praenumerando gezahlt werden müssen . » Und darf ich nun ganz ergebenst um Jhre werte Adresse bitten , mein Fräulein ? « » Charlotte Weiss , Putzmacherin , Zimmerstrasse 15. « Während der junge Mann notierte , flog ein zufriedenes Lächeln über sein blasses Gesicht . » Also Nachbarn ? Da werden Fräulein doch recht oft zum Umtauschen kommen . Jeden Tag ist es gestattet , ein neues Buch zu entnehmen . « » So viel Zeit zum Lesen werde ich hoffentlich nicht haben « , erwiderte Lotte schüchtern . » Die Kundschaft ist wohl recht gross ? « » Leider nein . Aber ich bin auch erst seit zwei Monaten in Berlin , da kann man nicht allzu viel erwarten . « » Freilich nicht , bei der grossen Konkurrenz . « Er sah das hübsche junge Geschöpf mitleidig an . » Aber wenn ich das Fräulein vielleicht empfehlen dürfte ? « » Sie sind sehr gütig , Herr - « » Verzeihung , dass ich vergass , mich vorzustellen , mein Name ist Schmittlein , Gerhart Schmittlein . Ursprünglich verdorbener Schauspieler , jetzt Geschäftsführer meiner Tante Wohlgebrecht , Besitzerin dieses Ladens . Mein eigentlicher Beruf freilich , für den ich lebe und sterbe - « Ein lauter Anschlag der Klingel , die Ladenthür ging auf . Herrn Schmittleins Gesicht verfinsterte sich wieder , und Lotte blätterte angelegentlichst in den vor ihr liegenden Büchern . Sie wusste nicht , warum , aber es war ihr plötzlich furchtbar peinlich , hier gesehen zu werden , noch dazu von der Köchin ihres Wirtes , die ein Buch umzutauschen kam . Das Neueste von der Marlitt hatte die Frau beordert . Aber ja das Allerneueste . Während Herr Schmittlein mit einem spöttischen Lächeln nach Lektüre suchte , bemerkte das Mädchen Lotte . Die robuste Person machte nicht viel Umstände mit dem Fräulein aus dem Hinterhaus . Du lieber Jott , so ' n Wurm aus der Provinz , das für ne Mark und drunter garniert ! Einen Unterschied in der gesellschaftlichen Stellung zwischen ihnen beiden konnte sie nicht finden . » Na Freileinchen , wie stehts denn ? Krieg ' ich bis Sonntag mein ' neuen ? Wenn Sie mir in Stich lassen , sind wir jute Freunde jewesen . « Lotte konnte vor Verlegenheit und Scham kaum antworten . Für was musste Herr Schmittlein sie halten , wenn diese gewöhnliche Person in einem Ton wie zu ihresgleichen mit ihr sprach ? Gottlob schien er die Anrede der Köchin überhört zu haben . Wenigstens liess sein Gesicht nichts von einem üblen Eindruck merken . Mit einem freundlichen , ja förmlich tiefen Blick sah er sie an , als er sich jetzt umwendete und dem Mädchen ein Buch einhändigte . » Sagen Sie Ihrer Herrschaft , dass vom Jenseits keine Novitäten ausgeliefert würden , wenigstens bis dato nicht . Hier ist eine lebendige Marlitt , auch nicht schlechter als die tote . « Die Köchin sah ihn an , als ob er chaldäisch rede . Dann nahm sie das Buch unter den rotblauen bis zum Ellenbogen nackten Arm und warf die Thür laut hinter sich ins Schloss . Aber auch Lotte drängte es nun fort , trotz aller Anstrengungen , die Herr Schmittlein machte , um sie zu halten und das unterbrochene Gespräch wieder aufzunehmen . Das Buch lag eingewickelt vor ihr , sie hatte keinen Grund länger zu bleiben . Zu Haus erst bemerkte sie , dass Herr Schmittlein ausser dem Band moderner Novellen , den er ihr so warm empfohlen , noch einen dicken Band Gedichte eingewickelt hatte . Ohne auf Titelblatt oder Verfasser zu sehen , schlug Lotte das Buch bei dem vermutlich zufällig darin liegenden Zeichen auf . Das Gedicht , das durch einen dicken Bleistiftstrich