eine köstliche Sommergartenblume ! ihr hoheitsvolles Bild eingegraben in sein Gedächtnis , daß es dastand in leuchtender Schöne , wie von eines Raphael , eines Tizian Hand gemalt , tagsüber , wo er ging und stand , im Dunkel der Nacht selbst , wenn er das schlummerlose tief in die Kissen drückte , damit Klara , die nebenan mit den Kindern schlief , sein verzweifeltes Stöhnen nicht hörte ! Die gute Klara , die nicht ahnte , was Furchtbares das unselige Weib in seinem Herzen angerichtet hatte ! Und daß , wenn er sich von dem Graus lösen konnte - und er war jetzt sicher , er zu können - er es ihr und ihr allein verdankte ! Denn an dem Empfang , den die hochmütige Aristokratin seiner Gattin zu bereiten gewagt hatte , war er zur Besinnung gekommen . Ah ! dies verächtliche Zucken der Nasenflügel ! Dies hohnvolle Lächeln ! Diese demütigende Herablassung , mit der sie der Ärmsten dann schließlich doch die Hand gereicht - oder waren es nur ein paar Finger ? - Wenn er ihr das vergaß - und daß er selbst in dem Moment für sie Luft gewesen - verflucht wollte er sein in diesem Leben und in jenem , wenn es eines gab ! Nun ja , er hätte die Vorstellung unterlassen können . Wenn er es nicht gethan , die sich Sträubende fast zu dem Schritt gezwungen hatte , so war es doch aus einem Gefühl heraus gewesen , dessen er sich nicht zu schämen brauchte . Er wollte durch diese Gesellschaft nicht als ein Komödiant gegangen sein , der , mit einer Frau hinter sich , die Rolle des flotten Junggesellen spielt . Und ihr , der er gesagt hatte , daß er ärmster Bergleute Sohn sei , weshalb ihr die Dorfschulmeistertochter unterschlagen , mit der er da oben auf den Bergen gespielt und Vogelnester gesucht und sich verlobt , als er auf die Universität ging ; und der er Treue bewahrt die langen , langen Jahre unendlicher Arbeit durch Hunger und Kummer , bis er sie endlich als sein eheliches Weib heimführen konnte . Hatte er es denn je zu bereuen gehabt ? Nein , und tausendmal nein ! Wie einfach und unscheinbar sie sein mochte , - das war für ihn Axiom : es gab keine bravere Frau , keine sorgsamere Mutter ; keine , die ihn inniger liebte , es so treu und ehrlich mit ihm meinte , wenn auch manchmal ihre Formen zu wünschen ließen und ihre Rede hätte gewählter sein können . Was brauchte sie , der es stets ernst war mit dem , was sie sagte , Worten nachzujagen ? Traf sie darum nicht doch immer den Nagel auf den Kopf ? Hatte sie es nicht wieder diesmal gethan , als sie für sich die Einladung zu dem Ball nicht annehmen wollte und sagte : wenn Du es den Leuten schuldig zu sein glaubst und Du Dir etwas von dem Verkehr in dem Hause versprichst , - obgleich ich nicht recht sehen kann , was , und mit großen Herren ein für allemal schlecht Kirchen pflücken ist - nun , so gehe in Gottes Namen hin ; aber mich laß zu Haus ! Ich passe nicht dahin . Wenn Du eine Frau wolltest , mit der Du Staat machen konntest , hättest Du eine andere heiraten müssen . Ich gehöre ins Haus und in die Kinderstube . Unter all den feinen und geputzten Leuten werde ich eine traurige Rolle spielen und Dir nur im Wege stehen , wenn Du auch meinst , Du könntest mich so mit durchschleppen , und man würde mich Dir Deinethalben abnehmen . Ja , das hatte er gemeint , wenn er sich auch weislich gehütet hatte , es zu sagen . Er hatte gemeint : man wird es Dir in den Kreisen zur Ehre anrechnen , daß Du , der Du zu ganz andern Ansprüchen