seiner Haut zu wehren haben werde . Aber er hatte keine Furcht . Er soll nur kommen , der Böhmake , dachte er sich , und bei dieser Gelegenheit regte sich in ihm zum ersten Male der Raufdeutsche . Er soll nur kommen und mir was sagen ! Eine Schelle kriegt er ! Und er erschauderte nicht vor dem Gedanken , daß er , der Strunk , einen Großen ohrfeigen wollte ! So verrückt das Weib die Standesunterschiede . Aber es kam anders . Der Tag wurde zwar reich an Aufregungen im Institute , aber just Willibald wurde nicht davon betroffen . Fliczek wußte offenbar nicht , von wem er geprügelt worden war . Er war sehr niedergeschlagen und blaß , die einzige Farbe in seinem Gesicht war ein blauer Fleck unterm rechten Auge ; er ließ den Kopf hängen und schien es nicht zu wagen , aufzublicken . Willibald merkte sofort , wie es stand , und es kitzelte ihn , den gehaßten Böhmen zu reizen . - Du , was hast Du denn da für einen Fleck im Gesichte ? - Was Dich nix angeht , Strunk dummer . - Bist wohl hingeplautzt bei Buschkleppern gestern ? - Halt ' n Rand , Strunk , oder ich ... - Na , was denn ? Wenn ich doch blos frage ... Überhaupt : Warum bist Du denn so gerannt ? - Hast Du mich gesehn , Stilpe ? Wo hast Du mich denn gesehen ? - Nu , Du bist ja im Hofe an mir vorbeigerannt , wie besessen . Das war kühn kombiniert von Jung-Willibald . Wenn nun Fliczek gar nicht über den Hof gerannt wäre ? Aber er hatte richtig kombiniert . - Ich , ich habe was kommen hören , und da hab ich Leine gezogen . Ich dachte schon , ich wäre geklappt . - Und da bist Du wohl hingefallen ? - Ja , da , an der Mittelthüre , auf die Treppe hin . Was hast denn Du aufm Hofe zu suchen gehabt ? Du hast doch sollen durch den Souterrain zurück ? ! - Ich hab Dir was sagen wollen . - Mir ? Was denn ? Warum denn ? Du Hast Du was gehört ? - Ja , eben , ich hab was gehört bei Buschkleppern hinten , und da hab ich gedacht : Das muß ich Dir sagen . - Du hast was gehört ... Wars laut ? Hast Du auch was gesehn ? - Nee , s war ja ganz dunkel , aber ich hab jemand schreien gehört . - Du , Strunk , das sag ich Dir : Daß Du niemand was davon sagst . Sonst setzsts Keile ! - Was soll ich denn sagen ? Ich weiß ja gar nichts . Hast Du denn etwa geschrieen , Fliczek ? - Ich ? Unsinn ? Ich hab auch nichts gehört . Du hast wohl geträumt vor Angst , feiger Strunk . Da hätte ihm Willibald von Herzen gerne Alles durch eine Ohrfeige klargemacht , aber er war doch zu klug dazu . Nur das konnte er sich nicht verkneifen , daß er sagte : - Ich weiß besser wie Du , wer feige ist . Worauf Fliczek nichts zu erwidern wußte , als ein verächtliches : Strunk ! Dieses Gespräch fand nach dem Frühstück statt , als sich die Klassen zur Arbeitsstunde in ihre Zimmer verteilten . Die Arbeitstunde selber hatte ein andres Aussehen , als sonst . Es war ein merkwürdiges Geflüstere unter den Jungen , zumal in den Oberklassen . Unter den Bänken wurden Äpfel herumgegeben , und häufig hörte man das Schnirpsen , wenn Einer in einen Apfel biß . Dazu ein Gekicher und Blicke hin und her . Ein Triumphgefühl ging durch Alle , und wenn sie den beaufsichtigenden Inspektor ansahen , so konnte man aus den Blicken lesen : Der dumme Kerl weiß von nichts . Auch während der Andacht hielt dies Wesen an . Alle Hosentaschen der Selektaner staken voller Äpfel , und man