am Rande noch besonders kenntlich gemacht war , sprach von einem sterbenden Mädchen , an dessen armseligem Lager die Mutter sehnlichst den Morgen erwartet . Die ersten Strophen kamen Lotte in ihrer jetzigen Stimmung besonders rührend vor . Dann plötzlich stutzte sie und überlas mit heissen Augen zwei , dreimal eine weitere Strophe . Ihr Herz krampfte sich zusammen . Dachten auch andere , wie Franz Krieger gedacht ? Dieser ihr unbekannte Dichter und Herr Schmittlein ? Hatte der junge Mensch in den kurzen Minuten ihres Zusammenseins ihr das Heimweh und die Todesangst vor der Zukunft aus den Augen gelesen ? Hatte er Zeichen und Merkstrich eigens für sie gemacht , um auch seinerseits warnend den Finger aufzuheben ? Um sich ein wenig zu beruhigen , den Geisterspuk zu bannen , der für sie in den vor ihr liegenden gedruckten Zeilen lag , begann sie in ihrer schlichten , eintönigen Manier die Verse laut vor sich hin zu lesen : » Die Not im löch ' rigen Gewande Zertritt die Perle der Moral ; Das Loos der Armut ist die Schande , Das Loos der Schande das Spital ! Ja , jede Grossstadt ist ein Zwinger , Der rot von Blut und Thränen dampft , Drum hütet Euch , ihr armen Dinger , Denn diese Welt hat schmutzige Finger - Weh , wem sie sie ins Herzfleisch krampft . « - Als Lena an diesem Abend erst gegen elf Uhr nach Hause kam , - sie hatte ausnahmsweise bis um zehn Dienst gehabt , - fand sie Lotte mit dem Kopf auf dem Tisch über ihren Büchern eingeschlafen . Als sie die Schlafende aufrichtete , war ihr Gesicht von Thränen überströmt . Aergerlich warf Lena die Bücher bei Seite und Lotte wach küssend , sagte sie : » Und ich hatte Dir doch so streng verboten , etwas Rührendes aus der Bibliothek zu holen . « - Wenige Tage später , an einem Sonntag Vormittag , als Lotte die Welt wieder mit etwas lichteren Blicken anzusehen begann - sie hatte gerechnet und gefunden , dass das Geschäft sich ein wenig zu heben schien - klingelte es draussen an der Flurthür . Eine kleine , untersetzte behäbige Frau in etwas auffälliger Sonntagstoilette stand vor ihr und stellte sich als Frau Wohlgebrecht , Besitzerin der Leihbibliothek , vor . Lotte bat die kleine Dame zaghaft , durch den künstlich hergestellten Korridor einzutreten , und fragte dann verlegen , ob sie wegen des Pfandes käme , oder ob sonst etwas versehen worden sei , Herr Schmittlein sich etwa im Abonnementspreis geirrt habe ? Die Frau lächelte gutmütig und tätschelte Lotte über das prachtvolle Haar . » I wo denn , wo denn , was denn nicht noch ? « wies Frau Wohlgebrecht die verzagt Fragende freundlich zurück und liess sich behaglich in einem der neuen Plüschsessel in Lottes » Atelier « nieder . » Einen Hut wollt ' ich mir bei Ihnen bestellen , Fräulein Weiss . Was man in der Nachbarschaft haben kann , soll man nicht zu weit suchen . « Lotte wurde glühend rot . Herr Schmittlein meinte es also wirklich gut mit ihr ! Und dann stotterte sie etwas von » zu gütig « und machte sich eilfertig daran , ihren grossen Glasschrank aufzuschliessen , in dem drei einsame Hüte seit Wochen ihr unbeobachtetes Dasein fristeten . Aber Frau Wohlgebrecht wehrte ab . » Das lassen Sie man , Fräulein . Was Fertiges will ich nicht . Das werden Sie zum Fest schon noch loswerden . Ich möchte was Hübsches , Neues , nach meinem eigenen Geschmack . Ich denke so , Sie stecken mir einen Hut flüchtig auf und kommen dann zur Anprobe ' rum . Haben Sie Hutformen , Band und Federn hier ? « Lotte schloss den Schrank wieder zu und