- in Windhosen - selig dahin - wobei sie oft riesig rasch um sich selber gedreht werden . Dem Kaidôh stockt beinahe der Atem . Der Weltendurchflieger weiss gar nicht mehr , wo er ist . Unter sich sieht er eine grosse , dunkelgrüne Fläche , die er für eine Wiese hält . Es ist aber , wie Liwûna erklärt , keine Wiese - sondern ein grosses , herrliches Meer , in dem ungezählte Billionen von Smaragdsternen das Wasser bilden . Und aus dem sogenannten Meere ragen braune und türkisblaue Korallengebirge heraus . Das sind aber , wie Liwûna wieder erklärt , keine Gebirge - sondern Sternriesen , die wahrscheinlich baden . Das Donnern hört sich wie die Brandung des Smaragdmeeres an , und die Blitze zucken wie Phosphorwolken - so schnell folgen sich die einzelnen Blitze . Das Schiessen der Sturmmaschine will auch kein Ende nehmen . Aber die Lüfte werden doch allmählich ruhiger ; es geht ja so rasend schnell vorwärts . Die Beiden steigen höher und höher wie Luftballons im Orkane , so dass das grüne Meer unten nach einer guten Weile nur noch wie ein zarter Schleier schimmert . Und dann erblicken sie eine weite Pforte aus blauen Saphiren . Sie sehen vor sich nur die blaue Pforte , als ginge sie von einem Ende der Welt zum andern - sie bildet einen grossen Bogen ; die Saphire sind ebenfalls Sternwelten . Und sie fliegen durch die Pforte durch und in ein grosses Säulenreich hinein . Die Säulen sind so umfangreich , dass die Beiden lange fliegen müssen , um an einer Säule vorbeizukommen . Die Säulen sind alle aus einem festen Stück gearbeitet und sind nicht wieder bewegliche Sterne . Aber die Sterne fehlen auch hier nicht ganz ; an vielen Stellen befinden sich die Sterne auf der Rinde der Säulen - sitzen da so drauf wie Pilze auf altem Holz - wie Schimmel . Die Säulen sind gelb und leuchten , obgleich sie nicht glänzen und auch nicht durchsichtig sind . » Wir sind , « sagt Liwûna leise , » in den Vorhallen der Riesentempel . « » Haben die Riesen , « fragt Kaidôh , » auch Tempel ? Wozu haben sie die Tempel ? « Liwûna antwortet nicht , sie schweben schweigend neben dem blitzenden Sternschimmel weiter - langsam von einer gelben Säule zur andern . Es herrscht ein ziemlich dumpfes Dämmerlicht im grossen Säulenreich ; das Säulenlicht ist nicht sehr stark . Leise sagt die grosse Liwûna : » Du wolltest grössere Welten sehen . Waren dir nun die Welten , die ich dir zeigte , gross genug ? « Und Kaidôh erwidert feierlich : » Das waren sie . « » Aber , « fährt Liwûna fort , » deine Antwort klingt so , als wenn du mit einem neuen Aber weiter sprechen wolltest . Hast du das , was du suchtest , immer noch nicht gefunden ? « Kaidôh schweigt lange , und Liwûna unterbricht das Schweigen mit diesen Worten : » Lieber Kaidôh , du bist still , und dein Stillsein ist so beredt . Das Grosse allein macht es auch noch nicht - das willst du sagen . Ich verstehe dich , und ich freue mich , dass du immer noch suchst . « Kaidôh versteht ihre Freude nicht und fragt müde : » Was soll ich denn thun ? « Da sagt sie : » Du musst dir einen Schmerz bereiten : steige noch einmal hinab in die Abgründe deiner Vergangenheit . Denk an einen Kugelstern , der sich immer drehte und dir gar nicht gefallen wollte , da er nur einen einzigen Mond als Begleiter neben sich hatte . Du warst auf dem Stern anfangs ein Kind