaf , wecke nur Laure Anaise und das Mädchen , das dir und den drei Pensionären das Essen bereitet . Zwei von den dreien müssen auch geweckt werden , sie haben auch um sieben Kolleg . Da poltert schon einer in die Küche , um sich die Stiefel zu putzen . Ein ordentlicher Mensch , dieser Bernstein ; der Einfall , daß sich jeder hier selbst die Schuhe zu putzen habe , stammt von ihm . » Kocht das Wasser , Laure Anaise ? Ein Ei für jede Person ; wir haben Kolleg bis elf in einem Ruck , dann komm ich heim . Nur zwei Grad heute morgen ? Zieh Hermannli die wollenen Strümpfe an , die ich zurecht gelegt habe , und laß Rösli nicht ohne Jäckchen in den Garten . - Guten Morgen Kollege ! Ist Ihr Referat fertig ? Ich brauche einen hellroten Farbenstift , können Sie mir aushelfen ? Ich werde mich blamieren heut im Präpariersaal , Sie sollen sehen ! « Bernstein ruft zum Tee . Bernstein macht immer den Tee morgens . Er hat seinen Samowar dazu hergegeben . Ein ordentlicher Mensch , dieser Bernstein . Immer gelassen , hilfbereit , ohne Galle . Er steht neben dem Samowar und liest . Das ganze Zimmer ist voll Holzkohlendampf . Zwei Bücher hat er unter dem Arm , die Pelzmütze liegt vor ihm auf dem Teller . Er liest halblaut , murmelnd und blickt nicht auf , wenn jemand kommt . Laure Anaise lacht über Bernstein , aber Bernstein ist ein ordentlicher Mensch . Den heißen Tee geschluckt , die Kinder geküßt , die sich erwachend die Augen reiben , noch ein paar Anordnungen an Käthe wegen des Mittagessens , und hinaus in den Wintermorgen . Die Laternen brennen rot . An der Spitalscheuer heult der Hund an der Kette . Ein Wagen fährt ganz langsam in den Spitalhof ein ; ein anderer mit einem schmucklosen Sarge rasselt hinaus . Beide , der Krankenwagen und der Totenwagen , fahren an Josefine vorüber , die in das Auditorium der Anatomie geht . Sie blickt sich nach dem Sarge um , trübe Gedanken wollen sich ihrer bemächtigen . Da läuft es eilig heran durch den Nebel über den knirschenden Kies . Eine Kollegin . » Hören Sie , schlägt ' s schon ein Viertel ? Nachher sind unsere Plätze fort . « Sie stürmen vorwärts . Atemlos hinein und auf die Plätze . Die ganze Wandtafel ist schon vollgezeichnet , der Assistent wäscht sich eben die Hände . Man gähnt , zeichnet nach und gähnt . Richtig , der hellrote Farbenstift fehlt . Fatal ! Ist da schon der Professor ? Wischt der Assistent die Zeichnung schon ab ? Es ist ja noch niemand fertig ! Was für eine Art ist denn das , abzuwischen , ehe jemand fertig ist ? » Meine Herren und Damen - « Zwicky wird die Zeichnung haben , denkt Josefine , während sie eifrig nachschreibt . Zwicky ist der zweite Pensionär . Auch ein ordentlicher Mensch , aber hitzig und ehrgeizig , nicht so wie Bernstein . In den Präpariersaal jetzt . Nun , was ist da für ein Auflauf ? Etwas besonders interessantes ? Ach nein , nur eine frische Leiche , eben aus dem Wasser gezogen . Eine Frau , die mit ihrem Kinde in die Siehl gesprungen ist ; sie wird sofort » verteilt « . Josefine weicht zurück , es ist ihr immer noch schwer . Der Prosektor sagt etwas . Ein einziger lacht . Dann dröhnendes Gescharre . » Was hat er gesagt ? « Das Scharren will kein Ende nehmen . » Geniert Sie das , meine Herren ? « piepst die schwache Stimme des Prosektors . » Sehen Sie her , es ist , wie ich sage . Wir haben noch keinen Proletarier seziert , der nicht auch sein bißchen Fett gehabt