folgten bald dem Beispiel ; überall erhoben sich bleiche Gesichter von der Tafel , glühende Augen starrten fassungslos in die kommende Welt der Erlösungen : wie wenn ein scheuer Sklave plötzlich die Freiheit empfängt und in wilder Zügellosigkeit sich selbst zerfleischt und seine eigene Habe zerstört . Männer , die schon an der Schwelle des Greisentums standen , gebärdeten sich wie Faune . Weiber mit grauen Haaren gaben sich beklagenswerter Verirrung hin . Die Thelsela Knöcker trank fast ohne auszusetzen schweren Burgunderwein , lallte mit kindischer Stimme hebräische Worte von der Messiasbraut , bis sie besinnungslos zu Boden sank . Es waren junge Mädchen da , die sich einer rasenden Liebesgier überließen , als wollten sie damit die Jahre der Entbehrungen in ihrem Gedächtnis verwischen . Manche sahen aus wie Furien , die lechzend von Lust zu Lust wankten und sich schamlos in finstern Lastern begruben . Geschrei , Ächzen und schrilles Johlen herrschte und eine scheußliche Musik wurde ausgeübt von fünf betrunkenen Spielleuten . Dazwischen erhob sich ein düsterer Gebetskanon , den drei oder vier Männer in einer dunklen Ecke hersagten , oder ein fanatischer Schrei um Erlösung , der von einem Haus in einer fernen Gasse erwidert wurde . Michel Chased , der Chassan , hatte die Gesetzrolle von der Schul geholt und tanzte damit umher wie mit einer Geliebten ; er trieb eine lächerliche und furchtbare Unzucht , und als er keuchend , die andern gleichsam um Atem bettelnd , hinstürzte , bohrte er eine stählerne Nadel tief in den Oberarm , daß dunkelrotes Blut auf die Gesetzrolle und auf den Boden rann . Boruchs Klöß , Wolf Batsch und die Rumpeln knieten hin und leckten und schlürften winselnd das halbgeronnene Blut , indes der Chassan stumm und steif in die Arme seines Sohnes sank . Zwei junge Leute sahen den bleichen Zacharias Naar durch den Raum gehen , beschwörend die Hände heben und wieder verschwinden . Auch der alte Thurathara , dessen gerötete Augen stets wie aus einem dünnen Spalt hervorblinzten , hatte die Erscheinung wahrgenommen und behauptete , jener habe ein wunderschönes blasses Kind auf den Armen getragen und lächelnd und heiter habe das goldlockige Geschöpf in das schreckliche Treiben geschaut . Der alte Seligman Schrenz wollte die Blöße seiner Tochter bedecken , wollte sie mit seinem Mantel umhüllen ; aber jauchzend , mit halbgeöffneten Lippen lief die schwarze Noemi davon , warf sich in die Arme ihrer Freundin , der Schwester des Schulklopfers , und die beiden Mädchen küßten sich , warfen sich zu Boden und drückten ihre fieberheißen Körper aneinander . Ein Haus weiter lag der Maier Lambden mit seiner Familie auf den Dielen ; denn sie schliefen nicht mehr in Betten . Bei Tage hüllten sie sich in Tücher von grobem Stoff und hörten nicht auf , zu beten . Es gab Männer , die sich des Schlafes gänzlich enthielten und sich Tag und Nacht mit dem Studium des Gesetzes befaßten , denn durch die Tikkunim in der Mitternachtsstunde wurden die Sünden verwischt . Maier Wolf , genannt der Fünkler , und sein Bruder Samuel Fünkler gingen des Morgens bei dem kühlen Herbstwetter hinaus und badeten im Fluß , um ihren Leib zu reinigen . So stieg und stieg die Erregung der Gemüter , und es war bald ein gewöhnlicher Anblick , wenn einer nackend durch die Gassen taumelte und sich geißelte , bis sein Körper über und über mit Blut bedeckt war . Als am Freitag Serapion die Glocke die zehnte Abendstunde schlug , kam die Familie des schönen Joseph auf dem Lilienplatz zusammen und vier