? « Das junge Mädchen lachte . » Einem Mops ; in der Schule in Sienenthal nannten sie mich immer : die Mopsin , weil ich eine so kleine Nase habe « . » Einem Mops ähnlich zu sehen , wäre keine Schande « meinte Schüler ernsthaft , » das ist eine Hunderace , die alle Tage seltner wird , aber leider kann ich die angegebene Aehnlichkeit nicht entdecken , hingegen sehen Sie - meiner Frau ähnlich . Vielleicht macht das , weil ihr beide gleichalterig und von derselben Statur seid « . » Ja Sie haben recht « nickte Frau Wewerka , » sie haben Aehnlichkeit miteinander « . » Kann ich nicht finden « meinte der Hausherr . » Na egal , Fräulein Grün ; möchten Sie nicht einmal meine Frau besuchen ? Ihr seid beide fremde , eingewanderte Naturkinder , recht unerfahren und müßtet euch gut verstehen . Hm ? « Johanne dankte erfreut . O ja , sie würde sehr gerne hingehen . Die war so unschuldig , dabei ein herziges , harmloses Ding , die konnte Alice empfangen . Mehrere Frauen seiner Kollegen , bei denen die junge Frau Besuch gemacht hatte , waren so taktlos gewesen , an dem Verhältnis zwischen Mathilde und ihrem Gatten zu rühren . Das hatte sie so in Verlegenheit und Wut versetzt , daß sie nicht mehr zu bewegen war , mit ihnen zu verkehren . So lebte sie ganz einsam dahin . Johanne mit ihrem urwüchsigen Wesen würde ihr sicher Freude machen . Es wurde ein Tag verabredet , an dem Frau Wewerka sie hinausführen sollte . Sie wohnten in einem ziemlich entlegenen Stadtteile . Später nahm die Hausfrau das junge Mädchen bei der Hand . » So , jetzt wollen wir diese beiden Männer ihrem geheimen Komplotte überlassen , kommen Sie Johanne « . Sie entfernten sich . » Die Idee ist gut « sagte Wewerka und zündete sich eine neue Cigarette an , » das Mädel wird deine Frau freuen . Ich habe selten so ein liebes , unschuldiges Ding gesehen « . » Na , sie wird sich schon abschleifen « . Schüler kniff die Augen zu . » Wär schade , wenn sie einem Tölpel in die Hände geriete « . Und er überlegte , daß dieses kleine Mädchen eigentlich ein Kapital sei , aus dem man Nutzen ziehen könnte . Dann rückten die Beiden einander näher und redeten mit gedämpfter Stimme von Dingen , von denen sie nicht wünschten , daß sie ein Anderer höre . Sie waren einander ebenbürtig . Der Kampf ums tägliche Brot hatte sie gemein gemacht , verbrecherisch , ohne daß sie die Kühnheit und den Mut des wirklichen Verbrechers besessen hätten .... 4 Frau Wewerka stellte die beiden jungen Damen einander vor , blieb noch ein Weilchen und empfahl sich mit dem Vorwand , dringende Kommissionen zu haben . Johanne gefiel es sehr gut bei Schülers . Es herrschte im Gegensatz zu Wewerkas eine wohlthuende Ordnung und Sauberkeit da . Hübsche , gutgehaltene , moderne Möbel zierten die freundlichen Räume . Auf einem Sessel in Alicens kleinem Zimmerchen , in das sie zuletzt ihren Gast geführt hatte , saß eine Taube und gurrte . » Das ist meine beste Freundin « sagte die junge Frau , das Tierchen an sich nehmend , » es liebt mich und kränkt mich nie « . Und ihr rosiger Mund preßte sich auf das blaugraue Gefieder . Johanne sah sie zögernd an . Sie hätte gerne gefragt : kann Sie denn jemand kränken , Sie sind ja so lieb und schön . Aber die Zurückhaltung