sagte Fräulein Kampfmann , der die neue Bekannte sehr zu gefallen schien . Elvira schwärmte für alles , was schön und neu war . Und Frau Wallner erfreute sich dieser beiden Eigenschaften in ihren Augen . Man verabschiedete sich von der Gastgeberin , die Hildegard freundlich die Hand drückte . » Nur guten Mutes ! « Hildegard sah ihr einen Augenblick lang bittend , fragend in die Augen . Aber sie lächelte bloß verbindlich und sagte nichts als : » Auf Wiedersehen , wenn nicht früher , so Sonnabend . « Das war ein schwacher Trost , oder eigentlich keiner . Hildegards Stirne verdüsterte sich . » Fahren wir oder gehen wir ? « fragte die Lehrerin unten . » Gehen wir . « Und dann fragte Hildegard : » Wo essen Sie immer ? « » In der Pomona . « » Was ist das ? « » Ein Restaurant , wo man sich für dreißig Pfennig satt essen kann . « » Wahrhaftig ? « rief Hildegard in naivem Erstaunen , » giebt es so etwas ? So viel brauch ich ja beinah an Trinkgeld des Mittags . « » Nun , wenn Sies haben , warum denn nicht ? « meinte Fräulein Kampfmann gleichmütig . » Ich habs ja aber nicht . « » Dann , entschuldigen Sie , sind Sie recht unklug , so viel Geld hinauszuwerfen . « » Ist das Fleisch denn auch frisch für diesen Preis ? « » Fleisch ? In der Pomona giebts kein Fleisch , nur Gemüse und Obst . « Hildegard blieb stehen . » Ist denn das gut , gesund , schmackhaft ? « » Es ist schmackhaft und billig « sagte lachend die Lehrerin , » ich habs auch nicht allzu reichlich , wissen Sie . « » In welcher Straße liegt Ihr Restaurant ? « » In der Dorotheenstraße . « » Wann essen Sie ? « » Um ein Uhr . « » Ists Ihnen recht , wenn ich morgen Mittag an Ihren Tisch komme ? « » Gewiß , sehr ! « antwortete die Lehrerin freundlich . Dann trennten sie sich . Fräulein Elvira stieg in einen vorüberfahrenden Dmnibus , während Hildegard die paar Schritte nach Hause zu Fuß zurücklegte . Es war ihr merkwürdig zu Mut . Einerseits interessierte sie alles , was sie erlebte , andererseits gabs eine Täuschung um die andere für sie . Sie hatte sich immer vorgestellt , die Frauenrechtlerinnen hätten ideale Ziele im Auge . Sie hätten eine große » Idee « , nach deren Verwirklichung sie strebten . Nun sah sie , daß jede von ihnen ihrem eigenen kleinen Interesse nachlief . Wenn Fräulein Elvira mehr Talent besessen und Aufnahme in eine Akademie gefunden hätte , würde sie sich da je für die » Befreiung « der Frauen interessiert haben ? Und wenn die schöne Frau Langenwang Herrin über den Mammon ihres Gatten geworden wäre , würde ihr nicht das bürgerliche Gesetzbuch mit seinen Paragraphen höchst gleichgültig sein ? Also lauter Privatinteressen , aus denen sich dieser heilige Krieg für die Rechte der bedrückteren Hälfte der Menschheit zusammensetzte . Merkwürdig , wie anders das alles in der Nähe aussah ! Warum hatte Einhart nur immer geschwiegen , wenn sie ihm von der Herrlichkeit dieser Frauenbewegung vordeklamierte ? Sie hatte damals in ihrer Gereiztheit immer gemeint , er denke sich garnichts dabei , oder etwas Dummes . Am Ende hatte er aber doch etwas dabei gedacht , und vielleicht etwas nicht Dummes . - Herrgott , daß sie ihm jetzt um Geld kommen mußte . Nun , wenn sie vegetarisch lebte , würde sie viel weniger brauchen . Mit schwerem Herzen schlief sie ein . Ihr letzter Blick galt noch ängstlich dem dunklen Vorhang , der sehr gleichgültig herabhing . 