Skabiosen , dunkle Prunellen , und dicht die Brust an den Boden gedrückt , sah ich eine große weiße Strahlblume , silberweiß , eine kleine Sonne auf Erden ! So möchte ich an die warme mütterliche Erde gedrückt daliegen und mein Herz der Sonne öffnen , wie einen goldenen Kelch ........ Zuweilen fiel ein gelbes Blatt , und wie leises Rieseln stäubten die dürren , braunen Kätzchenschuppen der Birken . Zwei weiße Schmetterlinge fliegen herbei , nähern sich einander , suchen sich , haschen sich , nun sind sie ganz nah - - da fährt ein stärkerer Lufthauch von Norden daher und drängt sie auseinander . Ich saß dort oben und sah so vieles . Das ist nicht mehr die beglückte , stille Sommerwärme , das tiefe Ruhen und Blühen : ein schärferer Zug geht durch die Welt , eine Unruhe , eine Bewegung , als sei noch viel zu thun . Kein braunes Grasblütchen steht still , kein Sonnenfleck , kein Blattschatten bleibt auf der Stelle . » Weile ! weile ! « ruft der süße Sommer , » rege dich ! treibe dich ! « ruft der heutige Tag ! Und mein Herz klopft und meine Hand zittert , und ich springe auf , als sei auch für mich gleich viel , viel zu thun ! Gedanken - Pläne sausen mir durch den Kopf - Nein nein ! ich bin keine Sonnenblume mehr , die am Boden liegt und träumt - - das ist vorüber , vorüber . 28. Oktober . Heut ist also der große Tag , heut geh ' ich zum erstenmal ins Kolleg ! So früh hat ' s mich aus dem Bett getrieben - es ist noch dunkel , meine Lampe brennt , ich bin ganz fertig schon , aber es sind noch fast zwei Stunden . Schon lange hab ' ich am offnen Fenster gesessen , die Luft kam weich und regenschwer , wie Frühlingshauch herein ; der Mond scheint trübe - jetzt hat er mir eine Fratze geschnitten , es hat mir fast gegraut ! - - Oh , so andächtig erwartungsvoll war mir noch nie . Immer tönt mir eine Stimme im Ohr : » Was wir nicht errungen , doch erstrebt , - was uns nicht zu teil geworden ist « - - Nein , es ist nicht deine Stimme allein , meine Mutter , viele Frauenstimmen sind es , klagende und triumphierende ! » Was wir nicht errungen , doch erstrebt - was uns nicht zu teil geworden ist - - « Aber den Schluß hör ' ich nicht , - wie angestrengt ich auch horche . Weiter ! wie geht es weiter ? Redet weiter , ihr lieben Schwesterstimmen ! Nicht wahr , ihr wünscht mir Gutes , ihr Abgeschiedenen ? Was euch nicht zu teil geworden ist , - ich soll es - soll es erreichen ? Oh , heut ist mein erstes Kolleg ! Triumphiert mit mir , ihr Lebenden , klagen will ich mit euch , ihr Gestorbenen , denen » nichts zu teil geworden ist « - von dem » was ihr erringen und erstreben gewollt « - - nein , ich kann nicht klagen , heute nicht ! Es wird hell ! es wird Morgen ! Heute ist mein erstes Kolleg ! - 30. Oktober . Nach den ersten Kollegien . Was ich gelernt , gelesen , gedacht , - all ' das zerfliegt wie leere Spreu ! Ich bin so unwissend ! ich bin so weit zurück ! ich bin so schlecht vorbereitet ! Ich bin so dumm ! so kindisch dumm ! Ich soll mit bloßen Füßen auf scharfen Dornen gehn ! Harte Thatsachen starren mir entgegen , wo ich von himmelhohen Gedanken träumte ! Ist die Wissenschaft so etwas Plastisches ? Konkretes ? Aber das hab ' ich ja gar nicht gewußt ! Im Rechtsleben , hab ' ich gedacht , kommen