Herbst- und Ebereschentage da waren , als eine höhere Form von Schwarzsauer auf den Tisch zu kommen pflegten . Engelke präsentierte Burgunder dazu , der schon lange lag , noch aus alten besseren Tagen her , und als jeder davon genommen , erhob sich Dubslav , um erst kurz seine lieben Gäste zu begrüßen , dann aber die Damen leben zu lassen . Er müsse bei diesem Plural bleiben , trotzdem die Damenwelt nur in einer Einheit vertreten sei ; doch er gedenke dabei neben seiner lieben Freundin und Tischnachbarin ( er küßte dieser huldigend die Hand ) zugleich auch der » Gemahlin « seines Freundes Katzler , die leider - wenn auch vom Familienstandpunkt aus in hocherfreulichster Veranlassung - am Erscheinen in ihrer Mitte verhindert sei : » Meine Herren , Frau Oberförster Katzler « - er machte hier eine kleine Pause , wie wenn er eine höhere Titulatur ganz ernsthaft in Erwägung gezogen hätte - , » Frau Oberförster Katzler und Frau von Gundermann , sie leben hoch ! « Rex , Czako , Katzler erhoben sich , um mit Frau von Gundermann anzustoßen , als aber jeder von ihnen auf seinen Platz zurückgekehrt war , nahmen sie die durch den Toast unterbrochenen Privatgespräche wieder auf , wobei Dubslav als guter Wirt sich darauf beschränkte , kurze Bemerkungen nach links und rechts hin einzustreuen . Dies war indessen nicht immer leicht , am wenigsten leicht bei dem Geplauder , das der Hauptmann und Frau von Gundermann führten und das so pausenlos verlief , daß ein Einhaken sich kaum ermöglichte . Czako war ein guter Sprecher , aber er verschwand neben seiner Partnerin . Ihres Vaters Laufbahn , der es ( ursprünglich Schreibund Zeichenlehrer ) in einer langen , schon mit Anno dreizehn beginnenden Dienstzeit bis zum Hauptmann in der » Plankammer « gebracht hatte , gab ihr in ihren Augen eine gewisse militärische Zugehörigkeit , und als sie , nach mehrmaligem Auslugen , endlich den ihr wohlbekannten Namenszug des Regiments Alexander auf Czakos Achselklappe erkannt hatte , sagte sie : » Gott ... , Alexander . Nein , ich sage . Mir war aber doch auch gleich so . Münzstraße . Wir wohnten ja Linienstraße , Ecke der Weinmeister - das heißt , als ich meinen Mann kennenlernte . Vorher draußen , Schönhauser Allee . Wenn man so wen aus seiner Gegend wiedersieht ! Ich bin ganz glücklich , Herr Hauptmann . Ach , es ist zu traurig hier . Und wenn wir nicht den Herrn von Stechlin hätten , so hätten wir so gut wie gar nichts . Mit Katzlers « , aber dies flüsterte sie nur leise , » mit Katzlers ist es nichts ; die sind zu hoch raus . Da muß man sich denn klein machen . Und so toll ist es am Ende doch auch noch nicht . Jetzt passen sie ja noch leidlich . Aber abwarten . « » Sehr wahr , sehr wahr « , sagte Czako , der , ohne was Sicheres zu verstehen , nur ein während des Dubslavschen Toastes schon gehabtes Gefühl bestätigt sah , daß es mit den Katzlers was Besonderes auf sich haben müsse . Frau von Gundermann aber , den ihr unbequemen Flüsterton aufgebend , fuhr mit wieder lauter werdender Stimme fort : » Wir haben den Herrn von Stechlin , und das ist ein Glück , und es ist auch bloß eine gute halbe Meile . Die meisten andern wohnen viel zu weit , und wenn sie auch näher wohnten , sie wollen alle nicht recht ; die Leute hier , mit denen wir eigentlich Umgang haben müßten , sind so diffizil und legen alles auf die Goldwaage . Das heißt , vieles legen sie nicht auf die Goldwaage , dazu reicht es bei den meisten nicht aus ; nur immer die Ahnen . Und sechzehn ist das wenigste . Ja , wer hat gleich sechzehn ? Gundermann ist erst geadelt , und wenn er nicht Glück gehabt hätte , so wär es gar nichts . Er hat nämlich klein angefangen , bloß mit einer Mühle ; jetzt haben wir nun freilich sieben , immer den Rhin entlang , lauter Schneidemühlen , Bohlen und Bretter , einzöllig , zweizöllig und noch mehr . Und die Berliner Dielen , die sind fast alle von uns . « » Aber , meine gnädigste Frau , das muß Ihnen doch ein Hochgefühl geben . Alle Berliner Dielen ! Und dieser Rhinfluß , von dem Sie sprechen , der vielleicht eine ganze Seenkette verbindet und woran mutmaßlich eine reizende Villa liegt ! Und darin hören Sie Tag und Nacht , wie nebenan in der Mühle die Säge geht , und die dicht herumstehenden Bäume bewegen sich leise . Mitunter natürlich ist auch Sturm . Und Sie haben eine Pony-Equipage für Ihre Kinder . Ich darf doch annehmen , daß Sie Kinder haben ? Wenn man so abgeschieden lebt und so beständig aufeinander angewiesen ist ... « » Es ist , wie Sie sagen , Herr Hauptmann ; ich habe Kinder , aber schon erwachsen , beinah alle , denn ich habe mich jung verheiratet . Ja , Herr von Czako , man ist auch einmal jung gewesen . Und es ist ein Glück , daß ich die Kinder habe . Sonst ist kein Mensch da , mit dem man ein gebildetes Gespräch führen kann . Mein Mann hat seine Politik und möchte sich wählen lassen , aber es wird nichts , und wenn ich die Journale bringe , nicht mal die Bilder sieht er sich an . Und die Geschichten , sagt er , seien bloß dummes Zeug und bloß Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie . Seine Mühlen , was ich übrigens recht und billig finde , sind ihm lieber . « » Aber Sie müssen doch viele Menschen um sich herum haben , schon in Ihrer Wirtschaft . « » Ja , die hab ich , und die Mamsells , die man so kriegt , ja , ein paar Wochen geht es ; aber dann bändeln sie gleich an , am liebsten mit ' nem Volontär , wir haben nämlich auch Volontärs in der Mühlenbranche . Und die meisten sind aus ganz gutem Hause . Die jungen Menschen passen aber nicht auf , und da hat man ' s denn , und immer gleich Knall und Fall . All das ist doch traurig , und mitunter ist es auch so , daß man sich geradezu genieren muß . « Czako seufzte . » Mir ein Greuel , all dergleichen . Aber ich weiß vom Manöver her , was alles vorkommt . Und mit einer Schläue ... nichts schlauer als verliebte Menschen . Ach , das ist ein Kapitel , womit man nicht fertig wird . Aber Sie sagten Linienstraße , meine Gnädigste . Welche Nummer denn ? Ich kenne da beinah jedes Haus , kleine , nette Häuser , immer bloß Beletage , höchstens mal ein OEil-de-boeuf . « » Wie ? was ? « » Großes rundes Fenster ohne Glas . Aber ich liebe diese Häuser . « » Ja , das kann ich auch von mir sagen , und in gerade solchen Häusern hab ich meine beste Zeit verbracht , als ich noch ein Quack war , höchstens vierzehn . Und so grausam wild . Damals waren nämlich noch die Rinnsteine , und wenn es dann regnete und alles überschwemmt war und die Bretter anfingen , sich zu heben , und schon so halb herumschwammen und die Ratten , die da drunter steckten , nicht mehr wußten , wo sie hin sollten , dann sprangen wir auf die Bohlen rauf , und nun die Biester raus , links und rechts , und die Jungens hinterher , immer aufgekrempelt und ganz nackicht . Und einmal , weil der eine Junge nicht abließ und mit seinen Holzpantinen immer drauflosschlug , da wurde das Untier falsch und biß den Jungen so , daß er schrie ! Nein , so hab ich noch keinen Menschen wieder schreien hören . Und es war auch fürchterlich . « » Ja , das ist es . Und da helfen bloß Rattenfänger . « » Ja , Rattenfänger , davon hab ich auch gehört - Rattenfänger von Hameln . Aber die gibt es doch nicht mehr . « » Nein , gnädige Frau , die gibt es nicht mehr , wenigstens nicht mehr solche Hexenmeister mit Zauberspruch und einer Pfeife zum Pfeifen . Aber die meine ich auch gar nicht . Ich meine überhaupt nicht Menschen , die dergleichen