6 In der Pomona gings lebhaft zu . Gäste kamen und entfernten sich , um neuen Platz zu machen . Die kleinen Stuben , aus denen das Speisehaus bestand , waren dicht gefüllt . An einem Tisch im letzten Zimmer entdeckte Hildegard ihre neue Bekannte . Die Lehrerin trat gleich auf sie zu und stellte sie einer jungen Dame vor , die an demselben Tische aß . » Fräulein Glanegg « sagte Elvira , » studiert Naturheilmethode , um später eine Anstalt zu eröffnen . « » O bis dahin hats noch lange Zeit « meinte das hübsche blonde Mädchen , das sehr wohlgenährt und zufrieden aussah . » Kann ich die Speisekarte haben ? « fragte Hildegard eine vorübereilende Kellnerin . » Gleich « wurde geantwortet . Hildegard sah sich indessen um . Soviel Leute auch da waren , soviel Wünsche und Begehren auch geäußert wurden , es geschah alles ohne Lärm , ohne Hast . Man sprach halb flüsternd und aß dabei mit großen Löffeln das Gemüse von den Tellern , auf denen es serviert wurde . Als Hildegard nach etwa einer Viertelstunde noch nicht bedient wurde , rief sie abermals das Mädchen . Nun erhielt sie ihre bestellten Maccaroni . » Hier muß man Geduld haben « meinte Elvira , » die Mädels bedienen die Herren zuerst , wir Frauen kommen später an die Reihe . « » Und lassen Sie sichs gefallen ? « » Aber ich bitte Sie , was soll man denn machen ? « » Kellner anstellen . « » Puh ; lieber eine Stunde lang warten , als solch einen faden Gecken herumschwänzeln sehen . « Hildegard lachte . » Sie haben es aber scharf auf die Männer abgesehen . « » Mag sein , aber nicht mit Unrecht . « » Und doch lassen Sie ihnen willig den Vortritt . « » Willig nicht , nur gezwungen . Es ist eben so im Leben , was kann man dagegen machen ? « » Aber dann wäre ja die ganze Frauenbewegung nur eine Komödie . Sie beanspruchen doch gleiche Rechte . « Die Lehrerin wischte sich mit der Papierserviette die Lippen und lehnte sich zurück . » Wir wollen doch nicht mit solchen Kleinigkeiten unsere Reform beginnen . Wir wollen nicht von unten nach oben , sondern von oben nach unten reformieren . Räumt man uns erst die gesellschaftliche Stellung des Mannes ein , dürfen wir ebenso im Gerichtssaal , auf dem Katheder wirken wie er , dann ergiebt sich alles andere von selbst . Abwarten . « Hildegard bestellte sich noch einen Teller Paradiesäpfel . » Ich denke , wir haben lange genug gewartet . Wenn die Frauen « setzte sie nachdenklich hinzu » wirklich überzeugt von dem Recht ihrer Ansprüche wären , würden sie nicht viel mutiger auftreten ? « Das junge Mädchen am Tische nickte . » Das kann ich nicht leugnen . Wir sind sehr feig . Als der Arzt , unter dem ich meine ersten Studien begann , mir eines Tages eine Liebeserklärung machte , blieb ich aus Angst fort , statt ihn gehörig abzukanzeln . « » Na hören Sie , wenn Sie von Feigheit reden , wer ist dann mutig unter uns ? « Fräulein Glanegg lachte , daß man ihre glänzenden Zahnreihen sah , und entgegnete nichts . Elvira winkte der Kellnerin . Man bezahlte . Dann erhoben sich die drei Damen . Vor dem Hause nahmen sie Abschied von einander . Fräulein Glanegg stieg in einen Pferdebahnwagen , und Hildegard schloß sich Elvira an , um sie zu ihrer Schule zu begleiten . » Ein hübsches Mädchen « sagte sie im Gehen . » Ja , nichtwahr ? « » Verkehrt sie auch bei Frau von Werdern ? « » Gott bewahre « rief