holte ihren noch ziemlich reichlichen Vorrat von Levin und Ehlermann herbei . Nachdem Frau Wohlgebrecht eine Menge gutes Material ausgewählt hatte , wurde es bei Seite gelegt , und Lotte versprach , die Anprobe bis übermorgen Abend fertig zu halten . » Sehr schön , Fräulein , sehr schön . « Frau Wohlgebrecht sah dabei erst Lotte , dann das nette saubere Zimmer an . Dann sagte sie plötzlich : » Wissen Sie was , Fräulein , wenn Sie weiter nichts vorhaben , sollten Sie sich so einrichten , gleich den Abend über dazubleiben und ein Butterbrod bei mir zu essen . Mein Neffe liest uns vor , und dabei können Sie ja , wenn Sie wollen , den Hut gleich fertig machen , dann verlieren Sie keine Zeit . « Lotte machte zu der freundlichen Einladung ein so verlegenes Gesicht , dass Frau Wohlgebrecht eine beleidigte Miene aufzog . Sie hatte dem » einsamen Wurm « auf freundliche Weise eine Abwechselung und Ersparniss verschaffen wollen . Das arme Mädchen , nach welchem sie inzwischen die eingehendsten Erkundigungen eingezogen hatte , that ihr leid . Sie hatte ihm etwas Gutes zuwenden wollen , und nun schien es , als solle sie mit einem hochmütigen Korb dafür belohnt werden . Da hatte der Junge , der Gerhart , ihr was Nettes eingebrockt ! Sie erhob sich mit einem sehr piquierten : » Wenn Sie nicht wollen , oder was Besseres vorhaben , freilich - « Lotte war ganz benommen von diesem seltsamen Erfolg ihrer dankbaren Verlegenheit . » O Gott nein , verehrte Frau . Sie haben mich gewiss nicht richtig verstanden . Ich käme ja nur allzugern , aber gerade am Dienstag hat Lena , meine Schwester , keinen Abenddienst . Ich weiss nicht , ob Sie davon wissen - wir sind beide so ganz fremd in Berlin - haben noch keinen Familienanschluss , und da kann ich Lena doch hier nicht so allein sitzen lassen . - Wäre es vielleicht am Mittwoch gestattet , da ist Lena bis 9 Uhr auf dem Amt - « Frau Wohlgebrecht hatte sich längst wieder gesetzt . Sie schmunzelte vergnügt vor sich hin . Das war so ganz nach dem Sinn der gutherzigen Frau , gleich zwei armen Dingern einen angenehmen und billigen Abend zu verschaffen , und dazu ihrem Gerhart ein doppeltes Vergnügen . Denn dass der Strick lieber zwei Zuhörerinnen für seine Poesien haben würde , als eine , das wusste sie im voraus . » Bis Mittwoch warten ? Wo denken Sie hin , Fräulein ? Es bleibt bei Dienstag und Sie bringen Ihre Schwester mit . Abgemacht . « Frau Wohlgebrecht hielt Lena die Hand hin . » Schlagen Sie ein , und auf gute Nachbarschaft . « » Was hat Ihnen mein Neffe denn mitgegeben ? « » Lieder eines Modernen . « Sie schob das Buch geringschätzig bei Seite . » Auf diesem Punkt ist nichts mit ihm anzufangen . Nichts geht ihm über das Moderne , und in seinen eigenen Werken - « Lotte wurde wieder einmal dunkelrot , diesmal vor freudiger Ueberraschung . » Herr Schmittlein dichtet auch selbst ? « Frau Wohlgebrecht legte ihren dicken Zeigefinger über die Lippen . » Pst , Fräuleinchen , im tiefsten Vertrauen will ich ' s Ihnen erzählen , er dichtet nicht nur , er ist sogar ein grosses Talent . Gedruckt ist freilich noch nichts von ihm , aber passen Sie auf , es wird , es wird . Ich seh ' es schon , wie die Kundschaft , die er mir ja schon ganz aufs Moderne dressiert hat , ob sie will oder nicht , nichts anderes fordern kommt , als Schmittlein und wieder Schmittlein . Und geben Sie ' mal Acht , wenn dann in den Zeitungen grosse Artikel über ihn stehen , dann wird es auch heissen , seine Tante , die Wohlgebrecht , die hat