als Metier betreiben und sich in den Zeitungen anzeigen , unheimliche Gesichter mit einer Pelzkappe . Was ich meine , sind bloß Pinscher , die nebenher auch noch Rattenfänger heißen und es auch wirklich sind . Und mit einem solchen Rattenfänger auf die Jagd gehen , das ist eigentlich das Schönste , was es gibt . « » Aber mit einem Pinscher kann man doch nicht auf die Jagd gehen ! « » Doch , doch , meine gnädigste Frau . Als ich in Paris war ( ich war da nämlich mal hinkommandiert ) , da bin ich mit runtergestiegen in die sogenannten Katakomben , hochgewölbte Kanäle , die sich unter der Erde hinziehen . Und diese Kanäle sind das wahre Ratteneldorado ; da sind sie zu Millionen . Oben drei Millionen Franzosen , unten drei Millionen Ratten . Und einmal , wie gesagt , bin ich da mit runtergeklettert und in einem Boote durch diese Unterwelt hingefahren , immer mitten in die Ratten hinein . « » Gräßlich , gräßlich . Und sind Sie heil wieder rausgekommen ? « » Im ganzen , ja . Denn , meine gnädigste Frau , eigentlich war es doch ein Vergnügen . In unserm Kahn hatten wir nämlich zwei solche Rattenfänger , einen vorn und einen hinten . Und nun hätten Sie sehen sollen , wie das losging . Schnapp , und das Tier um die Ohren geschlagen , und tot war es . Und so weiter , so schnell , wie Sie nur zählen können , und mitunter noch schneller . Ich kann es nur vergleichen mit Mr. Carver , dem bekannten Mr. Carver , von dem Sie gewiß einmal gelesen haben , der in der Sekunde drei Glaskugeln wegschoß . Und so immerzu , viele Hundert . Ja , so was wie diese Rattenjagd da unten , das vergißt man nicht wieder . Es war aber auch das Beste da . Denn was sonst noch von Paris geredet wird , das ist alles übertrieben ; meist dummes Zeug . Was haben sie denn Großes ? Opern und Zirkus und Museum , und in einem Saal ' ne Venus , die man sich nicht recht ansieht , weil sie das Gefühl verletzt , namentlich wenn man mit Damen da ist . Und das alles haben wir schließlich auch , und manches haben wir noch besser . So zum Beispiel Niemann und die dell ' Era . Aber solche Rattenschlacht , das muß wahr sein , die haben wir nicht . Und warum nicht ? Weil wir keine Katakomben haben . « Der alte Dubslav , der das Wort » Katakomben « gehört hatte , wandte sich jetzt wieder über den Tisch hin und sagte : » Pardon , Herr von Czako , aber Sie müssen meiner lieben Frau von Gundermann nicht mit so furchtbar ernsten Sachen kommen und noch dazu hier bei Tisch , gleich nach Karpfen und Meerrettich . Katakomben ! Ich bitte Sie . Die waren ja doch eigentlich in Rom und erinnern einen immer an die traurigsten Zeiten , an den grausamen Kaiser Nero und seine Verfolgungen und seine Fackeln . Und da war dann noch einer mit einem etwas längeren Namen , der noch viel grausamer war , und da verkrochen sich diese armen Christen gerade in eben diese Katakomben , und manche wurden verraten und gemordet . Nein , Herr von Czako , da lieber was Heiteres . Nicht wahr , meine liebe Frau von Gundermann ? « » Ach nein , Herr von Stechlin ; es ist doch alles so sehr gelehrig . Und wenn man so selten Gelegenheit hat ... « » Na , wie Sie wollen . Ich hab es gut gemeint . Stoßen wir an ! Ihr Rudolf soll leben ; das ist doch der Liebling , trotzdem er der Älteste ist . Wie alt ist er denn jetzt ? « » Vierundzwanzig . « » Ein schönes Alter . Und wie ich höre , ein guter Mensch . Er müßte nur mehr raus . Er versauert hier ein bißchen . « » Sag ich ihm auch . Aber er will nicht fort . Er sagt , zu Hause sei es am besten . « » Bravo . Da nehm ich alles zurück . Lassen Sie ihn . Zu Hause ist es am Ende wirklich am besten . Und gerade wir hier , die wir den Vorzug haben , in der Rheinsberger Gegend zu leben . Ja , wo ist so was ? Erst der große König , und dann Prinz Heinrich , der nie ' ne Schlacht verloren . Und einige sagen , er wäre noch klüger gewesen als sein Bruder . Aber ich will so was nicht gesagt haben . « Viertes Kapitel Frau von Gundermann schien auf das ihr als einziger , also auch ältester Dame zustehende Tafelaufhebungsrecht verzichten zu wollen und wartete , bis statt ihrer der schon seit einer Viertelstunde sich nach seiner Meerschaumpfeife sehnende Dubslav das Zeichen zum Aufbruch gab . Alles erhob sich jetzt rasch , um vom Eßzimmer aus in den nach dem Garten hinaussehenden Salon zurückzukehren , dem es - war es Zufall oder Absicht ? - in diesem Augenblick noch an aller Beleuchtung fehlte ; nur im Kamin glühten ein paar Scheite , die während der Essenszeit halb niedergebrannt waren , und durch die offenstehende hohe Glastür fiel von der Veranda her das Licht der über den Parkbäumen stehenden Mondsichel . Alles gruppierte sich alsbald um Frau von Gundermann , um dieser die pflichtschuldigen Honneurs zu machen , während Martin die Lampen , Engelke den Kaffee brachte . Das ein paar Minuten lang geführte gemeinschaftliche Gespräch kam , all die Zeit über , über ein unruhiges Hin und Her nicht hinaus , bis der Knäuel , in dem man stand , sich wieder in Gruppen auflöste . Das erste sich abtrennende Paar waren Rex und Katzler , beide passionierte Billardspieler , die sich - Katzler übernahm die Führung - erst in den Eßsaal zurück und von diesem aus in das daneben gelegene Spielzimmer begaben . Das hier stehende , ziemlich vernachlässigte Billard war schon an die fünfzig Jahre alt und stammte noch aus des Vaters Zeiten her . Dubslav selbst machte sich nicht viel aus dem Spiel , aus Spiel überhaupt , und interessierte sich , soweit sein Billard in Betracht kam , nur für eine sehr nachgedunkelte Karoline , von der ein Berliner Besucher mal gesagt hatte : » Alle Wetter , Stechlin , wo haben Sie die her ? Das ist ja die gelbste Karoline , die ich all mein Lebtag gesehen habe « - Worte , die damals solchen Eindruck auf Dubslav gemacht hatten , daß er seitdem ein etwas freundlicheres Verhältnis zu seinem Billard unterhielt und nicht ungern von » seiner Karoline « sprach . Das zweite Paar , das sich aus der Gemeinschaft abtrennte , waren Woldemar und Gundermann . Gundermann , wie alle an Kongestionen Leidende , fand es überall zu heiß und wies , als er ein paar Worte mit Woldemar gewechselt , auf die offenstehende Tür . » Es ist ein so schöner Abend , Herr von Stechlin ; könnten wir nicht auf die Veranda hinaustreten ? « » Aber gewiß , Herr von Gundermann . Und wenn wir uns absentieren , wollen wir auch alles Gute gleich mitnehmen . Engelke , bring uns die kleine Kiste , du weißt schon . « » Ah , kapital . So ein paar Züge , das schlägt nieder , besser als Sodawasser . Und dann ist es auch wohl schicklicher im Freien . Meine Frau , wenn wir zu Hause sind , hat sich zwar daran gewöhnen müssen und spricht höchstens mal von paffen ( na , das is nicht anders , dafür is man eben verheiratet ) , aber in einem fremden Hause , da fangen denn doch die Rücksichten an . Unser guter alter Kortschädel sprach auch immer von Dehors . « Unter diesen Worten waren Woldemar und Gundermann vom Salon her auf die Veranda hinausgetreten , bis dicht an die Treppenstufen heran , und sahen auf den kleinen Wasserstrahl der auf dem Rundell aufsprang . » Immer , wenn ich den Wasserstrahl sehe « , fuhr Gundermann fort , » muß ich wieder an unsern guten alten Kortschädel denken . Is nu auch hinüber . Na , jeder muß mal , und wenn irgendeiner seinen Platz da oben sicher hat , der hat ihn . Ehrenmann durch und durch , und loyal bis auf die Knochen . Redner war er nicht , was eigentlich immer ein