- - Abu Hischam spielte mit seiner Pelzmütze . Bald gab er ihr einen Puff mit der Faust , bald streichelte er das schwarze Fell . Er knillte die Mütz und preßte sie , hielt sie mit zwei Fingern an ein paar Haaren fest und ließ sie baumeln . Dann warf er sie ein wenig empor , fing sie geschickt wieder auf , schlug sie , wie man ein Kind schlägt , versuchte sie auch auszuwringen , wies die Wäscherinnen mit schmutziger Wäsche zu tun pflegen ... schließlich fuhr er sich mit der rechten Hand durch die wüst ins Gesicht hängenden Haare und klopfte gleich darauf dem Battany aufs Knie . Da ihm Jakuby gleichzeitig den Goldpokal reichte , so setzte er rasch seine Pelzmütz wieder auf den Kopf und trank hastig ... aber alsdann sprach er : » Battany , hör mal ! Du , Suleiman , paß auch auf ! Sagt doch ! Noch einmal ! Auf der Sternwarte ließet Ihr mich nicht ordentlich ausreden . Warum sollen wir denn nicht ? Ist es denn nicht wirklich an der Zeit , einen großen Gelehrtenbund zu gründen ? Alle Gelehrten müssen , wie ichs schon öfters empfahl , diesem Gelehrtenbunde angehören . Wir könnten uns vielleicht die aufrichtigen Brüder nennen - oder - oder - die lauteren Brüder ... Wie denkt Ihr darüber ? Könnten wir nicht einmal ganz in Ruhe die Sache überlegen ? Was ? Ein Gelehrtenbund muß es sein , und alle Gelehrten müssen dem Bunde angehören . Niemand darf fehlen . Auch die Tofailys dürfen nicht vernachlässigt werden . Werde nicht gleich wütend , Battany ! Schufte sind es zwar , doch trotzdem sind sehr viele feine Köpfe unter diesen Tofailys . Eigentlich müssen wir uns doch auch zu den Tofailys zählen . Gewiß , Battany ! Rede nicht ! Glaubs mir ! Boshaft sind ja die Schurken , wir sinds aber auch . Du kennst mich ja , Battany . Du wirst mich nicht mißverstehen . Was sagst Du , Jakuby ? « Jakuby versetzte mit seiner Fistelstimme : » Ich bin der Ansicht , daß eine so gänzlich abgeschlossene Stellung der Gelehrtenwelt dieser nicht zum Vorteile gereichen kann . « » Und ich « , warf Battany , verächtlich die Mundwinkel runterziehend , dazwischen , » habe mich niemals zu den Tofailys gerechnet . Ich pflege in andrer Weise die Genüsse der Erde durchzukosten - niemals in bezechter Bewußtlosigkeit . « Weiche feine Saitenklänge dringen aus den Gärten , die am Ufer liegen , auf den breiten Tigrisstrom hinaus . Auch eine Flöte ist zu hören . Abu Hischam fängt nach kurzer Pause wieder an - heftig - also : » Aber Prasser sind wir dennoch ! Jeder praßt nur in seiner eigenen Art. Ich mache mir auch nichts aus feinen Fressereien . Was gehts mich an , wie eine Torte schmeckt ... ich bin froh , wenn ich meinen Hunger stillen kann . Doch - genießen - prassen - will ich auch . Ich bin nur derber als Ihr . Wenn wir auch nicht so reich sind wie Du , lieber Battany , so bist Du doch nicht mehr als wir . Du bist ein Astronom , und ich bin ein Philosoph . Das heißt : wir sind zwei Gelehrte . Wir sind sämtlich Gelehrte . « » Außer Osman « , ruft Safur von der Spitze der Barke nach hinten hinüber . » Ganz recht , Safur « , sagt der Philosoph , » daß hier Niemand etwas vor dem Andern voraus hat - das ist also klar . « » Ja ! Ja ! « meint nun Jakuby liebenswürdig , » Dein Buch Der Zweifler scheint mir sogar sehr - höchst bedeutsam zu sein . Zwar - ich habe nicht alles verstanden ... « » Ich auch