griff sich gegenseitig an die Taschen und kicherte dazu . Als einer , mitten in dem sehr langen und feierlichen Gebete des Vizedirektors , der mit Vorliebe Sprüche aus Jesus Sirach einflocht , zu seinem Nachbar sagte : Ich hab schon Bauchkneipen , da setzte sich diese Mitteilung im Flüstertone durch die ganze erste Reihe fort , und der Vizedirektor mußte in seinen Sirach ein grollendes : Ruhe ! einschieben . Aber schon nach der zweiten Unterrichtsstunde , als die Körbe mit Dreierbrodchen eben an die Thüre gestellt waren , meldete sich das Verhängnis . Die dicke Küchenmeisterin erschien , ohne angeklopft zu haben , in der 2. Selektaclasse , wo der Direktor gerade Cornelius Nepos traktierte . Entrüstet blickte der Scholiarch die Frau an , und ein aufgebrachtes Rhm ! fuhr ihr entgegen . Sie aber , ohne eine Spur von dem Respekte , der sie sonst nie verließ , schwappte bis an das Katheder vor und rief mit erregter Stimme : Meine Äppel hamse gemaust ! Meine scheenen Äppel , die nischtnutzgen Jungen ! - Was behaupten Sie ! ? - Ich behaupte nischt , Herr Derekter , ich behaupte Se gar nischt , ich sage blos : Gemaust ham se se , alle ham se se gemaust ! - Mäßigen Sie sich ! Gehen Sie in Ihre Küche ! Hier wird Schule gehalten ! - Aber , wenn se doch meine Äppel alle gemaust ham , Herr Derekter ! In diesem Augenblicke hörte man was fallen , und ein großer rotbackiger Apfel rollte langsam aus der ersten Bankreihe vor das Katheder . Es war , als ob sich der Apfel seiner Wichtigkeit für diesen Augenblick bewußt wäre , mit so viel Ausdruck , ja Würde rollte er . Als er zuletzt noch ein paar Mal hin und her schwankte , war es wie der Schlußapell in der Rede eines Staatsanwalts . Aber es ist Staatsanwälten nur selten beschieden , so überzeugend zu wirken , wie es dieser schweigend beredte Apfel that . Sämmtliche Selektaner machten eine unbewußte Bewegung , als wollten sie unter die Bänke kriegen , die Augen des Direktors traten aus ihren Höhlen und hatten ganz offenbar die Tendenz , in aller Körperlichkeit unter die schuldbeladene Schülerschaft zu fahren , die Küchenmeisterin aber warf sich mit dem Applomb eines trächtigen Elephantenweibchens auf den Apfel und schrie : Hammr nu den Beweis , Herr Derekter ? Hammr dn Beweis ? Ob das nich eener von mein Äppeln is ? Na ? Oh die verfluchte Jungens , die Mausehaken ! Nee , so e Volk ! Fui Teifel , sag ch , und noch emal : Fui , schämt eich ! Und sie setzte den Apfel mit der Wucht des Triumphes auf das Katheder und fixierte bald die Schüler , bald den Direktor . Der sprach : Rhm ! Hm ! Das ist ... Ich sage : Das ist unerhört ! Das ist eine Schmach ohnegleichen ! Wer von euch ... ! Hm ! Gesteht ! Ich sage : Gesteht auf der Stelle , oder ... ! Hrm ! Ich werde ein Exempel ... Rhm ! ... Plötzlich veränderte sich sein Blick , und er wandte sich zornesvoll zur Köchin : Gehen Sie in Ihre Küche , sag ich ! In Ihre Küche ! In ... Ihre ... Küche ! ! ! Hier wird Schule gehalten ! Gehen Sie an Ihre Arbeit ! Alles andre wird sich finden . Rhm ! Die Küchenmeisterin sah den Direktor erschrocken an und floh hinaus . Jetzt aber verließ der Direktor das Katheder . Niemand durfte zweifeln , daß etwas Fürchterliches nahe bevorstand . Es bezweifelte es auch niemand . Gänse beim Gewitter ducken sich nicht scheuer , als die braven Selektaner