ethische Ideen zum Ausdruck , aber es scheint gar nicht wahr zu sein ! Es scheint sich mehr um Gebräuche , als um Gedanken zu handeln ? Ich glaube , die Menschheit als Ganzes denkt , fühlt viel humaner , als die Gesetze es verlangen . Sie scheinen mir überholt , ausgewachsen , ihr Wortlaut mittelalterlich roh . Und wenn ich sie mit den Jesusworten vergleiche , mit dieser unendlichen Zartheit der Empfindung , des Gewissens , die in jenen Lehren liegt , die vor 1900 Jahren ausgesprochen worden , so finde ich - - Ach , ich bin ein dummes Kind ! wen kümmert ' s , was ich finde ! Und doch , - es scheint mir , daß auch ich sagen muß - - helfen muß - - - 20. November . Lange nichts hier eingeschrieben . Ich bin ja zu verwirrt von all dem Neuen . Dumme Sorgen kommen auch dazu , die dümmsten , elendesten Sorgen , die der Mensch sich machen kann , die um das nackte Leben ! Das heißt , ich mache sie mir nicht , sie zwingen sich mir auf , leider . Mama schreibt sehr kurz ; - neulich hat sie mit Papa meinetwegen eine heftige Szene gehabt . Er hat sie gefragt , ob sie wisse , wo ich mich aufhalte . Mit drohender Miene . Sie hat nein gesagt . Sie thut mir so furchtbar leid ! Ich bin es , die sie zu lügen zwingt , ich , die ich so leidenschaftlich gern ehrlich und wahr durch die Welt gehen möchte . Es wird ihr sehr schwer , schreibt sie , das Geld für mich unbemerkt fortzuschicken . Ach , wenn ich es doch nicht brauchte ! Manchmal , beim Essen , habe ich solch ein erstickendes Gefühl im Halse , - das abscheuliche , dumme Essen kostet am meisten ! Wenigstens hab ich ein billigeres Zimmer jetzt , nur sechzehn Franken ! Es liegt sogar freier als das vorige . Zum Mittagessen geh ich fort , abends genügt ja Brot und Milch vollkommen . Ach , es ist doch viel , was ein Mensch zum Leben braucht , unglaublich viel . Man ist immer von neuem hungrig , und doch hätte man das Geld für soviel wichtigere Dinge nötig . Ich müßte mir so viele Bücher kanfen , ich habe ja so unübersehbar viel zu lernen , nachzuholen ! Ach , und wenn man doch Zeit kaufen könnte , das wäre noch schöner ! Nur ein paar Jahre nicht vom Flecke gehn , nicht älter werden , bis man ein bißchen klüger geworden ist . An welcher Stelle wird die zeit vergeben ? Wo soll ich darum bitten ? Manchmal überläuft ' s mich ganz heiß , wenn ich denke , wie ich ewig im Provisorium stecke , und ich sehe mich um , ob es den andern auch so geht . Und dann scheint mir : ja ! Unser Aller Leben ist ein Provisorium . Aber soll es so sein ? Soll das Leben vergehen , wie etwas Vorläufiges ? Immer bereiten wir uns vor ! Wozu ? Den Glauben an die Unsterblichkeit haben wir aufgegeben , aber nun betragen wir uns , als lebten wir ewig auf der Erde ! Ich nicht . Mir ist so angst oft . Aus allen Ecken ruft es : » schaffe so lange es Tag ist , es kommt die Nacht , da niemand wirken kann . « Der Ruf raubt mir den Schlaf . Und ich fahre auf , und - vertiefe mich in meine Bücher ! Was hilft es , daß ich ' s fast lächerlich finde , ich kann ja sonst nichts thun . Ich muß ja aufnehmen , nur immer aufnehmen , ich bin ja nur eine Elementarschülerin , von der hintersten Schulbank . 