verstiehst denn du vun a Geschäften ! « Die Bäuerin schien mehr betrübt als beleidigt über diese Worte des Gatten . Sie zog sich schweigend in ihre Ecke zurück . Gustav überlegte eine Weile , welchen Rat er seinem Vater geben solle . Einen Augenblick dachte er daran , dem Vater abermals vorzuschlagen , daß er seinen Wald an die Herrschaft verkaufen möchte . Aber , dann fiel ihm ein , wie dieser Vorschlag den Alten vorhin erbost hatte . Er kannte seinen Vater , den hatte noch niemals jemand von seiner Ansicht abgebracht . » Ich weiß keenen andern Rat , Vater , « sagte er schließlich . » Ihr müßt in die Stadt . Hier weit und breit is doch keen Mensch mit Gelde , außer Kaschelernsten . In der Stadt , dächt ' ch , müßte doch Geld zu bekommen sein . « » Das ho ' ch och schun gedacht ! « meinte der Büttnerbauer mit nachdenklicher Miene . Es trat ein langes Schweigen ein . Man hörte nur das leichte Knarren der Stricke in den Haken und das Knistern des Korbes , in welchem Therese den Säugling hin und her schaukelte . - Jetzt traten die beiden Mädchen ins Zimmer . Toni war im vollen Staate . Ihre üppigen Formen waren in ein Kleid von greller , blauer Farbe gezwängt , das vorn etwas zu kurz geraten war , und so die plumpen , schwarzen Schuhe sehen ließ . An ihrem Halse blitzte eine Brosche von buntem Glase . Ihr blondes Haar hatte sie stark pomadisiert , so daß es streifenweise ganz braun aussah . Offenbar war sie sehr stolz über den Erfolg ihrer Toilettenkünste . Steif und gezwungen , als sei sie von Holz , bewegte sie sich . Denn die Zugschuhe , der Halskragen und das Korsett waren ihr ungewohnte Dinge . Sie ging einher wie eine Puppe . Gustav , der in der Stadt seinen Geschmack gebildet hatte , belächelte die Schwester . Heute abend sei Tanz im Kretscham , berichtete Toni dem Bruder . Sie hoffte , daß er sie dahin begleiten würde , darum hatte sie sich auch so besonders herausgeputzt , um vor seinem verwöhnten Auge zu bestehen . - Der alte Bauer , der allen Putz und unnützen Tand nicht leiden mochte , brummte etwas von » Pfingstuchse « ! Aber , die Bäuerin nahm die Tochter in Schutz . Am Sonntage wolle solch ein Mädel auch einmal einen Spaß haben , wenn sie sich Wochentags abgerackert habe im Stalle , Hause und auf dem Felde . Das Abendbrot wurde zeitiger anberaumt , damit die Kinder nichts von dem Vergnügen versäumen sollten . Gustav begleitete die Schwester zum Kretscham . Unterwegs erzählte ihm Toni , daß Ottilie , die Tochter Kaschelernsts , des Kretschamwirtes , in den letzten Tagen wiederholt und zuletzt heute früh in der Kirche gefragt habe , ob Gustav nicht zum Tanze in den Kretscham kommen werde . Der Unteroffizier konnte sich eines Lachens nicht enthalten , sobald er nur die Cousine erwähnen hörte . Ottilie Kaschel war um einige Jahre älter als er , aber , als die Tochter Kaschelernsts , wohl die beste Partie von Halbenau . Gustav hatte sich in früheren Zeit gelegentlich sein Späßchen mit ihr erlaubt ; er wußte ganz gut , daß sie ihn gern mochte , aber der Gedanke an ihre Erscheinung machte ihn lachen . Sie hatten ein Pferd bei der Schwadron , einen alten Schimmel : die » Harmonika « , dürr , überbaut , mit Senkrücken ; an den erinnerte ihn seine Cousine Ottilie . Gustav ließ die Schwester allein in den Kretscham treten . Er sagte , er werde nachkommen . Oben im Saale glänzten schon die Fenster , das Schmettern der Blechmusik , untermischt mit dem dumpfen Stampfen und Schleifen der Tänzer , drang auf die Straße hinaus . Gustav lockte das nicht ; ihn erwarteten heute abend ganz andere Freuden . Auf Seitenpfaden , zwischen Gärten und Häusern hin , schlich er sich durch die Nacht . Um nicht angesprochen zu werden , stieg er , als ihm ein Trupp junger Leute entgegenkam , über einen Zaun . Bei Katschners Pauline brannte ein Lämpchen . Sie wartete auf ihn . Sie hatten nichts verabredet heute früh , und doch wußten beide , was der Abend bringen würde . Er klopfte vorsichtig an ihr Fenster . Da wurde auch schon der Vorhang zurückgeschoben . Eine weiße Gestalt erschien für einen Augenblick hinter den Scheiben . Ein kleines Schiebefensterchen öffnete sich . » De Tiere is uff , Gustav ! Mach keenen Lärm , de Mutter is derheme . « Der Unteroffizier zog sich die Stiefeln aus und reichte sie wortlos dem Mädchen zum Fenster hinein . Dann schlich er sich , mit den Bewegungen einer Katze , durch die niedere Tür in das Häuschen . Gleich darauf verlöschte das Licht in Paulinens Zimmer . III. Einige Tage später fuhr der Büttnerbauer im korbgeflochtenen Kälberwägelchen durchs Dorf . Er saß ganz vorn im Wagen , so daß er den Pferdeschwanz beinahe mit den Füßen berührte , auf einem Gebund Heu , hinter ihm lagen eine Anzahl gefüllter Säcke . Er hatte sich rasiert , was er sonst nur am Sonnabend abend tat , er trug ein reines Hemd , den schwarzen Rock und einen flachen Filzhut - sichere Wahrzeichen , daß es nach der Stadt ging . Als er am Kretscham von Halbenau vorbeikam , stand dort sein Schwager Ernst Kaschel in der Tür , Zipfelmütze auf dem Kopfe , die Hände unter der Schürze , in der echten Gastwirtspositur . Der Bauer stellte sich , als sähe er den Gatten seiner verstorbenen Schwester nicht , blickte vielmehr steif geradeaus auf die Landstraße , während er sich dem Kretscham näherte , und gab dem Rappen die Peitschenschmitze zu fühlen , damit er sich in Trab setzen solle . Der Büttnerbauer war seinem Schwager Kaschel niemals grün gewesen . Das gespannte Verhältnis zwischen den Verwandten stammte von der Erbauseinandersetzung her , die der Bauer nach dem Tode des Vaters mit seinen Geschwistern gehabt hatte . Aber der Gastwirt ließ den Schwager nicht unangeredet vorüberfahren . » Gun Tag o , Traugott ! « rief er dem Bauer zu . Und als dieser auf den Gruß nicht zeichnete , sprang der kleine Mann behende die Stufen vom Kretscham auf die Straße hinab , trotz seiner Holzpantoffeln , und lief auf das Gefährt zu . » Holt a mal , Traugott ! Ich ha mit dir zu raden . « - Der Bauer brachte das alte Tier , das , wenn einmal im Schusse , schwer zu parieren war , durch ein paarmaliges kräftiges Anziehen der Zügel endlich zum stehen und fragte mit wenig erfreuter Miene , was » zum Schwerenschock « jener von ihm wolle . Der Kretschamwirt lachte ; es war dies eine von Ernst Kaschels Eigentümlichkeiten , in allen Lebenslagen zu grinsen . Es gab ihm das etwas Verlegenes , ja geradezu Törichtes und Tölpelhaftes - jedenfalls hatte es der Mann trotz dieser Eigenheit in seinem Leben zu einer gewissen Macht über seine Mitmenschen gebracht . Kaschelernst , wie er meist genannt wurde , verzog also sein kleines , bartloses Gesicht zu einem Grinsen und fragte , statt zu antworten : » Hast de ' s denne so eilig , Traugott ! Ich wollt ack freun , wu de su frih an Tage schun hin wolltest ? « » Ei de Stadt , Hafer verlosen , « erwiderte Büttner , ärgerlich über den Aufenthalt und über das verhaßte Lächeln des Schwagers , dessen