junge Männer trugen den Grabstein vom Schwedendenkmal hinweg . Es war eine Menge Menschen dabei : Frauen und Kinder , die sich mit farbigen Tüchern geschmückt hatten und Freudengebete sangen . Auch viele Männer hatten sich eingefunden . Im langsamen , schmalen Zug schritten sie dem Gottesacker zu , an der Spitze die vier mit dem Stein , der mit goldbestickter Samtschärpe umwunden war . Der Mond lugte über das Dach der Michaeliskirche und es war , als müsse man überall erst die feinen Nebel zerreißen , bevor man hineingehen konnte in die blaue Nacht . Über dem Fluß , weit hinunter bis an ferne Waldgrenzen lag der Dunst gleich einem weißen Gewölbe oder wie die lange Säulenhalle eines Schlosses . Rote , dumpfe Flecken , wachte dort und da ein rätselhaftes Licht . Das Wasser rauschte und nichts Bewegtes war zu sehen , außer den lichten , fast blendenden Wolken am Himmel und dem jüdischen Zug an der Straße . Da sie sich den Mauern des Bes Chajim näherten , kam aus dem weitgeöffneten Tor ein Weib mit aufgelösten Haaren gelaufen und stammelte , oft unterbrochen durch staunende , erschreckte Ausrufe der Zuhörer , ein Geist schwebe über die Gräber und singe wunderbare Weisen und rufe : Messias , o Messias , o Sabbatai , Stern der Höhe ! Alle blickten angestrengt hinüber . Der Gräberort lag ausgebreitet an einer Hügelsenkung und die zahllosen Grabsteine gaben ihm ein phantastisch zerklüftetes Aussehen . Darüber hinaus die nebelschimmernde Ebene , baumlos , häuserlos , einem Meer ähnlich , darin einsame Dörfer wie Toteninseln lagen . Die Juden bemerkten nichts von dem gemeldeten Geist , überwanden ihre natürliche Furchtsamkeit und schritten ängstlich und zaudernd durch das Tor . Vorsichtig zogen sie den breiten Hauptweg entlang , immer spähend , zum Grab des schönen Joseph . Am mutigsten waren die Knaben ; sie sangen ein Lied vom Stolze Zions , und ihre köstlichen frischen Stimmen erfüllten weithin die Nacht . Das Grab lag an der westlichen Mauer , die hart an den Schindanger der Christen stieß , und wo auch die verurteilten Verbrecher hingerichtet wurden . Deutlich war die alte Veste mit ihrem düsteren Wald sichtbar und ein flötender Hornruf klang herein . Der Totengräber kam und Obadia Änsel Steinblaser trat als Vorbeter heraus , um die im Schulchan Aruch vorgeschriebenen Gebete zu sagen . Aber er fing nicht an ; Minuten vergingen und weil die hinten Stehenden sein Gesicht nicht sehen konnten , drängten sie sich gierig vor . Einige verwünschten schon die Furcht vor den Christen , die sie veranlaßt hatte , die Zeremonie zur Nachtzeit vorzunehmen , und viele Weiber schlossen die Augen , um nichts sehen zu müssen . Als aber Obadia Änsel noch immer keinen Laut von sich gab , näherten sie sich ihm so dicht sie konnten , und nun sahen sie , daß er mit aufgerissenen Augen und leichenfahlem Gesicht beständig nach einem Punkt starrte . Sie folgten seinem Blick und sahen eine weibliche Gestalt bei einem Weidenbusch mitten unter den Steinen stehen . Die Stille tödlichen Schreckens entstand , als ob alle auf einmal zu atmen aufgehört hätten ; leise und eindringlich erscholl eine Mädchenstimme von dorther , eine Melodie in einem fremden Rhythmus und einer fremden Sprache . Der Totengräber und der Rabbi Seligman in der Clauß waren die mutigsten , und da es doch eine menschliche Stimme war , die sie vernahmen , so folgten schließlich auch die andern Männer , dann die Kinder und zuletzt die Frauen . Niemand erkannte Zirle in dem jungen Mädchen . Nur mit einem Hemd bekleidet stand sie da und