ihn eigentlich entdeckt . Sie glauben nicht , Fräulein , was ich mit dem Jungen schon alles durchgemacht habe , aber er lohnt mirs , er lohnts , passen Sie auf . Als sechsjährigen Bengel hab ' ich ihn schon bei mir gehabt , denn die Mutter , meine Schwester selig , war immer krank . Da ich nichts eigenes Kleines hatte , that ich ' s ja auch nur allzugern . Nachher , wie gar nichts aus ihm wurde und er durchaus zum Theater wollte , worüber der Schwager rein wild war , hab ' ich ihn wieder zu mir genommen , das war nach dem Tode meines Seligen . Ich hab ' ihm die Hauptflausen ausgetrieben und ihn ein bischen Buchhändler lernen lassen , und jetzt ist er mein Geschäftsführer und ebenso gut als ich selber , nur natürlich viel gebildeter , denn trotzdem er eigentlich nicht viel gelernt hat , weiss er Alles . Mein einziger Kummer ist , dass ich glaube , er hält nicht so recht zu unserem Kaiserhause und hat auch darin allzu neumodische Ansichten . Nein , Sie brauchen nicht zu erschrecken , Fräulein , Anarchist ist er nicht , aber Demokrat , Sozialdemokrat , wahrhaftig ja , das ist er . Na , das das sind ja wohl die jungen Leute heut alle , die nicht mit ' ner Million in der Tasche auf die Welt gekommen sind . Vereine und Versammlungen , die besucht er für sein Leben gern . Politische und literarische . Aber sonst ist er sehr solide , und ich bin mit ihm zufrieden , und wenn ich im Frühjahr fort muss , kann ich ihm das Geschäft getrost auf eine Weile überlassen . « » Sie wollen fort , Frau Wohlgebrecht ? « » Ich muss , mein Engel , auf ein paar Monate . Meine Bruderstochter , die ist oben in Westpreussen auf dem Lande verheiratet . ' Ne Mutter hat der Wurm nicht mehr , gerade wie Sie , Fräuleinchen . - Na deswegen müssen Sie nicht gleich weinen . Darin hat der Gerhart so unrecht nicht , dass manch einem besser da oben - oder wie er sagt , im » Nichts « - denn auch mit der Religion ist ' s schwach bei ihm bestellt - als unten bei uns zu Mute ist . Ja , was ich sagen wollte , zu meiner Bruderstochter kommt im Frühjahr zum erstenmal der Storch , und den Besuch möcht ich das kleine Frauchen nicht allein überstehen lassen . « Jetzt zog Frau Wohlgebrecht eine dicke goldene Uhr zwischen den Knöpfen ihrer braunen Taille hervor . » O , o « , meinte sie und erhob sich gemütlich , » da habe ich mich ja schön verplaudert . Also am Dienstag auf Wiedersehen , Fräulein . So um sieben ' rum erwarte ich Sie . Ach was , zu danken brauchen Sie nicht , versteht sich doch von selbst , dass man freundlich zu ' nem armen Mädchen ist , das sich mutterseelenallein durch die Welt schlagen muss . « Lotte sah ihrem Besuch nach , bis die Windung der Treppe ihr Frau Wohlgebrechts Anblick entzogen hatte . Wie gut diese Frau mit ihr war und sicherlich durch die Fürsprache des Herrn Schmittlein ! Gar nicht mehr so verlassen kam sie sich vor , seit Frau Wohlgebrecht bei ihr gewesen war . Gott im Himmel , nein , gewiss würde ihr die Grossstadt nicht zum Zwinger werden , der » rot von Blut und Thränen dampft « . Heute wollte sie jedenfalls nicht mehr an das schreckliche Gedicht denken . Nein , keinen Augenblick mehr . Mit heissen Backen setzte sie sich an das Küchenfenster . Was Lena wohl dazu sagen würde , dass sie eine wirkliche Einladung bekommen hatten , die erste in Berlin , und noch dazu in das Haus eines wirklichen Schriftstellers ! Lotte schwindelte der Kopf . Wenn Lena nur erst da wäre , damit sie ihr volles , glückliches Herz ausschütten konnte ! Ein