wahren Sinn er am eigenen Leibe oft genug erfahren hatte . Schon hob er die Peitsche , um den Rappen von neuem anzutreiben . Aber der Wirt hatte das Pferd inzwischen am Kehlriemen gefaßt und kraute es in den Nüstern , so daß der Bauer , wäre er jetzt losgefahren , den Schwager höchst wahrscheinlich über den Haufen gerannt hätte . Kaschelernst war ein kleines , hiefriches Männchen , mit rötlich glänzendem , dabei magerem Gesicht . Den feuchten , schwimmenden Augen konnte man die Liebhaberei des Wirtes für die Getränke ansehen , die er selbst verschänkte . Mit dem kahlen , spitzen Kopfe , dem fliehenden Kinn und dem Rest von vorspringenden Zähnen in dem bartlosen Munde sah er einer alten Ratte nicht unähnlich . Seine Glatze deckte tagein , tagaus eine gewirkte Zipfelmütze , der Leib war in die Wirtsschürze eingeschnallt , an den Füßen trug er blaue Strümpfe , in denen die Beinkleider verschwanden . Er ließ ein » Ho , Alter , ho ! « vernehmen - was dem Pferde galt - dann wandte er sich mit blödem Lachen an seinen Schwager : » Wo in drei Teifels Namen nimmst denn du dan Hafer her , zum verkefen , jetzt im Frühjuhre ? « » Mir hon gelt allens zusommde gekroatzt uf ' n Schittboden , ' s is ' n immer nuch ane Handvell ibrig fir de Pferde . Ich dachte ock , und ich meente , weil er jetzt on Preis hat , dacht ' ch , du verkefst ' n , ehbs daß er wieder billig wird , dar Hafer . « » Ich kennte grode a Zentner a zahne gebrauchen , « meinte der Gastwirt , » wenn er nich zu huch käme . « » Der Marktpreis stieht ja im Blattel . « » An Marktpreis mecht ' ch nu grode ne zahlen , wenn ' ch ' n vun dir nahme , den Hafer . Du wirst duch an nahen Verwandten ne iberteuern wullen , Traugott . « - Kaschelernst verstand es , ungemein treuherzig dreinzublicken , wenn er wollte . » Vun wegen der Verwandtschaft ! ... « rief der Büttnerbauer erregt . » Sechsdeholb Prozent von an nahen Verwandten furdern , wenn ersch ' s Geld nötig hat , das kannst du ! - Gih mer aus ' n Wege , ich will furt ! « Kaschelernst ließ den Kopf des Pferdes nicht los , trotz des drohend erhobenen Peitschenstils . » Ich will der wos sagen , Traugott ! « meinte er , » ich ha ' mersch iberlegt seit neilich wegen der Hypothek von Karl Leberechten . Ich will dersch Geld mit finf Prozent burgen . Ich will ' s machen , ock weil du ' s bist , Traugott ! Du brauchst ' s am Ende netig . Ich ha ' mersch iberlegt ; ich will dersch gahn , mit finf Prozent . « Der Bauer blickte seinen Schwager mißtrauisch an . Was hatte denn den auf einmal so umgestimmt ? Neulich hatte er noch sechs und ein halb Prozent verlangt , und keinen Pfennig darunter , wenn er die Hypothek , die dem Büttnerbauer von seinem Bruder Karl Leberecht gekündigt worden war , übernehmen solle . Daß Kaschelernst ihm nichts zuliebe tun werde , wußte der Bauer nur zu genau . Andererseits lockte das Anerbieten . Fünf Prozent für die Hypothek . - Es war immer noch Geld genug ! Vielleicht bekam man ' s doch noch um ein halb Prozent billiger in der Stadt . Überhaupt war es vielleicht besser , sich mit Kaschelernst nicht weiter einzulassen ; er besaß ja sowieso weiter oben noch eine Hypothek auf dem Bauerngute eingetragen , und leider hatte er ja auch überdies Forderungen . » No , wie is ! « mahnte Kaschelernst den Überlegenden . » Sein mir eenig ? Finf Prozent ! « » Mir worsch aben racht , wenn ' ch ' s Geld glei kriegen kennte . « » ' s Geld is da ! Ich ha ' s huben liegen . Da kannst ' s glei