hätte . « Sie scharren wieder . Der Prosektor ist durchaus unbeliebt . Josefine geht mit ihrem Präparat an ihren Tisch . Die Hand ist ' s , die sie bekommen hat , die rechte Hand der Selbstmörderin . Eine feine , jugendliche Hand , die Finger von Nadeln zerstochen . Die Hand einer fleißigen Näherin . Nun starr , bläulich , gekrümmt . » Ist Ihnen schlecht ? « ruft die Kollegin vom Nachbartische , » wollen Sie eine Zigarette ? « Josefine bezwingt sich , raucht und beginnt ihre subtile Handarbeit an der zernähten Hand . Eine Mutter mit ihrem Kind im Arm - in der Siehl gestern - heute hier - zerstückt - von einer anderen Mutter , die an ihrem toten Leibe den Bau - die normale Anatomie studiert . » Was ? ich werde doch nicht ohnmächtig ? Kollegin , Wasser ! Nein , ich laufe hinaus ! Aber ich komme sofort wieder . Lassen Sie niemand mein Präparat wegnehmen , bitte - oh - Luft ! « Josefine kommt zurück , noch etwas blaß , aber gefaßt . Sie schämt sich ihrer Schwäche . Sie möchte sich verteidigen . » Ich begreife das nicht . Ich stehe ganz ruhig und interessiert , schneide vorsichtig , habe keine Spur von Widerwillen , und plötzlich fühle ich etwas unter den Fußsohlen , so eine Schwäche - es dreht sich langsam alles im Kreis - der Magen wird ungemütlich - im Munde - « Sie schüttelte sich , sie fürchtete eine Wiederholung des Anfalls . » Ich denke gar nichts , « sagte die Nachbarin ruhig . » Tun Sie das auch . Ich finde , diese Präparate sind wirklich angenehm . Neulich hatte ich mal eins mit Würmern unter der Haut . Das war widerlich . Es muß ja doch sein . « » Können Sie sogar hier essen ? « ruft Josefine fast erschrocken . Die Kollegin kaut . » Nur Beefsteak , englisch , nicht . Es ist ' ne gewisse Ähnlichkeit . Aber mein harmloses Butterbrot - warum nicht ? « Warum nicht ? Es muß ja sein . Man muß ja essen , alles muß so sein , wie es ist . Die magere , zernähte Hand , die scharfen Messerchen zum Zerschneiden , der Selbstmord der Armen . Woher sonst frisches Material nehmen für die » normale Anatomie « ? Ich - das hier - der Präpariersaal - arme , verzweifelte Mutter - starrer Zeigefinger du - Nun , was ist das heute mit mir ? Fängt es schon wieder an ? Nimm dich zusammen , Josefine , der Assistent kommt . Er wird dich fragen nach den Namen der Muskeln , der Nerven , die diese arme Hand - Um Himmels willen , was ist mit mir ? Ich werde mich blamieren ! Sie ist ja tot . Fühlt nichts mehr . Hat den Witz des Prosektors nicht gehört . Keine Miene verzogen ! Du willst doch lernen . Lernen , um nachher helfen zu können ! Kann ich - kann ich helfen ? Solchen armen Müttern , die in die Siehl springen müssen mit ihrem Kinde im Arm ? Da ! der Assistent . Er schiebt heran . Das tägliche Examen beginnt . Das ist ' s ja , was den Menschen zieret , Und dazu ward ihm der Verstand , Daß er im innern Herzen spüret , Was er erschafft mit seiner Hand . Immer zitiert er , der Assistent ... » Was er erschafft - « Und was er zerstört auch . Wieso zerstört ? Hier wird nichts zerstört . Nur schön reinlich zertrennt . All die Muskeln , die Bänder , die Nerven . Nachher gibt es ein zierliches Präparat . Man lobt sogar . Es muß ja sein . Aber doch lobt man das schönste Präparat . Das ist für den Ehrgeiz . Warum sprang sie in die Siehl ? Sitzt ihr Mann vielleicht im Zuchthaus ? Und die Kindesleiche ? Die ist gleich in Eis gelegt , nicht wahr ? Ach richtig , daß ich es