, mein Lieber . Es kommt nur darauf an , auf welche Gedankenpfade , auf welche Kenntnisfelder man zufällig geraten ist . Erziehung ist alles . Und nicht nur Kindererziehung - auch die der Erwachsenen . Tilling hat erst mit vierzig Jahren über gewisse Dinge nachzudenken begonnen - über die ihm dann so weite Horizonte aufgegangen sind . « » Du denkst doch immer und immer wieder an ihn , « sagte Rudolf in leisem , ehrerbietigem Ton . Martha hob den Blick zum Himmel : » Immer . Ich bin stolz darauf , an mir erfahren zu haben , daß es eine Liebe gibt , die stärker ist als der Tod . « IV Ein heißer August-Nachmittag . Die Hitze hindert aber die Bewohner von Brunnhof nicht , sich am Tennisspiel zu ergötzen . Der Spielplatz liegt in einem um diese Stunde von der Sonne unbeschienenen Teil des Parkes . Von hier ist die Rückseite des Schlosses in Sicht , mit seinen in das Parterre führenden Terrassen . In der Mitte ein großes Wasserbecken , aus welchem ein Springbrunnen steigt . Rings in künstlerischer Anordnung farbenprächtige Teppichbeete . Eben war ein Gärtnergehilfe beschäftigt , den Wasserschlauch auf diese Beete zu richten , die unter dem belebenden Strahl verstärkte Düfte aussandten , die von der schwülen Luft bis zum Tennisplatz getragen wurden . Unter den gemischten Wohlgerüchen herrschte der etwas betäubende Hauch einiger in der Nähe blühender Vanillensträucher vor . Ein eigentümliches Licht lag auf dem Grün des Rasens und der Bäume . Jene lackierte , theatereffektmäßige Färbung , die den Leuten den Ausruf abzuringen pflegt : » Seht doch ! ... die sonderbare Beleuchtung ... « Es war zufällig dieselbe Gesellschaft , die beim Tauffest versammelt gewesen , noch vermehrt durch die Gegenwart der jungen Schloßherrin , die jetzt schon vollkommen hergestellt war und auch schon die von ihrer Mutter ihr so dringend empfohlene Wallfahrt nach Mariazell hinter sich hatte . Man saß da , zur Seite des Tennisplatzes , auf einer Reihe von Bänken und sah den vier Spielenden zu : Sylvia und ihr Bräutigam ; Rudolf und der junge Bresser . Dieser war seinem Vorsatz , das Haus zu meiden , falls Sylvia sich verlobte , untreu geworden . Die Gewohnheit , mit der Familie zu verkehren , deren ältester Freund sein Vater war , war ihm zu teuer geworden . Der Umgang mit Baronin Tilling , die kameradschaftlichen Plauderstunden mit Rudolf Dotzky und wenigstens der Anblick der still angebeteten Sylvia : darauf konnte er doch nicht auf die Länge verzichten . Die blöde Eifersucht mußte niedergekämpft werden . Hatte er doch niemals gehofft , das Mädchen zu erringen , so mußte er sich darein finden , sie an der Seite eines anderen zu sehen . Daß dieser andere kein Idealmensch war , bot ihm eigentlich eine kleine Genugtuung , die er sich zwar nicht eingestand , die er aber darum nicht weniger empfand . Da ihm selber Delnitzky nicht liebenswert erschien , so gab er sich der Idee hin , daß Sylvia eine Vernunftheirat einging , an der ihr Herz nur wenig beteiligt war . Mit dieser Vorstellung hatte er wenigstens die eine Hälfte seiner eifersüchtigen Gefühle verscheucht . » Game - play - out « . Die Worte drangen vom Spielplatz herüber , aber in ruhigem Tone ; die Bälle flogen hin und her oder stießen an das Netz und fielen oft zu Boden , alles dies lautlos , außer wenn der Ball ungeschickterweise mit dem Rand der Rakete aufgefangen wurde , dann rief gewöhnlich von den Zuschauern einer : » Holz - Holz ! « Die Bewegungen der Spielenden hatten keinerlei Heftigkeit ; kein Laufen oder Springen , vielmehr - besonders bei den Herren - eine behäbige , sich wiegende Nachlässigkeit . Martha , die etwas abseits von den anderen saß , hielt ein Zeitungsblatt in Händen ; sie las aber nicht , sondern verfolgte mit den Blicken die anmutigen Gestalten ihrer Kinder . Mit Sylvias Verlobung hatte sie sich nunmehr ausgesöhnt . Täglich wiederholte ihr das junge Mädchen , daß sie sich vollkommen glücklich fühle . Mitunter stiegen ihr zwar dennoch Zweifel auf ; vieles in ihres künftigen Schwiegersohnes Wesen und Äußerungen wirkte auf ihre Nerven - wie etwa das Ausgleiten einer Messerschneide auf einem Porzellanteller , oder das Kratzen spitzer Fingernägel an einer Seidentapete , aber solche Regungen verjagte sie rasch . Beatrix und ihre Mutter saßen nebeneinander , in eifriges Kleinkinder-Gespräch vertieft . Die Existenz des neuen Insassen und Erben von Brunnhof war für seine junge Mutter die wunderbarste - und für seine Großmutter die wichtigste Erscheinung der Umwelt . Die vier Herren , Oberst von Schrauffen , Minister » Allerdings « , Pater Protus und Doktor Bresser unterhielten sich untereinander . » Von dem Spiel verstehe ich nichts , « sagte der Pfarrer . » Es sieht gar nicht lebhaft aus - sehen Sie nur , wie wenig heftig die Bewegungen sind , kein Laufen , kein Springen - im Gegenteil ... besonders die Herren - so was Behäbiges , Wiegendes , Nachlässiges . Aber ämüsieren müssen sich die Herrschaften doch dabei , sonst würden sie ' s nicht so hartnäckig betreiben - wo jetzt das Tennis einreißt , da wird täglich zur Rakete gegriffen , als ob damit eine wichtige Pflicht abzutun wäre . Mir ist leid um die gemütlichen Kegelpartien , die nun überall abkommen . « » So ist die Welt , hochwürdiger Herr - alles alte wird von neuem verdrängt . « Der Pfarrer schüttelte den Kopf . » Nur unter neuerungssüchtigen Menschen , Herr Doktor - sehen Sie sich einmal die Natur an : immer wieder die gleichen Bäume , dieselben Berge - « » O nein , nicht dieselben , « rief der Doktor . » Die Veränderungen in der Natur gehen nur langsam vor sich - sodaß man sie nicht wahrnimmt ; aber meinen Sie nicht , daß seit der Tertiärzeit die hiesige Gegend viel größere Wandlungen durchgemacht hat , als die von der Kegelbahn zum Tennisplatz ? « » Allerdings , « bestätigte der Minister . » Die größten und häufigsten Wandlungen sind aber schon in unserer Politik zu konstatieren . Da läßt sich schon gar nicht , trotz der nimmer nachlassenden Anstrengungen der Konservativen , die geringste Stabilität erzielen ... Ad vocem Politik : wissen die Herren , daß unser Rudolf sich um ein Mandat im Abgeordnetenhause bewirbt ? « » Ich weiß es , « sagte Doktor Bresser . » Die Baronin Tilling ist entzückt darüber . « » Einerseits begreife ich das , « versetzte der Minister , » Mütter freuen sich immer , wenn sich ihre Söhne im öffentlichen Leben hervortun wollen - andererseits bringt die Abgeordneten-Laufbahn viel Verdruß und Schwierigkeiten . « Der Oberst zuckte die Achseln : » Ach was , Schwierigkeiten ! Mit Rudolfs Namen und Verbindungen ... Da wird ' s ihm nicht fehlen , zu irgend einem angesehenen Posten zu gelangen - zuerst ein paar Jahre im Parlament - dann irgend ein Portefeuille - « » Ich kann mir nicht recht vorstellen , « sagte Pater Protus , » welche Rolle Graf Rudolf in der Politik spielen wird . Seinem