2. Dezember . Tage und Tage schon steht ein milchweißer Nebel über der Stadt und dem See , - eine reiche Schneesammtdecke überkleidet Wiesen und Weinberge . Dazu ein milchweißer Himmel , lautlose Stille , balsamduftende Frische . Kein Sonnenstrahl , kein Wind . Alles ganz wie in meinem Kopfe jetzt . Da ist ' s auch nebelig und still . Ein gedämpftes Zuwarten . Aber wenn nicht die Sonne irgendwo dahinter steckte , so wäre ja der Nebel grau und schwarz wie bei uns in Hamburg ! Nein , nein ! Wohl kommen Stunden , wo ich mich erschrocken umsehe und frage : wo ist meine große Freude geblieben ? Aber dann , auf einmal , ein interessantes Wort im Kolleg , ein weiter Gedanke , der mir ein großes dunkles Feld mit flüchtigem Blitzlicht erhellt , und ich erkenne alles , wie es ist . Meine schöne Freude ist nicht vergangen , sie hat sich nur in viele viele Perlen zerteilt , wie das Quecksilber , wenn man ' s ausgießt . Und die Perlchen verschlüpfen , verkriechen sich wohl in das einförmige weiße Gewebe des Tags ...... 20. Dezember . Jetzt kommen Weihnachtsferien , morgen ist zum letztenmal Vorlesung , Viele sind schon verreist . Es ist eigentümlich - ich stehe ganz so isoliert hier , wie ich immer in der Schule stand : Niemand spricht mit mir , und ich spreche mit niemand . Ich bin scheu , ich geniere mich , ich weiß ja nicht , ob es jemand gern sähe , wenn ich ihn anredete . Aber die Einsamkeit drückt mich zuweilen , und wenn ich es wagte , bäte ich wohl einmal jemand um Rat bei meinen Studien . Wenn ich es wagte ! Nein , sie sehn alle so sicher und sorglos aus - es geht nicht . Und die einzige Studentin , die mit mir hört , ist so eilig immer und grüßt nie , nicht einmal dazu nimmt sie sich Zeit . Das wäre doch Sünde , die noch zu stören . - Weihnachtabend . Ist es wirklich Weihnachtabend ? Kein Zeichen sagt es mir , außer dem dunklen Tannenkranz , den ich eben um dein geliebtes Bild gewunden habe , meine Mutter ! - Es ist im Hause wie alle Tage . In der Küche rasselt meine Wirtin mit Kesseln und Deckeln ; heute Morgen hat sie mir ihr Herz ausgeschüttet . Ihr Mann hat sich vor zwei Jahren das Leben genommen und zwar , wie sie sagt , um sie zu ärgern , denn die Versicherungsgesellschaft hat ihr nichts ausbezahlt , da der Mann durch Selbstmord geendet . Nun hat sie einen Prozeß und möchte von mir Rat wissen . Es war ein sonderbares Weihnachtsgespräch ; so entsetzlich abstoßend erschien mir diese Frau , die kinderlos und nicht ganz arm , mit funkelnden Augen , die lebendiggewordene Habsucht , von dem » schönen Gelde « und dem » schlechten Manne « sprach , der sich erhängt hatte , damit sie nichts bekomme . » Sie sagen noch , ich hätt ihn dazu getrieben , ich hätt ihn nicht gut behandelt , « krächzte sie , und ihr eigentlich hübsches Gesicht wurde zur Grimasse . Ich wollte , sie hätte mir das nicht erzählt ; sie ist mir ganz zuwider geworden , ich möchte so bald wie möglich ausziehn . - - Und nun sitze ich und lese im römischen Recht und lese vom Erbrecht ! Man kann es ja wohl bewundern , diese Subtilitäten alle , diese feinsten Ausgestaltungen des Eigentumsbegriffes , aber sich dafür begeistern , es schön und wünschenswert finden als die Grundlage der menschlichen Beziehungen untereinander - nein , das scheint mir unmöglich ! Ueberall zwischen den Blättern sehe ich habsüchtig , eigensüchtig