mitnahmen , Traugott , uf de Post , wenn de Karl Leberechten auszahlen willst . Also , wie is , sein mer eenig ? « Der Bauer similierte noch eine ganze Weile . Er mißtraute der Sache . Irgendwo war da eine Hintertür , die er noch nicht sah . Wenn Kaschelernst die Miene des Biedermanns aufsetzte , da konnte man sicher sein , daß er einen begaunern wollte . » Du soist , du hättst ' s Geld da liegen ; soist du ? « » Tausend Taler und drüber ! se liegen bei mer im feuersicheren Schranke . Willst se sahn , Traugott ? « » Also finf Prozent ! Kannst de ' s ne drunger macha ? « » Ne , drunger gar ne ! Und ees wolt ' ch der glei noch sagen , Traugott , bei der Gelegenheit : für meine eegne Hypothek , die ' ch von deiner Schwester geerbt ha ' , dos wullt ' ch der glei noch sagen : da mecht ' ch von Michaelis an och finf Prozent han , viere dos is mer zu wing , verstiehst de ! « » Du bist wuhl verrikt ! « » Finf Prozent für beide Hypotheken ! hernachen sollst du ' s Geld han . Anderscher wird keen Geschäft ne , Traugott ! « Jetzt riß dem Büttnerbauer die Geduld . Er hob die Peitsche und schlug auf das Pferd . Der Gastwirt , erkennend , daß es diesmal Ernst sei , hatte gerade noch Zeit , beiseite zu springen . Der Rappe bockte erst ein paarmal ob der unerwarteten Schläge , dann zog er an . Kirschrot im Gesicht wandte sich der Bauer nach seinem Schwager um und drohte unter wilden Schimpfreden . Dabei ging das Geschirr in Bogenlinien von einer Seite der Straße auf die andere und drohte in den Graben zu stürzen , weil der Bauer in seiner Wut abwechselnd an der Hotte- und an der Hüsteleine riß . Der Kretschamwirt stand mitten auf der Straße und sah dem davoneilenden Gefährte nach , sich die Seiten vor Lachen haltend . Er sprang vor Vergnügen von einem Bein auf das andere , kicherte und schnappte nach Luft . Sein Sohn Richard , ein sechzehnjähriger Schlacks , hatte die Verhandlungen zwischen Vater und Onkel vom Gaststubenfenster aus neugierig verfolgt . Jetzt , da er den Büttnerbauer erregt abfahren sah , kam er heraus zum Vater , um zu erfahren , was eigentlich vorgegangen sei . Kaschelernst , dem die Augen übergingen , konnte seinem Sohn vor Lachen kaum etwas erzählen . Der Büttnerbauer machte seinem Ärger noch eine geraume Weile durch Flüche Luft . Am meisten ärgerte er sich über sich selbst , daß er sich abermals hatte verführen lassen , mit seinem Schwager Kaschel zu sprechen . Als ob jemals ein Mensch mit diesem » Würgebund « etwas zu tun gehabt hätte , ohne von ihm übers Ohr gehauen worden zu sein . Der war ja so ein » gerissener Hund « mit seinem blöden Lachen . Als ob er nicht bis drei zählen könne , so konnte dieser Lump sich anstellen , und gerade damit fing er die meisten Gimpel . Als Kaschelernst ins Dorf gekommen war vor Jahren , hatte er nicht einen roten Heller sein eigen genannt , und jetzt war er der anerkannt reichste Mann in Halbenau . Der Kretscham , zu welchem ein nicht unbedeutendes Feldgrundstück gehörte , war sein eigen . Er hatte einen Tanzsaal mit großen Fenstern eingebaut , zwei Kegelbahnen und einen Schießstand angelegt . Außer dem Schnaps- und Bierausschank betrieb er den Kleinkram , gelegentlich auch Fleischerei und Getreidehandel . Alles gedieh ihm . Auch Landverkäufe vermittelte er . Man munkelte allerhand , daß er seine Hand im Spiele gehabt bei Güterzerschlagungen , wie sie in der letzten Zeit nicht selten in und um Halbenau stattgefunden hatten . Mit den Händlern , Mäklern