nicht « , schreit lustig Kodama , klopft dabei dem noch immer nicht so recht vergnügten Osman herzhaft auf die Schulter . Alle müssen lachen . Abu Hischam spielt wieder mit seiner Pelzmütz und schwenkt sie schließlich überm Kopf , damit die Andern wieder auf ihn aufmerksam werden . Kodama jedoch reicht dem Philosophen den Goldpokal ; der Philosoph soll erst wieder trinken . Nach dem Trunk läßt der sich aber nicht mehr behindern , er redet wieder - folgendermaßen : » Kommen wir also zum Schluß ! Sagt ! Seid Ihr jetzt nicht mit mir der Überzeugung , daß wir gezwungen sind , uns zusammenzutun ? Das Verbot des dummen Chalifen sagt doch genug . Die Nacht ist sehr schön . Die Möven krächzen . Wie segeln einer großen Zukunft entgegen . Der entscheidende Augenblick ist gekommen . Demnach ! Brüder ! Hört ! Wollen wir jetzt nicht gleich unsern Bund , den Bund der lauteren Brüder , in aller Form begründen ? Jetzt gleich muß es geschehen . Warum sollen wirs denn aufschieben ? « » Ihr wollt wohl eine neue Prassergilde schaffen ? « stößt nun aufgeregt der dicke Osman hervor . » Nein , wir wollen « , entgegnet Abu Hischam klug , » der Prassergilde eine Gelehrtengilde gegenüberstellen . Nicht wahr , Battany ? Bist Du nicht auf meiner Seite , wenn wir eine Gelehrtengilde gründen , die im vollen bewußten Gegensatz zur Prassergilde der Tofailys steht ? « » Du willst wohl nur « , wirft da höhnisch Kodama ein , » daß wir uns aufregen und demgemäß rascher zechen als sonst . Nimm ! Hier hast Du den Krug ! Keiner wehrt Dir heute mehr zu trinken als sonst . Ich trink auch immer mehr - immer mehr ! « Abu Hischam lacht und trinkt . Battany pfeift dazu . Jakuby räuspert sich - so verständnisinnig . Osman bricht aber in ein schallendes Hohngelächter aus , sodaß sich selbst der gutmütige Suleiman unwillig umwendet . Eine andere Barke , auch von Pechfackeln erleuchtet - wird dabei vorübergerudert - stromaufwärts . Eine tiefe Frauenstimme tönt dunkel und tieftraurig aus dieser Barke hervor ; ein südarabisches Totenlied hallt unheimlich übers Wasser hin . Battany und seine Freunde lauschen . Abu Maschar , dem vorn allmählich zu häufig die Wellen über Bord spritzen , geht jetzt in die Mitte des Kahnes und setzt sich dem Abu Hischam gegenüber . Kodama gibt einem Sklaven , der nicht schnell genug dem Sterndeuter Platz macht , einen sanften Klaps auf den Hinterkopf . Wie das südarabische Totenlied in der Ferne verhallt , ergreift Abu Maschar , der bisher ganz still war , etwas feierlich das Wort . Er spricht leise , fast flüsternd : » Warum sollen wir eigentlich einen neuen Geheimbund gründen ? Wir Gelehrten bilden doch bereits in der Menschenwelt eine so abgeschlossene Gesellschaft , daß wir diese auch schon einen Geheimbund nennen könnten . Sind nicht die alten Gesellschaftsformen , so wie sie sind , für unser Gesellschaftsbedürfnis vollauf genug ? Wer wüst prassen und zechen will , kann sich jederzeit unter die Tofailys begeben . Wer feinere Gesellschaftsgenüsse verlangt , findet sie bei unsrem gastfreien Battany auf schaukelnden Barken und auf unsrer Sternwarte . Sind nicht schon in den Verhältnissen , in denen wir jetzt grade leben , eigentlich sämtliche Glückserreger , die uns in den verschiedenen Augenblicken unsres Lebens unentbehrlich erscheinen , enthalten ? Was wir bedürfen , verlangen und wünschen , das können wir unter den augenblicklich obwaltenden Verhältnissen ebenso leicht und bequem erreichen wie in den erhofften anderen Zuständen , die wir immer erst schaffen müssen . Jedoch - wir haben garnicht nötig , etwas Neues zu schaffen . Alles , was wir wirklich brauchen , ist bereits da . Glaubt Ihr , die Welt könnte noch besser werden ? Glaubt Ihr , ein Geheimbund könnte jemals irgend etwas besser machen ? Die Welt ist , wie sie war - und - wird - so - bleiben . Wir haben keine Ursache , die sogenannte Entwicklung der Menschheit irgendwie zu fördern . Eine Entwicklung gibt es ja garnicht . Wir werden nicht klüger werden , als wir sind . Die Menschen werden nach tausend Jahren grade so klug und grade so dumm sein - wie wirs heute sind . « Abu Maschar hielt inne , seine Augen glänzten im grellen Fackellicht - wunderbar schön . Alle hatten aufmerksam zugehört . Safur und Suleiman sahen - - bewundernd den großen Propheten an ; den Dichtern paßte die Weisheit des großen Sterndeuters . Jakuby jedoch und auch Battany sträubten sich gegen diese Weisheit , hätten gerne gleich erwidert ... wenn sie nur gewußt hätten - wie - und was . Osman und Kodama fühlten sich auch nicht angenehm berührt . Kodama mochte nicht allzu viel nachdenken , liebte die längeren , umständlichen Erörterungen ganz und gar nicht - liebte die bequeme Kürze , den gedrungenen Witz , das abschneidende Schlagwort ... Und Osman - ja - der wußte nicht recht , ob Abu Maschar die richtige Persönlichkeit sein würde , den Abu Hischam mit seinem dummen Gelehrtenbunde mundtot zu machen . Der dicke Schreiber kannte den leicht erregbaren Philosophen sehr genau - so leicht war der nicht tot zu kriegen . Und richtig - es dauerte auch garnicht lange , und der Philosoph machte durch deutliche Hand- und Armbewegungen der Gesellschaft verständlich , daß er bereit wäre , dem Propheten mit kräftiger Lunge Bescheid zu sagen . Abu Hischam rief gellend - zornig mit den Fäusten gen Himmel drohend : » Prophet ! Der Unsinn , den Du uns da auftischen willst , schreit zum Himmel wie Abels Blut ! « Die Gesellschaft wird erregt . Die Sklaven blicken scheu zur Seite . Doch Battany wird plötzlich auch lebhaft . » Halt ! « stößt er heftig vor , » jetzt haben wir , dächt ich , für heute genug reden gehört . Sehr schöne Reden warens - sie waren nur leider zu schön . So was strengt an . Ich möchte was vorschlagen . Wir sind morgen abend bei Said ibn Selm zum Abendessen geladen . Wir könnten also morgen abend weiter reden . Überlegen wir uns bis dahin , wie wir dem weisen Abu Maschar am besten antworten könnten ! Seid Ihr einverstanden ? Ja ? Ich bin müde ! « Lautes » Ja ! « in den verschiedensten Formen tönt von allen Lippen ... erleichtert fühlen sich Battanys Freunde . Nur Abu Hischam murrt ein bißchen . Doch das geht vorüber . Die Sklaven verteilen schon die Wolldecken . Und Alle freuen sich auf den Schlaf . Die Fackeln werden ins Wasser geworfen . Die Sterne werden blasser und blasser . Die Sklaven ziehen die Segel ein . Der Steuermann dreht um . Und die langen Riemen heben plätschernd die Barke immer wieder höher , bringen sie langsam stromaufwärts - langsam . Dicht am Uferschilf rudern die Sklaven . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Auf Battanys Barke ist es mäuschenstill . Safur liegt in seiner Wolldecke auf dem Rücken und betastet mit den Fingern das Holz auf seiner rechten Seite . Er blickt zu den verblassenden Sternen hinauf und träumt von seiner Tarub . Das Boot schaukelt so wohlig , und die Augenlider fallen auch dem jungen Dichter zu . Er tastet im Traum überall umher . Bald befaßt er die Sterne , bald die Kochtöpfe . Dann träumt er , der Chalif hätte ihm befohlen , aller Menschen Nasen zu befühlen . Und er atmet sehr schwer , denn die Aufgabe dünkt ihn nicht leicht . Suleiman denkt an sein stilles Zimmer bei seinem alten Gärtner . Dort duften feine Reseden auf dem Tischchen neben der alten breiten Matratze . Und Rosenduft weht hernieder . Und junge Märchenprinzen beugen sich über das Lager des alten Suleiman - und der Rosenduft entströmt den kostbaren Kleidern der jungen Prinzen . Suleiman sinkt zurück - ihm ist , als läge sein Haupt mit seinem reinen weißen Turban in einem duftigen - Veilchenbeet . Laut schnarchen jetzt die Schläfer , die langsam - behutsam - fast lautlos nach Hause gerudert werden . Es wird Tag . Bagdad - die Stadt - erwacht . Der glühende Sonnenball taucht im Osten hinter der Stadt brennend empor . Hellauf glänzt die hohe Chalifenburg im strahlenden Tageslicht . An den Ufern des Tigris - in den Gärten der - Reichen wirds lebendig . Hübsche junge Sklavinnen baden hinterm Schilf - kichernd . Und der Tau blitzt auf allen bunten Blumen im Sonnenschein . Ein Morgenwind umsäuselt die ruhigen Palmen , die Schläfer und die kichernden Mädchen , die im Tigris - baden . Viertes Kapitel Und Safur lehnt an Tarubs Küchentür , er ruft mit seitwärts geschobenem Kopf : » Ich stünde nimmer ganz allein , Wenn ich ewig könnte bei Dir sein . « Doch die Tarub stemmt die Fäuste in die Seiten und sagt zornig : » Jetzt kommst Du erst ? Ist jetzt Morgen ? Die Sonne geht ja bald wieder unter . Ich lass mir das nicht mehr gefallen ! « » Tarub ! « erwidert wehmütig der Dichter , » sei nicht so böse ! Battany lud uns zu einer Kahnfahrt ein . Wir sind eben erst zurückgekehrt . Ärgre Dich nicht ! Nein ? « Tarub - schnell besänftigt - sagt rasch : » Na ja ! Ausreden hast Du immer - daran fehlt es Dir nicht ! « Bei diesen Worten hebt sie schon wieder geschäftig einen Kochtopf vom Feuer runter , stellt ihn auf die Platte und holt mit einem Blechlöffel vorsichtig das Fleisch aus dem Topfe heraus . Das Feuer schlägt lodernd in den rußigen Schornstein empor . In der Küche des reichen Said ibn Selm schaltet die Tarub wie eine Herrin . Sie wird fast rot vor Eifer . Der Dichter flüstert ihr ins Ohr : » Ja , ja ! sei nur schön ernst - das steht Dir gut - ich weiß ja . « Und da lacht Tarub über das ganze Gesicht . Safur aber greift nach ihrer Hand , die noch immer den Blechlöffel hält , berührt sehr demütig mit den Lippen die braunen Finger und sieht dann mit hoch emporgezogenen Augenbrauen unter seinem braun und blau gestreiften Beduinengewande zur lachenden Köchin auf . Tarub schüttelt vergnügt den Kopf , schreit aber plötzlich : » Nein - wie Du wieder aussiehst ! « Indeß das kümmert den Dichter , der nie an seiner Schönheit zweifelt , sehr wenig , denn er schließt seiner braunen Köchin den Mund mit einem Kuß . Safur wandelt alsdann in der mit roten Mauersteinen gepflasterten Küche langsam auf und nieder . Er schaut immer wieder