Alicens machte auch sie kälter und zurückhaltender . Frau Schüler , die in ihrem jungen Leben schon so viel Häßliches , Mißtrauenerweckendes gesehen hatte , verlor langsam die herzige Zuthunlichkeit , die junge Frauen und Mädchen so entzückend kleidet . Nachdem sie Johanne mit ein wenig Hausfrauenstolz ihre nette Wohnung gezeigt hatte , setzte sie sich mit großem Ernst an ihr Theetischchen und bereitete Thee . Sie redeten allerlei höchst gleichgültige Dinge . Alice fragte sie , wie ihr die Kindergärtnerei gefiele , und ob sie auch die kleinen unartigen Kinder hauen dürfe . Johanne erzählte von den Eigenarten verschiedener Kleinen ; dann trat eine Pause ein . Sie blickten einander an und wußten nicht weiter . » Sie haben eine reizende Bordure an Ihrer Schürze « stotterte Johanne , um etwas zu reden , » Haben Sie sie selbst gestickt ? « » O nein « Alice sah sie treuherzig an , » ich arbeite nicht gern « . » So ? « Wieder Pause . » Haben Sie diesen Kuchen selbst gebacken ? « » Ja , das heißt nicht ich , unsere Wirtschafterin « . » Aber Ihre Wohnung ist wirklich nett , hier möchte ich auch wohnen ? « » Finden Sie sie nicht klein ? Drei Zimmer nur . Man sagt , hier in der Stadt mieteten die Leute ganze Etagen « . » Wewerkas haben auch nur vier Zimmer « . » Ja ? « » Aber nicht so hübsch eingerichtet wie Sie « . » Nein ? « » Die Möbel sind sehr verbraucht « . » Wohl weil sie sehr viele Umzüge mitmachten . Ernst - mein Mann , erzählte es mir . Auch übersiedelt sind sie schon mehrmals « . » So ? « Johanne sah sie fragend an . Sie hätte gern mehr über ihre Hausherren erfahren . Aber die kleine Hausfrau schwieg und sagte nichts mehr . Nun werde ich wohl gehen müssen , dachte Johanne , warum haben mich Wewerkas nur hierhergeschickt . Dieser eleganten jungen Frau bin ich zu bäuerisch . Alice knapperte an ihrem Konfekt und sah forschend das junge Mädchen an . Endlich blieb ihr Blick an den plumpen genagelten Schuhen ihres Gegenüber hängen . Johanne errötete und zog schnell den Fuß zurück . Dann stand sie auf . » Entschuldigen Sie , daß ich Sie belästigt habe « . Sie schüttelten einander die Hände . » Es hat mich sehr gefreut « . Draußen zog sie rasch ihr Jaket an und eilte die Treppe hinab . Man hatte noch kein Gas angezündet ; es war fast dunkel . Als sie auf dem letzten Treppenabsatz stand , hörte sie von oben leise hastige Schritte und fühlte eine Hand auf ihrer Schulter . » Kommen Sie bald wieder , ja ? « » O ! « mit einem freudigen Ausruf wollte sich Johanne umwenden ; doch die andere war schon oben verschwunden . Wie lieb von ihr ! Das junge Mädchen trat lächelnd auf die Straße . Alice war ihr überaus sympatisch gewesen , nur hatte deren Kälte sie ein wenig verwirrt . Freilich , wie hätte sie auch gleich das erste Mal anders sein sollen ? Sie kannte Johanne noch gar nicht . Aber von Glück hatte man wenig auf ihrem Gesicht gelesen . Sollte Schüler nicht gut gegen sie sein ? Das war doch gar nicht zu denken . Sie war in Gedanken versunken und verlangsamte ihre Schritte . Plötzlich tauchte ein Mann an ihrer Seite auf . » So allein , schönes Kind ? « Er trug einen Cylinder und sah sehr vornehm aus . Johanne blickte ihn erschrocken an und beschleunigte ihren Gang . Aber