Range nach müßte er sich der konservativen Partei anschließen - « » Allerdings , « nickte der Minister . » - Wie ich ihn aber kenne , neigt er zu den Liberalen , um nicht zu sagen - Radikalen . « » Jedenfalls ist seine Gesinnung nicht ganz geheuer , « sagte der Oberst , » ich kann die antimilitärische Rede nicht verschmerzen , die er beim Tauffest seines Erben gehalten hat , wobei Sie , Herr Doktor , ihn noch unterstützten ... wenn ich mich recht erinnere , so haben Sie für Verweigerung der Heereskosten plaidiert . Wenn Rudolf in dieser Richtung auftreten sollte - « Der Minister machte eine beschwichtigende Handbewegung : » Seien Sie ruhig - wem Gott das Amt gibt - gibt er auch den Verstand . Das heißt mit anderen Worten : wenn man in eine gewisse Stellung gelangt - und in gewisse Kreise , so wird man von den Obliegenheiten dieser Stellung und dem Geist dieser Kreise unwillkürlich so durchdrungen , daß die alten Ideen und Neigungen wie Nebel zerrinnen und man tut und wirkt , was der neue Posten erheischt . « » Es sei denn , « entgegnete Bresser , » daß man eine so starke Persönlichkeit ist , daß die Umgebung gezwungen wird , sich ihr anzupassen und nicht umgekehrt - « Die Spieler hatten ihre Partie beendet . Rudolf trat auf die Gruppe zu : » Wovon sprechen Sie so emsig , meine Herren ? « » Von Ihnen und Ihrer Reichsrats-Kandidatur - « » Da haben Sie wohl nicht viel Gutes gesagt , denn - mit Ausnahme Doktor Bressers vielleicht - stehen Sie alle auf ganz anderem politischen Standpunkt , als ich - « » Die Nüancen mögen allerdings verschieden sein , « sagte der Minister , » aber in der Grundfarbe , da sind doch ziemlich alle anständigen Leute übereinstimmend : verfassungstreu , kaisertreu , vaterlandstreu ... « » Treu , treu ... , « wiederholte Rudolf kopfschüttelnd . » Diese schöne Eigenschaft ist wohl dem Bestehenden gegenüber - wofern es gut ist - sehr angebracht . Was soll aber derjenige sein , der dem Werdenden dienen will ? « Besser antwortete : » Der muß kühn sein . « » Ja , « sagte Rudolf , » und doch auch treu . Sich selber treu . « Sylvia und Delnitzky gingen nebeneinander in einer der Parkalleen auf und nieder ; den anderen in Sicht , aber außer Gehörweite . In den sechs Wochen , die seit der Verlobung verstrichen waren , hatte das junge Mädchen sehr verschiedene Stimmungen durchgemacht . Der taumelnde Glücksrausch jenes Abends , an dem sie den ersten Kuß und ihr Jawort gegeben , hatte sich nicht wiederholt , - nur erinnern konnte sie sich an das , was sie damals empfunden , ohne es jedoch wieder zu empfinden . Es kann eben keine zwei ersten Küsse geben , und keine zwei Augenblicke , in welchen man einen bestimmten , lebensentscheidenden Entschluß faßt . Es war ihr sogar manchmal geschehen , daß ihr Liebensgefühl erlahmte . Auch ihr war , wie ihrer Mutter , manches , was Delnitzky sagte oder wie er es sagte , an die Nerven gegangen . Aber das dauerte nicht länger als eine Minute , die nächste Minute brachte ihr wieder das Bewußtsein , daß sie eine liebende , glückliche Braut sei . Einige Schritte waren sie schweigend einhergegangen . Delnitzky sprach zuerst : » Wie schön , wie schön Du bist ! « Das » Du « war nur dem Tete-a-tete vorbehalten . Unter Leuten sagten sich die Verlobten » Sie « . Und gerade das machte aus dem Du eine Art Liebkosung . » So gefällst Du mir noch viel besser als im Sommerkleid - und beim Ballspiel finde ich Dich noch