schien doch nicht zu frieren . Wer sie so gewahrte , mußte im Innern jedes Leiden mitfühlen , das sie bedrückte . Aber es war etwas Listiges in ihrem Schmerz und etwas Begehrliches in ihren klagenden Augen . » Was willst du hier ? liegt wer von den Deinigen hier begraben ? « fragte Änsel Steinblaser flüsternd . Ein junges Weib bot ihr ein wollenes Tuch an , aber Zirle wies es schweigend zurück . » Hört , was ich euch erzählen will , « sagte das Mädchen und flüchtige Schauer überliefen sie , während sich alle dicht herandrängten . » Ich bin im Kloster gewesen und Nonnen haben mich gelehrt , an Jesus Christus zu glauben . Aber als Kind war ich Jüdin und meine Heimat war im Polenland . Eines Tages sind die Christen über uns hergefallen und unsere Betten schwammen in Blut . Vater , Mutter , Brüder und Schwestern sind aufs grausamste erschlagen worden . Die Häuser brannten , Frauen und Mädchen wurden in den Tempel gesperrt und kamen in den Flammen um . Ich hörte ihr Röcheln und Wimmern , als ich in einem Stalle versteckt lag . Die Zeit verging . Und wenn ich gleich Christengebete unter Christen sagte , ich vergaß nichts , ein Jude vergißt nichts ! Wieder eines Tags entlief ich und Zigeuner nahmen mich auf . Ich lebte bei ihnen wie in einem bösen Traum und von Stimmen umgeben , die mich riefen in der Nacht . Der Bräutigam wartet , riefen sie , er breitet seine Arme aus und wartet ; er ist mehr als Jesus Christus , er ist selber Gott . « » Und gestern war es , gen Morgengrauen , da kam mein Vater zu mir im Schlaf . Der Herr der Heerscharen hat dich zur Braut des Sabbatai bestimmt , sagte er . Du sollst ihm entgegengehen , denn er ist der Stern , der aufgegangen ist aus Jakob , wie es in der Bibel steht . Den ganzen Tag war ich voll Angst und konnte nicht Ruhe finden . Und heute lag ich , da kam wieder der Geist meines Vaters und faßte mich mit seinen Händen an und trug mich hierher . « Sie streifte das Hemd zurück und zeigte Nägelspuren an ihrem Leib , wo die Hand des Vaters sie gepackt hatte . Oberhalb der rechten Brust und an der linken Hüfte waren blutige Schrammen . Ein langes Schweigen entstand . Sonderbare Scheu hielt jeden ab , das junge Mädchen anzureden . Stille Schwärmerei , fanatische Gläubigkeit , geheimnisvolle Extase und die Taumel der Bacchanterei , das alles hatten sie gesehen oder gefühlt . Aber das offenbare Wunder , so dicht vor ihren Augen , machte sie verdutzt und erfüllte sie mit Angst . Eine schwarze Menge tauchte in der Richtung des Tores auf und kam mit dumpf-unruhigem Gemurmel näher . Am Leichenhaus zündeten sie Fackeln an , die einen blutigen Glanz über die Gesichter warfen , und deren Rauch die Mondscheibe verdüsterte . Von der Senkung des Hügels kam Zacharias Naar herauf , nahm Zirle bei der Hand und sagte laut und vernehmlich : » Führe sie , Tochter Zions ! Alle , die da kommen , werden sich dir beugen . « In den Gassen des Hofmarkts war die Nacht zum Tag geworden . Überall standen aufgeregte Leute . Von Ottensoos , Schnaittach , Unterfarrnbach und Hüttenbach waren die Juden hereingekommen . Niemand wußte , wie sich das Gerücht so schnell verbreitet hatte , zu Fürth habe sich Außerordentliches auf dem Gottesacker begeben , jede Stunde sei unerschöpflich an neuen Geschehnissen . Zwei Juden , Samuel Ermreuther und Nachman Sandel Mahler , markgräfischer Schulklopfer , hatten große kostbare Teppiche auf der Straße ausgebreitet und sie mit Blumen bestreut : Rosen , Nelken und Orchideen aus dem Treibhaus einer vornehmen Gärtnerei . Girlanden