Elvira , » die würde dort nicht geduldet werden . Unsere Emanzipierten halten sehr auf die gesellschaftliche Sauberkeit , das muß man ihnen lassen . Und Gott sei Dank ! Denken Sie nur , was würde es unserer Sache für Schaden bringen , wenn solche sogenannte interessante Existenzen sich daranhingen . « » Spielen Sie auf dies junge Mädchen an ? « Elvira blieb stehen und blickte Hildegard an . » Wissen Sie , ich für meinen Teil habe nichts gegen Fräulein Glanegg einzuwenden , aber - doch hören Sie . Es bleibt natürlich unter uns . Sie lebt mit einem zwanzig Jahre älteren Manne zusammen , der Vater von drei Kindern ist , und dessen Frau sich in den dürftigsten Verhältnissen befindet . « » Weshalb trennt er sich nicht von der Gattin , um die Glanegg zu heiraten ? « » Das ist ja eben das Unglaubliche an der Sache . Sie will nicht geheiratet werden . Sie ist für die freie Liebe . « » Das ist stark « meinte Frau Wallner , » und zu seiner Frau zurückkehren mag er auch nicht ? « » I wo ! Er liebt ja die Andere . « Hildegard schüttelte den Kopf . » So etwas begreife ich nicht . Es kommt mir einfach verrückt vor . « In diesem Augenblick fuhr eine elegante Equipage vorüber , aus der eine Dame Elvira gnädig zunickte . Die Lehrerin verneigte sich tief . » Frau von Kranbüchler , Eine unserer Hauptstützen . Nächsten Sonnabend werden Sie sie wohl bei Frau von Werdern treffen . Sie ist alle paar Abende da . « » Wer ist sie denn ? « » Eine sehr reiche , von ihrem Manne geschiedene Frau . Die Frauenbewegung ist ihr Schooßkind . « » Sie hat wohl keine andern Kinder ? « » Doch , sogar deren drei . Aber diese verfügen über Gouvernanten , Erzieherinnen , Bonnen , so daß die eigene Mutter wenig mehr für sie zu thun findet . « » Und da widmet sie sich der Frauenbewegung ? « » Jawohl . « » Aber dann ist es ihr ja bloßer Zeitvertreib , nichts anderes . « Elvira zuckte die Schultern . » Möglich . Jedenfalls ist ihr Geld , mit dem sie sehr freigebig umgeht , für unsere Sache gut zu gebrauchen . « Die beiden Frauen gingen eine zeitlang schweigend neben einander , dann meinte Hildegard : » Diese Glanegg verläßt meine Vorstellung nicht ; wissen Sie , im weitern Sinne gehört sie doch auch zu den Emanzipierten . Nur diese ganze Bewegung konnte ihr den Boden ebnen , auf dem sie jetzt geht . « » Das leugne ich nicht « meinte Fräulein Kampfmann , » aber sagen Sies nie im Salon der Frau von Werdern . Der bloße Name der Glanegg macht ihr unwohl . « Hildegard schüttelte den Kopf . » Ich finde mich in all diesem nicht zurecht . « Dann reichte sie Elviren die Hand hin . Sie waren vor der Schule angekommen . Frau Wallner setzte einsam ihren Weg fort . Sie spürte von Stunde zu Stunde eine immer größere Leere in sich wachsen . Etwas wie eine tiefe Beschämung bemächtigte sich ihrer . Sie mußte doch sehr naiv gewesen sein früher , - oder nein , eigentlich grenzenlos hochmütig , oder noch etwas anderes : borniert . Sie trat in eine Konditorei , die auf ihrem Wege lag , ließ sich eine Tasse Chokolade geben , und versank in Gedanken . Merkwürdig , früher hatte sie so wenig selbst gedacht . Immer mit den Gedanken Anderer . Beim Lesen von Büchern , in der Kirche , in der Gesellschaft ihrer Freundinnen . Alle möglichen Einflüsse hatten auf sie gewirkt , nur ihr eigenes Selbst hatte sie nie aufgefordert , sein Bekenntnis zu