funkelnde Augen , und Finger , zum Behalten , zum Greifen gekrümmt , strecken sich daraus hervor . Jeder Buchstabe krümmt sich zur Kralle . Ich mag nicht mehr ! Heut abend nicht . Ich muß das Buch zuklappen und meine Gedanken wandern lassen - es sind ja Ferien jetzt ! Das Fest der Liebe ! Ach , wo ist die Liebe ? » Jeder für sich ! Jeder für sich ! Jeder für sich ! « so hämmert ' s mir im Kopf . Jeder für sich ! Oh die traurige Welt ! Das ist sie ja , die Welt von heute , die Welt des Egoismus , die Welt der achselzuckenden verbrecherischen Gleichgiltigkeit , die Welt der gähnenden Langeweile einerseits , die Welt der Hirn und Blut verspritzenden Frohn auf der andern Seite ! Die Welt , wie jene sie gemacht haben , die bis jetzt regierten durch Benutzung der rohesten tierischen Triebe . » Jeder für den andern ! « das wäre die Welt , wie ich sie wünschte ! das schöne , heitere , enthusiastische Dasein , wie ich es für eine zukünftige glücklichere Menschheit träume ! Es ist so häßlich , für sich selbst zu sorgen , sein Recht verlangen , für sich selber kämpfen , alle verliehenen und ausgebildeten Kräfte für sich selbst verwenden , - so abstoßend und so langweilig ! Es ist so schön , alles das für andre einzusetzen , es ist so begeisternd , es leiht Riesenkräfte . Und gewiß , ich fühle es tief hier innen : es ist der einzige Weg zum Glück . - 25. Dezember . Ein Brief von Mama , aber vom Fest steht wenig darin . Sie schreibt , ich würde hoffentlich das Glück finden auf meinem selbstgewählten rauhen Wege . » Es giebt Menschen , « sagt sie , » die dort grade ein Vergnügen finden , wo die gesunden und nicht verschrobenen Leute , wie zum Beispiel ich , nur unnütze Erschwerungen und Unannehmlichkeiten sehn . « Dann wünscht sie mir » ein frohes Fest « und schickt mir ein schwarzes Spitzentuch . » Dein Papa ist in einer Bärenlaune , und wir haben auf nicht gerade angenehme Feiertage zu hoffen . « Arme Mama ! Ich weiß ja nur zu gut , wie es sein wird . Ein Weihnachtsbaum bis zur Decke und darunter gelangweilte oder gleichgiltige oder übellaunige Gesichter , - eine Menge Kuchen , Vormittagsvisite mit Portwein , - Gäste zu Mittag - Mockturtelsuppe , Gans und Karpfen - viel Rotwein - Toaste auf alle Familienglieder , - auf die » holden « Damen , - sattes Herumsitzen in den Schaukelstühlen und Sofaecken und nie ein Wort , ein gutes , frohes Wort , ein warmes , inniges Wort , das man inwendig weiter spürte ! Ist es nicht traurig , daß es so wenig warme Plätze giebt in der Welt , und daß es die meisten von uns beständig in der Seele friert oder doch fröstelt ? Die Familie sollte solch eine warme Stelle sein , aber das ist nicht mehr . Es ist nur noch ein Ort , wo die Menschen zusammenkommen , um zu essen und zu schlafen . Ihre Gedanken sind meilenfern von einander ; sie leben sich nicht zur Freude , nur zur Last . Der Herd ist zerschlagen , ist entweiht . Ich bin gegangen , und ich bin dessen froh , alle Tage . Die Konvention , die Schablone , die Heuchelei hätte mich dort erstickt . Aber so schön glänzt das alles auf den alten Bildern , daß er uns noch ergötzt , wenn auch nicht mehr erwärmt , der ferne fremde Feuerschein ! - 27. Dezember . Nun hab ' ich meinen Weihnachtstag doch noch gehabt . Ich war dben im Walde im tiefen Schnee . Ach , wie das herrlich war ! Geheimnisvoll und dämmerig am helllichten Tage . An den hohen Fichten , die wie eisgraue feierliche Wächter am Rande stehn , waren die Reifverbrämungen von Ast zu Ast zusammengeschmolzen und hingen nun so in großen , schweren , unbewegten Massen , ernst , schweigend , nicht das kleinste Lüftchen rührte daran . Scharf abgezirkelt , wie ein bleicher Vollmond stand eine weißliche Sonne am weißen Himmel , eine große blanke , strahlenlose Scheibe , in die man furchtlos die Augen versenken konnte . Ich stand am Waldrand und sah das schöne Limmatthal im weißen Nebel verdämmern , Melancholie und Träumerei beherrschten die versteinte Welt . Unsichtbare Vögel , unsichtbar in den dichtverschneiten Zweigen gaben schwache , träumerische , verhaltene Laute von sich . Wie starre Korallen standen die niederen Gesträuche am Bergeshang , und plötzlich war mir , ich gehe auf dem Grunde des Meeres und sehe sie dort wachsen , abenteuerlich und vielgestaltig , die Korallen . Ich ging und ging und dachte : ja , wie auf dem Grunde des Meeres ; so abgetrennt und verschollen , allein , kaum noch lebend ! Wie lange hab ' ich mit niemand gesprochen . Meine eigne Stimme ist mir fremd geworden . Der Nebel um mich stieg langsam höher und höher , schon verhüllte er den Weg , den ich eben gegangen . Aber nun ward das Gefühl der Einsamkeit köstlich , trotz eines leichten Grauens . Ich spürte heftiges Herzschlagen , und es zog mich wie mit Armen immer tiefer in den Wald , über den der Nebel ganz heraufrückte , als gelte es , das Geheimnis zu verhüllen , das zwischen den lautlosen Bäumen lagerte . Eine Offenbarung wollte mir werden , ich fühlte es . Ich blickte zur Sonne hin , ich suchte sie zwischen dem weißverwirrten Astwerk , da - plötzlich glühte sie auf wie eine Rose , der weiße Nebeldunst färbte sich warm , aus der Rose sprühten zuckende Funken , Flammen schlugen über den Himmel hin , lohten und stiegen empor , verklärt und verklärend , - - eine unbeschreibliche Glückseligkeit durchdrang mich - - Worte umklangen mich , - - kühne , unbegreifliche , und so wie aus weiter Ferne , aber mit hellem , hinreißenden Ton , - - Worte , die ich nun wieder suchen muß , mein ganzes ferneres Leben lang ! » Ein neuer Morgen für die Menschheit « - » ein neuer Morgen für die Menschheit « - - oh , wer dürfte diese Worte vollenden , ohne zu zittern , - oh , wessen Lippen sind rein genug , sie ohne Zagen auszusprechen ! 1. Januar 1888 . Zum erstenmale schreib ' ich die neue Zahl . Sie sieht gutmütig aus , scheint mir . Ach , ich kann es brauchen , ich bin so bekümmert und so unsicher , was ich thun muß ! Diese Begegnung mit Fräulein Bernburg und ihre Zurechtweisungen alle - ich bin also auf ganz verkehrtem Weg und habe dies Semester vollständig verloren ! Schrecklich ! Schrecklich ! » In den Ferien gedenken Sie sich auf die Matura vorzubereiten ? Sie scheinen also nicht zu wissen , was alles dazu gehört ? Können Sie zum Beispiel über das Nervensystem der Ameisen etwas Zusammenhängendes sagen und die Geschichte auch an die Tafel zeichnen ? Na , und Trigonometrie ? Die haben Sie noch nie gehabt ? Ja , was denken Sie denn aber , daß Sie da nur so eins , zwei , drei in den Ferien hineinspringen können ? Sind Sie denn sonst in mathematisches Genie ? Ich kann Ihnen nur raten : geben Sie die Vorlesungen auf , die helfen Ihnen noch gar nichts , nehmen Sie Privatstunden , setzen Sie sich energisch dahinter , und seien Sie froh , wenn Sie in einem Jahr Ihr Maturitätsexamen machen können , das kommt Ihnen sonst nur alles durcheinander . Ich weiß , wie ' s mir geht ! Sie sind immatrikuliert , aber wozu ? « Sie hat ' s also auch noch nicht , und trotzdem studiert sie schon . Wenn ich nur nicht so schüchtern - dumm wäre , hätte ich sie gefragt , warum sie mir so rät und sich selber anders ; aber es ist doch gleichgiltig ; mir scheint , ihr Rat ist vernünftig . Wäre er nur früher gekommen ! Zeit und - Geld verloren , und ich habe so wenig von Beidem ! Nein , die Kollegien besuch ' ich nach wie vor , es ist keine Gefahr , daß ich alles wieder vergesse , - ich glaube nicht . Privatstunden kann ich erst später nehmen , die sind zu teuer ! Nein , ich muß mich allein vorbereiten . Aber ich habe die Sache wirklich zurückgeschoben , vernachlässigt , und ich hatte doch extra dem Rektor versprochen , die Matura bald zu machen . Wie ist nur das gekommen ? Ich schäme mich so ! Nein ! vom Nervensystem der Ameisen weiß ich so gut wie nichts - oh Gott ! Aber das kann man ja lesen , das kann man ja lernen . Es ist ja auch sehr interessant ! Aber man wird doch nicht nach den Ameisen allein gefragt - es giebt ja entsetzlich viele Tiere ! Und dann - Pflanzenphysiologie , sagt sie ? Ich habe keine Ahnung ! Und alles ginge noch gut , alles , wenn nur die Mathematik nicht wäre . Latein erschreckt mich kein bißchen , Geschichte geht auch , aber Trigonometrie ! Wo soll ich anfangen ? Himmel , all die verlorene Zeit ! Und die Nervensysteme aller Tiere ? Aller ? Es giebt doch so viele ! Nein , wie entsetzlich ! Zum Lehrerinnenexamen hat man so wenig Naturgeschichte gefordert . In unsern dummen Mädchenschulen lernt man ja nichts . Ein Jahr ! ein ganzes Jahr für diese Vorbereitung ! Macht anderthalb mit diesem verlornen Semester ! Es ist zum Verzweifeln . Und die gequälte Mama , die kaum vor Papa verbergen kann , daß sie mir Geld schickt . Einmal wird er es erfahren , und dann ist ' s aus ! Was ich dann thun soll - ? - Nein , noch will ich nicht daran denken , sonst verliere ich die Energie . Das ist ein trauriger Anfang für das neue Jahr . Ja , warum haben wir eigentlich keine Schulen , wie die Knaben ? Warum fertigt man uns unglücklichen Mädchen ab mit einer Vorbildung , bei der wir weder leben noch sterben können ? All die großen Gymnasien mit den unzähligen Zimmern , und kein Plätzchen darin für ein Mädchen , das etwas lernen möchte ! All die mächtigen wissenschaftlichen Anstalten , all die uralten berühmten Universitäten , und nirgend ein Raum für uns Armen ! Nur hier ! nur hier ! Oh wie ich dich liebe , du einziges , teures , gerechtes , liebes Schweizerland ! Ich möchte deinen gastlichen Boden küssen , der auch für uns arme Mädchen Gastlichkeit kennt ! Hier lebe ich ! hier darf ich ein wirklicher Mensch sein ! Alle Erfolge der Wissenschaft , alle neuen genialen Entdeckungen und Erfindungen , die daheim nicht für uns Frauen in Betracht kommen - hier hab ' ich Teil