hingen an den Fenstern , und goldene und silberne Leuchter standen auf den Simsen . Höher und höher , sturmflutgleich , stieg der Aufruhr der Gemüter . Da war ein kluger und vielgereister Jude , namens David Tischbeck , ein Bruderssohn des Wolf Bieresel ; er erzählte , daß überall in deutschen , österreichischen , italienischen und spanischen Landen ein so wüster Taumel , eine so entsetzliche Verwirrung herrsche , daß niemand wisse , ob nicht sein Nachbar , sein Weib oder sein Kind in Wahnsinn verfallen sei . Es war , als sei die Luft selbst zu betäubendem Wein geworden , und wer da atmete , wurde auch trunken . Könige begannen für ihren Thron zu zittern . Im ersten Schein des Frührots ging Zacharias Naar am Haus des Ober-Rabbi vorbei , wo noch die Lichter brannten . Erstickte , gequälte Rufe , wilde Schreie , leidenschaftliche Gebete , schmerzliches Stöhnen drangen heraus . Naar ging versonnen seinen Weg weiter , hinaus gegen Westen , wo die Häuser bald im Morgendunst verschwanden . Der hagere Mann mit seinem spitzen , dütenförmigen Hut , der nach der Vorschrift jener Zeit orangegelb mit weißem Rand war , schritt unter den tiefhängenden Ästen der Bäume dahin und die braungewordenen Blätter gerieten in leise Bewegung , wenn der Judenhut sie streifte . Zacharias Naar ließ sich unter einem Apfelbaum nieder und starrte ins Morgenrot . Die Ebene schien sich zu recken und zu dehnen , und der Schlaf flog auf von ihr in Gestalt der Raben und Krähen . Der Wanderer zog eine schwarze Tafel und einen Stift aus dem Gewand und mit träumerisch zaudernden Fingern formte er Buchstaben und Worte immer bestimmter und rascher . » Mein Mund ist schwer wie der Mund eines Mörders . Mein Geist schreit nach dir . Der blasse Morgen drückt deine zitternden Lider zu , da du kommst . Du liegst schon schlafen , und ich küsse im grünlichen Schein der Nachtwende dein Gewand . Kraft , Kühnheit , Stolz und Genugtuung sind nichts mehr vor dir . Soll ich lächelnd an den kommenden Morgen denken , wenn du enteilst ? Die Liebe schreitet jauchzend der Finsternis zu und verachtet den Regentag . Was ist im Himmel und auf Erden , außer der Liebe , Leib der Leiber und Schoß aller Schoße ! Die heimliche Glut der Erdbrust wohnt in dir . Ich gehe durch die Dämmerung , wo die Wetter schlummern , in die jahrlose Einsamkeit der großen Ewigkeiten hinab . Ich gehe , Gott zu suchen . « Hastig fuhr der Stift wieder über das Geschriebene und machte es unleserlich . Dann wischte Naar alles mit feuchten Gräsern wieder weg und schaute bitteren Mundes hinaus ins Land , über dem die Sonne kam . Zum zweitenmal nahm er den Stift und schrieb bedächtig , bei jedem Zug den Stift gleichsam in die Tafel eingrabend : » Ist ein Gott in diesem leeren All ? Ich will ihm schreien , ich will ihm die Glut meiner Seele opfern . Ist ein Gott , daß er die Unbill räche , die Kränkung des Stolzes , daß er den Höfling demütige ? Ist ein barmherziger Vater , der das Feuer stillt , wenn es des Armen Dach beleckt ? Der den Schläfer auf nackter Erde bewahrt , dem frierenden Hund eine Hütte gibt ? Ich rufe dich , Ewiger und deine Welten verneinen dich , deine Sonnen verleugnen dich . Ich suchte dich und nirgends fand ich dich . Die Himmel sind echolos , wenn ich dich rufe , schweigend starren die Wälder . Allein bin ich gegangen im Angesicht der Nacht und die Dunkelheit war mein Mantel und meines Kummers Kleid ; breit ist das Meer und tief , und maßlos dehnen sich die Himmel , aber du bist nicht . Jahrtausende verschwinden wie ein Lächeln und wer