und Agenten der Stadt stand er in regem Verkehr ; kaum eine Woche verging , wo nicht einer von dieser Zunft im Kretscham von Halbenau abgestiegen wäre . Und zu denken , daß dieser Mensch alles das nur dadurch erreicht hatte , daß er eine Tochter aus dem Büttnerschen Gute geheiratet ! - Der alte Bauer gab sich trüben Gedanken hin , nachdem der erste Ärger verflogen war . Wie war das alles nur so über ihn und seine Familie gekommen ! - Es war doch keine Gerechtigkeit in der Welt ! Der Pastor mochte von der Kanzel herab sagen , was er wollte : die schlechten Menschen fänden schon hier auf Erden ihre Strafe und die guten ihren Lohn ; für ihn und die Seinen stimmte das nicht . Da war es eher umgekehrt . - » Es gab keine Gerechtigkeit auf der Welt ! « * * * Das Büttnersche Gut war eine der ältesten spannfähigen Stellen im Orte . Es war , wie die Kirchenbuchnachrichten auswiesen , stets mit Leuten dieses Namens besetzt gewesen . Lange vor dem großen Kriege schon hatten die Büttners dem Dorfe mehrere Schulzen geschenkt . Und unter den alten Grabsteinen auf dem Kirchhofe war mancher , der diesen Namen aufwies . Während des Dreißigjährigen Krieges , wo Halbenau und Umgegend mehrfach arg mitgenommen wurden , war mit dem » großen Sterben « auch die Büttnersche Familie bis auf vier Augen ausgestorben . Seitdem gab es nur noch diesen einen Zweig in Halbenau . Nicht , daß es der Familie an Nachwuchs gefehlt hätte ! aber , entweder heirateten die jüngeren Söhne nicht , oder wenn sie eigene Familien begründet hatten , blieben sie doch mit Frau und Kind auf dem Hofe ihrer Väter , halfen bei der Bestellung und arbeiteten die Frondienste für den Grundherrn ab . Die Kinder mußten , wie üblich , der Gutsherrschaft zum Zwangsgesindedienst angeboten werden . Man befand sich ja nicht auf eigenem Grund und Boden ; der Gutsherr hatte die Obrigkeit und besaß Verfügungsrecht über Land und Leib seiner Untertanen . Aber die besondere Stellung der Büttnerschen Familie , ihre Tüchtigkeit und Nützlichkeit war auch von seiten der Gutsherrschaft respektiert worden . Niemals war einer aus diesem Gute , wie es in der Zeit der Erbuntertänigkeit den Bauern nicht selten zu geschehen pflegte , in eine geringere Stelle versetzt worden . Man leistete durch Spanndienste und Handdienste der Herrschaft ab , was man ihr schuldig war . Großen Wohlstand hatte man dabei nicht sammeln können ; dazu war auch die Kopfzahl der Familie meist zu stark gewesen und der Boden zu ärmlich . Aber man hatte nichts eingebüßt an Land und Kraft in den Zeiten der Hörigkeit , die nur zu viele Bauern herabgedrückt hat zur Unselbständigkeit und Stumpfheit des abhängigen Subjekts . Und der Hausverband , die Zusammengehörigkeit der Familie war gewahrt worden . Unter dem Großvater des jetzigen Besitzers trat die Bauernbefreiung in Kraft . Die Erbuntertänigkeit wurde aufgehoben , alle Fronden abgelöst . Bei der Regelung verlor das Bauerngut ein volles Dritteil seiner Fläche an die Herrschaft . In dem Vater des jetzigen Büttnerbauern erreichte die Familie einen gewissen Gipfelpunkt . Er war ein rühriger Mann , und es gelang ihm , sich durch Fleiß und Umsicht , begünstigt durch gute Jahre , zu einiger Wohlhabenheit emporzuarbeiten . Durch einen günstigen Kauf verstand er es sogar , den Umfang des Gutes wieder zu vergrößern . Vor allem aber legte er das erworbene Geld in praktischen und bleibenden Verbesserungen des Grund und Bodens an . Es war kein kleines Stück für