graziöser als beim Tanzen . « In ihrem fußfreien weißen Piquékleidchen mit Ledergürtel um die geschmeidige , nicht zu dünne Taille ; mit den absatzlosen , gelben Schuhen an den schmalen Füßen ; mit dem einfachen Matrosenhut auf dem kastanienbraunen Haar , das in einer festen Flechte auf den Hinterkopf gesteckt war und auf welches die Sonne bronzefarbene Lichter setzte - bot Sylvia in der Tat ein frisches , liebreizendes Bild . Das jugendliche Gesichtchen mit dem feinen Profil war wie in Glanz getaucht ; rosige Glut auf den Wangen , dunkelrote Glut auf den Lippen , schwarzes Funkeln in den Augen , weißblitzendes Lächeln ; wohl konnte der beglückte Bräutigam in den Ruf ausbrechen : » Wie schön Du bist ! « » Findest Du ? Und ist Dir mein Hübschsein das Liebste an mir ? « » Alles ist mir lieb an Dir ... Bist ein Kreuzmädel ... voll Rasse - ohne Faxen ... « Über Sylvias Gesicht huschte eine Wolke . Das war wieder eine jener Äußerungen , die sie ärgerlich berührten . Sie blieb stumm . Delnitzky fuhr fort : » Mir ist nichts zuwid ' rer als affektierte oder kokette Manieren oder gar Blaustrumpf-Fexereien . Du bist einfach , natürlich ... zwar auch mörderisch g ' scheit - kehrst es aber nicht protzig heraus ... Vor Deinem G ' scheitsein habe ich mich anfänglich ein bissel g ' fürchtet ... Du hast so den Ruf , daß Du allerlei ernste Sachen studierst und mit Deiner Mama und dem Rudi stundenlang gelehrte Bücher liest . Aber ' s war nicht so schlimm ... ich hab ' Dich nie ' was Pedantisches reden g ' hört . « » Bis jetzt , mein lieber Toni , haben wir eigentlich nur im Ballsaal verkehrt , da konnte ich natürlich keine pedantischen Unterhaltungen einleiten ... und seit wir verlobt sind , sprechen wir fast immer von unserer Liebe - auch dieses Thema läßt nichts pedantisches zu ... Aber Du mußt Dich doch darauf gefaßt machen , daß ich in der Tat darauf rechne , wenn wir einmal verheiratet sind - « » Über Schoppenhauer und Nietzsche oder gar über die Geschichte der Konzilien mit mir zu konversieren ? Da danke ich - « » Die beiden Denker , die Du meinst , so tief und wunderbar ihre Sprache ist , gehören nicht zu meinen Lieblingen - « » Hast Du sie denn überhaupt gelesen ? « » Du etwa nicht ? « - Anton verneinte mit dem Kopfe - » und was die Konzilien betrifft , so habe ich von deren Geschichte nicht viel gehört - « » Ich schon . Du weißt , ich war zwei Jahre in Kalksburg , bei die Jesuiten - « » Bei den Jesuiten . « Toni zuckte ungeduldig mit den Achseln . » No ja , pardon , bei den Jesuiten - und da wird alles , was Kirchengeschichte ist , gar genau studiert . Länger als zwei Jahr hab ' ich ' s übrigens dort nicht ausgehalten - aus mir wär ' doch nie der richtige Jesuitenzögling geworden . « » Gottlob . Was ich aber sagen wollte : ich rechne darauf , daß wir in inniger geistiger Gemeinschaft sein werden - daß wir miteinander über alles reden , was wir bewundern - was wir bestaunen von den Mysterien , die - « » Ich staune über das Mysterium Deiner Schönheit - « - « Jetzt zuckte sie mit den Achseln . » Schon wieder ? « » Bist Du bös , wenn ich Dich bewundere - wenn ich verrückt werde durch Deinen Reiz ? « Nein , darüber war sie nicht böse ; aber daß er nichts anderes zu sagen wußte , das begann ihr ein gewisses Grauen einzuflößen . Er drückte ihren Arm fest an sich und beugte sich zu ihr nieder , indem er seine brennenden Augen tief in die ihrigen senkte - eine Art zu