sagen . Wie wäre das auch möglich gewesen ? Als braves Kind wurde sie erzogen zu denken wie ihre Eltern , gute Kleinbürger , dachten . Dann kam sie zur Schule , wo ziemlich beschränkte Lehrerinnen , die im Plappern fremder Sprachen das Heil ihrer Schülerinnen sahen , ihre Erziehung leiteten . Dann geriet sie unter den Einfluß ihrer Freundinnen , tadelloser Gesellschaftsgänse , die keinen Schritt vom Wege thaten , aber auch keine Ahnung besaßen , was einen wirklichen Menschen ausmacht . Die ganze Ödheit des jungen wohlerzogenen Mädchens schmückte sie . Die Schablonenjungfrau , wie sie im Ballsaal und im Wohlthätigkeitsbazar prangt , war ihr Ideal , dem sie auch ähnlich wurde . Eines Tages kam ein junger warmherziger Schwabe in ihr elterliches Haus . Er war Maler und hatte in Stuttgart sein Atelier . Er wollte sich um Studien zu machen kurze Zeit in dem lieblichen Konstanz aufhalten . Ja damals ! Hildegard seufzte auf . Er verliebte sich in ihre blonden Haare , ihren rosenfarbenen Teint , ihre blitzenden Zähne . Er warb um sie . Drei Monate später war Hochzeit . Einhart war nicht dazu gekommen , die Seele seiner Erkorenen kennen zu lernen . Wann auch ? In so geordneten Verhältnissen werden keine Opfer gefordert noch gebracht . Aus der guten Stube des elterlichen Hauses kam sie in die gute Stube ihres eigenen Heims . Als die Eltern tot waren , Vermögen hatten sie nicht hinterlassen , mußten sich die jungen Leutchen etwas einschränken . Aber Einhart verdiente viel . Er war von Stuttgart nach Konstanz übergesiedelt , und alles ging flott . Da begannen ihre Eifersuchtsanwandlungen , die ersten Schatten , die auf ihr Glück fielen . Er in seiner warmen Güte rechnete mit ihnen . Er wollte ihr entgegenkommen und stellte ihr die Zumutung , die die Philisterin in ihr so empört hatte . Jahre des Zwistes begannen . Sie war beständig von Bitterkeit erfüllt . Sie mochte nicht , daß er malte , wünschte aber doch auch wieder nicht , daß der Verdienst fortfiel , den seine Kunst ihnen eintrug . Und als er in seiner Verzweiflung nach dem letzten Mittel gegriffen hatte , sie nach beiden Seiten hin zufriedenzustellen , denn er hing sehr an ihr , wandte sie sich erbost ganz von ihm ab . Er hatte kein böses Wort , keinen Vorwurf für sie gehabt . » Thue , was du nicht lassen kannst « war das Einzige gewesen , das sie ihm entrungen hatte . » Geh , wohin du magst . « » Aber ich will von dir geschieden sein . « » Das geht nicht so schnell « hatte er mit gepreßter Stimme geantwortet . » Laß es dir einstweilen an der Trennung genügen . Ich will indessen die notwendigen Schritte einleiten . « Und sie war von ihm gegangen , mit seinem Geld in der Tasche , von einem letzten ruhigen Blick seines Auges begleitet . - Sie bezahlte rasch und eilte hinaus . Sie mußte Luft schöpfen . - - - - - Nach längerem planlosen Hinirren kehrte sie nach Hause zurück . Sie entkleidete sich und begab sich zu Bette . Der dunkle Vorhang glitt lautlos nieder . Heute flößte er ihr keinen Schrecken ein . Es war ihr alles gleichgültig , was sie betraf . Sie wollte nur eins : sich anschauen . Dieser Hang zur Selbstschau war ihr neu . Und indem sie einschlief , dachte sie : Wie seltsam ! Für alles sorgen unsere guten Eltern , nur für etwas nicht : sie bringen uns das Denken nicht bei . Statt uns mit Spielzeug zu überhäufen , dessen Zweck