den Mann , sich dem Vordringen des benachbarten Rittergutes gegenüber , das sich durch Ankauf von kleineren und größeren Parzellen im Laufe der Jahre zu einer Herrschaft von stattlichem Umfange erweitert hatte , als selbständiger Bauer zu erhalten . Unter diesem Besitzer war die Familie , dem Zuge der Zeit folgend , in alle Windrichtungen auseinandergeflogen . Nur der älteste Sohn , Traugott , war als zukünftiger Erbe auf dem väterlichen Hofe geblieben . Als der alte Mann ziemlich plötzlich durch Schlagfluß starb , fand sich kein Testament vor . Als echtem Bauern war ihm alles Schreibwesen von Grund der Seele verhaßt gewesen . Gegen Gerichte und Advokaten hatte er ein tiefeingefleischtes Mißtrauen gehegt . Zudem war der Alte einer von denen , die sich nicht gern daran erinnern ließen , daß sie dieser Welt einmal Valet sagen müssen . Auch schien jede Erbbestimmung unnötig , weil als selbstverständlich angenommen wurde , daß , wie seit Menschengedenken , auch diesmal wieder der Älteste das Gut erben werde , und daß sich die übrigen Geschwister murrlos darein finden würden . Das kam nun doch etwas anders , als der Verstorbene angenommen hatte . Es waren fünf Kinder vorhanden und die Witwe des Dahingeschiedenen . Traugott , der Älteste , war durch den Tod des Vaters Familienoberhaupt und Bauer geworden . Der zweite Sohn hatte vor Jahren das Dorf mit der Stadt vertauscht . Ein dritter war auf der Wanderschaft nach Österreich gekommen und dort sitzen geblieben . Außer diesen drei Söhnen waren zwei Töchter da . Die eine war mit dem Kretschamwirt von Halbenau verehelicht , die andere hatte einen Mühlknappen geheiratet , mit dem sie später von Halbenau fortgezogen war . Im Erbe befand sich nur das Bauerngut mit Gebäuden , Vorräten und Inventar . Das bare Geld war zu Ausstattungen der Töchter und zu Meliorationen verwendet worden . Der älteste Sohn erklärte sich bereit , das Erbe anzutreten und die übrigen Erben mit einer geringfügigen Auszahlung abzufinden , wie es der oftmals ausgesprochene Wunsch des Verstorbenen gewesen war . Aber der Alte hatte da mit einer Gesinnung gerechnet , die wohl in seiner Jugend noch die Familie beherrscht hatte : der Gemeinsinn , der aber dem neuen Geschlechte abhanden gekommen war . Zugunsten der Einheitlichkeit des Familienbesitzes wollte keiner der Erben ein Opfer bringen . Es wurde Taxe verlangt zum Zwecke der Erbregulierung . Als diese nach Ansicht der Pflichtteilsberechtigten zu niedrig ausfiel , focht man die Erbschaftstaxe an und forderte Versteigerung des Gutes . Der älteste Sohn , der sein ganzes Leben auf dereinstige Übernahme des väterlichen Gutes zugeschnitten hatte , wollte den Besitz um keinen Preis fahren lassen . Er erstand schließlich das Gut zu einem von seinen Geschwistern künstlich in die Höhe geschraubten Preise . Natürlich war er außer stande , die Erben auszuzahlen . Ihre Erbteile wurden auf das Gut eingetragen ; Traugott mußte froh sein , daß man ihm das Geld zu vier Prozent stehen ließ . So saß denn der neue Büttnerbauer auf dem väterlichen Grundstücke , das mit einem Schlage aus einem unbelasteten in ein über und über verschuldetes verwandelt worden war . Es kamen Kriege , an denen Traugott Büttner teilnahm . Die schlechten und die guten Zeiten wechselten wie Regen und Sonnenschein . Aber die guten Jahre kamen dem Braven nicht recht zu statten , da er nicht kapitalkräftig genug war , um den allgemeinen Aufschwung und die Gunst der Verhältnisse