das störte ihn nicht . » Gehen Sie weit ? « Er wollte nach ihrem Arm fassen . Sie blieb stehen . » Ich weiß nicht ... Sie sind sehr komisch ... ich ... kenne Sie doch gar nicht « . Ihre erschreckten Augen schienen ihm zu gefallen . » Allerliebster Balg , nun sagen Sie aber - haben wir noch weit zu gehen ? « » Wir ? Wohnen Sie denn bei mir im Hause ? « Er lachte auf . » Das wohl kaum . Aber ich werde vielleicht oft zu Ihnen kommen , wenn wir einander gefallen « . Ihr Gesicht färbte sich glühend . » Was fällt Ihnen eigentlich ein , Sie - « » Pst , pst « er legte den Finger an den Mund , » nicht so laut , machen Sie doch keine so langen Geschichten , und kommen Sie . - « Da fuhr ihre Hand blitzschnell in sein Gesicht . Sie wußte einen Augenblick nichts von sich ; erst als jemand ihren Arm ergriff und festhielt , kam sie zur Besinnung . » Oho , Madamchen , was treiben Sie denn da ? « Ein Mann mit einer Pickelhaube stand vor ihr . » Der , der - der Freche dort « - sie wandte sich suchend um , entdeckte aber nur ein paar fremde Menschen , die sie lachend umstanden , » er wollte mit mir gehen « ... » Na , das wird Ihnen nicht zum ersten mal passiert sein « meinte der Wächter des Gesetzes . » Was ? « ... Zornbebend trat sie ihm einen Schritt näher und hätte sich wer weiß wozu in ihrer Unerfahrenheit hinreißen lassen , wenn nicht der Schutzmann , den die ehrliche Entrüstung der Kleinen aufklärte , grob ausgerufen hätte : » Wenn Sie sich solchen Angriffen nicht aussetzen wollen , wählen Sie keine berüchtigten Gassen zu Ihrem Spaziergang , verstanden ? « Sie begriff nicht ganz , was er meinte ; dunkel aber dämmerte es in ihr , daß sie eiligst diese Gegend verlassen müsse . Laufenden Schrittes machte sie sich davon . Zu Hause berührte sie mit keinem Wort ihr häßliches Abenteuer . Als sie in ihrem Stübchen war , drückte sie das brennende Gesicht in die Hände und weinte . Zum ersten mal in ihrem Leben hatte eine schmutzige Hand in ihre junge , reine Seele gegriffen ... Das war Ninive , die Stadt der Herrlichen ! Wo waren die doch ? Wo war das , was sie erträumt hatte ? Mehrere Tage lang fühlte sie sich sehr gedrückt und hätte am liebsten das Haus nicht verlassen . Eines Nachmittags jedoch , als die Schule zu Ende war , schlug sie , einem innern Wunsche gehorchend , den Weg zu Schülers ein . Er würde wie immer wohl in der Redaktion sein , und Alice war allein . Die Mutmaßung traf zu . Die blasse , verhärmt aussehende Frau , die ihr öffnete , sagte , Frau Schüler sei anwesend . Alice kam ihr freundlich entgegen . Sie hatte ihr Täubchen im Arme . » Das ist nett von Ihnen . Sehen Sie , eben habe ich mit meiner Freundin gespielt . Nun kann ich sie ja wieder zurücktragen « . Sie lief mit dem Tierchen davon , kehrte schnell wieder zurück , zündete den Docht unter ihrer Theemaschine an und zog Johanne neben sich auf das kleine Sopha neben dem Theetisch . » Was machen Sie immer ? Ich langweile mich so sehr . Sie auch ? « » Ich - weiß nicht « , Johanna sah still vor sich hin , » ich langweile mich nicht , aber ich bin gar nicht so froh , wie ich geträumt habe , daß ich es hier sein müsse « . Alice ergriff sie beim Arm . - » Auch Sie ? Sehen Sie , mir gehts ebenso . Ganz genau so . Woran liegt das ? « » Bei Ihnen begreife ichs nicht « meinte Johanne . » Sie müssen doch sehr glücklich sein : Sie haben einen lieben Mann , ein reizendes Heim « . Alice legte ihre Hand auf Johannens Mund . » Seien Sie still « . Das junge Mädchen sah sie erstaunt an . » Wie ? « ... » Haben Sie auch Geschwister ? « fragte Alice , hastig weiter plaudernd . » Ich wohnte bei meinem einzigen Bruder . Er ist Schriftsteller in einem kleinen lothringischen Städtchen an der französischen Grenze . Ich war nicht gerade glücklich , aber doch zufrieden bei ihm . Er hatte nämlich ein Verhältnis und zwei Kinder , die sich den ganzen Tag bei uns aufhielten . Ich liebte sie nicht diese Kinder . Sie waren schmutzig und ungezogen . Und sie erst . Eine Hallendame sag ich Ihnen . Aber trotz allem , ich wollte , ich wäre dort geblieben . Wir hatten ein kleines Gärtchen vorm Haus ; da gabs Flieder und Jasmin « - sie stockte und schwieg . » Warum hat er sie nicht geheiratet ? « fragte Johanne leise . » Ach , dazu war sie ihm zu ungebildet « . Das junge Mädchen schüttelte den Kopf . » Ich weiß nicht , es ist alles so ... so ... halb « . Endlich hatte sie das Wort gefunden . » Lauter Halbes , wohin man schaut . Keiner giebt sich ganz , jeder nur einen Teil , und begehrt auch wieder nur einen Teil vom Andern . Welch seltsame Welt ! « » Haben auch Sie schon Erfahrungen gemacht ? « Alice blickte sie mit wachsender Teilnahme an . » Ich glaube wir sind gleich alt . Nicht ? « » Ich bin bald neunzehn « . » Und ich war vor etlichen Tagen zwanzig « . » Sie sind auch schon Frau « . » Sie werden es wohl bald ; oder kennen Sie keinen Mann , den Sie heiraten möchten ? « » Ich kenne überhaupt nur vier Männer « lachte Johanne , » unsern Pastor , meinen Vormund , Herrn Wewerka und Ihren Mann . Nein , unsern alten Doctor in Sienenthal , den ja auch « setzte sie hinzu . Das harmlose , schlichte , ehrliche Wesen des jungen Mädchens gefiel Alice immer besser . Es strömte etwas Gesundmachendes , Kraftvolles aus ihrer Nähe . Sie war so sauber ; ihr roter Mund mit seinen prächtigen , schneeweißen Zähnen glich einer silberklaren Quelle , die nur Reines ans Licht trägt . Sie traten einander immer näher . Bei einem der nächsten Besuche , den Johanne ihr machte , erfuhr sie alles . Ihre Hände waren eiskalt , als sie zum Abschied sie in die ihrer neuen Freundin legte . - » Daß wir uns nach dem heutigen Tag nicht mehr Sie sagen können , begreifst Du « meinte die junge Frau , sich die letzten Tropfen aus den Augen wischend . » Ich will Dir auch eine treue Freundin sein , zähle auf mich « sagte Johanne ernst . » Ich hab viel gelesen in früheren Jahren , aber so Trauriges nicht , wie ich hier täglich sehe und höre . Sag mir nur , glaubst Du , daß alle Menschen unrein sind ? Vielleicht haben wir eben nur solche kennen gelernt ; wir müssen uns umsehen und suchen , damit wir nicht verzweifeln . Diese Frau Wewerka scheint auch eine dunkle Vergangenheit zu haben . Jüngst stritten sich die Beiden im Speisezimmer , ich wohne nebenan und vernehme jedes Wort . Ihr Mann sagte : Angenehm kann es mir ja nicht sein , mit Deinem früheren Anbeter zu verkehren ; aber wenn seine Lage wirklich so glänzend geworden ist , laß ihn