berechtigt bist , treu zu der kleinen , unscheinbaren Frau hältst . Es ist wahr : während der Stunde bei Tisch hatte er sie in dem Taumel seines Entzückens vergessen , bis die Rede auf seine Abstammung kam , er vielmehr die Rede darauf brachte , um nun von seinem bescheidenen Lehrerhaushalt zu sprechen und dem Vivitur parvo bene des Horaz und seiner guten , kleinen Frau . Und gerade da mußte die Tafel aufgehoben werden ! Gerade in dem Moment , als das aristokratische Eisen zu glühen begann , es nur vielleicht noch eines geschickten Schlages bedurft hätte , daß der Funke heraussprang : ich muß Ihre Frau kennen lernen ! Die Frau eines Mannes , wie Sie , kann nicht anders als eine Elite-Natur sein , die ich zu meiner Freundin machen , die ich lieben werde ! O , des Thoren , der er gewesen war ! des jämmerlichen Thoren , der sich eine volle Stunde lang am Narrenseil hatte führen lassen , um - dahin geschickt zu werden , wohin die Narren gehören ! Gut ! es war ihm eine Lehre gewesen , die er nicht wieder vergessen würde . Von Stund an wollte er nur seinem Berufe leben . Und wenn er auch das Träumen nicht würde lassen können - wer kann dem Seidenwurm verbieten zu spinnen ! - er wollte fürder nie wieder in diese Schwäche verfallen ; sich immer bewußt bleiben , daß die Wirklichkeit Wirklichkeit ist und die Träume Träume sind ! Und nur ein unklarer Kopf beide durcheinander mischt ! Er war kein unklarer Kopf - er nicht ! - Es war inmitten eines solcher Selbstgespräche , die Albrecht in diesen Tagen endlos hielt , daß Auguste , der Familie Mädchen für alles , ihm ein Briefchen brachte , dessen Aufschrift von unbekannter , offenbar weiblicher Hand sein Herz schlagen machte . Bereute sie die kalte Grausamkeit , mit der sie ihn verabschiedet hatte ? wollte sie Abbitte leisten ? Sollte er ihr verzeihen ? Mit bebenden Händen erbrach er das Billet , hastig nach der Unterschrift blickend : Stephanie Sudenburg ! Also nur eine neue Einladung ! Mit Dank abgelehnt ! Selbstverständlich ! Nur daß der Brief für eine bloße Einladung ein wenig lang war ! Was also will man von mir ? Hochgeehrter Herr Professor ! Darf eine Gesellschaft junger Leute , die eben in strengster Heimlichkeit unter meinem Vorsitz bei uns tagt , sich in ihrer Rat- und Hilflosigkeit an Ihre bewährte Güte wenden und Sie bitten , Ihren Geist über ihr leuchten zu lassen ! Ich will Sie und mich nicht lange mit der Vorrede aufhalten und gleich zur Sache kommen . Heute über vierzehn Tage ist Papas - nebenbei sechzigster - Geburtstag . Es ist der lebhafteste Wunsch von uns Kindern und unsern Freunden , den Tag durch eine Festlichkeit zu feiern , von der wir annehmen dürfen , daß sie Papa ein Vergnügen bereiten wird . So weit sind wir alle einig ; aber es scheint , wir kommen ohne die Beihilfe eines superioren Geistes darüber nicht hinaus . Deshalb unser - wiederum einmütiger und einstimmiger - Appell an Sie . Raten Sie , helfen Sie uns ! Daß Sie es können , wissen wir alle ; daß Sie es wollen , daran zweifelt niemand . Wir geben uns ganz in Ihre Hand ; Sie werden an uns eine willige , gehorsame Gefolgschaft finden . Noch eines ! Da der liebe Papa in seiner grenzenlosen Bescheidenheit dergleiche Ovationen - so sehr er sich nachträglich daran freut - grundsätzlich ablehnt , sind wir willens , vielmehr gezwungen , wenigstens so lange als möglich unser Vorhaben vor ihm geheim zu halten . Ein häufiges