Tarubs grünen Wollrock an , der wie ein Sack in steifen Falten den Körper umschließt . Der grüne Rock hängt an roten Lederriemen , die über die Schulter gehen und hinten sich kreuzen . Das weiße Leinenhemd , das den Oberkörper faltig umschließt , sieht auch sackartig aus . Ganz kurz sind die Ärmel des Hemdes , das so bläulich-weiß aussieht wie Kuhmilch , die verwässert wurde . Die kräftigen braunen Arme wirtschaften am Herde so eifrig herum , daß der für gewöhnlich nicht sehr lebhafte Dichter ganz überrascht ist durch diese flinken braunen Arme ... Die Tarub ist fest gebaut wie aus Erz . Ihr schwarzer Zopf fliegt bei jeder Bewegung bald nach rechts - bald nach links . Jetzt wendet sie das breite Gesicht zu ihrem Dichter . Ihre großen schwarzen Augen glänzen unter buschigen Brauen . Sie zeigt ihm ihre weißen Zähne , schüttelt sich das schwarze strähnige Haar aus der niedrigen Stirn und fragt leise : » Was ist Dir denn wieder in die Krone gefahren ? « Safur blickt seine Köchin nachdenklich an und sagt ernst : » Ich habe Hunger , Tarub ! « » Pfui ! « ruft sie da , » schämst Du Dich nicht ? Ein solcher Feinschmecker wie Du hat Hunger ? « Safur versetzt ernst : » Ein wahrer Feinschmecker ist niemals satt . « Tarub ärgert sich über diese Worte , sagt schnippisch : » Warum kamst Du denn nicht früher ? Jetzt , wo ich soviel zu tun habe , bist Du hier . Zieh doch den Vorhang fort ! « Safur zieht den safrangelben Vorhang vom breiten Fenster zurück und schaut in Saids grellbunten Garten hinein . Die Sonne scheint dem Dichter von links oben ein bißchen auf den Kopf und auch auf die rechts gelegene weiße Küchenwand , an der eine lange Reihe starker Messer mit prächtigen Griffen glänzend aufblitzt . Tarub geht dann mit ihrem Blechlöffel zu dem sinnenden Dichter , dreht ihn um und blickt ihn an , steht breitbeinig da und wackelt mit dem ganzen Körper lustig von rechts nach links und von links nach rechts - wie ein Bär . Und indem sie die Augenbrauen so hochzieht wie vorhin der Safur , fragt sie schmeichelnd : » Nu ? Na ? Was möchtest Du jetzt wohl essen ? Nu ? Na ? Sag ! Ja ? « » Alles ! « ruft da lachend der Dichter . Drob freut sich die Tarub , wackelt wie ein Bär durch die ganze Küche und spricht darauf sehr ernst , indem sie die Hände faltet : » Oh ! Oh ! mußt Du aber hungrig sein ! Setz Dich gleich da drüben auf die Bastdecke - schnell ! Ich werde vor Dir auch ein weißes Tuch auf die Erde breiten . Setz Dich ! « Safur setzt sich denn auch mit untergeschlagenen Beinen und zufriedenen Gesichtszügen auf die Bastdecke . Und Tarub breitet das weiße Linnenzeug auf den roten Ziegeln mit rasch bewegten Händen vor ihm aus . Danach bringt sie ihm das Essen . Sie erklärt : » Hier hast Du hartgesottene Steppeneier mit gelber Sonnentunke . Der Holzteller , auf dem die Eier ruhen , ist ganz neu und von einem ganz alten Beduinen am Rande geschnitzt . Und hier hast Du auf dunkelblauem Porzellan sauren Waldsalat ... Nachher gibts Bratfisch . Willst Du noch die Ölflasche ? « Safur bittet um die braune mit dem langen Halse . Und auf einem Wandbrett unter alten Kruken und Gläsern , Bechern und Näpfen findet die Tarub nach längerem Suchen auch diese braune Ölflasche mit dem langen Halse ... Safur freut sich drüber . Tarub auch - sie hebt die Lederriemen , an denen das grüne Wollkleid