immerhin herkommen , vielleicht erweist er sich nachträglich dankbar gegen dich « . Alice preßte die Zähne auf die Lippen . » Hast Du Deinen Mann lieb ? « fragte Johanne , als sie schon an der Thür war . Die junge Frau sah auf die Spitzen ihrer winzigen Lackschuhe und errötete . » Er kann - so süß sein . Man schmilzt in seinen Armen dahin . In diesen - solchen Momenten liebe ich ihn ; aber dann , wenn wir beide nüchtern sind , bei Tage , oder unter fremden Leuten , möchte ich ihn oft anspeien vor Verachtung . Sie hat mir noch viel anderes von ihm erzählt « ... » Sie ists doch , die mir immer die Thüre öffnet ? « » Ja , die « . » Uralt ! Wie kann er die nur lieben ? « » Es ist ja blos Mitleid « . » Er ist doch aber kein guter Mensch « . » Gott , gut ! So ' n bischen weich « . » Ja , ja . Halb . Nicht kräftig genug zu etwas Ganzem . Nicht dich verlieren , nicht die Andere verlieren « . An diesem Abend geschah etwas Seltenes . Johanne , die sonst keine besondere Freundin des Betens war , warf sich vor dem Schlafengehen auf die Kniee und betete innig . Sie betete , daß Gott ihr und ihrer jungen Freundin gute , reine Menschen entgegenführen möge , an denen sie sich halten und stützen könnten . Sie war erst wenige Monate da und schien innerlich um Jahre gealtert . Sie erfuhr mit jedem Tage Neues vom Leben . Ihre kindliche Bewußtseinsdämmerung war einer grellen blendenden Ahnung gewichen . Das Pflaster ihres Ninive schien von Thränen heiß zu sein und von fiebernden Sohlen , die über ihm hinwegschritten . - Manchmal ging sie nach der Kirche und hörte eine Predigt an . Aber die geistreichen , eiskalten Tiraden dieser eleganten Priester machten sie nicht froher . Ihr inneres Leid , zusammen mit der schlechten , wenig gesunden Nahrung , ließ sie rasch abmagern und nahm ihrem Gesichte die rosige Farbe . Sie glich jetzt den anderen Großstadtmädchen mit heißen , überwachten Augen und fahler Haut . Am Abend fiel sie immer totmüde ins Bett . Die Schule lag weit weg von hier , und sie mußte täglich viermal den Weg zu Fuß zurücklegen . Auch gestand sie sich ehrlich , daß ihr die Pädagogik nicht das geringste Interesse abgewann . Sie lernte ohne Freude , ohne Hoffnung . Aber beharrlich , wie sie war , kam es ihr nicht in den Sinn , an einen anderen Beruf für sich zu denken . Einmal sagte sie zu Alice : » Weißt Du , es ist auch trostlos . Die ewige Schule , Herr und Frau Wewerka ! Wenn ich Dich nicht hätte ! « ... » Und Du hast doch so wenig von mir « meinte Alice . » Aber weißt Du , mir ist jüngst ein Einfall gekommen . Ich will Ernst bestimmen , daß er nette Leute zu uns bringt . Was meinst Du ? Leide ich nicht ebenso wie Du unter dem Einerlei ? Den ganzen Tag fast allein , das traurige Gesicht Mathildens vor mir ... Immer kann man auch nicht lesen . Wir wollen uns ins Leben stürzen , willst Du ? « Johanne lächelte . » Aber wie fängt man das an ? « 5 Eines Tages sagte Herr Wewerka bei Tisch : » Fräulein Johanne , Ende dieser Woche werden wir einige Gäste bei uns sehen . Auch Ihre Freundin Alice mit ihrem Mann . Es ist Ihnen doch nicht unangenehm « . » O ich freu mich darauf « sagte Johanne überrascht ; dann grübelte sie , ob die kleine Frau das so eingefädelt hatte , und warum