Zusammenkommen der Verschworenen - das doch jedenfalls nötig sein wird , und ja auch eigentlich der Hauptspaß bei der Sache ist - würde ihm zweifellos auffallen . In dieser Verlegenheit hat sich Frau Hauptmann von Meerheim ( Mauerstraße 8 part . ) freundlichst erboten , uns bei sich aufzunehmen . Wie ich von der liebenswürdigen Dame erfahre , haben Sie , hochgeehrter Herr Professor , sowohl ihre als auch des Herrn Hauptmanns , wenn auch nur flüchtige , Bekanntschaft neulich auf unserm rout gemacht . Sie beide freuen sich sehr , Sie bei sich zu sehen und bitten mich , Ihnen ausdrücklich zu sagen , daß Sie von einer vorhergehenden Visite dispensiert sind . Wie hochwillkommen uns Ihre verehrte Frau Gemahlin wäre , im Falle sie an unsern Kindereien Geschmack fände , bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung . Unsere nächste Zusammenkunft ist auf morgen ( Sonnabend ) , 8 Uhr , abends anberaumt . Wir hoffen zuversichtlich auf Ihr gütiges Erscheinen ; speciell bitte ich um eine möglich umgehende Zeile , die uns unsere Zuversicht bestätigt . Die ich mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung und Bitte um Empfehlung an Ihre verehrte Frau Gemahlin bin Ihre ergebenste Stephanie Sudenburg . P.S. Frau von Sorbitz , die mir fortwährend über die Schulter sieht , verlangt die Hinzufügung , daß sie mit dem Inhalt dieser Kritzelei nicht nur völlig einverstanden sei , sondern das Verdienst beansprucht , als die erste in unserer Versammlung Ihren Namen genannt uns auf die absolute Notwendigkeit , uns Ihrer Hilfe zu versichern , hingewiesen zu haben . Als ob das nötig gewesen wäre ! Indessen will ich hiermit der Schmeichlerin , da sie gar so schön bittet , den Gefallen gethan haben . D.O. Albrecht hatte den in einer zierlichen Handschrift geschriebenen Brief in atemloser Hast durchflogen , bei dem Postskript hatten die Hände , die den Brief hielten , heftig gezittert . Also doch ! Er ließ das Blatt auf den Odyssee-Kommentar fallen , in welchem er , als das Mädchen eintrat , eine Notiz für die Lektion heute gesucht hatte ; sprang auf ; fing an , mit großen Schritten in dem kleinen Zimmer hin und her zu gehen ; blieb vor dem Spiegel stehen , um ein paar Momente höchst aufmerksam sein Gesicht zu betrachten und dann abermals seine Wanderung zu beginnen . Also doch ! Keine bunten Seifenblasen ! keine täuschenden Träume ! Was er in den großen stolzen Augen zu sehen geglaubt hatte , es war wirklich der Wiederschein des Feuers gewesen , das in seiner Seele brannte ! Denn von ihr allein ging dies aus - die Nachschrift , die köstliche Nachschrift bewies es ja deutlich ! Nicht für ein Königreich hätte er diese Nachschrift hingegeben ! Kein Mensch würde an ihn gedacht haben ; aber sie , sie hatte mit ihrer schönen , kühlen , weißen Hand die Gelegenheit bei der Stirnlocke ergriffen - die Gelegenheit , mit ihm wieder zusammen zu kommen , mit ihm wieder beisammen zu sein , nicht einmal ! wiederholt , eine vorläufig unabsehbare Reihe von Malen - man weiß ja , wie es bei dergleichen herzugehen pflegt ! wie unersättlich die Leute nach Proben und immer wieder Proben sind ! Eine kleine , weinende Stimme , die aus dem zweiten Zimmer neben dem seinen kam , ließ ihn den schon erhobenen Fuß wieder niedersetzen und verstört um sich blicken . Klara ! Wie sollte er ihr das beibringen ? plausibel machen ! Sie würde ihn auslachen ! Nein , auslachen nicht ! Sie nahm ja