auszubeuten . Die schlechten Jahre dagegen drückten auf ihn wie ein Panzerkleid auf einen schwachen und wunden Leib . Der Büttnerbauer war freilich nicht der Mann , der sich leicht werfen ließ . Sein Gut war ausgedehnt , die äußersten Feldmarken lagen in beträchtlicher Entfernung von dem am untersten Ende eines schmalen Landstreifens gelegenen Hofe . Der Boden war leicht und die Ackerkrume von geringer Mächtigkeit . Dazu waren die Witterungsverhältnisse nicht einmal günstige ; denn nach Norden und Osten lag das Land offen da , vom Süden und Westen her aber wirkten Höhezüge ein , Kälte und Feuchtigkeit befördernd und die warme Jahreszeit abkürzend . Der Acker trug daher nur spärlich zu , der Emsigkeit und der rastlosen Anstrengung des Bauern zum Trotze . Die Zinsen verschlangen die Ernten . Die Schulden mehrten sich langsam aber sicher . An Meliorationen konnte man nicht mehr denken . Wenn der Bauer auch hie und da einen Anfang machte , stärker zu düngen , Abzugsgräben baute , an den Gebäuden besserte und flickte oder auch neues Gerät anschaffte , so warfen ihn unvorhergesehene Unglücksfälle : Hagelschlag , Viehseuchen , Erkrankungen , Tod und sonstiges Elend immer wieder zurück und verdarben ihm seine Arbeit . Es war der Verzweiflungskampf eines zähen Schwimmers in den Wellen , der sich mit aller Anstrengung gerade nur über Wasser zu erhalten vermag . In diesem Kampfe war der Büttnerbauer ein Sechziger geworden . IV. Der Büttnerbauer fuhr in der Kreisstadt ein . Er spannte wie immer im Gasthofe » Zum mutigen Ritter « aus . Nachdem er seinen Rappen in den Stall geführt und selbst versorgt hatte , begab er sich auf den Markt . Es war heute der Hauptwochenmarkt . Die Stadt wimmelte daher von Fuhrwerken und Leuten , die vom Lande hereingekommen waren . Der Büttnerbauer war nicht unbekannt ; vielfach wurde er von den Kleinhändlern und Handwerkern , die bei offenen Ladentüren in ihren Geschäften standen , angerufen und gebeten , einzutreten . Aber er wollte sich heute nicht beschwatzen lassen zu irgendwelchen Einkäufen . Erst wollte er mit Profit verkaufen , dann würde man weitersehen , ob ein Groschen zu dergleichen übrig sei . Auf dem Marktplatze gab es eine jedem Eingeweihten wohlbekannte Ecke , wo die Käufe und Verkäufe in Getreide abgeschlossen zu werden pflegten . Als sich der Bauer diesem Flecke näherte , kam ihm einer der Händler sofort mit ausgestreckter Hand entgegen und erkundigte sich nach seinen Wünschen . Dann wurde er in den Kreis der dort versammelten Männer gezogen , man klopfte ihm auf die Schulter und meinte , er habe sich recht lange nicht mehr blicken lassen . Aber , dieses auffällige Entgegenkommen von Leuten , die er kaum kannte , machte den alten Mann stutzig . Wollte man ihn hier etwa dumm machen ? Als man ihn fragte , ob er was zu verkaufen habe , antwortete er vorsichtig und zurückhaltend . Dann ging er von dieser Gruppe weg zu einer anderen . Er wollte sich die Sache scheinbar nur mit ansehen . Die Hände auf dem Rücken hörte er überall ein wenig zu . Die Kauflust war groß , besonders nach Hafer wurde stark gefragt . Es ward auch manches Geschäft abgeschlossen , nach den Handschlägen zu schließen , die zur Besiegelung jedesmal gegeben wurden . Nachdem sich der Büttnerbauer eine Weile hier aufgehalten , verließ er den Marktplatz wieder . Es waren ihm allerhand Bedenken gekommen . Bei dieser Art zu handeln , wie sie hier in so lauter und nachlässiger Weise von den Händlern