gut ist verdirbt und die Falschen und Treulosen werden zu Propheten . Aber laß es laufen , das Volk , laß es springen zu den Kammern des Todes . Wo bist du Gott ? Bist du , wo das Jahr zeitlos ist , und die Unendlichkeiten zusammenschrumpfen wie Leichname ? Bist du , wo die Sonne aus dem Westen steigt und der Mond aus Brunnen strahlt ? Bist du beim Gastmahl der Toten und hast du den neuen Morgen der Welten verschlafen ? Ach wo lauf ich hin ? Der Himmel ist nur in mir . Wo ist Raum für meine Seele ? « Als er fertig war , zerschmetterte Zacharias Naar die Tafel am Baumstamm und streute die Trümmer in alle Winde . Dann erhob er sich und ging den Häusern zu . Im Schindelhof begegnete ihm ein Zug jüdischer Männer und Frauen mit Kerzen in den Händen . Vier Jungfrauen trugen einen Purpurbaldachin , unter dem ein Knabe und ein Mädchen trippelten , beide noch Kinder . Sie sollten einander vermählt werden , denn es war der Glaube jener Zeit , dadurch den Rest der noch ungeborenen Seelen in die Leiblichkeit eingehen zu lassen und so das letzte Hindernis zum Eintreffen des Gottesreiches zu beseitigen . Die Kinder , deren Namen Benjamin und Eva waren , hielten sich fest an den Händen , und ihre Augen standen voll Tränen ; wenn sie sich einander anschauten , so geschah es gleichzeitig , und sie lächelten dabei schwermütig wie Menschen , denen eine Strafe bevorsteht , der sie nicht entrinnen können und die sie auch nicht verdient haben . Plötzlich bedeckte sich Evas Gesicht mit einer glühenden Röte . Die schwarze Noemi kam mit ihrer Freundin nackt die Gasse heruntergelaufen und trotz der frischen Herbstmorgenluft schienen ihre Körper heiß zu sein von Tanz und Ausschweifungen . Schier besinnungslos , doch graziös wie Gazellen liefen sie dahin und in jedem Laut ihres Mundes war etwas Bacchantisches . Die kleine Eva wußte sich nicht zu helfen vor Scham ; in heller Verzweiflung schlang sie einen Arm um den Hals des Knaben , und mit der freien Hand bedeckte sie seine Augen . Der sonderbare Brautzug kam in ein buntes Gewühle . Über den Gärtnerplatz ging eine Kinderprozession und jedes Kind trug einen Teller südländischer Früchte , oder Schalen mit Wein oder Backwerk . In diesen Tagen des Wahnsinns ging auch kein Christ im weiten Umkreis seinen Geschäften nach , und keiner , wie mächtig er auch sein mochte , versuchte den leidenschaftlichen Brand , der unter dem verachteten und verhaßen Judenvolk ausgebrochen war , zu dämpfen , oder gar zu verspotten . Fremde Musikanten kamen des Wegs , ( es wußte niemand woher ) , und spielten auf Instrumenten , die man vorher niemals gehört . Alles war zauberisch , überirdisch , aufregend und bestürzend . Unerhörtes begab sich auf dem Platz vor dem Pfarrhof . Dort nahm ein junges und schönes Mädchen die symbolische Handlung vor , deren Deutung war , daß auch die Tiere eingehen sollten in das messianische Reich . Die Zeremonie geschah mit einem mächtigen Hunde und das junge Mädchen sang dabei wilde Lieder und schrie verzückt . Die Zuschauer waren wohl entsetzt oder erschüttert oder verwundert , aber sie empfanden es gleichwohl als einen religiösen Vorgang von tiefer Feier . Mit bleichen Wangen standen sie umher und zitterten vor Grauen . In der Synagoge blies man das Schofar , und es klang wie ein einsamer Weckruf in alle Gassen , hinweg über alle Häuser , - wie ein Ruf aus den dunklen Tiefen der Kabbala . Eine Krone auf dem Haar , kam Zirle einher , mit einem Gefolge wie eine Fürstin . Wer sie sah , glaubte an sie wie an den Erlöser selbst . Ein junger