alles ernsthaft - Gott sei es geklagt ! Aber um so schlimmer ! Die gründliche Beweisführung , daß er ein Narr sei , wenn er sich darauf einließ , und den vornehmen Herrschaften abermals nach der Pfeife tanzte ! Er konnte ihr doch nicht sagen : nein , Schatz , diesmal liegt die Sache anders . Diesmal handelt es sich um - ja , großer Gott , um was denn ? Ja , um das ! Um das einzig und allein ! Darum , mir den Beweis zu führen , daß ich kein thörichter Knabe bin , der sich durch ein paar heuchlerisch gütige Blicke aus schönen Augen , ein paar schmeichelhafte Worte von Sirenenlippen um sein bißchen Verstand bringen läßt . Ja , Du tapferer Griechenheld , Du sollst mein Vorbild sein ! Würden die Menschen noch heute von Dir singen und sagen , wärest Du daheim in Deinem kleinen Ithaka geblieben , mit dem Vater Laertes Reben planzend und dem göttlichen Sauhirten Wirtschaftsfragen erörternd , anstatt Dich durch die Welt zu schlagen , vieler Menschen Städte und Sinn kennen lernend , ja , und auch viele Leiden erduldend in Deiner Seele ? Die vor allem ! Ohne Leiden keine Leidenschaft ! Ohne Leidenschaft keine Größe ! keine Erfolge ! kein Ruhm bei dem kommenden Geschlecht ! Jacta est alea ! Er setzte sich an den Arbeitstisch , schob den Odyssee-Kommentar auf die Seite und schrieb mit fliegender Feder an Stephanie , daß er es sich zur Ehre schätze , dem verehrten Sudenburgschen Hause seine schwache Kraft zur Verfügung zu stellen . Zu der auf morgen abend anberaumten Zusammenkunft werde er sich pünktlich einfinden . Sollte er Klara gleich jetzt von der Sache benachrichtigen ? Es war besser , wenn er ihr mit einem fait accompli gegenüber trat . Mochte sie dann ihre Philippika halten ; an der Sache war nichts mehr zu ändern . Er mußte in die Schule . Angezogen war er bereits - nur noch den Überzieher und Hut und Handschuh . Noch heute morgen hatte er sich in seiner zerknirschten Stimmung gesagt , daß mit dem neuen Leben , welches er beginnen wolle , auch der Kleiderluxus - der einzige freilich , dessen er sich schuldig machte - aufhören müsse . Nun kam ihm doch die gewohnte Sorgfalt seiner Toilette zu statten . Er konnte nach dem Schluß der Schule um zwei Uhr , wie er ging und stand , seinen Besuch bei den Meerheims machen . Der Besuch war ihm freilich erlassen . Aber diesen Aristokraten gegenüber muß man in der Beobachtung der Form lieber ein wenig zu viel thun als zu wenig . Als er das Haus verließ , sah er , noch einmal emporblickend , Klara mit dem Baby am Fenster stehen . Er winkte mit der Hand hinauf ; Klara ließ zur Antwort Baby auf dem Arm tanzen . Sechstes Kapitel Ich komme Dir zu früh , sagte Klotilde , als sie in der Dämmerstunde des nächsten Abends bei Adele eintrat . Niemals , rief Adele , ihrer Cousine Hut und Mantel abnehmend . Gott , Herz , was für ein reizendes Kleid ! natürlich funkelnagelneu ! Funkelnagelneu aus einem Ausverkauf bei Gerson . Und wie das sitzt ! rief Adele , Klotilden wie eine Modellpuppe herumdrehend . Ja , wer so gewachsen ist ! Kunststück ! Du , was hat denn das gekostet ? Wenn ich es Dir sage , ist es mit Deiner Bewunderung vorbei . So lächerlich billig ! Aber kann ich Dir nicht helfen ? Ich bin eigens deshalb gekommen . In dem Kleide ? das fehlte noch ! Übrigens bin ich gleich fertig . Viel Umstände werden bei uns nicht gemacht , weißt Du . Das war die Bedingung . Was ich fragen wollte : wird die Frau Professor Winter auch