betrieben wurde , schien es ihm auf ein Betrügen des Landmannes herauszukommen . Heute lag ihm daran , einen möglichst hohen Preis zu erzielen aus seinem Hafer ; denn er hatte vor , mit dem Erlös eine Kuh anzukaufen zum Ersatz für eine , die er im Laufe des Winters hatte stechen lassen müssen . Nun entsann er sich , daß er vorm Jahre in einem Getreidegeschäfte der inneren Stadt für Roggen einen guten Preis bezahlt erhalten hatte . Das Geschäft schickte ihm seitdem vierteljährlich seinen Katalog zu . Erst vor ein paar Tagen noch war ihm ein solcher Prospekt in die Hände gefallen . Die Zahlung der » höchstmöglichen Preise « und die » koulantesten Bedingungen « wurden darin versprochen . Der Bauer meinte , er könne es mit Samuel Harrassowitz wieder einmal versuchen . War dort nichts zu machen , dann konnte man den Hafer ja immer noch auf dem Markte losschlagen . Das Geschäft von Harrassowitz lag in einer ziemlich engen Gasse zu ebener Erde . Man trat zunächst in eine tonnenartige Einfahrt , die in einen gepflasterten Hof einmündete . Eine Seitentür führte von der Einfahrt aus in das Kontor . Der Büttnerbauer trat , seinen Hut schon vor der Tür abnehmend , nachdem er angeklopft hatte , ein . Es war ein langer , schmaler Raum , in der Mitte durch einen Ladentisch geteilt , hinter dem mehrere Schreiber auf Drehschemeln an hohen Pulten saßen . Ein junger Mann mit einer Brille sprang von seinem Schemel herab , kam auf den Bauer zu und fragte , was er wünsche . Der Alte meinte , er habe etwas Hafer zu verkaufen . Wieviel es sei , fragte der junge Mensch , die Feder an seinem Ärmel auswischend . » Sacke a Sticker zahne kennten ' s schun sein , « gab der Büttnerbauer zurück . Der Jüngling lächelte darauf überlegen und meinte , daß sein Haus sich mit » Detaileinkäufen « nicht abgebe . Für den Bauer war die Ausdrucksweise des jungen Herrn unverständlich . Es gab Frage und Antwort und abermaliges Fragen . Die Schreiber drehten sich auf ihren Sesseln um und betrachteten sich den alten Mann im altväterischen Rocke mit spöttischen Mienen . Darüber war ein mittelgroßer , zur Korpulenz neigender Mann mit kahlem Kopfe , gebogener Nase und brandrotem Backenbart von einem Nebenraume aus ins Kontor getreten . Sofort fuhren alle Drehschemel wieder herum , und die jungen Leute steckten mit gebeugtem Rücken die Nasen eifrig in ihre Schreiberei . Samuel Harrassowitz - denn er war es selbst - maß die Gestalt des Bauern mit spähendem Blicke . Dann trat er auf ihn zu , streckte die Hand aus , lächelte verbindlich und sagte : » Grüß Sie Gott , mein lieber Herr Büttner ! Was steht zu Ihren Diensten ? « Der Bauer war völlig überrascht . Woher kannte ihn dieser Herr ? Er konnte sich nicht entsinnen , dieses Gesicht jemals gesehen zu haben . » Ich werde Sie doch wahrhaftig kennen , Herr Büttner ! « meinte der Händler . » Sie sind eine bekannte Persönlichkeit bei uns . « » Besitzen Sie nicht ein schönes Gut in Halbenau - nicht wahr ? « Der Bauer stand da mit offenem Munde , starrte jenen an , der ihm die Allwissenheit in Person schien , und konnte sich von seinem Staunen gar nicht wieder erholen . » Kenne Sie ! Kenne Sie ganz gut , Herr Büttner ! Also , womit können wir dienen ? « Der junge Mann raunte inzwischen seinem Chef mit halblauter Stimme etwas zu . » Nun , und ich hoffe stark , daß Sie Herrn Büttner den Hafer abgenommen haben , Herr Bellwitz ! « rief der Händler . » Ich dachte ... « meinte der so Angeredete . - » Ach