es ist , uns zu » zerstreuen « , sollten sie uns lieber in ein kahles Zimmer führen . » So Kind , nun bleibe eine Weile in Deiner eigenen Gesellschaft . « 7 Die nächsten Tage vergingen ohne ein neues Ereignis . Hildegard aß mit den beiden Damen zu Mittag , ging spazieren und wartete vergeblich auf ein Wort von Frau von Werdern . Sonnabend Abend ging sie zu ihr . Es waren wie jüngsthin viele Damen anwesend . Man sprach lebhaft vom kommenden Dienstag , an dem eine Frauenversammlung stattfinden sollte . Die Vorsitzende sollte die Einleitung sprechen ; dann hatten sich nicht weniger als neun Damen zum Wort gemeldet . In einem Augenblick als Frau von Werdern weniger umringt war , näherte Hildegard sich ihr . » Haben Sie nichts für mich entdeckt , gnädige Frau ? « » Thut mir leid , liebe Frau Wallner , Sie glauben gar nicht , wie sehr wir von allen Seiten in Anspruch genommen werden . « » Ich würde mit der bescheidensten Stellung zufrieden sein . « » Aber viele Grüße von Fräulein Blatt soll ich Ihnen bestellen . Wenns ihr möglich ist , kommt sie Dienstag herüber . « Hildegard entgegnete nichts , sie mußte gewaltsam ihre Thränen zurückdrängen . Was nützten ihr alle Grüße ? Sie hatte noch einen Thaler in ihrem Portemonnaie ; wenn der ausgegeben war ? Später trat sie zu Elvira , die eben mit hochroten Wangen einigen Damen etwas vordemonstriert hatte . » Sagen Sie , ist auch Frau von Kranbüchler da ? « » Natürlich , dort steht sie ja , neben der Gräfin Mylling . Was wollen Sie denn mit ihr ? « » Ich möchte ihr vorgestellt werden . Sie sagten doch , daß sie einflußreich sei . Vielleicht verschafft sie mir irgend eine Stellung als Sekretärin eines Vereines oder ähnliches . « » Na , da sind Sie auch im rechten Moment gekommen . Eben vorhin habe ich gehört , daß sie sehr aufgebracht sei und geäußert habe , gar nichts mehr mit Vereinen und Unterstützungen zu thun haben zu wollen . Sie hatte nämlich eine junge Dame , die ihr sehr empfohlen war , mit großem Gehalt angestellt , ihr ein Buch zu liefern . Darin sollten alle Arbeiten , Erfindungen , überhaupt alle bedeutenden Thaten , die von Frauen herrührten , auf welchem Gebiet auch immer , aufgezählt werden . Die junge Dame , achtzehn Jahr alt von ihrem Mann geschieden , arbeitete zwei Jahre lang , ließ sich den Gehalt gut bekommen , und kehrte schließlich mit fast unbeschriebenen Bogen zurück . Es wäre kein Material aufzufinden gewesen , behauptete sie . Frauen als große Erfinderinnen gäbe es nicht . Frauen als Baumeisterinnen , als Ingenieure , als Feldherrn , als Religionsstifter , als Weltumsegler , Astronomen , Philosophen , überhaupt als Denker , gäbe es nicht . Sie habe die verschiedensten Bibliotheken in den verschiedensten Städten durchgestöbert . Hingegen brächte sie einige alte Königinnen von Gottes Gnaden mit , bei denen sich allerdings leider nachweisen ließ , daß ihre besten Regierungsformen ihnen von ihren männlichen Beratern eingeflößt waren . Sie können sich die Entrüstung Frau von Kranbüchlers und unserer aller vorstellen . « » Aber ich versteh nicht « meinte Hildegard lächelnd , » hätte denn die junge Dame selbst Erfinderin werden sollen ? « » Nein , aber besser suchen hätt sie sollen . Ich bitte Sie . Denken Sie zum Beispiel nur an die alte Wäscherin Jambe . Was wären die klassischen Dramendichter ohne sie ? oder Arachne , die das Sticken erfunden hat , und - « » Guten Abend . « Ein blondes Mädchen , hoch und lang wie der Arm eines Ziehbrunnens in der Pußta , neigte sich zu Elvira . » Was macht die kleine Millern ? Hat sie die Diphteritis gut überstanden ? « » Fräulein Frett - Frau Wallner « stellte Elvira vor . » Ja , die kleine Millern hat die Diphteritis gut überstanden . Und wie gehts Ihrer Langenweile ? Führen Sie die noch in Gesellschaften spazieren ? « » Ah , Sie sind aber bös , nein wirklich . Was soll die gnädige Frau von mir denken ? « » O , die denkt gar nichts « sagte Elvira burschikos ; dann stieß sie Hildegard leise an . » Wollen Sie uns nicht ein wenig Gesellschaft leisten , Fräulein Frett ? « Die lange Dame ließ sich zögernd nieder . » Ich sollte eigentlich Frau von Werdern begrüßen ; ich fand noch nicht Gelegenheit , sie diesen Abend zu sprechen . Ich komme geradeswegs von der Gemäldeausstellung hierher . « » Ah « rief Elvira , » ich hatte noch keine Zeit hinzugehen ; giebts etwas Schönes dort ? « » Schönes ? « Fräulein Frett spitzte die Lippen und sah in ihren Schooß . » Schönes grade nicht , aber Anzügliches . « Elvira wiegte den Kopf . Ei , ei , schau , schau , was Sie alles entdecken ! Was ist denn so Anzügliches dort ? « » Ach Gott , so . Adam und Eva .... « » Na hören Sie mal , damals hats noch keine Wollwebereien gegeben . « » Badende Knaben - aber das Stärkste , nein ! « » Na was denn ? « » Eine junge , wenig bekleidete Mutter , die eine Mißgeburt an die Brust drückt . « » Eine Mißgeburt ! Pfui Däubchen , das muß ich sagen ! So etwas gehört in Präuschers Museum , aber nicht in eine Gemäldesammlung . Scheußlich ! Was für eine Monstrosität hat denn das Wurm ? « » Ganz spitz zulaufende Ohren , und sag ich Ihnen , zwei Hörner , ja wahrhaftige kleine Hörner . Wahrscheinlich will angedeutet werden , daß die Mutter sich in einen Ziegenbock versehen hat . « » Aber nein « rief Hildegard in lautes Lachen ausbrechend , » das ist ja die Nymphe mit dem Faun , die Sie da schildern . « Elvira rieb sich vor Vergnügen die Hände . » Natürlich , selbstverständlich , ich bitt Sie , Fräulein Frett , wo wird man denn eine solche Abscheulichkeit an die Wände eines Kunstinstituts hängen . « » Nein , wirklich - - « protestierte das Fräulein ; aber Elvira ließ sie nicht zu Worte kommen . » Lehrerin der vierten Klasse einer als ausgezeichnet bekannten Mädchenschule , bravo , bravo ! Was sagen Sie zu dieser Seelenunschuld , Frau Wallner ? « Hildegard drückte das Taschentuch vor die Lippen . Fräulein Frett lächelte geschmeichelt , daß man sich über sie so erregte . » Und es ist doch so « meinte sie gelassen , » es ist eine Mißgeburt und kein Faun . - Übrigens da sehe ich Frau Lindhorst . Sie hat neulich die Adresse meiner Modistin wissen wollen und ich konnte sie ihr nicht genau angeben . Adieu meine Damen . « » Ist sie nicht köstlich ? « fragte Elvira . Hildegard kam sich vor wie in der Nähschule vor zehn Jahren , wo sie ihre Freundinnen und Bekannten mit durchhecheln half . Später brach man auf . » Dienstag Abend auf Wiedersehen « sagte Frau von Werdern , » es soll keine von uns fehlen . « Als Hildegard zu Hause war , setzte sie sich an den Tisch , um an ihren Mann zu schreiben . Aber die Bitte um Geld wollte ihr nicht aus der Feder . Sie schob Briefbogen und Tinte zurück . Nein , lieber Zeitungsausträgerin werden , als das Ansuchen an ihn stellen . Drei , vier Tage kam sie ja noch aus , wenn sie recht sparte . Vielleicht war bis dorthin etwas gefunden . Wenn sie sich früher in eine solche Situation hätte hineindenken sollen ! Wenn Einhart durch sein Verschulden sie dahin gebracht hätte ! Aber für seine Ideale erträgt man auch die Bürde des Schwersten . Ideale ? 