kommen ? Er hat in seiner Antwort an Stephanie nur von sich gesprochen . Hier ist sein Brief , sagte Adele , an ihren kleinen Schreibtisch laufend und in einem Kasten kramend . Er hat uns gestern mittag doch seinen Besuch gemacht . Elimar war zufällig zu Hause . Die Herren führten eine schauderhaft gelehrte Unterhaltung , von der ich kein Wort verstanden habe . Er sagte , er könne noch nichts über seine Frau bestimmen ; wollte heute - na , wo ist denn - da ! Lies selbst ! das heißt : ich kann es Dir in drei Worten sagen : sie kommt nicht - die Kinder nehmen sie zu sehr in Anspruch - und so weiter ! Sie hatte den Brief wieder in den offen gebliebenen Kasten geworfen und sich zu Klotilden gewandt . Na , ehrlich gestanden , ich habe die Frau Professor nur ganz flüchtig gesehen - würde sie auf der Straße nicht einmal wieder kennen - aber ich glaube , viel verlieren wir nicht an ihr . Oder , glaubst Du ? Nein , keineswegs . Aber es wäre vielleicht doch gut gewesen - um des Professors willen . Ach , weißt Du , der sieht mir gar nicht so aus , als ob er an der Schürze seiner Frau besonders fest hängt . Er gefällt Dir nicht ? Nicht besonders . Ich mag diese geschniegelten Männer nicht . Nur - Nur was ? Warum hast Du eigentlich darauf bestanden , daß er eingeladen wurde ? Wir wissen doch noch gar nicht , was wir wollen . Das soll er uns eben sagen . Aber dazu hatten wir doch schon die beiden Künstler . Gott sei es geklagt . Was haben sie denn bisher gethan , als sich zanken ? Das werden sie heute wieder thun . Damit kommen wir nicht weiter . Meinetwegen . Mir ist alles recht . Aber Herz , nun mußt Du mich wirklich für ein paar Minuten entschuldigen . Du siehst , ich bin noch in der Küchenschürze . Nur ein paar Minuten ! Mach ' es Dir unterdessen bequem ! Hab ' keine Sorge ! Und übereile Dich nicht ! Adele war aus dem Zimmer ; Klotilde hatte sich in einen Fauteuil sinken lassen und richtete sich wieder auf , als Adele den Kopf zur Thür hereinsteckte . Du , kommt Viktor nicht ? Nein . Er bittet um Entschuldigung . Hat zu viel zu thun . Diese Männer sind schrecklich . Die Thür wurde abermals geschlossen ; Klotilde lehnte sich wieder zurück , richtete sich von neuem auf , horchte nach dem Geräusch , welches über den Flur von der Küche her zu kommen schien , erhob sich und war mit ein paar schnellen Schritten an Adelens Schreibtisch . Ich muß doch sehen , wie er schreibt , murmelte sie . Sie hatte den Brief aus dem Kasten genommen ; auf dem Schreibtisch brannten bereits die beiden Lichter ; sie konnte bequem lesen . Es gab nicht viel zu lesen : fünf Zeilen . Und es stand auch nichts darin , als was sie durch Adele bereits wußte . Dennoch starrte sie mit zusammengezogenen Brauen auf das Blatt , als gäbe es da ein Geheimnis zu entziffern . Die Hand , in der sie es hielt , fing an zu zittern . Ärgerlich ließ sie es in den Kasten fallen . Ich weiß nicht , was das ist , murmelte sie . Das ist mir im Leben noch nicht begegnet . Im Leben hat mich noch nicht nach einem Menschen so gedürstet . Es ist positiv lächerlich . Aber sie lachte nicht . Die Brauen zogen sich nur noch düsterer zusammen , während sie , den Blick auf den Teppich geheftet , in dem Zimmer hin und wieder zu gehen begann . Und ich glaubte ihn mir ganz aus dem Sinne geschlagen zu haben - hatte es auch - drei oder vier Tage lang - da kam es wieder - mir that es so leid , daß ich ihn vor seiner Frau