nicht vergesse - morgen ist Röslis Geburtstag . Die kleine Wachspuppe muß ich noch kaufen , sie freut sich so darauf . Liebes Rösli du ! Aha , der Professor auch noch . Jetzt examiniert der noch einmal . Werd ich bestehen ? Werd ich mich blamieren ? Nein , ich werde schon wissen , ich bin das meinem Vater schuldig . Was für ein häßlicher , quarrender Ton ? Woher kommt der ? » Nein aber ! « ruft die Kollegin , » der Lausbub , der Luzerner , sehen Sie , was der macht . Hat den Magen da genommen und bläst ihn auf wie ' nen Dudelsack ! Seelenroheit ! « Der Bursche lacht » hihi ! « Ein paar lachen mit . » Pfui ! « schreit Josefine . Es ist ihr so entfahren , ganz laut und empört . Alle gucken sie an . Einige nicken . » Das hätten Sie sich sparen können , « sagt die Kollegin , » der bringt ' s in die Bierzeitung , passen Sie nur auf . Man muß diese Dinge nicht so ernsthaft nehmen . Der Lausbub kommt vom Frühschoppen . Das macht nur böses Blut gegen uns Weibliche . Tun Sie das , bitte nicht wieder . « Josefines Gesicht zuckt . » Immer werd ich pfui schreien , wenn ' s nötig ist . Sollen wir überall dabei sein und schweigen ? Man läßt uns zu - nun - wir wollen den Ton mit bestimmen , der hier herrschen darf ! « » Sie sind zu hitzig . Wenn Sie so machen , fliegen wir Weibliche nächstens hinaus . ' s ist ja nur ein dummer Junge . « Am Ausgang trifft Josefine mit dem Luzerner zusammen . Er bringt sein blasses freches Gesicht dem ihren ganz nah und schreit : » Sie da ! Warum haben Sie pfui gerufen ? « » Warum ? « Josefine sieht ihn ernsthaft an . » Solche Roheiten gehören nicht in eine wissenschaftliche Anstalt , Herr - « Der Student blinzelt . Seine Augen röten sich vor Wut . » Sie haben hier nichts zu monieren . Dazu ist der Prosektor da . « » Ich werde mich beim Professor beschweren ! « » Hihi ! sogar beschweren ! Haben Sie nicht gehört , was der Doktor Ebert vom Proletarierfett gesagt hat ? « » Schämen Sie sich , Herr ! « ruft Josy . » So ? auch noch schämen ! Wer zimperlich tut , mag draußen bleiben , wissen Sie ' s jetzt ? « Es hat sich ein Kreis um die Streitenden gebildet , niemand greift ein . Der Luzerner ist ein bekannter Raufbold . » Ich hab ' s ja nur ausmessen wollen , wieviel Kubikcentimeter Inhalt so en Proletariermagen faßt , « grinst der Bursche gegen die Umstehenden . Man lacht . » Kommen Sie fort ! « Die Kollegin zieht Josefine mit sich . » Sie haben schon genug angerichtet , Sie hetzen uns den ganzen Präpariersaal auf den Hals , sämtliche deutsche Studenten ! « Müde und zerschlagen heim zum Mittagessen . Aber an der Tür laufen Josefine die Kinder entgegen . » Einen Augenblick , Kinder , Mama muß sich erst umziehen . « Fort mit den Arbeitskleidern , an denen der Geruch aus dem Präpariersaal klebt ! Fort mit den abstoßenden Bildern , den niederdrückenden Vorstellungen dieser letzten Stunden . - Es ist doch gut , daß wir nicht in die Siehl gesprungen sind , meine süßen Kinder . » Leg dein Köpfchen an , Rösli , schneckelt euch an die Mama ; ja , die Mama bleibt jetzt bei euch , vier volle Stunden , wir haben heut einen bequemen Tag . Und morgen ? was ist morgen ? Wie alt wird unser Rösli morgen ? Und wünscht sich noch eine Puppe , so ein großes Mädchen von sieben Jahren ! « Aber da kommt Bernstein zum Mittagsessen , lesend im Gehen wie gewöhnlich . Josefine läßt die Kinder los und ruft ihn an : » Haben Sie die Geschichte mit dem