blicken , die sie mit süßem Schauer durchrieselte . In der Tat , was in der Welt konnte neben solchem Mysterium noch bestehen ? ... Sie schwiegen nun beide . In der schwülen Luft erhob sich ein leiser Regengeruch . Die » sonderbare « Beleuchtung wurde immer unnatürlicher ; nicht wie Gras lag es auf den Rasenflächen , sondern wie grünes Metall . Ein fernes Donnergrollen wurde vernehmbar . » Kinder , Kinder ! « riefen die anderen , » es kommt ein Gewitter - gehen wir hinein ... « Wenn etwas Sylvias Empfindung - halb Lust , halb Bangen - noch erhöhen konnte , so war es die Aussicht , daß jetzt ein tüchtiges Unwetter losbrechen werde : prasselnder Regen , grelle Blitze , Donnerschläge : darnach sehnte - und darauf fürchtete sie sich . Und richtig , kaum verstrichen noch einige erwartungsvolle Minuten , so fing ein pfeifender Wind an , die Baumäste zu biegen und Wirbel von Staub und Blättern durch die Luft zu jagen ; dicke , warme Tropfen fielen herab ; die gelbgrüne Beleuchtung wich einer plötzlich heranbrechenden Dunkelheit ; schwarze Wolkenmassen wälzten sich heran und hingen tief zur Erde herab . Ein blendender Blitz zeichnete eine feurige Zackenlinie vom Zenith bis zum Boden und gleich darauf knatterte eine heftige Donnersalve - es mußte in der Nähe eingeschlagen haben . Die ganze Gesellschaft stürzte , so schnell sie konnte , dem Schlosse zu . Die Verlobten waren etwas weiter entfernt und sie mußten ihre Schritte noch mehr beschleunigen , wollten sie rechtzeitig unter Dach kommen . Hugo Bresser , einen Schirm in der Hand , eilte ihnen entgegen . Jetzt kam ein förmlicher Wolkenbruch herabgeschüttet . Da begann Sylvia zu laufen ; als sie nur mehr einen Schritt von Hugo entfernt war , stolperte sie über einen Stein und fiel . Der junge Mann fing sie noch rechtzeitig in seinen Armen auf . Er umschlang sie fest . Mitten in dieser elektrizitätsgeladenen Atmosphäre , in diesem Sturm der losgelassenen Elemente pochte es auch wild in seinen Adern . Und seine langverhaltene Leidenschaft entlud sich in diesem einen Augenblick , da der Zufall ihm das angebetete Mädchen in die Arme warf und - er konnte nicht anders - er drückte sie ans Herz . Dabei lag in seinem ganzen Gesichtsausdruck das deutlichste Geständnis glühender Liebe . Auch Sylvia war unter dem Bann der stürmischen Minute : diese plötzlich geoffenbarte Leidenschaft glich ja auch einem Blitzstrahl ... Sie empfand keinen Groll ; was sie empfand , war vielmehr der Rückschlag desselben elektrischen Stromes , der das Herz durchzuckte , an dem sie lag . Nur drei Sekunden lang . Schon war Delnitzky herbeigesprungen und befreite sie . Er hatte von dem Vorfall weiter nichts gesehen , als das Ausgleiten ihres Fußes und die zufällig gebotene Hilfe . » Sie haben sich doch nicht weh getan ? « fragte er besorgt . Sylvia atmete schwer und tief auf . » Nein , nein - nichts , nichts « stammelte sie und schloß die Augen . V An diesem Abend blieb Sylvia nicht im Salon . Gleich nach dem Diner , bei dem sie die Schüsseln beinahe unberührt vorübergehen ließ , zog sie sich , heftigen Kopfschmerz vorschützend , auf ihr Zimmer zurück . Sie wollte beichten . Zuerst ihr Gewissen erforschen und dann Beichte ablegen - sich selber . Und sich wahrscheinlich eine Buße diktieren - denn die Sünde , die sie in der bevorstehenden Gewissenserforschung zu finden fürchtete , verdiente nicht - ohneweiteres - die eigene Absolution . Bei Tische