brüskiert hatte - die Frau selbst - eine grundehrliche Person , wie es schien , mit dem breiten Munde und der Stumpfnase - die reine Köchin - glaub ' s , daß er sich bei der unglücklich fühlt - seine Hände freilich - die stimmen zu der Köchin . Wenn der Mensch nur nicht so wunderschöne Augen hätte ! O , mon dieu , diese Augen ! Es ist ein Glanz drin , ein Feuer ! Eine Liebesglut - eine verhaltene ! Eine , die noch nie hat herauslodern können ! - Das ist gerade das Anziehende ! Diese anderen - Fernau - - Viktor - wie oft hat das da schon gebrannt ! - alles Asche ! - Und das quält sich denn ab , uns glauben zu machen , es brenne lichterloh ! pah ! - Aber so eine taufrische , jungfräuliche Liebe - ach ! ihn nur einmal , ein einziges Mal - Sie hatte es , immer hastiger schreitend , bald leiser , bald lauter vor sich hingemurmelt und blieb jetzt erschrocken stehen vor einem Geräusch aus dem Nebenzimmer . Elimars ! Er konnte doch nichts gehört haben ? Die Thür that sich auf , Elimar stand auf der Schwelle . Ach , gnädige Frau - Verzeihung ! ich sollte mich ja einer vertraulicheren Anrede bedienen . Ich hörte vorhin sprechen , konnte aber die Stimme nicht erkennen . Wo ist denn Adele ? Sie macht Toilette . Das pflegt bei ihr nicht lange zu dauern . Nun , und wir wollen heute abend endlich die Quadratur des Zirkels finden ? Ich setze meine Hoffnung auf den Professor Winter . Wenigstens scheint es , daß wir mit unserem Latein zu Ende sind . Ich glaube , es war ein Fehler von Fräulein Stephanie , zwei Kunstlöwen auf einmal in die Schranken zu fordern . Man hätte voraussehen können , daß sie sich einander auffressen würden . Ich habe mich halb tot gelacht . Es war lächerlich genug , obgleich doch im Grunde dieser völlig blinde Haß hinüber und herüber im Interesse der Kunst tief bedauerlich ist . Daran denkt unsereine nicht . Als ob Sie so , mir nichts , dir nichts , » unsereine « wären ! Was denn sonst ? Der Hauptmann zuckte lächelnd die Achseln . Bitte , bitte ! so kommen Sie nicht fort ! Ich will wissen , wie ich in Ihren Augen dastehe ; wofür Sie mich eigentlich halten ? Elimar war einen Schritt näher getreten und blickte aus seiner Höhe lächelnd auf sie hinab . Wie Sie in meinen Augen dastehen ? Nun , ich glaube einen lebhaften Sinn für Frauenschönheit zu haben ; da würde es vielleicht Ihre Bescheidenheit verletzen , wenn ich es sagte . Und wofür ich Sie halte ? Wollen Sie es wirklich wissen ? Ich bestehe darauf . Nun denn ! Für eine Frau , die mit ihren herrlichen Gaben des Geistes und auch des Herzens eine für Menschen ganz seltene Anwartschaft auf Glücklichsein hätte , wenn ihr nicht eines fehlte - Das ist ? Genügsamkeit . Was verstehen Sie darunter ? Die Einsicht , daß uns Menschen Vollkommenes nun einmal nicht wird und werden kann ; wir überall und zu jeder Zeit auf einen mehr oder weniger peinlichen Erdenrest gefaßt sein müssen und auf Kompromisse , die wir machen dürfen , ohne unserer Würde etwas zu vergeben . Das sagen Sie , weil Sie alles besitzen , was Sie wünschen . Umgekehrt : ich besitze alles , weil ich nichts wünsche . Auch nicht , in noch sehr absehbarer Zeit es bis zur Excellenz zu bringen ? Um ihre Lippen spielte ein so malitiöses Lächeln , aus den halb zugekniffenen Augen , die zu ihm aufblinzelten , flimmerte ein so drolliger Ausdruck - Elimar mußte lächeln , wie ernst es ihm auch zu Sinn war . Sie unverbesserliches Weltkind , Sie ! sagte