daran , obgleich ich nur ein Mädchen bin . Hier sind mir mitgerechnet . Oh wie ich dankbar bin ! Ich hab ' es schon als Kind gefühlt , wie ungerecht man uns behandelt . Mit wieviel Hohn . Unser Aufsatzlehrer hatte diese Phrase : » Frauen sind Kinder , die lernen doch nichts ! « Als ich es zum erstenmale hörte , wurde mir sehr heiß , ich bekam vor Zorn und Scham Herzklopfen , ich mußte tief auf mein Buch sehn , - und so grenzenlos wunderte ich mich : » Warum sagt er das ? Kinder ? Ewig Kinder ? Wieso denn ? Alle Frauen ? « Wir hatten grade Iphigenie gelesen ; wo ich ging und stand sah ich eine herrliche weiße Priesterin vor mir , ganz in Licht , so groß und so gut . War Iphigenie auch nur so ein Kind , das nichts lernen kann ? Und die Prinzessin im Tasso ? Und Dorothea ? Beim Mittagessen - ich weiß es wie heute , - ward Papa böse , weil ich ganz verkehrte Antworten gab . » Schläfst du ? « rief er dicht an meinem Ohr . » Nein , « sagte ich , ganz erschrocken . » Was steckt dir denn im Kopf ? Gleich sag , woran denkst du so vertieft ? « » An Iphigenie , « sagte ich noch erschrockener . Da kopfschüttelte er , warf die Gabel hin und seufzte schrecklich . Es war ein trauriges Mittagessen . Mama war auch sehr ungehalten , ich weiß nicht weshalb . Aber ich konnte eigentlich nicht dafür , ich dachte noch lange vor dem Einschlafen an Doktor Reinsdorf und an Iphigenie . - Er sagte den Satz bald wieder . Ich sah sein Gesicht an dabei ! Es war ganz verkniffen , und in seinen Augen spielte eine böse Flamme . Er sagt es , um uns zu ärgern , dachte ich , er glaubt es selber nicht . Wir waren vierzehn Jahr alt und konnten uns nicht wehren . Wir sprachen nicht darüber in der Klasse , aber wir fühlten es wohl alle , wie er uns behandelte . Ich träumte davon , daß ich ihm das nächstemal sagen wollte : » Wenn wir nichts lernen können , warum quälen Sie sich mit uns ab ? « Aber ich wäre wohl eher gestorben , als daß ich es gesagt hätte . Dann bekam ich unvermutet von Onkel Wilhelm Geld zu Weihnacht und kaufte mir heimlich Shakespeare dafür . Papa und Mama durften nichts wissen , nur dir , meine süße Mutter , erzählte ich alles , und du schaltest mich nicht . Weißt du , wie ich dir von Cordelia und Desdemona , von Imogen und Beatrice geschrieben hab ? Wie ich dir gesagt hab , glückselig , frohlockend : » Doktor Reinsdorf weiß gar nichts von Mädchen , - Goethe und Shakespeare , die wissen es ! « - Später dann hab ' ich gesehn , daß sehr viele Männer denken und sprechen wie unser Aufsatzlehrer , und daß ihre Handlungsweise ihren Reden entspricht . Sie wollen alles für sich behalten und sagen deshalb : » Frauen sind Kinder , lernen doch nichts ! Keine Schulen für sie ! keine Universitäten für sie ! « Und dabei sind ihre Gesichter verkniffen , und Bosheit und Hohn blitzt in ihren Augen . Ich aber habe nicht aufgehört und will nicht aufhören , mich an denen zu trösten , die es besser , die es einzig gut wissen : an den größten Dichtern aller Zeiten ! - - Was nützt mir nur mein Lehrerinnenexamen ? Ich habe hundertfünfzig Gesangbuchlieder auswendig gelernt . Ich habe sehr viel Kirchengeschichte gehabt . Auch sehr viel preußische Geschichte ! Vielleicht erlaubt man mir bei der Maturitätsprüfung statt