hängt , höher . Sie spannt die Sehnen des gedrungenen braunen Halses kräftig an , stößt das Kinn und die Unterlippe vor und sieht zu , wie ihr Dichter ißt . Sie hofft , Safur werde ihr so recht was Nettes über die gelbe Sonnentunke sagen . Der hört aber gleich wieder mit dem Essen auf und redet jetzt , die Finger der braunen Rechten groß ausspreizend , mit weicher Stimme : » Ich fühle mich so sehr wohl . Ein großes Wohlbehagen empfand ich soeben . Ich empfinde das jetzt noch . Kennst Du das auch ? Es war mir in meinem ganzen Körper so unbeschreiblich wohlig . Es überkam mich so plötzlich eine ganz selige Stimmung . Ich dachte nichts , ich fühlte nur . Mein ganzer Körper fühlte . Nur ein paar Augenblicke hielt es an . Aber es war nicht eine einfache Sinnesempfindung . Ich schmeckte nichts und sah nichts - ich fühlte auch nicht nur in den Fingern - alles fühlte an mir und in mir . Ob eine so allgemeine körperliche Gesamtempfindung nur eine Magenstimmung ist ? Ich habe noch garnicht Lust zum Essen . Ich fühle mich so sehr wohl . Jetzt merke ich etwas über dem Magen - unter der Brust ... « Besorgt fragt die Tarub : » Hast Du Leibschmerzen ? « Safur schüttelt den Kopf und zerteilt wieder mit dem zierlichen kleinen Spatenmesser die Steppeneier , tut Sonnentunke mit einem Porzellanstäbchen hinauf - und ißt wieder - langsam - bedächtig - schmeckend . Der Dichter will dann Kamelsmilch . Und in einer feinen Tonschale , die mit krausen Blumen bemalt ist , reicht Bagdads berühmte Köchin die Milch ihm hin . Und er trinkt in langen Zügen - schlürfend - mit der Zunge schnalzend - lächelnd . Die Tarub pökert währenddem mit der Feuerzange in den glühenden Holzkohlen herum , rückt den Dreifuß zurecht , setzt eine Bratpfanne hinauf und schmilzt Fett darin . Sie legt sodann einen großen Windfisch ins Fett und brät den Fisch . » Mir ist behaglich zu Mute « , sagt der Dichter . Er kaut den frischen sauren Waldsalat , und dabei schweift sein Blick über die langen Reihen buntfarbiger irdener Kruken und Krüge , die auf den Wandbrettern stehen und sich prächtig von der weißen Kalkwand abheben . Viele Schüsseln stehen auch ringsum an den Wänden . Neben der Wassertonne liegt gehacktes Holz und brauner Torf . Auf einem gebeizten schwarzen Holzgestell thronen feierlich Porzellanschalen und Tassen - mit Blumen und seltsamen Figuren bemalt . Das Porzellan ward aus dem fernen China auf Dschunken nach Bagdad gebracht . An diesem Porzellan bleiben Safurs Blicke hängen , und er meint lachend : » Du , Tarub ! Jetzt habe ich bald aus allen jenen Schalen und Tassen , die dort auf dem schwarzen Gestell stehen , gegessen und getrunken , nicht ? « » Ei ja ! « erwidert das braune Mädchen , » aber sage mal : schmeckt es Dir denn auch ? Du sagst heute nichts ! « » Wie sollte mir « , ruft der oftmals überschwängliche Dichter , » das , was Du kochst , jemals nicht schmecken ? Ist doch unmöglich . Ich habe ja schon alles aufgegessen . Tarub , Niemand kocht wie Du - glaubs mir ! Gib mir Brot und den Salzbottel . « Tarub nickt vergnügt , als wär ihr was geschenkt . Der Windfisch ist gebraten - ganz knusprig . Die große Köchin kostet ihn und sagt : » Hm ! « Danach stellt sie Brot , Salz und Fisch vor ihren lieben Dichter und sagt : » Nun ? « Er streichelt ihre Hand und will noch eine Citrone - bekommt