er . Wer kann Ihnen bös sein ! Die Thür wurde aufgerissen ; Adele stürzte herein . Kinder , es hat geklingelt ! Gott sei Dank , daß ich noch fertig geworden bin ! Bis auf die Schleife , die entschieden an eine andere Stelle gehört , sagte Klotilde , an ihrem Anzug nestelnd . Meinst Du ? Na , stecke sie hin , wo Du willst ! Der Hauptmann von Luckow und der Landschafter Christian Wollberg waren zugleich gekommen ; dann erschien Stephanie in Begleitung ihrer beiden Brüder ; nach einer kleinen Weile der Legationsrat von Fernau mit dem Historienmaler Professor Hederich ; als der letzte , Albrecht . Klotilde war so in ein Gespräch mit dem Legationsrat vertieft - Adele mußte sie erst auf den Nachzügler aufmerksam machen . Ah , sagte sie , ihm die Hand reichend , wie lieb von Ihnen , daß Sie gekommen sind ! Haben Sie daran gezweifelt , gnädige Frau ? Offen gestanden : ich fürchtete , wir würden einen Korb bekommen . Weshalb ? Mein Gott , ein ernster Mann , wie Sie ! und solche Allotria ! Wir sind hier alles ernste Männer , gnädige Frau , sagte der Legationsrat . - Ich weiß nicht , Herr Professor , ob ich noch die Ehre - Schulmeister müssen ex officio ein gutes physiognomisches Gedächtnis haben . Gewisse Erscheinungen nicht zu vergessen , dazu gehört freilich weder Übung noch Kunst . Die beiden Herren waren gegeneinander von ausgesuchter Höflichkeit . Aber Klotilde hatte , als sie sich zu Albrecht wandte , in Fernaus dunklen Augen einen eigentümlich lauernd aufmerksamen Blick bemerkt . Ich werde sehr vorsichtig sein müssen , sagte sie bei sich . Wir sind alle zur Stelle , gnädige Frau , meldete Fritz Sudenburg Adelen in militärischer Haltung , die Hacken zusammenschlagend . Elimar ! rief Adele mit hilfeheischender Stimme . Meine Frau hat gemeint , es verschwört sich besser bei einer Tasse Thee . Darf ich die Herrschaften ersuchen , hier einzutreten , wo wir es nebenbei auch ein klein wenig weniger eng haben . Elimar hatte die Flügelthüren zu dem größeren dritten und letzten Gemach geöffnet , das in dem bescheidenen Haushalt für etwaige gesellschaftliche Zwecke reserviert war , und wo jetzt ein länglicher , sauber gedeckter , mit den nötigen Theesachen , Kuchen und belegten Brötchen besetzter Tisch für die Gäste bereit stand . Siebentes Kapitel Man hatte nach einigem Hinundherkomplimentieren Platz genommen ; Klotilde hatte es so einzurichten gewußt , daß sie Albrecht schräg gegenüber , zwischen Elimar auf der einen , Stephanie auf der andern Seite zu sitzen kam . Auch daß die beiden Künstler durch die Länge des Tisches voneinander getrennt waren , mochte kein Zufall sein . Adele hinter ihrer Theemaschine füllte die Tassen , welche Elimars Bursche , ein gewandter , heute abend in einfacher , kleidsamer Livree steckender junger Mensch herumreichte . Bald hatte sich um den Tisch herum eine lebhafte Konversation angesponnen über alles Mögliche , nur nicht über das , was der Gegenstand des Abends sein sollte , bis der junge Maler Wollberg , von einem Konvolut Radierungen und Zeichnungen , in welchem er emsig gewühlt hatte , sein struppiges Haupt erhebend , mit einer lauten Stimme in wenig verbindlichem Tone sagte : Ich dächte , meine Herrschaften , wir kämen endlich zur Sache . Viel Zeit habe ich so wie so nicht . Ich muß nachher noch in den Künstlerverein . Sofort war eine halb komische , halb peinliche Stille entstanden . Fast aller Blicke hatten sich , wie