und noch nicht so gross wie jetzt - lange nicht so gross . Erinnerst du dich da vielleicht an einen roten Dornbusch , der vor einem alten Fenster blühte ? Die roten Blüten dufteten dir oft wie Marzipan . Weisst du das noch ? « Kaidôh denkt nach und schüttelt den Kopf ; zwar thut ers nicht , doch ist ihm so , als thäte ers . Liwûna fährt fort : » Du hast so vieles vergessen . Man möchte beinahe glauben : Leben sei Vergessen . Aber ich weiss , du erinnerst dich trotzdem an den roten Dornbusch ; hinter dem Fenster , in das er hineinblühte , stand eine alte Kommode aus Eichenholz mit zwei grossen , schwarzen Knöpfen zum Aufziehen der mittleren Schublade - weisst du noch ? Perlmutter sass an den Knöpfen . Und neben der Kommode knietest du öfters . « Die Sanftredende hält inne , und Kaidôh stösst rauh hervor : » Jetzt soll ich mich in diesen riesigen Säulenhallen an alte Kommoden mit grossen , schwarzen Knöpfen erinnern ! Nun ja ! Ich erinnere mich ganz deutlich ! « » Warum bist du so grimmig ? « versetzt die Liwûna , » neben der Kommode warst du doch nie so grimmig . Du fühltest dich dort einem Heilande nahe , und es wurde zu Zeiten alles in dir still . Den Heiland hast du bald vergessen . Aber an die stillen Stunden vor dem roten Dornbusch hast du noch oft gedacht . Und du hast dich oft nach ähnlichen stillen Stunden gesehnt . Und die hast du nicht gefunden . Kaidôh ! Höre doch ! Weisst du nun , was du suchst ? « Kaidôh horcht hinein in die Tempelstille und hört das Echo seines Atems . Und dann hört er sich leise sagen : » Stille Stunden such ich ! Aber ich habe doch keinen Heiland mehr . « Hastig erwidert die Liwûna : » Du musst eben einen neuen Heiland haben . Du wolltest immer grössere Welten sehen , und auch die grössten waren dir am Ende nicht gross genug . Dein neuer Heiland muss also grösser sein als alles Denkbare , nicht war ? Und wer kann grösser als alles sein ? « » Nur der Geist , « antwortet Kaidôh , » der alles umschliesst - der alles selber ist - der Allgeist . « Ein leises Summen wie von Bienen geht an Kaidôhs Ohren vorüber , die gelben Tempelsäulen leuchten , und er fährt leise fort : » Sind das aber stille Stunden , wenn ich die Nähe des Allgeistes fühle - wenn ich mich in ihm fühle ? « Liwûna sagt nichts , er aber sagt laut : » Nein ! Das sind gewaltige Stunden . Ich glaube auch nicht , dass ich die stillen Stunden suche - ich suche die gewaltigen Stunden - in denen ich mich im Allgeist fühle - und den Allgeist in mir . « Liwûna sagt wiederum nichts . Und er fühlt plötzlich heisses Blut in seinen Adern , und ihm ist so , als ginge eine neue Kraft durch seine Sehnen , und er sieht schärfer gradaus , und er glaubt , dass jetzt ein andrer in ihm auflebe - der neue Heiland - der gewaltige Allgeist . » Eine gewaltige Stunde ! « Also schreit er laut auf . Und er will die Arme heben und Fäuste aus seinen Händen machen . Und er kann nicht die Arme heben , und er kann nicht Fäuste aus seinen Händen machen . » Deine Gliedmassen , « flüstert die Liwûna , » sind ja viel zu gross geworden . Du bemerktest wohl noch nicht , dass du vor der blauen Pforte noch ein gutes Stück gewachsen bist . Du brauchst jetzt sehr , sehr lange Zeit zu jeder Bewegung . « Er murmelt : » Das also nennt man Grösse ! « Er sieht scharf gradaus durch zwei gelbe Säulen durch