Christ namens Wagenseil , der Sohn des Pfarrers , folgte ihr wie behext auf Tritt und Schritt . Schließlich sang er das Lob des Sabbatai fast in dichterischen Worten und Zirle erhörte ihn , noch ehe der Tag zur Neige ging . Ihr Wesen war ohne Schüchternheit ; sie hatte etwas Glänzendes in jeder Gebärde . Die Männer verloren alle Vernunft , wenn sie vor ihnen stand , und die Glorie der Messiasbraut gab ihrem Wort ein unwiderstehliches Gepräge . Sie kam zu den Fastenden und Betenden und richtete sie auf . Denn manche wälzten sich tagelang wie Würmer auf der Erde , enthielten sich jeglicher Nahrung , oder sie hockten regungslos in den feuchten Winkeln unterirdischer Gewölbe , hatten Visionen , » strahlende Nächte « , wie sie sagten , fromme Gesichte , widerstanden so den Verlockungen des Satans und erfüllten zur Nachtzeit die Luft mit ihren Klageliedern . Ohne zu erlahmen studierten sie alle Bücher der Kabbala , alle Seiten des Talmud nach neuen und wunderbaren Deutungen ; ihre Weiber , wenn sie nicht zu den Orgien gingen , ergaben sich einem grenzenlosen Fanatismus , stellten sich auf den Markt unter viele Leute , stachelten zu nutzlosen Grausamkeiten und nutzlosen Versündigungen auf und fluchten den Christen bitter . Die Kinder waren sich selbst überlassen , Säuglinge schrien umsonst nach der Mutterbrust und starben bald . Hunger und Überfluß , Prunk und Erbärmlichkeit reichten einander die Hände . Es fand kein regelmäßiger Gottesdienst mehr statt , und wenn man gemeinsam vor dem Altar betete , schrie , forderte , triumphierte , war es einer Schändung des alten Gottes gleich . Zigeuner zogen umher und vermehrten das Unheimliche und die Verwirrung . Der Papst und der Kaiser schickten wie in alle Städte auch hierher Beamte und Abgesandte , die unverrichteter Sache wieder ziehen mußten . Die freie Stadt Nürnberg entbot einen Hauptmann und fünfzig Reiter , aber den Hauptmann samt seinen Reitern sah man noch am selben Abend wüst johlend durch die Gassen taumeln . Am Fluß oben , gegen Buch zu , wohnte ein ehrwürdiger christlicher Mann von bedeutender Gelehrsamkeit . Er kannte gründlich die klassischen Sprachen und befaßte sich auch mit Astrologie und Alchymie . Die Leute behaupteten , er habe den Stein der Weisen gefunden und ihn für einen unermeßlichen Schatz an den Großtürken abgegeben . Er wurde befragt , was er von all dem Sturm und Aufruhr halte , und da sagte er : » Der Jüd ist ein tolles Tier . So ihr ihn aus dem Käfig laßt , frißt er euch auf mit Stumpf und Stiel . So er aber im Käfig bleibt , ist er zahm wie ein Hund . Viel Verstand hat der Jüd und er ist wie ein Blindschleich . So du ihn entzwei hackst , kriechen zweie hinweg . « Niemals stand die Anarchie drohender über den Völkern , als zu dieser Zeit der Dämonie und der Ekstase . Da die Nachricht eintraf , die Juden von Frankfurt , Worms und Mainz rüsteten sich zum Aufbruch nach Zion , entstand eine Erregung , die mit einer langen , inbrünstigen Andacht zu vergleichen war . Alle Sehnsucht hatte nun ein Ziel bekommen , und jeder einzelne beschloß , dem Rufe des Propheten zu folgen . An demselben Tage , es war Allerseelen , lag Rahel auf ihrem Bette und starrte stumpf-gleichgültig durch das Fenster in den Abendhimmel . Das Haus war leer ; die Schritte mochten darin nachhallen , denn die Dielen knisterten oft von selbst . Rahel hatte die Mutter schon seit zwei Tagen nicht gesehen , der Vater war seit dem Morgen fort . Niemand hatte sich in der letzten Zeit um sie gekümmert , und keine der jüdischen Frauen kam