instinktiv , auf Elimar gerichtet . Adele setzte die Tasse , die sie eben auf Johanns Präsentierteller stellen wollte , wieder auf den Tisch und faltete mit niedergeschlagenen Augen die Hände in dem Schoß . Meine verehrten Damen und Herren , begann Elimar lächelnd - Hört ! hört ! rief Hans von Luckow , sich in seinen Stuhl zurücklehnend . Ich weiß wirklich nicht , wie ich zu der Ehre komme , fuhr Elimar fort . Es wäre denn , daß es schließlich einer von uns sein muß , der die Diskussion - nicht leitet , wozu ich keineswegs den Beruf in mir fühle - aber doch einleitet , was mit sehr wenigen Worten geschehen kann . Wir haben in unsrer letzten und bis jetzt einzigen Zusammenkunft - ich konstatiere das besonders im Interesse des Herrn Professor Winter , der nicht zugegen war - uns nach längerer Debatte dahin verständigt , daß das Stellen von einer Reihe sogenannter lebender Bilder unsern Zwecken am meisten und besten entsprechen würde , um so mehr , als wir uns bei diesem Vorhaben auf den maßgeblichen Rat und die sachkundige Führung zweier , gleich ausgezeichneter , dem verehrten Sudenburgschen Hause gleich wohlgesinnter und befreundeter Künstler verlassen können . Die Notwendigkeit , uns neben diesem künstlerischen Beirat auch eines litterarisch-poetischen zu versichern , wurde allgemein empfunden , und auf einen Antrag von geschätzter Seite dem Mangel abgeholfen durch Hinzuziehung einer Kraft , die uns jeder Sorge nach der beregten Seite überhebt . Doch wollen wir , wenn es den Herrschaften genehm ist , diesen Teil unsres Themas vorläufig in suspenso lassen und dafür die Herren Künstler ersuchen , uns die Vorschläge , über welche sie sich bis heute einigen wollten - Ein dumpfes Oho ! ertönte von dem Ende des Tisches , wo Herr Wollberg jetzt wieder seinen struppigen Kopf über die Kunstblätter gebeugt hatte , während von dem andern , wo Herr Professor Hederich in einem großen Album blätterte , ein sehr vernehmliches Räuspern kam . So wenigstens habe ich die Herren verstanden , sagte Elimar , von einem zum andern blickend . Es sollte mir leid thun , wenn - Darf ich um das Wort bitten , sagte mit sanfter Stimme der Professor Hederich , ohne die Augen von seinem Album zu erheben . Ich ebenfalls ! rief Herr Wollberg , den Kopf noch tiefer auf seine Blätter senkend . Also Herr Professor ! forderte Elimar freundlich den Akademiker auf . Ich wollte nur bemerken , begann dieser , sich mit seiner langen , dürren Gestalt vom Sitze erhebend , daß der Herr Hauptmann , was mich betrifft , durchaus richtig verstanden hat . Ich hatte und habe den aufrichtigen Wunsch , in dieser Sache mit dem verehrten Kollegen Hand in zu gehen . Leider ist ein zweimaliger Versuch , ihn in seinem Atelier anzutreffen , resultatlos geblieben ; und da der Herr Kollege seinerseits den analogen Versuch , der nebenbei keinesfalls resultatlos geblieben sein würde , anzustellen unterlassen hat - Wüßte nicht , was dabei hätte herauskommen sollen ! brummte Herr Wollberg . Vielleicht eben die von der Gesellschaft gewünschte Einigung , bemerkte Elimar in versöhnlichem Ton . An die im Leben nicht zu denken ist , rief Herr Wollberg . Mir deucht , das hätte den verehrten Herrschaften schon neulich einleuchten müssen . Ich stelle den Antrag , daß Herr Professor Hederich seine Vorschläge macht ; ich werde dann meine Vorschläge machen . Die wir doch aber , wenn es angeht - und es wird gewiß angehen