hatte die Unterhaltung einmal einen höheren Ton angeschlagen als gewöhnlich . Rudolf und Hugo , die einander gegenüber saßen , waren in ein Wortgefecht geraten , das bald so lebhaft wurde , daß alle anderen Gespräche verstummten und die ganze Gesellschaft den beiden jungen Männern lauschte : » - - Und ich sage , lieber Bresser , das höchste ist die Tat . « » Ich bleibe dabei , Graf Rudi , als Höchstes thront der Gedanke , schon deshalb , weil er einsam sein kann - in Gletscherhöhen schweben . Ich weiß in der Geschichte keine sogenannte Tat , durch die die Menschheit bereichert und geadelt worden wäre - das ist immer nur das Werk großer Gedanken gewesen . « » Die erste Stufe kann doch nicht höher stehen , als die nächste . Zuerst denkt - dann handelt man . Das Wort muß Fleisch werden , die Idee muß eine Form beseelen . Das Gedachte muß sich bejahen , durchsetzen , muß geschehen , muß - mit einem Wort - getan werden ; entschlossen , kräftig , wuchtig getan . « » Diese Worte passen auf Faustschläge , auf Gewaltakte überhaupt . Es wundert mich , daß gerade Sie , der Friedensanwalt , so sprechen . « » Eben weil ich Anwalt einer Idee bin , lechze ich darnach , daß sie sich in Taten umsetze , in Institutionen verkörpere . « » Das geschieht von selber , wenn die Idee erst mächtig genug geworden . Eine Institution ist nicht lebensfähig , wenn sie vorzeitig erzwungen wird ... Was verstehen Sie übrigens unter Institutionen ? Gesetze ? Verfassungen ? Politische Formen ? Anstalten und Körperschaften ? Wie ist das alles so nebensächlich , so unwichtig gegen das Reich des Geistes ... des täglich wachsenden , immer lichtere Höhen erklimmenden Menschengeistes ... « » In wie wenig Köpfen ! « ... » Die vielen folgen langsam nach . « » Die folgen nur dem sichtbar - also dem tatgewordenen Gedanken - « » Übrigens : - noch wertvoller als Handeln und als Denken ist das Gefühl . Gefühl ist der Gipfelpunkt des Lebens ... Ist auch der Regulator , all der sogenannten Institutionen : Das Gefühl , nicht das besonnene Urteil der Massen , kann als Gradmesser der Kultur gelten . Nur im Bereiche des Gefühls entfalten sich die reichsten Blüten der Seele : das Mitleid , die Begeisterung , die Andacht , und die Krone alles Seins - die Liebe . Aus dem Gefühle strömt die Schöpferkraft des Künstlers und flammt die Lust des Kunstgenießens ... Auch des Naturgenusses ; nicht was wir an der Rose riechen ist , was uns entzückt , sondern was wir beim Einatmen ihres Duftes mit allerlei verketteten Vorstellungen und Erinnerungen fühlen ; was wir an Akkorden und Tonfolgen hören , ist Lärm , erst was wir daraus fühlen , ist Musik - - « » Was der für geschwollenes Zeug redet , « flüsterte Delnitzky seiner Braut zu . » Paß nicht auf , reden wir lieber von - « Sylvia machte eine abwehrende Handbewegung , kehrte sich noch mehr von ihrem Nachbar weg und blickte mit gespannter Miene auf den Sprecher . Dieser fuhr fort : » Durch das Gefühlte - Inspiration , Ahnung , Leidenschaft - wächst man über sich selbst hinaus . Augenblicke , in denen der Mensch zum Gotte wird - es sind nur Augenblicke , nicht Tage , nicht einmal Stunden - sind Augenblicke überströmenden Gefühls ... ... Der Dichter , der Seher , der Liebende weiß , was solche Augenblicke sind . ... Wer sie erlebt hat , ist geweiht - der gäbe die Erinnerung daran nicht um schwere Schätze her ... Einer solchen Erinnerung - « Hugo nahm sein Glas zur Hand