brenzlicher Geruch hinter dem Vorhang erinnerte sie daran , dass das Mittagbrot noch nicht fertig war . Schnell band sie eine Schürze über das Sonntagskleid , zog den Vorhang zurück und stellte sich an den Herd . Aber während sie mechanisch auf das Essen acht gab , schweiften ihre Gedanken weit fort und zu dem zurück , was Frau Wohlgebrecht ihr von Gerhart Schmittlein erzählt hatte , und mit einem schweren Seufzer fragte sie sich , ob , wenn der Umgang wirklich fortgesetzt würde , ihre lückenhafte Bildung , ihr mangelhaftes Verständnis für Dinge , die sie kaum dunkel ahnte , jemals dazu ausreichen würden , dem hohen Fluge seiner Gedanken zu folgen . - Lena teilte zwar Lottes freudigen Stolz über Frau Wohlgebrechts Einladung nicht , aber sie war durchaus einverstanden damit . Erst vor einigen Tagen hatte eine der Aufsichtsdamen es ihr nahe gelegt , Familienanschluss zu suchen . Sie sei nun lange genug in Berlin , um daran zu denken . Da Lena wusste , dass der Verkehr in rechtschaffenen Familien beinahe ein Gesetz für die auf dem Amt beschäftigten jungen Mädchen war , und sie jetzt , kurz vor ihrer Anstellung , ganz besonders bemüht sein musste , jedem Wunsch von Seiten der Behörde zuvorzukommen , kam ihr Frau Wohlgebrechts Einladung sehr gelegen . Lenas sonstige Aussichten auf Geselligkeit waren gleich Null . Der Verkehr mit Marie Weber konnte nur ausnahmsweise gepflogen werden . Das junge Mädchen arbeitete auf Amt IV und die Fälle , dass ihre beiderseitige Dienstzeit so fiel , dass sie einen Abend hätten zusammen verbringen können , würden zu zählen sein . Das Kränzchen , das kürzlich von den Kolleginnen ihres eigenen Amtes veranstaltet worden war , hatte sie bisher der Trauer wegen nicht besuchen können . Anderen Anschluss aber hatte sie nirgends gefunden . Lotte war überglücklich , dass sie der Schwester so indirekt einen Dienst erweisen konnte . Gewöhnlich war es umgekehrt gewesen , und alle Beziehungen , die das Leben der Schwestern bisher verschönt hatten , waren von der temperamentvolleren , heitereren Lena ausgegangen . Leider war , wie so häufig in dieser mangelhaftesten aller Welten , die Vorfreude der bessere Teil der Sache gewesen . Anfangs zwar hatte sich alles trefflich angelassen . Die Schwestern waren von Frau Wohlgebrecht sehr herzlich empfangen worden . Herr Schmittlein hatte sich bemüht , seiner stürmischen Freude , Lotte wieder zu sehen , einen Dämpfer aufzusetzen , um die andere Schwester nicht zu beleidigen , die ihm übrigens , trotzdem sie entschieden die hübschere von beiden war , nicht halb so gefiel als die sanfte , ätherische Lotte . Dann war die Hut-Angelegenheit als erste Programmnummer gefolgt . Sie war sehr glücklich abgelaufen . Frau Wohlgebrecht hatte dem Entwurf ehrliches Lob zollen können . Nachdem man belegte Butterbrode verspeist und dazu Thee und helles Moabiter Bier getrunken hatte , war es ans Vorlesen gegangen . Von diesem Augenblicke an hatte die Missstimmung begonnen . Zunächst hatte Schmittlein noch im letzten Augenblick , als er grade beginnen wollte , das vor ihm liegende Manuskript gegen ein anderes vertauscht . Was er für Lotte allein ausgewählt - die gute Tante kam dabei nicht in Betracht - wollte er der fremden Schwester nicht preisgeben . Sie sah ihm ganz danach aus , als ob sie an seinen Werken nicht nur kein Gefallen finden würde , sondern sich auch nicht genieren würde , ungeschminkte Kritik daran zu üben . Kaum hatte er dann mit dem Lesen begonnen , so war die Ladenklingel