es thaten , während der Direktor stampfend und keuchend auf und ab lief . So that er immer , wenn er Einen am Ohr nehmen wollte . Man kannte das . Er hatte eine eigene Art , Einen am Ohr zu nehmen ; so eine gewisse Drehung , als wollte er eine Thüre aufschließen und der Schlüssel ging nicht . Die in der vordersten Reihe bereiteten sich schon vor , die Ohren zu schützen . Aber es kam anders . Der Fall war zu ausgedehnt . Denn der Direktor hätte vierzig Ohren drehen müssen . Eine Maschine wäre nötig gewesen . Er plante Schlimmeres . Plötzlich donnerte er : Rhm ! Sämmtliche Schlüssel auf die Bank gelegt ! Die Schlüssel klapperten herauf . - Rhm ! Primus , die Schlüssel einsammeln . Es geschah . - Rhm ! Hat die erste Selekta auch gestohlen ? Kein Athemzug im ganzen Raume . - Rhm . Ich frage : Hat ... - Ja ! ( Die guten Jungen lispelten das wie kleine Mädchen . ) - Ach , rhm , das ist ja wirklich ... ich sage : Das ist ... in der That ... rhm ! Primus ! Der Primus erhob sich und neigte das lilienblasse Haupt . - Geh in die erste Selekta und bitte den Herrn Doktor Box , er soll die Schlüssel einsammeln lassen . Der Primus fegte davon , froh aus dem Bannkreis dieser rollenden Augen zu kommen . Wir folgen ihm . Doktor Box , ein Pädagoge voll Humor , hatte eben einen Witz zum Besten gegeben , und die großen Selektaner wollten sich vor Lachen ausschütten , als der Abgesandte des Zorns seine Botschaft ausrichtete . Rups , wie brach da das fröhliche Gelächter ab . Nur Doktor Box blieb fröhlich , und er sprach : Die adolescentuli sollen ihre werten Schlüssel auf die Bank der Wissenschaften und schöne Künste legen ! Thuts , meine Lieben , thuts ! Mir scheint : Es stinkt in irgend einem Schranke ? Oder in allen ? Da klingelte es , und schon erschien auch der Direktor auf der Schwelle . - Haben Sie die Schlüssel , Herr Kollege ? - Hier sind sie . Was ist denn geschehen , Herr Direktor ? - Sie haben , rhm , Diebe zu Schülern , Herr Kollege ! - Na , ich danke ! - Es verläßt niemand das Zimmer ! Beide Selekten haben Zimmerarrest bis auf Weiteres . In der zweiten Selekta wurde der Zimmerarrest damit eingeleitet , daß man den Unglücklichen der den Apfel hatte fallen lassen , gemeinschaftlich durchprügelte . Das ist die Art , wie sich die Verzweiflung des Volkes gerne entlädt . In der ersten Selekta ging ein Gemunkel von Verrat , und man hatte natürlich die zweite Selekta im Verdacht . Schon war man daran , über die Strafen zu beratschlagen , die hier am Platze waren , da wurde Fliczek durch den Inspektor herausgerufen . - Der Hund ! Die Petze ! So ein Schuft ! Also der Czeche ! Natürlich : Der Czeche ! Die entrüstete Schaar ahnte nicht , daß ihnen in dem beschimpften Böhmen ein Blitzableiter erstanden war . Die Lehrerconferenz , vor deren Beschluß die beiden Selekten zitterten , befaßte sich einstweilen gar nicht mit dem Raubzug auf die Äpfel , sondern mit einem viel gräulicheren Faktum : Mit » der unglaublichen sittlichen Verworfenheit dieses entarteten Burschen da « , wie der Direktor sich in gehobener Rede ausdrückte , indem er auf Fliczek wies . - Wir werden uns nachher mit einer Vergehung zu befassen haben , die leider den beiden Selekten , wie es allen Anschein hat , ausnahmslos zur Last fällt , mit einer Vergehung , die schlimm , rhm , sehr schlimm ist , die wir