Differentialrechnung die hundertundfünfzig Gesänge aufzusagen und statt über das Nervensystem der Ameisen über irgend eine Synode zu sprechen ? Einen Wert müssen die Sachen doch haben , da man sie uns so eifrig beigebracht hat ! » Was man nicht hat , das eben brauchte man , Und was man hat , kann man nicht brauchen ! « 12. Januar . In der strahlenden schneeblauen Beleuchtung gehen die Menschen umher wie kranke , gelbe Schatten , wie Gespenster , so , als ob sie gar nicht hineingehörten . Es schneit immer noch , aber dabei schleicht langsam die Sonne über den Schnee . Mir ist so sonderbar schläfrig und gleichgültig , ich möchte mich unter die weißbehangene Hecke ducken , das Kleid überm Kopf , wie ich es als Kind so gern that und schlafen - schlafen - bis wieder die Schneeglöckchen läuten . Wenn wir uns bequemten , zu thun wie die Bären und Fledermäuse , so einen langen , dauerhaften , ununterbrochenen Winterschlaf hielten - wieviel Spannkraft könnten wir aufspeichern ! Schlafen , schlafen und dann - im ersten Frühlingssturm wach ' ich auf , schüttle mir die dürren Blätter aus dem Haar und den Schlaf aus den Augen , springe auf die Füße und - hui - wie der Wirbelwind den Hügel hinab ! Die Beine sind noch etwas starr , die Gelenke eingerostet , die Stimme will nicht jauchzen , wie sie soll . Denn jauchzen soll sie , laut und gell ! und alle grünen Grasspitzen , die sich aufrichten , küß ' ich im Vorüberrennen , und der Sonne werf ' ich Kußhände zu und bin ganz geblendet und närrisch vor Freude ! Und nun erst die Menschen ! Alle alle hab ' ich lieb ! Alle kenn ' ich sie ! In allen schlägt mein eignes Herz ! Und alle sind sie wie ich , verwundert , fröhlich über die Maßen , geblendet , närrisch und liebevoll . Guten Morgen , guten Morgen , ihr aufgewachten Seelen ! Wie fühlt ihr euch ? Gelt , die Welt ist schön ? Alles neu , alles wieder geschenkt , und wir alle so jung ! Die Aeltesten von uns gleich jungen Kindern ! Da fliegt ein Zitronenfalter , habt ihr gesehn ? Ha , wie die schwarzen Wolken rasen und der Regensturm über das grüne , sprießende Gras schmettert ! Heissa ! wie schön ! Sengende Sonne und tiefblauer Himmel , schräger , schimmernder Regenfall , flatterndes , drohendes Gewölk - alles untereinander , das bin ich ! Welt , ich bete dich an ! Frühling , du bist mein Geliebter ! Oben tanzen leuchtend die Sterne vor Lust , und drunten schlingt sich über die Ebenen , über die Hügel der frohe Menschenreihn , der Frühlingsreihn , das Fest der Auferstehung , das Fest der auferstandenen Kraft und Liebe ! Oh so könnte es sein , wenn wir den Winterschlaf hielten , statt in dem strahlenden Schneeblau herumzuwandern , vermummt und verschnupft , wie kranke , gelbe Gespenster , und wenn das Fest der Erneuerung kommt , müde und stubenverhockt und verständnislos das langersehnte Wunder an uns vorüberziehn zu sehn , das nur die Unmündigen noch bejauchzen und die Narren ! Ende Januar . Heut Morgen war ich , unbefugter Weise , im botanischen Laboratorium . Ganz zufällig , aus Neugier bin ich hineingeraten , da die Thür des Vorzimmers weit und einladend offen stand , und niemand drinnen zu hören war . Es hat mir so unmenschlich gut gefallen , da drinnen . Ich kam um acht Uhr in die Universität , kaum