in Bewegung gesetzt worden . Dieser Zwischenfall , der sonst kurz vor acht Uhr überhaupt nur selten noch einzutreten pflegte , wiederholte sich vier bis fünfmal . Lotte empfand dieses ewige Kommen und Gehen in einer so weihevollen Stunde wie eine persönliche Bosheit gegen den Dichter , und Schmittlein selbst schien nicht weit von dieser Ansicht entfernt . Wenigstens warf er , als die Klingel kurz vor halb neun Uhr noch einmal anschlug , das Manuskript heftig bei Seite und verschwor sich , während seiner Kulischaft - keine der drei Damen ahnte , was er damit meinte , - weder Tinte noch Feder mehr anzurühren . Endlich , nach Ladenschluss , war es ruhiger geworden . Aber mit der Stimmung war es doch vorbei . Als Schmittlein überdies bemerkte , dass seine Arbeit keinen sonderlichen Eindruck machte , unterbrach er sich und legte das Heft missmutig bei Seite . Auf allseitiges Drängen , hauptsächlich aber auf einen bittenden Augenaufschlag Lottes hin , nahm er dann noch ein anderes Heft zur Hand , eine Gedichtsammlung : » Lieder eines Missvergnügten « betitelt . Ob diese galligen Gedichte von ihm selbst oder einem seiner Freunde stammten , erfuhr niemand von den Anwesenden . Ehrlich gestanden gelüstete auch keinen nach einem näheren Aufschluss , denn diese Verse mit ihrer schwarzgrauen Lebensweisheit gefielen nicht einmal Lotte . Sie waren noch schlimmer als das Gedicht von dem sterbenden Mädchen und dem garstigen Elend der Armut . So war nach ein paar unerquicklichen Stunden im Grunde jeder froh , als der Abend zu Ende ging . Nachdem die Schwestern das Haus verlassen hatten , überhäufte Gerhart in seinem nervösen Unmut die unschuldige Frau Wohlgebrecht mit Vorwürfen für den Missgriff , Lena mit eingeladen zu haben . Dieser Umstand sei einzig an dem verfehlten Abend schuld . Da ihr Lena selbst nicht sehr sympathisch erschienen war , und ihr die Enttäuschung des armen Jungen leid that , wusste sie nicht allzu viel zu ihrer Entschuldigung vorzubringen . Dagegen vertröstete sie gutmütig auf ein anderes , gemütlicheres Beisammensein mit Lotte . Aber Gerhart war nicht so leicht zu beruhigen ; sein einziger geheimer Trost blieb der , dass er hoffte , Lotte dazu zu vermögen , unter vier Augen mit ihm zusammen zu kommen . Lena rächte sich indessen instinktiv für das hinter ihrem Rücken über sie gefällte Urteil , indem sie ihrerseits über alles spöttelte , was sie bei Frau Wohlgebrecht gefunden hatte . Ueber die » spiessige « Einrichtung des einzigen Wohnzimmers , über den kleinbürgerlichen Ton der Frau und ihr breites , behäbiges Wesen , über den engen , kleinlichen Zuschnitt des Geschäfts , vor allem aber über Herrn Schmittleins famose Dichtungen . Nein wahrhaftig , wenn der Talent hatte , so hatte sie es auch . Lotte verlor zu Anfang den Kopf und weinte bittere Thränen über Lenas herzlose Auffassung und ihren schnöden Undank für die gebotene Gastfreundschaft . Dann raffte sie sich auf und verteidigte ihre neugewonnenen Freunde . Ja , sie scheute sich nicht , Lena heftige Vorwürfe über das spöttische Wesen zu machen , das sie den ganzen Abend über zur Schau getragen hatte . Die Verstimmung auf Lottes Seite sass so tief , dass sie ganz gegen des Mädchens Gewohnheit mehrere Tage lang anhielt . Vielleicht hätte man sich auch dann noch nicht ganz verständigt , wenn nicht etwas dazwischen gekommen wäre , das bis auf weiteres alles andere in den Hintergrund drängte - Lenas Anstellung . Freilich bat Lotte vergebens , Lena möchte Frau Wohlgebrecht , die so warmes Interesse für das bevorstehende Ereignis gezeigt hatte , Mitteilung von ihrer Anstellung machen . Lena wehrte sich energisch . Nein , sie wollte nichts mehr mit diesen Leuten zu thun haben . Von Berlin erwartete sie sich denn doch einen anderen Umgang , als den Verkehr mit einer kleinen Ladenbesitzerin und einem eingebildeten Dichter . Lotte würde bald sehen , dass sie den nicht nötig hätte . Heut könne sie noch nichts verraten , aber bald würde es sich offenbaren und dann würde Lotte Augen machen . Lotte machte schon jetzt Augen , aber betrübte , über Lenas Eigensinn . Bald aber trat die lichte Seite des Ereignisses gänzlich in den Vordergrund . Lena würde von nun ab ein erhebliches zu dem Hausstand beisteuern können , und wenn der Weihnachtsmonat für Lotte lohnende Arbeit brachte , konnte man der nächsten Zukunft wieder ein wenig ruhiger ins Auge sehen . Und wirklich trat dieser glückliche Umstand ein , nicht zuletzt durch die gütige und angelegentliche Empfehlung der Frau Wohlgebrecht . Hätte Lotte nur gewusst , wie sie der prächtigen Frau ihren Dank abtragen sollte ! Als eines Nachmittags gar die junge Frau eines Kommunallehrers erschien und sich auf Frau Wohlgebrecht berufend , drei Hüte für ihre drei kleinen Mädchen zum Fest bestellte , da fühlte Lotte das unabweisbare Bedürfnis , ihrer Wohlthäterin , trotzdem Frau Wohlgebrecht nichts davon wissen wollte , zum mindesten einen besonderen Dankbesuch abzustatten . Als sie gegen acht Uhr den Laden betrat , war nur Herr Schmittlein zugegen . Die Tante war für den Abend eingeladen . Lotte , die jetzt zum Bücherlesen keine Zeit hatte , und somit kein auf der Hand liegendes Geschäft mit Herrn Schmittlein , wollte den Laden eilends wieder verlassen . Gerhart aber , froh , sie endlich einmal für sich zu haben , hielt sie mit allen erdenklichen Ausreden fest . Er zeigte ihr die Weihnachtsneuheiten und fragte sie aus , was sie selbst davon wohl gerne besitzen möchte . Dabei kamen sie auf das Fest zu sprechen , und Lotte behauptete nun , entschieden fort zu müssen . Sie wolle noch ein paar Einkäufe für eine Handarbeit , ein Hauskäppchen für den Vater machen und habe auch für die Wirtschaft noch mancherlei zu besorgen . Schmittlein widersetzte sich dem mit seiner ganzen impulsiven Energie . » Ein so junges Mädchen , das dabei so - « die Fortsetzung verschluckte er , aber sein warmer Blick ergänzte die fehlenden Worte - » sollte abends nicht allein in den Strassen umherlaufen . Mit Fräulein Lena ist das ganz was anderes , die steht ihren Mann . Aber Sie - nein ! « Sie sei ja aber doch die ältere , gab Lotte lächelnd zurück . Darauf käm ' s nicht an ! Sie mit ihrem sanften , stillen Wesen mache den Eindruck , als ob sie stets eines Schutzes bedürfe . Er begreife überhaupt nicht , dass man sie habe nach Berlin gehen lassen . Sie habe ja absolut nicht das Zeug dazu - bis jetzt wenigstens nicht . Zunächst hatte Lotte Miene gemacht , ihm ob dieser Unterschätzung zu zürnen . Mein Gott , machte sie denn einen gar so kindischen , unselbständigen Eindruck , dass alle Welt sich bemüssigt fühlte , ihr zu sagen , sie gehöre gar nicht nach Berlin ? Aber ein Blick in seine ehrlich besorgten Augen hatte sie umgestimmt . Sie wusste ja selbst am besten , wie schutzbedürftig sie sich fühlte und wie dankbar sie jedem war , der sich ihrer annahm . Mit einem sanften Erröten sagte sie : » Ich danke Ihnen , Herr Schmittlein , Sie mögen in manchem Recht haben , aber da ich nun einmal