in die Finsternis . Und in der Finsternis bewegt sich was . Und aus dem Bewegten schlagen hellblaue Flammen heraus . Und die Flammen bilden flackernde Buchstaben . Und Kaidôh kann die Flammenschrift lesen , obgleich ihm die Schrift ganz unbekannt ist . Und er liest : » Bilde dir nicht zu viel ein ! Der Geist des Alls , der mehr als alles Grosse ist , flüstert auch in dir . Aber er flüstert nur sehr wenig . Und das Wenige kannst du nicht einmal verstehen . Wer gleich den ganzen Allgeist in sich zu fühlen glaubt , stellt sich das Gewaltige allzu einfach vor ; man könnte lächeln und lachen . Du kannst nur langsam fühlen , dass ein Allgeist da ist - mehr kannst du nicht . Sei still ! « Und die Schrift erlischt . Und die Liwûna schwebt neben Kaidôh vorbei und aufwärts . Und er sieht gewaltige Goldgebirge , in deren Thälern nur noch wenige Schneesterne schimmern - wie weisse Farbenreste . Die Goldgebirge sind Liwûnas Gewänder . Kaidôh steigt auch höher - und sieht in Liwûnas Antlitz - wie in eine grosse , bunte Landschaft - und in der funkeln zwei Augen ihn an - wie lichtbraune Sonnen aus Topasen . Und Liwûnas gewaltiger Mund öffnet sich . Und sie sagt , während es über die weiten Gefilde ihres Gesichtes zuckt : » Du bist doch gar nicht ein bischen neugierig . Weisst du , wer ich bin ? Du hast noch nie danach gefragt . Hast du mich nicht verstanden ? Ich bin doch deine Sehnsucht . Ich bin deine Körper gewordene Sehnsucht - so viel wie ihr Spiegelbild . « » Daher , « giebt Kaidôh zurück , » bist du wohl so fabelhaft gross . Jetzt merke ich erst , wie mächtig mein Verlangen ist - wie rasend gross meine Gier wurde - meine Gier - nach dem Gewaltigsten . « Und er denkt , dass er über Liwûna lächeln könnte , doch er kanns nicht - die Gesichtsmuskeln gehorchen ihm ebenfalls nicht mehr - er ist ja so masslos gross geworden . Er sagt sich , dass wahrhaft grosse Riesen das Lachen gar nicht nötig haben . Und wenn man sich so was gesagt sein lässt , so ärgert man sich nicht mehr . Das hätte doch gar keinen Zweck . Liwûna schwebt wieder an Kaidôhs Seite und macht ihm Enthüllungen ; sie bietet ihm ein Spiegelbild von seiner Sehnsucht dar . Er glaubt , er verstehe das alles , und hat eine Empfindung , als könnte er Liwûna durch und durch durchschauen . Dabei lernt er sich endlich selber kennen - bildet sich das wenigstens ein - glaubt , dass er nur das Gewaltige gesucht habe und klammert sich an dieses Wort , als wärs sein neuer Heiland . Was doch so ' n Wort macht ! » Ich suche die gewaltige Stunde ! « Mit diesen Worten schwebt Kaidôh gradezu weiter und müht sich ab , allmählich die Finger zu krümmen - was schrecklich langsam von statten geht . Die Säulen sehen jetzt wolkig aus wie undurchsichtiger Bernstein , und blassrote Korallenketten , deren Glieder sehr unregelmässig sind , winden sich schraubenartig um die Bernstein-Säulen . » Liwûna , « ruft Kaidôh , » du weisst , was ich will . Warum erfüllst du nicht meinen Wunsch ? « Die riesige Liwûna sagt müde : » Diese Quälerei um des Gewaltigen willen ! Als wenns nicht überall genug der Wunder gäbe ! Als ob nur die schärfste Paprikatunke geniessbar wäre ! Es giebt doch noch sanftere Tunken ! O Kaidôh - deine nie gestillte Lustgier hat dich so überreizt , dass jetzt nur noch das Schärfste bei dir zieht . « Kaidôh wird