mehr , um stundenlang bei ihr zu sitzen . Aber darüber dachte sie nicht nach . Sie war froh , daß wieder die Nacht kam . Als es dunkel war , trat Maier Nathan ins Zimmer . Sein Wesen war verstört , und bisweilen brach er in kurzes meckerndes Lachen aus . Beim Schein eines Öllichts zählte er sein Geld nach und vergrub später einen Kasten mit Perlen und Schmucksachen im Hofe neben dem Brunnen . Erhitzt von der Arbeit , schnaufend und pustend kam er zurück und setzte sich neben seine Tochter , das Kinn auf den Griff des Spatens gestützt . Er seufzte , fuhr mit den Fingern in die Haare , schnitt Grimassen , sprang endlich auf , warf den Spaten heftig von sich , focht mit den Armen in der Luft umher und brach in ein glucksendes Weinen aus . Rahel rührte sich nicht . Sie war daran gewöhnt , seit Zirle erschienen war . » Schadai , Schadai voller Gnade ! « rief der Knöcker aus . » Ich habe die himmlische Stimme gehört , ich hab sie doch sicherlich gehört mit meinen Ohren . Gott soll mich strafen , aber mein Rahelchen ist doch keine Hur ! « Er kniete vor Rahel hin , streichelte mit der Hand ihre Haare und stammelte : » Mein Rahelchen , mein gutes Jeleth , mein Engelchen . Mise meschinne über die Narren , daß sie an die falsche Braut glauben . Sterben sollen sie den Tod durch Aussatz . « Und er erhob sich und rannte wie gepeitscht davon . Die Nacht war stürmisch . Die Winde kamen von Süden , und draußen in der Ebene gurgelte es wie in einem Strudel . Der Mond grinste fahl durch geborstene Wolken , und es war , als ob er selbst sie zerrissen hätte und sie aufgelöst vor sich her triebe . Gegen Mitternacht kam ein Herbstgewitter . Flatternde , schwere , lichtsaugende Nebel fielen nieder , und die Blitze fuhren hinein mit einem süßgelben Leuchten . Rahel sah zu , und ihr wurde bitter in der Kehle vor Grauen ; in der Ferne heulten die Hunde . Rahel war müde . Was da draußen vorging in der Welt , sie kümmerte sich nicht darum . An nichts glaubte sie , mitten in einem Haufen von Wahnsinnigen blieb sie ruhig und nachdenklich . Doch hatte sie Furcht vor der Zukunft . Was soll aus dem Kind werden ? dachte sie , und was aus mir , wenn sie alles erfahren ? Gegen zwei Uhr , das Gewitter hatte sich verzogen , rief das Schofar die Juden in den Tempelhof . Zacharias Naar verlas einen Brief des Sabbatai an seine Braut Zirle , die er Zilla nannte . Es war ein feuriges und sinnlich überschwengliches Liebesgedicht , und es hieß zum Schluß , daß er sie samt ihrem Volk , den Lebenden und denen , welche von den Toten auferstehen würden , am siebzehnten Tag des Monats Tamuz zu Salonichi empfangen würde . Darauf stellte Zacharias Naar drei Fragen an die schweigende Gemeinde : Ob sie mit Gut und Blut sich dem Messias ergeben wollten ? ob sie die Mühen und Beschwerden der langen Wanderung nicht scheuen wollten ? ob sie ohne Murren und Weigern die Göttlichkeit der Messiasbraut anerkennen und ihren Befehlen folgen wollten ? Ein bebendes Ja aus vielen hundert Kehlen antwortete . Nun trat Zirle in die Mitte des Kreises , hob ihre Arme verzückt zum Himmel , und ihr leidenschaftliches Gebet ließ die Zuhörer erglühen vor Sehnsucht und Begierde nach dem Neuen , Großen , Wundervollen , das für sie bereit war . Noch wußten sie nichts , was ihnen Sicherheit gab , aber mehr war es , zu glauben und dem Kommenden begeistert entgegen zu leben . Jauchzend wollten sie ein Land verlassen , das nur Verachtung und unmenschliche Grausamkeit für sie gehabt hatte . Es schien leicht , alles hinter sich zu werfen , wenn im