hier bin , werde ich auch sehen müssen , mit Berlin fertig zu werden . « » Und Sie wollen heut wirklich noch weiter , so spät und allein ? « » Ganz gewiss . Ich muss mich daran gewöhnen , so ungern ich es thue . « » Warten Sie einen Augenblick . Ich schliesse den Laden und begleite Sie . « Das kam in einem Ton heraus , als ob er ein Herrenrecht auf sie habe . Aber der Ton zwang sie zu einer Einwilligung , die sie auf eine höfliche Anfrage vielleicht niemals gegeben hätte . Wenige Minuten später verliessen sie zusammen das Haus . Draussen fiel ein feiner Schnee . Er überstäubte Lottes zierliche Gestalt , und des jungen Mannes schönheitsdurstigen Augen that es wohl , sie einmal in einer lichteren Farbengebung , als in dem düsteren Einerlei des tieffarbigen Schwarz zu sehen . Sehr langsam schritten sie nebeneinander her , von tausend gleichgültigen Dingen plaudernd , die ihnen beiden plötzlich sehr interessant erschienen . Endlich dachte Lotte auch wieder an ihre Einkäufe . Es war halb neun vorüber , als sie damit zu Ende kam . Sie wollte nun nach Haus zurück . Aber Schmittlein hielt sie unter immer neuen Vorwänden fest . Endlich fragte er geradezu , wie lange Fräulein Lena heute im Dienst sei ? » Bis zehn Uhr . « » So haben Sie noch eine Menge Zeit , Fräulein Lottchen . Kommen Sie , lassen Sie uns noch ein Weilchen zusammenbleiben . Weshalb soll jeder von uns allein zu Hause sitzen und Trübsal spinnen , anstatt das hübsch gestimmte Beisammensein noch zu geniessen ? Wer weiss , wie bald es sich wieder so trifft . « Er schlug ihr vor , in ein nahes Bierhaus zu gehen und dort zusammen eine Kleinigkeit zu Abend zu essen . Aber sie wollte nichts davon hören . Entsetzlich unpassend , ja unerhört schien ihr das . Ausserdem hatte sie keinen Pfennig Geld mehr bei sich . » So gehen wir noch ein wenig auf und ab . « Sie nickte stumm Gewähr . Das war der beste Ausweg . Auch sie hätte sich ungern schon jetzt von ihm getrennt . Seine zarte Fürsorge , die sich in jedem Blick und Ton offenbarte und die sie seit Jahren , seitdem die Mutter krank geworden , nicht mehr gekannt hatte , that ihr unendlich wohl . Der Schneefall wurde immer stärker . Gerade als sie vor einer kleinen , unscheinbaren Konditorei standen und durch die Glasscheibe auf die bescheidene Weihnachtsausstellung sahen , kam zu dem heftigen Schneefall ein stössiger Wind auf , der ihnen scharf ins Gesicht blies . Gerhart Schmittlein legte wie schützend seine Hand einen Augenblick um Lottes Schulter . » Sie werden sich erkälten , Fräulein Lottchen . Treten wir doch einen Augenblick ein . Ich kaufe eine Kleinigkeit für die Tante . Das macht ihr Spass . « Ohne ihre Antwort abzuwarten , ging er mit ihr über die ausgetretenen Stufen in den kleinen Laden . Der Verkaufsraum sowohl , wie das dahinter liegende Zimmerchen mit seinen runden Marmortischen war völlig leer . Am Ladentisch , hinter einem erhöhten Aufbau , der als Kasse diente , sass halb verschlafen ein Bediensteter der Konditorei in zweifelhaft weisser Konditortracht . Er schreckte beim Eintritt der beiden wie vor etwas Ungewohntem zusammen und fragte mit ungelenker Zunge nach ihrem Begehr . Schmittlein und Lotte traten an den Ladentisch und betrachteten die einfache Auslage , die für Lottes unverwöhntes Auge immerhin noch sehr viel Verlockendes hatte . » Was meinen Sie , Fräulein Lottchen , was wir für die Tante mitnehmen ? « Lotte zeigte auf eine drollige Schweinegruppe von Marzipan , dabei lachte sie halb wider Willen ,