aber im Vergleich mit der Büberei dieses Menschen noch gelinde ansehen dürfen . Wir können , vielleicht , rhm , ich sage : vielleicht , annehmen , daß dieses Vergehen der Selektaner mehr ein übermütiger Jungenstreich als ein Beweis für böse Lust ist . Aber hier , rhm , hier , meine Herren Kollegen , hier ist sittliche Verlumptheit ! Hier ist , rhm , Seuchenstoff gefährlichster Art ! Hier ist geil wucherndes Unkraut ! Der Vizedirektor , der die Steigerungstendenz im Stile des Direktors kannte , erlaubte sich , einzuwerfen , ob es nicht wohl angebracht sei , den Fliczek einstweilen hinauszuschicken . - Rhm , ja , ja wohl , hinaus mit diesem Burschen ! Aber unter Bedeckung ! Hinaus , sag ich , Fliczek ! Fliczek ging . - Es ist keine Frage , meine Herren , daß wir , rhm , daß wir diesen gefährlichen Buben entlassen müssen . Dank der Anzeige des Kollegen Wippe , der nicht blos als echter Vater , sondern auch als pflichtbewußter Pädagoge , gehandelt hat , und von dem wir nie etwas anderes erwartet haben , ist die Unzucht , rhm , ich sage die Unzucht ... - Bitte , Herr Direktor , nicht wol eben dies , denn so weit wage ich meine Tochter nicht mit anzuschuldigen ... , wimmerte Herr Wippe . - Ich sage doch : Unzucht , ohne daß ich das Gräßlichste anzunehmen verzweifelt genug wäre . Denn schon der Gedanke , nächtlicher Weile ... aber genug ! Wir haben , rhm , die Pflicht , auch den Gedanken zu töten , der ... Aber genug und gleichviel ! Wir wissen , daß dieser Bube auf Schleichwegen gewesen ist , und nicht zum ersten Male , auf Schleichwegen , sage ich , rhm , die keinesfalls unschuldiger Natur waren . Er selbst hat es nicht zu leugnen gewagt . Sein Auge - oh , aber , rhm , genug ! Wir müssen ihn dimittiren . Kollege Wippe hat sich in rühmeswerter Aufwallung entschlossen , seine Tochter , über deren Anteil an dem Entsetzlichen nicht wir zu befinden haben , noch heute aus dem Hause zu thun , und es muß auch dieser Bursche heute noch das Institut verlassen . Wir schenken unser ganzes Bedauern dem schwer getroffenen Vormund des Verworfenen , aber , rhm , wir müssen das Interesse unserer Anstalt über Alles stellen . Ich zweifle nicht , daß Sie Alle einer Meinung mit mir sind . Sie waren alle einer Meinung . Für die Entscheidung über den Raubzug der Selektaner war dieser Fall Fliczek ungemein günstig . Zum größten Erstaunen der Delinquenten erfolgte nur ein vierwöchentlicher Zimmerarrest und die Bestimmung , daß die Selektanerarbeitsstunden nicht mehr abends , sondern früh stattzufinden hätten . Das war freilich recht bitter , aber , da man sich natürlich auf sehr viel Schlimmeres gefaßt gemacht hatte , so durfte man es mit einem halbwegs angenehmen Gefühle tragen . Gruselig und unheimlich wirkte das Verschwinden Fliczeks . Aber am unheimlichsten auf Willibald . Es muß gesagt werden : Er hatte eine fürchterliche Angst . Er war ja der Einzige , der den Zusammenhang ahnte . Aber : Hing denn nicht er selber auch damit zusammen ? Kein Zweifel : Josephine war erwischt worden und hatte Fliczek genannt . Und ihn nicht ? Das that ihm einesteils wohl , aber andernteils hatte er die Empfindung , als ob er da nicht ganz als voll betrachtet worden sei . Doch das Schlimmste war : Josephine war fort . Und jetzt fing er erst recht an , Verse zu machen . Siebentes Kapitel Im