sie nicht bei sich , wo es doch viel hübscher war , die Gäste empfinge . Sollte etwa Mathildens Gegenwart daran schuld sein ? Schämte Alice sich , die Gäste von ihr bedienen zu lassen ? Der Sonnabend kam heran . Johanne hatte sich auf Frau Wewerkas Rat ein einfaches Kleidchen machen lassen , das ihre schöne , schlanke Gestalt vorteilhafter hervorhob , als die plumpen Nähkünste von Sienenthal es thaten . Frau Wewerka lieh sich aus einer Anstalt das nötige Service aus und bestellte die bekannte Kochfrau . Das unfreundliche Dienstmädchen machte zum erstenmal ein etwas heiteres Gesicht . Sie hoffte auf Trinkgelder . Die ersten Gäste , die eintrafen , waren Schülers . » Frau Borstig hat abgesagt , aber ihr Mann kommt « sagte die Hausfrau . » Sie hat wohl ihr gutes Kleid versetzt « meinte Schüler boshaft . Dann machte er Johanne den Hof . Alice sah reizend aus in ihrem dekolletierten blauen Kleidchen und dem hochfrisierten Haar . Es war nicht zu leugnen , ein wenig kokottenhaft sah sie aus ; aber jede Französin , wenn sie nicht alt und häßlich ist , sieht geputzt so aus . Man saß einige Zeit im Wohnzimmer , wo Frau Wewerka zum erstenmal Johanne empfangen hatte . In der Abendbeleuchtung machte es sich ganz elegant . Die Nippessachen aus dem Fünfzig-Pfennigbazar , die auf Konsolen und Schränken umherstanden , verloren an Wertlosigkeit unter dem verklärenden Licht der rotbeschirmten Lampen . Man erwartete zehn Gäste . Frau Borstig hatte abgesagt , also kamen nur Herren . Kurz nach der anberaumten Stunde stellten sich die Geladenen ein . Herr Borstig und Herr Berner , Herr Doctor Lang und noch andere Namen klangen an Johannes Ohren . Sie war verlegen und hielt sich beharrlich an Alices Seite . Man redete zu ihr , sie antwortete zerstreut ; endlich trat ein Herr zu ihr und bat um die Ehre , sie zu Tisch führen zu dürfen . Johanne sah ihn ratlos an . Ob er sich ihrer Verlegenheit erbarmen würde ? Er that es . » Gnädiges Fräulein sind wohl erst kurze Zeit hier , ich hatte noch nirgends das Vergnügen , Ihnen zu begegnen « . Er war ein hochaufgeschossener junger Mensch mit einem Durchschnittsgesicht und einem faden Lächeln um den süßlichen Frauenmund . Johanne sah ihn heimlich an und bemühte sich , aus seinem Aeußern zu erkennen , welchen Standes oder wes Geistes Kind er sei . » Ja , ich bin noch nicht lange hier « sagte sie unbeholfen . » Und gefällt es Ihnen bei uns ? « » Mit jedem Tage weniger « gestand sie . » Warum ? « fragte er ein wenig interessiert . » Es ist sehr öde in dieser Stadt « . » Oede « lachte er , » eher alles , als das . Vielleicht leben Sie nicht , wie man in einer solchen Stadt leben muß , um sie kennen und lieben zu lernen « . » Ich wüßte nicht , wie ich anders leben sollte . Ich studiere hier « . » Ah ! Gehen Sie auch in Gesellschaften , Theater ? « Sie schüttelte den Kopf . » Dieses ist die erste Gesellschaft , die ich mitmache « . Ein geringschätziges Lächeln zuckte um seinen Mund . » Wewerkas führen ein sehr zurückgezogenes Leben . Früher traf man öfters mit ihnen zusammen « . » Sind Sie befreundet mit ihnen ? « » Gewiß « . Er sah sie ironisch an . » Wir sind alle befreundet hier « . In diesem Augenblick gab die Hausfrau ein Zeichen . Es entstand