8 Der nächste Tag war ein Sonntag . Hildegard schlief lange , setzte sich dann ans Fenster und starrte in den trüben Schacht hinab , aus dessen Tiefe ihr feuchter Modergeruch entgegendrang . Zum Frühstück zu gehen , getraute sie sich nicht , ihrer spärlichen Geldmittel wegen . Später verließ sie das Haus und begab sich auf Umwegen in die Pomona . Fräulein Kampfmann war heute bei Bekannten zu Tisch gebeten und nicht anwesend . Fräulein Glanegg hatte eine ältere , abschreckend häßliche Person neben sich sitzen , mit der sie sich aufs angelegentlichste unterhielt . Hildegard entfernte sich , nachdem sie ihr einfaches Essen eingenommen hatte . Wieder ging sie planlos durch fremde Straßen mit fremden , drängenden , hastigen Menschen . Das Herz war ihr überaus schwer . Dazu war die Luft von dickem gelblichen Nebel angefüllt , der kein freies Aufatmen zuließ . Infolge des Sonntags hatten alle Geschäfte ihre grauen Rollladen herabgelassen und die ganze Stadt sah aus , als habe sie ein Trauergewand angelegt . Als Hildegard eine zeitlang gegangen war , lenkte sie ihre Schritte nach Hause . Schlafen gehen , oder denken , denken das blieb ja noch immer . Gott würde sie nicht wahnsinnig werden lassen , Gott , ja ! Hatte sie sich in den letzten Jahren jemals um ihn gekümmert ? Seit sie ihre Kinderschuhe ausgezogen hatte , war es ihr nicht mehr eingefallen , sich religiösen Empfindungen hinzugeben . Es ist ja das Kennzeichen einer gewissen Sorte von Frauen , mit Ironie über Dinge herzufallen , die sich ihrer Urteilskraft entziehen . Wenn der greise Gelehrte , verführt durch die überraschenden Ergebnisse seiner Forschung sich an der letzten Grenze des Erkennens angekommen dünkt und die Wissenschaft zum Gott ausruft , so versteht man seinen Irrtum aus seinem stolzen Freudenrausch heraus . Aber die Frau mit ihrer Töchterschulbildung , die Frau , die dem einfachsten Satz der Philosophie nicht mehr zu folgen vermag ! Woher nimmt sie den Mut , wegwerfend zu sagen : Ich glaube an keinen Gott , ich bin aus Uberzeugung über alle diese Dinge hinaus . Ich ! Mein Himmel , wie albern sind wir doch , wie grenzenlos thöricht , wie unglaublich einfältig , dachte Hildegard . Und dann stieg eine warme tiefe Sehnsucht in ihr empor . Sie eilte die Treppe hinauf , schloß ihr Zimmer auf und warf sich auf die Kniee ! Wie so Tropfen für Tropfen der Selbsterkenntnis auf sie träufelte ! Wie von Stunde zu Stunde das Bild ihres Wesens klarer vor ihr aufstieg . So sah die Frau des Fortschritts aus ! Sie verachtet Gott , weil er ihr zu hoch ist , sie lächelt über die Männer , weil sie ihr geistiges Übergewicht nicht anerkennen mag , sie will selbst regieren , nicht weil sie etwa neue Gesichtspunkte gefunden hat , sondern weil die Sehnsucht nach Abwechslung mächtig in ihr geworden ist . Jetzt will sie einmal die Hosen tragen . Die Gegenwart soll in ein Puppentheater umgewandelt werden . Hildegard lächelte ; dann stiegen ihr Thränen in die Augen . Ein altes