Allgemeinen fühlte sich der kleine Willibald doch recht wichtig mit seinen Geheimnissen , und den alten Buschklepper sah er von nun an immer nur so mit einem gewissen hohen Bedauern an . Aber fatal war es ihm , daß er gar Niemand hatte , den er ins Vertrauen ziehen konnte . Auch wie er mit seinen Altersgenossen in die Reihe der Großen kam , wo denn schon manchmal ein wuchtig Wort geredet wurde , fand er keinen , dem er hätte sagen mögen , was jetzt seine Ansicht vom Monde sei . Er war ja auch ohne daß mans ihm gesagt hatte dahinter gekommen , was darunter zu verstehen sei , wenn Einer dem der Schnurrbart erschienen ist , nächtlicher Weile auf dem Monde spaziert . Nur fand er , daß es auch ohne Schnurrbart ginge . Denn er mit allen seinen Erfahrungen bekam sicherlich noch lange keinen . Überhaupt , die Natur meinte es nicht gut mit ihm . Er , der nun schon konfirmiert werden sollte , in die Gemeinde der Gläubigen aufgenommen , sah um drei Jahre jünger aus , als er war ; und das will in diesen Jahren sehr viel bedeuten , zumal bei Einem , der sich innerlich etwa drei Jahre älter fühlt , als er in Wirklichkeit zählt , also sechs Jahre älter , als er aussieht . Das machte seine Stellung unter all den Jungen noch fataler . Die Großen hänselten ihn , weil er sie durch sein kleinjungenhaftes Aussehen gewissermaßen komprommittierte , die Jüngeren ließen es ihm zuweilen fast merken , daß sie ihn nicht ganz für groß ansahen , und er selbst fühlte sich dabei im Inneren sehr viel größer , als die größten unter den Großen . Er zernagte sich förmlich vor Ingrimm und fing an , sich gegen alle Welt hochfahrend zu betragen . Die meiste Zeit las er . Wahllos Alles , was ihm unter die Hände geriet . Die Gedichte des Lesebuchs kannte er auswendig , und es war sein Triumph , sich darin auf die Probe stellen zu lassen . Sonst fand er seine Lust in einem wühlenden Fabulieren . Während die Andern ihre Ballspiele trieben , lief er im Korridor auf und ab und machte sich zum Helden unmöglicher Verhältnisse . Ein unglaublicher Ritter war er auf einem ganz unglaublichen Pferde . Wenn dies Pferd wieherte , fielen die Wälder um , und wenn er blos sein Schwert hob , fielen die Köpfe von ganzen Armeen in den Sand . Aber , wenn die Obsthökerin kam , so schwanden alle Phantasieen , und so lange er was Süßes zwischen den Zähnen hatte , waren ihm seine Heldenthaten ganz gleichgiltig . In der Schule taugte er wenig und am wenigsten im Rechnen . Aber Deutsch und Religion , das waren seine Gebiete . Er schrieb unorthographischer , als es den Ansprüchen seiner Klasse gemäß war , aber in seinen Aufsätzen war eine gewisse Art von Liebe am Ausdruck . Ungemein oft kam bei ihm das Wort Gott vor . Gleichviel , was er zu schildern hatte : Den Bau des Maikäfers , die Schlacht bei Salamis , die Pflicht , fleißig zu sein , die Ferienreise , - immer lief Alles auf Gott hinaus . Gott , das war ihm jetzt , was ihm Miokovitsch gewesen war , das schlechthin Große , Fabelhafte . Den alten Pastor , der ihm den Konfirmandenunterricht erteilte , setzte er in ewige Verlegenheiten . Was ist Gott ? fragte Pastor Schulze . - Ein kolossales Wesen . - Nicht doch , Stilpe . Wie heißt es im Katechismus ? Nun , das wußte er wol auch . Aber das genügte ihm nicht . - Herr Pastor : Ist Gott größer als das Königreich