Osten die Triften der ererbten Wohnsitze lockten , wenn ein königlicher Prophet sie zum unverbrüchlichen Bunde rief . Hier war kein Vaterland für sie und konnte es niemals werden , wie sich auch die Zeiten wandeln mochten . Die Ältesten der Gemeinde erklärten sich zum Aufbruch bereit ; bei Anbruch des Tages sollte mit den Vorbereitungen begonnen werden . Plötzlich sprang Maier Knöcker , der Nathan , schreiend auf Zirle zu , packte sie bei den Haaren und riß sie zu Boden . Die andern Juden hätten ihn sicherlich in Stücke zerrissen , wenn nicht sein Weib , die Thelsela und die tugendsame Treinla , des Rabbi Man Ehewirtin , sich über ihn geworfen und flehentlich um sein Leben gebeten hätten . Gleich fernem Brandschein zeigte sich der erste Streifen des Morgenrots und hoch in der Luft zogen Vögel mit zirpenden Schreien dahin . Als Maier Knöcker nach Haus kam , fand er seine Tochter schlafend . Aber es bedurfte nur einer leisen Berührung und sie erwachte . Ihr Blick war scheu , verstört und furchtsam . » Gebenscht , ich hab se zugericht , « sagte der Nathan mit stumpfsinnigem Frohlocken . » Unbeschrien ich hab ' r die Haare ausgerissen , der falschen Braut . « Er sah seine Tochter durchdringend an , schüttelte bekümmert den Kopf und fragte die Thelsela , wie lang es noch dauern könne bis zu Rahels Niederkunft . Geistesabwesend erwiderte das arme Weib , sie wisse das nicht ; jedenfalls aber noch vier bis sechs Wochen . Gegen Mittag kam der Ober-Rabbi mit finsterem Gesicht und fünf Älteste begleiteten ihn . In harten Worten stellte er den Knöcker zur Rede und gab schließlich Zweifel darüber zu erkennen , daß Maier Nathan die himmlische Stimme gehört habe . Der Knöcker begann zu weinen . Sein leidenschaftlicher Protest und die schwermütige Bestätigung der Tatsache durch die Thelsela stimmten den Rabbi milder und Chajim Chaim Rappaport meinte in seiner wohlwollenden Art , man könne ja doch das Ende der Schwangerschaft abwarten ; auch sei es nicht ausgeschlossen , daß dem Messias zwei Bräute bestimmt seien , obwohl Zacharias Naar ein Gegner solchen Glaubens sei . Wenn Maier Knöcker sich auf den Gassen blicken ließ , sah er sich mit Mißtrauen beobachtet , und seine ehemaligen Freunde gingen ihm aus dem Weg . Nur die ameisenhafte Geschäftigkeit , die überall herrschte , schützte ihn vor Schlimmerem . Doch hatte er nirgends Rast . Ein wühlender Schmerz über die ungeordneten Zustände bedrückte ihn . Er suchte nach der Reihe seine Schuldner auf und keifte überall und drohte mit dem Landrichter . Dann eilte er wieder schnellen Laufs nach Hause , in die Kammern , zu seinen Kostbarkeiten und Pfandpapieren . Da er sich von allen verachtet fand , nahm die Liebe zu den Schätzen zu , wie auch ein gewisses trotziges Vertrauen in die Mission seiner Tochter , und mit zorniger Ungeduld erwartete er die Ankunft der gottgeweihten Enkelin , überzeugt , daß es dabei an himmlischen und weit erkennbaren Zeichen nicht fehlen werde . Änsel Obadja und Hutzel Davidla standen am Abend des vierten November tuschelnd unter einem Haustor und gaben ihren Sorgen Ausdruck über die Vernachlässigung jeglichen Gottesdienstes . » Wenn es sich zuträgt , daß viele trinken werden , « sagte Hutzel Davidla zitternd und seine Mausaugen schauten glitzernd gegen Himmel , » dann hat unser Herrgott uns strafen gewollt . « Davidla gebrauchte das Wort trinken und meinte damit den Tod , denn die Juden reden ungern vom Sterben , und schon im Talmud Ketuboth steht die Redensart vom Trinken . Ein gelehrter Chronist , der zu