sie auch gleich . Der braun gebratene knusprige Windfisch liegt auf einem silberblanken Zinnteller . Tarub kauert sich Safur gegenüber an die Erde , betrachtet ihn - - - freut sich , daß es ihm schmeckt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - » Weißt Du , Tarub ! « hebt nun der Dichter lachend an , wie er sich die letzten Gräten des Windfisches aus den Zähnen zieht , » während ich so aß , hatte ich einen prächtigen Traum , denn der Windfisch schmeckte vortrefflich - den lieb ich - besonders gebraten . Ich träumte - mir war so , als wäre ich ein Riese und säße vor dem großen Meer - und mir kamen die einzelnen Fischteile wie wunderliche kleine Inseln vor . Verstehst Du nicht ? Ich glaubte , kleine Inseln zu essen und das Meer brausen zu hören , in dem die Windfische herumspringen . « » Was Du auch Alles glaubst ! « ruft da erstaunt die Tarub . Safur aber fährt fort : » Man muß noch viel mehr beim Essen denken . Ich verstehe nur das Eine nicht : denke Dir nur - der große Weltreisende Jakuby , doch sonst ein wirklich feingebildeter Mann , versteht vom Essen nichts - wahrhaftig - nichts ; er hält die Genüsse der Zunge für ganz niedrige - für tierisch . « Entrüstet ruft die braune Köchin : » Ist es möglich ? « Der Dichter spricht nun weiter : » Ich versuchte den großen Gelehrten , der doch fast alle Länder der Erde kennt - China , Arabien , Spanien , Afrika - zu widerlegen . Ich sagte : warum soll ich mich für eine köstlich schmeckende Speise nicht ebenso herzlich begeistern wie für eine neue Stadt oder für ein neues Buch ? Warum nicht ? Ich empfinde doch beim Essen ebenso leicht was wie beim Lesen und Reisen . Doch er verstand mich nicht . Und der alte Querkopf Abu Hischam - den Philosophen meine ich - der stand dem Jakuby noch bei . « » Weißt Du « , erklärt eifrig die Tarub , » vom Essen verstehen eigentlich die meisten Menschen nichts . Dieser dicke Vielfraß , der Schreiber Osman ! ich sage nichts - aber ich habe sehr oft das Gefühl , als wärs ihm ganz gleichgültig , was er ißt - wenns nur viel ist . « Safur schiebt die Schuld an dieser Vielesserei den Tofailys in die Schuhe - diese Schlemmer müßten Alles unmäßig treiben , anders wäre ihnen nicht wohl ... Jetzt plaudern die Beiden , erzählen sich was . Der Tarub fällt dabei was Neues ein . » Bei Allah ! « fängt sie erschrocken an , » ich vergaß ja - hast Du denn noch nichts von dem Morde heute Morgen gehört ? Nein ? « Safur hält diesen Mord nicht für besonders merkwürdig , ist der Meinung , daß so was alle Tage in Bagdad vorkommt . Das bringt aber die Tarub ganz aus der Fassung , sie redet ihrem Dichter ins Gewissen : » Safur ! « sagt sie eindringlich mahnend wie eine Mutter , » wie kannst Du so sprechen ? Es ist doch schrecklich , einen Menschen zu morden . Über den Tod darfst Du nicht so leichtfertig denken . Sieh , diese wüsten Tofailys haben den Mord begangen - einen alten Wollkrempler haben sie totgestochen . Du solltest doch nicht mehr mit den Tofailys verkehren - sonst stechen sie Dich auch noch tot ! Versprichs mir ! « » Hier hast Du meine Hand ! « ruft feierlich der Dichter aus , » ich will mich um Deinetwillen niemals totstechen lassen . « Die Tarub springt ärgerlich auf , sie ist bös - immer , wenn sie ernst wird , ist er spöttisch - so recht nichtswürdig kann er sein . Safur