ein fröhlicher Tumult . Da die Damen in der Minderheit vorhanden waren , faßten sich etliche der Herren scherzend unter den Arm und führten einander zu Tische . Plötzlich hörte sie hinter sich flüstern : » Machen Sie mir das Kind nicht verrückt « . Sie sah sich um und blickte in Schülers lächelndes Gesicht . Bei Tisch saß ihr gegenüber Alice , deren Nachbar Johannes Begleiter verständnisvolle Blicke zuwarf . Während die Andern durcheinander schwatzten und schrieen , sagte Johanne leise : » Ich habe Ihren Namen vergessen , entschuldigen Sie « . Ihr Nebenmann lachte . » Das zeigt mir , wie wenig berühmt ich noch bin , sonst hätten Sie ihn im Gedächtnis gehabt , noch bevor Sie mich persönlich kannten . Ich heiße Babinsky « . Sie sah ihn fragend an . » Sind Sie Künstler , weil Sie vom Berühmtsein sprechen ? « » Ach , gnädiges Fräulein « - » O bitte , lassen Sie das : gnädig , ich bin ein einfaches Mädchen « . » Ich bin Schriftsteller ; ob ichs schon zum Künstler gebracht habe , weiß ich nicht . Die Welt behauptet es « . Er schluckte ein großes Stück Fleisch hinab . » Aber ich - ich bin natürlich unzufrieden mit mir , wie es alle bedeutenden Geister mit sich sind . Haben Sie auch von meinem Freund Mink noch nichts gehört ? « Er deutete auf Alicens Tischnachbar hinüber . » Was ist er ? « Sie schämte sich innerlich über ihre Unwissenheit . » Der größte Lyriker der Gegenwart « sagte Babinsky nachlässig . » Ich habe es mindestens neulich in meinem Essay ausdrücklich betont « . » Ah , Sie sind auch Redakteur ? « » O nein « sagte er , sich in die Brust werfend , » ich bin dramatischer Dichter , aber nebenbei schreibe ich auch Kritiken . Ich wohne mit Mink zusammen . Wir ergänzen uns trefflich . Braucht er praktische Winke , irgend eine Handlung , eine besonders drastische Szene , so wendet er sich einfach an mich ; bedarf ich einer weichen , lyrischen Stimmung , eines besonders zarten Bildes , ist er mir behülflich « . » Das ist rührend « sagte Johanne . » Und in welchem Theater , hier giebts ja so viele , werden Ihre Stücke aufgeführt ? « Der große Dichter leerte sein Glas in einem Zuge und lehnte sich behaglich zurück . » Bis jetzt habe ich nur eins aufführen lassen , das närrischste . Die Zeit ist noch nicht reif für meine Ideen . Uebrigens behauptete mein Freund neulich in seiner Abhandlung über mich als Dramendichter , daß die Aufführung meiner Stücke eine andere Szene als die auf unsern Theatern übliche erheischt « . » Herr Mink schreibt über Sie und Sie über Herrn Mink , wie komisch ! « Das junge Mädchen lachte . » Was ist da Komisches dabei ? « meinte Babinsky achselzuckend . » Sehen Sie den Herrn dort unten am Ende des Tisches , der eben mit Wewerka spricht ? « Johanne beugte sich vor . » Der mit der großen Nase und dem langen Haar ? « » Ja , ja , der ! Nun sehen Sie , der schreibt , er ist Romandichter , beständig über sich selbst Kritiken , weil kein Kritiker es thut « . » Aber nein « rief Johanne , » lachen denn die Leute nicht darüber ? « » Die wissen ja nicht , daß die großen Lobeserhebungen , die er sich zollt , von ihm selbst geschrieben sind « . » Prosit Babinsky ! « riefs von gegenüber . » Prosit Mink ! « Die Freunde tranken einander zu . Alice