furchtbar heftig - es hilft ihm aber nichts - alle seine Muskeln gehorchen ihm nicht . Sie fährt sanft fort : » Sollten dir vielleicht die stillen Stunden der grenzenlosen Gedankenlosigkeit helfen können ? Ja doch ! Auf einen Punkt starren und sich durch nichts ablenken lassen - macht auch schon mal selig . Weise die Geschichte nicht so leichthin von der Hand . Die unbeirrte Beschaulichkeit , die alles Denken nur als Stimmungshebel und Stimmungshobel aufkommen lässt , hat schon manchen Masslosen erlöst . Sehr heldenhaft sieht die Sache freilich nicht aus - aber sie erfüllt doch ihren Zweck . « Kaidôh wird noch wütender . » So hat mich noch keiner verhöhnt ! « brüllt er auf . Sie aber sagt freundlich : » Glaube mir nur : Kinder der Einsamkeit sind alle deine Wünsche . O Kaidôh - warum willst du bloss noch das Gewaltige ? « Kaidôhs Zorn verraucht . Der Riese sieht seine Liwûna neben sich schweben und weiss nicht , was er von ihren Worten halten soll . » Scherze nicht ! « spricht er feierlich , » Du weisst , dass ich nicht anders kann . Wenn du meine Sehnsucht bist , musst du mir eine gewaltige Stunde schaffen können . Ich verstehe nicht , warum der Weg zum Gewaltigen so schrecklich weit ist . « Sie schweben still zusammen weiter - immer zwischen den undurchsichtigen Bernsteinsäulen - die unzählig sind , wie die Tropfen eines Meeres . Und Liwûna sagt zögernd : » In den Stunden des Lebens , die wir gewaltig nennen könnten , glauben wir oftmals , nahe daran zu sein , alle Rätsel der Welt mit einem Blick zu durchschauen . Es geht wohl was Grosses mit uns vor . Eine geheimnisvolle Macht scheint uns mit fernen Sternen zu verbinden - und uns auch hinter alle Sterne zu führen - und wir nehmen gern an , dass wir mehr sind , als sonst . Viele fasten und beten und kasteien sich , um zu solchen gewaltigen Stunden zu gelangen . Und die bleiben vielen dennoch fremd . Man muss sich eben führen lassen wie Kaidôh und warten können . Wäre der Weg zum Gewaltigen so bequem , so hätten wir gar kein Recht von einem ' Gewaltigen ' zu reden - denn es würde bald was Alltägliches sein - und das Alltägliche ist nicht mehr gewaltig . Man muss sich also ruhig führen lassen von seiner Liwûna - eine Liwûna kann doch jeder haben - nicht wahr , mein lieber Kaidôh ? « Kaidôh empfindet so was wie Eifersucht , ihm kommt aber diese Empfindung gleich sehr lächerlich vor - er würde lachen - wenn er das noch könnte - er bemerkt in seiner Aufregung gar nicht , dass Liwûna nur von ihrer lieben Schwester sprach . Der stürmische Kaidôh will bloss noch mehr wissen - mehr von der gewaltigen Stunde , in der nach seiner Meinung der gewaltige Geist , der alles umschliesst , im Innern des Empfänglichen für ein paar Augenblicke auflebt und das ganze Dasein verändert . Die Liwûna sagt still : » Du sollst mehr wissen . Dazu habe ich dich hierher geführt . Es giebt hier im Tempel noch so manche Flammenschrift . Blick nur scharf gradaus - auf einen Punkt - dann wirst du schon was sehen . « Und Kaidôh thut unwillig , wie ihm geheissen wurde , und er sieht plötzlich eine Wand von rot glühendem Eisen . Und in dem rot glühenden Eisen entsteht eine Schrift aus flimmernden Opalen . Kaidôh kanns lesen und liest : » Es umrauscht dich ein wildes Meer , und tausend Stimmen schreien dir die Ohren voll , und du verstehst