Sachsen ? - Gott ist so groß , daß ihn menschliche Worte nicht ausdrücken können . - Herr Pastor : Kennt mich Gott ? - Freilich , denn er kennt alle Dinge . - Wenn ich bete , hört er mich ? - Freilich , freilich , und er freut sich , wenn Du betest . - Wenn nun aber Rammer auch betet , wem hört er denn da zu , Rammern oder mir ? - Dir und Rammern und Millionen anderen ! - Aber vergißt er denn nicht manchmal was ? - Nie , Stilpe , er weiß jeden Laut und jeden Gedanken , selbst das Summen der Biene versteht er . - Merkt er es auch , wenn ich nicht bete ? - Er merkt es und zürnt . - Warum denn ? - Weil es Christenpflicht ist , zu beten . Erinnere Dich doch , was ich euch über das Beten gesagt habe . - Ja , ja , ich weiß . Aber , wenn er mir nun nicht erfüllt , was ich bete ? - Schweig endlich und frag nicht unnütz . Du hast mir selber ja vorige Stunde ganz genau und gut geantwortet . Bleibe fest bei dem , was ich Dich lehre . Gott liebt die unnützen Frager nicht . Aber Willibald konnte es nicht lassen , wenigstens für sich zu fragen . Zwar glaubte er felsenfest , was er im Katechismus gelernt hatte , denn es gereichte ihm zu großer Genugthuung , daß er durch solchen Glauben fähig werden sollte , in die Gemeinde der Gläubigen , was so viel wie der Erwachsenen hieß , aufgenommen zu werden , aber das war eine Sache für sich , das war etwas Feststehendes wie die Katechismusstunde im Stundenplan , das ging die Fragen eigentlich gar nicht an . Er glaubte , weil es ja eine Schande gewesen wäre , nicht zu glauben , und weil er zudem in der Religion der Erste war . Das Fragen war mehr ein Spiel mit Gott . Es ging ihm keineswegs tief . Es lief nicht auf Zweifel hinaus , wollte nicht etwa dahin kommen , daß plötzlich mal keine Antwort mehr da wäre . Nein , es geschah in der wunderbaren Zuversicht , daß man über Gott das Unmöglichste erfragen dürfe , und es würde doch immer eine Antwort kommen . Überdies war Willibald trotz aller Worte des Pastors davon überzeugt , daß er gerade durch seine Fragen Gott sehr interessant werden müsse , und er fing einen förmlichen Sport damit an , Alles in Beziehung zu Gott zu setzen . - Wenn ich jetzt der Fliege ein Bein ausreiße , so ärgert sich Gott . - Halt ! jetzt werde ich so thun , als wollte ich ihr ein Bein ausreißen ... Was für ein Gesicht wird er da machen ! - Aber nein : Ich lasse sie fliegen . Jetzt freut er sich . - Heute werde ich bei jedem Bissen , den ich in den Mund stecke , inwendig sagen : Ich danke Dir Gott ! Und wenn ichs einmal vergesse , so will ich nicht weiter essen . Aber er führte es nur bei der Suppe durch . Beim Braten vergaß ers bald und aß doch weiter : Die Andern habens ja nicht einmal bei der Suppe gesagt ! Christus interessierte ihn viel weniger , und der Heilige Geist gar nicht , obwohl er im Katechismus über sie ebensogut beschlagen war , wie über Gott . Es wäre ihm nie eingefallen , Christus etwa zum Orakel zu machen , wie ers mit Gott unzählige Male that , dem er die Entscheidung über die geringfügigsten Dinge ließ . - Soll ich meine lateinischen Vocabeln noch einmal durchgehen ? Ich zähle bis zwanzig , und wenn der Inspektor sich auf dem Katheder rührt , sagt Gott : Ja . Aber , wenn sich der Inspektor rührte , so galt dies doch nicht sogleich , denn es mußte ein deutliches Rühren sein , und wenn