Vorzug , und hat mit seiner Schwätzerei dem Staate kein Geld gekostet ; aber er wußte ganz gut Bescheid , und , unter vier Augen , ich habe Sachen von ihm gehört , großartig . Und ich sage mir , solchen kriegen wir nicht wieder ... « » Ach , das ist Schwarzseherei , Herr von Gundermann . Ich glaube , wir haben viele von ähnlicher Gesinnung . Und ich sehe nicht ein , warum nicht ein Mann wie Sie ... « » Geht nicht . « » Warum nicht ? « » Weil Ihr Herr Papa kandidieren will . Und da muß ich zurückstehen . Ich bin hier ein Neuling . Und die Stechlins waren hier schon ... « » Nun gut , ich will dies letztere gelten lassen , und nur was das Kandidieren meines Vaters angeht - ich denke mir , es ist noch nicht soweit , vieles kann noch dazwischenkommen , und jedenfalls wird er schwanken . Aber nehmen wir mal an , es sei , wie Sie vermuten . In diesem Falle träfe doch gerade das zu , was ich mir soeben zu sagen erlaubt habe . Mein Vater ist in jedem Anbetracht ein treuer Gesinnungsgenosse Kortschädels , und wenn er an seine Stelle tritt , was ist da verloren ? Die Lage bleibt dieselbe . « » Nein , Herr von Stechlin . « » Nun , was ändert sich ? « » Vieles , alles . Kortschädel war in den großen Fragen unerbittlich , und Ihr Herr Vater läßt mit sich reden ... « » Ich weiß nicht , ob Sie da recht haben . Aber wenn es so wäre , so wäre das doch ein Glück ... « » Ein Unglück , Herr von Stechlin . Wer mit sich reden läßt , ist nicht stramm , und wer nicht stramm ist , ist schwach . Und Schwäche ( die destruktiven Elemente haben dafür eine feine Fühlung ) , Schwäche ist immer Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie . « Die vier andern der kleinen Tafelrunde waren im Gartensalon zurückgeblieben , hatten sich aber auch zu zwei und zwei zusammengetan . In der einen Fensternische , so daß sie den Blick auf den mondbeschienenen Vorplatz und die draußen auf der Veranda auf und ab schreitenden beiden Herren hatten , saßen Lorenzen und Frau von Gundermann . Die Gundermann war glücklich über das Tête-à-tête , denn sie hatte wegen ihres jüngsten Sohnes allerhand Fragen auf dem Herzen oder bildete sich wenigstens ein , sie zu haben . Denn eigentlich hatte sie für gar nichts Interesse , sie mußte bloß , richtige Berlinerin , die sie war , reden können . » Ich bin so froh , Herr Pastor , daß ich nun doch einmal Gelegenheit finde . Gott , wer Kinder hat , der hat auch immer Sorgen . Ich möchte wegen meines Jüngsten so gerne mal mit Ihnen sprechen , wegen meines Arthur . Rudolf hat mir keine Sorgen gemacht , aber Arthur . Er ist nun jetzt eingesegnet , und Sie haben ihm , Herr Prediger , den schönen Spruch mitgegeben , und der Junge hat auch gleich den Spruch auf einen großen weißen Bogen geschrieben , alle Buchstaben erst mit zwei Linien nebeneinander und dann dick ausgetuscht . Es sieht aus wie ' n Plakat . Und diesen großen Bogen hat er sich in die Waschtoilette geklebt , und da mahnt es ihn immer . « » Nun , Frau von Gundermann , dagegen ist doch nichts zu sagen . « » Nein , das will ich auch nicht . Eher das Gegenteil . Es hat ja doch was Rührendes , daß es einer so ernst nimmt . Denn er hat zwei Tage dran gesessen . Aber wenn solch junger Mensch es so immer liest , so gewöhnt er sich dran . Und dann ist ja auch gleich wieder die Verführung da . Gott , daß man gerade immer über solche Dinge reden muß ; noch keine Stunde , daß ich mit dem Herrn Hauptmann über unsern Volontär Vehmeyer gesprochen habe , netter Mensch , und nun gleich wieder mit Ihnen , Herr Pastor , auch über so was . Aber es geht nicht anders . Und dann sind Sie ja doch auch wie verantwortlich für seine Seele . « Lorenzen lächelte . » Gewiß , liebe Frau von Gundermann . Aber was ist es denn ? Um