nicht , was sie sagen . Sie sagen , dass alles , was lebt , nur eines will : es soll nur wieder eine andere Seite des Daseins aufleuchten . Und das Dasein ist ein Brillant mit unzähligen Ecken und Kanten . Und alles , was lebt , steckt in den bunten Strahlen , die hinausleuchten in die tiefe Finsternis , in der alles , was lebt , aufflammen und vergehen soll . Es ist alles nur ein bunter Schein . « Und Kaidôh sagt scharf : » Es ist alles nur ein bunter Schein . « Und die Schrift erlischt , und die glühende Eisenwand fällt in die Tiefe . Und dicht vor Kaidôhs Gesicht entstehen hampelnde Gliederpuppen aus hellgrünem Chrysolith - die bilden auch Buchstaben in der Luft - und bald steht da vor der Finsternis in hellgrüner Schrift : » Wir möchten auch so gerne das Ganze umfassen , es ist nur so schwer . Wir denken daher in allem Ernste daran , uns mit einzelnen Teilen der Welt zu begnügen . Wir wissen allerdings , dass uns die Teile eines unendlichen Ganzen als solche ebenso unbegreiflich sind - wie dieses selbst . Indessen - du lieber Himmel ! Halten wir , was wir gerade haben - obs nun Teile sind oder nicht . Man hat so doch immer noch etwas - wenigstens scheinbar ! Es lebe die Kirsche ! « Und mit Geknatter zergeht das grüne Puppenvolk . Kaidôh bedauert , dass er nicht mehr lachen kann - was doch so lustig war . Und er blickt seiner Liwûna ins grosse Antlitz , und siehe ! - ihr springen plötzlich die Zähne aus dem Munde heraus und bilden auf den roten Lippen eine weisse Glanzschrift - die da sagt : » Du kannst aber den Grossen , der keinen Namen hat und viel grösser als alle Unendlichkeit ist , dennoch - fühlen . Es zuckt dir noch einmal eine Erkenntnis durch den ganzen Leib . Du wirst dann plötzlich nicht mehr hören und nicht mehr sehen wollen - denn du wirst zufrieden sein , als wenn du alles wüsstest . Und du wirst doch niemals sagen können , was du weisst und was du erkannt hast . Und es wird doch mehr als ein Traum sein . Und du wirst zufrieden bleiben - solange du dein Leben lebst . « Und Liwûna verschluckt ihre Zähne . Kaidôh sagt hastig : » So sollte es möglich sein ? Unser Leben könnte schliesslich nur aus gewaltigen Stunden bestehen ? Wenn das möglich ist , so soll es wirklich sein - ich wills ! « » Was schreist du so ! « bemerkt kalt die Liwûna , deren Zähne wieder an der richtigen Stelle sind , » glaubst du vielleicht , dass es sehr geistreich wäre , wenn in unserem Leben eine Stunde der andern ähneln würde - wie ein Ei dem andern ? Immer wieder neu und anders müssen alle Stunden sein - auch die gewaltigen Stunden . « » Dann , » versetzt Kaidôh barsch , » muss auch eine Stunde gewaltiger als die andere sein , und es muss eine gewaltigste geben . Und welche Stunde könnte nun die gewaltigste sein ? Doch nur die , in der das Einzelwesen mit dem Allwesen ganz und gar verbunden wird . Und die Stunde nennt man die Todesstund . « Liwûna fragt sanft : » Suchtest du den Tod ? « Kaidôh hört nicht mehr - sein ganzes Wesen leuchtet auf in einem Gedanken - er denkt sich mit dem Geiste , der Alles ist und keinen Namen braucht , für ewig vereint . Und alles , was den Kaidôh umgiebt , verliert jede Bedeutung für ihn - auch Liwûna verliert ihre Bedeutung für ihn . Und sie fliegen in einen grossen Saal , in dem so viele duftende Rauchwolken sanft emporwirbeln , dass die Beiden von den Wänden nichts gewahr werden . Sie sind in dem kleinen Saal des Schweigens , in dem jeder durch die duftenden Rauchwolken am Sprechen verhindert wird . Sie fliegen lange Zeit , und Kaidôh versucht wiederum eine Faust zu machen . Und nach langer Mühe gelingt es ihm , eine Faust zu machen - mit der rechten Hand - mit der linken gehts noch nicht . Kaidôh freut sich und fühlt sich dem Herzen des Alls ganz nahe und möchte sprechen . Er kann aber nicht sprechen - und fährt schweigend durch die Rauchwolken dahin wie ein Gewaltiger . Und Liwûna findet einen Ausweg aus dem Saale des Schweigens . Und sie schweben bald in freier Luft unter einer weiten Kuppel , die ganz aus Glas besteht . Kaidôh schreit : » Führe mich in den Tod . Ich will das Gewaligste . Ich will die Vereinigung mit dem Geiste , der alles ist . « » Was weisst du ; « versetzt die Liwûna , » von den gewaltigen Stunden des Lebens und des Sterbens ! « Und Kaidôh sieht seitwärts im dunkelvioletten Kuppelglase eine zitternde Schneeschrift - diese Worte : » Wir wissen über Geburt und Tod so viel wie gar nichts und reden doch davon . Das ist die Macht des Unbekannten , die uns zum Reden reizt . Wer aber über Dinge redet , die er nicht kennt , wird leicht zum Schwätzer . O , hütet euch vor dem salbadrigen Geschwätz - - wenns auch manchmal stürmisch klingt ! Ihr könnt so leicht da drinnen kleben bleiben - wie die Fliege im Fliegenleim . « Kaidôh will die Augenbrauen zusammenziehen und ein böses Gesicht machen ; er hat ja noch nicht geschwatzt . Während er ärgerlich sich abwendet und weiter möchte , schweben schaukelnde , bunte Laternen aus der Kuppelhöhe hernieder und bilden ein paar Beruhigungssätze . Kaidôh buchstabiert und liest : » Du brauchst keine Furcht vor dem Tode zu haben . Wer sich eins weiss mit dem Geiste des Alls , kann die Todesstunde nicht mehr fürchten , denn was sie auch bringen mag - sie bringt immer nur das , was der Geist , der alles ist , will . Das , was der Namenlose will , kann nicht unsre Sache sein . Wer sich , obschon er gar nichts weiss , mit dem Allgeist eins weiss , wird allzeit ganz ruhig sein - einverstanden mit allem , was geschieht . Todesfurcht kann nur der haben , der zu viel Freude an seiner Selbstherrlichkeit hatte . « Kaidôh schreit wütend : » Ich habe doch keine Furcht vor dem Tode ! Ich habe doch Sehnsucht nach dem Tode ! « Schauerlich hallen diese Wutworte durch die grossen bunten Glasgewölbe . Die bunten Laternen brechen klirrend entzwei und sinken in die Tiefe , die grau ist wie ein Wolkenbett . Hastig spricht Kaidôh zur Liwûna , deren Gesicht sehr rot wurde : » Warum höre ich kein klares Wort über die Todesstunde ? Warum nicht ? « » Gelieber , « entgegnet die Rote schnippisch , » was du bloss zu verlangen beliebst ! Man hätte viel zu thun , wenn man alle denkbaren Möglichkeiten , die beim Tode und nach dem Tode eintreten könnten , erörtern wollte . Und man würde doch nie zum Stande kommen . Eine Formel , mit der man alles lösen kann , findet man nicht - in der gewaltigen Welt . « Dem Kaidôh wird so traurig zu Mute . Er glaubt , dass man ihn absichtlich missversteht . Er möchte vor lauter Unruhe beinahe weinen - kanns aber nicht . Er ist ja viel zu gross zum Weinen . So schnell sind seine Thränendrüsen nicht in Bewegung zu versetzen . Es ist nur ein Wunder , dass er immer noch sprechen kann . » Du hörst nicht mehr auf mich ! « sagt er bitter . » Du hörst auch nicht mehr auf mich ! « sagt auch sie bitter . Und während sie weiterziehen , sehen sie sich die mächtigen Bogen der reichgegliederten Glaskuppel an von der sie natürlich nur ein kleines Stück sehen können , das keinen Begriff vom Ganzen erzeugt . Und schillernde Paradiesvögel setzen sich auf eine hohe türkisblaue Scheibe , und auch diese bunten kleinen Vögel , von denen Tausende da sind , bilden eine Schrift - in verschiedenen Absätzen . Der oberste Absatz lautet : » Mit dem Prophetentum ist die Sache immer man mau . Jeder Prophete wird so leicht zum Hallunken . Weil aber auch diese von den gewaltigsten Dingen sprechen , so soll man ja nicht glauben , dass alles Gewaltige bloss qualmender Mumpitz ist . Alles Ernste will auch sein Widerspiel in seinem Gegensatze haben . Und die Hallunken sind doch so - spassig . « Die Paradiesvögel zwitschern mächtig . Der unterste Absatz lautet : » Da das , was in der einen Gegend lebt , gleichzeitig immer noch wo anders lebt , müssen wir annehmen , dass alles Leben niemals im Einzelnen erstickt werden kann - es wird immer noch wo anders sein . « Kaidôh wendet sich wieder ärgerlich ab , da er nichts davon versteht doch die Liwûna spricht schnell : » Kaidôh , in der Mitte steht doch noch ein sehr wichtiger Absatz . « Da steht nämlich : » Die Sternriesen haben noch keinen ihrer Brüder sterben sehen und glauben nicht mehr , dass sie sterben könnten . Sie halten daher den Tod nur für eine Wesensverwandlung , die bei sehr unentwickelten Lebewesen eine Berechtigung hat . « Kaidôh staunt darüber und wird verwirrt . » Sagtest du nicht , « fragt er , » dass wir im Todestempel der Sternriesen seien ? « » Das kann ich , « erwidert sie , » nicht gesagt haben , denn bei den Sternriesen spielt der Tod gar keine Rolle . Die grossen Sternriesen verändern sich , ohne dabei gleich zu sterben . Die Inschriften , die du kennen gelernt hast , sind nicht für die Sternriesen . Wir befinden uns hier immer noch in den äussersten Vorhallen . Du würdest viele Sternjahre brauchen , wenn du dir von der Tempeleinrichtung , die sich in ungeheuren Tiefen befindet , ein ungefähres Bild machen wolltest . Das Sinnbildliche würde dir zudem ganz unfassbar bleiben . » Dann komm raus ! « sagt Kaidôh . Das geht aber nicht so geschwinde . Die Liwûna fliegt mit ihrem Kaidôh durch ein Perlkettenfenster in einen andern Saal . Und in dem ist die Kuppel so himmelhoch , dass Kaidôh müde wird bei dem Gedanken , da oben durch zu müssen . Es ist still und geheimnisvoll ringsum . In dem Saale sind nur ein paar Lichter sichtbar - das sind grosse Sterne , die an fernen Säulen leuchten . Die Säulen sind als solche gar nicht wahrzunehmen , da ihr Umfang viel zu gross ist . » Wir müssen immerzu emporsteigen ! « sagt leise die Liwûna . Und sie steigen immerzu empor . Ihnen ist so , als schwebten sie zwischen grossen dunklen Blasen in die Höhe . Die Blasen haben weichgebogene Lappenform ; goldbraune und dunkelviolette Wellen schwimmen auf der Blasenhaut hin und her - wie auf Seifenblasenhaut . Es ist ziemlich dunkel ringsum . An der einen Seite wirds aber immer heller , die Blasen verschwinden , und ein kirschrotes Licht leuchtet den Beiden ins