er etwa bloß eine Hand erhob , so hatte Gott schon Nein ! gesagt , und das Vocabularium wurde zugeklappt . Es gab unter den Zöglingen auch einige Katholiken . Die verachtete Willibald unsäglich . Der Pastor hatte durchaus nicht eigentlichen Anstoß dazu gegeben , aber es genügte schon das Wenige , was er gesagt hatte , um Stilpe mit der Überzeugung zu erfüllen , daß sie mit seinem Gott nichts gemein hatten . Unter den Jungen fehlte es nicht an Schimpfnamen gegen die katholische Minderheit . Die gebrauchte Stilpe selten oder gar nicht . Aber » so ein Katholischer « kam ihm innerlich wie aussätzig vor . Da die meisten Katholiken unter den Schülern Ausländer waren , so erhielt dieses Gefühl der stillen Verachtung noch einen Beiton von Deutschgefühl . Darin war er auch sonst sehr stark . Ein » Bardenlied « von Willibald begann mit den Worten : Wir Germanen schleudern mit Speeren Nach Römern und nach Bären Und trinken Meth ! Unter Meth stellte sich Stilpe etwas ungemein Süßes vor , das aber doch wie Lagerbier wirkte . Alles in Allem hatte Gott nebst den allerlei anfliegenden Idealempfindungen von germanischen Urwäldern , Blücher , Kaiser Wilhelm , Moltke den Sinn Willibalds vom Monde etwas abgelenkt . Es war nur noch so etwas wie eine heiße Dehnung in ihm , ein Gefühl , gemischt aus unsagbarer Sehnsucht und augenirrender Furcht . Er hätte jetzt nicht mehr den Mut gehabt , wie damals , als er Fliczek davonprügelte . Er fürchtete sich vor den Mädchen , sobald er einmal eine zu sehen bekam , und empörte sich dann über diese Furcht . Aber manchmal geschah es doch noch , daß er an Buschkleppers Garten ging und seine Hände auf das Gartengeländer lehnte , starr nach der Laube hinüberlugend voll heißester , wirrester Wallungen . Das stammelte er dann Alles in Versen über Thusnelda aus , die Gattin Armins des Befreiers . Zweites Buch Das Jünglinglein Ich rate Dir , mein Junge , Bewahre Deine Zunge Und hüte Deinen Magen Vorm Obste , wenns noch grün . Schwer ist es zu vertragen , Es macht Verdauungsmühn Und anderweite Plagen . Aus Stilpes Maximen und Reflexionen . Erstes Kapitel - Was ist denn das ? Schämt ihr euch nicht ? Obertertianer , die sich wie die Quartaner balgen ! Laßt los , sag ich ! Stilpe , wenn Du noch einmal zuschlägst ! Der stämmige Turnlehrer Stürz kam in mustergiltigen Sätzen hinter den Kletterstangen hervorgesprungen zum zweiten Reck , wo die Obertertianer der leipziger Thomasschule mit Kennermiene um einen lebendigen Knäuel herumstanden , der sich bei den gellenden Rufen des Turngewaltigen langsam entwickelte und als dessen Bestandteile sich unser Freund Stilpe nebst seinem Klassengenossen Girlinger präsentierten . - Was hats gegeben ? In einem Vierteljahr soll man euch siezen , und jetzt wälzt ihr euch in der Lohe wie die kleinen Jungen . Wollt ihr euch nicht wenigstens gefälligst entschuldigen ? Wer hat angefangen ? - Stilpe . Er hat mich geohrfeigt . Da hab ich ihm einen Magenstoß verabreicht . Girlinger sagte das mit der Ruhe eines Statistikers , obwohl ihm die Nasenflügel noch vor Zorn bebten . Es war ein schmächtiger , schwarzhaariger Bursche mit ungemein lebhaften Augen , einer reichlich großen aber schmalrückigen und schön geschwungenen Nase und einem Anflug von Schnurrbart . Stilpe machte sich nicht gut neben ihm . Er war dicker , stämmiger und hatte etwas von einem Bulldog . Seine Lippen waren aufgeworfen wie bei einem Kalmücken , seine Nase hatte gleichfalls die Tendenz nach oben , seine Augen waren klein und wässerig blau . Dazu schwarzes , starres Haar , das zu weit in die Stirn ging und ein paar Wirbel zu viel hatte , und Pockennarben übers ganze Gesicht . Der kleine Willibald hatte sich beträchtlich verändert , bis ers zum Obertertianer gebracht hatte . Selbst seine gute Mutter fand , daß er ein bischen » zu charakteristisch « geworden wäre , wie sie sagte . Auch ohne die Pockennarben wäre er kein Adonis gewesen . Dazu trug er sich recht sonderbar . Etwas wild-westartig und nicht eben sorgfältig . Ein schwarz karrierter Anzug , dessen Grundfarbe ein lehmiges Gelb war ; dazu ein flatternder grüner Hängeschlips . Alles in einem liederlichen Zustande , der jetzt noch besonders zur Geltung kam , wo die Jacke durch die Balgerei einen Riß bekommen hatte . - So , Stilpe ! Also Du ohrfeigst den Primus Deiner Klasse . Natürlich , wer fast der Letzte ist , muß seinen Zorn an den besseren Schülern auslassen . Willst Du die Güte haben und sagen , wie Du zu dieser Lümmelei gekommen bist ? Stilpe kräuselte seine Oberlippe noch etwas nach oben und setzte ein sehr verächtliches Gesicht auf . Dabei zuckte er die Achseln und wischte sich die Lohe von den Kleidern . - Also wirds bald ! ? - Ich mag nicht denunzieren . - Was magst Du nicht ? Denunzieren sagst Du ? Hört mal , leiht euerm Kameraden doch Heyses Fremdwörterbuch ; er scheint nicht zu wissen , was denunzieren heißt . Jetzt stampfte aber Stilpe mit dem Fuße auf : - Ich weiß sehr wohl , was Denunzieren bedeutet , und gerade darum sage ich nicht , weshalb ich den Herrn Primus verdientermaßen geohrfeigt habe . - Höre , Stilpe , jetzt wird mirs zu bunt . Mit Frechheiten kommst Du bei mir nicht durch . Wenn Du nicht auf der Stelle Antwort giebst , meld ich die Sache , und dann läuft sie übel für Dich ab , das weißt Du . - Das weiß ich . Aber ich kann nicht antworten ... d.h. , wenn Girlinger mich vielleicht ermächtigt ? ... - Ja , zum Donnerwetter , ihr seid wohl nicht recht ... Girlinger , was ists ! ? Girlinger machte eine bedeutende Geste und sagte mit kühler Gelassenheit : Stilpe hat meine Ermächtigung . Diese ironische Ruhe brachte Stilpen ganz außer sich . Das war es ja überhaupt , was ihm am Primus so widerwärtig war , diese infame Ruhe und Gleichmütigkeit . Girlinger war der Einzige in der Klasse , der ihm imponierte , der Einzige , mit dem er » über Dinge « sprach , aber immer endete es auf seiner Seite mit Wutausbrüchen , weil dieser sich nie dazu herbeilassen wollte , warm zu werden . Er , Stilpe , fuhr immer mit Kanonen auf , und Girlinger that so , als könne er alles mit seinem Taschentuch wegwedeln . Also Stilpe brach wütend los : - Gut ! Wenn er mir ' s schon gestattet ... Gut ! Ich habe ihn geohrfeigt , weil er Bismarck beleidigt hat ! Ein schallendes Gelächter brach los . Auch der rotbärtige Stürz lachte . - Ah , eine politische Ohrfeige ! Ja dann , meine Herren , bin ich nicht kompetent . Das gehört vor den Reichstag . Wir wollen einstweilen im Klimmzug fortfahren . Stilpe hätte in die braune Lohe greifen und sie dem Turnlehrer ins Gesicht schmeißen mögen . Jede Strafe wäre ihm willkommen gewesen , aber dieser Hohn traf