und stand auf - » ich besitze sie erst seit heute - trinke ich nun zu , und wer einen Augenblick erlebt hat , der ihn über alles Irdische erhoben , stoße mit mir an ! « » Mit anderen Worten , « sagte Oberst von Schrauffen , der neben Hugo saß und Bescheid tat , » unsere schönen Erinnerungen hoch ! « Damit war der etwas überspannte Ausfall des jungen Schriftstellers auf ein allgemein verständliches Niveau gebracht und die Gläser klirrten : » Unsere Erinnerungen hoch ! « hieß es um die ganze Tafelrunde . Delnitzky fand ein für einen Bräutigam glückliches Wort : » Höher noch unsere schönen Erwartungen ! « Sylvia hatte Hugo zugetrunken - auf den Toast Antons gab sie nicht Bescheid . Als sie in den Salon gingen , fragte Delnitzky seine Braut , die er am Arm führte : » Warum hast Du vorhin nicht mit mir angestoßen ? « » Laß mich , « antwortete Sylvia in nervösem Tone , - » ich habe Kopfweh . « Und dieses Kopfweh ward ihr zum Vorwand , sich ohne Verzug zurückzuziehen . In ihrem Zimmer angelangt , war ihr erstes , die Fenster aufzureißen . Vorsichtshalber war von der Dienerschaft , als das Gewitter losging , alles verschlossen worden , aber jetzt war das Unwetter vorbei und Sylvia lechzte nach Luft . Die Sonne war schon untergegangen , aber noch war es Tag . Abgekühlt , regenfeucht , schwer duftend strömte die Luft herein . Von den Bäumen und Büschen tropfte es noch herab ; am Horizont , bald hier , bald dort , flammte es wetterleuchtend auf - ein förmliches Lichtgeknatter ... Sylvia ließ sich ein paar Minuten von den fächelnden Lüften die heiße Stirne kühlen , dann ging sie zur Tür und schob den Riegel vor . Es wäre ihr unangenehm gewesen , wenn jetzt ihre Mutter hereingekommen wäre . Wollte sie vielleicht nachsehen und fände die Tür verschlossen , so werde sie in der Idee , Sylvia schlafe , wieder fortgehen . Das junge Mädchen warf sich in die Chaiselongue und schloß die Augen : Also jetzt : die Beichte - - ... Ich bin schuldig ... Flatterhaft - und - - wie soll ich ' s nur nennen ? wie ? einfach beim Namen , im Beichtstuhl lügt man nicht - beschönigt man nicht : - sinnlich bin ich . Meine Liebe zu Toni , die ja erst unter seinem ersten Kuß so mächtig aufgeflammt - ist es überhaupt Liebe ? Eigentlich nein , da er mir jetzt so oft mißfällt - da so vieles , was er mir sagt , mich wie mit einem kalten Wasserstrahl berührt ... Und dasselbe , was ich - bei jenem ersten Kuß - in Tonis Armen empfand , es hat mich heute - und noch viel heftiger - durchzuckt , als Hugo Bresser - - Hugo liebt mich ... das habe ich deutlich gefühlt ... Er hat es ja auch gesagt : der Augenblick , der ihn zum Gott gemacht - den hat er erst heute erlebt ... Das war der Augenblick , in dem er mich - die nicht Widerstrebende ! - ans Herz gedrückt ... Ich habe ihm zugetrunken ... sagte ich damit nicht : » Ich verstehe Dich ? « Was wird er jetzt hoffen dürfen und was werde ich fürchten müssen ? ... Es wurde an der Türklinke gerüttelt . » Ich bin ' s , mein Kind ... Hast Du Dich niedergelegt ? « Sylvia schwankte . Sollte sie der Mutter öffnen ? Sollte sie dieser bewährten Freundin gestehen , was in ihrem Innern vorging ? Ach , wußte sie es denn selber ? ... Nein - zuvor mußte sie mit sich ins Klare kommen . Sie gab keine Antwort und Martha entfernte sich wieder . Jetzt schloß Sylvia das Fenster , ließ die Vorhänge herab und machte Licht . Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und nahm die darauf stehende Photographie Delnitzkys in die Hand . Lange betrachtete sie das Bild . Dabei stiegen ihr Erinnerungen an die zärtlichkeits- und glücksvollen Gefühle auf , die sie noch vor Kurzem bei Anblick dieser Züge erfüllten ... das ist doch Liebe - - Gleich darauf aber regte sich der Zweifel : ... Ist denn aber auch eine solche Liebe , wie ich sie jetzt durchschaut habe , meiner wert ? ... und ist nicht sogar diese im Schwinden begriffen , da ein anderer imstande war , einen Augenblick in mir gleiche Regungen zu wecken ? ... Und da ich erkannte , wie dieser andere in seinem Denken und Fühlen über den Verlobten hinausragte ? Welcher Schwung in Hugo Bressers Worten , und Toni nannte das » geschwollenes Zeug « . Nun ja , im Grunde ... es klang etwas exaltiert - und wer weiß , ob es aufrichtig war - ob es nicht galt , mich zu faszinieren - eine Art gesprochene Fortsetzung der kühnen Umarmung im Garten ? ... Vielleicht war auch nur das Gewitter daran schuld , daß ich in jenem Augenblick wie unter einem elektrischen Schlag erbebte ... ich liebe ja diesen Herrn Bresser nicht - mein Herz hab ' ich dem Toni geschenkt ... Mein Herz ? Oder ist ' s - - ? Gleichviel : ich bin ja , wie jedes junge Menschenkind , ein Ding von Seele und Leib - mit warmem Blut ... Aber die Ehe - mein Gott , die Ehe ... dieses lebenslängliche Einssein ... wenn da die Seele zu kurz kommt ? ... Und da hilft kein Leugnen : in der letzten Zeit haben hundert Dinge , die ich an Toni entdeckt oder die ich an ihm vermißt habe , meine Liebe momentan wie ausgelöscht - freilich entbrannte sie dann von neuem ... Wenn aber die Augenblicke des Verlöschens immer häufiger und immer länger werden ? ... Noch wäre es Zeit , zurückzutreten - - - Jetzt malte sie sich diese Alternative aus : die abgebrochene Verlobung . War das nicht Pflicht , wenn auch schmerzliche Pflicht - denn der Gedanke tat ihr weh ... Doch , war sie es nicht ihrer und auch seiner Zukunft schuldig , einen Bund zu lösen , der - wie es sich nun zeigte - nicht auf zweifel- und reueloser Gesinnung ruhte ? ... Mit raschem Entschluß öffnete sie ihre Mappe , um einen Abschiedsbrief zu schreiben . In der Mappe lag ein Zettelchen , das einst zwischen die Blumen des ersten Brautbuketts gesteckt war , das sie von Delnitzky bekommen . An das Zettelchen hatte sie nicht mehr gedacht und sie schob es jetzt beiseite , um einen Briefbogen hinzulegen . Dabei streifte ihr Blick den Inhalt - den hatte sie auch vergessen gehabt : » Mein Glück über das erhaltene Ja ist so groß , daß es kein Maß dafür gibt . Nur etwas hätte noch größer sein können : meine Verzweiflung , wenn es nein geheißen hätte . « Die Worte drangen in Sylvias Innere wie ein flehender Schrei : Um Gotteswillen , laß von Deiner Absicht ab - stürze mich nicht in Verzweiflung ! Sie malte sich nun den Schmerz aus , den sie daran war , dem geliebten - ja dennoch geliebten - Manne zuzufügen . Daran knüpfte sich noch eine ganze Kette anderer peinlicher Vorstellungen : das ärgerniserregende Aufsehen , das eine zurückgehende Verlobung erregen würde ; die Kränkung ihrer Mutter , der Tadel Rudolfs , die Vorwürfe der anderen und - was schlimmer war als alles übrige - der Triumph Hugo Bressers , der mit diesem ihrem Entschluß Auslegungen und Hoffnungen verbinden könnte , die ganz falsch wären . Ganz falsch . Ob sie nun mit dem Bräutigam brechen würde oder nicht , ihrer Würde war sie es