was handelt es sich denn eigentlich ? « » Ach , es ist an und für sich nicht viel und doch auch wieder eine recht ärgerliche Sache . Da haben wir ja jetzt die Jüngste von unserm Schullehrer Brandt ins Haus genommen , ein hübsches Balg , rotbraun und ganz kraus , und Brandt wollte , sie solle bei uns angelernt werden . Nun , wir sind kein großes Haus , gewiß nicht , aber Mäntel abnehmen und rumpräsentieren , und daß sie weiß , ob links oder rechts , soviel lernt sie am Ende doch . « » Gewiß . Und die Frida Brandt , oh , die kenn ich ganz gut ; die wurde jetzt gerade vorm Jahr eingesegnet . Und es ist , wie Sie sagen , ein allerliebstes Geschöpf und klug und aufgekratzt , ein bißchen zu sehr . Sie will zu Ostern nach Berlin . « » Wenn sie nur erst da wäre . Mir tut es beinahe schon leid , daß ich ihr nicht gleich zugeredet . Aber so geht es einem immer . « » Ist denn was vorgefallen ? « » Vorgefallen ? Das will ich nicht sagen . Er is ja doch erst sechzehn und eine Dusche dazu , gerade wie sein Vater ; der hat sich auch erst rausgemausert , seit er grau geworden . Was beiläufig auch nicht gut ist . Und da komme ich nun gestern vormittag die Treppe rauf und will dem Jungen sagen , daß er in den Dohnenstrich geht und nachsieht , ob Krammetsvögel da sind , und die Tür steht halb auf , was noch das beste war , und da seh ich , wie sie ihm eine Nase dreht und die Zungenspitze raussteckt ; so was von spitzer Zunge hab ich mein Lebtag noch nicht gesehen . Die reine Eva . Für die Potiphar ist sie mir noch zu jung . Und als ich nu dazwischentrete , da kriegt ja nu der arme Junge das Zittern , und weil ich nicht recht wußte , was ich sagen sollte , ging ich bloß hin und klappte den Waschtischdeckel auf , wo der Spruch stand , und sah ihn scharf an . Und da wurde er ganz blaß . Aber das Balg lachte . « » Ja , liebe Frau von Gundermann , das ist so ; Jugend hat keine Tugend . « » Ich weiß doch nicht ; ich bin auch einmal jung gewesen ... « » Ja , Damen ... « Während Frau von Gundermann in ihrem Gespräch in der Fensternische mit derartigen Intimitäten kam und den guten Pastor Lorenzen abwechselnd in Verlegenheit und dann auch wieder in stille Heiterkeit versetzte , hatte sich Dubslav mit Hauptmann von Czako in eine schräg gegenüber gelegene Ecke zurückgezogen , wo eine altmodische Causeuse stand , mit einem Marmortischchen davor . Auf dem Tische zwei Kaffeetassen samt aufgeklapptem Liqueurkasten , aus dem Dubslav eine Flasche nach der andern herausnahm . » Jetzt , wenn man von Tisch kommt , muß es immer ein Cognac sein . Aber ich bekenne Ihnen , lieber Hauptmann , ich mache die Mode nicht mit ; wir aus der alten Zeit , wir waren immer ein bißchen fürs Süße . Creme de Cacao , na , natürlich , das is Damenschnaps , davon kann keine Rede sein ; aber Pomeranzen oder , wie sie jetzt sagen , Curaçao , das ist mein Fall . Darf ich Ihnen einschenken ? Oder vielleicht lieber Danziger Goldwasser ? Kann ich übrigens auch empfehlen . « » Dann bitte ich um Goldwasser . Es ist doch schärfer , und dann bekenne ich Ihnen offen , Herr Major ... Sie kennen ja unsre Verhältnisse , so ' n bißchen Gold heimelt einen immer an . Man hat keins und dabei doch zugleich die Vorstellung , daß man es trinken kann - es hat eigentlich was Großartiges . « Dubslav nickte , schenkte von dem Goldwasser ein , erst für Czako , dann für sich selbst , und sagte : » Bei Tische hab ich die Damen leben lassen und Frau von Gundermann im speziellen . Hören Sie , Hauptmann , Sie verstehen ' s. Diese Rattengeschichte ... « » Vielleicht war es ein bißchen zuviel . « » I , keineswegs . Und dann , Sie waren ja ganz unschuldig , die Gnäd ' ge fing ja davon an ; erinnern Sie sich , sie verliebte sich ordentlich