tröstet seine ärgerliche Köchin in ganz eigener Art , sagt : » Höre , liebe Tarub ! Mord ist Mord - Mord bleibt auch Mord - ob Du darüber traurig oder vergnügt bist , wird aus dem Morde nicht etwas Andres machen - Tatsachen sind und bleiben unveranderlich . Du kannst Dich über alles grämen , über alles kannst Du Dich ärgern - kannst Dich aber auch über alles freuen - über alles lachen , alles verspotten - darfst auch alles beweinen . Wie man sich nach einer Tat - oder einer festen Tatsache gegenüber benimmt , das ist grausig gleichgültig . « Diese weisheitsvollen Worte versteht die Tarub natürlich nicht - das ist ihr viel zu schwer . Sie wird aber immer ruhig , wenn sie das Gefühl hat , daß er doch eigentlich schrecklich klug ist ... das weiß natürlich der schlaue Dichter . Er bekommt jetzt Durst , und sie - vergißt den Mord - reicht ihm in einer Muschel knieend ein paar duftende Oliven dar . Er beißt in eine Olive hinein und umarmt dann seine Tarub , küßt ihr die Stirn und die Augen , die Wangen und den Hals , die kleinen kalten Ohren und die heißen Lippen . Wie er die Tarub losläßt , eilt sie an den Pumpenschwengel und pumpt einen hohen Silberbecher halb voll Wasser , gießt Wein aus einer kleinen Kanne hinzu und reicht es ihrem geliebten Dichter mit der Linken , lächelt ihn innig an . Der schwarze Zopf liegt ihr dabei auf der linken Brust . Safur zieht die gute Tarub zu sich nieder - und sie trinken Beide ... Jedoch - leichtfertig hat sie ihn genannt . Das vergißt er nicht so schnell , er mutzt ihr das auf . » Leichtfertig « , spricht er spitz , » leichtfertig hast Du mich genannt . Das bin ich ja noch gar nicht . Ich möcht es ganz gern werden . Aber : O ! glaube mir , es ist nicht leicht , Das ganze Leben leicht zu nehmen . « Pause ... Sie trinken . Die Tarub bewundert des Dichters weiche Stimme , die jetzt wieder recht nachdenklich durch die Küche hallt - folgendermaßen : » Ja das Leben ! Ich glaube , ich nehme das Leben viel zu ernst . Zwar - ich will nur genießen . Doch ich kann nie fein genug genießen . Ich möchte den Genuß so fein machen wie einen Geist - wie ein Frauenhaar . Man muß so mit allen Fingerspitzen genießen - die feinste Reizung der Haut muß empfunden werden . In jedem Augenblicke müßte man anders erregt und bewegt werden - und zwar bewußt . Man muß die Bewegung jedes fallenden Blattes mitfühlen . Da ich so viel Neues in jedem Augenblicke genießen will - so bin ich auch immer wieder ein Andrer . Jeden Tag will ich auch was Andres . Was ich gestern war , Bin ich heute nicht . Jeder neue Morgen Zeigt ein neu Gesicht . « Wieder Pause . Die kleine Tarub denkt - er hat ne Andre . Er muß sie beruhigen . Er streichelt sie , ist sehr zärtlich . Er flüstert ihr Schmeichelnamen ins Ohr , nennt sie » lieber Bär « ... » protter Bär « ... » Busselbär « ... Sie lachen und essen Oliven und trinken Wein aus Bassora dazu - der schmeckt sehr schön . » Bär « , fragt er , » wie lange ist es schon her , daß ich zu Dir in die Küche komme ? « Bär weiß nicht , denkt , es sei schon schrecklich lange . Doch das glaubt er nicht , er meint : » Nicht doch ! Mir ist , als wenn es erst ganz kurze Zeit wär . Oh ! Der Genuß der Menschen ist so flüchtig . Man genießt eigentlich immer nur den einzelnen Augenblick . Ich glaube , ein ständiges unveränderliches Glück