nickte freundlich zu Johanne hinüber . » Wenn das doch mir gälte « scherzte Babinsky . » Kennen Sie sie ? Sie ist noch nicht lange hier « . » Ich hörte viel von ihr , gesehen hatte ich sie bis heute noch nicht . Sie ist ein reizendes Weib « . » Sie ist meine Freundin « sagte Johanne ernsthaft , ohne zu wissen warum . » Gratuliere ! « Babinsky verneigte sich vor Johanne . » Ist er auch Ihr Freund ? « » Kennen Sie ihn ? « fragte das junge Mädchen , ohne vom Teller aufzusehen . » Wie meine Westentasche . Sehen Sie , er verdreht sich eben den Hals nach Ihnen ; ich glaube , er ist verliebt in Sie « . » Wer ist der Herr , der neben ihm sitzt ? « fragte Johanne kühl . » Das ist der bekannte Marschner , ein Verleger « . » Weshalb ist er bekannt ? « Das junge Mädchen sah auf den ältlichen Mann mit der emporstrebenden Nase und den herabhängenden Mundwinkeln , der immerfort Frau Wewerka anstierte . » Erstens weil er die Kunst versteht , von den Schriftstellern das höchste Honorar herauszuschlagen - « . » Sie von ihm , meinen Sie « . » Nein , Fräulein , er von ihnen . Es giebt Dichter , ich natürlich gehöre nicht zu diesen - die den Verleger gut bezahlen , wenn er sie druckt . Sodann ist er der Mann der größten Auflagen . Er beginnt nämlich gleich mit der zwölften Auflage eines Dichtwerkes in seinem Verlage ; auch versteht er es gut , Titelauflagen unters Publikum zu schmuggeln ; aber pardon , das werden Sie kaum verstehen ; endlich - Danke , gnädige Frau , ich komme gleich nach « . Er verneigte sich gegen die Hausfrau , die ihm zutrank . » Von wem sprach ich doch ? Ja richtig : endlich hat er neulich eine Erbschaft gemacht und ist augenblicklich im beneidenswerten Besitze eines hübschen Mammons . « Johannes Brauen runzelten sich leicht , und sie preßte die Zähne auf die Lippen . » Was ist Ihnen ? « Babinsky sah sie verblüfft an . » O nichts « sagte sie und suchte den feuchten Glanz ihrer Augen zu verbergen . Dann blickte sie auf Frau Wewerka und den Alten . » Wissen Sie , ich würde wahnsinnig werden , wenn ich ewig hier bleiben müßte « . » O « rief Babinsky , » wahrhaftig ? warum ? Und wohin wollen Sie denn ? « » Mein Jahr hier studieren , ein Examen machen und dann in eine Provinzstadt in Stellung gehen . Das ist ja schrecklich in diesem Ninive « . Sie bemühte sich , ihre Erregung zu verbergen und zu scherzen . » Ninive ? « fragte er . Da erzählte sie ihm von ihrer früheren Schwärmerei für die Stadt , deren Boden ihr jetzt unter den Füßen brannte . Er belustigte sich höchlich über den Namen . » Ich werde in Zukunft auch so sagen , wenn Sie mich nicht auf Diebstahl verklagen « scherzte er . Die Hausfrau erhob sich , die andern folgten ihr . Jetzt erst bemerkte Johanne , daß ein Stuhl am Tische leer geblieben war . » Darf ich Ihnen meinen Freund vorstellen ? « sagte Babinsky und stellte Mink , der von Alice verlassen wurde , Johanne vor . » Das Fräulein ist eine große Pessimistin . Bemühe Dich , sie heiter zu machen ; sie will Ninive verlassen « . Er erklärte Mink heiter die Bedeutung des Namens . » Es wäre schade « . Der kleine blonde Mann mit der Kartoffelnase , der kaum zwanzig Jahr alt schien , aber in Wirklichkeit älter war , blickte neugierig in Johannes Gesicht .