in die Geschichte von den Rinnsteinbohlen , und wie sie drauf rumgetrampelt , bis die Ratten rauskamen . Ich glaube sogar , sie sagte Biester . Aber das schadet nicht . Das ist so Berliner Stil . Und unsre Gnäd ' ge hier ( beiläufig eine geborene Helfrich ) is eine Vollblutberlinerin . « » Ein Wort , das mich doch einigermaßen überrascht . « » Ah « , drohte Dubslav schelmisch mit dem Finger , » ich verstehe . Sie sind einer gewissen Unausreichendheit begegnet und verlangen mindestens mehr Quadrat ( von Kubik will ich nicht sprechen ) . Aber wir von Adel müssen in diesem Punkte doch ziemlich milde sein und ein Auge zudrücken , wenn das das richtige Wort ist . Unser eigenstes Vollblut bewegt sich auch in Extremen und hat einen linken und einen rechten Flügel ; der linke nähert sich unsrer geborenen Helfrich . Übrigens unterhaltliche Madam . Und wie beseligt sie war , als sie den Namenszug auf Ihrer Achselklappe glücklich entdeckt und damit den Anmarsch auf die Münzstraße gewonnen hatte . Was es doch alles für Lokalpatriotismen gibt ! « » An dem unser Regiment teilnimmt oder ihn mitmacht . Die Welt um den Alexanderplatz herum hat übrigens so ihren eigenen Zauber , schon um einer gewissen Unresidenzlichkeit willen . Ich sehe nichts lieber als die große Markthalle , wenn beispielsweise die Fischtonnen mit fünfhundert Aalen in die Netze gegossen werden . Etwas Unglaubliches von Gezappel . « » Finde mich ganz darin zurecht und bin auch für Alexanderplatz und Alexanderkaserne samt allem , was dazugehört . Und so brech ich denn auch die Gelegenheit vom Zaun , um nach einem Ihrer früheren Regimentskommandeure zu fragen , dem liebenswürdigen Obersten von Zeuner , den ich noch persönlich gekannt habe . Hier unsre Stechliner Gegend ist nämlich Zeunergegend . Keine Stunde von hier liegt Köpernitz , eine reizende Besitzung , drauf die Zeunersche Familie schon in friderizianischen Tagen ansässig war . Bin oft drüben gewesen ( nun freilich schon zwanzig Jahre zurück ) und komme noch einmal mit der Frage : Haben Sie den Obersten noch gekannt ? « » Nein , Herr Major . Er war schon fort , als ich zum Regimente kam . Aber ich habe viel von ihm gehört und auch von Köpernitz , weiß aber freilich nicht mehr , in welchem Zusammenhange . « » Schade , daß Sie nur einen Tag für Stechlin festgesetzt haben , sonst müßten Sie das Gut sehen . Alles ganz eigentümlich und besonders auch ein Grabstein , unter dem eine uralte Dame von beinah neunzig Jahren begraben liegt , eine geborne von Zeuner , die sich in früher Jugend schon mit einem Emigranten am Rheinsberger Hof , mit dem Grafen La Roche-Aymon , vermählt hatte . Merkwürdige Frau , von der ich Ihnen erzähle , wenn ich Sie mal wiedersehe . Nur eins müssen Sie heute schon mit anhören , denn ich glaube , Sie haben den Gustus dafür . « » Für alles , was Sie erzählen . « » Keine Schmeicheleien ! Aber die Geschichte will ich Ihnen doch als Andenken mitgeben . Andre schenken sich Photographien , was ich , selbst wenn es hübsche Menschen sind ( ein Fall , der übrigens selten zutrifft ) , immer greulich finde . « » Schenke nie welche . « » Was meine Gefühle für Sie steigert . Aber die Geschichte : Da war also drüben in Köpernitz diese La Roche-Aymon , und weil sie noch die Prinz-Heinrich-Tage gesehen und während derselben eine Rolle gespielt hatte , so zählte sie zu den besonderen Lieblingen Friedrich Wilhelms IV. Und als nun - sagen wir ums Jahr fünfzig - der Zufall es fügte , daß dem zur Jagd hier erschienenen König das Köpernitzer Frühstück , ganz besonders aber eine Blut- und Zungenwurst über die Maßen gut geschmeckt hatte , so wurde dies Veranlassung für die Gräfin , am nächsten Heiligabend eine ganze Kiste voll Würste nach Potsdam