Auge . Vor dem kirschroten Lichte , das in einem Nebensaale zu leuchten scheint , sehen sie eine lange Reihe von schwarzen Säulen , die wie Knochengerippe wirken und doch wieder Buchstaben sind . Da steht geschrieben in schwarzer Riesenschrift auf kirschrotem Lichtgrunde : » Glaube nicht , dass es immer gut ist , wenn du oft zur Besinnung kommst . Viele verlieren dadurch ihre ganze Kraft und ihr ganzes Lebensglück , selbst das Todesglück kann dabei in die Brüche gehen . « Kaidôh sagt kalt : » Diese Worte gehen mich gar nichts an . « Das Licht verschwindet , und die Schrift ist nicht mehr zu sehen . Die Beiden steigen höher , und abermals wird ein Nebensaal hell - der strahlt in citronengelbem Licht . Und schwarze Säulenlettern sagen davor : » Unsres Lebens Anfang und Ende ist uns verschleiert , dass wir glauben können , es gäbe Beides nicht . Unser Leben soll wohl ein Sinnbild der Unendlichkeit und Ewigkeit sein . Wir können unser Leben auch ein unaufhörliches Sterben nennen - wir werden immerzu was anderes . Wir sollen uns eben immer inniger ins Ganze einschmiegen . Und wenn wir das thun , wird unser Leben aus lauter gewaltigen Stunden bestehen . « Da geht ein Zittern durch Kaidôhs ganzen Körper , und er spricht leise wie zu sich selbst : » Ich aber will den Abschluss - ganz eins will ich sein mit dem Geiste , der alles ist . Und so muss ich den Tod wollen - den Tod , der keine weitere Veränderung hinter sich zulässt . « Mit einem krachenden Donnerschlag spritzt das citronengelbe Licht nach allen Seiten und verfliegt . Es wird ganz finster , und dabei geht ein wimmernder Luftzug durch die Gewölbe . Der Luftzug dreht den Kaidôh um sich selbst und reisst ihn rasend rasch empor - immer höher - immer höher - dass ihm der Atem stockt - dass er denkt , die letzte Stunde seines Lebens sei gekommen - dass er aufjauchzt - und nun des grossen Augenblicks harrt - und die Augen weit aufreisst - um sehen zu können - mit einem Blick - das ganze All . Und ein lilienweisses Licht springt auf und leuchtet auf allen Seiten . Und vor dem lilienweissen Licht steht in schwarzer Säulenschrift viele Male auf allen Seiten die grosse Frage : » Was ist die Unendlichkeit ? « Und darunter steht : » Kaum ein Finger des Unnennbaren . « Und Liwûna schwebt mit ihrem Kaidôh durch einen goldenen Sternzackenkranz , der eine runde Oeffnung der grossen Tempelkuppel umsäumt , ins Freie hinaus - in einen braunen Nachthimmel , der mit weissen , schmalen , ovalen Sternen übersäet ist . Draussen ist es kühl . Und Kaidôh fühlt , dass ein starker Arm seinen ganzen Körper wagerecht legt , sodass er nicht mehr die weissen Sterne sieht - sondern nur noch die Kuppeln . Die Liwûna neben ihm liegt auch wagerecht in der Luft mit dem Gesicht nach unten wie er . Und so schweben sie empor rückwärts - also dass sie immer mehr von den Kuppeln und Dächern der Sternriesentempel sehen . Die Beiden schwebten , während ihre Gewänder rauschten und knatterten , neben Türmen und Säulenhallen immer höher so schnell , als wenn die Beiden von Riesenmäulern , die oben Luft einsogen , hinaufgezogen würden . Und dann liegt das ganze Tempelreich in aller seiner Herrlichkeit unter ihnen . Kaidôh ist ganz berauscht von diesem gewaltigen Anblick . In der Mitte thront ein Kuppeldach , das einer goldenen Riesenperle gleicht