Kindergebet , das sie zwanzig Jahre lang vergessen gehabt hatte , war auf ihre Lippen getreten . Es war wundersam traurig und beseligend zugleich , daß ihr alle diese Erkenntnis jetzt kam . Wenn es doch nicht zu spät gewesen wäre ! Aber es war zu spät . Jetzt gab es keine Rückkehr mehr . Sie mußte ihrem Irrtum die beste Seite abzugewinnen suchen , mußte ausharren , das Wort , daß die Frau selbständig sein kann , wahr machen . Nun , eine oder die andere Stellung würde sich ja wol für sie finden . Hatte sie doch schon ihre Ansprüche bedeutend niederer geschraubt . Sie konnte sie noch niederer schrauben . Wenn sie nur so lange , bis sie eine Beschäftigung fand , mit ihrem Gelde auskam . Ihr Barvermögen bestand aus einer Mark . Morgen , übermorgen befand sie sich in der peinlichsten Lage . Sie war es sich selbst schuldig , es nicht bis zum Äußersten kommen zu lassen . Mit einer energischen Bewegung erhob sie sich , trat an den Tisch und schrieb an ihren Mann : » Bitte sende mir hundert Mark , aber wenn möglich , sofort . « Dann steckte sie den Brief in ein Couvert , adressierte ihn und trug ihn selbst auf die Post . Als sie von da zurückkehrte , fand sie Fräulein Schulze im Vorzimmer . Sie hatte ein sehr blasses Gesicht und hielt ein nasses Taschentuch an den Kopf gepreßt . Hildegard sagte ihr ein paar teilnehmende Worte . » Ja « erwiderte sie mit kläglicher Heiterkeit , » und das allerunangenehmste ist , ich sollte heute Abend bei einer Unterhaltung sein , zu der auch mein Bräutigam geladen ist . Abzuschreiben wäre zu spät . Gehen Sie selbst zu ihm « wandte sie sich an die Magd , » und sagen Sie , wies um mich steht , und er möchte mich bei Lechners entschuldigen . « Die Dienerin zögerte einen Augenblick . Dann grinste sie : » Muß ick jleich wieder zurück sein ? « Fräulein Schulze machte eine Handbewegung , die zu sagen schien : Mach , was du willst , laß nur mich im Frieden . Als sie fort war , fragte Hildegard : » Leiden Sie oft an Migräne ? « » Nein , nicht oft , nur wenn ich unvorsichtig bin . Ich habe bei der Familie , bei der ich heute Mittag zu Tisch geladen war , von einer Speise gegessen , die ich sehr liebe , die mir aber immer schlecht bekommt . Nun muß ich büßen . « » Kann ich Ihnen irgendwie helfen ? « fragte Hildegard höflich . » Danke sehr , nein . Das beste in diesem Zustand ist die Ruhe . Absolute Ruhe und Dunkelheit . « » Absolute Ruhe da vorne , das ist lustig « meinte Hildegard . » Ja , da ist eben nichts zu wollen . « » Wissen Sie « sagte die junge Frau , durch die Resignation ihrer Wirtin gerührt , » schlafen Sie diese Nacht hinten , ich geh nach vorne . Dort haben Sies ja wirklich still . « Nach einigem Hin- und Herreden und lebhaften Dankesäußerungen nahm Fräulein Schulze das Anerbieten an . Im Nu waren die Betten umgetauscht ; dann gingen die beiden Frauen zur Ruhe , obwohl es noch früh an der Zeit war . Hildegard fühlte sich totmüde und schlief trotz des Höllenlärms auf der Straße und trotz der blendenden Helle in der Stube bald ein . Sie wußte nicht wie viel Uhr es sein mochte , als sie plötzlich die Augen aufschlug . Das Zimmer war finster , die Lampe vor dem Fenster war ausgelöscht . Ein Etwas hatte sie erweckt . Was war es ? Sie wagte sich nicht zu regen und starrte entsetzt vor sich ins Dunkel . Was war es nur ? Sie glaubte nicht an Gespenster ,